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Star Trek: Kennedy
7. Museumsstück

Version 1.0, 01.04.2001

Korrigiert nach der neuen Rechtschreibung.

© Copyright 1999-2001 Andreas Drechsler. Alle Rechte vorbehalten.

E-Mail: ADrechsler@gmx.net

Homepage: http://beam.to/USSKennedy

1

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21766.2, Commander Spencer: [06.10.2344 10:18:03]

Nachdem beim heutigen Test des Warpantriebs ein Schaden in der rechten Warpspule aufgetreten ist, fliegen wir seit einer Stunde nur mit Impulskraft durch den Raum während ein Reparaturtrupp die fehlerhaften Plasmainjektoren ersetzt. Fast hätten wir die Schwellengrenze von Warp 8 in regulärem Betrieb überschritten, aber eben nur fast.

Spencer saß missgelaunt in seinem Bereitschaftsraum und widmete sich den täglichen Routineaufgaben in Ermangelung einer sinnvolleren Alternative.

In den letzten vierzehn Tagen, in denen sie dank eines weitest gehend ereignislosen Patrouillenfluges genügend Gelegenheit gehabt hatten, den Warpantrieb weiter zu optimieren, konnten sie zwar insgesamt drei verschiedene Lösungsansätze ausprobieren, waren aber insgesamt nicht voran gekommen. Beim letzten Versuch heute morgen wurde ein automatischer Nothalt des Warpantriebs eingeleitet, als einige Plasmainjektoren in der rechten Warpspule kommentarlos ihren Dienst einstellten.

Spencer war nun auch wie DeFalco der Ansicht, dass sie ohne zeitnahe Umbaumaßnahmen in einem Raumdock nicht einmal nennenswerten Fortschritte im Hinblick auf die magische Grenze von Warp 9 würden erzielen können. Letzterer hatte seine Ingenieure damit beauftragt, detaillierte Listen über Aus- und Einbauten zu erstellen, um die Zeit im Raumdock kurz und die Arbeit für die dort beschäftigten Planer möglichst gering zu halten, um die Chance auf eine unplanmäßige Dockeinkehr signifikant zu erhöhen. Der Türmelder des Bereitschaftsraumes summte.

„Herein!“

Doktor M'Boya lehnte sich gegen den Durchgang. „Störe ich, Captain?“, fragte sie bestimmt und ohne den leisesten Hinweis darauf, dass die Intention ihrer Frage über den rein rhetorischen Rahmen hinaus reichen würde.

„Bei weitem nicht, Doktor. Setzen Sie sich.“ M‘Boya kam nur selten zu ihm, und wenn sie kam, dann ging es folglich um etwas Wichtiges. „Ist was mit der Crew?“, fragte Spencer deshalb besorgt.

„Fähnrich Stipe leidet wieder unter Schlaflosigkeit“, erwiderte M'Boya verwundert, so als hätte sie mit allem gerechnet, nicht jedoch mit dieser Frage. „Sonst sind alle bei bester Gesundheit.“ Sie besann sich auf ihr eigentliches Anliegen: „Mir ist jedoch aufgefallen, dass eine wichtige Sache auf diesem Schiff fehlt.“

„Und was?“, erkundigte sich Spencer geduldig. M‘Boyas Art und Weise der Gesprächsführung war von Zeit zu Zeit... gewöhnungsbedürftig.

„Ein Arboretum“, antwortete sie knapp und erläuterte, als sie Spencers verwirrten Blick bemerkte: „Ein großer Raum mit vielen Bäumen, Pflanzen, Wasserläufen und und und.“

Eine Einrichtung wie die gerade kurz beschriebene war auf Schiffen mit einer größeren Besatzung, die zudem längere Zeit unterwegs waren, seit einigen Jahren die Regel. Dort bot sich die Möglichkeit, sich ausgiebig zu entspannen, spazieren zu gehen oder einfach das authentische Grün der Pflanzen zu genießen.

„Wir haben doch Biotope? Reicht das nicht?“, erkundigte sich Spencer. Er konnte sich im Augenblick nicht vorstellen, weshalb M‘Boya ohne Vorwarnung mit einem solchen Vorschlag auf einmal zu ihm kam.

Sie lächelte auf ihre eigentümliche Art und Weise. „Sie wissen gar nicht, wie eigen Wissenschaftler sein können. Drei Tage waren die Biotope zum Beispiel in der letzten Woche gesperrt, als Carpelli und Korba eine Versuchsreihe durchführten. Besucher hätten die Versuche nur stören können...“

Spencer zuckte die Achseln. „Und wo bitte ist das Problem?“

„Es ist nicht gut, wenn sich mehrere Crewmitglieder stattdessen mehrmals hintereinander den Holoneuverfilmung von ‚Apocalypse Now‘ anschauen“, erklärte M‘Boya in gewöhnlichstem Ton. „Der Mensch schöpft Kraft und Hoffnung aus der Natur, auch wenn diese nur ein künstliches Konstrukt ist.“

Spencer wurde nachdenklich. „Und wo gedenken Sie, dieses Arboretum einzurichten?“

„Ich dachte an die Gästequartiere 4-1 bis 4-5, Freizeitraum 5 und den medizinischen Lagerraum auf Deck 4. Wir lassen sie zu einem großen Raum umbauen, in den wir dann das Arboretum einpflanzen.“

„Das muss ich mir vor Ort ansehen.“ Spencer hatte mitunter immer noch Probleme, sich abgelegenere Räumlichkeiten auf seinem Schiff bildlich vorzustellen, das Netz aus Jeffries- und Wartungsröhren hätte er dagegen inzwischen blind aufzeichnen können. Zum Glück gab es ein schiffsinternes Koordinatensystem zur Orientierung in kritischen Situationen...

„Jetzt sofort?“, wunderte sich M'Boya, die an so prompte Reaktionen Spencers nicht gewöhnt war.

„Wann sonst?“, fragte Spencer trocken zurück und erhob sich. Er meldete sich bei Hwang, die im Moment die Brücke hatte, ab und fuhr zusammen mit M'Boya auf das vierte Deck.

Während sie ihn an den Räumen vorbeiführte, machte er sich im Geiste Notizen. Der Großteil der Gästequartiere befand sich auf Deck 3, die acht Quartiere auf Deck 4 waren kleiner, unkomfortabler und auch in absehbarer Zeit nicht von Nutzen.

Der Lagerraum war aus dem Grunde unbenutzt, da zwei Elektroplasmaleitungen und eine Energieleitung für die Trägheitsdämpfung durch die äußeren Seitenwände des Lagerraums führten und das Strahlungsaufkommen innerhalb des Raumes trotz aller Isolierung einige Prozent über den Normalwerten lag. Obwohl diese wenigen Prozent laut DeFalcos wiederholten Beteuerungen absolut unbedenklich waren, genügten sie der Ärztin, um auf eine Nutzung zu verzichten.

Freizeitraum 5 schließlich war für gewöhnlich recht spärlich besucht, er diente höchstens als Ausweichraum in den seltenen Fällen, in denen die größeren Gesellschaftsräume überfüllt waren.

„Wenn Sie sich um das Ausräumen, die Anpflanzung und alles weitere kümmern, sorge ich dafür, dass bei dem sowieso bald fälligen Aufenthalt auf der Sternenbasis die Zwischenwände herausgebrochen werden. Dass Sie mich jetzt richtig verstehen, Sie werden für das Arboretum fürs erste verantwortlich sein“, beschloss Spencer.

M'Boyas dunkle Augen leuchteten fröhlich auf. „Danke, Captain. Endlich eine neue Aufgabe neben meiner Forschung.“

„Was forschen Sie denn, Doktor?“ Spencer wollte zumindest Bescheid wissen.

„Die Entwicklung sozialer Strukturen auf einem Raumschiff“, antwortete sie vieldeutig und ließ bei ihrer Antwort Spencer nicht aus den Augen.

„Gut, Doktor“, brummte dieser, der unbewusst eine abwehrende Haltung einnahm. „Halten Sie mich auf dem Laufenden. Ich meine... über das Arboretum“, verabschiedete er sich verwirrt.

„Ja, Captain“, bestätigte M‘Boya mehr als zufrieden und verschwand wieder in der nahe gelegenen Krankenstation.

Auf dem Weg zurück zum Turbolift erreichte Spencer ein Kommunikatorsignal DeFalcos.

„Mit den Reparaturen sind wir soweit fertig, haben da aber noch ein Problem“, meldete dieser. „Schaust du mal kurz vorbei?“

„Bin unterwegs, Gerry. Wisst ihr inzwischen, wo der Fehler lag?“

„Rate mal.“

Nach den Vorfällen der letzten Tagen konnte sich Spencer gut vorstellen, was DeFalco vorschweben mochte. „Materialfehler? Materialschwäche?“, spekulierte er.

„Eine saubere Bruchstelle in der Verterium-Cortenid-Ummantelung“, antwortete DeFalco. „Das gibt es gar nicht!“

„Na toll. Bis gleich. Spencer Ende.“ Er setzte seinen Weg zum Turbolift trabenderweise fort.


Bei seinem Eintreffen im Maschinenraum entdeckte er DeFalco und MacDonnell in gelben Arbeitsoveralls, die an der Öffnung einer Jeffries-Röhre standen, auf einem Computermonitor einen Lageplan studierten und angeregt diskutierten.

„Was gibt's, Gerry?“, unterbrach er die beiden.

DeFalco wandte sich um. „Du wirst nicht glauben, was wir gefunden haben“, gab dieser in doch recht verhaltenem Ton bekannt.

Spencer bemerkte MacDonnells belämmerten Gesichtsausdruck, scheinbar hatte sie sich immer noch nicht an DeFalcos Umgangston gewöhnt oder gerade im Streitgespräch den Kürzeren gezogen. „Wenn du es mir nicht sagst, werde ich es nie erfahren“, brummte er.

„Ich sag‘ es dir nicht, ich zeig‘s dir“, beschloss DeFalco, der ohne weiteres Abwarten in die offene Jeffries-Röhre hineinkroch. Spencer folgte ihm ungefragt, während die zurückgelassene MacDonnell sich der ein oder anderen Diagnoseprozedur widmete.

Er folgte DeFalco einige Meter durch die enge Röhre, bis sie eine Leiter erreichten, die sie hinabstiegen, um von Deck 7 auf Deck 8 zu gelangen. Er führte ihn weiter durch das Wartungsröhrensystem des Schiffes bis zu einer Kreuzung, an der die Wandverkleidung teilweise abgenommen war. Spencer hob sie auf und las laut: „Knotenpunkt EPS-8-34-2-B“.

Mit einem mehr als verblüfften Gesichtsausdruck sah er DeFalco an. „Strich-2-Strich-B?“, wiederholte er ungläubig. „Den darf es doch überhaupt gar nicht geben. Strich-B heißt doch Behelfslösung bis zur Aktualisierung des Nomenklatursystems.“

„Und das Beste kommt noch“, kündigte DeFalco an. „Dieser Verteiler hier ist Brücke zwischen dem Elektroplasmasystem und der Magnetohydrodynamik. Ein Teil der EPS-Energie wird ins MHD geleitet und kehrt dann als Überschussenergie in den allgemeinen Kreislauf zurück.“

Spencer nickte und führte den Faden weiter. „Weil während des Warpfluges natürlich kein Impulsantrieb aktiv ist. Und da diese EPS-Leitung hier die linke Warpspule speist, erklärt das natürlich unser Ungleichgewicht im Warpfeld. Nur warum sollte jemand eine Brücke zwischen dem EPS- und dem MHD-System einbauen, diese nicht dokumentieren und auch nicht wieder abbauen? Bonzo Morretti war doch kein Techniker!“

„Keine Ahnung. Vielleicht war da noch jemand von seinem Verein auf der Werft, unerkannt“, überlegte DeFalco schulterzuckend. „Das Problem ist, wir können den Verteiler nicht ohne weiteres abschalten, weil sich die Steuerungssoftware inzwischen darauf eingeschossen hat.“

Spencer überlegte. Da die selbstlernenden Kontrollprogramme von Beginn an diese Unregelmäßigkeit im Energiesystem gewohnt waren und ihre automatischen Korrekturroutinen dementsprechend gestaltet hatten, könnte ein plötzliches Abschalten zu weiteren unkalkulierbaren Fehlfunktionen sowohl im Warp- als auch im Impulsantrieb führen.

„Und wenn wir sowohl Impuls- als auch Warpmaschinen ganz abschalten, diesen Verteiler deaktivieren und einen Kaltstart beider Systeme durchführen?“, schlug Spencer vor.

„Das würde gehen“, meinte DeFalco. „Aber bis die Steuerung wieder halbwegs auf dem Damm ist, sind wir bestimmt eine Stunde ganz ohne Antrieb und können danach praktisch von vorne anfangen.“

„Na und? Wir werden sicherlich einige Probleme weniger haben, wenn dieser Verteiler hier erstmal vom Netz ist“, wandte Spencer ein. „Oder einige mehr, das wird sich zeigen.“

„Also gut. Du hältst das Schiff an, ich nehme den Verteiler raus und dann lassen wir uns überraschen“, bestätigte DeFalco und deutete durch eine übertrieben gestaltete ‚Nach Ihnen‘-Geste die Absicht an, Spencer auf dem Rückweg den Vortritt zu lassen.


Eine gute halbe Stunde später, er hatte sich längst wieder in seinem Bereitschaftsraum eingefunden, erreichte ihn ein Kommunikatorsignal von der Brücke.

„Hwang an Captain Spencer!“

„Ja, Spencer hier.“ Er war nicht ganz unglücklich über diese Unterbrechung, war es doch Arbeit relativ langweiliger Qualität, für die er sich endlich Zeit genommen hatte.

„Wir erhalten ein Signal von Sternenbasis 53. Es ist Admiral Paris“, meldete Hwang Unheil verkündend.

„Stellen Sie durch“, brummte Spencer, der die warnenden Untertöne in Hwangs Stimme geflissentlich überhören wollte.

„Schon passiert, Captain...“

Das wohl bekannte Bild des Admirals erschien auf Spencers Terminal.

„Guten Morgen, Captain“, meldete sich Paris.

„Admiral“ grüßte Spencer eine Spur freundlicher, als ihm im Moment zumute war. „Worum geht's, Sir?“

„Sie befinden sich jetzt in der Nähe von Epsilon Aurigae?“, wollte Paris wissen.

„Nicht ganz“, schränkte Spencer ein. „Von 9:30 bis 10:30 flogen wir nur mit Impulskraft aufgrund von Fehlern im Warpantrieb und im Moment sind beide Antriebe zu Wartungszwecken deaktiviert.“

„Haben Sie Probleme? Brauchen Sie Hilfe?“

„Wir haben nicht mehr Probleme als üblich, Admiral. Und nein, wir brauchen keine Hilfe, danke der Nachfrage.“ Spencer konnte seinen Tonfall nicht ganz auf ‚neutral‘ halten.

Paris ging nicht weiter darauf ein. „Sobald ihr Warpantriebssystem wieder einsatzbereit ist, fliegen Sie sofort zum Epsilon Aurigae-System. Dort befindet sich die U.S.S. Skate in einem Parkorbit um den sechsten Planeten. Sie werden dieses Schiff in das Alpha Lalande-System bringen. Dort wird es von einem Ingenieursteam erwartet, die ein experimentelles Trägheitsdämpfungssystem auf der Skate erproben wollen. Sie werden das Schiff dem Team zur Verfügung stellen und es bei den Experimenten unterstützen. Einzelheiten werden gerade übermittelt.“

Spencer nickte. „Verstanden, Sir. Wir werden uns in einer knappen halben Stunde auf den Weg machen.“

„Stimmen Sie sich vor ihrer Ankunft auf Alpha Lalande mit dem Leiter des Projektteams ab, einem Dr. Martin. Besprechen Sie alles weitere mit ihm. Paris Ende.“

Spencer war gewohnt, dass sich Paris kurz fasste und nur das Nötigste erklärte. Also rief er die Anlagen ab, die mit der Übertragung zusammen übermittelt wurden und informierte sich genauer über den Auftrag.

2

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21766.5, Commander Spencer: [06.10.2344 12:56:10]

Nachdem eine weitere Unregelmäßigkeit am Warpantrieb beseitigt werden konnte, fliegen wir nun mit Warp 6 zum Epsilon Aurigae-System, um ein altes, bereits lange außer Dienst gestelltes Schiff ins Alpha Lalande-System zu schleppen. Die Änderung an unserem Warpantrieb scheint zwar einige der alten Probleme gelöst zu haben, dafür gibt es wieder neue.

Spencer saß bereits im Besprechungsraum, schaltete die Aufzeichnung ab und bat alle Führungsoffiziere, sich ebenfalls an diesem Ort einzufinden.

Nachdem der letzte, in diesem Falle Hellmann, eingetroffen war, begann Spencer: „Wir haben einen neuen Auftrag: Wir sollen die U.S.S. Skate, ein Schiff der Soyuz-Klasse, von Epsilon Aurigae nach Alpha Lalande bringen. Dort wartet ein Projektteam von den Antares-Schiffswerften unter einem gewissen Dr. Raymond Martin, die ein neues TDF-System in die Skate einbauen und austesten werden. Ich habe mir mal die Unterlagen angesehen, es sieht recht vielversprechend aus, was dieser Dr. Martin ausgetüftelt hat. Mit der neuen Technik soll unter anderem die charakteristische Verzögerung von 390 Millisekunden auf unter 150 Millisekunden sinken, das heißt, während eines Gefechts würde das Schiff bei plötzlichen Richtungswechseln wesentlich ruhiger liegen. Und das alles bei drei Vierteln des alten Energieverbrauches. Wie gesagt, es hört sich interessant an.“

„Soyuz-Klasse?“, fragte Karov. „Die sind doch schon seit Ewigkeiten außer Dienst gestellt, oder?“

„Seit 2288, um genau zu sein“, antwortete Spencer. „Diese Schiffe basierten auf der Miranda-Klasse, dienten aber mit einigen Umbauten als schwere Fregatten. Allerdings wurde schnell beschlossen, sie wieder außer Dienst zu stellen, da keine dringende Notwendigkeit bestand, sie einzusetzen und die Klingonen mit dem Bau eines verbesserten Bird of Preys reagierten.“

„Sie sind ja gut informiert, Captain“, merkte Lemois an.

„Für Geschichte habe ich mich immer schon interessiert, Commander“, erklärte Spencer trocken, vielleicht trockener, als es ausreichend gewesen wäre.

„Wie auch immer“, brummte DeFalco. „Allerdings müssen wir die Skate erstmal ins Alpha Lalande-System kriegen. ‚Bringen‘ hast du gesagt? Das heißt ‚schleppen‘. Die Skate ist fast so groß wie wir. Das wird... interessant.“

„Sieh‘ es als Herausforderung, Gerry“, gab Spencer zurück. „Wir treffen in zweiundzwanzig Stunden bei Epsilon Aurigae ein. Bis dahin sollte der Traktorstrahl und der Warpantrieb so eingestellt sein, dass er die Skate bei einer vernünftigen Reisegeschwindigkeit an ihr Ziel schleppen kann.“

„Aye, Sir“, bestätigte DeFalco. Seine Begeisterung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Zu Punkt 2 der Tagesordnung: Doktor M'Boya hat angeregt, ein Arboretum auf Deck 4 anzulegen, um die wissenschaftlichen Biotope vor dem Besucherandrang zu schützen“, fuhr Spencer süffisant fort. Hellmanns Blick sagte ihm, dass die Anspielung ins Ziel getroffen hatte. „Der Vorschlag geht im Moment dahin, dass fünf der Gästequartiere auf Deck 4 sowie Freizeitraum 5 geschlossen und umgebaut werden. Hat jemand Einwände, Anmerkungen oder Vorschläge dazu?“

„Ein Arboretum? Toll!“, war Karovs spontane Reaktion. Sie sah sich entschuldigend in der Runde um als vergleichbare Reaktionen ausblieben. Lemois lächelte fast unmerklich, zeigte aber gleichzeitig eine nachdenkliche Miene.

„Jetzt sag‘ nicht, dass wir die Wände rausnehmen und danach Saatgut für die Bäume legen sollen“, rief DeFalco abwehrend. Lemois‘ Lächeln erstarb beinahe sofort.

„Keine Sorge, Gerry. Ersteres werden wir beim nächsten Basisaufenthalt erledigen lassen. Und um die Bepflanzung kümmert sich freundlicherweise Dr. M‘Boya.“ Als hätte er nicht geahnt, dass DeFalco auf eine solche oder ähnliche Weise reagieren würde...

„Alles klar. Dann von mir aus.“ DeFalco klang gleichgültig und, für seine Verhältnisse, zufrieden.

Hwang, die neben DeFalco saß, drehte sich zu ihm um. „Überarbeite dich bloß nicht.“

„Habe ich nicht vor“, gab DeFalco todernst und mit bestimmtem Blick zurück.

Lemois sah Spencer an und wartete auf eine deutliche Reaktion seinerseits, die aber nur in einem kurzen starren Blick Hwang und einem etwas längeren Blick DeFalco gegenüber bestand. Er wusste, dass die letzten Wochen hart für DeFalco und seine Ingenieure gewesen waren und die anhaltende Erfolglosigkeit unübersehbar Spuren hinterlassen hatte. Erschwerend kam hinzu, dass sich weder Spencer noch DeFalco zu den Motivationskünstlern zählen durften; nicht zu vergessen der ungünstige Stern, unter dem die bereits die alles entscheidende Auftaktmission stand.

Nach der Klärung einiger abschließender Routineangelegenheiten schloss Spencer die Besprechung. Lemois, Hellmann, M'Boya und DeFalco verschwanden wieder im Turbolift, die übrigen, auch Spencer, besetzten die Brücke.

Die ersten drei stiegen bereits auf Deck 2 aus, um die Offiziersmesse zu besuchen, DeFalco fuhr weiter in den Maschinenraum. Da Hellmann und M'Boya nicht zur regulären Brückenbesatzung der ersten Schicht gehörten, nahmen sie oft um diese Zeit ihr Mittagessen ein und führten dabei meistens wissenschaftliche Gespräche. In den letzten Tagen war auch Lemois gelegentlich dabeigesessen und hatte sich beteiligt. Hellmann war überrascht gewesen, welche zum Teil fundierten Kenntnisse sie in einigen wissenschaftlichen Disziplinen besaß.

Während M'Boya zum Replikator ging, aktivierte sie wie jeden Tag den Sichtmonitor an der Wand, um die neuesten Föderationsnachrichten für diesen Sektor zu empfangen.

„Das mit dem Arboretum war keine schlechte Idee“, begann Hellmann, der wie die übrigen mit einem Ohr den Nachrichten folgte. „Als wir letztens für eine Versuchsreihe die Biotope schließen mussten, habe ich insgesamt drei Beschwerden aus der Mannschaft bekommen und ein Crewmitglied aus der Sicherheitsabteilung dabei erwischt, wie es die Türkontrollen überlisten wollte.“

„Wer war das?“ fragte Lemois sofort.

„Bitte verzeihen Sie, Commander, wenn ich Ihnen den Namen nicht nenne“, versuchte Hellmann Lemois zu beschwichtigen. „Es war bestimmt nicht so gemeint und er hat mir auch versprochen, es nicht wieder zu versuchen.“

„Na schön.“ Lemois stieß ihre Gabel in ihren Salat.

„Mir ging es weniger darum, euch zu entlasten, als der Crew etwas Gutes zu tun“, erklärte M'Boya. „Die Biotope sind zwar ganz schön, doch eigentlich zu klein, um wirklich einen beruhigenden Spaziergang zu ermöglichen. Außerdem schadet etwas Abwechslung nie...“ Eine rasche, farbenreiche Bildfolge in der Nachrichtensendung lenkte ihre Aufmerksamkeit ab und verhinderte, dass ihre Mimik die verborgenen Andeutungen ihrer letzten Worte weiter transportierte.

„Was...?“, begann Hellmann nach kurzer Zeit, der jedoch durch eine bestimmte Handbewegung Lemois‘ rasch zum Verstummen gebracht wurde. Sie fixierte den Monitor an der Wand mit den Augen und erhöhte rasch die Lautstärke des Sprechers.

„... Und hier noch eine wichtige Suchmeldung: Aus der Strafkolonie auf Beta Aurigae ist vor wenigen Tagen ein Insasse ausgebrochen. Der etwa fünfundvierzigjährige männliche Mensch namens Ralph Leyton saß wegen Mordes, Geiselnahme und Misshandlung in besonders schwerem Falle in der geschlossenen Abteilung der Anstalt. Leyton gilt als sehr intelligent, rücksichtslos und unberechenbar. Die medizinische Behandlung in der Anstalt erwies sich als ineffektiv. Wie er entfliehen konnte, ist unklar. Den Schiffsbesatzungen in den angrenzenden Sektoren wird empfohlen, die Augen offen zu halten. Und nun weitere Nachrichten. Im Kaus-System haben die Andorianer...“

Lemois schaltete den Nachrichtensprecher auf stumm und kontaktierte die Brücke. „Lemois an Brücke!“

„Brücke, Spencer hier.“

„Sir, da war gerade in den Nachrichten eine Suchmeldung über einen gewissen Ralph Leyton...“

„Ich weiß, eine entsprechender Hinweis war von der Sternenflotte bereits während der Nachtschicht eingetroffen. Lieutenant Hwang hat die Sicherheitsabteilung bereits informiert. Kein Grund zur Sorge, Commander.“

„Verstanden, Sir“, bestätigte Lemois und verfolgte danach die bruchstückhaften Gesprächsfetzen, die sich M‘Boya und Hellmann gegenseitig zuwarfen.


Auf der Brücke saß Spencer gelassen im Kommandosessel. Er hatte die täglich anstehenden Routineaufgaben hinter sich gebracht und konnte so in Ruhe den Rest der Schicht genießen...

Ihm kam die Entdeckung vorhin im Maschinenraum in den Sinn. Sie waren nun seit knapp zwei Monaten auf der Kennedy und die Ingenieursabteilung hatte in dieser Zeit bei weitem nicht wenig zu tun gehabt. Er selbst hatte bestimmt insgesamt einige Tage zusammen mit Reparaturteams in den Jeffries-Röhren verbracht und dennoch war niemandem der zusätzliche und nicht dokumentierte Energieverteiler auf Deck 8 bisher aufgefallen. Von außen betrachtet war das zwar eigentlich unwahrscheinlich zu nennen, aber wer die Komplexität der Schiffssysteme selbst eines so kleinen Schiffes wie der Kennedy kannte, konnte sich durchaus vorstellen, dass man abhängig von der Reparaturhäufigkeit sogar noch nach einigen Jahren versteckte Unregelmäßigkeiten entdecken konnte.

Ihm selbst war so etwas zu seiner Zeit als Chefingenieur auf der Enterprise-B natürlich nicht vergönnt gewesen, da sie sich zu dieser Zeit bereits etwa vierzig Jahre im aktiven Dienst befand und außerdem sehr gut gewartet war.

„DeFalco an Brücke!“, meldete sich plötzlich das Intercom.

„Brücke, Spencer hier.“

„Wir wissen jetzt mehr! Der Warpantrieb funktioniert wirklich besser als vorher und das Warpfeld ist ruhiger und gleichmäßiger.“

„Mhm. Neue geschätzte Höchstgeschwindigkeit mit momentanen Parametern?“

„Frag‘ mich nicht. Woher soll ich das wissen?“

„Rate doch mal.“ Spencer wollte nur eine Zahl hören und DeFalco wusste das, so gut wie sie sich kannten.

„Warp 8.3. Aber die Warpparameter müssten auf jeden Fall noch nachgestellt werden. Zufrieden?“

„Ja, das ist doch schon was. Spencer Ende.“

Erleichtert lehnte sich Spencer nach diesem Gespräch zurück. Das Erfolgserlebnis jetzt, und war es nur ein kleines, war mehr als wichtig gewesen...

3

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21769.0, Commander Spencer: [07.10.2344 10:53:46]

Wir sind im Epsilon Aurigae-System eingetroffen, um die Skate in Schlepp zu nehmen. Lieutenant. DeFalco hat auf der Basis unserer Verbesserungstheorien für den Warpantrieb eine Möglichkeit gefunden, die Skate ohne allzu große Probleme mit dem Traktorstrahl anzukoppeln.

„Wir sind unter Warp!“, rief Hwang.

„Voller Stop“, ordnete Lemois rasch an.

„Empfangen Sie eine Nachricht?“, wollte Spencer von Terk wissen.

Dieser schaute kurzzeitig verwirrt auf seine Anzeigen, dann bestätigte er.

„Lassen Sie hören!“

Eine laute, warnende Stimme ertönte aus den Brückenlautsprechern. „Achtung! Stoppen Sie ihre Maschinen! Um in dieses System einzufliegen, benötigen Sie eine Autorisation der Sternenflotte. Falls Sie dieser Aufforderung zuwiderhandeln, werden Sie von mehreren Phaserbatterien unter Beschuss genommen. Ich wiederhole...“

„Einen Kanal öffnen!“, unterbrach Spencer die Stimme.

Gehorsam betätigte Terk einige Kontrollelemente.

„Zugang erlauben!“, rief Spencer. „Zugangscode Sternenflotte-Alpha-872-Omega. Bestätigen!“

„Zugang bestätigt. Sie dürfen passieren!“, dröhnte es.

„Der Kanal wurde automatisch geschlossen, Sir“, fügte Terk hinzu.

„Dann sehen Sie doch mal, ob sie die Skate lokalisieren können.“

„Aye, Sir.“ Terk machte sich an die Arbeit. DeFalco kam auf die Brücke, um an der Maschinenstation Platz zu nehmen.

„Ich habe die Skate gefunden“, meldete Terk.

„Auf den Schirm und übermitteln Sie die Koordinaten zur Flugsteuerung. Miss Hwang, Kurs setzen.“

„Ja, Sir.“ Hwang hatte die Koordinaten erhalten.

Lemois betrachtete die sich langsam nähernde Skate. „Die sieht ja geradezu Furcht einflößend aus“, kommentierte sie den Anblick der imposanten Phaserkanonen, die oben und unten am Heck des Schiffes montiert waren.

„Vorsintflutliche Technik“, brummte DeFalco, ohne von seinen Maschinendaten aufzublicken. „Obwohl, mit diesen Monstern hatte man vor siebzig Jahren immerhin fast soviel Energie erzeugt wie mit unseren heutigen Standard-Phasern. Allerdings mit einem Streufeld... oh je...“ Für eine kleine, wegwerfende Handbewegung nahm er sich die Zeit.

Terk hatte währenddessen einen Scan vorgenommen. „Der Computer identifiziert das Schiff auf der Basis der Transpondercodes als die U.S.S. Skate, NCC-1962. Ich kann auf dem Schiff keine Lebensformen und auch fast keine Energie anmessen. Die Luftzusammensetzung entspricht nicht der geforderten Norm.“

„Kein Wunder bei einem uralten Schiff“, erwiderte Spencer nach einem Blick auf seine Anzeigen und stand auf. „Wir müssen den Computer wieder aktivieren.“

„Und wie, Captain?“, fragte eine wie immer neugierige Karov.

Während Spencer sich an Terminal I niederließ, erklärte er es ihr. „Als die Skate außer Dienst gestellt wurde, wurden alle Energiesysteme außer der Notenergiezellen abgeschaltet und Zugriff auf den Computer durch einen Codeschlüssel gesichert. Wenn wir diesen Codeschlüssel durch einen Energieimpuls an die Skate senden, wird eine Wiederbelebungsroutine eingeleitet, die die Lebenserhaltung, die Energieerzeugung und den Hauptcomputer wieder startet.“

„Und der Codeschlüssel?“, fragte Karov weiter.

„Der lag der Transmission von Admiral Paris bei, da hat jemand offensichtlich jemand mitgedacht.“

„Was ist, wenn jemand einen falschen Schlüssel eingibt?“

„Die Skate sendet eine Subraumnachricht über einen unbefugten Zugriff an die nächstgelegene Sternenbasis. Außerdem kann innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden kein weiterer Zugriff mehr erfolgen.“

„Also eine Diebstahlsicherung“, schloss Karov.

„Genau. Ich gebe jetzt den Schlüssel ein und sende den Impuls.“

Lemois hatte die ganze Zeit verwundert ihren Blick zwischen Spencer und Karov hin- und her wandern lassen, richtete ihre Aufmerksamkeit jetzt aber auf den Hauptschirm. Die Positionslichter der Skate begannen zu blinken und ein kurzer Scan ergab, dass auch die Lebenserhaltungssysteme an Bord ihre Arbeit wieder aufgenommen hatten.

„Das hat ja überraschend gut funktioniert. Mr. Terk, sehe ich das richtig, dass Sie einige Zeit an Bord eines Schiffes der Soyuz-Klasse gedient haben?“

Terk sah Spencer einige Sekunden lang an, dann bejahte er. „Während des letzten Jahres meiner Akademiezeit war die Swift unser Trainingsschiff.“

„Gut, dann kommen Sie mit. Sie sind der einzige an Bord, der die Systeme da drüben jemals in Funktion gesehen hat. Gerry, schick‘ ein Ingenieurteam in Transporterraum 1 und folge mir. Commander, Sie übernehmen!“

„Sir, ich sollte doch das Außenteam leiten!“, stellte Lemois, die sich bereits erhoben hatte, in den Raum.

„Eigentlich ja“, erwiderte Spencer. „Aber da ich mich immer schon für alte Schiffe interessiert habe, werde ich mir die Gelegenheit hier nicht entgehen lassen. Und der Scan zeigt keinerlei Gefahren oder Überraschungen, die Sie sich zum Vorteil machen könnten.“

Erst nachdem sie Spencer zwei Sekunden fordernd und durchdringend angeschaut hatte und dieser einzig mit gelassener Regungslosigkeit geantwortet hatte, ließ sie sich verstimmt wieder in ihren Sessel fallen.

Spencer winkte Terk und DeFalco und ging zusammen mit ihnen zum Turbolift, um in den Transporterraum zu fahren. Dort wartete bereits ein dreiköpfiges Ingenieurteam, jeder war ausgerüstet mit Stablampe und Werkzeugkoffer. Drei weitere Lampen lagen für Spencer, DeFalco und Terk bereit.

„Darf ich dann bitten?“ fragte Spencer und bezog Position auf der Transporterplattform. „Chief, auf die Hauptbrücke der Skate ausrichten... und Energie!“

Transporteroffizier Sisota aktivierte die Schieberegler und transferierte das Außenteam sicher zu der angegebenen Position. Obwohl es sehr dunkel war, reichten die Lichtkegel ihrer Lampen, um die Brücke der Skate einigermaßen zu erhellen. Spencer sah sich um, Terk begann einen Tricorderscan.

Die Brücke entsprach dem typischen Brückendesign des 23. Jahrhunderts, die Mitte bildete der Stuhl des Captains, zwischen ihm und dem Hauptschirm waren die Instrumentengruppen für den Piloten und den taktischen Offizier und rundherum befanden sich die verschiedenen wissenschaftlichen Computerstationen, die Kommunikation und die Maschinenkontrollen. Spencer erinnerte der Aufbau in seinen groben Zügen an die Magellan, die natürlich mit moderneren Geräten ausgestattet war. Eine Menge Staub sowie einige Trümmer lagen auf den Instrumenten und dem Boden verteilt.

„Hier hat lange keiner gefegt“, brummte DeFalco, während er sich ebenfalls umsah.

Spencer schritt direkt auf eine der Computerstationen an der Wand zu und gab einen weiteren Zugangscode ein, der ebenfalls in den Unterlagen zu dieser Mission enthalten war. Sofort leuchtete die Deckenbeleuchtung auf der Brücke, und wie Spencer den Anzeigen entnehmen konnte, auch überall sonst auf dem Schiff auf. Unrhythmisch flimmernde Wandmonitore verstärkten die Beleuchtung auf der Brücke zudem auf eine unangenehme Weise.

DeFalco las den Schiffszustand von einer der wenigen ordnungsgemäß funktionierenden Konsolen ab. „Notenergie ist auf 45%, Lebenserhaltung stabil. Und wenn die übrigen Systeme Energie hätten, würden sie wahrscheinlich auch funktionieren.“

„Gut.“ Spencer überlegte. „Gerry, du gehst mit zwei Ingenieuren aufs Maschinendeck und versuchst, die Fusionsreaktoren soweit wieder in Gang zu bringen, dass die Lebenserhaltung, die SIF/TDF-Systeme sowie der Impulsantrieb mit interner Energie funktionieren können. Deuterium kannst du dir von der Kennedy besorgen. Mr. Terk wird mit einem weiteren Ingenieur und mir auf der Brücke bleiben, um sie für den zukünftigen Verwendungszweck, als Beobachtungsstation für die Experimente nämlich, vorzubereiten. Sobald die Reaktoren laufen, werden wir die Skate mit der Kennedy in Schlepp nehmen.“

„Riipinen, Chen, ihr kommt mit. Walker, Sie bleiben hier“, verteilte DeFalco seine Anweisungen und verschwand mit beiden Erstgenannten im Turbolift. Spencer blieb zusammen mit einem unschlüssig dreinschauenden Terk und Fähnrich Walker, die bis gerade unschlüssig an einer Wandkonsole gelehnt hatte, auf der Brücke zurück.

„Also“, begann Spencer. „Diese Monitore hier“ – sein Zeigefinger schwenkte dabei über den gesamten Halbkreis, den die Stationen an den Wänden der Brücke bildeten – „ müssen erstens wieder funktionieren und zweitens für das Projektteam frei programmierbar sein. Das werden Sie übernehmen, Fähnrich Walker. Mr. Terk, Sie werden die Kommandosysteme, soweit wir sie brauchen werden, auf ihre Funktion checken. Ich selbst werde mir die Navigationskonsole vornehmen.“ Ohne weitere Umschweife öffnete Spencer seinen Werkzeugkoffer und begann, die Verkleidung der genannten Station zu öffnen und Funktionstests vorzunehmen. Eine knappe Viertelstunde war er mit ihr beschäftigt, bis er sie probeweise aktivierte. Einige freundlich klingende Piepser wiesen auf eine ordnungsgemäße Funktion hin. Zeitgleich erreichte ihn ein Kommunikatorsignal.

„DeFalco an Spencer!“

„Spencer hier. Was gibt's?“

„Fusionsreaktoren 1 bis 5 sind wieder aktiv und mit Deuterium gefüttert, auch wenn Lemois zuerst keines rausrücken wollte.“ Beim Beamen von Deuterium mussten gewisse Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden, die Lemois natürlich Punkt für Punkt eingehalten hatte. Spencer konnte sich die Unterhaltung zwischen Lemois und DeFalco über das Beamen des Deuteriums sehr gut vorstellen und grinste unwillkürlich. DeFalco fuhr nach kurzer Unterbrechung fort: „Die Fusionsreaktoren powern im Moment Lebenserhaltung, SIF/TDF, Impulsmaschinen und laden die Notenergiezellen wieder auf.“

„Hervorragend. Das ging ja schnell“, lobte Spencer zufrieden.

„Klar. Wenn nichts kaputt ist, geht's auch schnell! Die haben hier ein vollständig einsatzfähiges Schiff eingemottet.“

„Um so besser. Einen Moment bitte, Gerry, Kanal nicht schließen“, unterbrach Spencer und wandte sich an Terk und Walker: „Wie sieht's bei Ihnen aus?“

„Mit den Kommandosystemen scheint bisher alles in Ordnung zu sein, aber geben Sie mir noch etwas Zeit, Sir,“ bat Terk.

„Die Monitore sind wieder einsatzbereit, Captain. Ich kalibriere gerade“, meldete Walker.

„Gut“, nahm Spencer zur Kenntnis und tippte wieder auf seinen Kommunikator, um das Komm-Gespräch mit DeFalco wieder aufzunehmen. „Komm zurück, Gerry und lass einen deiner Ingenieure im Maschinenraum, falls etwaige Unregelmäßigkeiten auftreten sollten. Mr. Terk wird hier auf der Brücke das Kommando übernehmen, alle anderen beamen wieder auf die Kennedy.“

„Verstanden, Captain.“ gab DeFalco zurück.

Terk sah Spencer mit einem schwer interpretierbaren Gesichtsausdruck an, offensichtlich hatte er nicht erwartet, dass Spencer ihm die gesamte Verantwortung für die Skate übertragen würde. Sicher, außer ihm war nur noch ein Ingenieur an Bord und sie würden sich für die Reise im Schlepptau der Kennedy befinden, aber als völlig bedeutungslos war es trotzdem nicht zu bezeichnen. „Vielen Dank, Sir“, sagte er.

Spencer nickte ihm nur zu.

„Die Monitore müssen aber noch eingestellt werden, Captain“, merkte Walker pflichtbewusst an.

„Wenn Ihnen das Spaß macht, können Sie das natürlich auch noch beenden. Ansonsten vergessen Sie die langwierige Kalibrierung und kommen mit.“

Walker erlaubte sich ein Lächeln. „Danke, Sir.“

Die Turbolifttüren glitten auseinander und DeFalco trat zusammen mit Riipinen heraus. „Chen ist im Maschinenraum geblieben“, informierte er Spencer.

„Gut.“ Indem Spencer und auf einen Wink auch Walker hinzutraten, bildete sich eine Vierergruppe vor der Turbolifttür.

„Spencer an Kennedy! Vier Personen zum Beamen!“

Die Vierergruppe löste sich in einem Funkenregen auf. Terk fegte langsam den Staub aus dem Kommandosessel der Skate und ließ sich langsam und bewusst darin nieder. Er sah sehr zufrieden aus, schaltete den Hauptschirm ein und legte sich die wichtigsten Kommandofunktionen inklusive der noch nicht funktionsbereiten Subraumkommunikation in die Bedienelemente seiner Armlehnen.


Auf dem Weg zum Turbolift brummte DeFalco. „Wenn wir öfter solche Aufträge bekommen, lasse ich mich zum Museumswärter umschulen.“

„Na, das ist eben Technik aus der Mitte des letzten Jahrhunderts“, gab Spencer zurück, während sie den Turbolift betraten. „Brücke!“

„Jedenfalls habe ich meinen ersten Transtator auf einem Raumschiff in Funktion gesehen. Die können froh sein, dass sie die Skate für ihre Funktionstests ausgewählt haben.“

„Wieso?“

„Weil die noch so gut erhalten ist. Ich musste schon beim Einschaltvorgang die Anleitungen zu Rate ziehen. Mit anderen Worten: Wenn etwas kaputt ist, dauert es sehr, sehr lange, bis es wieder funktioniert.“

Spencer lachte leise vor sich hin. „Das hätte ich sehen müssen. Gerry DeFalco liest Betriebsanleitungen.“

DeFalco quittierte das Lachen Spencers mit einem Stoß in seine Rippen, kurz bevor sich die Lifttüren wieder öffneten. Immer noch schmunzelnd begab sich Spencer zurück in den Kommandosessel.

„Lieutenant Terk hat auf der Skate übernommen“, informierte er Lemois und auch Torrente, der seine Vertretung an der Einsatzleitung bildete.

„Ja, Sir.“ Was auch immer Lemois in diesem Augenblick im Sinn hatte, sie verbarg es durch einen vollends neutralen Tonfall.

„Fertig zum Ankoppeln?“, fragte Spencer DeFalco, der wieder an der Maschinenstation Platz gefunden hatte.

„Fertig!“

„Mr. Torrente, informieren Sie die Skate, es geht los!“, bestimmte Lemois. „Kim, nehmen Sie Kurs auf die Skate, so dass wir uns genau unter ihnen befinden. Manövriertriebwerke voraus.“

„Ja, Commander.“ Hwang steuerte die Kennedy auf die Skate zu, eine Spur zu schnell vielleicht, aber Spencer wusste sein Schiff in sicheren Händen.

„Zielposition erreicht“, flötete sie.

„Abstand verringern auf einhundert Meter“, wies Spencer an.

„Auf hundert Meter...“ Hwang klang nun weitaus weniger zielsicher als zuvor, das nahm Spencer zum Anlass, sein Vorhaben zu erläutern. „Auf diese Weise kann der Traktorstrahl mit minimaler Energie auskommen und die Warpfeldvergrößerung schafft mit der Skate in dieser Position die geringsten Probleme.“

„Ich schalte den Annäherungsalarm aus“, gab sie bekannt, als sie sich der kritische Reichweite näherten.

„In Ordnung“, bestätigte Spencer der Form halber. Kam es ihm nur so vor oder begann Lemois wirklich, auf ihrem Platz unterdrückt herumzuzappeln?

Hwangs Manöver verhalfen der Kennedy zu einer Position dicht unterhalb der Skate, so dass die Hecksektion der Kennedy sich sehr dicht vor den Verstrebungen der Warpgondeln der Skate befand. Von außen besehen entstand der Eindruck, dass die Kennedy die Skate huckepack nehmen wollte, was im Endeffekt den Kern der Sache genau traf, wie Spencers nächstes Kommando bewies.

„Traktorstrahl aktivieren!“

„Traktorstrahl ist ausgerichtet und aktiv“, bestätigte Karov.

„Okay?“, fragte Spencer.

„Fast“, gab DeFalco zurück. „Ich verändere unserer Position und den Traktorstrahl etwas... Jetzt ist‘s optimal.“ Er lud eine bereits vorbereitete Warpfeldkonfiguration in den Speicher. Das neue Warpfeld umfasste nun sowohl die Kennedy als auch die Skate und war dementsprechend beinahe doppelt so groß.

„Wir sind bereit!“, meldete DeFalco dann. „Das Warpfeld passt.“

„Kurs setzen auf Alpha Lalande und auf Warp 5 beschleunigen!“ Diese Worte sprudelten förmlich aus Lemois heraus. War die Skate jetzt Spencers Privatprojekt oder wie sollte sie die Aufgabenverteilung der letzten Stunde verstehen?

„Kurs liegt an, ich beschleunige!“, bestätigte Hwang. Das Huckepack-Gespann der beiden Schiffe schoss vorwärts und erreichte erfolgreich Warpgeschwindigkeit.

„Wie sieht's aus, Gerry?“, erkundigte sich Spencer, nachdem sie Warp 5 erreicht hatten.

„Gut sieht's aus. Warp 5 bleibt stabil und die Skate ist ganz schön schwer. Reaktoroutput entspricht im Moment einem Wert von Warp 7.7“, berichtete DeFalco zufrieden.

„Ankunftszeit im Lalande-System etwa 6,5 Tage“, fügte Hwang hinzu.

„Danke“, nahm Spencer es zur Kenntnis. Er konnte kaum fassen, dass sich das Glück mit diesem Tage oder dieser Mission, je nach Betrachtungsweise, so plötzlich wieder auf ihre Seite gestellt hatte. Beinahe zumindest...

„Sir, ich habe da ein kleines Problem“, meldete Torrente kurze Zeit später und drehte sich halb zu Spencer um.

„Worum geht's?“, fragte Spencer, aus seinen Traumvorstellungen gerissen.

„Die routinemäßige Computersynchronisation zwischen unserem Computer und dem der Skate wirft Probleme auf. Die Sternzeitangaben sind inkompatibel“, berichtete er.

Spencer nickte verstehend, doch Lemois sah verwirrt aus. „Erklären Sie das!“, forderte sie.

„Ma‘am, die Computer können sich nicht auf die momentane Sternzeit verständigen. Wir rechnen mit einer fünfstelligen Sternzeit, als die Skate außer Dienst gestellt wurde, hat man noch mit einer vierstelligen Zeitangabe gerechnet. Sobald unser Computer eine Anweisung mit Zeitvermerk an den Computer der Skate sendet, verweigert dieser die Annahme.“

„Und warum lassen Sie dann nicht einfach die erste Ziffer unserer Sternzeit beim Senden weg?“, schlug Spencer vor, noch während Lemois Torrentes Erklärung verarbeitete. Spencer erinnerte sich noch gut, wie umstritten die Umstellung der Sternzeit innerhalb der Föderation von vier- auf fünf Stellen gewesen war und welche Probleme ihre Einführung begleitet hatten. Er erinnerte sich deshalb so gut, da eine der ersten Aufgaben, die er auf seinem ersten Schiff, der Zephram Cochrane, als Fähnrich erhalten hatte, die langwierige Prüfung der Computersysteme auf Kompatibiltätsprobleme bei der Umstellung gewesen war. Er war Teil eines vierköpfigen Teams und hatte als frisch gebackener Fähnrich natürlich einen Großteil der unangenehmen Arbeit erledigen müssen. Er stellte seine Erinnerungen jedoch zurück, um Torrentes Antwort zu verfolgen.

„Dazu müsste man die Synchronisationsroutine überarbeiten, Sir, und ich wollte erst Ihre Genehmigung einholen, bevor ich damit anfange.“

„Und wenn Sie nicht unseren Computer ändern, sondern den der Skate?“, fragte Lemois nach kurzer Überlegung vor. Sie wollte ungern wegen einer solchen Lappalie Schiffssysteme ihres Schiffes verändert wissen. „Sie müssen nur die Empfangsprozedur darauf programmieren, alle ankommenden Sternzeiten entsprechend zu ändern.“

„Das werde ich tun. Das ist eine gute Idee, Commander.“ Torrente machte sich an die Arbeit und Lemois sah wieder zufrieden nach vorn.

„Mr. Torrente?“

Er drehte sich wieder halb zu Spencer um, kaum dass die erste Berührung eines Bedienelementes erfolgt war. „Sir?“

„Stellen Sie mir bitte vorher noch eine Verbindung zu Dr. Martin im Alpha Lalande-System her. Wir sollten ihn zumindest informieren, dass wir unterwegs sind.“

„Natürlich, Captain.“ Torrente machte noch einige Eingaben. „Sie können sprechen.“

Auf dem Hauptschirm erschien das Bild eines Mannes etwa Anfang Vierzig. Er hatte gewelltes, schwarzes Haar, das bereits mit einigen grauen Strähnen versehen war. Bekleidet war er mit einem weißen Kittel in modischem Schnitt. Spencers erster Eindruck war nicht gerade der eines sehr umgänglichen Menschen.

„Dr. Raymond Martin“, stellte sich dieser vor.

„Ich grüße Sie, Dr. Martin. Hier spricht Captain Robert Spencer von der Kennedy. Wir haben gerade die Skate ins Schlepptau genommen und werden in schätzungsweise sechseinhalb Tagen bei Ihnen eintreffen.“

„Das ist eine erfreuliche Nachricht, Captain. Wir warten bereits seit einiger Zeit auf eine Bestätigung seitens der Sternenflotte. Wie ist der Zustand des Schiffes?“

„Ausgesprochen gut im Anbetracht seines Alters“, antwortete Spencer. „Wünschen Sie Einzelheiten?“

„Das wird nicht nötig sein. Wir werden es vor Ort in Augenschein nehmen. Einen guten Flug, Captain.“

„Danke, Doktor. Spencer Ende.“

Als der Kanal geschlossen wurde, erschien wieder das übliche Außenbild des Weltraums.

„Das war das“, brummte Spencer und lehnte sich zurück. Da für sie nichts mehr zu tun war, beschloss Lemois, bis zu ihrem regulären Schichtbeginn die Brücke zu verlassen.

4

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21769.6, Lieutenant Commander Lemois: [07.10.2344 16:05:46]

Seit fünf Stunden fliegen wir mit der Skate im Schlepptau in Richtung des Alpha Lalande-Systems. Unsere Geschwindigkeit bleibt weiter konstant bei Warp 5, die Wissenschaftsabteilung geht einigen seltsamen Energiefluktuationen auf der Skate auf den Grund, die wahrscheinlich aber nur aufgrund des Alters des Schiffes verursacht werden.

Vor fünf Minuten hatte Lemois die zweite Schicht von Spencer übernommen und ihren üblichen Logbucheintrag verfasst, nachdem sie sich einen Überblick über die aktuellen Geschehnisse verschafft hatte.

Spencer hatte am Morgen während seiner Schicht den Großteil der Routinearbeiten erledigt, so dass ihr jetzt nicht viel zu tun blieb. Sie erlaubte es sich, die relative Ruhe zu genießen, die im Moment auf der Brücke herrschte. Relativ nur deswegen, weil sie auf ihrem Sichtschirm am Platz des Ersten Offiziers ständig die aktuellen Betriebsdaten des Traktorstrahls darstellen ließ. Das Ankopplungsmanöver mit der Skate war ihr nicht geheuer und so hielt sie sich vorsichtshalber bereit, um Überraschungen vorzubeugen und gegebenenfalls rasch reagieren zu können. Im Moment bewegte sich zwar alles innerhalb normaler Grenzen, doch das konnte sich bekanntermaßen jederzeit ändern...

Nach dem Ende der Algiebaner-Mission war im Allgemeinen an Bord endlich das eingekehrt, was wohl gewöhnlich als Routine bezeichnet wurde, wenngleich sich dieses Gefühl sich bei ihr speziell aus verschiedenen Gründen bis jetzt noch nicht eingestellt hatte.

Obwohl, so sehr verschiedenartig waren die Gründe an sich gar nicht. Spencer war zum Beispiel einer der wenigen Captains der Sternenflotte, der von sich aus die Morgenwache übernahm. Obwohl sie an sich gerne lange schlief, war dennoch eine Umgewöhnung vonnöten gewesen, weil sie auf der Saratoga, ihrem letzten Posten, selten zu ihrem morgendlichen Schlaf gekommen war.

Manchmal, wenn er Lust dazu hatte oder ihm einfach danach war, so wie heute, erledigte er während seiner Schicht sämtliche anfallenden Aufgaben des Tages, sowohl die des Captains als auch die des Ersten Offiziers, so dass ihr während ihrer Schicht nicht mehr allzu viel zu tun blieb, von Fall zu Fall aber auch musste sie beide Schichten übernehmen und hatte die ganze Arbeit für sich alleine, an den Tagen nämlich, wenn Spencer sich mehr im Maschinenraum aufhielt, als auf der Brücke. Sie konnte sich nie vorher sicher sein, wie der nächste Tag verlaufen würde. Langweilig war es ihr bei weitem nicht, aber das hätte sie gerne für etwas Gewöhnung im täglichen Dienst eingetauscht und das, obwohl sie Gewöhnung an und für sich verabscheute.

Plötzlich gab die Einsatzleitungsstation einige fiepende Geräusche von sich, Lemois‘ Aufmerksamkeit war sofort wieder voll präsent. „Was ist, Fähnrich?“, wollte sie wissen.

„Ma‘am, die Sensoren orten auf einmal drei Lebenszeichen auf der Skate“, berichtete Rodriguez, der Terk auf Vorschlag Lemois‘ an ungewohnter Position vertrat und deswegen sehr unsicher klang. „Nein, jetzt sind es wieder zwei“, korrigierte er sich nach nochmaligem Hinschauen.

Lemois Augen weiteten sich, sie fühlte, dass irgendetwas passiert wäre, konnte es aber nicht weiter präzisieren. Sie schüttelte das leichte Unwohlsein ab und konzentrierte sich auf das Problem.

„Führen Sie eine Ebene 4 Diagnose der Sensoren durch!“, ordnete sie an.

„Aye, Ma‘am.“ Rodriguez machte sich an die Arbeit und meldete dreißig Sekunden später: „Alles in Ordnung. Der Computer zeigt keine Fehlfunktion.“

„Commander Lemois an Lieutenant Terk!“

„Lieutenant Terk an Bord der Skate“, antwortete er über ihren Kommunikator.

„Funktionieren die internen Sensoren bei Ihnen oder haben sie ungewöhnliche Werte angezeigt?“, wollte sie wissen.

„Ja, Commander. Sie zeigten vor einigen Sekunden an, dass sich drei Lebensformen an Bord der Skate befinden. Das ist aber nicht der Fall. Es sind zwei“, antwortete Terk über die Komm-Verbindung, unbesorgt, wie es schien.

Lemois und Rodriguez wechselten einen kurzen erstaunten Blick.

„Warten Sie, Lieutenant. Kanal nicht schließen!“, wies Lemois Terk, oder besser gesagt, den Computer, der die Komm-Verbindung zwischen der Skate und der Kennedy aufrechterhielt, an.

„Lemois an Fähnrich Chen!“ Sie versuchte, Chen zu rufen, die zweite Lebensform an Bord der Skate, den Ingenieur, den DeFalco im Maschinenraum der Skate zurückgelassen hatte. Sie wollte von ihm wissen, ob ihm etwas aufgefallen wäre, sie erhielt jedoch keine Antwort.

„Lemois an Fähnrich Chen! Antworten Sie, Fähnrich!“ Lemois gab Chen noch weitere fünf Sekunden Zeit, zu reagieren. Es tat sich immer noch nichts. „Mr. Terk, können Sie Fähnrich Chen lokalisieren?“

„Nein, Commander“, antwortete Terk. Er klang erschrocken, ein bisschen zumindest. „Im Maschinenraum befindet sich meinen Anzeigen zufolge im Moment niemand.“

Ein „Bestätigt“ von Rodriguez vergrößerte Lemois‘ Verwirrung, bis sie ihren Kommunikator aktivierte. „Captain Spencer, Lieutenant Karov, kommen Sie bitte sofort auf die Brücke. Wir haben ein Problem!“

„Verstanden, Commander“, bestätigte Spencer.

„Führen Sie eine umfassende Sensorendiagnose durch, Fähnrich!“, wies Lemois an, mit dem Ehrgeiz, das Problem noch vor dem Eintreffen Spencers und Karovs zu lösen. „Scannen Sie zudem nach Anomalien, die eine derartige Fehlmessung verursachen könnten. Mr. Terk, das gleiche gilt für Sie!“

Eine Sensorenfehlfunktion, die kurzzeitig ungenaue Ergebnisse lieferte, war nicht ungewöhnlich, wenngleich auch unerwünscht. dass jedoch die gleiche Fehlfunktion zur gleichen Zeit auf zwei Schiffen auftrat, war nicht nur unwahrscheinlich, sondern gelinde gesagt, unmöglich. Es musste eine andere Erklärung geben, sie hatte allerdings keine Ahnung, welche. Und da kam auch schon Spencer zusammen mit Karov aus dem Turbolift.

„Was gibt's, Commander?“

„Vor einer Minuten meldeten unsere Sensoren und die Sensoren der Skate zeitgleich drei Lebensformen an Bord der Skate, nach wenigen Sekunden aber wieder nur zwei. Jeder Kontakt zu Fähnrich Chen an Bord der Skate abgebrochen.“

Spencer kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Sensorendiagnosen?“

„Ergebnislos bis jetzt. Der umliegende Weltraum zeigt auch nichts, was dafür verantwortlich sein könnte. Da muss irgendwas an Bord der Skate sein.“

Spencer nickte nur für einige Sekunden ruhig. „Alles stop, wir halten diese Position bis auf weiteres. Die Skate bleibt am Haken. Commander, Sie gehen mit einem Außenteam an Bord der Skate und sehen nach! Mr. Rodriguez, was zeigen die Sensoren über die Lebensformen an Bord der Skate?“

„Ein Lebenszeichen stammt von Lieutenant Terk auf der Brücke, von dem anderen bekomme ich keine klare Erfassung.“ Rodriguez schüttelte ein hilflos seinen Kopf. Spencer nickte Lemois kurz zu und übernahm dann ihren Platz.

„Karov, stellen Sie ein Sicherheitsteam zusammen und folgen Sie mir. Lieutenant Hellmann, bitte melden Sie sich in Transporterraum 1!“, sagte Lemois.

Karov wies Dercoux an der taktischen Konsole an, das geforderte Sicherheitsteam in den Transporterraum zu schicken und folgte Lemois in den Turbolift. Währenddessen kontaktierte Spencer den Maschinenraum.

„MacDonnell hier. Was wünschen Sie, Captain?“, ertönte die Stimme MacDonnells, wie so häufig mit leicht unwirscher Färbung.

„Suchen Sie nach allen Anomalien innerhalb der letzten sieben Stunden in den Sensorenlogbüchern der externen Kurzbereichsensoren. Führen Sie außerdem eine Ebene 3 der Sensoren durch.“ Spencer kam das Ganze sehr spanisch vor, sein Gehirn arbeitete hauptsächlich an diesem Problem und führte die restlichen Brückenoperationen praktisch nebenbei aus.

„Ja, Sir“, bestätigte MacDonnell.

„Schalten Sie wieder auf normalen Betrieb um, Lieutenant und beobachten Sie die Situation an Bord der Skate weiter“, wies er nun Rodriguez an. „Falls sich was tut, informieren Sie erst Lemois und dann mich. Halten Sie das Außenteam außerdem ständig mit dem Transporter erfasst. Hier geht etwas sehr Seltsames vor, wir sollten auf alles vorbereitet sein.“

„Aye, Sir“, bestätigte Rodriguez. Anfangs war er noch nervös, doch als es an das Eingeben der neulich gelernten und inzwischen geübten Kommandos ging, gewann wieder seine Routine die Oberhand und reduzierte die Nervosität auf ein Minimum.


Lemois traf mit Karov im Gefolge im Transporterraum ein. Drei Sicherheitsoffiziere mit Phasern und Hellmann mit Phaser und Tricorder warteten bereits. Sie ließen sich ebenfalls ausrüsten, Lemois informierte die Anwesenden kurz über die Situation. „Wir wissen also nicht, um was es sich handelt. Halten Sie ihre Augen und Tricorder offen und melden Sie alles Ungewöhnliche und zwar umgehend!“, schloss sie ihre knapp gehaltene Erklärung. Sie bedeutete dem Team, sich auf die Transporterplattform zu stellen.

„Direkt in den Maschinenraum, Chief! Energie!“

Das Außenteam materialisierte mit gezückten Phasern im nur schwach erleuchteten Maschinenraum der Skate. Während die vier Sicherheitsoffiziere wild mit ihren Phasern auf imaginäre Ziele in der Umgebung zielten, scannten Lemois und Hellmann die Umgebung.

„Ich habe etwas, Commander“, rief Hellmann und zeigte auf eine dunkle Stelle auf dem Boden. „Das ist Blut“, fügte er kleinlaut hinzu, als ihm bewusst wurde, was er da mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden hatte, Fähnrich Chens Blut nämlich.

„Kommen Sie her!“, rief Lemois nach kurzer Suche das Sicherheitsteam herbei. „Ich habe eine Blutspur gefunden. Hier!“

Sie ging einige Schritte und bog dann nach rechts in eine Seitentür ein, es war ein Zugang zum Jeffries-Röhrensystem der Skate.

Die Türe öffnete sich, Lemois ging hinein, prallte aber sofort erschrocken zurück. „Ach du Schreck“, brachte sie hervor. Hellmann lugte vorsichtig um die Ecke und sah den leblosen Körper Fähnrich Chens, der unnatürlich gekrümmt in der Ecke an der Wand lehnte. Auch ohne auf seinen Tricorder zu blicken, wusste Hellmann, dass er tot war. Die blutunterlaufenen Stellen an seinem Hals sprachen eine mehr als deutliche Sprache.

„Lemois an Kennedy!“, hörte Hellmann Lemois, die sich sehr schnell wieder gefangen hatte.

Kennedy, Spencer hier.“ Spencers ruhige, sonore Stimme klang für Hellmann unter diesen Umständen beinahe unnatürlich.

„Captain, wir haben Fähnrich Chen gefunden. Er ist tot, wahrscheinlich ermordet. Schicken Sie bitte Dr. M'Boya herüber, um“ – Lemois musste unerwartet schlucken – „den Toten zu untersuchen.“

„Verstanden“, gab Spencer einsilbig zurück. Der Tonfall seiner Stimme sprach ebenfalls Bände.

„Was machen wir jetzt, Commander?“, fragte eine ebenfalls erschütterte Karov. In ihren jungen Jahren hatte sie so etwas noch nicht mit eigenen Augen gesehen. „Die Ausgänge sichern, oder nehmen wir die Suche auf?“

„Nach was wollen Sie denn suchen, Lieutenant?“, wollte Lemois wissen. „Wir bleiben hier, bis Dr. M'Boya fertig ist. Vielleicht kann sie uns mehr sagen.“

„Okay“, bestätigte Karov betrübt, aber noch beherrscht. Sie sah natürlich den Sinn in Lemois‘ Anweisungen, fühlte sich aber so hilflos. „Ich teile meine Leute ein, sie sollen die Zugänge sichern.“

Lemois sah Karov eine Weile nach. Sie erinnerte sich noch genau, als sie ihre erste Leiche gesehen hatte, ihr war dabei auch seltsam zumute gewesen. Sie konnte es Karov besser nachfühlen als es ihr selbst lieb war.

Niemand sprach lauter als nötig, etwas Schweres, Drückendes bezeichnete die Atmosphäre im Maschinenraum der Skate. Ein plötzliches, lautes Summen ließ alle erschreckt herumwirbeln, es war aber nur M'Boya, die mit ihrem Arztkoffer in der exakten Mitte des Maschinenraums materialisierte. Lemois zeigte ihr persönlich die fragliche Stelle.

M'Boya verzog ihre Mundwinkel, als sie sich bei Chen niederließ und fuhr mit ihrem Tricorder auf und ab. Ihre ärztliche Professionalität ließ sich nur mühsam nach außen wahren. Das einzige Mal, dass sie bisher so direkt und dramatisch mit dem Tod in Berührung gekommen war, war die Zeit nach dem Angriff auf die Cousteau gewesen. Die schrecklichen Stunden von damals ließen sich aber kaum mit der momentanen Situation vergleichen. Damals trafen nacheinander viele Leicht- und Schwerverletzte ein, denen sie helfen musste und teilweise nicht mehr helfen konnte, aber die Einzelschicksale verschwammen angesichts der Menge der Patienten. Hier allerdings ging es nur um eine Person, um den jungen Ingenieursfähnrich Chen, der auf grausame Weise sein Leben verloren hatte und diese Tatsache traf sie in diesem Augenblick mehr als alles andere zuvor.

„Was können Sie sagen, Doktor?“, fragte Lemois vorsichtig, nachdem M'Boya ihre erste Untersuchung vorgenommen hatte.

„Er wurde erdrosselt, mit einer Glasfaser oder ähnlichem und ich registriere einen schwachen Rückstand von Beremar-Strahlung auf seiner Uniform. Alles weitere nach der Obduktion. Ich kehre jetzt mit ihm auf die Kennedy zurück.“

„Informieren Sie mich, wenn Sie etwas gefunden haben, Doktor.“

„Sicher, Commander. M'Boya an Kennedy! Beamen Sie mich und den Leichnam von Fähnrich Chen direkt in die Krankenstation!“

Lemois wandte sich ab und informierte Hellmann und Karov.

„Eine Glasfaser? Ich würde auf ein Bestandteil des ODN tippen“, spekulierte Hellmann spontan. „Und Beremar-Strahlung? Entschuldigen Sie, Commander, aber wissen Sie was das ist? Ich habe nie zuvor davon gehört.“ Hellmann war es sichtlich unangenehm, dass er als Wissenschaftsoffizier so etwas nicht wusste und hoffte, dass Lemois Verständnis zeigen würde.

Diese dachte scharf nach. „Ich habe den Namen irgendwann mal gehört, das weiß ich! Führen wir eine Computerabfrage durch.“

„Die Beremar-Strahlung muss also etwas mit dem Mörder zu tun haben?“, fragte Karov, während sie zusammen mit Hellmann Lemois zu einem Computerterminal folgte.

„Da uns Beremar-Strahlung unbekannt ist, kann sie nicht mit den normalen Schiffssystemen zu tun haben und ist deswegen wohl ein Indiz. Gleich wissen wir mehr“, erläuterte Hellmann.

Lemois sprach mit dem Computer der Skate: „Computer?“

„Bereit“, antwortete eine sehr synthetisch klingende Stimme. Die Sprachprozessoren im 23. Jahrhundert waren noch nicht soweit entwickelt gewesen, dass sie eine Stimme perfekt nachbilden konnten.

„Suche nach Informationen über Beremar-Strahlung!“ Lemois hoffte, dass der Computer sie verstand, es war nicht unbedingt davon auszugehen, dass er schon mit normalen, gesprochenen Sätze zurecht kommen würde. Dieser ratterte jedoch eine ganze Weile, bis er endlich antwortete: „Es sind keine Informationen über Beremar-Strahlung in den Dateien.“

„Hm“, überlegte Lemois.

„Zum Zeitpunkt der Außerdienststellung der Skate gab es wohl noch keine Beremar-Strahlung“, stellte Hellmann nüchtern fest.

„Computer, öffne eine Datalink-Verbindung zum Hauptcomputer der Kennedy“, fuhr Lemois fort und gab dabei die entsprechenden Zugangscodes ein.

„Verbindung bereit!“, antwortete der Computer.

Die Synchronisationsprobleme waren also wirklich bereinigt, wie Lemois erfreut feststellte. „Computer, suche in den Datenbanken der Kennedy nach Informationen über Beremar-Strahlung!“

„Bitte warten“, vertröstete die synthetische Stimme des Computers der Skate die ungeduldig wartende Lemois. Das Rattern des Computers dauerte endlose fünfzehn Sekunden länger als zuvor, bis er eine Seite mit den gewünschten Informationen auf einem Sichtmonitor präsentierte.

Lemois, Hellmann und Karov begannen zu lesen. „Sehen Sie sich das an!“, rief Lemois, die mit dem Lesen des angezeigten Textes als erste fertig war.

5

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Wir haben angehalten, um den mysteriösen Todesfall von Fähnrich Chen, der sich im Maschinenraum der Skate ereignet hat, näher zu untersuchen. Verschiedene Indizien, die allerdings zum Teil noch ausgewertet werden, weisen darauf hin, dass diese Tat von einem bis jetzt unbekannten Dritten begangen wurde. Mit anderen Worten, es befindet sich ein Mörder unerkannt an Bord der Skate.

Spencer saß unruhig in seinem Bereitschaftsraum. Nach den ersten beunruhigenden Ereignissen hatte er sofort alle Crewmitglieder von der Skate wieder zurück auf die Kennedy beamen und die Schilde der Skate auf Minimalstärke aktivieren lassen, damit niemand sich in die eine oder die andere Richtung unkontrolliert beamen konnte.

Seit einer halben Stunde untersuchte Lemois zusammen mit Karov und Hellmann die gefundenen Spuren im Wissenschaftslabor und M'Boya war mit der Autopsie Fähnrich Chens beschäftigt. In Momenten wie diesen hätte er zu gerne seine Gewohnheit abgelegt, die Untersuchtungsteams erst ihre Untersuchungen ungestört beenden zu lassen und erst dann Ergebnisse anzufordern. Denn hier war ein Mannschaftsmitglied unter ungeklärten Umständen auf einem seit langem verlassenen Schiff zu Tode gekommen und ihn interessierte für den Moment nichts anderes als die Hintergründe und Ursachen.

Eine Nachricht von Lemois auf dem Computerterminal informierte ihn, dass sie und ihr Team ihre Untersuchungen beendet hatten und auf dem Weg zur Brücke waren, um Bericht zu erstatten. ‚Endlich!‘, dachte Spencer. Kurze Zeit später erreichte ihn ein Intercomsignal.

„M'Boya an Spencer! Ich habe die Autopsie von Fähnrich Chen abgeschlossen.“

„Danke, Doktor. Kommen Sie in den Besprechungsraum.“

„Ich bin unterwegs, Captain“, bestätigte M'Boya.

Spencer verließ seinen Bereitschaftsraum und fing gleich Lemois, Karov und Hellmann ab, die gerade die Brücke betreten hatten. Er führte sie in den Besprechungsraum, M'Boya kam einige Sekunden später dazu.

Terk und DeFalco waren ebenfalls hinzugerufen worden, als Spencer begann: „Da Sie alle wissen, was passiert ist, und worum es hier geht, können wir auf zeitraubende Einleitungen verzichten und gleich mit dem Zusammenstellen unserer Ergebnisse berichten. Commander Lemois?“ Spencer war deutlich sichtbar nicht bei bester Laune.

„Also... Fähnrich Chen wurde wirklich mit einer Glasfaser umgebracht, auf Deck 8 der Skate gibt es die zugehörige unterbrochene Verbindung im optischen Datennetzwerk. Bereits bei ihren ersten Untersuchungen hatte Doktor M'Boya schwache Rückstände von Beremar-Strahlung ausmachen können. Eine Computerrecherche über diese Strahlung hat geradezu erstaunliche Ergebnisse geliefert. Mr. Hellmann?“

„In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts hatte die Sternenflotte damit begonnen, einzelne Leute durch Störfelder für Sensoren unsichtbar zu machen“, begann ein überrumpelter Hellmann geordnet. „Eine der Ansätze war, dass ein Ring einer bestimmten Strahlung die entsprechende Person umgeben sollte. Diese Strahlung wurde nach ihrem Entdecker Beremar-Strahlung getauft. Die Experimente mit ihr wurden allerdings bald eingestellt, da man Gefahr läuft, einen permanenten Schaden des Gehirns und des Nervensystems zu erleidet, wenn man ihr lange ausgesetzt ist.“

„Nirgendwo in der Föderation wird heute noch Beremar-Strahlung eingesetzt“, ergänzte Lemois.

Spencer nickte und wandte sich dann an M'Boya. „Haben Sie etwas Neues gefunden, Doktor?“

„Diese Beremar-Strahlung baut sich sehr schnell ab. Zehn Minuten später und wir hätten keine gefunden. Keine weiteren Auffälligkeiten, leider.“

„So. Hilft uns das weiter?“, richtete Spencer die Frage an alle versammelten Offiziere.

„Vielleicht, Sir“, antwortete Karov. „Alle Nachforschungen wegen den Projektteams, die damals die Störfelder entworfen haben, verliefen ergebnislos. Allerdings geriet mir dabei die Akte des entflohenen Gefangenen auf den Bildschirm, die heute morgen per Subraum kam. Wie hieß er gleich? Ralph Leyton?“

Lemois hob ihre Augenbrauen. „Der Irre, der vor einigen Tagen aus der Anstalt auf Beta Aurigae entflohen ist?“

„Genau“, bestätigte Karov und warf seine Personalakte ohne Vorwarnung auf den Wandmonitor. „Dieser Ralph Leyton war wegen eines Hirnschadens in der geschlossenen Abteilung, nachdem er vor zwei Jahren nach einem brutalen Überfall auf ein Forschungsschiff festgenommen wurde. In den Jahren davor trat er als Bastler und Tüftler auf. Jeder konnte von ihm die Waffen, die Schilde oder die Antriebe seines Schiffes gegen entsprechende Bezahlung verbessern lassen. Er war als ‚der Ingenieur‘ bekannt. Es gibt einige Vermerke in der Akte wegen illegaler Geräte oder so für die Jahre zwischen 2302 bis 2336, zu einem längeren Haftaufenthalt kam es jedoch nie, dank diverser Tipps an die Sternenflotte über seine Kunden.“

Lemois, wie auch die anderen, hatte sich interessiert die Akte auf dem Monitor angesehen und Karov zugehört. „Das ist doch komisch!“, rief sie. „Fünfunddreißig Jahre lang werkelt er an technischen Geräten herum und plötzlich, von einem auf den anderen Tag ist er an einem brutalen Überfall beteiligt. Das passt nicht zusammen! Nur was hat er mit Beremar-Strahlung und dem Mord hier zu schaffen?“

„Vielleicht kann ich mehr sagen, wenn ich Einzelheiten über diesen Hirnschaden erfahren kann“, meinte M'Boya.

„Dann besorgen Sie sie sich, Doktor!“

M'Boya nickte stumm. Sie schätzte es nicht besonders, wenn Lemois so kühl und bestimmend ihre Befehle verteilte.

„Eines verstehe ich nicht“, warf Hwang ein und wechselte das Thema. „Bei unserem Eintreffen zeigten die Sensoren keine Lebensformen auf der Skate an. Danach waren Mr. Terk und Fähnrich Chen an Bord, also zwei Lebenszeichen. Kurz vor dem Mord waren es dann aber drei und sofort wieder zwei, falls man den Sensorenwerten trauen kann.“

„Den kann man trauen. Alle Sensorsysteme sind tipptopp in Ordnung“, unterbrach DeFalco.

„Ja, gut. Nur warum wurde der Mörder zuerst nicht angezeigt, dann aber doch? Oder gibt es für das zweite Lebenszeichen nach dem Mord eine andere Erklärung?“, führte Hwang ihren Faden weiter.

Terk ergriff das Wort. „Die Sensoren sind darauf programmiert, Lebenszeichen zu verfolgen, sobald sie einmal geortet wurden. Das Störfeld aus Beremar-Strahlung hat den Mörder zuerst erfolgreich vor den Sensoren verborgen. Nachdem er für den Mord das Feld kurz abgeschaltet hat, hatten die Sensoren seine Lebenszeichen empfangen können und sie empfangen es immer noch. Eine genaue Lokalisierung wird jedoch durch das Beremar-Feld verhindert.“

„Und woher wissen wir dann überhaupt von dieser Beremar-Strahlung, wenn unsere Sensoren sie nicht aufspüren können?“, wunderte sich Hwang.

„Die Schiffssensoren können sie nicht orten, die Tricorder schon“, antwortete Hellmann. „Fragen Sie mich nicht, warum.“

„Das ist ja alles schön und gut, aber es bringt uns nicht weiter“, warf Spencer, der sich die Beiträge seiner Offiziere interessiert angehört hatte, ein. „Wir sollten uns vielleicht vorrangig darauf konzentrieren, den Mörder, der sich noch auf der Skate befindet, zu fassen. Alle weiteren Fragen kann er uns ja dann beantworten. Mit den Sensoren kämen wir nicht weit, sehe ich das richtig?“

„Ja, Sir“, bestätigte Terk. „Wir empfangen zwar ein Lebenszeichen, können es aber nicht genau lokalisieren.“

„Können Sie es wenigstens ungefähr eingrenzen? Oder die Person durch die Lebenssignale identifizieren?“, fragte Lemois.

„Nein, Commander. Wir empfangen nur ein ungenaues Signal. Keine Koordinaten“, antwortete Terk.

„Wie sieht es mit Verbesserungen der Sensoren aus?“, fragte sie weiter.

„Schlecht“, antwortete DeFalco rundheraus. „Wir wissen zu wenig über Beremar-Strahlung, um die Sensoren entsprechend zu modifizieren.“

„Dann vervollständigen sie ihr Wissen und versuchen etwas“, bestimmte Spencer und nahm dabei DeFalco und Hellmann ins Visier. „Weitere Möglichkeiten?“

„Wenn wir ihn nicht direkt orten können, dann vielleicht indirekt“, überlegte Karov. „Vielleicht durch irgendetwas, was er auslöst?“

„Die internen Sensoren?“, schlug Hellmann vor.

„Die internen Sensoren der Skate verbrauchen zu viel Energie, um das gesamte Schiff auf einmal scannen zu können. Wir haben ja nur ein paar Fusionsreaktoren“, antwortete DeFalco. „Zumal nicht gesagt ist, dass die internen Sensoren der Skate besser dran sind als unsere externen.“

Hwang meldete sich zu Wort. „Wer auch immer da drüben ist, muss doch von etwas leben. Essen, Trinken und so weiter. Wie konnte er das, da die Skate vor unserer Ankunft vollständig ohne Energie war?“

„Vielleicht hat er Notrationen dabei?“, fragte Lemois zurück.

M'Boya kam eine Idee. „Wir müssen ihn dazu bringen, die Replikatoren der Skate zu benutzen. Dann wissen wir, wo er sich aufhält.“

„Zu der Zeit, in der die Skate im Dienst war, gab es noch keine Replikatoren“, warf DeFalco ein.

„Dann eben das entsprechende Gerät. Die Essensausgabe jedenfalls.“ M'Boya klang aufgebracht, es ging ihr um die Idee und es war ihr egal, wie die entsprechenden Geräte hießen.

„Nahrungssynthesizer“, brummte Spencer. „Das klingt gar nicht schlecht, Doktor, Und wie wollen Sie ihn überreden, von seinen Rationen wieder auf normale Nahrung umzusteigen?“

„Luftfeuchtigkeit herabsetzen und Temperatur erhöhen“, schlug sie nach kurzer Überlegung vor. „Dann muss er mehr trinken als seine Rationen hergeben und benutzt so einen Nahrungs...“

„... synthesizer“, ergänzte Spencer freundlicherweise. „Das ist einen Versuch wert. Und sobald er das tut, erhalten wir eine Energieanzeige, die wir zuordnen können, sofern er nicht vorher versucht, auf die Umgebungskontrollen zuzugreifen, was dasselbe bewirken würde. Ein Sicherheitsteam beamt an die entsprechende Stelle, kann ihn sehen und zur Strecke bringen. Gerry, wie lange brauchst du für die Modifikation der Umweltkontrollsysteme?“

„Überhaupt nicht. Das kann ich von hier aus auf Knopfdruck.“

„Okay. Lieutenant Karov, stellen Sie ein Sicherheitsteam zusammen und halten Sie sich im Transporterraum bereit. Denken Sie daran, Sie haben nur ihre visuellen Sensoren. Und es wird heiß werden.“

„Ja, Sir.“ Karov verstand, lächelte aber nicht.

„Hat sonst noch jemand etwas zu sagen?“, fragte Spencer abwartend in die Runde, bevor er die Besprechung beendete.

„Keine Veränderungen, Sir“, meldete Torrente aus dem Kommandosessel nach seinem Wiedereintreffen auf der Brücke. Spencer nahm es zur Kenntnis.

Die Brückenoffiziere lösten ihre Vertreter an den Stationen ab, DeFalco besetzte die Maschinenstation und M'Boya ließ sich auf den Platz des Missionsbegleiters neben Spencer nieder. Karov und Hellmann verschwanden im Turbolift.

„Gerry?“, fragte Spencer nur.

„Bin schon dabei. 40 Grad Lufttemperatur bei 15 Prozent Luftfeuchtigkeit. Eingestellt“, antwortete DeFalco ungewöhnlich unspektakulär für seine Verhältnisse.

„Karov an Brücke! Das Sicherheitsteam steht im Transporterraum bereit, Sir.“

„Verstanden“, antwortete Spencer. „Mr. Terk, sobald Sie eine nicht registrierte Energieanzeige von dem Schiff empfangen, senken Sie die Schilde der Skate und leiten die Koordinaten direkt an den Transporterraum weiter.“

„Aye, Sir“, bestätigte Terk.

„Umgebungskontrollen auf der Sauna eingestellt. Ich meine... auf der Skate“, brummte DeFalco.

„Wir wissen, was du meinst“, gab Spencer zurück. „Ist es möglich, auf das Intercomnetz der Skate zuzugreifen?“

Terk nickte.

„Dann schalten Sie mich auf. Bevor wir Gewalt anwenden, sollten wir es zumindest mit Worten versuchen. Man glaubt gar nicht, welche Wirkung die manchmal haben können...“

„Sie können sprechen.“

„Achtung! Hier spricht Captain Robert Spencer von der U.S.S. Kennedy. An alle Personen, die sich unrechtmäßig auf der U.S.S. Skate aufhalten! Schalten Sie ihre Sensorenstörfelder ab und bereiten Sie sich darauf vor, zu uns an Bord gebeamt zu werden. Andernfalls werden wir Sie gewaltsam aufspüren müssen und ich kann Ihnen versprechen, das werden wir auch! Und wenn wir das tun, wird es sich sicherlich weder positiv auf Ihre Gesundheit noch auf Ihr Strafmaß auswirken. Ende.“ Durch einen unmissverständlichen Wink wies er Terk an, den Kanal zu schließen.

„Jetzt heißt es warten“, bemängelte Lemois, die offen ihre geringe Meinung von dieser Tätigkeit ausdrückte.

„Ich gehe dann mal wieder“, verabschiedete sich M'Boya. „Mal schauen, was Karov und ihre Leute von dem Mörder übrig lassen“, schmunzelte sie, während sie zum Turbolift schlenderte.

Lemois sah ihr nach. „Das ist nicht witzig, Doktor!“, rief sie, doch einen Augenblick zu spät. Der Turbolift war bereits auf seinem Weg in die Tiefe. Die einzige Reaktion, die sie erhielt, war ein verständnisloses Schulterzucken Spencers.


Eine Stunde lang passierte beinahe nichts auf der Brücke der Kennedy. Spencer saß ruhig in seinem Sessel und spürte die wachsende Anspannung von Lemois neben ihm. Sie konnte, wie er nicht zum ersten Mal feststellte, lange Wartezeiten nur schwer ertragen und begann auch jetzt wieder, fast unmerklich auf ihrem Stuhl herumzurutschen. Durch die von ihr unterbewusst ausgesandte Unruhe, hatte auch Spencer Mühe, seine Gelassenheit beizubehalten, die er endlich nach den Vorfällen auf der Cousteau und der Magellan wiedergefunden hatte. Und wenn bereits Lemois ungeduldig wurde, wie würde es dann der jüngeren und noch ungeduldigeren Karov, die seit einer Stunde mit einem Sicherheitsteam im Transporterraum ungewissen Dingen harrte, ergehen?

Plötzlich sprang Lemois auf. „Sir, ich werde die Leitung des Sicherheitsteams übernehmen!“, beschloss sie und verschwand eiligen Schrittes im Turbolift. Spencer sah ihr nach und schüttelte kurz seinen Kopf.

„M'Boya an Brücke!“

„Brücke, Spencer hier.“

„Ich habe Einzelheiten über den Hirnschaden dieses Ralph Leyton angefordert. Es spricht nichts dagegen, dass er durch Beremar-Strahlung verursacht worden sein könnte.“

„Aber auch nichts dafür?“, fragte Spencer zurück.

„Genau, Captain. Wir wissen fast nichts über die Strahlung.“

„Jedenfalls danke, Doktor“, bestätigte Spencer. „Spencer an Transporterraum 1!“

„Karov hier.“ Lemois war wohl noch nicht im Transporterraum angekommen, deshalb antwortete Karov.

„Doktor M'Boya hat sich den Hirnschaden des gesuchten Ralph Leyton angesehen und festgestellt, dass er durchaus durch Beremar-Strahlung entstanden sein kann. Seien Sie vorbereitet.“

„Danke, Captain. Sind wir. Karov Ende.“

Spencer hakte in Gedanken auch diesen Punkt ab.

„Dieser Leyton hat ja ein ganz schönes Durchhaltevermögen, wenn er das ist“, ließ sich Hwang vernehmen, die an ihrer Steuerkonsole noch weniger als Spencer zu tun hatte, da sie bereits seit knapp über einer Stunde ohne jeglichen Antrieb im Raum hingen. „Aber lange schafft er das nicht mehr bei 40 Grad.“

„Das will ich auch hoffen“, brummte Spencer. ‚Bevor sich noch mehr Leute vor Ungeduld von der Brücke verabschieden‘, fügte er im Geiste hinzu.

Warnende Signale von der Einsatzleitungskonsole einige Augenblicke später ließen Spencer aufhorchen.

„Sir, eine Energieanzeige von der Skate. Jemand versucht, auf die Umweltkontrollsysteme zuzugreifen.“, meldete Terk.

„Bestätigt. Deck 5, Sektion 8C“, fügte DeFalco hinzu.

„Benachrichtigen Sie den Transporterraum!“, reagierte Spencer.


Lemois war gerade zu Karov und ihrer Sicherheitsmannschaft hinzugetreten und hatte sich mit ihr verständigt, dass sie die Teamleitung übernehmen würde, um, so wie sie sagte, „sie nicht etwa zu überwachen, sondern bei der Action dabei zu sein.“ Karov hatte vollstes Verständnis signalisiert.

„Commander, ich erhalte gerade Zielkoordinaten“, unterbrach Chief Sisota die leise Unterhaltung zwischen Lemois und Karov.

„Aufstellung nehmen!“ Jetzt war Lemois wieder in ihrem Element. „Und Energie!“

Bei ihrer Rematerialisierung an Bord der Skate wurden sie von einer enorm trockenen Hitze in einem dunklen Korridor begrüßt, den nur die Notbeleuchtung erhellte.

Das Team bestand aus Lemois, Karov, den Fähnrichen Jakobs und Wardorff und Crewman Asenzi. Sie sahen sich verstohlen um, konnten aber niemanden entdecken. Karov, die als einzige außer Lemois einen Tricorder bei sich hatte, versuchte einen Scan der Umgebung vorzunehmen, musste aber einen Fehlschlag hinnehmen. „Keine Lebenszeichen außer den unseren.“

Das Zischen einer Tür auf dem Korridor erregte die Aufmerksamkeit des Sicherheitsteams. „Dort!“, rief einer der jungen Sicherheitswächter. Die Gestalt, die die Tür gerade verlassen hatte, wirbelte erschrocken herum und feuerte aus einer nicht weiter zu bestimmenden Strahlenwaffe einen bläulich glühenden Schuss auf das Sicherheitsteam ab, der glücklicherweise in einer Wand endete. Ein tiefes Summen ertönte dabei. Das Team hatte sich sofort auf den Boden geworfen und erwiderte den Schuss gleich dutzendfach.

„Stellen Sie ihr Feuer ein und bleiben Sie stehen! Sternenflotte!“, rief Lemois laut. Sie konnte in dem diffusen Licht des Korridors erkennen, dass es sich um einen männlichen Humanoiden handelte, der bezüglich der Personeneckdaten tatsächlich Ralph Leyton entsprach. Dieser jedoch überhörte diese Aufforderung jedoch und verschwand stattdessen in die Gegenrichtung. Ein gezielter Schuss Karovs traf ihn, kurz nachdem er sich abgewandt hatte, erreichte aber weiter nichts als ein Aufflackern des Kraftfelds, das ihn umringte.

„Verdammt!“, entfuhr es Lemois. „Phaser auf Stufe 3 und Verfolgung aufnehmen! Los!“

Die vier Sicherheitsoffiziere und Lemois rappelten sich auf und schlichen den Korridor entlang, drückten sich an die Wände und feuerten gelegentlich einen ungezielten Schuss in die Richtung ab, in die Leyton verschwunden war, der in den meisten Fällen von einem ebenso ungezielten Schuss erwidert wurde. Die roten Strahlen der Sternenflottenphaser und von einem tiefen Summen begleitete blaue Strahl aus der Waffe Leytons wirkten auf dem verlassenen, halbdunklen Korridor der Skate noch bedrohlicher, als sie es ohnehin schon waren. Es war weiterhin unerträglich heiß und trocken, jeder Schritt wurde für das Sicherheitsteam beinahe zur Qual.

Sie hatten Leyton bereits einige Meter zurückgedrängt, als plötzlich die Phaserschüsse der Sicherheitswächter nicht mehr beantwortet wurden. „Stop! Wo ist er hin?“, rief Karov.

Wie als Antwort öffnete sich eine der Korridortüren und ein gezielter Schlag streckte den genau davor stehenden Asenzi nieder, der bewusstlos zu Boden sank.

Das Team wirbelte erschrocken herum und der ihm am nächsten stehende Fähnrich, es war Jakobs, sprang auf Leyton zu, doch seine Schläge wurden abgewehrt und er selbst selbst taumelte nach einigen harten Schlägen zurück. In dieser Umgebung war es nicht leicht, sich schnell und gezielt zu bewegen, musste er schmerzvoll feststellen.

„Nehmen Sie die Hände hoch und lassen Sie die Waffe fallen!“ Lemois hatte ihren Phaser auf Leyton angelegt und feuerte, nachdem Leyton nicht reagierte. Doch auch auf der höheren Einstellung prallte der Strahl vom Kraftfeld, dass Leyton umgab, ab und erzeugte nur einen Funkenregen. ‚Seltsam!‘, durchfuhr es sie. ‚Wieso kann man mit Schlägen das Kraftfeld durchdringen, aber nicht mit dem Phaser?‘ Sie stellte ihr Feuer kurzzeitig ein, um eine höhere Leistungsstufe auszuwählen.

Leyton riss währenddessen seine Waffe aus der Halterung und legte mehr oder weniger gezielt auf Lemois an. Karov sah die Bewegung und sprang auf ihn zu, um ihm die feuernde Waffe aus der Hand zu schlagen, doch sie kam Bruchteile von einer Sekunde zu spät. Der Strahl traf genau Lemois‘ Phaser und versengte ihre Hände. Mit einem lauten Schrei stürzte sie zu Boden. Gleichzeitig schlug Karov Leyton die feuernde Waffe aus der Hand und rettete ihr so das Leben. Die Waffe wirbelte durch die Luft, prallte gegen die Decke und landete polternd auf dem Korridorfußboden.

Leyton versuchte, Karov niederzuschlagen, sie konnte sich aber erfolgreich verteidigen und ermöglichte es so dem letzten Sicherheitswächter, der sich noch auf den Beinen befand, Fähnrich Wardorff, Leyton einen gezielten Schlag auf die Schulter zu verpassen, der ihn zu Fall brachte. Wardorff setzte nach und wollte Leyton auf den Boden drücken, doch der wehrte sich weiterhin.

Karov konnte sich durch Wardorffs Eingreifen aus dem Griff Leytons lösen und wollte ihm gerade zu Hilfe kommen, als ein harter, direkt nach oben geführter Ellbogenschlag Leytons ihren Magen traf. Sie taumelte zurück und konnte sich nur mühsam auf den Beinen halten und auch Wardorff musste durch diese urplötzliche Bewegung seinen Griff lockern und verlor das Gleichgewicht durch einen gezielten Fußtritt Leytons auf seine Kniescheibe. Fähnrich Jakobs, der sich wieder aufgerappelt hatte, versuchte noch, Karov und Wardorff zu Hilfe zu kommen, konnte aber Leyton, der jetzt weiter den Korridor entlang rannte, nicht mehr erreichen, sondern landete hart auf dem Korridorfußboden.

Als Lemois Leyton an sich vorbeilaufen sah, löste sie sich aus ihrer Erstarrung, richtete sie sich halb auf und ergriff mit ihren schmerzenden und fast tauben Händen Leytons Waffe, die nur einen Schritt entfernt neben ihr auf dem Boden lag. „Stehenbleiben oder ich schieße!“, rief sie mit schmerzverzerrter Stimme.

Leyton ignorierte diese Aufforderung und rannte schnurstracks weiter geradeaus auf eine Tür zu. Lemois konnte aus ihrer Position erkennen, dass es eine Turbolifttür sein musste. ‚Wenn er jetzt den Turbolift erreicht, ist er weg‘, dachte sie und betätigte den Auslöser an Leytons Waffe. Aufgrund ihrer gefühllosen Hände konnte sie nicht richtig zielen, der Strahl verfehlte ihn zuerst um einige Meter, doch durch enorme Konzentration schaffte sie es schließlich dennoch, wenn auch mit zitternden Händen, ihn zu treffen. Funken sprühten aus dem Leyton umgebenden Kraftfeld und es knisterte laut. Die Turbolifttüren glitten vor ihm auseinander. Einen Moment später traf der Strahl aus ihrer Waffe nur noch die Rückwand des Turboliftschachtes. Ein Schrei war zu hören und Leyton war verschwunden. Die Lifttüren schlossen sich wieder.

Lemois feuerte noch einige Sekunden wie in Trance auf die Lifttüren, bis Karov ihr vorsichtig eine Hand auf die Schulter legte. „Es ist gut, Commander.“ Lemois sah sie an, verstand und ließ die Waffe kraftlos fallen. Danach warf sie einen starren Blick auf ihre Hände, taumelte und brach dann, trotz Karovs Versuche, sie zu stützen, zusammen.

„Commander!“, rief Karov besorgt und beugte sich zu ihr herab. Jakobs und Asenzi, die ebenfalls wieder auf den Beinen waren, kamen hinzu, nur Wardorff blieb gekrümmt am Boden liegen. Nach einem kurzen Tricorderscan atmete Karov jedoch erleichtert auf. „Sie ist nur bewusstlos“, informierte sie die übrigen. „Sehen Sie am Turboschacht nach!“, wies sie Jakobs und Asenzi an. die sich gehorsam auf den Weg machten.

„Wie geht's Ihnen, Wardorff?“, fragte sie abschließend.

„Es geht schon“, presste er hervor. „Er hat genau mein Knie getroffen. Es schmerzt.“

Karov wollte gerade Meldung erstatten, als sie Spencers Stimme durch den Kommunikator der immer noch bewusstlos daliegenden Lemois vernahm. „Spencer an Lemois! Was ist los bei Ihnen?“

Karov tippte nun ihrerseits auf ihren Kommunikator. „Karov an Kennedy! Es kam zu einem Kampf zwischen uns und dem Mörder. Wir haben einige Schläge und Tritte abbekommen, Commander Lemois hat Phaserverbrennungen erlitten und ist bewusstlos. Sie und Fähnrich Wardorff müssen sofort in die Krankenstation!“ Karov bemühte sich, möglichst nüchtern zu berichten, was ihr auch fast gelang.

„Verstanden. Spencer an Transporterraum 1! Erfassen Sie die Signale von Commander Lemois und Fähnrich Wardorff und beamen Sie sie direkt in die Krankenstation. Dr. M'Boya, es sind zwei Patienten zu ihnen unterwegs“, hörte Karov Spencers Kommandos aus dem Kommunikator.

Lemois und Wardorff lösten sich einige Sekunden später schimmernd im Transportvorgang auf.

„Was ist mit dem Mörder? War es Leyton? Wo ist er?“, fragte Spencer weiter.

„Ja, ich glaube es war Leyton.“ Sie warf einen fragenden Blick zu Jakobs und Asenzi, die gerade zurückkamen und den Blick mit einem ratlosen Schulterzucken erwiderten.

„Was ist denn nun?“, fragte Spencer nachdrücklicher.

„Commander Lemois hat auf ihn mit seiner eigenen Waffe gefeuert, während er auf einen Turbolift zurannte. Als sich die Lifttüren öffneten, ist er verschwunden.“

„Was heißt verschwunden? Ist er tot oder was?“ Spencers Stimme klang nun sowohl bestimmend, als auch verwirrt.

Karov nickte Jakobs zu, der an ihrer Stelle antwortete. „Hier spricht Fähnrich Jakobs. Sir, hinter dieser Türe war kein Turbolift. Er ist wahrscheinlich in den offenen Turboschacht gestürzt, wenn er nicht schon vorher tot war.“

„Aha. Checken Sie das und kommen Sie dann zurück!“

„Verstanden“, bestätigte Karov.

„Ist sonst noch etwas?“, fragte Spencer.

Erst jetzt fiel Karov wieder die trockene Hitze auf, in der sich der ganze Kampf abgespielt hatte. Alle waren nass geschwitzt und aufgrund der verlangsamten Reaktionen in dieser Umgebung hatte das Sicherheitsteam bei der Untersuchung keine besonders gute Figur gemacht. Karov nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit, einige Übungen in vergleichbarer Umgebung abzuhalten.

„Ja, Captain“, antwortete sie bittend auf Spencers Frage. „Bitte stellen Sie die Temperatur wieder auf normal. Wir kommen hier sonst noch um.“

„In Ordnung, Miss Karov. Spencer Ende“, antwortete der Kommunikator trocken.

Karov begab sich zu Jakobs und Asenzi, die am offen stehenden Turboschacht auf sie warteten. Sie begannen mit der Untersuchung und hielten ihre Augen und Ohren offen.

6

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21769.8, Commander Spencer: [07.10.2344 17:55:24]

Ein Teil des Außenteams ist unverrichteter Dinge wieder auf die Kennedy zurückgekehrt. Commander Lemois und Fähnrich Wardorff werden im Moment in der Krankenstation behandelt, ein Wissenschaftsteam auf der Skate soll den Verbleib Leytons klären.

Spencer hatte den Eintrag gerade in sein PZAG fertig diktiert, als sich die Türen zur Krankenstation vor ihm öffneten. Er sah Lemois und Wardorff, die gerade von M‘Boya und ihrem Pflegerteam behandelt wurden.

„Wie sieht's aus, Doktor?“, fragte Spencer.

M'Boya drehte sich um. „Ah, Captain. Commander Lemois hat schwerwiegende Verbrennungen an ihren Händen erlitten und leidet an einem Phaserschock. Mit ein bisschen Hautregeneration ist es da nicht getan, aber sie wird wieder vollständig gesund. Fähnrich Wardorffs Knie ist ebenfalls bald wieder einsatzbereit.“

Lemois versuchte, sich aufzurichten, ein schwieriges Unterfangen, da sie ihre Hände nicht belasten konnte. „Captain, ich...“, begann sie, doch M'Boya, die mit Spencer auf sie zuging, unterbrach sie: „Bleiben Sie ruhig liegen, Commander. Und stellen Sie sich gleich darauf ein, dies noch für einige Zeit zu tun. Ihre Hände müssen heilen und sie müssen sich ausruhen.“ Sie klang keineswegs bestimmend, sondern überwiegend freundlich.

Resigniert ließ sich Lemois wieder zurückfallen. M'Boya ging zu Fähnrich Wardorff, nahm bei ihm einige Analysen vor und ließ Spencer mit Lemois allein.

„Das war gute Arbeit, Commander. Sie hätten sich aber nicht so in Gefahr bringen müssen.“ Spencer hatte einen Kurzbericht von Karov angefordert, nachdem Hellmann und zwei weitere Wissenschaftler zur Skate hinüber gebeamt waren.

„Haben Sie ihn?“, fragte sie, ohne auf Spencers Worte einzugehen.

Spencer schüttelte den Kopf. „Nachdem sie auf ihn gefeuert hatten, ist er in den Turboschacht gefallen, wo er verschwand. Warum sich die Lifttür geöffnet hatte, obwohl keine Kabine bereitstand, und wo er sich jetzt befindet, wird gerade untersucht.“

Lemois schaute auf ihre Hände. Der Hautregenerator hatte zwar die Oberfläche zum überwiegenden Teil wiederherstellen können, doch wegen den beschädigten Nerven- und Blutbahnen hatte sie für den Moment nur rudimentäres Tastgefühl und Griffsicherheit wiedererlangt. „Vielleicht sollte ich mich bei Karov bedanken. Ich habe da großes Glück gehabt“, murmelte sie vor sich hin.

„Das können Sie laut sagen, Commander“, meinte Spencer mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck, indem er einen ihrer Lieblingsausdrücke benutzte. „Wie lange muss ich eigentlich auf Sie verzichten?“

„M'Boya will mich bis morgen zur Beobachtung hier behalten und dann noch einige Tage vom Dienst befreien“, antwortete Lemois. „Sie übertreibt es, wie ich finde.“

„Bis wir im Lalande-System eingetroffen sind, kommen wir gut ohne Sie aus. Nutzen Sie die Zeit, erholen Sie sich und ruhen sie sich aus. Doktor M'Boya weiß schon was sie sagt, oder?“ Er sprach den letzen Satz absichtlich lauter aus.

„Worauf Sie sich verlassen können, Captain“, antwortete sie scherzhaft empört, ohne von ihren Untersuchungen abzulassen.

„Da hören Sie es, Commander.“

„Ich füge mich ja, Captain, ungern...“ Sie deutete ein versöhnliches Lächeln an.

„Ich werde dann mal sehen, was die auf der Skate inzwischen herausgefunden haben. Gute Besserung“, verabschiedete sich Spencer.

„Danke, Sir.“ Lemois drehte sich um, um ein wenig zu schlafen.

Am Ausgang der Krankenstation kam ihm Hwang entgegen.

„Auf Krankenbesuch?“, fragte Spencer, der, wie Hwang feststellte, unüblicherweise recht passabel gelaunt war.

„Sicher, Captain. Oder störe ich gerade?“

„Da müssen Sie den Doktor fragen.“

„Ich frage ihn.“ Hwang betrat schmunzelnd an Spencer vorbei die Krankenstation, er selbst bog links ab und fuhr mit dem Turbolift in die Offiziersmesse, um dort eine Stärkung zu sich zu nehmen. Solange sich Hellmann noch nicht gemeldet hatte, hatte er auch noch nichts herausgefunden, also brauchte er nicht ihn nicht zu kontaktieren.


„Aber nur fünf Minuten“, meinte M'Boya währenddessen zu Hwang in der Krankenstation.

„Geht klar, Doktor“, bestätigte Hwang und ging auf die Liege zu, auf der Lemois lag. „Hallo. Wie geht's dir?“

Lemois öffnete wieder ihre Augen. „Oh, hallo. Alles bestens, bis auf...“ Sie hielt ihre Hände in die Höhe.

Hwang starrte sie entsetzt an. „Das sieht wirklich schlimm aus. Tut‘s weh?“

„Es prickelt“, antwortete Lemois unschlüssig.

„Das war knapp, hm?“

„Ja. Und jetzt darf ich nicht mehr auf die Brücke, bis wir im Testgebiet eintreffen.“ Lemois versuchte an Hwang vorbei M'Boya einen Blick zuzuwerfen.

„Und dann kannst du wahrscheinlich zwei Schichten übernehmen, weil sich der Captain bestimmt öfter mit dem Testteam auf der Skate aufhalten wird als bei uns auf der Brücke“, ergänzte Hwang in scherzhaftem Ton.

Lemois dachte an all die Stunden, in denen sie auf der Brücke Spencer hat vertreten müssen, während er sich im Maschinenraum, im Holoraum oder in den Jeffries-Röhren die Zeit vertrieben hatte. „Dann sollte ich mich besser gründlich ausschlafen“, stellte sie fest.

„Siehst du, hat doch alles sein Gutes. Das Racketball-Turnier für heute Nachmittag habe ich wegen Fähnrich Chen bereits abgesagt.“

„Ist gut“, murmelte Lemois nachdenklich.

„Ich schaue dann später noch einmal vorbei. Gute Besserung“, verabschiedete sich Hwang, als sich M'Boya ihr näherte.

„Danke, Kim. Mach's gut“, gab Lemois zurück.

Zusammen mit dem wieder entlassenen Wardorff verließ sie die Krankenstation. „Auf Wiedersehen, Doktor!“

M'Boya sah auf. „Aber nur außerdienstlich.“ Sie sah Hwang lächelnd an.

„Bestimmt“, gab Hwang fröhlich zurück. Hinter ihr schlossen sich beinahe geräuschlos die Türen zur Krankenstation.

M'Boya war noch einige Minuten mit dem Zusammenpacken ihrer Testergebnisse und Geräte beschäftigt. Als sie fertig war, sah sie sich um und stellte fest, dass Lemois eingeschlafen war. Sie stellte die Geräte, die sie überwachten, auf automatischen Alarm und begab sich in ihr Büro, um die erfolgten Behandlungen in die Krankenakten zu übertragen.


Karov stand währenddessen zusammen mit Hellmann, Fähnrich Krovic aus der Wissenschaftsabteilung und Fähnrich Walker aus der Ingenieursabteilung auf dem Korridor der Skate und hatte gerade ihre Schilderung der vorangegangenen Ereignisse beendet. Die Sicherheitswächter Jakobs und Asenzi hielten sich einige Meter entfernt auf und achteten darauf, dass sich auf dem halbdunklen Korridor kein ungebetener Gast näherte. Ihre Phaser hatten sie beide auf Stufe 4 justiert nachdem auch der Beschuss mit dem Stufe 3-Phaser von Lemois erfolglos geblieben war. Mit einem Ohr hatten sie Karovs Ausführungen verfolgt und stellten fest, dass sie sich zwar bemühte, objektiv zu berichten, aber trotzdem gelegentlich über eine nüchterne Schilderung hinausging.

„Dann wollen wir mal“, meinte Hellmann, nachdem Karov geendet hatte. Langsam ging er auf die Turbolifttür zu, hinter der Leyton verschwunden war. Sie öffnete sich vor ihm und er konnte in den dunklen Turboschacht hinunterschauen. Er drehte sich zu den übrigen um. „Fähnrich Walker, Sie finden mal heraus, warum die Liftkabine abgestürzt ist und sich die Türe trotzdem öffnen lässt. Krovic, ich hätte gerne eine detaillierte Aufstellung von Beremar-Rückständen auf diesem Flur und wenn Sie sonst noch etwas finden, um so besser. Noch etwas: Sobald Sie sich mehr als einige Meter von hier entfernen, nehmen Sie einen Leibwächter mit. Die Gegend hier ist nicht geheuer.“

Walker begann Daten aus einem Computerterminal an der Wand abzurufen und Krovic scannte mit ihrem Tricorder ausgiebig den Fußboden und die Wände, Asenzi folgte ihr ungefragt, als sie sich ein Stück entfernte, um mit seinen Untersuchungen an der Position zu beginnen, an der der Kampf mit Leyton aufgenommen wurde.

„Und Sie?“, fragte Karov.

„Sie hatten gesagt, Leyton ist hier abgestürzt?“ Hellmann zeigte auf die immer noch offene Tür des Turboschachtes.

Karov nickte. Hellmann holte seinen Tricorder hervor und scannte das innere des Turboschachtes. „Interessant. Es gibt Beremar-Strahlung im Schacht, aber kein Lebenszeichen. Moment.“ Er veränderte verwirrt einige Einstellungen am Tricorder. „Was ist das denn?“

„Was ist was?“, fragte Karov, die neben Hellmann stand und sich bemühte, einen Blick auf seinen Tricorder zu erheischen.

„Es gibt an den Seitenwänden zwar Rückständen von Beremar-Strahlung, aber nur in Höhe von zwei Decks unter uns.“ Ein Aufblitzen seiner Augen sagte Karov, dass er eine Idee hatte.

„Das werde ich vor Ort untersuchen.“ Er tippte auf seinen Kommunikator. „Hellmann an Frachtraum 2! Beamen Sie bitte meine Bergsteiger-Ausrüstung zu mir!“

„Verstanden, Lieutenant“, bestätigte eine Stimme aus Hellmanns Kommunikator.

Vor Hellmann und Karov materialisierte einige Sekunden später eine moderne Ausrüstung für Bergsteiger mit einem Flexform-Seil, diversen Arretierungen und speziellen Haken. Mit einigen gekonnten Griffen nahm Hellmann das Seil, befestigte es an sich und überprüfte dessen Haltbarkeit mit dem Tricorder.

„Sie wollen in den Schacht hinunter?“, erkundigte sich Karov.

„Ja, genau“, antwortete Hellmann. „Meiner Ausrüstung traue ich mehr als sechzig Jahre alten Leitern.“

„Machen Sie so etwas öfter?“, fragte Karov interessiert weiter.

„Immer wenn ich Zeit dazu finde und eine passende Örtlichkeit“, antwortete Hellmann abwehrend. „Sonst weiß ich am Ende gar nicht, wie ich die Orte meiner Landurlaube auswählen soll.“ Er zurrte das Seil nochmals fest und beschrieb Karov, was sie zu tun hatte.

„Alles klar“, bestätigte diese, nachdem sie seinen Erklärungen interessiert zugehört hatte. Sie befestigte die Enden des Seiles, an dem Hellmann hing, an den vorgesehen Positionen und nahm das Sicherungsseil fest in ihre Hände, um bei etwaigen Problemen rasch eingreifen zu können.

Hellmann überprüfte nochmals den Sitz des Seiles und aktivierte seinen Tricorder sowie die Lampe, die ebenfalls zu seiner Ausrüstung gehörte und die er auf seinem Kopf befestigt hatte. Dann ließ er sich langsam in den Schacht hinunter und stützte sich mit den Beinen an der Wand des Turboschachtes ab. Auf einer Sprosse der in den Turboschacht eingelassenen Leiter hielt er an und fuhr mit dem Tricorder dicht an den Wänden entlang. Dann stieg er die Leiter weiter hinunter, blieb vor den Türen jedes Decks stehen und scannte die Wände. Um Karov, die in der offenen Tür auf Deck 5 auf ihn wartete, das Sicherungsseil in der Hand hielt und seinen Abstieg in den Schacht interessiert verfolgte, auf dem Laufenden zu halten, kommentierte er seine Arbeit.

„Deck 6. Ich scanne deutliche Rückstände von Beremar-Strahlung an den Wänden.“ Hellmanns Stimme hallte deutlich in dem dunklen, engen Turboschacht nach. Er sicherte den Tricorder wieder an dem dafür vorgesehenen Gurt und stieg die Leiter weiter hinunter.

„Deck 7. Ebenfalls Rückstände von Beremar-Strahlung, aber nicht so deutlich wie vorhin.“ Wie gerade sicherte Hellmann den Tricorder wieder und begab sich zum nächsten Deck.

„Deck 8. Keine Rückstände von Beremar-Strahlung.“

„Deck 9. Ebenfalls keine Beremar-Strahlung zu messen“, berichtete er. „Unter mir befindet sich die abgestürzte Liftkabine“, fuhr er fort. „Ein toter Ralph Leyton liegt hier nicht. Zwei der tragenden Klammern sind wahrscheinlich schon vor einiger Zeit gebrochen, deswegen der Absturz der Kabine. Ich scanne sie. Es gibt keine Blutspuren, Zellrückstände, Beremar-Strahlung oder sonst etwas Auffälliges. Moment.“ Sein Tricorder gab warnende Signale von sich.

„Was ist?“, fragte Karov besorgt.

„Da ist etwas.“ Hellmann nahm weitere Einstellungen an seinem Tricorder vor. „A-ha. Eine schwache Resonanzrestschwingung an den Wänden des Schachtes in Höhe von Deck 8.“

„Und das bedeutet?“

„Hier wurde vor kurzer Zeit ein Transporter aktiviert.“

„Sie meinen, Leyton hat sich im Fallen hier herausgebeamt?“

„Das denke ich. Das heißt allerdings, dass wir immer noch nicht wissen, wo sich Leyton aufhält und schon gar nicht, wie er sich so einfach beamen konnte.“

Hellmann klappte seinen Tricorder zusammen und kletterte missmutig die Leiter wieder nach oben, Sprosse für Sprosse. Gerade als er wieder festen Korridorfußboden unter sich hatte, kehrten Walker und Jakobs zurück.

„Was haben Sie gefunden?“, erkundigte sich Hellmann, noch während er sich seines Seiles entledigte.

„Die Verriegelungsautomatik funktioniert noch, es wird allerdings ein Fehler im Schließmechanismus angezeigt. Er ist defekt“, berichtete Walker.

„Manipuliert?“, fragte Hellmann, der gerade das Seil wieder ordentlich zusammenrollte.

„Nein, Sir. Alterserscheinungen.“

„Danke, Fähnrich. Und lassen Sie doch bitte den ‚Sir‘ weg“, bat Hellmann. Walker, die bisher noch nicht mit Hellmann direkt zu tun hatte, wusste noch nicht, dass er sich selbst eher als Wissenschaftler denn als Offizier sah.

Er brachte seine Ausrüstung wieder in den Zustand, in dem sie hierher gebeamt worden war. Gerade als er fertig war, kehrten Krovic und Asenzi zurück. „Ich bin fertig. Hier gibt es überall Beremar-Strahlung. Wenn ich die Zerfallsrate der Strahlung kompensiere, stellt sich heraus, dass sich an den Stellen, an denen Leytons Kraftfeld von Phaserfeuer getroffen wurde, die Strahlung deutlich erhöht ist", berichtete Krovic.

„Konnten Sie herausfinden, von wo Leyton kam?“, fragte Hellmann.

Sie schüttelte den Kopf. „Die Beremar-Spur war am Anfang zu weit zerfallen, um noch eine vernünftige Messung zu bekommen.“

„Danke, Fähnrich. Haben Sie noch etwas vergessen oder vielleicht verschwiegen?“, fragte er abschließend Krovic und Walker, die aber verneinten.

Hellmann tippte auf seinen Kommunikator „Hellmann an Spencer!“

„Spencer hier!“, antwortete der Kommunikator prompt.

„Wir sind hier auf der Skate soweit fertig... denke ich.“

„Gut. Was haben Sie gefunden?“

„Nicht viel“, antwortete Hellmann direkt und zählte die gefundenen Ergebnisse auf.

„Das ist alles?“, fragte Spencer. „Was wissen Sie noch?“

„Das war's eigentlich, Sir“, Karov hätte bei diesen Worten unsicher und leise geklungen, aber nicht Hellmann. Er wusste, was er sagte, er wusste aber auch, was Spencer davon halten würde.

„Sehr viel ist das ja nicht“, brummte dieser. „Was ist mit Leyton? Und wo hat er seinen Transporter her? Können Sie seinen Typ bestimmen?“

„Das weiß ich nicht. Die Daten geben keinen Aufschluss.“

„Okay.“ Spencer sah ein, dass auf diesem Dialogwege nichts zu erreichen war. „Kehren Sie alle zurück. Melden Sie sich mit Lieutenant Karov im Besprechungsraum, sobald sie eingetroffen sind.“

„Verstanden, Sir. Hellmann Ende.“ Hellmann schloss den Kanal und winkte den übrigen, sich zum Transport auf die Kennedy bereit zu halten. „Hellmann an Transporterraum 1! Sechs Personen zum Beamen!“


„So ratlos habe ich Hellmann selten gehört“, murmelte Spencer vor sich hin, nachdem Hellmann die Verbindung geschlossen hatte. Er stellte seine halb beendete Mahlzeit zurück in den Replikator, verließ die Offiziersmesse und machte sich auf den Weg zum Turbolift. „Brücke!“

„Miss Hwang: Rufen Sie alle Führungsoffiziere im Besprechungsraum zusammen“, sagte er in gehobener Lautstärke, nachdem er an seinem Ziel eingetroffen war.

„Auch Commander Lemois?“, fragte sie.

Spencer überlegte. „Nein. Sie ist nicht im Dienst und schläft wahrscheinlich gerade.“

„Gut so“, flüsterte DeFalco leise, der hinter Spencer an der Maschinenstation saß, so leise, dass es nur Spencer hörten konnte. Dieser drehte sich mit einem verblüfften Gesichtsausdruck zu DeFalco um und räusperte sich halblaut. „Das habe ich nicht gehört. Was machst du eigentlich hier?“

„Routinecheck der EPS-Systeme. Wenn der Warpantrieb schonmal aus ist, muss man die Gelegenheit nutzen“, gab DeFalco zurück.

„Von mir aus“, knurrte Spencer, der voraus in den Besprechungsraum ging. Hwang und DeFalco folgten ihm, sie mussten nur kurz warten, bis Karov und Hellmann aus dem Transporterraum eingetroffen waren. Terk und M'Boya folgten ihnen praktisch auf dem Fuße.

„Wie geht es Commander Lemois?“, fragte Spencer als erstes.

„Unverändert“, berichtete M‘Boya. „Sie schläft gerade. Von dem Schock hat sie sich erholt und ihre Hände werden in einigen Tagen wiederhergestellt sein.“

„Gut. Was haben Sie herausgefunden, Mr. Hellmann?“

Hellmann berichtete Spencer und den übrigen nochmals ausführlich von den Testergebnissen.

„Hm“, meinte dieser, nachdem Hellmann geendet hatte. „Die Frage ist und bleibt jedoch: Wo ist Leyton?“

Hellmann hob ratlos die Schultern. „Keine Ahnung, Captain.“

„Zwei Fragen: Was ist mit Leytons Waffe und was machen eigentlich die Sensorenmodifikationen wegen der Beremar-Strahlung? Vielleicht finden wir so heraus, wo sich Leyton befindet, wenn er sich denn überhaupt noch befindet.“

„Befinden tut er sich bestimmt noch, dank seines Transporters, wo auch immer er den her hat“, antwortete Hellmann. „Die Waffe ist im Labor und wird untersucht, am Sensorenproblem arbeitet ein Spezialist aus meiner Abteilung.“

„Dann fragen Sie da mal nach“, beauftragte ihn Spencer.

„Hellmann an Lieutenant Nk'dalem und Fähnrich Gard! Bitte melden Sie sich im Besprechungsraum und bringen Sie ihre Ergebnisse mit!“

„Nk'dalem hier. Ich komme“, war eine tiefe und volltönende Stimme zu hören.

„Gard hier! Ja, Sir“, folgte die Bestätigung einer wesentlich helleren Frauenstimme.

Nach kurzer Zeit trafen die beiden zusammen ein, sie bildeten ein seltsames Gespann. Nk'dalem war ein groß gewachsener tellurischer Mann, der seinen Kopf sogar ein wenig neigen musste, um durch die Tür zu passen. Fähnrich Gard war dagegen eine eher zierliche Frau vom Planeten Vulkan, sie reichte Nk'dalem gerade bis zur Schulter.

„Nehmen Sie Platz“, sagte Spencer, „und berichten Sie. Was ist mit der Waffe, Fähnrich?“

„Leyton benutzte ein in der Föderation unbekanntes Modell, Sir. Einige unsachgerecht verwendete Komponenten deuten darauf hin, dass Leyton sie selbst konstruiert hat. Der grundlegende Unterschied zu unseren Phasern besteht darin, dass in dieser Waffe kein LiCu-Kristall verwendet wird, um den Energiestrahl zu fokussieren, sondern ein Kristall mit einer anderen Gitterformel. Wünschen Sie eine detailliertere Analyse, Captain?“

Spencer überlegte. „Nur wenn Sie mir dadurch sagen können, wo die Waffe hergestellt wurde.“

„Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering, Sir, aber ich werde es versuchen. Und, Captain, die Grundkonstruktion der Waffe weist Parallelen mit der des Senders auf, den wir im Giclas-System untersuchten.“

Spencers Augen weiteten sich. „Können Sie einen gesicherten Verdacht aussprechen, Fähnrich?“, wollte er wissen.

„Alles, was über die Feststellung der Ähnlichkeit hinaus geht, ist reine Spekulation“, erwiderte Gard.

Spencer tippte unruhig auf der Tischplatte umher, er spürte den Druck durch die Neugierde der Anwesenden. „Verfolgen Sie diese Spur mit besonderem Augenmerk, Fähnrich! Was haben Sie, Mr. Nk'dalem?“

„Ich habe versucht, die hinteren Hilfskurzbereichsensoren so zu modifizieren, dass ihr Scanmodus eher dem eines Tricorders entspricht. Ich bin inzwischen soweit, dass ich vermute, dass wir Beremar-Strahlung auf kurze Entfernung korrekt messen könnten, wenn es welche gäbe“, antwortete Nk'dalem.

„Und? Messen Sie welche auf der Skate?“, fragte Spencer weiter.

„Einen Moment, Captain“, bat Nk'dalem und nahm einige Eingaben an den an seinem Platz befindlichen Bedienungselementen vor. „Es gibt Beremar-Strahlung an Bord der Skate. Deck 5 und geringere Spuren auf Deck 6.“

„Genau da, wo ich sie gemessen habe“, ergänzte Hellmann nach einem Blick auf die Ergebnisse. „Die Restspuren auf Deck 7 sind wahrscheinlich schon zerfallen.“

„Können wir etwas mit dem Transporterrückstand, von dem sie sprachen, anfangen?“

„Ich fürchte nein. Nur dass Leyton noch auf der Skate sein muss.“

„Oder auf der Kennedy“, warf Terk ein. „Transporter ist Transporter.“

Spencer und die übrigen sahen Terk für einen Augenblick erschrocken an, da er einen naheliegenden, aber doch bedrohlichen Gedanken geäußert hatte, den bisher niemand gedacht hatte. Ein, zwei Sekunden herrschte gespannte Stille im Besprechungsraum, bis Karov die Stille brach. „Das wäre uns bestimmt aufgefallen. Ich hatte Lieutenant Rodriguez darauf hingewiesen, auf alles Ungewöhnliche zu achten.“

„Außerdem hatte Leyton keine Zeit, Koordinaten zu programmieren“, ergänzte Hellmann.

„Hm.“ Spencer blickte routinemäßig zu Lemois Platz zu seiner Rechten, stellte dann aber fest, dass er leer war, schüttelte sich fast unmerklich und sah statt dessen zu Hwang. „Nichts Genaues weiß man nicht“, fasste sie kurz und prägnant die Ergebnisse der Analysen zusammen.

„Mhm“, stimmte Spencer zu. „Ein bisschen wenig. Fällt irgendwem aus der Runde hier etwas dazu ein, wie dem abgeholfen werden könnte?“

„Vielleicht müssen wir unsere Beremar-Scanner nur noch feineinstellen. Vielleicht finden wir ihn dann“, spekulierte DeFalco.

„Vielleicht, vielleicht, vielleicht. Leyton ist aus einer Anstalt ausgebrochen, hat sich auf der Skate versteckt und ein Mitglied meiner Crew umgebracht. So jemand verschwindet nicht so einfach aus einem Turboliftschacht, ohne dass er brauchbare Spuren zurücklässt! Wir bleiben solange hier, bis wir ihn finden.“ Spencer trommelte zu seinen letzen Worten mehrmals im Rhythmus auf dem Tisch. „Lassen Sie sich etwas einfallen, meine Damen und Herren, das war's.“ Er lehnte sich demonstrativ zurück.

Geräuschvoll verließen die übrigen den Besprechungsraum, so dass Spencer alleine gedankenversunken am Tisch zurückblieb. Hwang kehrte zurück. „Was ist, Captain?“, erkundigte sie sich fürsorglich.

„Nur dass ich Fähnrich Chens Eltern den Tod ihres Sohnes mitteilen muss und der Täter immer noch frei herumläuft“, antwortete Spencer. „Wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass wir jetzt noch etwas finden werden. Auch wenn ich Ihnen das eigentlich als Captain gar nicht sagen dürfte.“

„Das Geheimnis ist bei mir in guten Händen, Captain“, versicherte Hwang.

„Das weiß ich.“ Spencer stand langsam auf und verließ mit ihr den Lageraum.

7

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Die bisherigen Untersuchungen über den seltsamen Vorfall auf der Skate sind bis auf einen Transporterrückstand im Liftschacht ergebnislos geblieben. Wir halten diese Position, bis wir Ergebnisse über den Verbleib Leytons gefunden haben. Er muss sich noch an Bord der Skate befinden.

„Das ist nicht zufrieden stellend, Sir!“ Lemois war auf dem Bildschirm von Spencers Computerterminal in seinem Bereitschaftsraum deutlich erregtem Zustand zu sehen. Sie befand sich immer noch auf der Krankenstation, allerdings wieder in Uniform und bereit, diese zu verlassen.

„Da kann ich Ihnen zustimmen, Commander“, antwortete Spencer in seinem ruhigsten Ton. Er wollte auf jeden Fall vermeiden, sich von ihrer Verärgerung anstecken zu lassen.

„Und was gedenken Sie daraufhin zu tun?“, fragte Lemois fordernd.

„Hellmann ist mit einem verstärkten Untersuchungsteam plus Sicherheitsteam auf die Skate zurückgekehrt, die Ingenieursabteilung arbeitet an Verbesserungen der Sensoren bezüglich der Beremar-Strahlung und etwaiger Transporterrückstände und ich habe alle aufgefordert, sich etwas einfallen zu lassen. Was wollen Sie denn noch mehr?“

„Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall war das unzulängliche Arbeit auf der Skate!“ Lemois redete sich in Fahrt oder wollte es vielleicht sogar.

M'Boya trat ins Bild. „Jetzt beruhigen Sie sich, Commander, oder Sie bleiben die nächsten zwei Tage noch hier! Sie brauchen Ruhe.“

Spencer konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. M'Boya hatte ihre speziellen Methoden, um mit widerspenstigen Patienten umzugehen, im Falle von Lemois schien sie sie mit ihren eigenen Waffen schlagen zu wollen.

„Sie brauchen mich nicht einzusperren! Ich bin voll dienstfähig!“, rief Lemois.

„Commander, ich streite mich nie mit meinen Patienten“, stellte M‘Boya fest und blickte sie durchdringend an.

Lemois verharrte, atmete zweimal tief durch und versuchte, sich zu beruhigen.

„Danke, Doktor“, sagte Spencer über die Komm-Verbindung. „Nebenbei, Commander. Ich habe vollstes Vertrauen zu Hellmann und seinen Leuten. Wenn sie nichts finden, dann ist da auch nichts, was sie finden könnten.“

Lemois zögerte mit der Antwort. „Wenn Sie meinen, Captain. Ich lege mich noch etwas hin, in meinem Quartier oder so.“

„Sehr vernünftig“, kommentierte M'Boya, lächelte zuerst Lemois und dann den Monitor, auf dem Spencer zu sehen war, verschmitzt an.

„Lemois Ende“, sagte Lemois. Das Bild auf dem Schirm in Spencers Bereitschaftsraum verschwand. Spencer atmete geräuschvoll aus. Lemois hatte, wie er bisher zur Genüge feststellen konnte, die Eigenschaft, sich über zu viele Dinge Gedanken zu machen und sich auch darüber aufzuregen, wenn sie nicht ihren Vorstellungen entsprachen. Das machte den Dienst, gerade wenn nicht alles rund und problemlos lief, nicht gerade einfacher.

Der Türsummer zirpte. „Herein!“, rief er.

Fähnrich Hallersvoort trat ein. „Sir, Sie hatten auf der Besprechung gesagt, wir sollten uns etwas einfallen lassen. Ich habe mit Lieutenant Hellmann gesprochen und mir ist etwas eingefallen.“

„Nehmen Sie Platz“, bot er Hallersvoort an. „Was haben Sie denn?“

„Wir könnten die internen Sensoren der Skate auf permanenten Audioscan schalten und die Ergebnisse an die Kennedy senden lassen. Das braucht nur ein Minimum an Energie für die Sensoren und ich kann ein Computerprogramm schreiben, dass die große Menge an Daten automatisch auswerten kann. Sobald Leyton, wo immer er sich auch aufhält, Geräusche von sich gibt, die lauter als ein Flüstern sind, haben wir ihn.“

„Interessant. Welche Bereiche des Schiffes können Sie nicht erfassen?“, fragte Spencer.

Hallersvoort überlegte. „Ich kenne zwar die Baupläne der Skate nicht, aber ich nehme mal an, Teile des Jeffries-Röhrennetzes zum Beispiel. Alles weitere kann ich Ihnen sagen, nachdem ich die Pläne des Schiffes kenne und weiß, welche Sensoren ausgefallen sind.“

„Sehr gut, Fähnrich. Veranlassen Sie das nötige“, stimmte Spencer zu. „Jetzt geht's Leyton an den Kragen!“

„Ja, Sir!“, stimmte Hallersvoort erfreut zu. „Ich melde mich, sobald wir soweit sind.“

„Gut, Fähnrich.“ Spencer freute sich, dass er das prompt widerlegt gefunden hatte, was Lemois der Wissenschaftsabteilung vorhin mehr oder weniger unabsichtlich unterstellt hatte.

Kaum dass sich die Türen hinter Hallersvoort geschlossen hatten, summte der Türmelder erneut. Seine Aufforderung über das Nachdenken vorhin hatte wohl Wunder gewirkt. „Herein!“

Die Türen öffneten sich und Karov betrat den Raum.

„Nehmen Sie Platz!“

Karov tat wie geheißen und begann. „Captain, ich bitte um die Erlaubnis, Suchtrupps zusammenzustellen, um die Skate zu durchsuchen. Ich habe bereits Ger... ich meine, Lieutenant DeFalco gefragt, ob es möglich wäre, die Beleuchtung auf der Skate vollends wiederherzustellen, ohne die Reaktoren zu überlasten.“

Spencer überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Tut mir leid, Miss Karov. Ich kann ihre Motivation sehr gut verstehen, aber das geht leider nicht. Erstens: Es ist einfach zu gefährlich. Sie waren ja dabei, als sie im ersten Kampf mit Leyton unterlegen waren.“

„Jetzt sind wir vorbereitet“, warf Karov eilfertig ein. „Und jetzt herrschen freundlichere Temperaturen.“

„Moment, ich war noch nicht fertig“, unterbrach Spencer freundlich. „Zweitens: Fähnrich Hallersvoort plant eine komplette Audioüberwachung des Schiffes. Sicherheitsteams, die notwendigerweise Geräusche von sich geben, würden seine Aktion nur stören. Außerdem brauchen wir ihre Leute für den Schutz des Wissenschaftsteams und für einen schnellen Einsatz, sobald wir Leyton gefunden haben.“

„Dann nicht, Sir“, sagte Karov und verließ den Raum niedergeschlagen. Es tat Spencer leid, ihren Vorschlag ablehnen zu müssen, aber es war nun mal unvermeidlich.

Gerade wollte sich Spencer wieder einigen anstehenden Aufgaben zuwenden, als ihn ein Kommunikatorsignal erreichte. „Hwang an Spencer!“

„Spencer hier!“, knurrte er. So langsam war er der Meinung, dass seine Aufforderung von vorhin etwas zu wörtlich genommen wurde, doch Hwangs nächste Worte belehrten ihn eines Besseren.

„Sir, Dr. Martin meldet sich über Subraum.“

„Das fehlte mir jetzt noch. Stellen Sie durch.“ Spencer hatte bereits geahnt, dass ein solches Gespräch zu erwarten wäre und er konnte sich gut den ungefähren Inhalt vorstellen.

„Captain Spencer? Hier spricht Dr. Martin. Wir haben gerade ihre Position überprüft und mir wurde mitgeteilt, dass sie mitten im Raum angehalten haben. Haben Sie ein Problem?“

„So kann man es sagen. Einer unserer Ingenieure wurde an Bord der Skate von einer unbekannten Person umgebracht. Wir vermuten, dass es ein vor einigen Tagen ausgebrochener Häftling aus einer Föderationsstrafkolonie war, der sich jetzt aus irgendwelchen Gründen auf der Skate aufhält. Bis die Untersuchungen abgeschlossen sind, halten wir diese Position.“

„Captain, ich darf Sie darauf hinweisen, dass unsere Experimente sehr wichtig für die Sternenflotte sind und dass wir einen größeren Rückstand aufholen müssen. Warum starten sie nicht und führen die Untersuchungen unterwegs durch?“

„Tut mir leid, Doktor. Wenn wir mit Warpgeschwindigkeit unterwegs sind, ist das Beamen zwischen den beiden Schiffen unmöglich. Wir werden unsere Position halten, bis wir den Mörder gefasst haben.“

Martins Gesichtsausdruck verdüsterte sich, sein Tonfall glich sich dem an. „Ich weise Sie nur ungern daraufhin, Captain, aber ich kann durch ein Gespräch mit ihren Vorgesetzten dafür sorgen, dass sie sofort wieder starten“, begann Martin, doch Spencer unterbrach ihn ruhig: „Tun Sie das. Bei Mord an einem Offizier kennt die Flotte keine Kompromisse, sie werden aus dieser Richtung keinerlei Unterstützung erwarten können. Meine Entscheidung steht, ich habe sie Ihnen mitgeteilt, mehr habe ich nicht zu sagen. Spencer Ende.“ Ohne eine weitere Antwort Martins abzuwarten, trennte Spencer die Verbindung zu Martin und knurrte danach leise. Bedauerlich, dass er sich wie viele andere Wissenschaftler eine Spur zu wichtig nahm. „Auf angenehme Zusammenarbeit“, murmelte er.

Was er jetzt brauchte, war Ablenkung. Er verließ den Bereitschaftsraum und meldete sich bei Hwang auf der Brücke ab. Er war zwar nicht dazu verpflichtet, als Captain konnte er schließlich im Grunde tun und lassen, was er wollte, aber er hatte es sich angewöhnt und hielt es für vernünftig.

„Das Subraumgespräch mit Dr. Martin war bestimmt kein Austausch von Höflichkeiten, oder Captain?“, fragte Hwang aus dem Kommandosessel.

„Sie sagen es“, brummte Spencer, der die Brücke verließ und mit dem Turbolift ein Deck nach unten fuhr.

Er machte es sich in der Offiziersmesse mit einer großen, dampfenden Tasse Kaffee bequem und sah sich auf dem Wandmonitor einen Bericht über die laufenden Friedensverhandlungen mit den Klingonen an. Er war erfreut darüber, dass endlich diese seit langer Zeit bestehende, latente Bedrohung der Föderation, das Klingonische Reich nämlich, bald zu einem Verbündeten und vielleicht sogar zu einem Freund werden würde. Der Grenzkonflikt mit den Cardassianern sorgte schon für genug Schwierigkeiten, mindestens einmal im Monat meldeten Föderationsschiffe einen meist weniger erfreulichen Zusammenstoß mit einem oder mehreren cardassianischen Schiffen. Da sich die Romulaner seit dem Tomed-Zwischenfall vor dreiunddreißig Jahren nicht mehr gerührt hatten, würde also ein stabiler Friede mit den Klingonen zu einer relativen Ruhepause der Föderation führen. Dann könnte man sich zum Beispiel verstärkt dem Cardassianerproblem widmen, anstatt seine Kräfte aufteilen zu müssen.

DeFalco trat in die Offiziersmesse und sah Spencer, wie er sich interessiert dem Bericht folgte. Er holte sich sein übliches, abendliches Ale aus dem Replikator und setzte sich zu ihm.

„Ich dachte, du würdest dich nicht für Politik interessieren“, begann DeFalco.

„Im allgemeinen interessiere ich mich auch nicht für Politik, außer wenn es meinen Job betrifft. Und ein Friedensvertrag mit den Klingonen würde meinen Job wie den aller Raumschiffkapitäne um einiges erleichtern.“

„Ah ja.“ DeFalco verstand. „Was ich dich schon seit einiger Zeit fragen wollte, wir sind doch auf unserer Patrouillenroute vier bis acht Sektoren von der cardassianischen Grenze entfernt. Haben wir da einen speziellen Auftrag?“

„Die Chance, hier auf Cardassianer zu treffen, ist glücklicherweise gering, dafür sollen hier vorwiegend diverse Raumpiraten die Gegend unsicher machen. Für ein grenznah operierendes Patroullienschiff wären wir etwas unterbewaffnet.“

Der Bericht auf dem Monitor war beendet, Spencer schaltete ab. „So. Themenwechsel: Wie läuft's bei dir im Maschinenraum?“

„Ganz gut, ich habe den meisten frei gegeben. Die letzten Tage und Wochen waren anstrengend, und dann noch das mit Chen... Ich hätte ihn nicht alleine da unten zurücklassen dürfen.“ DeFalco sah kurz zu Boden.

Spencer war überrascht, ließ es sich aber nicht anmerken. Selbstvorwürfe passten so gar nicht recht zu Gerald DeFalco. „Das konnte doch kein Mensch ahnen, dass sich überhaupt noch jemand an Bord der Skate befand. Und schon gar nicht ein geisteskranker Mörder.“

„Ich hätte das trotzdem vorher prüfen müssen, Beremar-Feld hin oder her. Ich habe ihn schließlich dort zurückgelassen, allein. Warum nur allein?“

„Kopf hoch, Gerry. Du hast völlig richtig gehandelt. Im Moment ist es schlimm, dass weiß ich. Es wird aber besser werden.“

DeFalco bedachte Spencer mit einem skeptischen Blick. „Meinst du?“

„Meine ich“, versicherte Spencer. „Mit so etwas müssen wir rechnen, Gerry, und zwar jeden Tag.“

„Das ist auch kein Trost.“ DeFalco sagte für eine Weile nichts mehr.

Spencer nahm einen Schluck Kaffee zu sich. „Ach, Gerry, und was ich dich mal fragen wollte: Stört es dich eigentlich nicht, wenn ich dir andauernd ins Handwerk pfusche? Schließlich bist du hier Chefingenieur.“

„I wo. Auf der Akademie habe ich deine Versuche und Aufbauten immer verbessert, dass sie nicht nur in der Theorie funktionierten, hier ist das eben andersherum. Wo ist das Problem?“

„Dann ist ja gut. Ich wollte nur mal gefragt haben.“

„Schon in Ordnung.“ DeFalco nahm einen großen Schluck aus seinem Glas.

„Fähnrich Hallersvoort an Captain Spencer!“

Spencer musste seine Tasse, die er ebenfalls gerade zu seinem Mund führen wollte, absetzen, um den Kommruf zu beantworten. „Spencer hier!“

„Sir, wir wären soweit. Die Audioüberwachung der Skate ist bereit. Teile des Jeffries-Röhrennetzes werden nicht erfasst, ansonsten sind nur sechzehn Sensorstationen defekt. Das ist wenig.“

„OK, Fähnrich, beginnen Sie und berichten Sie jede Auffälligkeit an die Brücke.“

„Verstanden“, bestätigte Hallersvoort.

„Und ignorieren Sie bitte vorerst das Wissenschaftsteam auf Deck 5. Ich werde sie sobald wie möglich zurückrufen, um Ihnen die Arbeit zu erleichtern.“

„Danke, Sir. Ich hatte mich gerade schon gefragt, was diese Geräuschentwicklung zu bedeuten hat.“

„Okay. Spencer Ende.“ Durch eine zweifache Berührung des Kommunikators schloss er den Kanal zu Hallersvoort und öffnete einen neuen. „Spencer an Karov!“

„Karov hier!“, kam die prompte Antwort.

„Die passive Audioüberwachung der Skate läuft an. Halten Sie sich mit einem Einsatzteam im Transporterraum 2 bereit.“

„Verstanden. Und Captain, ich würde gerne Fähnrich Thalvan ausleihen, wir sind im Moment ein bisschen knapp an Personal“, antwortete Karov.

Spencer erinnerte sich, dass der Sicherheitsabteilung von Anfang an zwei Leute weniger zugeteilt worden waren, als eigentlich vorgesehen. Der Einsatz cross-trainierten Personals, das für den Einsatz in mehr als einer Abteilung ausgebildet war, gehörte zwar zu den Standardverfahren in Notfällen, doch bei der Unterbesetzung auf der Kennedy war es schon jetzt im Regelfalle erforderlich, da sich ein beachtlicher Teil der Sicherheitsabteilung bereits auf der Skate befand, um die Arbeit der Wissenschafts- und Ingenieurteams zu überwachen.

„Wo liegt das Problem, Miss Karov?“, fragte Spencer deshalb.

„Fähnrich Thalvan hat im Moment Brückendienst, Sir“, antwortete Karov mit einem Anflug von Verlegenheit in ihrer Stimme.

„Na und? Wir hängen im Moment ohne Antrieb im Raum, da dürfen Sie ruhig den Navigator ausleihen. Er ist ja nicht unser einziger“, meinte Spencer scherzhaft. „Holen Sie ihn gleich von dort, Lieutenant Hwang wird schon einen Ersatz für ihn finden.“

„Ja, Sir. Danke. Karov Ende.“ Als sie den Kanal schloss, klang sie wieder sicherer. Spencer bemerkte ein breites Lächeln auf DeFalcos Gesicht, wusste aber nicht, ob DeFalco dieses selbst bemerkte. Um Details seiner Beziehung zu oder mit Karov wusste niemand etwas Genaues, da beide daraus ein streng gehütetes Geheimnis machten. Solange keinerlei negative Auswirkungen auf den Dienst zu spüren waren, hatte Spencer beschlossen, dass es ihn nichts anging.

„Spencer an Hellmann!“

Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten. „Hellmann hier!“

„Haben Sie schon etwas Neues für mich?“

„Leider nein, Sir. Das Problem ist, dass sich die Scans nach Beremar-Strahlung nicht weiter feinauflösen lassen und wir im Moment keinerlei auswertbare Anzeigen erhalten. Auch die Analyse der Transporterrückstände ist nicht gerade sehr aufschlussreich. Lieutenant MacDonnell hofft, durch eine genaue Analyse wenigstens einen Rückschluss auf den Transportertyp ziehen zu können.“

„Würden Sie sagen, dass Sie in zehn Minuten mehr wüssten als jetzt?“

„Zehn Minuten... zehn Stunden. Ich weiß es nicht. Wenn wir bis jetzt nichts haben...“ Hellmann klang für seine Verhältnisse ziemlich resigniert.

„Gut. Kommen Sie zurück. Fähnrich Hallersvoort überwacht die gesamte Skate mit den internen Audiosensoren, um Leyton so zu lokalisieren. Ihre Teams machen zu viel Krach.“

„Alles klar. Hellmann Ende.“

„So“, brummte Spencer und leerte seine Kaffeetasse mit mehreren gemütlichen Schlucken.

„Ist ja ganz schön was los hier“, kommentierte DeFalco den Wortwechsel Spencers mit seinem Kommunikator.

„Kann man wohl sagen. Wieso bist du eigentlich nicht auf der Skate? Als Chefingenieur?“

DeFalco zuckte die Achseln. „Ich hatte frei und außerdem wollte MacDonnell unbedingt rüber. Ich schaue mir mal an, was sie rausgekriegt haben.“ Er leerte sein Glas in einem Zug und verließ zusammen mit Spencer die Offiziersmesse.


Hellmann, Krovic und Walker, die gerade von der Skate wieder an Bord gebeamt worden waren, betraten das große Analyselabor auf Deck 5.

„Ich glaube, wir haben Daten von jeder Mikrobe auf der Skate gesammelt“, murmelte Walker, als sie ihren Tricorder am Hauptcomputer anschloss, um die Daten zu übertragen.

„Und trotzdem wissen wir nicht unbedingt mehr als vorher“, ergänzte Krovic und folgte Walkers Beispiel.

Hellmann entdeckte Fähnrich Hallersvoort an einer Computerkonsole am anderen Ende des Raumes er betrachtete abwechselnd drei Monitore beobachtete.

„Wie läuft die Audioüberwachung?“, rief er hinüber.

„Seitdem auf der Skate dank eurer Abreise Ruhe eingekehrt ist, ganz gut“, gab Hallersvoort zurück und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Hellmann warf einen Blick auf die Bildschirme. Auf den äußeren beiden waren Videobilder dunkler, verlassener Korridore zu sehen, die alle paar Sekunden wechselten. Der mittlere zeigte untereinander zehn Koordinatensysteme, in denen Frequenzschwingungen zusammen mit der Angabe der entsprechenden Decks und Sektionen abgebildet waren. Von allen internen Audiosensoren der Skate wurden Messdaten an die Kennedy übermittelt, der Computer sortierte die Messungen aus, die keinerlei Resultat zeigten und übergab Hallersvoort die restlichen zur Ansicht. Gelegentlich ließ er ein Koordinatensystem verschwinden und ersetzte es durch ein anderes, wenn er der Meinung war, dass die verursachten Geräusche in der entsprechenden Sektion nicht von Leyton herrühren konnten.

„Was ist das alles eigentlich? Ich dachte, die Skate ist verlassen, bis auf Leyton?“, wunderte sich Hellmann.

„Das dachte ich anfangs auch. Die Decks machen Geräusche, die Vibrationen der Fusionsmaschinen werden weitergegeben“ – Hallersvoort betätigte einige Schalter und legte ein neues Videobild auf den rechten Monitor – „auch das EPS sorgt für Schwingungen. Bisher aber nichts Konkretes von Leyton.“

„Wenn du Hilfe brauchst, sag‘ Bescheid. Sonst lasse ich dich jetzt in Ruhe arbeiten.“

Hellmann ging zurück zu seinem Team und sah sich die Anfänge der Analysen von Krovics und Walkers Tricorder an.

Hallersvoort bekam gerade vom Computer eine neue Geräuschquelle signalisiert, legte sie zur Analyse auf den mittleren Monitor und entschloss sich nach kurzer Betrachtung, das linke Videobild durch ein Bild der Sektion zu ersetzen, aus der die Geräusche stammten.

Eine schemenhafte Bewegung in der linken, unteren Ecke des dunklen Korridors ließ Hallersvoort kurz zusammenzucken. Dann hielt er die Aufzeichnung an und spulte sie einige Sekunden zurück. „Christoph!“

Hellmann sah auf und wandte sich zu Hallersvoort um. „Was ist?“

„Was hältst du davon?“ Er ließ das Band nochmals in Zeitlupe ablaufen und deutete auf die entsprechende Ecke des Monitorbildes.

„Das ist eine Person. Leyton?“, meinte Hellmann.

„Schon möglich.“ Hallersvoort drückte einen Knopf an seinem Pult. „Hallersvoort an Brücke! Wir haben möglicherweise Leyton lokalisiert. Deck 8, Sektion 15.“

„Sehr gut, Fähnrich. Legen Sie das Bild auf den Hauptschirm hier oben und verfolgen sie es weiter!“, reagierte Hwang am anderen Ende der Leitung.


Noch bevor das Bild von Hallersvoorts Monitor auf dem Hauptschirm der Brücke sichtbar war, öffnete Hwang einen weiteren Kanal. „Hwang an Karov! Wir haben Leyton, Deck 8, Sektion 15. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten, Kanal nicht schließen!“

„Verstanden“, erfolgte die prompte Bestätigung Karovs.

Hwang beobachtete im Folgenden das Bild auf dem Hauptschirm. „Sektion 15 in Richtung Sektion 16“, leitete sie ihre Erkenntnisse an Karov weiter.


Karov materialisierte mit ihrem fünfköpfigen Sicherheitsteam in der von Hwang angegebenen Sektion. „Jetzt Sektion 16!“ erreichte sie Hwangs Nachricht, gerade als sie ihre volle Bewegungsfähigkeit wiedererlangt hatten. Durch ein Handzeichen gab Karov ihrem Team zu verstehen, in Richtung der angegebenen Sektion loszumarschieren. Die Phaser waren auf den Stufen 4 und 5 justiert, um Leytons Kraftfeld zwar zu durchdringen, ihn aber bei einem eventuellen Kollaps des Kraftfeldes unter Phaserfeuer nicht mehr als nötig zu verletzen.

„Sektion 16C. Waffenkammer“, kam der Hinweis Hwangs in halber Lautstärke nach einigen zurückgelegten Metern. Der Weg Leytons war logisch, da er seine Waffe beim ersten Ergreifungsversuch verloren hatte und jetzt eine neue brauchte.

„Los! Schnell!“, ordnete Karov im halblauten Flüsterton an. Nachdem sie bei ihrem Kampf gegen Leyton auf einem Korridor den Kürzeren gezogen hatten, wollte sie die Gelegenheit nutzen, dass Leyton einen Raum betreten hatte, der nur einen Zugang hatte.

Das Team begann zu rennen, bis sie an der Waffenkammer eintrafen. Fähnrich Dercoux und Fähnrich Thalvan stellten sich mit ihren Phasern im Anschlag kurz neben dem Eingang auf, Lieutenant Rodriguez und Crewman Darkhon taten es ihnen auf der anderen Seite der Türe gleich. Karov hielt sich mit schussbereitem Phaser im Hintergrund. Durch ein Zeichen an Rodriguez gab sie ihm zu verstehen, dass er durch eine Handbewegung die automatische Türöffnung aktivieren sollte.

Die Türe öffnete sich durch ein leises Zischen und Karov sagte mit lauter Stimme:

„Mr. Leyton! Hier spricht Lieutenant Karov von der U.S.S. Kennedy! Wir wissen, dass Sie hier drin sind. Sie haben keine Chance! Kommen Sie langsam und mit erhobenen Händen heraus!“

Einige Sekunden herrschte Stille und Karov wollte schon beginnen, ihre Ansprache zu wiederholen, als eine unpassend melodische Stimme aus der Waffenkammer antwortete. „Irrtum! Ich habe einen Phaser in der Hand, auf Stufe 16 justiert. Wenn Sie nicht sofort ihre Waffen hier reinwerfen, lege ich das halbe Deck in Schutt und Asche. Sie haben fünfzehn Sekunden.“

Rodriguez, Thalvan, Dercoux und Darkhon sahen Karov fragend an, die demonstrativ den Kopf schüttelte und durch eine Handbewegung anzeigte, dass die vier den Raum betreten sollten. Dann streckte sie drei Finger in die Höhe und zählte dann langsam bis Null. Bei Null wechselten die direkt an der Wand stehenden Rodriguez und Thalvan einen Blick und warfen sich dann nacheinander in die Waffenkammer. Lautes Zischen durch Phaserfeuer verursacht war zu hören, sprühende Funken und flackernde Lichteffekte begleiteten es und sorgten für eine mehr als unheimliche Beleuchtung auf dem dunklen Korridor.

Dercoux und Darkhon folgten den beiden rasch, Karov ebenfalls, alle drei mit gezücktem Phaser. Sie feuerten auf Leyton, dessen Kraftfeld sehr heftig Funken sprühte und ihn zur Unbeweglichkeit zwang. Ein kurzer, extrem heller Lichtblitz blendete die Sicherheitsoffiziere für einen Moment, sie stellten ihr Phaserfeuer ein. Danach war der gesamte Raum wieder in Dunkelheit getaucht. Der gesamte Vorfall hatte nicht einmal drei Sekunden gedauert.

„Computer: Licht!“, wies Karov an und besah sich zusammen mit den anderen die Situation. Etwa in der Mitte des Raumes lag Leyton regungslos auf der Seite mit einer größeren Phaserverbrennung auf dem Oberkörper. Er hatte ein größeres, elektronisches Gerät auf seinen Rücken geschnallt, das ihn nun stützte. Einzelne Teile dieses Gerätes lagen dahinter auf dem Boden verstreut. Einen Phaser hatte Leyton nicht in der Hand und es lag auch keiner auf dem Boden.

Karov und Rodriguez aktivierten ihre Tricorder. „Er lebt noch!“, las sie ab. „Karov an Kennedy! Wir haben Leyton gefasst. Er hat eine Phaserwunde und muss sofort auf die Krankenstation! Sechs Personen zum Beamen!“

„Bestätigt“, antwortete die ruhige Stimme Spencers.

Das Team nahm Aufstellung und hielt sich bereit, vom Transporter erfasst zu werden. Leyton lag in ihrer Mitte.

„Woher wussten Sie eigentlich, dass das mit dem Phaser nur ein Bluff war?“, fragte Rodriguez.

„Weil auf einem außer Dienst gestellten Schiff keine Phaser oder andere Waffen gelagert werden“, antwortete Karov, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. „Leyton konnte überhaupt gar keinen Phaser haben und bei seinem Waffentyp gibt es keine Stufe 16.“

Rodriguez Antwort ging im Einsetzen des Transporterstrahls unter.

8

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Durch die Audioüberwachung der Skate konnte Leyton durch ein Sicherheitsteam gefasst werden. Seine Festnahme war durch sehr gute Zusammenarbeit aller Abteilungen erfolgt, die eine ausdrückliche Erwähnung an dieser Stelle verdient. Wir werden wieder auf unserem ursprünglichen Kurs ins Alpha Lalande-System gehen, wo wir dann in etwa sechs Tagen eintreffen werden.

Spencer hatte nach Hwangs Benachrichtigung seinen Platz auf der Brücke wieder eingenommen und die Bewegungen des Außenteams genau verfolgt. Mit einem hörbaren Atemzug quittierte er die Erfolgsmeldung Karovs und veranlasste den Rücktransport des Außenteams. Die Mienen der Brückenbesatzung hatten sich nach ihrer Meldung fühlbar aufgehellt, die gesamte Atmosphäre wirkte nun freundlicher aus zuvor.

„Endlich haben wir ihn!“, freute sich Hwang.

„Ja, das wurde auch Zeit“, brummte Spencer. „Koppeln Sie die Skate wieder an und gehen Sie auf alten Kurs, alte Geschwindigkeit.“

„Ja, Sir“, bestätigte Hwang, nicht mehr ganz so freudestrahlend wie gerade.

„Mr. Torrente, informieren Sie Dr. Martin, dass wir wieder unterwegs sind. Es wird ihn sicherlich freuen zu hören.“ Den Sarkasmus in Spencers letztem ignorierte Torrente geflissentlich, als er den Befehl bestätigte. Hwang dagegen drehte sich kurz mit einem leidenden Blick um, den Spencer mit einer entschuldigenden Geste quittierte.

Karov kam auf die Brücke. „Captain, Leyton lebt und wird auf der Krankenstation versorgt“, berichtete sie. „Meinem Team ist nichts passiert.“

„Danke, Miss Karov. Gute Arbeit“, lobte Spencer und wandte sich dann etwas lauter an alle. „Morgen um 11:00 werden wir eine Abschlussbesprechung im Fall ‚Leyton‘ abhalten. Dort will ich auf jede Frage eine passende Antwort haben. Die Geräte, die Leyton bei sich hat, sind in der Technik zur Untersuchung?“

„Ja, Captain“, bestätigte Karov.

„Ich werde die übrigen informieren“, fügte Hwang an.

„Okay.“ Spencer nickte Karov zu, dass sie gehen könne. Er beschloss, den Rest dieser Schicht für Lemois beziehungsweise Hwang zu übernehmen. Er brauchte Ruhe, Ruhe die er genauso gut auf der Brücke haben konnte, denn nichts sprach dagegen, dass es jetzt endlich ein ruhiger Flug werden könnte.


Um 11:00 am nächsten Tag versammelten sich alle Führungsoffiziere bis auf Lemois, die immer noch krank geschrieben war, im Besprechungsraum.

„Guten Morgen“, begrüßte Spencer die Anwesenden. Er wollte gerade beginnen, zu sprechen, als ihn ein Kommunikatorsignal unterbrach.

„Lemois an Captain Spencer!“

„Spencer hier! Was gibt's?“

„Ich würde gerne per Sichtschirm an der Besprechung teilnehmen.“ Ihr Tonfall klang zwar bittend, doch war ein amüsierter Unterton gut herauszuhören.

„Gibt es medizinische Einwände dagegen?“, fragte Spencer M'Boya, die nicht auf Anhieb sagen konnte, ob er es ernst gemeint hatte oder nicht. Sie entschloss sich zu einem kurzen, verbindlichen „Nein!“

Spencer schaltete Lemois auf den Sichtschirm, der sich hinter ihm an der Wand befand und drehte sich um. „Einverstanden.“ Er blickte kurz in die Runde, dann fuhr er fort. „Als erstes zu Leyton selbst: Wie ist sein Zustand?“

„Er hat einen kurzen Phasertreffer der Stufe 5 in den rechten Brustbereich erhalten“, berichtete M'Boya, „Lieutenant Rodriguez meinte dazu, dass sie den Beschuss nach dem Ausfall seines Kraftfeldes sofort eingestellt haben. Dadurch haben sie wahrscheinlich sein Leben gerettet. Wenige Augenblicke länger und wir hätten nur noch eine Leiche einlagern können.“

„Danke, Doktor.“ Spencer verkniff sich einen Kommentar, ob die letztere Möglichkeit denn so schlimm gewesen wäre. An einem kurzen, fast zufälligen Blick DeFalcos merkte er, dass dieser gerade genau dasselbe gedacht hatte.

„Wie ist sein geistiger Zustand?“, fragte Spencer weiter.

„Schlecht. Die ständige Benutzung des Beremar-Feldes hat ihren Preis. Ich sähe es gerne, wenn er so schnell wie möglich wieder in Behandlung käme“, antwortete M'Boya. „Ich habe mit Beta Aurigae gesprochen, ich kann da nicht viel machen.“

„Leyton befindet sich jetzt in der Arrestzelle und wird gut bewacht. Was machen wir mit ihm?“, fragte Karov.

„Hm. Wir haben einen Auftrag, der uns wahrscheinlich einige Zeit aufhalten wird. Ich werde ein anderes Schiff anfordern, das Leytons“ - er veränderte seinen Tonfall leicht - „‚Transport‘ übernehmen wird“, erwiderte Spencer.

„Eigentlich brauchen wir die Kennedy ja nicht für die Tests. Wir haben ja die Skate“, warf Hwang ein.

„Auch gut. Das macht die Sache einfacher. Wir können ihnen entgegen fliegen“, murmelte Spencer halblaut und irritiert. „Nächster Punkt: Leytons Ausrüstung. Was haben Sie herausgefunden?“

„Er hatte ein großes Gerät auf dem Rücken geschnallt“, begann DeFalco. „Es erzeugte das Beremar-Kraftfeld, diente als Aufladestation für seine Waffe und ist mit einem Nottransporter ausgerüstet. Mehr haben wir bis jetzt nicht geschafft. Ein Wort noch zur Bedienung, sie ist auf Stimmenmuster und DNA-Code von Leyton eingestellt. Bei anderen Personen passiert entweder nichts oder das Gerät explodiert und nimmt seinen Träger mit.“

„Was heißt ‚entweder oder‘?“, wunderte sich M'Boya.

„Leyton hat einen Zufallsgenerator installiert“, antwortete DeFalco. Einige erschrockene Blicke waren auf ihn gerichtet. „Sehen Sie mich nicht so an“, verteidigte er sich. „Das stimmt. Und ich weiß, wie das klingt. Der Typ hat einen ziemlichen eigenen Humor.“

„Um es milde auszudrücken“, brummte Spencer. „Mr. Hellmann?“

„Die weitere Analyse seiner Waffe hat doch keine konkreten Hinweise auf ihren Ursprung ergeben“, berichtete Hellmann. „Auch wenn die Parallele zu Giclas natürlich auffällig ist.“

„Eine Frage“, meldete sich Lemois vom Wandbildschirm zu Wort. „Ich würde gerne wissen, wie Leyton überhaupt fliehen konnte und wie er dann an Bord der Skate gelangte.“

Karov antwortete prompt. „Sobald wir auch nur die Vermutung hatten, dass wir Leyton jagen würden, habe ich einen Bericht von Beta Aurigae angefordert. Sie wussten mehr, als in den offiziellen Verlautbarungen stand.“

„Und?“, fragte Lemois fordernd.

„Sie vermuten, dass sich Leyton, auf welche Weise auch immer, an Bord eines ihrer Versorgungsschiffe gelangte, welches Sternenbasis 59 als nächste Station auf ihrer Route hatte. Nachforschungen dort haben ergeben, dass er wahrscheinlich auf einem privaten Schiff weitergeflogen ist. Von Sternenbasis 59 bis ins Epsilon Aurigae-System sind es nur wenige Lichtjahre.“

„Bleibt die Frage, wie er dort überhaupt einfliegen konnte. Das System ist ja ziemlich gut bewacht“, warf Hwang ein. „Was sagt eigentlich Leyton selbst?“

„Nicht viel, und schon gar nichts von Belang.“ Karov verzog ihr Gesicht. „Er spricht nicht sehr viel. Ich habe versucht, ihn zu verhören, aber er reagierte fast nicht auf meine Fragen und wenn er antwortete, redete er in unzusammenhängenden Sätzen.“

„Tja, aber wie konnte er an Bord der der Skate kommen? Und vor allem, warum?“, hakte Spencer nochmals nach.

„Vielleicht wieder mit einem Beremar-Trick?“, überlegte Hwang.

„Möglich ist alles. Die Schiffserkennung für den Eintritt in das Epsilon Aurigae-System läuft ja auch nur über Standard-Sensoren“, antwortete DeFalco. „Und die können nunmal nichts mit Beremar-Strahlung anfangen.“

„Und warum?“, wiederholte Karov. „Vielleicht wollte er einige Tage oder Wochen abwarten, bis man die Suche nach ihm einstellt.“

„Und dann muss ihn irgendwer abholen! Das sollte man überwachen“, folgerte Lemois.

„Genau. Markieren Sie diese Passage in ihrem Bericht und weisen Sie explizit auf diese Möglichkeit hin“, wies Spencer Hwang an, die an Lemois‘ Stelle diese Aufgabe übernommen hatte. „Sonst noch etwas?“, fragte Spencer die Runde und auch sich selbst. Niemand antwortete.

„Wenn nicht, dann ist der Vorgang ‚Ralph Leyton‘ abgeschlossen. Das wär's.“ Er beendete die Versammlung und schaltete ungefragt Lemois auf dem Sichtschirm ab. Wie üblich verließ er den Besprechungsraum als letzter und ließ sich auf der Brücke in seinem Sessel nieder.

„Ankunftszeit im Lalande-System?“

„Knappe fünf Tage“, antwortete Hwang.

„Gut“, bestätigte Spencer. Da gab es nur eine Sache, die ihm die Vorfreude auf fünf ereignislose Tage gründlich nahm...


Schweigend verließen die Offiziere den Raum auf Deck 6. Es war keine herausragende Trauerversammlung für Fähnrich Chen gewesen, die notwendigen Worte waren in passender Form gesagt worden, die bekannten Handlungen in gewohnter Weise durchgeführt. Jeder spürte, dass zwar die Absicht bestanden hatte, dieses Ereignis nachhaltig und ergreifend zu gestalten; es war jedoch am Schluss wenig mehr als eine notwendige Ausübung der Pflicht geblieben. Obwohl dies jeder gefühlt hatte, mehr und mehr, je näher das Ende der Veranstaltung gerückt war, hatte niemand etwas gesagt oder gar Maßnahmen ergriffen.

Karov legte DeFalco, der an diesem Tage noch gar nichts von seinem lebensfrohen und optimistischen Wesen gezeigt hatte, vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter.

„Nicht jetzt, Talja“, murmelte dieser, schüttelte ihre Hand unsanft ab und verschwand in Gegenrichtung. Sie war für einen Moment versucht, ihm zu folgen.


„Ich hab‘s mir anders vorgestellt“, murmelte Lemois, die zusammen mit Hwang und M‘Boya auf Deck 5 einen Korridor entlang ging. Es war das erste Wort, dass zwischen diesen dreien auf dem gesamten Weg bis zu dieser Biegung gesprochen worden war.

„Eigentlich ist es auch anders“, meinte Hwang, die Erinnerungen an längst vergangene Ereignisse nachhing.

„Und es sollte auch anders sein“, ergänzte M‘Boya, deren Gedanken mehr in der Realität, der nahen Vergangenheit und der nahen Zukunft weilten.

Lemois blieb abrupt stehen. „Wie können Sie sagen, dass so etwas - irgendwie - sein sollte?“

„Eine Trauerfeier erfüllt einen bestimmten Zweck, mehrere, um genau zu sein“, erwiderte M‘Boya verblüfft von der harschen Reaktion Lemois‘.

„Zweck? Genau sein?“, rief Lemois entrüstet. „Was denken Sie? Wie denken Sie?“

In M‘Boya keimte eine Ahnung über den Grund für diese unerwartete Reaktion auf, während Hwang den folgenden Wortwechsel staunend mit geöffnetem Mund verfolgte, unfähig, zu Wort zu kommen.

„Ich meine“ - M‘Boya verzichtete bewusst auf eine Wiederholung des Wortes ‚denken‘ - „dass es der Crew hilft, den Verlust zu verarbeiten und dabei hilft, einen Schlussstrich zu ziehen...“

„Das ist alles?“ Lemois konnte es nicht fassen. „Mehr fällt Ihnen dazu nicht ein? Sie sind Ärztin?! Ein Leben wurde ausgelöscht, sinnlos und Sie reden über Hintergründe und Folgen?“

„Beruhigen Sie sich, Commander“, wehrte M‘Boya ab. „Sie...“

Lemois ließ sich allerdings nicht beruhigen. „Lassen Sie die Psychologin zuhause! Sie müssen doch irgendwas fühlen, verdammt! Oder, Kim, wie sehen Sie das?“

Hwang reagierte erschrocken. „Ich... also... finde, dass beide Seiten ihre Argumente haben. Die verschiedenen Perspektiven...“

„Es gibt da keine Perspektiven!“, schloss Lemois wütend und rannte fort. Hwang wollte hinterher, doch M‘Boya hielt sie am Ärmel. „Lassen Sie. Sie kennt das einzige Anti-Stress-Programm, dass ihr hilft.“

„Meinen Sie?“, fragte Hwang zweifelnd. Da kannte sie Lemois seit zwei Monaten und M‘Boya um einiges länger und hätte doch keinesfalls erwartet, dass beide aus dem Nichts und beinahe grundlos (?) so aufeinander losgehen würden...


Kaum war Terk in seinem Quartier eingetroffen, aktivierte er sein Computerterminal und ließ die übliche Initialisierungssequenz laufen, noch während er seine Paradeuniform gegen die normale tauschte. Danach stellte er eine Serie von Datenpaketen zusammen, verschlüsselte sie, übermittelte sie via Subraum an ihre Empfänger und hoffte, dass ihr verspätetetes Eintreffen keine negativen Folgen haben würde.


„Und da sollten wir doch tatsächlich seit gestern auf der Skate arbeiten!“, erzählte MacDonnell Hellmann und Karov, die sie, ob bewusst oder unbewusst, begleiteten. „Chen wurde vor nicht drei Tagen alleine tot auf der Skate gefunden und wir sollen dort Leitungen verlegen und Systeme testen, als wäre nichts gewesen!?“

„Was hat Spencer gesagt?“, erkundigte sich Karov.

„Er hatte Verständnis, im Gegensatz zu DeFalco.“

„Merkwürdig“, murmelte Hellmann.

„Wieso merkwürdig?“, wollte MacDonnell wissen.

„Ich meine, wenn ich raten müsste, dann würde ich sagen, dass DeFalco ein Problem damit hätte und nicht Spencer“, erläuterte Hellmann. „Wie wenig man doch die Leute kennt.“

„Und was ist mit Doktor Martin?“, wunderte sich Karov. „Der erwartet doch sicher, dass die Skate bereit ist, wenn wir eintreffen.“

„Da wollte sich unser Captain was einfallen lassen“, erwiderte MacDonnell zufrieden.


Spencer konnte es selbst kaum glauben, dass er in der letzten Viertelstunde, in der er an seinem Terminal im Büro gearbeitet hatte, die Benachrichtigung von Torrente übersehen hatte, dass sich Paris während der Trauerfeier für Fähnrich Chen gemeldet hatte und um einen Rückruf gebeten hatte.

Verärgert stellte er die Verbindung her.

„Ah, Captain Spencer“, begrüßte ihn Paris. „Veranstaltung beendet? Ich habe eine Nachricht für Sie.“

„Admiral“, knurrte Spencer mit verkniffenem Gesichtsausdruck.

„Ihrer Bitte um Zuteilung eines weiteren Ingenieurs als Ersatz für den umgekommenen Fähnrich Chun... Chen... kann zur Zeit wegen Personalmangels nicht entsprochen werden“, berichtete Paris.

Spencer blickte überrascht auf den Monitor. „Admiral, der Ingenieursabteilung wächst hier die Arbeit über den Kopf, wir kriegen keinen Dockplatz zur Generalüberholung wegen der defekten Bauteile und jetzt fehlt auch noch ein Ingenieur! Wie sollen wir unter diesen Bedingungen Warp 9 schaffen?“

„Sie haben genügend Ressourcen, um dies zu bewerkstelligen. Wie sie die einteilen, ist Ihre Sache. Paris Ende.“

Spencer verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute regungslos an die Decke. Paris‘ Aussage war definitiv falsch, wenngleich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht seine eigene. Er fragte sich zum ungezählten Male, welchen ureigensten Grund es hatte, dass Unterstützung von oben dann nie gewährt wurde, wenn sie dringend nötig war. Er schauderte bei dem Gedanken, DeFalco von der negativen Antwort Paris‘ zu berichten. Seine aktuelle Situation wurde langsam, aber stetig immer weniger beherrschbar. Auf der anderen Seite, bald konnte es wirklich nur noch besser werden...


Erschöpft ließ Lemois ihre Hände sinken, streifte ihre Boxhandschuhe ab und ließ sich achtlos rücklings auf den Boden fallen. Sie war die einzige Person in der Sporthalle, alle anderen Anwesenden hatte sie mit ihren lauten Schreien und den unbändigen Hieben auf einen eigens für diesen Zweck replizierten Punchingball bereits nach kurzer Zeit vertrieben. Sie empfand es als mehr als unpassend, für das schiere Abreagieren von Wut sich komplizierter Gerätschaften zu bedienen, die neben halbautomatischer Schlagresistenzanpassung holografische Emitter bemühten, um das Schlag- und Kampferlebnis möglichst realistisch zu gestalten. Sie wollte keinen computeranimierten virtuellen Sparringspartner; das war allein eine Sache zwischen ihrem rohen, nackten Gefühl und einem ebenso rohen, nackten Objekt, das Gefühl zu kanalisieren.

Das Leben konnte doch so schön sein... und dann wieder einfach nur grausam...


Es war Abend geworden und ein weiterer Tag war vergangen, nein, vor Spencers Augen abgerollt. Er saß in seinem Bereitschaftsraum und sah zum wiederholten Male den vorläufigen Testplan durch, der sich bei den Unterlagen befand, die Admiral Paris bei ihrem ersten Gespräch mitgeschickt hatte. Er markierte die Rubriken, die ihm immer noch unklar erschienen und wies die Brücke an, eine Verbindung mit Doktor Martin herzustellen.

„Station AL4 hier, Commander Moravcik“, meldete sich grauhaariger Offizier mit nicht dem aufgeschlossenstem Gesichtsausdruck. „Was kann ich für Sie tun?“

„Captain Spencer, U.S.S. Kennedy“, stellte sich Spencer vor. „Ich würde gerne mit Doktor Martin sprechen. Es geht um das TDF-Projekt.“

Kennedy? Sie transportieren das Testschiff, die Skate, nicht wahr? Einen Moment bitte, ich verbinde.“

Das Bild Commander Moravciks wurde durch das bekannte Bild von Dr. Martin ersetzt.

„Captain Spencer“, begrüßte Martin ihn kühl. „Worum geht es?“

„Zweierlei, Doktor Martin. Erstens, könnten Sie mir eine detailliertere Projektübersicht zukommen lassen. Das Material, was ich hier habe, könnte durchaus aus einer Pressemappe stammen.“

Martin zeigte nicht den glücklichsten Gesichtsausdruck. „Ich werde Ihnen das Gewünschte zukommen lassen“, verkündete er widerstrebend. Er gab einige Kommandos in seinen Computer ein.

Spencer sah auf seinem Anzeigeterminal, dass parallel eine Datenübertragung über Subraum stattfand. „Zweitens“, fuhr er fort. „Die Kennedy muss für einige Tage anderen Aufgaben nachgehen. Nach unserer Ankunft werden wir die für ihr Projekt benötigten Personen und das Material ausladen, dann wird sie wieder abfliegen. Bitte stellen Sie eine Liste zusammen, so dass die Ausladeprozedur zügig vonstatten gehen kann.“

Martin warf Spencer einen weiteren mürrischen Blick zu. „Wenn es nicht anders geht. War das alles?“

„Ja, Doktor. Spencer Ende.“ Die Zusammenarbeit mit Martin versprach interessant zu werden, um es freundlich zu formulieren...


Für den Folgetag, den letzten vor AL4, hatte Spencer nicht nur die Führungsoffiziere in den Lageraum bestellt, sondern alle Abteilungsleiter, da einige wichtige und das ganze Schiff betreffende Punkte auf der Tagesordnung standen.

Er begann, nachdem die große Runde versammelt war: „Wie Sie alle wissen, werden wir morgen auf der Station AL4 eintreffen und zusammen mit dem TDF-Projektteam die Skate zu Testzwecken umbauen. Sobald wir dort eingetroffen sind, werden wir Martin alles zur Verfügung stellen, was er braucht. Danach werden Sie, Commander, die Kennedy übernehmen, um Leyton zu einem Rendezvous mit der Reflection zu bringen, die beauftragt wurde, seinen Ausbruch genau zu untersuchen. Sie werden ihnen Leyton sowie unsere Untersuchungsberichte übergeben und danach wieder zurückkehren. Das heißt, sie werden etwa vierzehn Tage unterwegs sein.“

„Sir, das ist doch nicht ihr Ernst! Zwei Wochen Hin- und Herfliegen? Das ist aber eine sehr effiziente Ressourcenplanung!“ Lemois hatte jetzt sechs Tage vollkommen ausgespannt und war deswegen in Erwartung vierzehn weiterer ‚langweiliger‘ Tage aus verständlichen Gründen nicht gerade erbaut.

„Commander Lemois, das ist nichts gegen Sie persönlich“, versicherte er beruhigend. „Erstens: Ich brauche Lieutenant Hwang und DeFalco für das TDF-Projekt. Zweitens: Zwei ruhige Wochen zur Eingewöhnung wird Ihnen ganz bestimmt nicht schaden. Drittens: Die Reflection hat die alte Position der Skate im Epsilon Aurigae-System bezogen und kann von dort nicht weg.“

„Ja, Sir.“ Lemois hatte die Entscheidung akzeptiert, sie teilte sie jedoch mit Sicherheit nicht. „Warum sind wir nicht sofort nach Epsilon Aurigae zurückgekehrt und haben die Skate alleine nach Alpha Lalande weiterfliegen lassen?“, wollte sie wissen.

„Den Gedanken hatte ich“, erklärte Spencer. „Allerdings war die Wissenschaft zu den Zeiten der Skate noch nicht in der Lage, Dilithiumkristalle zu raffinieren. Und es bestehen geringe, aber doch entscheidende Unterschiede zwischen natürlich vorkommendem und raffiniertem Dilithium. Mit anderen Worten: Der Warpantrieb der Skate würde mit unserem Dilithium nicht klarkommen. Mit Impulskraft wollten Sie nicht weiterfliegen, oder?“

Lemois nickte, immer noch alles andere als zufrieden. „Nein, Captain.“

„Sie werden natürlich auf einen Teil der Crew verzichten müssen. Das werden Lieutenant Hwang, Lieutenant DeFalco mit drei Ingenieuren seiner Wahl, Lieutenant Hellmann und Fähnrich Berger sein. Weiterhin werden wir zwei Shuttles ausbooten, Chief Müller, bestimmen Sie zwei Piloten.“

Müller nickte bestätigend. „Ich bestimme mich und ... Fähnrich Jara.“

„Okay. Fragen?“

„Wie sieht es eigentlich mit dem Test genau aus? Ich meine, wie soll das Ganze eigentlich ablaufen?“, wollte DeFalco wissen.

„Wie sowas eben abläuft“, antwortete Spencer ausweichend. „Informationsmäßig hält uns der Herr Doktor Martin etwas kurz für meinen Geschmack. Subraumübertragungen sind zwar nicht hundertprozentig sicher, aber einige allgemeine Informationen, die über eine Auflistung von Martins Mitarbeiter hinausgehen, sollten sich doch eigentlich übermitteln lassen. Ich schätze mal, wir werden die Skate abliefern, zusammen mit Martins Ingenieuren umbauen und dann werden Sie“ - er sah Hwang an - „zusammen mit Martins Testpiloten, einem gewissen Johnson Scott, die Umbauten testfliegen. Unsere Beteiligung an dem Projekt ist fürs erste auf drei Wochen terminiert, kann aber von der Sternenflotte durch Martin ohne weiteres verlängert werden.“

„Sagten Sie Johnson Scott? Lieutenant Johnson Scott?“, fragte Hwang.

„Ja. Warum? Kennen Sie ihn?“

„Wenn das der gleiche Johnson Scott ist, den ich kenne, dann ja“, meinte Hwang erfreut. „Er war im Flugtraining auf der Akademie ein Jahrgang über mir und zusammen mit mir in der Nova Squadron. Er war einer der Besten, deshalb frage ich mich, warum ist er jetzt nur Testpilot?“

Ich weiß es nicht“, stellte Spencer fest. „Wenn es sonst keine Fragen mehr gibt... dann wünsche ich allen eine gute Nacht.“

9

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21784,9, Commander Spencer: [13.10.2344 06:35:25]

Wir sind ohne weitere Zwischenfälle unterwegs mit der Skate im Traktorstrahl im Alpha Lalande-System eingetroffen, um sie dem Projektteam als Testobjekt zur Verfügung zu stellen. Sobald wir alle von Dr. Martin benötigten Objekte ausgeladen haben, wird Commander Lemois mit der Kennedy zum Rendezvous mit der Reflection aufbrechen.

„Geben Sie mir einen kurzen Überblick über das System!“, ordnete Lemois an, die zum ersten Mal seit dem Zwischenfall auf der Skate ihren Platz neben Spencer eingenommen hatte und gleich wieder in ihrem Element war, wie er leicht feststellen konnte. Offiziell im Dienst war sie bereits wieder seit einem Tag, „damit sie sich nicht sportlich überanstrengt“, wie M‘Boya es formuliert hatte.

„Vier der Planeten befinden sich relativ nahe an der Sonne, der fünfte relativ weit abseits. Es gibt einige dichte Asteroidenfelder. Der vierte Planet gehört zur Klasse-M, dort befindet sich eine Testbasis der Sternenflotte im Orbit. Im Moment befindet sich dort ein Schiff im angedockten Zustand, es ist ein Transportschiff der Sternenflotte“, berichtete Terk. „Wir erhalten ein Signal von der Basis. Es ist Dr. Martin“, ergänzte er sofort im Anschluss.

Spencer hatte die Antwort bereits auf den Lippen, doch Lemois kam ihm zuvor. „Auf den Schirm!“

Ein grimmiger Blick Spencers nach rechts wurde von einem Unschuld heuchelnden Blick Lemois‘ quittiert.

Dr. Martin erschien auf dem Bildschirm. „Captain Spencer! Schön, dass Sie endlich da sind. Ich darf Sie dann bitten, die Skate an ihren vorgesehenen Platz zu befördern. Ihre Quartiere stehen bereit, die Liste der von uns benötigten Gegenstände wird zu ihnen übermittelt.“

„Wir werden alles Nötige veranlassen. Spencer Ende.“

Nicht nur Lemois hatte den Eindruck, dass Spencer die Verbindung sehr abrupt abgebrochen hatte. „Ich beneide sie nicht um die nächsten Tage zusammen mit diesem Martin. Vielleicht sollte ich mich doch nicht so sehr über meine Aufgabe beschweren“, meinte sie augenzwinkernd zu Spencer.

„Da haben Sie vielleicht recht“, gab Spencer trocken zurück. „Reichen Sie die Liste an die Ingenieursabteilung weiter, sie sollen sich um den Transport kümmern.“

Lemois nickte bestätigend.

„Spencer an Shuttlerampe 1! Bereiten Sie die Schweitzer und die Gandhi für einen Start vor.“

„Verstanden“, kam die prompte Rückmeldung Chief Müllers. „Wissen Sie schon, wo wir docken können?“

Spencer nickte Lemois zu, die die in der Liste aufgeführten Koordinaten an die Shuttlerampe übermittelte. „Landerampen vier und fünf, Chief.“

„Verstanden, Commander“, bestätigte Müller den Empfang. „Wir halten uns bereit.“

„Okay, Spencer Ende. Miss Hwang, setzen Sie einen Kurs zu den Koordinaten, an denen wir die Skate absetzen sollen, volle Impulskraft. “

„Aye, Sir“, bestätigte Hwang.

„Ah, Gerry. Was ist?“, begrüßte Spencer den soeben eingetroffenen DeFalco.

Als Antwort winkte dieser mit einem PZAG. „Der ist ja wohl noch ganz frisch!“, stellte er fest.

„Die Liste?“, spekulierte Spencer, der nicht genau wusste, worauf DeFalco anspielte.

„Genau. Sechs Ingenieure und ein Drittel unseres Ersatzteilbestandes, dazu zwei große Generatoren. Das nenne ich übertrieben. Und unverschämt.“

„Dein Gegenangebot?“

„Die Generatoren kann er haben, allerdings nur wie gesagt, vier Ingenieure, mich eingeschlossen. Bei den Ersatzteilen werde ich ebenfalls... auswählen.“

„In Ordnung“, bestätigte Spencer. „Du wirst schon wissen, was wir brauchen.“

„Die Generatoren werde ich unseren beiden Shuttles mitgeben. Das Beamen von solchen komplizierten Geräten gefällt mir ganz und gar nicht.“

Spencer nickte. „Wie lange braucht ihr insgesamt?“

„Eine Stunde, vielleicht eineinhalb.“

„Gut.“

„Wir haben die angegebene Position erreicht“, gab Hwang bekannt.

„Lassen Sie die Skate vom Haken, danach gehen wir in Parallel-Orbit zur Basis. Den Dockvorgang sparen wir uns aus Zeitgründen.“

„Okay“, bestätigte sie.

„In eineinhalb Stunden werden sich alle, die nach AL4 beamen, im Transporterraum versammeln. Miss Hwang, Sie beenden ihr Flugmanöver, danach haben Sie bis dahin frei.“ Abschließend informierte Spencer Hellmann und Berger.


Die Türen des Maschinenraums öffneten sich knapp vor DeFalco, der eiligen Schrittes hindurchging. MacDonnell stand bereits am Eingang bereit. „Und?“, fragte sie erwartungsvoll. „Wen werden Sie mitnehmen?“

„Walker, Ngatadatu, Callaway. Und... mich.“ Er grinste breit. „Sie werden für diese Zeit den Laden hier übernehmen.“

„Ja, Sir.“ MacDonnell klang enttäuscht, insgeheim hatte sie gehofft, ebenfalls an dem Test teilnehmen zu können.

„MacDee, machen Sie nicht wieder so ein Gesicht! Sie sind jetzt für zwei Wochen hier der Chef. Freut Sie das nicht?“, versuchte DeFalco sie gestenreich zu überzeugen.

„Doch“, stellte MacDonnell unumwunden nach zwei Sekunden Bedenkzeit fest.

DeFalco blieb für den Moment stumm. „Zwei Leute sollen die Generatoren aus den Frachträumen in die Shuttles schleppen. Sechs andere, uns beide eingeschlossen kümmern sich um die Auswahl und den Transport der Teile für Martin. Und sagen Sie den Dreien, sie sollen auf einen längeren Basisaufenthalt vorbereiten.“

„Wird erledigt“, nickte MacDonnell.


Eineinhalb Stunden später verabschiedete sich Spencer von der Brücke. „Commander, ich übergebe Ihnen jetzt das Schiff. Ich erwarte es in einem Stück zurück. Viel Spaß.“

„Habe ich bestimmt, Sir“, erwiderte Lemois in einem eigenartigen Tonfall. Es war nicht auf Anhieb erkennbar, ob sie ihre Aussage jetzt ironisch gemeint hatte oder nicht. Rasch und unauffällig wechselte sie in den Kommandosessel und machte sich mental mit der neuen Situation vertraut.


Spencer betrat den Transporterraum und fand dort bereits alle acht Leute neben Transporteroperator Sisota versammelt. „Bereit?“, fragte er nur.

„Bereit, Captain“, antwortete Hwang stellvertretend für alle. „Ihr Gepäck und auch das unsere wurde bereits nach AL4 transportiert und wird in unsere Quartiere gebracht. Dr. Martin erwartet uns mit seinem Stab.“

Spencer nickte. „Dann wollen wir ihn mal nicht länger warten lassen. Die ersten fünf bitte.“

Die drei Ingenieure sowie Berger und Hellmann betraten die Transporterplattform und wurden auf ein Zeichen Hellmanns entmaterialisiert. Nachdem sie verschwunden waren, nahmen DeFalco, Hwang und Spencer ihre Plätze ein.

„Energie!“

Sie materialisierten im Transporterraum der Station. Auf den ersten Blick war nichts ungewöhnliches zu sehen, es war ein Transporterraum im normalen Sternenflottendesign. Spencer wusste selber nicht, warum er etwas anderes erwartet hatte. Vor der Transporterplattform erkannte Spencer Commander Moravcik, den Leiter der Station und auch Doktor Martin wieder, die zusammen mit einigen anderen Zivilisten sowie einem weiteren Sternenflottenoffizier ihre Ankunft erwartetet hatten.

Moravcik trat vor. „Willkommen auf AL4, Captain Spencer! Ich freue mich, dass Sie da sind“, grüßte er.

„Danke, Commander“, erwiderte Spencer und verzichtete bewusst auf weitere Worte.

Martin trat ebenfalls vor und begrüßte ihn, allerdings wesentlich förmlicher. „Willkommen, Captain. Darf ich Ihnen meinen Stab vorstellen: Mein Assistent, Jose Moreno“ - Martin zeigte auf einen jungen Mann mit dunklem Haar - „meine Ingenieure Fisher, Tinoc, Hernandez und Carter“ - er wies auf drei Menschen und einen Bolianer - „und das ist Lieutenant Johnson Scott, unser Testpilot.“ Mit seinen leuchtend blonden Haaren und blauen Augen bildete Scott einen auffallenden Kontrast zu Moreno und auch Martin selbst.

Ein freundliches „Hallo, Johnny!“ Hwangs folgte an Scotts Adresse.

Einige Augenblicke sah Scott sie verwirrt, aber interessiert an, dann fiel der Credit. „Hallo! Kim, nicht wahr? Schön, dich wiederzusehen!“

„Ich freue mich auch“, antwortete Hwang lächelnd.

„Danke, Doktor“, unterbrach Spencer das freudige Wiedersehen und stellte nun seinerseits seine Leute vor.

„Captain, ich schlage vor, wir beginnen gleich mit der Einweisung. Bitte folgen Sie mir“, wies Martin an. Die acht folgten ihm und seinen Leuten durch die Gänge der Basis, Moravcik verabschiedete sich und verschwand in die Gegenrichtung.

„Nicht gerade die Freundlichkeit in Person“, raunte DeFalco auf dem Weg Hwang zu.

„Spencer oder Martin?“, flüsterte Hwang zurück und blickte DeFalco vergnügt an.

„Martin. Aber Spencer ist auch nicht besser drauf“, gab DeFalco zurück. „Das werden grandiose Tage.“

„Obwohl, Im Vergleich zu Martin wirkt Spencer heute regelrecht freundlich...“

Sie trafen an ihrem Ziel ein, dem Konferenzraum der Basis. Er war ungewöhnlich groß und bot in der momentanen Konfiguration knapp zwanzig Personen viel Platz um einen großen Tisch in der Mitte. Vor Kopf war ein großer Sichtschirm installiert, an jedem Platz jedoch nur ein sehr kleiner Monitor mit wenigen Kontrollen. Obwohl die Umweltkontrollsysteme darauf achteten, dass in jedem Raum die gleiche Temperatur herrschte, kam es Spencer hier eine Spur kühler als auf dem Korridor vor.

„Wenn Sie dann bitte Platz nehmen würden“, forderte Martin auf und setzte sich auf den Stuhl vor Kopf vor dem Sichtmonitor, Spencer und Scott saßen direkt zu seiner Linken und Rechten. Die übrigen Leute der Kennedy sowie Martins Ingenieure verteilten und setzten sich, nur Moreno ging zum Demonstrationsschirm und aktivierte ihn.

„Sie dürfen beginnen“, gebot Martin.

Spencer und Hwang, die wie zufällig neben Scott saß, wechselten einen kurzen, betrübten Blick. Martin hatte eine ungemein angenehme Art, mit seinen Leuten umzugehen...

„Guten Morgen.“ Moreno schlug sofort einen geschäftsmäßigen Ton an. „In der nächsten Zeit werden wir unser neues, experimentelles Trägheitsdämpfungssystem auf der U.S.S. Skate erproben“, begann er. Er legte eine Schnittzeichnung der Skate auf den Bildschirm, vergrößerte die Untertassensektion, schaltete den Anzeigemodus von ‚Schnittzeichnung‘ auf ‚Energiesysteme‘ und markierte abschließend die TDF-Systeme blau.

„Dies hier sind die momentanen Positionen der TDF-Generatoren. Als erstes müssen diese Generatoren ausgebaut und durch unsere Prototypen ersetzt werden. Weiterhin wird die Brücke der Skate einen Umbau erfahren, so dass dort alle wichtigen Betriebsdaten der Skate auf einen Blick verfügbar sein werden. Alle diese Daten werden gleichzeitig in das Kontrollzentrum der Basis übertragen und können von dort aus direkt verändert werden.“

Martin erhielt ein Signal auf dem kleinen Sichtschirm an seinem Platz, er winkte Moreno, zu unterbrechen. Nachdem er die eingegangene Nachricht gelesen hatte, wandte er sich an Spencer.

„Sie haben meine Liste erhalten, oder?“

„Ja, habe ich.“ Obwohl Spencer genau wusste, worauf Martin hinauswollte, stellte er sich unwissend, um Martin den ersten Wind aus den Segeln zu nehmen.

„Und warum sind dann nicht alle vereinbarten Teile auf die Basis transferiert worden?“

„Weil das einiges zu viel für unseren Ersatzteilbestand wäre. Wir sind ein kleines Schiff und können nicht unsere kompletten Vorräte abgeben“, erläuterte Spencer ruhig.

„Warum nicht? Wozu haben Sie Replikatoren?“, fragte Martin.

„Erstens: Sie haben auch Replikatoren“, gab Spencer kühl zurück. „Zweitens: Nur ein Teil der Komponenten kann überhaupt repliziert werden. Drittens: Wir haben ständige Maschinenprobleme, deswegen brauchen wir selbst Ersatzteile. Viertens: Was Sie erhalten haben, sollte bei weitem ausreichen.“

„Das finde ich nicht zufrieden stellend.“ Martin blickte Spencer säuerlich an. „Fahren Sie fort!“, sagte er trotzdem nach einigen Sekunden zu Moreno, die ohne eine weitere Reaktion Spencers vergingen. Seine Mundwinkel zuckten unschlüssig.

Moreno nahm seinen Faden wieder auf. „Sobald wir mit der Umrüstung der Skate fertig sind, kann Lieutenant Scott mit der Feineinstellung und der Erprobung beginnen. Anhand verschiedener Manöver wird das neue TDF-System seine Leistungsfähigkeit in praktischen Tests beweisen. Zu den Einzelheiten...“

„Ich hätte noch einige Anmerkungen“, meldete sich Spencer zu Wort. „Als erstes würde ich vorschlagen, dass Lieutenant Hwang zusammen mit Lieutenant Scott die Testflüge durchführt. Auf diese Weise erhalten wir zwei Meinungen zu den neuen Systemen und ein klareres Bild.“

Martin sah Scott an, der nickte. „Aber gerne“, sagte dieser zu Spencer. Zu Hwang gewandt fügte er hinzu: „Na, Kim, wir zwei wieder als Team, da kann eigentlich nichts mehr schief gehen, oder?“

„Du sagst es, Johnny“, stimmte Hwang lächelnd zu.

„Zweitens.“ Das war wieder Spencer. „Die Kennedy muss bald abfliegen, um einen Rendezvoustermin mit der Reflection einhalten zu können. Geht das von Ihnen aus in Ordnung?“

Martin überlegte kurz. „Die Kennedy sollte wenigstens bis zum eigentlichen Testbeginn zu meiner Verfügung bleiben.“

„Das wird wohl nicht gehen, Doktor. Die Kennedy hat einen festen Termin, den sie einhalten muss. Mir ging es eher darum, ob jetzt oder in einer halben Stunde.“

„Die Kooperation mit der Sternenflotte hatte ich mir eigentlich anders vorgestellt“, mäkelte Martin. „Wenn es nicht anders geht... dann von mir aus jetzt.“

Spencer reagierte schnell und tippte auf seinen Kommunikator. „Spencer an Lemois! Sie haben Startfreigabe.“

„Verstanden, Captain“, bestätigte Lemois.

„Danke, Commander. Einen guten Flug, Spencer Ende!“

Spencer nickte Moreno zu, der fortfuhr. „Also zu den Einzelheiten unseres TDF-Systems: Der hauptsächliche Unterschied zu konventionellen TDF-Systemen besteht darin, dass der Feldverzerrungsvektor nicht nur diametral der Beschleunigungsveränderung entgegen wirkt. Durch eine optimierte Netzbeschleunigung im TDF-Gitter kann die charakteristische Verzögerung im Idealfall um 60% gesenkt werden. Das führt zu einer wesentlich ruhigeren Fluglage gerade in Gefahrensituationen, einem Gefecht zum Beispiel...“


„Wir verlassen das System, volle Impulskraft!“, ordnete Lemois an, die kerzengerade im Kommandosessel auf der Brücke der Kennedy saß.

„Aye, Ma'am“, bestätigte Thalvan, der für Hwang das Ruder übernommen hatte.

„Brücke an Maschinenraum: Zustand der Maschinen?“, fragte Lemois weiter.

„MacDonnell hier“, antwortete ihr Kommunikator. „Die alte Warpkonfiguration wurde wieder eingespielt und getestet, der Warpantrieb ist bis Warp 7.1 einsatzbereit.“

„Bereithalten.“ Lemois schloss den Kanal zum Maschinenraum.

„Commander, bereit für Warpgeschwindigkeit“, meldete Thalvan nach einigen Sekunden.

„Kurs auf Epsilon Aurigae! Warp 5! Beschleunigen!“

„Aye, Ma'am.“

Bunte, flirrende Sterne auf dem Hauptschirm begleiteten den Beschleunigungsvorgang. Während Lemois diesen ihr schon seit langem vertrauten Effekt beobachtete, lehnte sie sich angespannt zurück und genoss das Bewusstsein, dass sie jetzt in den nächsten Tagen das Kommando auf diesem Schiff ausüben würde. Sie begann damit, die Anordnung der Bedienelemente auf dem Kommandosessel nach ihren Bedürfnissen anzupassen, auch wenn ihre Gedanken bereits wesentlich weiter griffen.

10

Persönliches Logbuch, Commander Spencer, Sternzeit 21797,5: [17.10.2344 21:14:24]

Wir sind nun seit vier Tagen auf AL4. Nach zwei Tagen Umbau haben die ersten beiden Testtage bei weitem nicht die versprochenen Resultate gezeigt. Die Zusammenarbeit mit Dr. Martin läuft nicht gerade unkritisch. Ich werde für heute Schluss machen und den Tag bei einem guten Buch ausklingen lassen.

Spencer schaltete den Aufzeichnungsapparat aus und nahm sich eines seiner von der Kennedy mitgebrachten Bücher vom Tisch. Er legte die Füße hoch und schlug das Buch auf, doch bereits während der ersten Seite fühlte er sich unbequem und veränderte seine Sitzposition. Nach einigen weiteren Zeilen veränderte er seine Position erneut. Er rutschte zentimeterweise hin und her, verharrte, und versuchte abermals, weiterzulesen. Er schüttelte den Kopf und wollte sich gerade wieder bewegen, als ihn der Türsummer unterbrach.

„Herein!“, rief er unwillig.

Hwang stand vor der Tür. „Darf ich eintreten, Captain? Oder störe ich Sie gerade?“

„Nein, Lieutenant, durchaus nicht. Ein gutes Buch ist nichts wert, wenn es keine bequeme Position gibt, in der es gelesen werden kann.“ Spencer klappte es zusammen, zielte und warf es zurück auf den Tisch. „Ich hätte mir meinen eigenen Stuhl mitnehmen sollen. Aber nehmen Sie doch Platz.“

„Danke, Sir. Lassen Sie sich ihren Stuhl doch replizieren“, schlug Hwang vor.

„Mein Lieblingsstuhl in meinem Quartier auf der Kennedy ist kein Standardmodell. Ich habe ihn selbst entworfen und an mich angepasst. Und ich kenne die nötigen Parameter nicht auswendig, um den Replikator zu programmieren. Doch Sie wollten mit mir bestimmt nicht über Stühle reden, oder?“

Hwang lächelte. „Nein, Captain. Es geht vielmehr um das Projekt.“

„Habe ich mir fast gedacht“, brummte Spencer. „Was haben Sie auf dem Herzen?“

„Es ist wegen Martin. Ich vertraue ihm einfach nicht. Und schließlich vertrauen wir, also Johnny und ich, ihm unser Leben an.“

„Wenn Sie beide von diesem Einsatz abgezogen werden möchten...“, bot Spencer an.

„Nein, das ist es nicht. Bis jetzt war auch alles in Ordnung“, lehnte Hwang zögernd ab. Sie war sich plötzlich selbst nicht klar darüber, was sie genau wollte. „Was halten Sie von Martin?“

„Ich habe mich kundig gemacht. Als Wissenschaftler genießt er einen gewissen Ruf in Ingenieurskreisen, den er hier allerdings für mich bisher schuldig geblieben ist. Die Grundkonzeption seiner Idee ist zwar schlichtweg revolutionär, aber wie alle Revolutionäre scheint der Herr Doktor etwas voreilig zu sein. Die Erläuterungen klingen zwar alle recht plausibel, doch der subtile Eindruck der Unausgegorenheit, der sich bei mir anfangs eingestellt hat, konnte von ihm nicht überzeugend ausgelöscht werden. Beim Einbau wurde auch hier und da improvisiert, aber... er weiß wohl, was er tut.“

„Würden Sie die Tests denn als gefährlich bezeichnen?“ Hwang klang noch mehr verunsichert als zuvor.

Spencer hob beschwichtigend die Hände „Keinesfalls. Alles hat seine Ordnung bisher. Wir passen natürlich auf, falls Martin irgendetwas übersehen haben sollte. Und wir sorgen dafür, dass schön konservativ getestet wird.“

„Aber das ist doch nicht vernünftig!“, stellte sie fest. „Wir arbeiten für diesen Martin, vertrauen ihm aber nicht wirklich. Sie und ich, wir wissen, dass diese Tests hier nicht das sind, was sie sein könnten oder sollten. Warum tun wir nichts?“

„Weil wir es nicht wissen, sondern nur fühlen und glauben. Geben Sie mir einen wirklichen Beleg, dann löse ich diese Veranstaltung sofort auf.“

Hwang zuckte mit den Schultern. „Ich habe keinen. Auch wenn ich mich von Tag zu Tag unwohler fühle.“

„Dann kann ich Ihnen nur raten, die Augen offen zu halten, Ihnen und den anderen. Ansonsten müssen wir damit leben, leider.“

Sie warf einen kurzen Blick auf den Wandchronometer und erhob sich. „Wenn Sie mich dann entschuldigen würden, Captain. Ich bin mit Lieutenant Scott zum Essen verabredet.“ Nach einer Sekunde fügte sie hinzu. „Bevor Sie fragen: Wir essen in seinem Quartier.“

„Ich hätte nicht gefragt“, versicherte Spencer treuherzig.

„Aber sich ihren Teil gedacht“, gab Hwang augenzwinkernd zurück.

„Ich heiße nicht DeFalco.“ Spencer grinste. „Bis morgen, Miss Hwang.“

„Bis morgen, Captain. Gute Nacht.“

Nachdem sie den Raum verlassen hatte, ergriff Spencer wieder das Buch, das er vorhin auf den Tisch geworfen hatte, und versuchte von neuem, weiterzulesen.


„Guten Morgen!“ Lemois betrat den Besprechungsraum der Kennedy um zwei Minuten vor acht Uhr und begrüßte die versammelten Führungsoffiziere beziehungsweise ihre Vertreter. Im Gegensatz zu früher, wo Spencer es mit dem Beginn der allmorgendlichen Besprechung nicht zu genau nahm und gelegentlich zusammen mit den Offizieren in den Lageraum kam, verlangte Lemois pünktliche Anwesenheit, wenn Sie irgendwann zwischen fünf vor und Punkt Acht als letzte den Raum betrat. Terk, Karov und M'Boya als Abteilungsleiter waren anwesend, als Vertreter vervollständigten MacDonnell, Thalvan und Krovic die Runde.

„Was steht an, Mr. Terk?“, fragte sie Terk, der für diese Mission mehr unwillig als willig die Rolle des Ersten Offiziers übernommen hatte. Er reichte ihr ein PZAG und sagte dabei: „Nichts Außergewöhnliches dabei, Commander.“

Lemois überflog die Aufzeichnungen kritisch. „Durch eine leichte Abweichung im EPS-System musste die Energiezuleitung für die Replikatoren auf den Decks 4 bis 6 umgeleitet werden?“, fragte sie MacDonnell. „Wir hatten doch bereits gestern Probleme damit! Haben Sie es nicht behoben?“

„Ja, Commander. Wir haben allerdings seit dem Abschalten des überflüssigen Verteilers ständig neue Schwierigkeiten mit dem EPS.“ MacDonnell klang ungewöhnlich nervös für ihre Verhältnisse.

„Versuchen Sie, es in den Griff zu kriegen! Ich würde sehr ungern auf mein Abendessen wegen EPS-Problemen verzichten wollen“, gab Lemois bestimmt, aber dennoch freundlich zu verstehen.

„In Ordnung“, sagte MacDonnell, nur etwas sicherer als zuvor.

Lemois fuhr fort, das PZAG durchzusehen und gab es danach Terk zurück. „Wir werden in fünf Tagen im Epsilon Aurigae-System eintreffen, um Leyton der Reflection zu übergeben. Das wird allerdings nicht ganz einfach sein, da wir die Reflection nicht direkt anfliegen dürfen. Es darf von außen zu keinem Fall zu bemerken sein, dass wir überhaupt da sind. Wie gehen wir vor?“

„Entschuldigen Sie, Commander. Warum dürfen wir die Reflection nicht direkt anfliegen?“, erkundigte sich M'Boya stellvertretend für die übrigen Offiziere aus der Runde. „Vielleicht können wir uns dann besser vorstellen, worum es genau geht.“

Lemois wartete einige Augenblicke, dann begann sie. „Die Reflection soll den Ausbruch Leytons untersuchen und ihn auch wieder dorthin zurückzubringen, ins Gefängnis, meine ich. Man vermutet, dass sich Leyton ein paar Wochen auf der Skate verstecken wollte, bis die Suche nach ihm eingestellt wird. Danach, auf jeden Fall irgendwann, hätte jemand ihn wieder abholen müssen. Genau darauf wartet die Reflection mit abgeschalteten Energiesystemen exakt an der Position der Skate. Das ist unser Problem.“

„Aber wie soll die Täuschung denn gelingen? Die Reflection ist doch nicht die Skate“, fragte Krovic.

MacDonnell erklärte es ihm. „Die Reflection gehört zur Miranda-Klasse, die Skate zur Soyuz-Klasse. Da die Soyuz-Klasse auf der Miranda-Klasse basierte, wird bei einem flüchtigen Hinsehen der Unterschied nicht auffallen. Wahrscheinlich könnte sogar die Kennedy die Rolle der Skate spielen. So groß ist der Unterschied nämlich auch nicht, rein optisch gesehen.“

Lemois blickte MacDonnell einen Augenblick verwundert an, dann besann sie sich wieder auf das eigentliche Thema. „Also, sie wissen jetzt Bescheid. Was sagen Sie dazu?“

„Wir brauchen doch höchstens zehn Minuten für die Übergabe“, wandte Thalvan ein.

„Und wenn das gesuchte Schiff gerade zu diesem Zeitpunkt das System anfliegt, Fähnrich? Sie würden sofort abdrehen, vielleicht ohne dass wir sie überhaupt bemerken. Außerdem haben wir unsere Befehle und die sind eindeutig.“ Lemois sah, dass Thalvan etwas erwidern wollte, also fügte sie streng hinzu: „Keine Diskussion, Fähnrich.“

Thalvan wandte sich unwillig ab.

„Besitzt das Epsilon Aurigae-System Besonderheiten, die wir zu unserem Vorteil nutzen könnten?“, fragte Karov.

Diese Frage gefiel Lemois schon besser. „Fähnrich Krovic?“

„Aus meiner Erinnerung: nein. Ich sehe aber mal nach“, gab Krovic bekannt, während sie bereits die Computerabfrage durchführte. „Nein“, wiederholte sie. „Als das System dazu bestimmt wurde, außer Dienst gestellte, alte Schiffe zu beherbergen, wurde besonders darauf geachtet, dass man sich eben nicht verstecken kann. Das System besitzt nur zwei mittelgroße Planeten und eine verhältnismäßig kleine Sonne des Typs K. Das einzig Ungewöhnliche ist ein das ganze System umgebendes, künstliches Asteroidenfeld, in dem starke Phaserbanken versteckt sind, die Einflugsicherung sozusagen.“

„Zumindest könnte man sich bei der Sonne verstecken“, murmelte Karov halblaut.

„Ein guter Gedanke, Karov“, sagte Lemois. „Wir können den Computer so programmieren, dass wir, wenn wir unter Warp gehen, uns so gerade außerhalb der Sonnenkorona befinden. Fähnrich Krovic, wir brauchen detailliertere Informationen über die Sonne, um den minimalen Abstand zu berechnen. Nur wie bekommen wir dann Leyton an Bord der Reflection? Wie weit würden wir entfernt sein?“

„Etwa 1,5 Millionen Kilometer“, antwortete Terk.

„Das ist zu viel für unseren Transporter“, murmelte MacDonnell. „Wir müssen ein Shuttle nehmen.“

„Auch ein Shuttle ist auf einem Langstreckenscan zu bemerken“, wandte Lemois ein.

„Wie konnte Leyton überhaupt an Bord der Skate gelangen?“, fragte MacDonnell nachdenklich. „Das System ist doch abgesichert.“

„Durch einen Trick mit einem Beremar-Feld wahrscheinlich“, erklärte Lemois. „Standardsensoren sind nicht in der Lage, ein Objekt, das Beremar-Strahlung emittiert, zu entdecken.“

MacDonnell sah einen Augenblick so aus, als wäre ihr der rettende Gedanke gekommen sie schnippte übermütig mit dem Finger. „Das ist es! Wir müssen uns oder das Shuttle einfach nur mit einem Beremar-Feld umgeben und sind für keine Sensoren mehr sichtbar.“

„Doktor, sie sprachen letztens davon, dass Beremar-Strahlung gesundheitsschädlich wirkt. Wie bewerten Sie den Vorschlag?“, fragte Lemois zwar zögerlich, aber doch angetan von MacDonnells Idee.

M'Boya überlegte. „Ohne einen Schutz gegen die Strahlung geht nichts. Und das ist aus medizinischer Sicht nicht möglich.“ Sie gab den Ball unvermittelt an MacDonnell weiter, die auf Anhieb überrascht dreinschaute. „Zu machen ist da bestimmt etwas“, murmelte diese. „Ich muss mich erst mit der Wissenschaftsabteilung beraten.“

„Ist es prinzipiell machbar?“, fragte Lemois nach.

MacDonnell bedachte Lemois mit einem bedrückten Blick. „Ausgehend von dem, was wir über Leytons Gerätschaften wissen, denke ich... ja.“

„In Ordnung“, beschloss Lemois. „Wir werden die Kennedy in der Nähe der Sonne von Epsilon Aurigae verstecken und ein Shuttle mit einem Beremar-Feld versehen. Dieses Shuttle wird dann Leyton zur Reflection transportieren. Die Besprechung ist beendet, Stationen wieder besetzen!“ Alle erhoben sich geräuschvoll.

„Mr. Terk, eine Verbindung zur Reflection auf einem abhörsicheren Kanal!“, befahl Lemois, nachdem sie wieder im Kommandosessel Platz genommen hatte.

„Sofort, Commander“, bestätigte Terk und fuhr nach zwei Sekunden fort: „Kanal geöffnet!“

„U.S.S. Kennedy ruft U.S.S. Reflection! Reflection, bitte kommen!“

Nach einigen Sekunden Wartezeit erschien ein Bild auf dem Hauptschirm. Es war das Bild einer sehr dunklen Brücke, die mit nur drei Leuten bemannt war. Lemois folgerte, dass die Energiesysteme der Reflection auf minimalster Energiestufe gedrosselt waren, um die Skate mit ausgeschalteten Energiesystemen zu simulieren. Dazu musste jeglicher unnötiger Energieverbrauch eingeschränkt werden, unter anderem auch die Beleuchtung auf der Brücke. Lemois beneidete die Crew der Reflection nicht gerade darum, stunden- oder gar tagelang im Dunkeln sitzen und wahrscheinlich von Notrationen leben zu müssen.

„Hier spricht Captain McNab von der Reflection“, meldete sich ein Mann mittleren Alters, der selbst bei dieser Beleuchtung ein gehöriges Maß an Sicherheit, Zuversicht und Selbstbewusstsein ausstrahlte. „Commander Lemois von der Kennedy?“, fragte er freundlich.

„Ja, Captain. Wir sind unterwegs, um Ihnen Leyton zu übergeben. Da Sie sich im Moment im...“

„Sie sind also über unseren Status informiert“, unterbrach McNab höflich, aber bestimmt. „Haben Sie einen Vorschlag, wie Sie verfahren wollen?“

Lemois wunderte sich über McNabs Vorsicht, schließlich sprach sie mit ihm über einen abhörsicheren Kanal. Aber wahrscheinlich gehörte das auch zu den guten Eigenschaften eines Captains, alle potentielle Risiken vorherzusehen und diese wann immer möglich zu vermeiden. Auch wenn Risiken für gewöhnlich einen nur schwer zu erliegenden Reiz ausstrahlten...

„Allerdings, Captain. Und zwar folgendes...“ Lemois schilderte McNab in knappen Worten, wie sie vorzugehen beabsichtigte.

McNab dachte einige Sekunden nach, dann stimmte er zu. „Einverstanden, Commander. Wenn das alles so funktioniert, wie geplant... Wann können wir sie erwarten?“

Lemois sah auf den Brückenchronometer. „In ungefähr vier Tagen.“

„In Ordnung, Commander. Reflection Ende.“ Das Bild der Brücke der Reflection wurde wieder durch den üblichen Ausblick ins All mit den vorbeigleitenden Sternen ersetzt.

„MacDonnell, Karov, Krovic, in vier Tagen haben Sie alles vorbereitet“, bestimmte Lemois. Durch ein Nicken deutete sie MacDonnell und Krovic, die hinter ihr oberhalb des Kommandosessels standen, an, wegzutreten.

11

„AL4 an Skate, berichten Sie!“, forderte Moreno, der gerade einen Kanal zur Skate geöffnet hatte. Außer ihm befanden sich Martin, Spencer, DeFalco, Walker, Berger, Scott sowie Hernandez, ein Ingenieur aus Martins Stab, in der Kontrollzentrale der Basis. Es war kurz nach 14:00 am Nachmittag. Die Skate hatte gerade ein Flugmanöver mit Hwang am Steuer durchgeführt, um die Reaktion des experimentellen TDF-Systems auf einen plötzlichen Richtungswechsel zu erproben. Neben Hwang hielten sich Fähnrich Callaway und der bolianische Ingenieur aus Martins Stab, Tinoc, an Bord der Skate auf.

„Hwang hier. Das Manöver ist abgeschlossen. Wir halten unsere Position außerhalb des Asteroidengürtels. Es gab keine Probleme!“, meldete Hwang über Funk.

„Wie war die mittlere Reaktionszeit?“, fragte Martin.

„320 Millisekunden“, antwortete Walker, die an einem Kontrollpult das Manöver überwacht hatte.

„Das ist zu hoch!“, kritisierte Martin. „Überprüfen Sie die Daten!“

„Ja, Doktor.“ Walker machte sich an die Arbeit.

„Das kann ich erklären“, mischte sich DeFalco ein. „Ich musste den sekundären Differentialkompensator wegen Energiefluktuationen vom Netz nehmen.“

Bevor Martin darauf reagieren konnte, fragte Spencer: „Schon wieder Energiefluktuationen? Wir hatten doch Callaway beauftragt, sich darum zu kümmern.“

„Die von vorhin hat Callaway auch im Griff. Das hier war wieder was anderes“, antwortete DeFalco.

„Schluss jetzt! Rufen Sie ihren Callaway zurück, das wird Hernandez aus meinem Stab übernehmen.“ Martin gab Moreno ein Zeichen, auf das er sich um den Transport von Hernandez auf die Skate kümmerte.

DeFalco sah Spencer an, der nur mit den Schultern zuckte. „Spencer an Lieutenant Hwang und Fähnrich Callaway! Halten Sie sich bereit zum Rücktransport.“

„Verstanden“, antworteten Hwang und Callaway beinahe unisono über Funk.

DeFalco programmierte mit einer Hand die Transportkoordinaten und beamte die beiden von der Skate direkt in den Kontrollraum. Obwohl die Skate weiter als fünfunddreißigtausend Kilometer, also der üblichen Transporterreichweite, vom Planeten entfernt war, konnte dennoch ein Direkttransport erfolgen, da die beiden Shuttles nicht nur mit behelfsmäßigen Phaserkanonen, sondern auch mit Nottransportern ausgerüstet worden waren, die als Zwischenstationen und Verstärker fungierten.

„Captain.“ Das war Berger, der in den letzten zehn Minuten mit eifrigen Analysen beschäftigt war.

Spencer trat einige Schritte auf ihn zu, während zwei von Martins Ingenieuren den Raum betraten. „Was haben Sie?“,

„Ich könnte die Energieeffizienz durch optimierte Verteilungsroutinen um einige Prozent erhöhen“, antwortete Berger.

Martin, der dem Gespräch offensichtlich mit einem Ohr zugehört hatte, trat hinzu und fragte: „Was würde das an Reaktionszeit bringen?“

„Zwanzig Millisekunden. Vielleicht fünfundzwanzig, vor allen Dingen bei schnellen Reaktionen“, antwortete Berger, der abwechselnd zu Spencer und zu Martin sah.

„In Ordnung. Führen Sie die notwendigen Veränderungen durch“, stimmte Martin Bergers Vorschlag zu, ohne ihn genau zu prüfen. Spencer ging wieder zurück an seine ursprüngliche Station. Er vertraute Berger, schließlich hatte er allen seinen Leuten eingeschärft, keine Experimente zu wagen. Experimentieren tat Martin für seinen Geschmack bereits von sich aus zu viel...

„In zehn Minuten werden wir das Manöver wiederholen, dieses Mal mit Mr. Scott als Piloten. Und hoffentlich ohne Energieschwankungen“, kündigte Martin mit erhobener Stimme an, nicht ganz frei von ironischen Untertönen.

Scott hatte sich die ganze Zeit leise mit Hwang unterhalten. „Ciao. Bis gleich“, verabschiedete er sich halblaut von Hwang.

Eine leichte Röte schoss in ihre Wangen „Bis gleich, Johnny“, sagte sie noch eine Spur leiser. Scott trat zu Hernandez und wurde zusammen mit ihm auf die Skate gebeamt.

„Dann auf ein Neues“, brummte DeFalco und ließ sich auf seinem Stuhl nieder. „Sandra, würdest du mir bitte einen Kaffee bringen. Und unserem Kommandanten auch, oder?“, bat er Walker.

Spencer nickte und setzte sich auf einen benachbarte Sitzgelegenheit. „Lass dich nicht immer so bedienen, Gerry.“

„Man wird doch wohl noch seine Mitarbeiter höflich um einen Kaffee bitten können“, wandte DeFalco ein. Walker kam mit zwei heißen, dampfenden, frisch replizierten Tassen Kaffee zurück. „Danke, Sandra“, sagte DeFalco, als er seine Tasse in Empfang nahm.

„Das ist hier ja wieder ein Service“, meinte Hwang, die sich zu den beiden setzte.

„Darf ich Ihnen auch etwas bringen lassen, Lieutenant?“, fragte Spencer scherzhaft.

Hwang tat so, als würde sie eine Sekunde angestrengt überlegen, bis sie sich nicht mehr halten konnte und in ein fröhliches Kichern ausbrach.

„Sag‘ mal, Kim. Was ist eigentlich los mit dir in den letzten Tagen?“, wollte DeFalco wissen. „So gut läuft das Projekt nun wirklich nicht, als dass man so fröhlich aus der Wäsche schauen könnte wie du.“

„Wenn man sich schon nicht über das Projekt freuen kann, muss man sich halt etwas anderes suchen“, erwiderte Hwang geheimnisvoll.

„Stichwort: Projekt. Das mit den Energieschwankungen kommt mir spanisch vor. Kaum sind sie behoben, schon treten neue auf“, brummte Spencer.

„Energieschwankungen? Immer noch?“, fragte Hwang überrascht, nicht nur wegen des Themenwechsels.

„Wir müssen deswegen ständig die Reaktionszeit erhöhen“, erklärte Spencer. „Wurden die Schwankungen gerade nicht bei Ihnen auf der Skate angezeigt? Die Brückenmonitore dort zeigen doch das gleiche wie hier, oder sehe ich das falsch?“

„Also, bei uns wurde gerade nichts Größeres angezeigt. Ich hatte mich vorhin ohnehin gewundert, warum von hier aus die TDF-Systeme verändert wurden. Es war nach meinen Anzeigen alles in Ordnung“, versicherte Hwang.

DeFalco sah nacheinander Hwang und Spencer verständnislos an. „Wozu haben denn Ngatadatu und Callaway vorgestern zwei Stunden lang die ganzen Anzeigen manuell abgeglichen?“ fragte er. „Die beiden hatten sich schon bei mir beschwert, wegen Idiotenarbeit. ‚Großes Zahlenansagen‘, so hatte es Ngatadatu formuliert.“

„Das Kaffeekränzchen ist beendet, meine Damen und Herren, es geht weiter“, dröhnte Martins Stimme durch das Kontrollzentrum und beendete die leise geführte Diskussion. „AL4 an Skate, Scott, sind Sie bereit?“, fragte er.

„Bereit“, stimmte Scott zu. „Ich starte den Impulsantrieb.“

Spencer und DeFalco, die schnell wieder an ihren Stationen waren ohne dabei jedoch den Kaffee zu verschütten, überprüften den Zustand des TDFs.

„TDF normal. Keine ungewöhnlichen Anzeigen“, meldete Spencer.

„Setze Reaktionszeit auf 305 Millisekunden“, fügte DeFalco hinzu.

„Wir gehen auf 290 Millisekunden“, wies Martin an. „Hernandez hat die Änderungen durchgeführt, die nötig waren.“ Ein Hauch von Kritik klang in seinen Worten mit.

Ein nur für seine Ohren bestimmtes, leises Knurren Spencers zeigte DeFalco, dass ihn die Kritik erreicht, er aber beschlossen hatte, sie nach außen hin demonstrativ zu ignorieren.

„Nehme langsam Fahrt auf, ein viertel Impuls“, war Scotts Stimme durch die Lautsprecher zu hören.

„TDF stabil“, meldete Walker.

„Erhöhte Energieverteilungseffizienz bestätigt“, fügte Berger hinzu.

„¼ Impuls erreicht. Ich beschleunige auf halbe Kraft und leite das Manöver ein.“ Das war wieder Scott durch die Lautsprecher.

Anhand seiner Anzeigen konnte Spencer sehen, dass Scott Hwangs Manöver von vorhin wiederholte. Er flog eine gleichmäßige Kurve von 270° mit großem Radius und erhöhte während dieser Zeit die Geschwindigkeit auf halbe Impulskraft. Danach sollte dann ein abrupter Schwenk in die Gegenrichtung erfolgen und der Antrieb auf ‚volle Kraft zurück‘ gestellt werden.

Das war eine Simulation für ein plötzliches Ausweichen mit anschließender Vorbereitung für eine Kursänderung, eine Situation, wie sie zum Beispiel in Gefechtssituationen vorkam, um einem anfliegenden Photonentorpedo auszuweichen. Durch die abrupte Kursänderung wurde die Crew bisher für gewöhnlich arg durchgeschüttelt, bis die Trägheitsdämpfung, das TDF-System also, reagiert hatte und die Beschleunigungskräfte kompensieren konnte. Dieses Durchschütteln sollte durch die neue TDF-Konfiguration zumindest verringert, wenn nicht gar verhindert werden.

„Die Skate hat den Scheitelpunkt ihrer Kurve erreicht. Wieder leichte TDF-Unregelmäßigkeiten!“, meldete Walker nervös.

Spencer schüttelte unwillkürlich seinen Kopf. Das konnte doch überhaupt nicht sein, dass bei der dritten Wiederholung dieses Manövers immer noch Probleme auftreten, gut, dieses Mal waren die Betriebsparameter vorher modifiziert worden . „Ich kompensiere.“ Nach wenigen Augenblicke konnte er melden: „TDF wieder ruhig.“

„Bestätigt.“ Das war Walker.

„Richtungswechsel der Skate in fünf Sekunden. Alles klar, Mr. Scott!“, gab Moreno grünes Licht.

„Verstanden. Leite die Kursänderung ein“, ertönte Scotts ruhige Stimme aus den Lautsprechern.

Plötzlich waren einige Warnsignale von DeFalcos und Spencers Station zu hören. „Energieabfall am hinteren TDF-Gitter!“, rief DeFalco nach kurzer Analyse. „Abbrechen! Skate, Abbrechen!“, brüllte er, in der Hoffnung, dass Scott noch rechtzeitig reagieren konnte.

Ein resigniertes „Zu spät.“ Spencers folgte auf dem Fuße. Er schaltete die Übertragung aus der Bordkamera eines der Shuttles, das in der Nähe der Flugbahn der Skate Position bezogen hatte, auf den großen, bisher unbenutzten Wandmonitor.

Alle sahen unwillkürlich auf den Monitor. Die Skate hatte bereits das Schwenkmanöver ausgeführt und trieb jetzt antriebslos durch den Raum, anstatt durch den Gegenschub gebremst, ihre Position zu halten.

„Verdammt!“, brüllte Martin laut und unbeherrscht durch den Raum.

Hwang hatte sich erschrocken auf einem Stuhl niedergelassen und bearbeitete das Terminal vor ihr. „Die Skate treibt auf das Asteroidenfeld zu! Sie antworten nicht auf meine Rufe!“, meldete sie mit weit aufgerissenen Augen.

„Die TDF-Systeme reagieren nicht mehr. Im hinteren Bereich der Untertassensektion sind sie ausgefallen“, sagte Callaway, der den leeren Platz von Hernandez zwischen den Pulten Bergers und Walkers eingenommen hatte.

Spencer und DeFalco warfen sich einen kurzen, verstehenden Blick zu. Jetzt hieß es nicht herumschreien, jetzt hieß es zielgerichtet handeln.

„Walker, versuchen Sie auf die Antriebssysteme der Skate zuzugreifen und halten Sie sie durch langsamen Gegenschub an. Ich wiederhole: Langsam“, ordnete Spencer an.

„Aye, Sir.“ Walker klang sehr aufgeregt, der Schreck von gerade saß ihr sicht- und hörbar in den Gliedern.

„Mr. Berger, können wir einen Kommunikationskanal zur Skate bekommen?“, fragte Spencer weiter.

„Im Moment nicht, Sir. Die Verbindung zur Skate ist abgerissen. Ich versuche, sie wiederherzustellen.“ Er klang nicht gerade sehr viel ruhiger als Walker. Nach einigen Tasteneingaben meldete er: „Die Kommunikationssysteme auf der Skate funktionieren nicht. Ich versuche eine Umgehung, das dauert allerdings.“

Währenddessen hatte DeFalco Kontakt zu den beiden Shuttles aufgenommen. „Müller, Jara, versuchen Sie die Skate einzuholen und die Personen an Bord rauszuholen. Sie brauchen dringend Hilfe!“

„Wir sind unterwegs und erreichen Transporterreichweite in dreißig Sekunden“, bestätigte Müller.

„Die Geschwindigkeit der Skate verringert sich langsam, aber sie ist immer noch viel zu schnell. Eintritt ins Asteroidenfeld in zwanzig Sekunden“ meldete Hwang.

„Ohne TDF kann ich nicht mehr Gegenschub geben!“, verteidigte sich Walker. „Die Notsysteme reagieren auch nicht.“

„Müller, Jara!“, rief Spencer ins Kommunikationsnetz.

Fähnrich Jara antwortete: „Ich bin dran, Sir und werde es rechtzeitig schaffen. Chief Müller ist fünf Sekunden hinter mir.“ Die beiden Shuttles wurden auf unterschiedlichen Positionen im Testgebiet stationiert, deshalb hatte die Schweitzer mit Fähnrich Jara am Steuer einige zehntausend Kilometer weniger zur Skate zurückzulegen als die Gandhi unter Müller und war dementsprechend früher da. Obwohl die Situation noch nicht überstanden war, erlaubte sich Spencer ein hörbares Durchatmen.

„Eintritt der Skate in das Asteroidenfeld in zehn Sekunden!“, meldete Hwang.

„Komm schon... komm schon.“ flüsterte DeFalco vor sich hin und hieb wütend auf seine nutzlose Konsole.

„Ich habe eine Videoverbindung zur Brücke der Skate!“, meldete Berger.

„Auf den Schirm!“

Alle im Raum sahen auf den großen Monitor und hielten erschrocken den Atem an. Die beiden Ingenieure lagen bewegungslos auf dem Boden an der Rückwand der Brücke der Skate, einige Blutflecke an der Wand über ihnen sprachen eine mehr als deutliche Sprache. Johnson Scott sah auch nicht viel besser aus, er lag gekrümmt mit blutunterlaufenen Stellen im Gesicht reglos im Pilotensessel.

„Mein Gott!“, presste Hwang hervor. Die übrigen sagten nichts.

Die drei Personen auf der Brücke lösten sich in bläulichem Glühen eines Transporterstrahls auf, die Meldung Jaras folgte sofort im Anschluss daran. „Jara an AL4! Ich habe Sie! Zwei Personen sind tot, Lieutenant Scott ist schwer verletzt. Ich fliege mit Höchstgeschwindigkeit zurück!“

Geschockt stand Hwang auf und ging auf den völlig konsterniert dastehenden Dr. Martin zu. „Sie sind schuld daran! Sie! Sie ganz allein!“, schrie sie und trommelte mit ihren Fäusten unkontrolliert auf ihn ein.

Callaway und DeFalco sprangen auf und hielten Hwang zurück. „Beruhigen Sie sich, Kim. Alles wird gut. Scott wird es schon schaffen“, versuchte DeFalco sie zu beruhigen.

Eine Meldung Müllers durchbrach die ein, zwei Sekunden währende Stille nach Hwangs plötzlichem Ausbruch. „Müller an AL4! Bitte kommen! Die Skate tritt jetzt in das Asteroidenfeld ein.“

Spencer schüttelte seine Benommenheit ab und antwortete auf den Ruf. „Haben Sie einen Vorschlag, Chief?“, fragte er, für den Moment vollkommen ratlos. Die Frage nach dem Schicksal der Besatzung der Skate hatte für den Augenblick die Frage nach dem Schicksal des Schiffes vollkommen überlagert.

„Habe ich“, antwortete Müller. „Ich versuche, mit meiner Phaserkanone die Asteroiden aus dem Weg der Skate zu schießen. Das ist...“, Müller stockte, im Hintergrund war das Zischen des Phasers zu hören, begleitet von einer Alarmsirene, „... nicht einfach. Ist die Skate lenkbar?“, erkundigte sich Müller.

„Eingeschränkt, Chief“, antwortete Walker an Spencers Stelle. Sie versuchte bereits die ganze Zeit, die Skate ohne allzu große Beschädigungen abzubremsen, daher kannte sie ihre Situation am besten.

„Neuer Kurs der Skate 025.010“, sagte Müller ohne Umschweife. Im Hintergrund war wieder das Zischen der Phaserkanonen aus dem Lautsprecher zu hören, die einen weiteren Asteroiden in der Flugbahn der Skate in Staub zertrümmerten.

„Ja, Chief“,. bestätigte Walker und passte den Kurs der Skate entsprechend an.


In Situationen wie diesen wünschte sich Müller ein zweites Paar Hände oder zumindest eine dritte Hand. Im Cockpit der Gandhi blinkte es rot und gelb, alle paar Sekunden ertönten abwechselnd der Annäherungs- und der Überbeanspruchungsalarm und er musste gleichzeitig vier verschiedene Displays im Auge behalten.

Die nur langsam abbremsende Skate war vor einigen Sekunden in das Asteroidenfeld eingetreten. Gott sei Dank handelte es sich weder um ein sehr dichtes Feld noch um sehr dicke Brocken, aber es war auch so schwierig genug.

Er konnte auf seinen Instrumenten verfolgen, wie die Skate langsam an Geschwindigkeit verlor und den Kurs entsprechend seinen Angaben änderte. Dabei ließ er für einen Moment die seitlichen Sensoren außer Acht, was sofort eine Aktivierung des Annäherungsalarms bewirkte.

„Verdammt“, fluchte er laut vor sich hin und warf einen kurzen Blick auf die zugehörige Anzeige. Auf seiner linken Seite befand sich ein Asteroid mit einem für seine Größe geradezu anmaßenden Gravitationsfeld und zog sein Shuttle an. Mit seiner linken Hand änderte er den Kurs ungefähr, gerade genug, um eine Kollision mit besagtem Asteroiden zu vermeiden. Seine rechte Hand brauchte er für die Auswahl und die Erfassung seines nächsten Zielasteroiden. Hätte er einen Copiloten gehabt, hätte sich dieser um die Programmierung des Computers kümmern können; da er aber keinen hatte und der Computer der Gandhi nicht für ein Gefecht mit automatischer Zielerfassung programmiert war, blieb nur die manuelle Sortierung. Mit verkniffener Miene feuerte er die Phaser ab. Sie trafen den Asteroiden nicht genau in der Mitte, so dass nur ein Teil abbrach und verdampfte. Erst nach einer Neujustierung des Phasers schaffte es Müller, dass sich auch der andere Teil des Asteroiden sich gerade rechtzeitig vor der Skate in Staub auflöste.


Ein kurzer Blick auf seinen Bildschirm informierte Spencer über Müllers Fortschritte. „Wann ist Jara mit dem Shuttle hier?“, fragte er.

„In drei Minuten“, antwortete DeFalco. „Und sie fliegt bereits schneller, als es ihr Shuttle eigentlich vertragen kann.“

„Benachrichtigen Sie die Krankenstation und Commander Moravcik.“

„Ja, Captain“, bestätigte DeFalco.

Aus den Augenwinkeln sah Spencer, dass Martin seit dem emotionalen Ausbruch Hwangs regungslos auf einem Stuhl verharrte. Moreno allerdings hatte unbemerkt von den übrigen den Raum verlassen.

12

Projektaufzeichnungen TDF-Projekt AL4, Sternzeit 21799.6, Commander Spencer: [18.10.2344 15:41:11]

Während des Tests des experimentellen TDF-Systems sind an Bord der U.S.S. Skate durch ein bisher ungeklärtes Versagen dieses Systems zwei Ingenieure aus Dr. Martins Stab ums Leben gekommen, die Ingenieure Hernandez und Tinoc. Der Testpilot, Lieutenant Johnson Scott wird im Moment mit schweren Verletzungen auf der Krankenstation behandelt. Durch sehr gute Zusammenarbeit von Fähnrich Walker und Chief Müller konnte die Skate ohne weitere Beschädigungen sicher im Asteroidenfeld zum Stehen gebracht werden.

Spencer diktierte diesen Eintrag in ein PZAG, während er sich auf dem Weg zur Krankenstation befand. Hwang hielt sich seit der Ankunft Scotts ebendort auf, DeFalco und Ngatadatu reparierten den Antrieb der Schweitzer, dem Fähnrich Jara bei dem Transport Scotts deutlich zu viel zugemutet hatte während sich Walker und Callaway um Müllers Shuttle kümmerten, das bei dem Beschuss der Asteroiden einige Schrammen durch zu waghalsige Flugmanöver Müllers abbekommen hatte.

Beim Betreten der Krankenstation sah er Hwang, die gebannt den Kampf der Ärzte um Scotts Leben verfolgte.

„Und?“, fragte er leise.

Hwang wandte sich um. „Wie soll es schon jemandem gehen, der abrupt 15 bis 20G ausgesetzt wurde? Er kann froh sein, in seinem Stuhl gesessen zu haben. Hätte er gestanden, wie die beiden Ingenieure, wäre er jetzt ebenfalls tot!“ Sie war deutlich hin- und hergerissen zwischen Verzweiflung, Trauer und Wut.

„Es tut mir leid, Miss Hwang, und ich verspreche Ihnen, dass wir die Umstände dieser... Situation sehr genau aufklären werden“, versprach Spencer.

„Danke, Captain.“ Sie war von der eher ungewohnten Anteilnahme Spencers wirklich ergriffen.

„Commander Moravcik an Commander Spencer!“, unterbrach ein Kommunikatorsignal vom Stationsleiter das leise Gespräch.

„Spencer hier!“

„Kommen Sie bitte in mein Büro!“ Moravciks Stimme klang zwar bestimmt, aber nicht unfreundlich.

„Ich bin unterwegs“, bestätigte Spencer. „Sie kommen mit, wenn es Ihnen nicht zu viel ausmacht“, forderte er Hwang auf.

„Ist schon okay. Ich kann hier sowieso nichts tun.“ Sie warf noch einen letzten, hilflosen Blick auf die Scott behandelnden Ärzte, bevor sie zusammen mit Spencer die Krankenstation verließ.

Als Spencer und Hwang in Moravciks Büro eintrafen, waren Martin und Moreno bereits zugegen. Mit einer knappen Geste bot Moravcik Spencer und Hwang Platz an.

„Danke, dass Sie gekommen sind. Ich habe mich anhand von Aufzeichnungen über den Zwischenfall informiert. Eine wirklich schlimme Sache.“ Er warf sowohl Martin als auch Spencer einen direkten Blick zu. „Bevor wir fortfahren, würde ich gerne ihre Standpunkte dazu hören. Dr. Martin?“

„Für mich ist die der Unfall ganz klar auf menschliches Versagen zurückzuführen. Lieutenant Scott hat das Manöver mit überhöhter Geschwindigkeit geflogen, demzufolge wurde das TDF überlastet und versagte. Wir waren noch nicht soweit, dass es eine Extratour verkraftet hätte.“

Hwang wollte aufbrausen, als Spencer ihr beruhigend seine Hand auf die Schulter legte.

„Nach einer fälligen Reparatur der Skate sollten wir so schnell wie möglich mit den Tests fortfahren. Es ist zwar bedauerlich, was geschehen ist, aber im Nachhinein nicht mehr zu ändern“, schloss Martin.

Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck nahm Moravcik Martins Standpunkt zur Kenntnis. „Mr. Spencer?“

Spencer hatte sich während Martins aalglatt vorgebrachter Rede seine Wortwahl bereits sorgfältig zurechtgelegt.

„Um ehrlich zu sein, Dr. Martin, ich bin überrascht. Ich kann ihre Betrachtungsweise weder verstehen, noch werden uns dem anschließen. Wir haben keinerlei gesicherte Informationen über die genaue Unfallursache, ja wir wissen nicht einmal, ob das überhaupt ein Unfall war.“

„Sprechen Sie von Sabotage?“, fuhr Martin gereizt auf.

„Haben Sie einen Hinweis, der dies ausschließt?“, fragte Spencer ruhig zurück. „Wenn ich dann fortfahren darf...“ Er bedachte Martin mit einem kalten Blick. „Danke. Wir haben also, wie gesagt, keine Ahnung, was der Grund für das Unglück war, zwei Menschen wurden getötet, ein weiterer schwer verletzt. Von dem Schaden an der Skate ganz zu schweigen. Es ist also in höchstem Interesse der Sternenflotte, Commander Moravcik, das Projekt so lange auf Eis zu legen, bis wir den Grund für all dies herausgefunden haben. Ich ersuche Sie hiermit, eine offizielle Untersuchungskommission einzuberufen, der sowohl Doktor Martin als auch ich Beweise einreichen werden, um unsere Theorien zu untermauern. Aufgrund dieser Beweise wird sich die Kommission ihr schlussendliches Urteil bilden und über den Fortgang des Projekts entscheiden.“

Durch angedeutetes Nicken gab Spencer Moravcik zu verstehen, dass er fertig sei.

Moravcik lehnte sich zurück und überlegte einige Sekunden angestrengt. „Einverstanden. Die Kommission, bestehend aus mir, Lieutenant Commander Morya und Lieutenant Sanders, wird ihre Beweise in fünf Tagen in Form eines vollständigen Untersuchungsberichts entgegennehmen und am darauf folgenden Tag nach einer Anhörung die Entscheidung fällen, ob die Untersuchung fortgeführt werden soll. Für diese Zeit wird das Projekt gestoppt. Wegtreten!“

Martin, Moreno, Spencer und Hwang verließen nacheinander gehorsam Moravciks Büro. Spencer wollte bereits den beiden ersteren in den Turbolift folgen, als Hwang ihn zurückhielt und mit einem skeptischen Blick bedachte.

„Was hat das denn zu bedeuten?“, wollte sie wissen. „Ist das nicht sehr kompliziert? Warum leiten Sie nicht einfach die Untersuchung?“

„Tja, das Ganze hier ist rechtlich problematisch, müssen Sie wissen“, antwortete Spencer und sprach dabei nicht lauter als nötig in der Kontrollzentrale der Basis. „Besser gesagt, das müssen Sie nicht wissen, das weiß hier wahrscheinlich auch sonst keiner, aber ich gehe lieber auf Nummer Sicher. Folgendes: Das Projekt wird unabhängig von der Sternenflotte durchgeführt. Es findet zwar auf Territorium und mit Material der Flotte statt, auch wir, die wir dem Projekt assistieren, gehören dazu, die Hauptverantwortlichen aber, Martin und sein Team, nicht. Das würde ihnen durchaus das Recht geben, unsere Ergebnisse anzuzweifeln und eigene Untersuchungen durchzuführen. Wie die ausfallen würden, ist klar und dann stünde Resultat gegen Resultat, Aussage gegen Aussage sozusagen. Wenn aber Moravcik eine offizielle Untersuchungskommission kraft seines ‚Hausrechts‘ einberuft, der sowohl Martin als auch wir unsere Ergebnisse darstellen können, befindet er sich hinterher in einer wesentlich schlechteren Position, einen Beschluss der Kommission anzufechten. Darum ging es mir. Klar ist das umständlicher. Rechtlich ist es aber eindeutiger.“

„Ich verstehe... glaube ich.“ Hwang rang sich ein zweifelndes Lächeln ab, obwohl ihr überhaupt nicht danach zumute war.

„Gut. In einer halben Stunde versammeln sich alle im Konferenzraum. Ich werde bis dahin einen Bericht für Paris zusammenstellen. Er will sicherlich informiert werden.“

„Ich werde es weitergeben“, murmelte Hwang.

Nachdem sich die Türen des Turboliftes geöffnet hatten, ließ Spencer ihr den Vortritt.


Die vorgesehene halbe Stunde später versammelten sich die Leute von der Kennedy wie befohlen. Hwang war die letzte, die hinzukam.

„So“, begann Spencer. „Als erstes die wichtigste Frage: Wie geht es Lieutenant Scott?“

„Er lebt. Die Ärzte sagen, er wird es schaffen, aber nur knapp. Ob er jemals wieder ein Schiff fliegen wird, das steht auf einem anderen Blatt“, antwortete Hwang gefasst.

Spencer sagte einige Sekunden lang gar nichts. Dann fuhr er fort: „Commander Moravcik wird in fünf Tagen eine Untersuchungskommission einberufen, in der er über Schuld oder Unschuld an dem Vorfall entscheiden wird. Wir haben also bis dahin Zeit, alles genau unter die Lupe zu nehmen. Gerry, du gehst mit deinen Ingenieuren an Bord der Skate und siehst dich sehr gründlich um. Ich will alles wissen: Was ist der Grund für den TDF-Ausfall? Was ist kaputt? Was funktioniert noch? Warum funktioniert das noch? Warum ist das Notsystem nicht automatisch eingesprungen? Anzeichen für Sabotage? Und so weiter.“ DeFalco nickte, Spencer fuhr fort: „Der verbliebene Ingenieur wird sich im Kontrollzentrum umsehen. Vielleicht ist dort ein Fehler? Hat jemand manipuliert? Auch will ich, dass die Videoaufzeichnungen aus dem Kontrollzentrum ausgewertet werden. Wurde vielleicht unbemerkt manipuliert?“ DeFalco nickte wieder.

Spencer wandte sich an Hellmann und Berger. „Hat diese Station einen programmierbaren Simulatorraum?“

„Ja. Nicht mehr den allerneusten, aber sie hat einen“, antwortete Hellmann, der bereits ahnte, was auf ihn zukam.

„Dann werten Sie beide den Flugschreiber der Skate aus und bereiten eine entsprechende Simulation vor. Auch die Daten aus dem Kontrollzentrum sollten dort einfließen, auch wenn diese wahrscheinlich mit dem Flugschreiber übereinstimmen werden, aber man kann ja nichts ausschließen. Im Idealfall sollten sich auch noch einige Parameter der Simulation verändern lassen; ich weiß aber nicht, was ich Ihnen in knappen fünf Tagen alles zumuten kann. Es ist besser, wir haben ein paar Ergebnisse in fünf Tagen als umfassende erst viel später.“

Hellmann und Berger sahen sich zustimmend an. „Wir werden unser Möglichstes tun, Captain“, versprach Hellmann.

„Von Ihnen, Miss Hwang, hätte ich gerne eine vorläufige Bewertung des Projektes aus Pilotensicht. Hätte das neue TDF Zukunft? Ist es praktikabel? Ist es revolutionär? Der richtige oder der falsche Ansatz? Auch Ihre persönlichen Eindrücke sind wichtig.“ Wegen der knapp bemessenen Zeit konnte Spencer nicht sehr viel Rücksicht auf sie nehmen, trotz allem, was ihrem Freund Johnson Scott zugestoßen war. Mit zusammengekniffenem Mund nickte Hwang langsam, aber verstehend.

„Und ich werde mich mit Akten beschäftigen und mit Leuten reden. Diese Station, Moravcik, Scott, Martin, sein Team, die Geschichte des Projektes, die Skate und so weiter. Vielleicht gibt es Hinweise, die darauf hindeuten, was und warum das alles passiert ist. Gibt es Fragen?“

„Was ist mit uns?“, fragte Müller stellvertretend für sich und Jara.

„Sie werden vor allem Transferdienste von und zur Skate leisten müssen. Wenn Sie sich abstimmen, dürfen Sie gerne Hwang, Hellmann oder DeFalco helfen, allerdings darf es keine Zeitverzögerung beim Transport geben. Wir haben sowieso zu wenig davon, Zeit, meine ich.“

„In Ordnung, Captain“, bestätigte Müller. „Wir regeln das.“

„Gut. Stimmen Sie die Einzelheiten ihrer Vorgehensweise aufeinander ab und beginnen Sie. Wenn es weitere Fragen oder Anregungen gibt, Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können.“ Spencer wartete zwei Sekunden und verließ den Raum. Die übrigen blieben wie angewiesen sitzen.

„So. Eine Fahrgelegenheit zur Skate für...“, begann Müller auffordernd.

„Alle viere.“ DeFalco warf einen kurzen Blick auf seine drei Ingenieure. „Ngatadatu, Sie kümmern sich um den Kontrollraum, aber erst ab morgen. Heute brauche ich alle auf der Skate.“

„Was wir auch brauchen, ist die Auswertung des Flugschreibers“, stellte Hellmann fest.

„Und wir einiges an Werkzeug“, fügte DeFalco hinzu.

„Also“, griff Müller ein. „Ich werde Sie vier zur Skate fliegen und Jara transportiert das Werkzeug hin und die Flugschreiberdaten zurück“, bestimmte er. Er lehnte sich demonstrativ zurück, so als wäre er mit seiner Entscheidung hochzufrieden.

„In Ordnung“, stimmte Jara zu. „Danach werde ich dann aber Ihnen zur Hand gehen, Lieutenant“, bot sie Hwang an.

„Okay. Dann an die Arbeit, Leute“, gebot Hwang und erhob sich mühsam.

„Aye, aye, Kim“, grinste DeFalco und folgte ihrem Beispiel, die übrigen taten es ihm gleich.


Es war bereits nach zehn Uhr abends. Spencer saß in seinem Quartier und hatte gerade die Durchsicht der Personalakte und weiterer Informationen über den Stationsleiter, Commander Moravcik, abgeschlossen. Er wollte gerade die Akte des Chefingenieurs, Lieutenant Sanders, auf den Schirm legen, als eine akustisches Signal ihn darauf hinwies, dass eine Subraumnachricht für ihn eingetroffen war. Als er sah, dass sie von Admiral Paris stammte, legte er sie mit einem Seufzer auf den Wandmonitor.

„Commander Spencer. Ich habe ihren Bericht erhalten und stimme ihrer vorläufigen Bewertung der Situation zu. Ich frage mich allerdings, warum Sie die Untersuchung nicht selbst leiten, sondern Commander Moravcik diese Aufgabe wahrnimmt. Halten Sie mich mit ihren Ergebnissen auf dem laufenden. Das war's, Commander.“ Paris‘ Abbild verschwand wieder. Er hatte es wohl für ausreichend befunden, ihm nur eine aufgezeichnete Nachricht zu schicken und an sich hatte Spencer es so auch am liebsten.

Er wollte soeben einen zweiten Versuch starten, Sanders Akte durchzusehen, als ihn ein weiteres Subraumsignal erreichte. Dies war allerdings keine Aufzeichnung, so konnte er der Codierung der Nachricht entnehmen.

„Commander Lemois an Captain Spencer!“, hörte er die Stimme seiner Ersten Offizierin.

Auf einen Druck der Taste ‚Antworten‘ erschien das Bild von Lemois, die sich, wie Spencer der Wandverkleidung hinter ihr entnehmen konnte, in ‚seinem‘ Bereitschaftsraum aufhielt. „Spencer hier. Was gibt's, Commander?“

„Captain, ich muss Sie informieren, dass wir wohl einige Tage länger brauchen werden. Eine zeitsparende Übergabe von Leyton ist leider nicht möglich.“

„Also mit einem Shuttle“, spekulierte Spencer und ein Nicken Lemois‘ bestätigte seine Annahme. „Eigentlich schade. Wir könnten Sie und die Kennedy hier jetzt gut brauchen. Es hat einen Unfall gegeben.“

„Was ist passiert? Ist jemand verletzt?“

„Zwei von Dr. Martins Ingenieuren kamen ums Leben, als das experimentelle TDF-System auf der Skate versagte, der Testpilot ist schwer verletzt. Von unseren Leuten hielt sich zum Zeitpunkt des Unglücks niemand an Bord der Skate auf.“

„Und was passiert jetzt?“, fragte sie immer noch bestürzt, aber doch erleichtert.

„Wir untersuchen den Vorfall, dabei könnten wir Sie, wie gesagt, sehr gut brauchen. Aber wir kommen klar.“

„Dann ist gut, Captain. Wir werden uns beeilen“, versprach Lemois.

„In Ordnung. Und Commander, bitte bringen Sie keine Unordnung in mein Büro“, bat Spencer sie mit einem scherzhaften Unterton.

Lemois lächelte. Die Tage auf der Testbasis bekamen Spencer gar nicht mal so schlecht... „Natürlich, Captain. Ich werde auch alles wieder aufräumen, bevor Sie an Bord kommen“, versprach sie augenzwinkernd.

„Das wollte ich auch hoffen, Commander. Spencer Ende.“ Er hatte die Verbindung dann doch etwas zu abrupt für ihren Geschmack getrennt. Kopfschüttelnd lehnte sie sich in ihrem Stuhl im Bereitschaftsraum zurück. Wieder mal ein Anfang, so dachte sie.

13

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21801.7, Lieutenant Commander Lemois: [19.10.2344 10:24:27]

Wir nähern uns dem Epsilon Aurigae-System, um Ralph Leyton an die Reflection zu übergeben. Die speziellen Gegebenheiten der Situation erfordern eine unkonventionelle Art der Übergabe. Ich habe außerdem die taktische Abteilung mit der Ausarbeitung einiger Manöver beauftragt, die wir auf dem Rückflug abhalten werden.

„Der Computer ist auf automatische Geschwindigkeitsanpassung programmiert, Commander“, meldete Thalvan von der Flugsteuerung.

„Mr. Terk, senden Sie den Sicherheitscode, um die Annäherungsdetektoren auszuschalten. Lemois an Shuttlerampe! Sind Sie endlich soweit?“

„MacDonnell hier! Gleich, Commander. Die Abschirmung ist zwar installiert und funktioniert, ich würde sie aber gern noch einige Minuten aktiviert lassen. Ich bin mir noch nicht sicher ob sie dauerhaft läuft.“

Lemois überlegte kurz. „In Ordnung, Lieutenant. Das Shuttle wird in fünf Minuten starten. Lemois Ende.“

Ein für die Brückenbesatzung kaum merklicher Ruck ging durch das Schiff, als der Computer den Warpantrieb die Kennedy automatisch deaktivierte und sie danach mit Impulskraft in eine geringe Entfernung zur Sonne steuerte, nah genug, um wegen der Sonnenaktivität nicht auf etwaigen Langstreckenscans des Systems aufzutauchen, aber weit genug entfernt, um nicht die Schilde aktivieren zu müssen, jedenfalls nicht innerhalb der nächsten zehn Minuten. Bis dahin musste das Shuttle die Kennedy verlassen haben.

Lemois dachte an die relativ ruhigen Tage, die sie als Kommandantin der Kennedy seit dem Abflug von AL4 verlebt hatte. Obwohl der Captain sowie drei Abteilungsleiter nicht anwesend waren, hatte es im normalen Dienstablauf keine größeren Probleme mit der Schichtverteilung oder der Arbeitsleistung gegeben, obwohl Junioroffiziere den Maschinenraum, die Flugsteuerung und die Wissenschaftsabteilung leiteten. Besonders Torrente als Offizier vom Dienst in der Nachtschicht und MacDonnell als stellvertretende Chefingenieurin hatten in Lemois Augen in den letzten vier Tagen eine sehr gute Leistung geboten.

Sie selbst hatte es genossen, das Schiff vier Tage lang nach ihren Vorstellungen zu führen, auch wenn das für einige Besatzungsmitglieder hieß, einiges mehr an Disziplin einzuhalten und Dienstvorschriften verstärkt zu beachten. Spencers Kommandostil war für ihren Geschmack in einigen Bereichen unverändert zu locker und großzügig; es hatte der Leistungsfähigkeit der Crew zwar auf den ersten Blick geschadet, ihrer Meinung nach aber hätte mehr Strenge in vielen Fällen die Leistung noch weiter steigern können; dies fand sie rückblickend auf die letzten Tage bestätigt.

Auf der anderen Seite hatte sie sich einsamer als sonst gefühlt. Zum einen war sie allein die Verantwortliche für das Schiff gewesen, was für sie in dieser Form neu und deshalb ungewohnt und verwirrend war. Auf der anderen Seite hatte ihr auch ihre Freundin Hwang gefehlt, mit der sie über diese Probleme hätte sprechen können und die sie dabei auch hätte unterstützen können. Lemois hatte zwar einige Gespräche mit M'Boya geführt, diese waren aber wenig ergiebig geraten und vom stundenlangen Racketball spielen gegen Fähnrich Carpelli wurden ihre Fragen auch nicht beantwortet.

„MacDonnell an Brücke! Die Abschirmung ist stabil und das Shuttle ist startbereit.“ Lemois musste erst ein, zwei Sekunden überlegen, bevor sie verstanden hatte, was MacDonnell ihr gerade gesagt hatte, sie hatte sie sehr unsanft aus ihren Gedanken gerissen.

„Karov, ihr Einsatz“, bestimmte sie knapp.

„Ja, Commander“, bestätigte Karov, die weniger fröhlich als sonst klang, da Lemois darauf bestanden hatte, einige Verfahrensweisen in der Sicherheitsabteilung, an die sie sich seit Dienstantritt auf der Kennedy gewöhnt hatten, zu ändern. Dadurch war einiges an unangenehmer Mehrarbeit für die ohnehin unterbesetzte Sicherheitsabteilung entstanden.

Sie entsandte Rodriguez und Asenzi in die Shuttleabteilung, um den Transport zu begleiten. „Karov an Shuttlerampe. Fähnrich Johnson, sind Sie bereit?“

„Ja, Lieutenant. Ich schalte das Kraftfeld ein. Sie können beamen“, bestätigte Johnson.

„Danke, Fähnrich.“ Karov schloss diesen Kanal und öffnete einen neuen: „Karov an Transporterraum 1! Aktivieren Sie alle Sicherheitsprotokolle und beamen Sie den Gefangenen aus der Arrestzelle an diese Koordinaten!“ Sie übermittelte dem Transporterraum die Daten, die sie gerade von Johnson erhalten hatte.

„Verstanden, Lieutenant“, sagte Sisota. „Ich beame jetzt.“

Karov warf einen vorsichtigen Blick zu Lemois, die ihr zustimmend und zufrieden zunickte.

„Rodriguez an Karov!“, meldete sich ihr Stellvertreter nach wenigen Sekunden. „Leyton ist materialisiert. Das Kraftfeld ist stabil, wir sind bereit“, berichtete er pflichtgemäß, aber wortkarg.

„Danke. Viel Glück! Sie haben Startfreigabe... nehme ich an.“ Mit einem entschuldigenden Lächeln blickte Karov Lemois an.

„Genehmigt“, stimmte diese zu.

„Wir werden bald zurück sein. Rodriguez Ende.“

Der Transportvorgang war abgeschlossen, das Shuttle unterwegs. Für Karov bedeutete das große Erleichterung, der kritische Punkt dieser Mission war erfolgreich überwunden. An und für sich ein Transportvorgang nicht als problematisch zu bezeichnen, doch gerade im Bezug auf Leyton hatten sich in der letzten Zeit auch einfache Dinge als sehr kompliziert herausgestellt. Sie fühlte außerdem spürbar mehr Druck als sonst, da Lemois und nicht Spencer im Kommandosessel saß.

„Startvorgang der Livingston auf der Hauptshuttlerampe bestätigt“, gab Terk von sich.

„Auf den Schirm!“ Lemois wollte sich den Startvorgang unbedingt in Echtzeit ansehen. Das Shuttle verließ den Hangar auf unspektakuläre Weise und entfernte sich langsam mit Impulskraft.

„Sie haben unseren Einflussbereich verlassen“, meldete Terk.

„Schutzschilde aktivieren! Sehen Sie zu, dass wir wenigstens vierundzwanzig Stunden hier bleiben können!“, ordnete Lemois an.

„Kein Problem, Commander“, meldete sich Krovic von Terminal I. „Die Sonne verhält sich im Moment ruhig und friedlich.“


„Kurs auf die Reflection liegt an“, meldete Fähnrich Johnson aus dem Pilotensessel des Shuttles Livingston. „Ankunft in etwa elf Stunden“, fügte er nach einigen schnellen Berechnungen hinzu.

Rodriguez, der den zweiten Pilotensitz eingenommen hatte und als höchstrangiger Offizier an Bord das Kommando über diese Mission inne hatte, nickte und führte einen Check durch. „Die Abschirmung hält. Strahlungswerte im Schiff normal.“

„Was denn für eine Abschirmung?“, wollte Asenzi wissen, der gerade aus dem hinteren Teil des Shuttles in die Pilotenkabine getreten war und die provisorische Arrestzelle, in der Leyton für die Fahrt untergebracht war, ein letztes Mal überprüft hatte.

Rodriguez erklärte es ihm.

„Der Autopilot ist aktiviert, jetzt beginnt der angenehme Teil der Reise.“ Johnson lehnte sich demonstrativ zurück, unter interessierter Beobachtung von Rodriguez und Asenzi.


„Sieht ja fast aus, als wär nichts passiert“, kommentierte DeFalco, nachdem er als erster aus dem Shuttle gestiegen war. Die beiden Shuttles Schweitzer und Gandhi pilotiert von Müller und Jara und mit DeFalco, Walker, Callaway und Ngatadatu als Passagieren waren gerade auf der Shuttlerampe der Skate gelandet, die sich ihnen als nahezu unbeschädigt darstellte.

„Schlimm“, murmelte Walker, die DeFalco gefolgt war, nachdenklich. Sie musste unablässig an das Schicksal Scotts und der beiden Ingenieure aus Martins Team denken.

„Los, los, Leute!“, rief DeFalco, nachdem er und Walker zwei Sekunden vor den Shuttles gestanden waren und sich nichts gerührt hatte. „Ausladen!“

Callaway kam mit einem Werkzeugkoffer aus Jaras Shuttle. „Wo fangen wir an?“, wollte er wissen. Walker betrat ihrerseits wieder das Shuttle, um den zweiten Satz Werkzeug zu holen.

„Als erstes übertragen wir die Daten des Flugschreibers“, bestimmte DeFalco.

Jara sah aus ihrem Shuttle heraus. „Das kann ich übernehmen.“

„Ist gut, Fähnrich. Sie wissen, wo Sie zu suchen haben?“

„Deck 4, Sektion 16?“ Jara warf DeFalco einen fragenden Blick zu. Dieser nickte. „Und passen Sie bloß auf, den Authenzitätsschutz nicht zu verletzen!“

Sie nickte, griff sich den Notfall-Werkzeugkoffer aus ihrem Shuttle und verließ zusammen mit den übrigen die Shuttlerampe. Danach trennten sich ihre Wege, Jara bog rechts ab, die übrigen gingen links und fuhren auf die Brücke.

Nachdem sie aus dem dortigen Turbolift herausgetreten waren, verstummte die Unterhaltung zwischen Callaway und Ngatadatu abrupt, als die eingetrockneten Blutflecken an der Rückwand der Brücke in ihr Blickfeld rückten. Callaway verschwand gleich wieder im Turbolift, hielt sich die Hand vor seinen Mund und gab seltsame Geräusche von sich. Die übrigen traten an ihm vorbei hinaus.

DeFalco sah ihm kopfschüttelnd nach und aktivierte die automatischen Reinigungssysteme, die die Rückwand in wenigen Sekunden wieder in ihren normalen Zustand brachten.

„Sie können wieder rauskommen, Callaway“, schlug Müller vor. „Alles ist wieder in Ordnung.“ Callaway tat wie empfohlen und trat nach mehreren, tiefen Atemzügen aus der Liftkabine.

„Als erstes sollten wir uns einen Überblick über die Schäden verschaffen. So schwer das auch fällt, wir wollen erstmal nichts reparieren, nur auflisten. Mal direkt gefragt: Was funktioniert denn noch?“ Er setzte sich an eine der freien Konsolen, die anderen ebenso.

„Der Hauptcomputer reagiert auf den ersten Blick noch normal“, berichtete Ngatadatu prompt. „Diagnose läuft, bisher keine Fehler.“

„Dann können wir uns darauf also verlassen“, stellte DeFalco fest. „Was ist mir den Primärsystemen?“

Callaway antwortete: „Keine Schäden an Lebenserhaltung und Umweltkontrollen. Unregelmäßigkeiten im EPS bei der Energieversorgung.“

DeFalco reagierte schnell. „Walker, Sie gehen in den Maschinenraum und checken die Energiesysteme. Ich will nicht riskieren, die ohnehin knappe Energie durch Leitungsschäden zu verlieren.“

Walker nickte und wollte bereits wieder im Turbolift verschwinden, als sie plötzlich innehielt. „Sir, ich...“, begann sie und brach dann verunsichert ab.

DeFalco blickte Walker an. „Was ist?“, wollte er wissen. Zwei Sekunden später überkam auch ihn eine Art Déjà vu. „Nehmen Sie Müller mit“, bestimmte er.

„Vielen Dank“, sagte Walker erleichtert und verbannte das Bild Fähnrich Chens aus ihren Gedanken. Zusammen mit einem Werkzeug tragenden Müller verschwand sie im Turbolift.

Für einige Sekunden herrschte andächtige Stille auf der Brücke der Skate, bis DeFalco diese Stille brach. „Na los, Leute. Weiter im Text.“

„Diagnose Stufe 5 des Hauptcomputers zeigt doch einige leichte Fehler“, meldete Ngatadatu, noch bevor Callaway fortfahren konnte.

„Das ist nicht so gut.“ DeFalco sah Callaway an.

„Die strukturelle Integrität zeigt einen Fehler im Modul C12“, meldete dieser. „Weiterhin ist der Impulsantrieb ausgefallen.“

„Hüllenintegrität?“

Callaway zögerte. „Das ist schwer zu sagen. Ich erhalte keine klaren Werte.“

„Das ODN hat Funktionsstörungen“, fügte Ngatadatu hinzu. „Der Computer funktioniert, aber nicht alle Leitungen, so wie es aussieht.“

„Für eine Belastung von zehn und mehr G gar nicht mal so schlecht...“, murmelte DeFalco.

Ein Kommunikatorsignal unterbrach ihn. „Walker an DeFalco!“

DeFalco stand unwillkürlich auf, wie so oft, wenn er Kommunikatorsignale beantwortete. „DeFalco hier.“

„Wir haben Haarrisse in mehreren Energieleitungen auf dem Schiff, sieben insgesamt, dem Computer zufolge. Alle jedoch in unkritischen Bereichen.“

„Sorgen Sie dafür, dass nichts weiter passieren kann und leiten Sie die Energie um. Sehen Sie sich alles genau an!“

„Sir, sollten wir uns nicht um das TDF kümmern? Wegen den Energiesystemen sind wir doch nicht hier“, merkte Walker an.

„Wir haben zwar wenig Zeit, um den Vorfall zu untersuchen, das heißt aber nicht, dass wir Murks machen“, entgegnete DeFalco ungewöhnlich harsch für seine Verhältnisse. Die Ereignisse der letzten Stunden hatten auch bei ihm ihre Spuren hinterlassen. „Ich will hier in den nächsten Tagen in Ruhe arbeiten können und dazu sollten die Energiesysteme unter anderem funktionieren. Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind!“

„Verstanden. Walker Ende.“ Nachdem sie kleinlaut den Kanal geschlossen hatte, atmete DeFalco mehrere Male tief durch und setzte sich dann wieder.

„Was meldet der Computer denn über das TDF?“, fragte er sich dann wie im Selbstgespräch in seiner üblichen Gelassenheit. Nach einigen Sekunden beantwortete er sich diese Frage selber, indem er die Diagnoseergebnisse des Computers ablas. „In den Sektionen 15-17 sind die TDF-Generatoren ausgefallen.“

„Sektionen 15-17? Der hintere Teil der Untertassensektion, also der Schwerpunkt des Schiffes“, überlegte Callaway laut. „Eine logische Stelle.“

DeFalco nickte. „Genau. Wir teilen uns wie folgt auf: Sie, Ngatadatu, kümmern sich um den Computer und dessen Verlässlichkeit, Callaway, Sie nehmen sich die übrigen Systeme vor. Ich mache noch eine Ebene 2 des TDF um mir einen ersten Überblick zu verschaffen und dann machen wir Schluss für heute. Einverstanden?“

Ohne auf eine Bestätigung seitens Callaway oder Ngatadatu zu warten, begann er mit seiner Arbeit.


Fähnrich Jara war nach AL4 zurückgekehrt und betrat Holoraum 1, in dem sich Hellmann und Berger gerade mit den aufgezeichneten Daten über den Unfall der Skate aus der Kontrollzentrale beschäftigten.

Sie hörte gerade noch einen Satz von Berger. „Das scheint sich mit der Aussage Martins zu decken.“

„Was denn?“, fragte Jara vorsichtig. „Ich habe hier die Daten des Flugschreibers der Skate.“

Berger stand auf und nahm ihn in Empfang. „Danke.“ Er begann mit den Vorbereitungen, das PZAG an den Stationscomputer anzuschließen.

Hellmann blickte Jara an. „Lieutenant Scott ist die Kurve anscheinend mit überhöhter Geschwindigkeit geflogen. Daher also Martins Version, ‚menschliches Versagen‘.“

„Sieht ja nicht so gut aus“, meinte Jara.

„Abwarten“, wiegelte Hellmann ab. „Es gibt zwei weitere Möglichkeiten. Erstens: Die dreihundert Kilometer pro Sekunde mehr haben das TDF nicht überlastet. Zweitens: Die Daten sind falsch. Deswegen werden wir jetzt die Daten aus der Kontrollzentrale mit den Daten des Flugschreibers vergleichen.“

Jara sah sich verwirrt um. „Und wieso sitzen Sie dann im Holoraum?“

„Der Flugschreiber ist angeschlossen, Datentransfer läuft“, warf Berger von der Konsole an der Wand ein.

Hellmann nickte Berger zu und beantwortete Jaras Frage. „Dieser Raum ist zur reinen Datenanalyse genauso gut geeignet wie jeder andere auch. Und er hat den Vorteil, dass ich komplizierte Diagramme notfalls in den Raum projizieren kann.“

Berger setzte sich wieder an sein Kontrollpult.

„Ich werde dann mal Lieutenant Hwang besuchen. Vielleicht kann ich ihr helfen“, verabschiedete sich Jara.

Hellmann, der bereits fleißig mit der Analyse der Daten beschäftigt war, sah nicht einmal auf.


Am ihrem Ziel angekommen löste Jara den Türsummer aus und vernahm kurze Zeit später Hwangs Stimme. „Herein!“

Jara trat vorsichtig ein. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Sicher. Natürlich. Kommen Sie doch ganz herein. Ich kann Ihre Hilfe jetzt gut brauchen.“ Hwang wies auf den Tisch, auf dem mehrere PZAGs verstreut lagen. Auf dem großen Sichtschirm des Computers waren mehrere Ausschnitte aus verschiedenen, technischen Magazinen zu sehen.

„Ich bin gerade bei der Geschichte des Projekts, Martins Veröffentlichungen im Vorfeld und so, viele Artikel, Kommentare und so weiter. Wenn Sie das übernehmen würden, könnte ich mich schon meinen persönlichen Erfahrungen zuwenden.“

„In Ordnung“, sagte Jara. „Was wissen Sie denn bisher schon?“

„Nur soviel, dass Martin und seine Theorien nicht gerade unumstritten sind. Zu mehreren seiner frühen Artikel in einem Wissenschaftsmagazin der Sternenflotte gibt es seitenweise Kommentare seiner Wissenschaftlerkollegen und nicht immer nur positive.“ Hwang lachte leise. „Ich wusste gar nicht, wie interessant es sein kann, wie sich Wissenschafter von Rang und Namen gegenseitig ihre Theorien auseinander nehmen.“

Jara lächelte ebenfalls. „Dann mal los.“ Sie begann, sich einen Überblick über die von Hwang zusammengestellten Artikel zu verschaffen und nahm sich dann einen nach dem anderen vor.

14

Projektaufzeichnungen TDF-Projekt AL4, Sternzeit 21802.4 Commander Spencer: [19.10.2344 16:16:54]

Die Untersuchungen des Unfalls von Lieutenant Scott laufen auf Hochtouren. Wir haben noch etwa drei Tage Zeit, das Geheimnis um den Vorfall zu lüften. Die ersten Ergebnisse aller Teams sind als ermutigend zu bezeichnen.

Mit einem Tastendruck löschte Spencer die Dienstakte des Chefingenieurs der Station, Lieutenant Sanders, vom großen Bildschirm in seinem Quartier und schüttelte unwillkürlich den Kopf. Er hatte in den letzten Stunden nacheinander die offiziellen Akten über das leitende Stationspersonal sowie über die einzelnen Teammitglieder Martins in Ruhe durchgesehen. Das Bild, dass er über jeden einzelnen hatte, konnte zwar keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, reichte aber für eine Kurzcharakterisierung aus.

Commander Dimitri Moravcik war seit elf Jahren auf Stationsleiter auf AL4. Zuvor war er auf verschiedenen Basen entlang der klingonischen Neutralen Zone stationiert gewesen und hatte dort auch in recht zügigem Tempo seinen Weg auf der Karriereleiter nach oben gefunden. Auch konnte er eine beachtliche Zahl von Auszeichnungen aufweisen. Gleichzeitig mit seiner Beförderung zum Commander wurde er jedoch nach AL4 versetzt, was das abrupte Ende seiner bisherigen Karriere bedeutete, denn es war nicht wahrscheinlich, dass er jemals noch von AL4 würde wegkommen können. Über Gründen für die Versetzung war allerdings in der Akte nichts zu finden. Das etwas vorgefallen sein musste, war Spencer klar, denn so ohne weiteres würde ein Offizier von Moravciks Fähigkeiten nicht von einer strategisch wichtigen Basis am Rande des Föderationsgebietes auf eine völlig unbedeutende Testbasis im weiten Nirgendwo versetzt werden. Nach erfolgtem Transfer folgten noch drei, vier Versetzungsanträge auf andere Raumbasen oder auch Schiffe, die samt und sonders abgelehnt wurden. „Jetzt weiß ich auch, warum Moravcik immer so vor Freude geradezu sprüht“, murmelte Spencer.

Der Erste Offizier der Basis, ein Andorianer namens Delish Morya im Range eines Lieutenant Commanders, war seit zwei Jahren auf AL4. Wie Spencer der Akte entnehmen konnte, war seine Beförderung an die Bedingung geknüpft, eine Versetzung nach AL4 zu akzeptieren. Die Tatsache, dass Morya in seiner Zeit auf AL4 mehrere Projekte aus Eigeninitiative gestartet hatte, zeigte, dass auch er bestrebt war, bald wieder von dort wegzukommen, und das mit weitaus größeren Erfolgschancen als Moravcik.

Die Informationen über den Chefingenieur, Ian Sanders, waren nicht minder interessant. Vor vier Jahren erhielt er seine Position auf AL4 nach einem Verfahren wegen eines Verdachts auf Spionage für die Cardassianer. Obwohl der Verdacht wegen Mangels an Beweisen nicht erhärtet werden konnte, blieb wohl doch eine Art bitterer Nachgeschmack und als Folge die Versetzung von der Gabriel Bell nach AL4.

Die Reihe des Sternenflottenpersonals abschließend hatte sich Spencer mit dem verunglückten Testpiloten Johnson Scott befasst. Hwang hatte auf einer Besprechung vor einigen Tagen auf der Kennedy angedeutet, dass Scott auf der Akademie zusammen mit ihr in der angesehenen Nova Squadron, einer Art Eliteeinheit der Kadetten, gedient hatte. ‚Einer der Besten‘, so hatte er noch ungefähr Hwangs Worte im Ohr. Die Frage, die sich ihm nun stellte, war, warum ein Pilot, von dem sogar Hwang, die für Spencer selbst zu den Besten gehörte, in solch hohen Tönen sprach, jetzt für ein relativ lausiges Projekt als Testpilot herhalten musste.

Eine mögliche Erklärung für Spencer, bevor er sich seine Akte zu Gemüte geführt hatte, war, dass er mit einer Art Geheimauftrag betraut war, um Martin auf den Zahn zu fühlen, doch er musste diesen Gedanken rasch wieder aufgeben. Scott schloss die Akademie ein Jahr vor Hwang ab, zwar mit sehr guten Leistungen, aber bereits in seiner Abschlussbewertung wurde angedeutet, dass er einige Probleme mit der Disziplin gehabt hätte. Seine erste Position nach der Akademiezeit war auf der Hyperion, nach seiner ersten Beförderung diente er in der zweiten Flotte an der cardassianischen Grenze als Kampfpilot. Dort verdiente er sich seine ersten Belobigungen und Auszeichnungen, aber auch einige disziplinarische Maßnahmen waren verzeichnet. Scott hatte mehr als einmal Probleme damit gehabt, sich unter Kontrolle zu halten und in Manöverübungen regelmäßig zu sehr dem Risiko gefrönt. Nach dem vierten derartigen Vorfall innerhalb von zwölf Monaten wurde Scott zu den Antares-Schiffswerften versetzt, um dort als Testpilot „die Chance zu bekommen, ruhiger zu werden“, wie es Scotts damaliger Kommandant in seiner Versetzungsempfehlung begründet hatte. Für Spencer ergab sich also das Bild eines jungen, ungestümen Draufgängers, der zwar ein brillanter, aber nicht unbedingt sehr verlässlicher Pilot war. Diese Tatsache bedeutete natürlich Wasser auf Martins Mühlen, denn in einer Verhandlung ließen sich derartige Informationen, die nicht mit Fakten begründet oder widerlegt werden konnten, immer hervorragend einsetzen.

Die Informationen, die Spencer über Martin und seine Leute hatte, stammten natürlich nicht aus dem offiziellen Sternenflottendateien, sondern musste er sich aus verschiedenen Magazinen oder Lexika zusammensuchen. Nichtsdestoweniger ergaben sie ein ebenso vollständiges beziehungsweise unvollständiges Bild der entsprechenden Person.

Die Berichte über Martin konnte Spencer aus seiner eigenen Erfahrung nur teilen. Sie beschrieben allesamt einen exzentrischen, überheblichen, eingebildeten Wissenschaftler, dem es zwar nicht an Selbstüberschätzung, wohl aber an Fachkompetenz und Geduld mangelte, jedoch ohne diese Worte zu benutzen. Das, was Spencer aber zwischen den Zeilen lesen konnte, genügte, um seinen Eindruck bestätigt zu wissen. Seine Ideen schienen des öfteren brillant gewesen zu sein, das war aber auch alles, was nach genauer Textanalyse der Berichte an Positivem übrig blieb.

Die Informationen über seinen Assistenten, Jose Moreno, waren spärlicher gesät, enthielten aber durchweg einen völlig anderen Tenor. Er, überwiegend als intelligent, ruhig und kompetent beschrieben, wies gute Referenzen auf, musste aber das schwere Los aller jungen, aufstrebenden Wissenschaftler teilen, das Assistentendasein nämlich. In seiner Position hatte er die meiste Arbeit, konnte jedoch im Gegensatz zu Martin nicht die Lorbeeren dafür ernten.

Über die Techniker Martins gab es nicht allzu viel zu berichten, sie wurden allesamt an privaten Einrichtungen auf Föderationskolonien oder auf Handelsschiffen ausgebildet und erhielten nach der Aufnahme in Martins Projektteam eine noch gründlichere Schulung in der Funktionsweise von Sternenflottenschiffssystemen. Eine Ausnahme bildete Tinoc, der bolianische Ingenieur, der auf der Skate umgekommen war. In seinem Lebenslauf fanden sich vor seiner Ausbildung bei einer Erzfrachterflotte zwei Jahre an der Sternenflottenakademie. Nach den Gründen für den Abbruch konnte man ihn leider nicht mehr fragen. Spencer beschloss nach kurzer Überlegung, eine Anfrage nach Tinoc an das Archiv der Akademie zu senden.

Auch wenn sich bei Moravcik, Sanders und vielleicht sogar Moreno ein gewisses Potential für mögliche Sabotage fand, hielt Spencer diese Möglichkeit für eher unwahrscheinlich, vermerkte sie in seinen Unterlagen dennoch als das, was sie war, als Möglichkeit. Eine endgültige Bewertung über die Wahrscheinlichkeit von Sabotage ließ sich natürlich erst geben, wenn DeFalco und seine Teams konkrete Ergebnisse geliefert hatten.

Gerade hatte er die Kurzzusammenstellung und –charakterisierung der einzelnen Personen beendet, als ein akustisches Signal ihm eine eintreffende Subraumnachricht anzeigte.

Ohne nachzusehen, wer ihn da sprechen wollte, legte er die Nachricht gleich auf den Sichtschirm. Wie er erkennen konnte, war es ein alter Freund von ihm, Jules Rogers. Er kannte ihn von seiner Zeit auf der Enterprise, er war Zweiter Ingenieur zu dem Zeitpunkt gewesen, als die Enterprise außer Dienst gestellt wurde. Spencer hatte ihn im Bezug auf Moravcik kontaktiert, denn Rogers war zufällig jetzt auf der gleichen Basis Chefingenieur, auf der Moravcik vor seiner Versetzung nach AL4 stationiert war. Spencer hatte ihm eine Nachricht zukommen lassen, mit der Bitte, vor Ort ein paar Hintergrundinformationen zu recherchieren.

„Hallo Andy. Ich sollte mich melden?“, fragte er. Er war einige Jahre jünger als Spencer, Anfang Dreißig also, sah aber immer noch wie Anfang Zwanzig aus.

„Hallo Jules. Hast dich ja kaum verändert, muss ich sagen.“

„Das sagen alle. Da muss wirklich etwas dran sein“, grinste Rogers. „Du bist jetzt Kommandant, wie ich deiner Signatur entnehmen konnte?“

Spencer antwortete nur mit einem lang gezogenen „Jaa.“

Rogers, der bemerkte, dass er gerade nicht Spencers Lieblingsthema angesprochen hatte, besann sich wieder auf den eigentlichen Grund des Subraumgesprächs. „Du hattest eine Anfrage wegen eines Dimitri Moravcik, der früher hier auf der Basis stationiert war und dann versetzt wurde?“

„Allerdings. Ich hoffe, du hast etwas herausgefunden? Die Dienstakte gibt nämlich keinen Aufschluss über den Hintergrund der plötzlichen Versetzung.“

Rogers warf Spencer einen prüfenden Blick zu. „Nicht ohne Grund, so wie es aussieht.“ antwortete Rogers. „Ich brauchte auch eine Audienz beim Sicherheitschef, um an die Daten zu kommen. Einfach war das nicht, aber der geheimnisvolle Unfall der Skate ist dank Subraum-News auch hier nichts Unbekanntes.“

„Hör‘ mir auf mit geheimnisvoll. Und vor allem mit Unfall“, brummte Spencer. „Hast du die Daten? Was steht denn drin?“

„Die Daten habe ich“, versicherte Rogers. „Sie waren in einer alten Datei gespeichert, die hier im Laufe der Zeit offensichtlich vergessen wurde. Ob absichtlich oder nicht, ist nach dieser langen Zeit nahezu unmöglich herauszufinden. Hinein sehen durfte ich nicht, ich leite sie nur im Auftrag des Sicherheitschefs weiter“, erklärte Rogers, aus verständlichen Gründen nicht allzu glücklich über diese Tatsache.

Nach wenigen Sekunden war die Datenübertragung ohne abgeschlossen.

„Ich danke dir, Jules. Du warst eine große Hilfe.“

„Schon gut, Andy. Und wenn ich mal Hilfe brauche... weiß ich ja, an wen ich mich wenden kann“, gab Rogers zurück, nun wieder zufriedener.

„Okay. Dann bis irgendwann mal“, leitete Spencer das Ende des Gesprächs ein.

„Auf Wiedersehen, Andy. Und danke für das Gespräch.“

„Spencer Ende.“ Er trennte die Verbindung mit Rogers und wandte sich dann gleich den frisch angekommenen Daten zu. Denn nach dem umfangreichen Studium von Moravciks Akte und dem Mysterium um seine Versetzung brannte Spencer nun darauf, dieses endlich zu lüften.


DeFalco hatte den Besprechungsraum der Skate notdürftig wieder instand gesetzt, das hieß, die Deckenbeleuchtung funktionierte wieder einwandfrei und der Tisch und die Stühle waren von Staub und Ablagerungen befreit. Aus Zeitgründen hielt er die Besprechung mit seinen Leuten und Müller, den er jetzt ganz in Sanchez' Tradition hilfsweise als Ingenieur einsetzte, an Bord der Skate ab und flog mit ihnen nicht nach AL4 zurück.

„Wie weit sind sie mit ihren Systemen?“, fragte er direkt und ohne Umschweife.

„Die Energiesysteme sind jetzt zum großen Teil stabil“, begann Walker.

„Also nicht hundertprozentig?“, fragte DeFalco zurück.

Walker schüttelte den Kopf. „Sie sind zu vier Fünfteln belastbar, nach sechs Stunden Arbeit. Für das letzte Fünftel bräuchte ich sechs Tage.“

„Diese Zeit investieren Sie lieber in die TDF-Untersuchung, das ist richtig“, brummte DeFalco. „Ngatadatu?“

„Der Computer ist jetzt wieder in Ordnung, er tut jetzt immer das, was er soll.“ Ngatadatu klang sehr zufrieden.

„Okay. Callaway?“

„Ich habe ein paar kleinere Defekte an Subsystemen beseitigt, zum Beispiel eine Unregelmäßigkeit in den Umweltkontrollsystemen für Deck 2.“

„Mhm. Ab jetzt geht es um folgende Systeme: Impulsantrieb, Navigation, Energieverteilung und natürlich die Trägheitsdämpfung“, zählte DeFalco auf. „Meine Fragen sind: Funktionierte der Impulsantrieb und die Trägheitsdämpfung ordnungsgemäß, wurden sie störungsfrei mit Energie versorgt und lieferten sie korrekte Daten? Hellmann hat nämlich festgestellt, dass die Daten des Flugschreibers nicht mit dem übereinstimmen, was auf der Station angezeigt wurde.“ Er machte eine kurze Pause. „Wer übernimmt was?“

„Ich mache die Energieverteilung“, beschloss Callaway.

„Den Impulsantrieb nehme ich mir vor“, meinte Ngatadatu. „Ist sowieso mein Spezialgebiet.“

„Die Navigation kann ich übernehmen“, schlug Müller vor. Auf einen verwunderten Blick DeFalcos hin erklärte er: „Während meiner Zeit auf Rangifer II als Testpilot für das Typ 6-Shuttle habe ich Erfahrungen in dem Bereich gesammelt. Wir hatten häufig verzögerte Reaktionen des Antriebs bei Kurskorrekturen und hohen Geschwindigkeiten.“

„In Ordnung. Walker, Sie befassen sich dann mit dem TDF und ich werde mich abwechselnd um sie alle drei bemühen. Wenn sie Fragen haben, fragen sie mich, sie kennen das ja.“ Er zeigte auf Ngatadatu. „Mit ihnen fange ich an, den Impulsantrieb habe ich schon seit dem Unfall, oder was auch immer es war, in Verdacht. An die Arbeit!“


Nachdem Spencer einige Seiten in Rogers‘ Bericht gelesen hatte, erreichte ihn eine weitere Subraumnachricht. Dieses Mal ahnte er bereits, wer jetzt in der Leitung war und legte das Gespräch gleich auf den Monitor.

„Lieutenant David Tennenbaum, Antares-Schiffswerften für Commander Ro... Hallo Andy. Du bist es selbst?“ Tennenbaum war früher zusammen mit Spencer auf Utopia-Planitia in dem Team gewesen, das an der Entwicklung des Warpantriebs der Kennedy gearbeitet hatte und bekleidete jetzt die Position eines stellvertretenden Projektleiters auf Antares. Von Utopia Planitia kannten sie sich recht gut, Tennenbaum war ursprünglich von Paris für die Stelle des Chefingenieurs der Kennedy vorgesehen worden, doch Spencer hatte DeFalco vorgezogen. Spencer bezweifelte, dass Tennenbaum davon wusste; er hatte auch nicht vor es ihm zu erzählen, zumindest solange nicht, bis sie sich einmal persönlich gegenübersäßen und die Gelegenheit eine geeignetere wäre.

„Hallo David“, begrüßte ihn Spencer. „Ja, ich habe mir hier für die Dauer der Untersuchung meinen eigenen Subraumanschluss legen lassen, damit die in der Zentrale nicht ganz zufällig mithören können.“

Die Verbindung war nicht die beste, ein gelegentliches Flackern zeigte Spencer, dass ein Ionensturm oder ein anderes Raumphänomen die Übertragung beeinträchtigte. Auch musste er einige Sekunden auf Tennenbaums Antworten warten, da die Entfernung zwischen AL4 und Antares so groß war, dass selbst über Subraum kein direktes Gespräch möglich war.

Tennenbaum hatte seine letzte Äußerung jedoch einwandfrei verstanden, denn er grinste. „Wie läuft's bei dir?“

„Eigentlich ganz gut“, antwortete Spencer wie automatisch. „Entschuldige, wenn ich gleich zur Sache komme. Du weißt, worum es geht?“

Tennenbaum nickte. „Ja, der Unfall der Skate. Die Nachricht kam hier vor kurzem über Subraum-News. Unser Testpilot schwer verletzt, zwei unserer Ingenieure tot.“ Er zog eine Grimasse. „Tinoc war übrigens einer meiner Schachpartner.“

„Schlimme Sache, ich weiß.“ Spencer warf Tennenbaum seinerseits einen Blick zu. „Ich war dabei, ich musste es mit ansehen. Doch nun zu dem Grund meines Anrufs: Ich habe inzwischen alle Dienstakten der am Projekt beteiligten Leute durch, ebenso alle Artikel der Fachpresse. Jetzt würde ich gerne wissen, was in diesen Dokumenten alles nicht steht. Inoffizielles sozusagen.“

Tennenbaum nahm einige Einstellungen an seinem Terminal vor, das Bild flackerte kurz, dann sagte er augenzwinkernd: „Schieß los, Andy. Wir sind auf abhörsicher.“

Spencer lachte kurz und leise. „Wie Martins Verhältnis zu seinen Mitarbeitern ist, brauche ich, glaube ich, nicht zu fragen. Wie war denn sein Verhältnis zu seinen Vorgesetzten?“

Tennenbaum überlegte einige Sekunden. „Gut... denke ich. Mir sind keine Probleme bekannt. Aber so wie ich Martins Naturell kenne, wird da eine gewisse Portion Katzbuckeln mit im Spiel gewesen sein. Denn wenn selbst ich Martin zweimal angebrüllt habe...“

„Du?“, fragte Spencer entgeistert. Er hatte selber nur wenige Personen kennen gelernt, die mehr Ruhe als Tennenbaum ausstrahlten, die meisten davon waren Vulkanier. Er nickte, nicht ohne gewissen Stolz.

„Weiterhin würde mich mal interessieren“, fuhr Spencer fort, „wie wir überhaupt zu der Ehre gekommen sind, diesen Test zusammen mit Martin durchführen zu dürfen? Allzu ausgereift ist das Projekt nicht gerade und ich hörte im Vorfeld etwas über ein anderes Testschiff...“

„Ich wusste, dass die Frage kommt“, stellte Tennenbaum fest. „Am besten, du lehnst dich zurück, das ist eine längere Geschichte: Martin hat bei seinem Projekt von Anfang an volle Unterstützung von oben gehabt, von ganz oben, um genau zu sein. Mit der beeindruckenden Zahl von 150 Millisekunden als charakteristische Verzögerung war es natürlich nicht schwer, dort Unterstützung zu gewinnen... auch wenn ich ehrlich gesagt an diese Versprechung nicht glaube, aber nun gut.“

„Ich glaube auch nicht dran“, warf Spencer ein. „Aber es ist ja Martins Projekt.“

Tennenbaum fuhr fort. „Wer auch immer die Entscheidung getroffen hat, in die Testphase zu gehen, ob es Martin mit seinem Einfluss und seinem Verhandlungsgeschick war, oder ob er selbst auf Druck von oben dazu gezwungen wurde, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall wurde ihm vor einigen Wochen eine alte Miranda als Testobjekt versprochen. Der Test sollte stattfinden auf Qualor II, soweit ich das ermitteln konnte. Die Zakdorn, die Qualor II verwalten, konnten das Schiff aber nicht zum vereinbarten Zeitpunkt bereitstellen, weil Sie ihre komplexe interne Verwaltungsstruktur nicht rechtzeitig reorganisieren konnten, so dass sie den Verlust des Schiffes hätten ausgleichen können. Bürokraten, eben.“

„Jetzt wird mir so einiges klar“, brummte Spencer. „David, war das eine Miranda-I oder Miranda-II da auf Qualor II?“

„Miranda-II“, antwortete Tennenbaum prompt, begleitet von einem verdutzten Gesichtsausdruck. „Warum die Frage?“

„Folgendes“, begann Spencer. „Wir hatten eine Reihe von Unregelmäßigkeiten im Laufe des Projektes, aber nicht weitersagen. Wenn Martin seine Vorbereitungsarbeit auf eine Miranda abgestimmt hat und jetzt mit einer Soyuz konfrontiert wird... das würde so einiges erklären. Ich danke dir, David. Hast du noch etwas?“

„Nein. Ich wünsche dir viel Erfolg. Obwohl... versuche, Martin nicht allzu sehr in die Pfanne zu hauen. Schließlich ist er einer von uns hier auf Antares“, grinste Tennenbaum, der seine Loyalität für den Moment nicht eindeutig zuordnen konnte.

„Ich kann es nicht garantieren“, gab Spencer trocken zurück. „Man spricht sich, David.“

„Auf Wiedersehen, Andy“, verabschiedete sich auch Tennenbaum.

Nach dem Ende des für Spencer sehr aufschlussreichen Gespräches widmete er sich wieder dem gesendeten Datenpaket von Rogers. Nach beendeter Lektüre lehnte sich Spencer entspannt zurück und dachte nach. Jetzt sah er doch um einiges klarer im Bezug auf verschiedene Dinge.

15

Logbuch des Shuttles Livingston, Sternzeit 21803.0, Lieutenant Rodriguez: [19.10.2344 21:33:07]

Wir nähern uns der Reflection, die Position im Epsilon Aurigae-System bezogen hat, um ihr den Gefangenen Ralph Leyton zu übergeben.

„Und wir haben schon wieder Energieschwankungen im Abschirmungsfeld“, fügte Rodriguez im gleichen Tonfall hinzu, allerdings nachdem er die Aufzeichnung des Logbuchs beendet hatte. „Die Beremar-Strahlung beeinträchtigt bereits die Impulstriebwerke, die Kommunikation und die Kraftfelder. Sollen wir die Kennedy kontaktieren und um eine Lösung bitten? Mr. Johnson?“

„Ja... was?“, stammelte Johnson, der während Rodriguez Aussage und auch schon vorher gedankenverloren aus dem Frontfenster gestarrt hatte.

„Aus welcher Galaxis sind Sie denn gerade gekommen?“, wollte Rodriguez belustigt vom momentan verwirrt dreinblickenden Johnson wissen.

„Richtung 350,20 würde ich schätzen“, antwortete er schlagfertig. „Worum ging es gerade? Ich war kurz in Gedanken.“

Rodriguez unterdrückte die Bemerkung, dass es bei weitem nicht so ‚kurz‘ gewesen sei, sondern wiederholte das, was er vorhin gesagt hatte.

„Wir sollen doch Funkstille halten“, wandte Johnson ein. „Und außerdem können wir die Probleme doch...“

Lautes Krachen und ein Zischen im Hintergrund unterbrachen ihn. Aus den Augenwinkeln nahm er ein gewaltiges Funkensprühen aus dem hinteren Teil des Shuttles wahr. Eilig checkte seine Anzeigen, doch Asenzi war schneller. „Das Sicherheitskraftfeld wurde überladen!“, rief er. „Leyton ist frei!“

„Verdammt was...“, brachte Rodriguez hervor, bevor ein plötzlicher Phaserstrahl aus dem hinteren Teil des Shuttles einen Teil der Steuerkonsole verschmorte und seine Stimme zum Verstummen brachte. Instinktiv warfen sich Rodriguez und Asenzi auf den Boden, der Pilot Johnson folgte ihnen nach einer Schrecksekunde. Alle drei zogen ihre Waffe.

Rodriguez rief: „Leyton! Seien Sie nicht verrückt. Sie haben keine Chance! Ergeben Sie sich und werfen Sie ihre...“ Ein weiterer Phaserstrahl, der kurz neben Rodriguez auf dem Boden einschlug, brachte ihn zum Schweigen.

„Phaser auf schwere Betäubung, Feuer erwidern“, brummte er schnell entschlossen. Beinahe gleichzeitig feuerte er einen Schuss in die ungefähre Richtung ab, aus der der letzte Schuss Leytons gekommen war.

„Sind Sie verrückt?“, rief Johnson aufgeregt, der sich vergeblich bemühte, die Lautstärke auf das notwendige Minimum zu beschränken. „Sie können doch in einem Shuttle nicht einfach so durch die Gegend schießen! Wenn Sie nun eine Plasmaleitung treffen, oder...“ Leyton feuerte wieder zwei Phaserstöße ab, der eine versengte die Rückenlehne des rechten Pilotensessels, der andere endete knapp unterhalb des vorderen Sichtfensters.

„Erzählen Sie das Leyton!“, knurrte Rodriguez und feuerte wieder. Er gab Asenzi ein kompliziertes Zeichen, dann flüsterte er: „Johnson, Sie feuern jetzt fünf Phaserschüsse auf Stufe 1 in die linke Ecke.“

Johnson nickte gehorsam, auch wenn er keine Ahnung hatte, worum es Rodriguez ging. Er justierte seinen Phaser und feuerte vorsichtig, in gleichmäßigen Abständen. Bereits bei seinem fünften Schuss robbten Rodriguez und Asenzi nach hinten und warfen sich danach in die Ecke im hinteren Teil des Shuttles, die Johnson gerade unter Feuer genommen hatte.

Aus seiner Sicht sah Johnson mehrere Phaserschüsse direkt hintereinander aufblitzen. Ein Phaserstrahl aus der rechten hinteren Ecke schoss quer in die Pilotenkabine und verschmorte einen weiteren Teil der Wandkonsolen, danach war ein unterdrückter Schrei zu hören.

„Wir haben ihn!“, rief Rodriguez und kam zurück. Als er die Kabine wieder betrat, blieb ihm vor Schreck der Mund offen stehen. Erschrocken zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf den Hauptschirm. Das Shuttle trieb langsam, aber stetig auf die immer größer werdende Reflection zu.

„Steuerungssysteme sind ausgefallen. Das war gerade ein Volltreffer“, stellte Johnson fest, der in Sekundenbruchteilen wieder in seinem Stuhl saß. „Funk ebenfalls. Und wir treiben wirklich direkt darauf zu.“

Auch Rodriguez saß rasch wieder an seinem Platz. „Der Hauptcomputer ist ebenfalls beschädigt, immerhin der Beremar-Generator auch. Hoffentlich haben die da drüben ihre Scanner an. Wann erfolgt der Aufprall?“

„Die Navigationssensoren haben auch was abbekommen.“ Johnson brauchte einen Moment. „Zwei Minuten, dreißig Sekunden.“

Asenzi kam ins Cockpit. „So. Leyton ist wieder sicher verstaut. Und seine Waffe hatte er aus dem... OH NEIN!“ Da sich Rodriguez und Johnson die ganze Zeit wie auf dem Aussichtsdeck unterhalten hatten, war Asenzi bisher nicht aufgefallen, dass das Shuttle antriebslos auf die Reflection zutrieb. „Ihr habt es doch im Griff, oder?“, fragte er hoffnungsvoll.

„Du wirst dich wundern. Haben wir nicht“, ließ sich Johnson ruhig vernehmen. Hektik war einer der schlimmsten Feinde des Piloten, so formulierte es Chief Müller immer. „Die Steuerung ist hinüber. Alle Verbindungen zu den Steuerdüsen sind einfach durchgeschmort, als Leyton die Konsole getroffen hat“, erklärte er.

„Dafür habe ich die Schilde aktiviert. Sie werden uns zwar keinen großen Schutz bieten, aber immer noch besser als nichts.“ Rodriguez klang eine Spur nervöser als Johnson. Er tippte auf seinen Kommunikator. „Rodriguez an Reflection! Reflection, bitte kommen!“

„Reagiert die Reflection nicht?“, wunderte sich Asenzi.

„So wie es aussieht, nein“, antwortete Johnson gefasst. „Wir sind außer Kommunikatorreichweite und im Moment sieht es für sie noch so aus, als würden wir unser normales Anflugmanöver durchführen. In... fünfundvierzig Sekunden erreichen wir Transporterreichweite. Dann sollten sie merken, dass wir Probleme haben.“

„Wenn wir doch nur einen Phaser hätten!“, rief Rodriguez unbeherrscht, besann sich dann aber wieder darauf, dass er der ranghöchste unter den anwesenden Personen war. „Ich bitte um Vorschläge!“

„Die Reflection ruft uns über Funkfrequenz. Sie fragen an, warum wir unser Beremar-Feld deaktiviert haben“, meldete Johnson. „Wir können nicht antworten.“

„Warum setzen Sie nicht ihren Traktorstrahl ein? Oder starten ihre Antriebe?“, fragte Asenzi.

„Sie haben keine Energie. Sie mussten alles abschalten, genau wie die Kennedy. Und es dauert seine Zeit, bis alles hochgefahren ist. Von der Notenergie kann man ohne weiteres keinen Impulsantrieb fahren“, erklärte Rodriguez.

„Ich hab's!“, rief Johnson. „Wir können Lichtsignale verwenden, um zu antworten!“

„Genau!“, stimmte Rodriguez zu und nahm einige Eingaben an seiner Konsole vor. „Der Computer ist zu schwer beschädigt, um meine Eingaben in Lichtsignale zu decodieren. Die direkte Steuerung der Positionslichter funktioniert allerdings noch. Mal sehen, wie gut meine Morsekenntnisse noch sind...“


„Scan abgeschlossen! Strahlung innerhalb normaler Parameter, Normalraum- und Subraumintegrität bei 100%. Keine Objekte innerhalb des spezifizierten Abtastradius, keine Anomalien, keine ungewöhnlichen Sensorenwerte“, meldete der Computer in Fähnrich Jaras Shuttle.

Jara quittierte die Aussage des Computers mit einem nicht gerade glücklichen Gesichtsausdruck, so wie sie es bereits seit einigen Stunden tat. Ihre Aufgabe bestand darin, das gesamte Sonnensystem nach allen ungewöhnlichen Vorkommnissen abzusuchen, die in Zusammenhang mit dem Unfall der Skate stehen könnte. Sie drückte auf eine Taste, mehr brauchte sie nicht zu tun, damit ihr Shuttle automatisch Kurs auf den Mittelpunkt des nächsten Suchbereichs nahm und dort bei Ankunft automatisch mit einem Scan begann.

Der Auftrag kam von Spencer, die Idee allerdings von Hwang. Sie hatte zusätzlich zu den Veröffentlichungen Martins auch noch die Aufzeichnungen einiger ähnlicher Vorfälle in der letzten Zeit durchgesehen, in einem spielte eine selten auftretende Unregelmäßigkeit des Normalraums eine Rolle. Daraufhin hatte Spencer einem umfassenden Scan via Shuttle zugestimmt und da Müller an Bord der Skate aushalf, musste Jara die ebenso umständliche wie langweilige Untersuchung vornehmen.

Plötzlich wiesen einige akustische Signale Jara darauf hin, dass die Scanner fündig geworden wären. Sie brauchte einige Sekunden, um zu voller Reaktionsfähigkeit zurückzufinden und warf dann das Scanergebnis auf den Hauptschirm. Obwohl die Sensoren eine um zehn Prozent höhere Subraumdichte meldeten, verschwand die Aufregung schnell aus Jaras Zügen, da sie sich im Moment zu weit entfernt von der Unfallstelle aufhielt, als dass die erhöhte Subraumdichte irgendeine Auswirkung auf die Skate hätte gehabt haben können. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass diese Anomalie bereits im Datenbankeintrag über dieses Sternensystem verzeichnet war, ließ sie den Computer mit dem Suchprogramm fortfahren und lehnte sich wieder zurück.


„Immer noch keine Reaktion der Reflection auf die Lichtsignale, Aufprall in fünfzehn Sekunden. Wir...“ Ein einsetzender Transporterstrahl unterbrach Rodriguez. Er, Johnson und Asenzi materialisierten zusammen mit Leyton auf einer Transporterplattform der Reflection. Instinktiv griffen Rodriguez und Asenzi zu ihren Waffen und richteten sie auf Leyton, der seinen angedeuteten Fluchtversuch abrupt abbrach.

„Halten Sie sich fest!“, rief der Transporteroffizier der Reflection. „Transporterraum 3 an Brücke! Ich habe sie!“

Durch eine plötzliche, schwere Erschütterung verloren alle ihren Halt. Rodriguez, Johnson, Asenzi, Leyton und der Transporteroffizier der Reflection kollerten hilflos durch den Transporterraum, trotz ihrer verzweifelten Versuche, sich irgendwo festzuhalten. Das Shuttle Livingston war gerade mit der Reflection, die weder ausweichen noch sonst etwas gegen den Zusammenstoß tun konnte, kollidiert.


„Notenergie auf die Stabilisatoren umleiten, versiegeln Sie den Hüllenbruch! Wo bleibt die Hauptenergie?“, brüllte Captain McNab über die Brücke der Reflection. Er konnte sich so gerade eben in seinem Stuhl halten, die übrige Brückenbesatzung hatte es noch ein wenig schwerer. Die Notbeleuchtung flackerte und tauchte die Brücke in beinahe gespenstisches Licht.

„Der Hüllenbruch ist gesichert, Captain. Durch rechtzeitige Evakuierung kam niemand zu Schaden“, meldete der Vulkanier, der zur Zeit die Einsatzleitung besetzte. „Stabilisatoren in Funktion.“

„Gute Arbeit, Mr. Santik“, bestätigte McNab. Die Fluglage der Reflection normalisierte sich langsam und auch das Deckenlicht flammte wieder auf.

„Die Hauptenergie ist wiederhergestellt.“

„Das sehe ich“, brummte McNab ärgerlich. „Geben Sie mir die Kennedy, und zwar sofort! Das sollen die mir mal erklären...“


„Die Reflection ruft uns!“, meldete Terk.

„Die Livingston müsste jetzt bei ihnen eingetroffen sein“, murmelte Lemois nachdenklich. Doch warum das Risiko einer Kontaktaufnahme? „Auf den Schirm!“

„Commander, wir wurden gerade von ihrem Shuttle gerammt! Sie haben nicht angehalten und auch nicht auf unsere Rufe reagiert. Was soll das?“, fragte McNab barsch.

Lemois und Karov wechselten einen erstaunten Blick. „Was ist mit der Crew? Und dem Gefangenen?“, wollte sie wissen.

McNab stutzte. „Ihre Crew ist wohlauf und wir haben den Gefangenen unter Kontrolle. Was war denn das mit dem Shuttle?“, hakte er nochmals nach, dieses Mal weniger energisch.

„Ich habe keine Ahnung, Captain“, versicherte Lemois. „Fragen Sie meine Leute!“

„Das werde ich tun, das verspreche ich Ihnen. Reflection Ende“, erwiderte McNab schroff.

Lemois wollte noch etwas sagen, sie hatte den Mund bereits geöffnet, als McNab die Verbindung abrupt unterbrach. Sie fühlte Wut in ihr hochsteigen. Sie hatte drei Leute auf eine einfache Mission geschickt und jetzt erfuhr sie, dass das Shuttle die Reflection gerammt hatte. Zu allem Überfluss hatte McNab sie wüst angefahren, obwohl sie überhaupt nichts dafür konnte. Sie war kurz davor, mit der Faust auf die Sessellehne zu schlagen, nahm sich dann aber zusammen und holte tief Luft. Immer noch wutschnaubend sprang sie aus dem Kommandosessel und verschwand im Bereitschaftsraum des Captains. Dort nutzte sie die Gelegenheit, unbemerkt von der Brückenbesatzung den heißesten Dampf abzulassen.

Geschätzte fünf Minuten später erhielt sie eine akustische Mitteilung. „Commander, ein weiteres Signal von der Reflection für Sie“, meldete Terk in all seiner stoischen Ruhe.

„Ich komme sofort.“ Lemois fühlte sich inzwischen deutlich besser und hoffte, dass es McNab ebenso ginge.

„Captain McNab?“, fragte sie, während sie sich im Kommandosessel niederließ.

„Ja, Commander. Ich glaube, ich muss mich entschuldigen. Ich war vorhin etwas... unbeherrscht wegen des... Zwischenfalls.“ McNab rang gut sichtbar nach ‚neutralen‘ Worten und lächelte dabei überaus freundlich.

„Schon gut, Captain“, entgegnete Lemois versöhnlich. „Vielleicht sollten wir uns lieber auf die Sache konzentrieren. Konnten meine Leute Ihnen inzwischen erklären, was passiert ist?“

„Zum großen Teil. Das Abschirmungsfeld gegen Beremar-Strahlung hat unter anderem das Kraftfeld der Sicherheitszelle im Shuttle beeinträchtigt, Leyton konnte sich befreien und sich aus dem Phaserschrank bedienen. Beim folgenden Schusswechsel mit ihren Sicherheitsoffizieren wurde der Hauptcomputer des Shuttles schwer beschädigt. Sie konnten nicht ausweichen und wir auch nicht, da unsere Maschinen kalt waren. Leyton sitzt jetzt bei uns in der Arrestzelle, dort wo er hingehört.“

„Wie geht‘s jetzt weiter?“

„Das weiß ich auch nicht“, gestand McNab. „Wir haben einen schweren Hüllenbruch. Die Rolle der Skate werden wir nicht mehr spielen können, da wir während die Reparaturen laufen, ständig Notkraftfelder aktiviert haben müssen. Haben Sie eine Idee? Vielleicht können wir mit Ihrer Hilfe die Reparatur beschleunigen“, überlegte McNab.

Lemois sah einige Sekunden ins Leere und dachte nach. „Was waren ihre Worte vor einigen Tagen, Lieutenant?“, fragte sie unvermittelt MacDonnell an der Maschinenkontrolle. Diese hatte die Wortwechsel mit McNab gebannt verfolgt und sich innerlich bereits auf ein Donnerwetter von Lemois wegen der fehlerhaften Abschirmung eingestellt. „Der Unterschied wird bei flüchtigem Hinsehen nicht auffallen?“, zitierte Lemois aus ihrem Gedächtnis und wandte sich wieder McNab zu. „Lassen wir es darauf ankommen. Wir nehmen Ihre Position ein und hoffen, dass man uns für die Skate hält.“

McNab sah Lemois für einige Augenblicke verblüfft an, dann stimmte er zu. „Eine gute Idee, Commander. Wir versuchen, uns am anderen Ende des Systems zu verstecken und die notwendigen Reparaturen mit minimalstem Energieaufwand durchzuführen. Reflection Ende.“

„MacDonnell, bereiten Sie das Abschalten aller Schiffssysteme außer den unbedingt notwendigen vor. Ich will, dass kein Joule mehr als nötig verbraucht wird!“, reagierte Lemois. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde zu einer Besprechung! Seien Sie bis dahin vorbereitet, sie alle!“

„Verstanden, Commander.“ MacDonnell seufzte unbemerkt und machte sich an die Arbeit. Insgeheim war sie erleichtert, dass von Lemois keine Vorwürfe wegen des Versagens ihrer Abschirmung mehr zu erwarten waren, da es jetzt andere Probleme zu lösen gab.

16

Logbuch der Kennedy, Lieutenant Commander Lemois, Nachtrag:

Durch einen Zusammenstoß unseres Shuttles Livingston mit der Reflection aufgrund eines Fehlers im Beremar-Abschirmungsfeld gab es einen Schaden an der Außenhülle des Schiffes. Glücklicherweise gab es keine Verletzten, das Shuttle selbst ist jedoch hinüber. Da die Reflection Reparaturen vorzunehmen hat, werden wir ihre Position einnehmen. Die speziellen Maßnahmen, die dafür getroffen werden müssen, werden wir nun besprechen.

Lemois beendete die Logbuchaufzeichnung. „Wann treffen wir mit der Reflection zusammen?“, wollte sie wissen.

„In einer Minute, fünfundvierzig Sekunden“, antwortete Torrente.

„Okay.“ Lemois erhob sich. „Mr. Torrente, Sie übernehmen! Sorgen Sie dafür, dass Rodriguez, Johnson und Asenzi wieder zurück an Bord kommen und geben Sie der Reflection gegebenenfalls Unterstützung bei ihren Reparaturen. Ansonsten rate ich Captain McNab, hier schnell zu verschwinden, dass wir seine Position einnehmen können“, ordnete Lemois an. Torrente nickte bestätigend und stand auf.

„Sie benutzen natürlich andere Worte, um es ihm begreiflich zu machen“, ergänzte sie verschmitzt, während sie an Torrente vorbei zum Lageraum ging.

„Natürlich, Commander“, bestätigte er wie selbstverständlich, während er den Kommandosessel übernahm. Lemois betrat den Besprechungsraum.

„Nett, dass sie hier sind“, begrüßte Lemois die Anwesenden. „Zu ihrer Information, wir werden in Kürze die Position der Reflection einnehmen. Auch hätte ich gerne eine Untersuchung über den Ausfallgrund des Abschirmungsfelds. MacDonnell, das werden Sie übernehmen, wenn wir hier fertig sind.“

„Ja, Commander“, erwiderte MacDonnell wortkarg.

„In den nächsten Minuten gibt es nur eine Priorität, und die heißt Energie sparen. Wir werden nicht nur die Position der Skate einnehmen, sondern auch hoffen, dass man die Kennedy wirklich für die Skate hält. Wir werden sowohl den Warpreaktor als auch die Fusionsreaktoren abschalten, ebenso alle außer den unbedingt notwendigen Systemen. Was unbedingt notwendig ist, möchte ich von Ihnen hören.“ Lemois setzte eine erwartungsvolle Miene auf.

„Also kann ich die Untersuchung der Shuttletrümmer nur mit einem Tricorder vornehmen?“, fragte MacDonnell verblüfft.

„Allerhöchstens“, erwiderte Lemois kühl.

„Und beeilen Sie sich, die Trümmer an Bord zu beamen, bevor auch der Transporter abgeschaltet wird“, fügte M'Boya scherzhaft hinzu.

„Bevor ich es vergesse“, begann Lemois wieder, ohne weiter auf MacDonnell oder M'Boya einzugehen. „Wir müssen natürlich auch darauf vorbereitet sein, ein ankommendes Schiff zur Strecke zu bringen. Das Schiff, das Leyton hier abholen will. Vergessen Sie das also nicht.“

„Von meiner Seite gibt es da keine Probleme. Zur Not kann ich gebrochene Beine schienen und gegen Erkältungen gibt es ab sofort Hühnersuppe“, kündigte M'Boya an. Lemois nickte.

„Navigation kann abgeschaltet werden bis auf die manuelle Steuerung“, sagte Thalvan. „Der Impulsantrieb braucht einige Minuten, um aus kalter Bereitschaft wieder hochzufahren, der Warpantrieb noch viel länger.“

„Die entsprechenden Systeme in Bereitschaft zu halten, würde zu viel Energie verbrauchen, nehme ich an?“ fragte Lemois.

Thalvan nickte. „Es wäre deutlich messbar. Wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Reflection der Livingston nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Alle Antriebe waren deaktiviert.“

„Okay, Navigation wird abgeschaltet“, entschied Lemois. „Weiter!“

Krovic meldete sich zu Wort. „Ich habe im Moment leider keinen genauen Überblick über alle wissenschaftlichen Projekte, aber ich denke, das ist unkritisch. Welche Sensoren brauchen wir?“

„Diejenigen, die keine Energie verbrauchen“, antwortete Lemois prompt.

„Tja.“ Krovic überlegte. „Die Langstreckensensoren sind relativ energieintensiv, aber die Kurzbereichsensoren im passiven Betriebsmodus sollten nicht weiter auffallen.“

Lemois nickte. „In Ordnung.“ Sie wollte sich schon Karov zuwenden, als Krovic sich hastig korrigierte. „Die Kurzbereichsensoren können wir vergessen, Commander.“

„Warum?“, fragte Lemois vorwurfsvoll.

„Wir...“, Krovic war es offensichtlich peinlich, „...wir haben seit einigen Tagen Energielecks an der vorderen Sensorenphalanx.“

„Und wieso sind die noch nicht repariert?“ Mit Energielecks wären auch die passiven Sensoren schon von weitem zu eindeutig entdecken gewesen.

„Wir hatten so viel zu tun, mit dem EPS und der Abschirmung für das Shuttle und..“, begann MacDonnell eine Liste von Entschuldigungen, wurde aber unwirsch von Lemois unterbrochen. „Kriegen Sie die Sensoren in den Griff oder nicht?“

MacDonnell schüttelte zögerlich den Kopf. „Nicht in der Zeit, die uns bleibt.“

„Alternativen?“

„Wir beschränken uns auf die seitlichen Phalanxen“, schlug Terk vor.

„Das heißt...?“

„Unscharfe Sensorenwerte“, antwortete Krovic. „Diese Sensoren sind nicht dafür gedacht.“

„Aber immer noch besser, als uns nur auf unsere Augen zu verlassen“, ergänzte Karov.

„Einverstanden“, stimmte Lemois zu. „Karov?“

„Auf die taktischen Systeme bis auf den Phaser können wir zur Not verzichten“, gab sie bekannt. „Wenn wir den Traktorstrahl nicht ganz abschalten, kann er in unter einer Minute betriebsbereit sein.“

„Okay.“ Lemois wandte sich nun MacDonnell zu. „Sehen Sie noch Probleme wegen den anderen Schiffssystemen?“

MacDonnell, die sich wie Terk die ganze Zeit eifrig Notizen gemacht hatte, verneinte. „Ich wüsste im Moment nicht. Geben Sie mir nur einige Minuten, um den Warpreaktor herunterzufahren, um Überraschungen zu vermeiden.“

„Genehmigt. Sonst noch was?“, fragte Lemois, die sich bereits halb erhoben hatte. „Dann wieder zurück an die Arbeit!“

„Wir haben die Position der Skate exakt eingenommen“, meldete Thalvan, gerade als er seinen Stellvertreter auf der Brücke abgelöst hatte.

„Die Reflection ist auf einem unauffälligen Fluchtkurs in die äußeren Regionen des Systems und wird sich unter die anderen Schiffe mischen. Und wir haben wieder alle Crewmitglieder an Bord“, berichtete Torrente und räumte den Kommandosessel.

Lemois nickte. „MacDonnell, schalten Sie die Lebenserhaltung auf Notenergie, alle anderen Hauptsysteme wie besprochen. Mr. Terk, Sie weisen nochmals alle Abteilungen an, allen unnötigen Energieverbrauch einzustellen!“

„Commander, die Hydroponik bittet um zusätzliche Energiezuteilung für die Konservierung einer Probenreihe“, meldete dieser. „Und die Krankenstation will ein Biobett für den Notfall in Bereitschaft halten.“

„Ich dachte, das hätten wir gerade alles durchgesprochen“, stellte Lemois verärgert fest. „Bewilligen Sie die Energiezuteilung vorerst und schicken Sie mir M'Boya und den zuständigen Biologen in meinen Bereitschaftsraum. Schnell.“

„Ja, Commander.“ Terk gab die entsprechenden Informationen weiter.

„Alle Hauptsysteme werden heruntergefahren“, berichtete MacDonnell. „Unser Energieoutput wird am Schluss knapp über dem liegen, den die Skate hatte.“

„Okay. Karov, leiten Sie alles in die Wege, um das Schiff, das Leyton abholen will, aufhalten zu können.“

„Commander...“, begann Karov zögerlich. „Es gibt da doch noch ein Problem.“

„Welches?“, fragte Lemois nach.

„Auch bei nur teilweise heruntergefahrenem Traktorstrahl dauert es drei Minuten, bis er einsatzbereit ist“, gab sie bekannt sie. „Ich hatte mich da gerade wohl verrechnet in der Eile.“

„Drei Minuten sind zu viel. Alternativen?“

„Im Moment nur den Phaser. Wenn ich auf automatische Zielerfassung verzichte, ist der vordere Phaser in zwanzig Sekunden bereit.“

Lemois dachte nach. Bei manueller Phaserauslösung musste sie darauf vertrauen, dass Karov die Energiesysteme des anderen Schiffes beim ersten, spätestens beim zweiten Feuerstoß traf. Wenn das nicht gelänge, würde das andere Schiff leicht fliehen können, da Sie selber Zeit brauchten, bis sie ihrerseits die Antriebe aktivieren und folgen könnten.

„Also gut“, stimmte Lemois in Ermangelung einer Alternative zu. „Vorerst. Suchen Sie dann zusammen mit MacDonnell nach einer Lösung!“

Karov nickte und rief über ihre Konsole Rodriguez als Vertreter auf die Brücke. Kurze Zeit später traten M'Boya und Fähnrich Carpelli zusammen mit Rodriguez auf die Brücke. „Sie wollten uns sprechen, Commander?“, fragte M'Boya.

Lemois sah auf. „Allerdings. Folgen sie mir. Mr. Terk, Sie haben die Brücke.“ Sie führte die beiden in den Bereitschaftsraum.

Karov wandte sich danach zur Ingenieursstation um. „Sollen wir uns dann um den Traktorstrahl kümmern?“ fragte sie.

MacDonnell stand auf. „In Ordnung.“

Sie verschwanden zusammen im Turbolift, während Rodriguez Karovs Platz einnahm.

„Deck 8!“, sagten Karov und MacDonnell nahezu gleichzeitig. Sie sahen sich an und lächelten stumm. Der Lift setzte sich in Bewegung. „Ist schon verrückt“, murmelte Karov nach kurzer Fahrtzeit.

„Was denn?“, wollte MacDonnell wissen.

„Na das alles hier.“ Karov schüttelte den Kopf. Bevor MacDonnell antworten konnte, öffneten sich die Lifttüren. Sie machten sich auf dem Weg zu den Traktorstrahlsystemen und begannen mit der Arbeit. Während MacDonnell die Werkzeuge kalibrierte, nahm Karov einige Wandplatten ab. Dann begannen sie, an den Systemen zu arbeiten.

„Was meinten Sie vorhin mit ‚Das ist alles verrückt‘?“, erkundigte sich MacDonnell nach einiger Zeit.

„Wir hängen hier im Raum, ohne Antrieb, ohne Sensoren, ohne Schilde, ohne Waffen...“

„... und ohne Licht und ohne vernünftiges Essen...“, warf MacDonnell ein.

„Vor allen Dingen.“ Karov lächelte und fuhr fort. „Und wir warten auf ein Schiff von Kriminellen, die einen von ihnen abholen wollen. Zu allem Überfluss bemerken wir es erst, wenn es in Sichtweite ist und können uns nicht einmal vernünftig verteidigen.“

„Und der Traktorstrahl muss funktionieren“, fügte MacDonnell hinzu. „Ich habe den EPS-Bypass gelegt. Wie weit sind Sie?“

„So gut wie fertig. Ich muss nur noch die ODN-Hauptsteuerleitung überbrücken. Das hier ist übrigens genauso verrückt“, murmelte Karov.

„Warum?“

„Weil der Traktorstrahl überlastet wird, sobald wir ihn aktivieren. Dreißig Sekunden wird er halten, was danach kommt, ist nur noch Glückssache. Eine andere Möglichkeit sehe ich im Moment nicht und auf den Phaser will ich mich auch nicht verlassen.“

„Dreißig Sekunden? Na, dann erzähle das mal nicht Lemois...“, schlug MacDonnell vor.


Chief Müller sah auf, als DeFalco die Brücke der Skate betrat, auf der er gerade an der Navigationskonsole arbeitete und nach Unregelmäßigkeiten suche. „Und? Was ist mit dem Impulsantrieb?“, fragte er interessiert, noch bevor DeFalco die Gelegenheit hatte, ihm selbst eine Frage zu stellen.

„Wie?“ DeFalco war in Gedanken verloren, besann sich aber rasch. „Bis jetzt ist alles in Ordnung“, antwortete er. „Ngatadatu ist dran und findet schon noch was. Was haben Sie?“

„Nicht viel. Jedenfalls nichts, was auf etwaige Probleme hindeuten würde.“

DeFalco sah sich im einzelnen an, was Müller bisher herausgefunden hatte.

„Bevor ich mit der Untersuchung begonnen hatte, habe ich einen Test der Datenleitungen zu den Antriebssystemen durchgeführt. Es gab einige kleinere Abweichungen, hier, zu Zeitindex 945.4.“ Er reichte DeFalco ein PZAG. „Für fünfunddreißig Sekunden war der Datentransfer unregelmäßig, danach war wieder alles ruhig. Nach zehn Minuten ohne weitere Störungen habe ich den Test dann beendet.“

DeFalco nickte und überlegte. Er wollte gerade etwas erwidern, als ihn ein Kommunikatorsignal erreichte. „Walker an DeFalco. Ich habe hier etwas gefunden, das sollten Sie sich ansehen.“

„Ich bin unterwegs, Sandra“, bestätigte DeFalco und machte sich auf den Weg. „Chief, machen Sie weiter so.“

„Sir...“, sagte Müller schnell. „Eigentlich bin ich hier fertig. Ich weiß zumindest nicht mehr, was ich noch tun könnte. Ich bin schließlich kein Experte.“

„Dann kommen Sie mit“, bestimmte DeFalco schnell entschlossen. „Ngatadatu oder Callaway werden hier auch noch mal einen Blick drauf werfen, je nachdem, wer eher fertig ist.“

Sie machten sich auf den Weg zu der Sektion, in der Walker seit einigen Stunden damit beschäftigt gewesen war, eine eingehende Untersuchung des TDF vor Ort vorzunehmen.

„Und? Was haben Sie?“, fragte DeFalco gleich nach seinem Eintreffen.

Walker sah auf. „Ich habe mit die Frage gestellt, warum die Notsysteme beim Ausfall des TDF nicht angesprungen sind.“

„Und? Haben Sie auch die Antwort?“

„Ja, seit gerade. Sehen Sie.“

DeFalco sah auf den Monitor. „Der Generator war gar nicht angemeldet“, stellte er fest. Walker nickte. „Wer war eigentlich dafür zuständig?“ fragte sie.

„Worum geht es hier, wenn ich fragen darf?“, unterbrach Müller verwundert.

„Jedes TDF-Modul hat eine interne Kennziffer“, erklärte DeFalco. Er sprach etwas langsamer als üblich, damit Müller den recht komplizierten technischen Zusammenhängen folgen konnte. „Anhand dieser Kennziffer fragt der Computer regelmäßig den Status ab und schaltet zum Beispiel bei einem bevorstehenden Versagen automatisch das Notsystem zu. Bei der Umrüstung wurden einige TDF-Module an anderen Positionen eingebaut, zum Beispiel dieses hier. Der Computer wurde aber anscheinend nicht darüber unterrichtet. Und da er nichts von diesem neuen TDF-Modul wusste, konnte er bei dessen Ausfall auch kein Notsystem zuschalten.“

„Verstehe. Und wieso ist das bisher keinem aufgefallen?“, fragte Müller.

DeFalco hob ratlos die Schultern. „Den Einbau hier muss jemand von Martins Ingenieuren vorgenommen haben. Denn bei der Sternenflotte lernt man das bereits in den ersten Wochen und vergisst es dann nicht mehr, oder?“

Walker nickte bestätigend. „Wer war denn nun dafür zuständig?“

„Sehen Sie doch nach... ach ja. Der Kennwortschutz.“ DeFalco schüttelte entnervt den Kopf. Da Martin von der Wichtigkeit seines Projektes so sehr überzeugt war, hatte er alle wichtigen Daten mit Kennwörtern sichern lassen, die nur er und Spencer kennen sollten. Doch bereits nach der ersten Stunde auf der Skate hatte Spencer DeFalco das Passwortsystem erklärt, da er ungefähr alle fünf Minuten an irgendeiner Konsole ein Kennwort hatte eintippen müssen.

DeFalco trat an die Konsole und nahm die Abfrage vor. „Tinoc“, stellte er niedergeschlagen fest. „Den können wir ja jetzt nicht mehr fragen...“

Walker brummte etwas Undefinierbares als Antwort.

„Was haben Sie sonst noch? Oder ist das etwa schon alles?“, fragte DeFalco drohend, grinste aber dabei.

„Nun, ich bin jetzt soweit, dass ich mit der Detailanalyse des TDF beginnen kann. Ich bin recht vorsichtig vorgegangen, um auf keinen Fall durch überhastetes Vorgehen einen möglichen Beweis zu vernichten.“

„In Ordnung. Wann darf ich dann wiederkommen, um erste Ergebnisse zu bekommen?“

„In zwei, drei Stunden. Und können Sie vielleicht Mr. Müller entbehren? Eine helfende Hand könnte ich gut gebrauchen.“

DeFalco hob die Schultern. „Von mir aus. Ich werde jetzt jedenfalls mal Callaway auf den Zahn fühlen, was denn seine Energieverteilung macht.“

„Ich hätte da noch eine Frage...“, begann Walker.

„Ja?“ DeFalco blickte sie an.

„Wieso sind eigentlich keine Untersuchungsteams von Martin an Bord? Er müsste doch ein ebenso großes Interesse daran haben, dass der Vorfall aufgeklärt wird.“

„Ganz einfach. Er hat sich mit seinen Teams erst für heute Abend angesagt. Warum, weiß ich nicht, ist mir auch egal. Ich will es gar nicht wissen.“

Walker nickte und ging wieder an ihre Arbeit, DeFalco verließ den Raum, um Callaway wie versprochen einen Besuch abzustatten.


„Bis zur Untersuchung des Flugschreibers deutete alles auf überhöhte Geschwindigkeit seitens Scott hin, doch die Auswertung seiner Daten ergibt ein anderes Bild“, begann Hellmann.

Er saß zusammen mit Hwang und Berger im Simulatorraum der Station. Berger nahm Feineinstellungen an der Simulation vor, während Hellmann Hwang über den aktuellen Stand seiner Ermittlungen informierte. In dem Raum war eine typische Brücke mit ihren Stationen aufgebaut, sogar der Hauptanzeigeschirm war vorhanden. An den Stellen, wo sich auf Schiffen im Normalfall der zweite Turbolift und der Eingang in den Besprechungsraum befanden, waren hier jedoch stattdessen eine weitere Phalanx Monitore und Computerkonsolen angebracht, mit deren Hilfe die vorgefertigten Simulationsprogramme angepasst beziehungsweise eine laufende Simulation kontrolliert, beeinflusst und ausgewertet werden konnte.

Hellmann setzte seine Erklärungen fort. „Nach den Daten aus dem Flugschreiber hat Scott die Toleranzgrenzen zur Geschwindigkeit von ½ Impuls nämlich knapp eingehalten. Er war auf keinen Fall soviel zu schnell, als dass das TDF deswegen versagt haben könnte.“

Hwang nickte, sichtlich erleichtert, dass Scott nach Hellmanns Sicht aus der Schusslinie war. „Und?“, fragte sie, da Hellmann nicht so geklungen hatte, als hätte er alles gesagt, was er zu sagen hätte.

„Der Kurvenradius war dagegen geringer, als auf den Anzeigen zu sehen, zumindest laut Flugschreiber. Welchen Radius hatte die Kurve bei deinem Flug?“

„7.500 Kilometer, wie vorgesehen.“

„Das haben auch wir auf AL4 gesehen. Und weißt du, welchen Radius du tatsächlich geflogen bist?“

Hwang blickte ihn erwartungsvoll an.

„7.100 Kilometer“, antwortete Hellmann lakonisch. „Scotts Kurve war noch 200 Kilometer enger.“

Hwang konnte die Überraschung in ihrem Gesichtsausdruck nicht ganz verbergen. „Laut Flugschreiber? Bist du sicher? Und woher die Abweichung?“

„Keine Ahnung. Das ist das erste Mal überhaupt, dass uns das auffällt. Das ist mehr als seltsam. Ich habe Gerry informiert, er soll sich mal drum kümmern.“

„Vielleicht ist der Flugschreiber selbst defekt“, spekulierte Hwang.

Hellmann schüttelte den Kopf. „Es deutet nichts darauf hin. Wie gesagt, Gerry sorgt dafür, dass wir bald mehr wissen.“

„Was wissen wir überhaupt schon über die Ursache?“

„Nichts Konkretes. Was ich persönlich allerdings befürchte, ist, dass er...“, er deutete in die Richtung, in der Berger saß, „... Ärger bekommen kann. Denn das einzige, was zwischen deinem und Scotts Flug verändert wurde, war die Reaktionszeit des TDF. Und zwar unter anderem aufgrund seiner Idee.“

„Aber Martin hat sie doch akzeptiert und die Veränderung durchgeführt. Es wäre dann doch seine Problem“, erwiderte Hwang verteidigend. „Außerdem hat er doch die Veränderung aufgrund falscher Anzeigen vorgenommen. Und auf der Skate war auch noch jemand.“

„Deshalb ja die Simulation. Die Sache hat nur einen Haken. Der Simulator hier ist zwar relativ antiquiert, eine Soyuz war trotzdem nicht im Angebot. Wir haben die Standard-Miranda-Programme geladen und verändert. Wie sieht's aus?“

Berger sah auf. „Noch nicht optimal, aber doch akzeptabel, denke ich.“

„Dann lasst uns loslegen“, schlug Hwang vor. Sie ließ sich im Pilotensitz nieder und leitete die üblichen Kaltstartmaßnahmen ein. Parallel dazu begannen Hellmann und Berger mit der Datenaufzeichnung.

17

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21804.2, Lieutenant Commander Lemois: [20.10.2344 08:05:34]

Wir warten nun geschlagene zehn Stunden an der Position der Skate und nichts ist passiert. Lieutenant MacDonnell konnte durch einige Veränderungen am EPS unseren Energieoutput dem der Skate fast genau anpassen, auf die vordere Sensorenphalanx müssen wir jedoch noch einige Stunden warten.

„Gibt es was Neues?“, fragte sie Torrente. „Sonst gehe ich jetzt schlafen.“ Sie musste bei dem Gedanken an einen langen, erholsamen Schlaf nach den vergangenen Ereignissen unwillkürlich ein Gähnen unterdrücken.

Torrente sah auf. „Nichts, Commander. Wir hatten in den letzten Stunden zwei Fehlalarme aufgrund von Sensorungenauigkeiten, das war alles. Schlafen Sie gut.“

„Danke, Mr. Torrente“, verabschiedete sich Lemois. Sie wollte gerade den Turbolift betreten, als eine Brückenkonsole warnende Signale von sich gab. Sie machte sofort auf dem Absatz kehrt, sagte aber nichts.

Torrente stand auf, schaute sich aber nicht um. „Haben Sie etwas?“, fragte er Fähnrich Manelides an der Einsatzleitung.

„Die Sensoren empfangen ein schwaches Echo. Richtung 241.122“, antwortete dieser.

„Wieder ein Fehlalarm?“ fragte Lemois.

„Ich glaube nicht“, antwortete Manelides.

Lemois, die sich bereits auf Erholung eingestellt hatte, war plötzlich wieder hellwach. „Ich übernehme, Mr. Torrente. Rufen Sie Terk, Karov und MacDonnell auf die Brücke! Auf den Schirm!“

„Ja, Commander.“ Torrente scheuchte Manelides von der Einsatzleitung weg, der sich daraufhin an Terminal II zur Unterstützung niederließ.

„Vergrößern!“ Das war wieder Lemois, die im Kommandosessel Platz genommen hatte.

Auf einen Tastendruck Torrentes wurde aus dem beinahe unsichtbaren Punkt auf dem Hauptschirm ein klar erkennbares, kleineres Schiff mit dunkelgrauer Außenhaut. Karov und MacDonnell betraten eilfertig die Brücke und lösten ihre Vertreter ab.

„Taktische Analyse!“, war Lemois nächstes Kommando, noch während Karov zu ihrer Station unterwegs war. „Wann sind wir in Traktorstrahlreichweite?“

„Sie sind recht weit von unserer Position ins System eingetreten, wohl um ganz auf Nummer Sicher zu gehen. Im Moment haben sie angehalten. Sie vergewissern sich, ob sie die Sicherheitssysteme ausgeschaltet haben“, berichtete Torrente.

„Wie haben die das bewerkstelligt?“, fragte Lemois überrascht.

„Keine Ahnung. Vielleicht kennen sie die Sicherheitscodes oder sie haben das System geknackt“, spekulierte Torrente. „Ein Beremar-Feld ist es jedenfalls nicht, ich habe das Schiff klar und deutlich auf den Sensoren.“

Auch Terk betrat die Brücke und löste Torrente ab, der sich wie Manelides in Bereitschaft hielt. Lemois bedachte Terk mit einem kritischen Blick, er war wie bereits des Öfteren einige Minuten zu spät gewesen, sie hatte jetzt aber andere Sorgen, als ihn deswegen zurechtzuweisen.

„Was ist mit der taktischen Analyse?“, fragte sie Karov, energischer als zuvor.

„Das Schiff ist ein kleineres Modell, ein modifizierter Klasse 9-Frachter“, antwortete sie. „Er hat zusätzliche Schildgeneratoren und Phaserkanonen, soweit ich das ohne genaue Sensordaten erkennen kann. Sie haben wieder Fahrt aufgenommen und werden in etwa eineinhalb Minuten in unserer Reichweite sein.“

„Okay. Halten Sie den Traktorstrahl in Bereitschaft. Fahren Sie die Transporter ebenfalls hoch, aber so, dass sie es nicht rechtzeitig bemerken können.“

„Ich kümmere mich darum“, bestätigte MacDonnell.

„Haben Sie was von der Reflection bemerkt?“, wollte Lemois wissen.

„Nichts, Commander. Sie verbergen sich erfolgreich“, antwortete Terk.

„Dreißig Sekunden noch“, ließ sich Karov vernehmen. Unbemerkt von den anderen aktivierte sie die Energiezuleitung zur vorderen Phaserbank.

MacDonnell bemerkte diese Aktion auf ihren Anzeigen und stutzte. Sie drehte sich um und wollte Lemois bereits Bericht erstatten, als ihr Karovs Bemerkungen von vor einigen Stunden in den Sinn kamen. Ohne einen Ton von sich gegeben zu haben, wandte sich MacDonnell wieder ihrer Konsole zu.

„Zehn Sekunden.“ Das war wieder Karov. Lemois musste aufstehen vor Anspannung. „Bereithalten!“

Das Schiff auf dem Hauptschirm glitt weiter auf die Kennedy zu und wurde dabei größer und größer.

„Sie verlangsamen ihre Geschwindigkeit“, meldete Terk. „Und Commander, sie senden eine Nachricht auf einer selten benutzten Frequenz.“

Das war für Lemois das Signal zum Handeln. „Traktorstrahl aktivieren! Transporter ebenfalls!“

„Transporter in dreißig Sekunden“, meldete MacDonnell.

„Traktorstrahl in fünf.. vier.. drei..“, zählte Karov.

„Sie wiederholen ihre Nachricht“, sagte Terk.

„Karov!“, rief Lemois ungeduldig

Sie drückte auf den Auslöser. „Fremdes Schiff erfasst“, meldete sie.

„Sie versuchen ein Ausweichmanöver und setzen ihre Waffen unter Energie“, berichtete Terk.

„Transporter in zwanzig Sekunden bereit“, fügte MacDonnell hinzu.

Lemois ballte die Faust. „Hauptreaktor und vordere Deflektoren wieder hochfahren! Schnell! Und öffnen Sie einen Kanal, wenn bereit!“

„Ich kann versuchen, durch den Traktorstrahl wechselnde EM-Impulse zu schicken und ihre Energiesysteme zu überlasten“, schlug Karov vor.

„Machen Sie das! Wo bleiben die Schilde?“, rief Lemois, unter wachsender Anspannung geriet. Vielleicht hätte sie doch nicht auf einen vertretenden Ersten Offizier verzichten sollen...

„Nicht so schnell!“, verteidigte sich MacDonnell hektisch. „Der Warpkern ist völlig kalt und ich brauche die Notenergie für die Transporter. Zehn Sekunden.“

„Torrente, beamen Sie jeden sofort in die Arrestzelle, sobald Sie ihn erfassen können“, wies Lemois an. „Karov!“

„Ich kann ihre Frequenz nicht...“ Karov wurde unsanft unterbrochen, als die Kennedy unter einem Phaserstoß erzitterte.

„Verdammt“, zischte Lemois. „Schadensbericht!“

„Der Transporter ist ausgefallen!“, meldete MacDonnell. „Feuer auf Decks 6 und 7. Schadenskontrollteams sind unterwegs.“

„Weitere Schadensmeldungen kommen gerade herein“, fügte Terk hinzu.

„Ich verliere den Traktorstrahl“, schloss Karov hilflos.

Wütend hieb Lemois mit der Faust auf die Sessellehne. „Zustand der taktischen Systeme?“ fragte sie.

„Schilde nicht funktionsfähig, vorderer Phaser feuerbereit.“ Karov war selbst überrascht, diese Meldung machen zu können, dabei hatte sie den Phaser vorhin selber unter Energie gesetzt.

„Worauf warten Sie noch? Feuer! Zielen Sie auf ihren Hauptreaktor!“, rief Lemois.

Karov gab schnell die Koordinaten ein und feuerte den Phaser ab. Nach dem Phaserschuss begann die ohnehin bereits reduzierte Brückenbeleuchtung zu flackern.

Lemois drehte sich zu MacDonnell um. „Die Energieverteiler sind überlastet und die Notenergie geht zur Neige. Der Hauptreaktor liefert in zwei Minuten wieder Energie“, versicherte MacDonnell.

„Bericht, Karov?“

„Volltreffer! Sie haben Energieschwankungen auf dem gesamten Schiff und sie drehen ab, Commander.“

„So leicht nicht! Erfassen Sie sie wieder mit dem Traktorstrahl! Und sagen Sie mir nicht, der funktioniert nicht!“

„Ja, Commander“, bestätigte Karov unwillkürlich, obwohl auf ihren Anzeigen ganz klar zu lesen war, dass der Traktorstrahl im Moment eben nicht funktionierte. Auf gut Glück nahm sie einige Änderungen vor und aktivierte den Strahl. Zu ihrer eigenen Verwunderung konnte sie melden. „Wir halten Sie fest.“

Lemois atmete kurz durch. „Einen Kanal öffnen, Mr. Terk.“

„Sie können sprechen!“ Terk verschwieg, dass sie eine entsprechende Anweisung bereits vor kurzer Zeit erteilt hatte und er seitdem wartete.

„Achtung! Hier spricht Commander Veronique Lemois vom Föderationsraumschiff Kennedy. Stellen sie ihr Feuer ein und ergeben sie sich! Sie haben keine Chance!“

Nachdem sie geendet hatte, flammte auch die Deckenbeleuchtung wieder auf. „Der Hauptreaktor liefert wieder Energie.“

„Danke, MacDonnell. Was ist mit dem Schiff?“, fragte Lemois.

„Sie erhöhen ihre Antriebsenergie und versuchen, auszubrechen“, antwortete Terk.

„Wird der Traktorstrahl halten?“

Anstatt Lemois eine Antwort zu geben, drehte sich Karov zu MacDonnell um, die ihrerseits beruhigend nickte. Erst dann nickte auch sie. „Ja, Commander.“

„Eine Reaktion auf unsere Nachricht?“

„Keine“, antwortete Terk.

„Öffnen Sie einen neuen Kanal.“

Terk nickte, Lemois begann. „Hier spricht nochmals Commander Lemois von der Kennedy. Ich fordere Sie hiermit unverzüglich auf, ihren Antrieb abzustellen oder wir werden das Feuer eröffnen! Das war die letzte Warnung!“

Nun nickte Lemois und Terk schloss die Sprechverbindung wieder. „Karov, verpassen Sie ihnen Warnschüsse vor den Bug. Phaser Feuer!“

Karov tat wie geheißen. Mehrere ungezielte Phaserschüsse zischten in kurzen, unregelmäßigen Abständen bedrohlich knapp am anderen Schiff vorbei. Obwohl der Hauptreaktor wieder Energie lieferte, flackerte doch wieder für einen kurzen Moment das Deckenlicht und die Beleuchtung der Bedienelemente an den Konsolen, was MacDonnell einen weiteren bösen Blick von Lemois einbrachte.

„Sie deaktivieren ihren Antrieb“, meldete Terk endlich. „Wir erhalten ein Signal.“

„Keine Sekunde zu früh“, flüsterte Karov erleichtert für sich selbst.

Lemois atmete auf. „Okay. Was macht der Transporter?“

„Ist bald wieder einsatzbereit“, versicherte MacDonnell.

„Dann auf den Schirm, Mr. Terk.“

Ein Abbild einer Brücke in kaltem, grauem Design erschien auf dem Hauptschirm. Ein Yridianer trat vor. „Ich bin Tarn Droth, Kommandant des Schiffes Klarc. Sie haben gewonnen. Unser Antrieb ist aus“, knurrte er. „Stellen Sie ihr Feuer ein!“

„Ich danke Ihnen, Mr. Droth.“ Lemois zeigte sich überaus freundlich. „Halten Sie ihre Position bis auf weiteres!“

„Droth Ende“, war die einzige Antwort.

Lemois atmete ein, zwei Sekunden ruhig durch, dann fragte sie Karov: „Sagen Sie mir eins: Weshalb war der Phaser vorhin so prompt einsatzbereit?“

Karov blickte Lemois mit großen Augen ratlos an und zuckte mit den Schultern.

Lemois wollte auf einer genaueren Antwort bestehen, als ein detaillierter Schadensbericht eintraf und ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.


„Sie sind doch schon seit geschlagenen fünf Stunden hier drin. Was hoffen Sie eigentlich zu finden?“, hörte Ngadatatu, der gerade unter einer Konsole im Kontrollzentrum der Station AL4 lag und in deren Innereien wühlte, plötzlich eine teils mürrisch, teils vorwurfsvoll klingende Stimme.

Ngatadatu robbte ein aus seiner Position wieder ans Tageslicht, um zu sehen, wer da mit ihm spräche. Als er Commander Moravcik erblickte, der an einer Computerkonsole am Eingang lehnte, richtete er sich auf. „Commander“, grüßte er. „Ich suche hier im Auftrag von Commander Spencer nach Hinweisen auf Sabotage.“ Die seltsame Abweichung zwischen den Anzeigen im Kontrollraum und den tatsächlichen Flugdaten der Skate, wegen denen er eigentlich hier war, erwähnte er mit Absicht nicht.

„Kann das nicht ein Ingenieurteam aus meiner Crew tun? Schließlich ist das immer noch unsere Station und nicht ihre“, stellte Moravcik verschnupft fest.

Ngatadatu wurde plötzlich unsicher. „Entschuldigung... Ich dachte, Commander Spencer hätte das mit Ihnen geklärt...“

„Das hat er. Aber ich konnte ja nicht ahnen, dass das so eine Aktion werden würde.“ Moravciks Laune hatte sich nicht gebessert. „Kann ich ihnen Hilfe anbieten, Mr. Ngatadatu?“

Er überlegte. „Danke, Commander. Ich komme schon zurecht.“

„Also gut.“ Moravcik wandte sich unwillig um, um den Raum wieder zu verlassen.

„Ich bringe auch alles wieder in den Zustand, in dem es vorher war“, fügte Ngatadatu hinzu.

Er zuckte ratlos die Schultern, als Moravcik den Raum verließ, ohne weiter auf seine Bemerkung einzugehen, kroch wieder unter die Konsole und fuhr mit seiner Diagnosearbeit fort.


„Sind die Sensoren endlich wieder betriebsbereit? Ich wünsche eine vollständige Abtastung der Klarc! Und signalisieren Sie der Reflection, sie möchte sich herbemühen“, verteilte Lemois ihre Anweisungen auf der Brücke der Kennedy.

Terk nickte bestätigend. „Die Reflection ist unterwegs. Captain McNab beglückwünscht uns zu unserem Erfolg.“

„Okay. Was macht der Scan?“, fragte Lemois.

„Sofort, Commander“, beeilte sich Terk zu bestätigen. „Wie Lieutenant Karov bereits vermutet hatte, handelt es sich um ein modifiziertes Klasse 9-Frachtschiff mit erhöhter Phaser- und Deflektorenleistung. Im Moment sind die Waffen und Schilde sowie der Antrieb deaktiviert. Ich scanne sieben Personen an Bord, vier Menschen, zwei Yridianer und einen Dekonianer.“

„Was ist mit unseren Transportern?“, fragte Lemois weiter.

„Das wird so bald nichts“, antwortete MacDonnell mit einem Ausdruck des Bedauerns in der Stimme. „Die primären Energiezuführungsspulen sind durch Überlastung stark beschädigt worden, auch die Emitterphalanxen wurden in Mitleidenschaft gezogen.“

„Und wann schätzen Sie, können wir die Transporter wieder benutzen?“

„Geben Sie mir zwei Stunden“, bat MacDonnell. „Ich bitte um Erlaubnis, die Brücke verlassen zu dürfen.“

„Gewährt“, stimmte Lemois zu. „Dann muss die Reflection beamen“, murmelte sie. „Entfernung?“

„Zweieinhalb Minuten“, antwortete Terk.

„Einen Kanal öffnen!“

„Kanal offen.“

„Commander Lemois ruft Captain McNab! Reflection, bitte kommen.“

Auf dem Hauptschirm erschien wieder die Brücke der Reflection, dieses Mal jedoch in normaler Beleuchtung und mit voller Besetzung.

„Ah, Commander. Ich sehe, Sie haben die Situation im Griff?“

„Um ehrlich zu sein, Captain, nicht ganz. Unsere Transporter sind ausgefallen. Wenn Sie freundlicherweise für den Transport der Besatzung der Klarc sorgen würden...“

„Kein Problem.“ McNab gab seiner Crew einen Wink. „Schließlich würden sie sowieso bei uns enden“, lachte er. „Können wir Ihnen sonst behilflich sein?“

„Nein, sonst haben wir, wie Sie gerade sagten, alles im Griff.“ Lemois lächelte andeutungsweise.

McNab drehte seinen Kopf abrupt nach rechts, so als hörte er jemandem zu. „Ich höre gerade, wir sind in Transporterreichweite gekommen. Wir beamen die Leute zu uns an Bord.“ Eine kleine Pause entstand, dann fuhr McNab fort. „Sieben Personen sind in unserer Arrestzelle materialisiert. So wie es aussieht, ist die Mission Ralph Leyton damit erfolgreich abgeschlossen.“

„Dann verabschieden wir uns, Captain. Es war eine wirklich angenehme Zusammenarbeit. Ich wünsche Ihnen noch einen guten Flug und viel Erfolg beim Verhör.“

„Danke, Commander Lemois. Ich danke auch für die gute Zusammenarbeit. Ich werde Sie natürlich auf dem Laufenden halten. Und vielleicht trifft man sich ja mal wieder.“ McNab grinste breit. „Im Weltraum...“

„Vielleicht“, antwortete Lemois mit einem unbestimmten Gesichtsausdruck. „Kennedy Ende!“

MacDonnell kam auf die Brücke. „Der Warpantrieb ist wieder einsatzbereit, Commander.“

„Ein gutes Timing“, lobte Lemois. Sie fragte sich, warum MacDonnell dafür extra auf die Brücke kommen musste, sagte aber nichts.

„Fähnrich, wir verlassen das System. Setzen Sie wieder Kurs auf Alpha Lalande, Warp 5. Beschleunigen!“, ordnete sie an.

„Aye, Commander“, bestätigte Thalvan.

Das Schiff beschleunigte. Lemois war erfreut, da die Mission trotz aller widrigen Umstände schlussendlich erfolgreich verlaufen war. Sie erinnerte sich daran, dass Spencer sie auf AL4 dringend erwartete und verkündete eine Entscheidung, zu der sie sich in den letzten Minuten durchgerungen hatte. „Miss Karov: Das war gute Arbeit vorhin. Die geplanten Manöver für den Rückflug sind hiermit abgesagt.“

„Danke, Commander.“ Karov war zutiefst erleichtert, dass vorhin alles zu ihrer und vor allem zu Lemois‘ Zufriedenheit geklappt hatte.

18

Spencer, Hwang, Hellmann und Jara saßen am Tisch in der Offiziersmesse der Station und nahmen ihr Abendessen ein. Hwang und Hellmann berichteten, dass ihre ersten Versuche, den Unfall nachzustellen, nicht gerade ermutigend verlaufen waren und Berger sich weiter um eine Feinanpassung der Simulation bemühte.

„Und was haben Ihre Recherchen ergeben?“, fragte Hwang interessiert, als sie bemerkte, dass Spencer das ganze Gespräch über abwesend wirkte und gleichgültig sein Essen mit dem Besteck bearbeitete.

„Eigentlich nicht viel“, antwortete er mechanisch. „Jules Rogers auf Sternenbasis 43 hat mir Informationen über Moravcik besorgt und David Tennenbaum auf Antares wusste nur über Subraum-News von dem Vorfall. Er bedauert den Verlust seines Schachpartners Tinoc.“ Spencer erschrak selber wegen der ungewollt sarkastisch geratenen Äußerung, er schob es auf den Stress der letzten Tagen kombiniert mit Kaffee zu später Stunde.

„Moment.“ Fähnrich Jara, die die ganze Zeit geschwiegen hatte, zog ihre Stirn in Falten. „Im Shuttle heute, während der Abtastung des Systems, hatte ich genug Zeit, mir die Subraum-News anzuschauen. In ihrem ganzen Bericht haben sie nichts von Hernandez oder Tinoc erwähnt. Nur Sie wurden genannt, Captain, und Martin.“

„Na und? Vielleicht haben Sie einen anderen Bericht gesehen als Tennenbaum auf Antares“, spekulierte Spencer halbherzig zwischen zwei Schlucken Kaffee.

„Und wenn nicht?“, fragte Hwang scharf. „Gerade auf Antares, da wo Martin herkommt, sollte man doch erwarten, dass da die Hölle los ist, nach solch einem Vorfall. Die sollten es doch als erstes wissen. Vielleicht ist da mehr im Busch?“

„Interessanter Gedanke... Dann werde ich dem mal auf den Grund gehen“, beschloss Spencer, immer noch mit einer recht großen Portion Desinteresse in der Stimme. Er trank seinen Kaffee leer und verließ kommentarlos die Offiziersmesse.


Lemois saß zurückgelehnt und entspannt in ihrem Quartier und sah nachdenklich und auch verträumt aus dem Fenster. Im Hintergrund ertönten leise Klänge eines alten, bajoranischen Musikers, neben ihr stand ein Glas schillernden Gromaire-Saftes, zu drei Vierteln gefüllt. Meine ersten Tage als allein verantwortlicher Offizier an Bord habe ich mir immer anders vorgestellt, reflektierte sie.

Wie es jetzt wohl Spencer auf AL4 ergehen mochte? Hwang, DeFalco, Hellmann, Berger, Müller, Jara und Walker stammten alle noch aus der Crew von Spencers letztem Schiff, der Cousteau, und gingen dementsprechend locker und vertraut miteinander um, wenn sie gerade nicht im Dienst waren oder sogar selbst dann.

Bis auf M'Boya kannten sich dagegen alle verbliebenen höheren Offiziere an Bord der Kennedy dagegen erst seit Indienststellung des Schiffes, seit etwa zwei Monaten also, Lemois selbst eingeschlossen. Die relativ enge Bindung der Cousteau-Offiziere untereinander hatte in Lemois Augen einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die bisher eher zögerliche Bildung eines Gemeinschaftsgefühls unter den Führungsoffizieren gehabt. In den letzten Tage jedoch hatten sich Karov, MacDonnell, Torrente und die anderen wesentlich offener den anderen gegenüber gezeigt, eine Entwicklung, die Lemois sehr positiv bewertete. Auch sonst war alles zu ihrer Zufriedenheit verlaufen, es hatte ihr sogar manchmal Spaß gemacht, das Kommando zu führen. Trotzdem fehlte ihr etwas, sie konnte es bisher aber nicht in Worte fassen. Nachdenklich ließ sie ihre Träume aus ihrer Jugend vor ihrem geistigen Auge vorbeiziehen, wie sie es sich immer vorgestellt hatte, einmal ein Schiff im tiefen Weltraum zu kommandieren und verglich diese Träume ernüchtert mit der Realität der letzten Tage. Sie war sich immer sicher gewesen, dass sie alles anders und vor allem besser machen würde und jetzt musste sie feststellen, dass sie um keinen Deut anders handelte als die anderen auch. Nachdenklich überlegte sie, wie sie dem abhelfen und ihre innovativen Ideen, die sie im Laufe ihrer bisherigen Offizierslaufbahn gesammelt hatte, effizienzsteigernd in die Praxis umsetzen könnte...


Spencer war in seinem Quartier angekommen und setzte sich gleich an das Computerterminal.

„Computer. Wo ist die nächstgelegene Subraum-News-Niederlassung?“

„Die nächste Subraum-News-Zentrale befindet sich auf Alcarax IX“, antwortete der Computer.

„Computer, öffne einen Kanal nach Alcarax IX, Subraum-News-Zentrale.“

„Bitte warten“, antwortete der Computer. Nach einigen Sekunden erschien das Bild einer jungen hahlianischen Frau auf seinem Bildschirm. „Subraum-News, Alcarax IX, Shiana Garul. Was kann ich für Sie tun?“, begrüßte die Frau Spencer in geschäftsmäßigem Ton.

„Ich bin Commander Robert A. Spencer, im Moment auf Alpha Lalande IV. Folgendes.“ Spencer machte eine kurze Pause, in der er überlegte, wie er formulieren sollte. „Es geht um den Inhalt ihrer Nachricht über den Unfall der Skate auf der Station AL4.“

„Haben Sie eine Beschwerde?“, fragte Garul.

Spencer schüttelte den Kopf. „Nein. Ich brauche den genauen Inhalt der Sendung vor“ - er rechnete zurück - „achtzehn Stunden etwa. Inklusive aller Informationen, die sie zu diesem Zeitpunkt hatten.“

„Ich verbinde Sie weiter“, kündigte Garul an. Zwei Sekunden später wurde ihr Bild durch das Bild einer älteren, menschlichen Frau ersetzt. „Aylin Morrison, Redaktion Subspace-News. Was wünschen Sie... Commander?“ Offensichtlich konnte sie Rangabzeichen der Sternenflotte lesen, so stellte Spencer fest.

„Es geht um ihren Bericht über den Unfall der U.S.S. Skate auf der Testbasis AL4, genauer gesagt, um den Bericht vor etwa achtzehn Stunden sowie ihren Wissensstand zu dieser Zeit.“

Morrison blickte Spencer überrascht an, nahm einige Eingaben an ihrem Computer vor und sagte dann. „Was möchten Sie wissen?“

„Wie hießen die beiden ums Leben gekommenen Personen?“

„Tinoc, ein Bolianer und Hernandez, ein Terraner“, antwortete Morrison.

„Wussten Sie das schon vor achtzehn Stunden oder hatten sie einen Namen in ihrem Bericht genannt?“

„Einen Moment bitte.“ Morrison machte sich an ihrem Computer zu schaffen, dann antwortete sie. „Wir kannten die Namen, sprachen aber in unserem Bericht nur von ‚zwei Ingenieuren‘, die ‚beim Unfall umgekommen waren‘. Namen haben wir bisher keine veröffentlicht, abgesehen vom Projektleiter, Dr. Raymond Martin und dem Sternenflottenattaché, Commander Robert Spencer.“ Morrison brauchte ein, zwei Sekunden. „Robert Spencer? Sind Sie das? Warum erkundigen Sie sich nach den Informationen, wenn Sie doch vor Ort sind?“ Morrisons journalistischer Instinkt witterte eine mögliche Story, denn ungewöhnlich mutete ihr das Gespräch mit Spencer durchaus an.

„Es ging nur um einen Recherchepunkt. Ich danke Ihnen für Ihre Auskünfte, Spencer Ende.“ Er wusste alles, was er wissen wollte und ihm ging es nicht um gute Beziehungen zur Presse. Deshalb trennte er die Verbindung, noch bevor er Gefahr lief, etwaige Internas in einem Gespräch unabsichtlich auszuplaudern.

Die Sachlage war für ihn damit klar, Hwang hatte richtig spekuliert. Tennenbaum hatte den Namen Tinoc in seinem Gespräch erwähnt und dabei vorgegeben, vom Unfall nur über Subraum-News zu wissen. Da der Name ‚Tinoc‘ aber von den Subraum-News noch nicht veröffentlicht worden war, musste er noch weitere, detailliertere Informationsquellen haben.

Spencer wusste auch schon, auf welche Weise er herausfinden würde, welche das wären. Er begann, eine Subraumnachricht zu verfassen, in der alle wichtigen Informationen kurz, aber prägnant verfügbar waren und adressierte die Nachricht an die Utopia-Planitia-Werften, genauer gesagt, an Commander Ina Karaplidis persönlich.


„Zustand des TDF?“, fragte Hwang.

Hellmann las die simulierte Anzeige ab. „Stabil.“

„Und entsprechend den Parametern, wie sie für die Skate zu erwarten gewesen wären“, fügte Berger hinzu. Hwang, Hellmann und Berger besetzten weiterhin den Simulatorraum und versuchten, den Vorfall auf der Skate nachzustellen. Hwang saß am Steuerpult, Hellmann besetzte die Wissenschaftsstation und überwachte die (simulierten) Schiffssysteme, während sich Berger um die Datenaufzeichung kümmerte.

„Dann fliege ich jetzt die Kurve“, bestimmte Hwang. „Radius 7.500 km, halbe Impulskraft. Drei.. zwei.. eins.. jetzt.“

Auf dem (simulierten) Hauptschirm flirrten die Sterne, während der Computer ein Außenbild generierte, das Hwangs Kurs und Geschwindigkeit in etwa entsprach.

„Die Kurve ist beendet, wir leben noch“, schmunzelte sie.

„Keine Probleme, trotz der eingestellten geringen Reaktionszeit“, vermeldete Hellmann. „Das ist der Beweis, ohne den falschen Kurvenradius hätte alles problemlos funktioniert.“

„Ein Beweis ist das nicht, höchstens ein Hinweis“, warf Berger ein. „Damit die Kommission ihn annimmt, müssen wir diese Simulation einige Male mit identischem Ergebnis wiederholen.“

„Stimmt. Und wenn wir wüssten, warum der Antrieb in Wirklichkeit einen Radius von 6.900 Kilometern fliegt, wenn man 7.500 eingibt, würde uns das auch sehr weiterhelfen“, murmelte Hellmann.

„Ich habe die Daten dieser Simulation mit unseren aufgezeichneten Daten verglichen. Sie entsprechen jetzt eher den Daten, so wie sie laut Martins Berechnungen zu erwarten gewesen wären“, fügte Berger hinzu.

„Und so langsam reagiert die Simulation auch so wie man es von einem Schiff der Soyuz-Klasse erwarten würde“, stellte Hellmann nach kurzer Analyse fest. „Martins Berechnungen waren dann doch nicht so falsch, die Skate war nur falsch.“

„Ich kann dazu leider nichts sagen. Ich kann leider nicht spüren, wie das simulierte Schiff hier reagiert“, meinte Hwang.

„Ja, ja. Die aktiven Feedbackgeneratoren im Boden, in den Stühlen und den Konsolen sind nicht angeschlossen. Wenn wir mehr Zeit hätten... könnten wir das tun“, entschuldigte sich Hellmann. „Konzentrieren wir uns lieber auf das Wichtige, fahren wir mit der Testreihe fort.“

„Einverstanden“, stimmte Hwang zu. „Das nächste wäre... jetzt schon?“, unterbrach sie sich.

„Was denn?“ fragte Hellmann.

Hwang sprach leise. „Mein letzter Flug... die gleichen Daten. Halbe Impulskraft, 7.100 km Kurvenradius mit wieder erhöhter Reaktionszeit.“

„Alles in Ordnung?“, fragte Hellmann besorgt.

„Ich denke schon.“ Sie machte einige Sekunden Pause und nahm sich zusammen. „Es kann weitergehen.“

„Dann los. Alles auf Anfang, Startposition programmieren“, sagte Hellmann.

„Datenaufzeichnung bereit. Alles auf Null“, beeilte sich Berger zu sagen.

„Ich setze wieder unseren Ausgangspunkt... ich hoffe, da gewöhne ich mich nicht allzu sehr dran“, murmelte Hwang.

„Woran?“, wollte Hellmann wissen.

„Na daran, dass ich einfach den Ausgangspunkt eingeben kann. Normalerweise muss ich dorthin fliegen...“

Hellmann lächelte. „Ich wäre soweit.“

„Ich starte die Triebwerke... Geschwindigkeit steigt... jetzt bei ¼ Impuls. Ich fliege die Kurve.“

„TDF scheint stabil zu sein... nein, da sind leichte Fluktuationen“, vermeldete Hellmann. „Entsprechen ungefähr den Schwankungen, die uns in der Zentrale aufgefallen waren.“

„Geschwindigkeit jetzt bei halber Impulskraft“, kommentierte Hwang weiter. „Ich leite den Kurswechsel... jetzt ein.“

„TDF zeigt einige Leistungsspitzen, aber keine Schäden.“

„Das war's dann. Absolutgeschwindigkeit Null, Manöver beendet.“ Hwang stoppte das simulierte Schiff.

„Gut.“ Berger klang zufrieden. „Obwohl die Genauigkeit der Daten doch ziemlich zu wünschen übrig lässt.“

Hellmann besah daraufhin ebenfalls die Anzeigen. „Stimmt, damit können wir bei Moravcik nicht viel werden.“

„Und jetzt spielst du Dr. Martin und verkürzt die Reaktionszeit, richtig?“, fragte Hwang scherzhaft.

„Genau“, bestätigte Hellmann schwungvoll. „Neue Reaktionszeit 290 ms, Kurvenradius 6.900 Kilometer, Geschwindigkeit halbe Impulskraft. Wie die erhöhte Geschwindigkeit Scotts in die Daten der Zentrale kommt, möchte ich auch gerne mal wissen“, schloss er, jetzt jedoch mehr ratlos als schwungvoll.

Sie setzten die Simulation wieder auf die Ausgangsparameter zurück, dann startete Hwang wieder die simulierten Triebwerke und flog die Kurve.

„Das TDF zeigt erste Anzeichen einer Überlastung...“, begann Hellmann und brach dann ab. „Moment. Hier stimmt etwas nicht.“

„Schiffstechnisch oder simulationstechnisch?“, wollte Berger wissen.

„Ich glaube, eher simulationstechnisch. Diese Anzeigen lügen“, stellte er fest. Berger stoppte die Datenaufzeichnung und begab sich zu Hellmanns Konsole. „Stimmt. Da wartet noch einiges an Arbeit auf uns“, stellte Berger nach einem Blick auf die Anzeigen fest.

„Und heute Abend ist der Untersuchungsbericht fällig“, fügte Hwang warnend hinzu.

19

Die Crew der Kennedy und das Projektteam von Dr. Martin waren pünktlich um 10:00 des folgenden Tages im Konferenzraum der Basis versammelt, der für diesen Anlass umgebaut worden war. Anstatt des langen Tisches in der Mitte gab es nun vier einzelne Tische, einer vor Kopf am großen Wandmonitor, einen in der Mitte sowie zwei längs im Raum, jeweils einen Meter links und rechts von den beiden anderen Tischen entfernt. Am linken Tisch saßen Dr. Martin, Moreno und Fisher, einer von Martins Ingenieuren, den rechten besetzten Spencer, Hwang und DeFalco mit erwartungsvollen Mienen. Der mittlere und der vor Kopf waren leer.

Nach kurzer Zeit betrat Commander Moravcik mit zwei weiteren Offizieren im Gefolge den Raum, worauf die sechs Anwesenden sich erhoben. Moravcik und seine beiden Offiziere, darunter ein Andorianer, traten zu dem Tisch vor Kopf.

„Ich berufe hiermit eine Untersuchungskommission bezüglich des Unfalls auf der U.S.S. Skate ein, Sternzeit 21791.4 unter dem Vorsitz von Commander Dimitri Moravcik. Als Beisitzende nehmen teil Lieutenant Commander Delish Morya und Lieutenant Ian Sanders. Ich sehe, Sie sind vollständig angetreten, bitte setzen Sie sich.“ Moravcik war nicht allzu begeistert von seiner Aufgabe als Leiter dieser Veranstaltung, das war seinem Tonfall deutlich anzumerken.

„Nach der Lektüre ihrer Untersuchungsberichte kann ich zusammenfassend sagen, dass über die Unfallursache einhelliger Konsens besteht“, fuhr Moravcik fort. „Der direkte Grund für den Unfall war das Versagen des TDF-Moduls für die Segmente 15-17 aufgrund von Überlastung. Davon war auch die Brücke betroffen. Das war allerdings das Ende der Gemeinsamkeiten in ihren Berichten.“ Moravcik machte eine kurze Pause. „Commander Spencer, diese Untersuchungskommission war Ihre Idee. Beginnen Sie.“

Spencer blickte Moravcik für einen kurzen Moment perplex an, dann riss er sich zusammen und begann. „Ich danke Ihnen“, log er, fuhr aber wahrheitsgemäß fort. „Unsere Untersuchungen sind zwar noch nicht abgeschlossen, wir können die genaue Unfallursache jedoch eingrenzen. Doch bevor wir zum eigentlichen Kern der Sache kommen, möchte ich noch einige Bemerkungen vorausschicken. Ich rufe Lieutenant Hwang auf.“ Nach einem kurzen, freundlichen und beruhigenden Nicken Spencers stand Hwang auf und ging langsam zu dem Tisch in der Mitte.

Währenddessen stürmte Hellmann mit einem PZAG in der Hand eilig in den Raum, murmelte ein aufgeregtes „Entschuldigung!“ in die Richtung Moravciks und setzte sich auf den einen freien Stuhl neben DeFalco.

„Commander Moravcik, ich sehe, dass Commander Spencer jetzt mit vier Personen hier vertreten ist. Ich würde Sie darum bitten, diese Zahl wieder auf drei zu reduzieren, damit das personelle Gleichgewicht zwischen uns gewahrt bleibt“, protestierte Martin im Brustton der Überzeugung.

Moravcik sah Martin verständnislos an. „Ich werde keinerlei Einschränkungen bezüglich der Stärke der hier anwesenden Gruppen vorsehen.“

Martin zeigte einen zerknirschten Gesichtsausdruck, sagte aber nichts weiter.

Moravcik wandte sich nun wieder an Hwang, die sich inzwischen gesetzt hatte. „Um die Formalitäten abzukürzen nennen Sie bitte nur kurz Name, Rang, Position und Dienstnummer für das Protokoll.“

„Hwang, Kim. Lieutenant. Flugoffizier U.S.S. Kennedy. Dienstnummer 3144205-06.“

„Beginnen Sie.“

Hwang begann laut, langsam und vernehmlich: „Meine Untersuchungen zeichnen ein gemischtes Bild über das neue TDF-System. Die grundsätzliche Idee klingt nicht schlecht, allerdings wurde in der Fachpresse das neue System nicht sehr positiv aufgenommen. Doktor Martins Publikationen wurden gerade zu Projektbeginn heftig diskutiert.“

„Was heißt das? Nur ‚diskutiert‘ oder auch ‚kritisiert‘?“, fragte Moravcik genauer nach.

„Beides. Ich konnte in der kurzen Zeit keinen ausführlichen Blick auf Dr. Martins Publikationen werfen, konnte aber feststellen, dass seine Theorien nicht gerade unumstritten sind. Der Umfang der Kommentare und Anmerkungen anderer Wissenschaftler haben den Umfang von Martins ursprünglichem Text oft deutlich übertroffen.“

Martin reagierte mit einer abweisenden Geste. „Das ist doch Schnee von gestern. Nicht mehr aktuell. Und außerdem, was hat das mit dem Unfall der Skate zu tun?“

„Da ist noch ein weiterer Punkt im Bezug auf die Vorbereitungen für diesen Test“, fuhr Hwang fort, immer noch an Moravciks Adresse gerichtet. „Wie Sie wissen, gehört unser Testschiff, die Skate, zur Soyuz-Klasse. Dr. Martin hat allerdings seine Projektvorbereitungen auf ein Schiff der Miranda-Klasse abgestimmt. Auch die Testflüge sollten zuerst mit einer Miranda durchgeführt werden, das Überschussdepot auf Qualor II konnte das Schiff allerdings nicht rechtzeitig bereitstellen.“

„Worauf wollen Sie hinaus, Lieutenant?“, fragte Moravcik.

„Eine Soyuz-Klasse ist einer Miranda zwar ähnlich, aber nicht identisch. Das heißt, ein System für eine Miranda wird ohne Veränderungen nicht in einer Soyuz funktionieren. Hier sieht es nicht so aus, dass eine derartige Anpassung, abgesehen von der Installation mehrerer ODN/Duotronic-Konverter, vorgenommen wurde.“

„Das heißt?“, fragte Moravcik.

„Die Soyuz-Klasse benutzte noch das veraltete duotronische Computersystem, während die heutigen Schiffe mit einem optischen Datennetzwerk und isolinearen Chips ausgerüstet sind.“

Moravcik hatte den letzten Sätzen Hwangs interessiert zugehört und bedachte den neben ihm sitzenden Morya mit einem Blick. Dieser begann daraufhin, leise an der in sein Pult eingelassenen Konsole zu arbeiten. Ein knappes Nicken Moravciks bedeutete Hwang, ihren Faden wiederaufzunehmen.

„Wenn Sie erlauben, Sir, würde ich zum Abschluss noch meine persönlichen Eindrücke, die übrigens Johnny... Lieutenant Scott größtenteils mit mir teilte, darlegen: Das Schiff fühlte sich bei den Manövern nie so ‚richtig‘ an. Wir dachten allerdings immer, dass das daran liegt, dass wir nur ‚normal‘ reagierende Schiffe ohne experimentelles TDF geflogen sind.“

„Können Sie das präzisieren?“, fragte Moravcik interessiert weiter nach.

Hwang überlegte. „Ich würde sagen, die Skate war immer sehr weich in ihren Reaktionen. Für einen Piloten zu weich, es war schwierig, das Schiff zu erfühlen. Was ich sagen will, selbst wenn dieses TDF-System jemals im praktischen Einsatz sein sollte, könnte es der Pilot aufgrund von fehlendem Vertrauen kaum ausnutzen.“

„Ihre Kommentare, Doktor Martin?“

„Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, Commander, muss ich eines klarstellen“, begann Martin bedächtig. „Sicherlich waren meine Theorien anfangs recht umstritten. Das ist nunmal üblich, wenn revolutionär neue Theorien aufgestellt werden. Hätten Sie sich die Kommentare der letzten Zeit aufmerksam durchgelesen, hätten sie festgestellt, dass meine Ideen inzwischen von der überwiegenden Mehrzahl meiner Kollegen anerkannt worden sind.“

Spencer sah Hwang an, die hilflos mit den Schultern zuckte. Offensichtlich hatte die Zeit nicht ausgereicht, sich intensiver mit den Texten Martins zu befassen, die Simulationen erschienen wichtiger.

Martin fuhr fort. „Und dass die Skate anders reagiert, als die Schiffe, die sie gewohnt sind, ist doch wohl klar. Sie sind gerade zweieinhalb Tage mit dem neuen Schiff geflogen, da kann man nicht erwarten, dass sie die Grenzen sofort perfekt ausloten können.“

Moravcik nahm einige Eingaben in sein PZAG vor. „War es das?“, fragte er Spencer.

„Bei weitem nicht.“ Spencer blickte DeFalco an. „Ich rufe Lieutenant DeFalco auf.“

„Nja“, murmelte DeFalco, der daraufhin den Platz von Hwang einnahm.

„DeFalco, Gerald Elvis, Lieutenant. Chefingenieur U.S.S. Kennedy. Dienstnummer 2835021-01“, sagte er ungefragt, nachdem er Platz genommen hatte.

Moravcik gab ihm ein Zeichen, zu beginnen.

Er holte tief Luft und bereitete sich dabei darauf vor, weit auszuholen. „Der direkte Grund für den Unfall war, wie Sie richtig gesagt haben, das Versagen des TDF-Moduls für die Segmente 15-17 aufgrund von Überlastung. Normalerweise gibt es ein beziehungsweise mehrere Notsysteme, die in einem solchen Falle einspringen würden, das haben sie aber hier nicht getan.“

„Warum?“, fragte Moravcik. Martin sah überrascht drein.

„Bei dem neuen TDF-System sind die Generatoren zum Teil an anderen Positionen angeordnet sind und tragen deswegen auch andere, interne Kennziffern. Der Hauptcomputer war aber noch darauf programmiert, nur den Zustand der ‚alten‘ TDF-Generatoren abzufragen. Da jetzt aber einer dieser ‚neuen‘ Generatoren ausgefallen war, hat der Hauptcomputer kein Notsystem aktiviert.“

„Ein Übersehen beim Umbau also?“, fragte Moravcik.

„Übersehen? Allerdings. Ein Übersehen vom nun leider umgekommenen Ingenieur Tinoc aus Dr. Martins Team“, stimmte DeFalco zu. „Absichtliche Manipulationen auf der Skate selbst sowie vom Kontrollraum hier können mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Bleibt nur die Frage, warum der Generator überhaupt ausgefallen ist, das heißt überlastet wurde. Ein Materialfehler im Generator selber scheidet nach unseren Untersuchungen aus.“

„Haben Sie den Generator eingehend untersucht?“, unterbrach Martin.

„Das haben wir. Den defekten Generator und den Flugschreiber der Skate“, antwortete DeFalco. Er betonte die drei letzten Worte geradezu genüsslich in der Erwartung, die Bombe platzen zu lassen.

„Den Flugschreiber?“, fragte Martin kühl. „Ich kann Sie beruhigen. Wir wissen, dass, obwohl die Anzeigen auf der Skate und auf der Station in beiden Fällen 7.500 Kilometer zeigten, laut Flugschreiber Lieutenant Hwang bei ihrem letzten Flug einen Kurvenradius von 7.100 Kilometern geflogen war und Lieutenant Scotts letzte Kurve um weitere 200 Kilometer enger war.“

Bei den letzten, nicht unabsichtlich sehr kühl dargebotenen Worten Martins starrte Hwang ihn mit großen, entsetzt dreinblickenden Augen an und hatte den Mund bereits geöffnet, um ihm eine entsprechende Reaktion entgegenzuschleudern, als sie Hellmanns beruhigende Hand auf ihrer Schulter spürte. Daraufhin besann sie sich, schloss den Mund wieder und zwang sich zur Ruhe. Ihr wurde klar, dass Martin mit dieser Provokation genau diese Emotionen für seine Zwecke in ihr wecken wollte.

„Ach ja?“, fragte DeFalco ebenfalls verärgert auf diese Überrumpelung hin. „Und wie erklären Sie sich das?“, fragte er aggressiv.

„Ganz einfach. Die Skate ist ein altes Schiff mit einem ebenso alten Aufzeichnungssystem“, erklärte Martin. „Der Flugschreiber, so wie er eingebaut war, ist inkompatibel zu unserem momentanen, fünfstelligen Datumssystem. Da die Aufzeichnung in Zeittakten erfolgt, sind die Aufzeichnungen des Flugschreibers aus der Synchronisation geraten und deshalb unzuverlässig.“ Martin tat so, als wäre es die leichteste Sache der Welt. „Übrigens, ein einwandfrei funktionierender Flugschreiber ist Vorschrift für die Benutzung eines Sternenflottenschiffs. Das geht wohl auf ihre Kappe, Commander.“

„Sie sind der Projektleiter, Dr. Martin. Sie haben die Verantwortung“, erwiderte Spencer.

„... für alles, was mein TDF-System betrifft.“ beendete Martin Spencers Satz. „Ihr Aufgabenbereich ist dahingehend festgelegt, mir ein voll funktionsfähiges Testschiff zur Verfügung zu stellen. Außerdem, wo wir gerade dabei sind, die Versorgung mit Ersatzteilen ihrerseits ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Ich spreche hierbei von Ersatzteilen, die sich nicht oder nur mit größter Mühe replizieren lassen.“

„Stimmt das?“, fragte Moravcik.

„Es ist wahr, dass wir nicht alle Wünsche Dr. Martins bezüglich Ersatzteilen erfüllen konnten“, antwortete Spencer ruhig. „Wir haben alle unserer Ansicht nach notwendigen Teile zur Verfügung gestellt, mehr allerdings nicht. Die Kennedy ist ein recht kleines Schiff, wir haben regelmäßig Schwierigkeiten mit dem Warpantrieb und brauchen die Teile selbst.“

„Und woher wussten Sie, welche Teile notwendig waren und welche nicht?“, fragte Moravcik.

„Wir hatten im Vorfeld des Tests Unterlagen von Doktor Martin erhalten aufgrund derer diese Entscheidung getroffen worden ist. Nebenbei, während der Testvorbereitungen ist mir nicht aufgefallen, dass ein benötigtes Ersatzteil gefehlt hätte.“

Moravcik nickte, Sanders machte sich Notizen. „Zurück zu den Abweichungen des Flugschreibers. Mr. DeFalco?“

„Lieutenant Hellmann hat die Auswertung der Flugschreiberdaten vorgenommen“, wich DeFalco aus, der zu Spencer sah.

Spencer nickte, DeFalco kehrte daraufhin wieder auf seinen Platz zwischen Hwang und Hellmann zurück.

„Ich rufe Lieutenant Hellmann auf.“

Hellmann legte das PZAG, das er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf den Tisch und setzte sich, wie aufgefordert.

„Hellmann, Christoph. Lieutenant junior grade. Wissenschaftsoffizier U.S.S. Kennedy. Dienstnummer 3177190-07.“

„Danke, Lieutenant. Beginnen Sie“, forderte Moravcik auf.

„Bei meiner Untersuchung des Flugschreibers sind mir keinerlei Hinweise auf Datenfragmentierung aufgrund von Synchronisationsproblemen untergekommen. Alle Daten waren plausibel, sogar die ersten, die aufgezeichnet wurden, als die Kennedy die Skate aus dem Epsilon Aurigae-System geschleppt hat.“

Spencer schaltete sich ein. „Außerdem, Flugschreiber hin, Datenaufzeichnung her. Bevor wir uns hier in Nebensächlichkeiten verlieren, ist Ihnen eigentlich klar, was diese Entdeckung bedeutet?“, fragte er Martin. „Wir haben tagelang die Daten des TDFs betrachtet und analysiert, die aber gar nicht zu den angezeigten Daten des Impulsantriebs gepasst haben. Mit anderen Worten, Dr. Martin, die bisherige Projektarbeit war für die Katz.“ Er ließ seine Worte für einen kurzen Moment nachwirken, dann setzte er nach. „Hat denn jemand mit den Sensoren die Flugbahn der Skate verifiziert? Nein. Wir haben dem geglaubt, was auf den Monitoren stand. Und Sie, Dr. Martin, kommen auch nicht auf Idee, die äußeren Umstände zu überprüfen, wenn all ihre Berechnungen nicht stimmen? Sie wollen mir ja wohl nicht erzählen, dass bei diesen regelmäßig dramatischen Abweichungen ihre Voraussagen über das Verhalten des TDFs eingetroffen sind.“

„Meine Berechnungen, Commander, zeigen einen TDF-Ausfall bereits für 7.100 Kilometer bei 320 Millisekunden Reaktionszeit an, also bei den Parametern für Lieutenant Hwangs Flug. Das heißt, meine Systeme sind sogar stabiler als ursprünglich berechnet“, konterte Martin unbeeindruckt.

„Das ist doch nicht das Problem!?“, konstatierte Spencer hart.

Nachdem einige Sekunden gespannte Stille herrschte, wandte sich Moravcik wieder an Hellmann: „Konnten Sie den Grund dafür herausfinden, warum die Skate anders reagiert als eingegeben und angezeigt?“

Spencer zog seine Stirn in Falten und fragte sich, warum Moravcik nicht darauf bestand, dass Martin seine gerade gestellte Frage beantwortete. Doch bevor er reagieren konnte, beantwortete Hellmann die Frage bereits. „Leider nicht. Auch eine Simulationsreihe gab keinen Aufschluss darüber.“

„Eine Simulation?“, fragte Moravcik.

„Nach dem überraschenden Ergebnis der Flugschreiberauswertung haben wir begonnen, im Simulatorraum eine Simulation der Skate mit dem neuen TDF-System zu programmieren.“

„Kann man sich diese Simulation auch mal ansehen?“, unterbrach Martin.

„Natürlich. Wir haben unserem Untersuchungsbericht außerdem ein umfangreiches Datenpaket der Simulationen beigefügt.“ sagte Hellmann.

„Aus diesem Datenpaket geht allerdings hervor, dass die Simulation nicht so ganz zuverlässig zu sein scheint“, warf Martin betont kritisch ein.

„Das ist richtig“, räumte Hellmann ein, fügte aber gleich wesentlich selbstbewusster an. „Wir standen nun mal vor dem gleichen Problem wie Sie, Doktor Martin. Wir mussten ebenfalls eine Miranda auf eine Soyuz umprogrammieren und waren ebenfalls nicht vollständig erfolgreich.“

„Commander Moravcik, Ergebnisse aus einer halbfertigen Simulation sollten nicht als relevant betrachtet werden.“ Martin ging gar nicht erst auf das ein, was Hellmann noch zu sagen hatte, sondern trat gleich die Flucht nach vorne an.

„Lassen wir doch Mr. Hellmann erstmal die Ergebnisse seiner Simulation präsentieren“, wich Moravcik aus.

„Ich danke ihnen, Commander.“ Hellmann fuhr fort. „Daher auch mein verspätetes Eintreffen; ich hatte kurz vor Verhandlungsbeginn noch eine Idee zur Lösung, die sich aber als falsch herausstellte.“

„Kommen Sie auf den Punkt“, ließ sich Moravcik vernehmen.

„Natürlich. Vor dem Unfall, zwischen Lieutenant Hwangs und Lieutenant Scotts Flug, hat Dr. Martin die Reaktionszeit des TDF verkürzt. Abgesehen davon, wie nun der unterschiedliche Kurvenradius zustande gekommen ist, ist das der einzige Faktor, der zwischen beiden Testläufen verändert wurde. Auch wenn die Ergebnisse nicht unbedingt schlüssig sind, deuten sie dennoch daraufhin, dass Dr. Martin dadurch entscheidenden Einfluss auf den Testverlauf genommen hatte. Die Simulationen zeigen deutlich, dass ein Kurvenradius von 7.500 Kilometern überhaupt keine Probleme mit sich bringt, dass sich bei 7.100 Kilometern erste Leistungsspitzen zeigen und bei 6.900 Kilometern ein Versagen eintritt.“

„Ich möchte darauf hinweisen, dass Fähnrich Berger vor dem Unfall die Energieverteilung innerhalb des TDFs optimiert hat. Das kann ebenfalls zum TDF-Versagen geführt oder zumindest dazu beigetragen haben“, erwiderte Martin.

„Sie haben der Optimierung zugestimmt, Dr. Martin. Und sie verkürzten fünfzehn Millisekunden mehr als vorgeschlagen“, beharrte Hellmann und blieb dabei ruhig und betont.

„Das ist doch lächerlich. Diese fünfzehn Millisekunden haben nicht zum Versagen des TDF geführt“, gab Martin zurück.

„Ach.“ Spencer blickte Martin kühl an. „Und woher wissen Sie das?“

„Ich habe das System konstruiert, Commander. Also weiß ich auch, was es zu leisten imstande ist, und was nicht“, erklärte Martin überzeugt.

„Und warum ist es dann schlussendlich kollabiert?“, wollte Spencer wissen.

„Ich darf dann hier mal unterbrechen, da diese Diskussion zu nichts zu führen scheint“, unterbrach Moravcik. „War es das, Mr. Hellmann?“

Hellmann nickte und setzte sich wieder.

Spencer warf einen mürrischen Blick in die Richtung Hwangs und DeFalcos. Moravcik hatte ihn zum wiederholten Male unterbrochen, als er sich gerade auf dem richtigen Weg fühlte.

„Ich würde gerne noch etwas sagen“, machte sich Martin bemerkbar.

„Bitte“, stimmte Moravcik zu.

„Ich möchte noch auf einen weiteren Unterschied der beiden Flüge hinweisen. Lieutenant Hwang und Lieutenant Scott hatten beide den gleichen Auftrag und demzufolge die gleichen Eingaben vorzunehmen. Trotzdem ist die Kurve Scotts zweihundert Kilometer enger. Wir hatten beide Piloten explizit darauf hingewiesen, sich genau an unsere Planungen zu halten. Und da sich Lieutenant Scott bereits in der Vergangenheit mehrfach aufgrund von überzogener Impulsivität der Insubordination schuldig gemacht hat, sehen wir den Hauptgrund des Vorfalls hierin.“

„Wenn der noch mehr heiße Luft produziert, hebt der bald ab“, murmelte DeFalco beinahe unhörbar, aber doch ausreichend laut, um Spencers Ohren erreichen zu können. Hwang schüttelte niedergeschlagen den Kopf und räusperte sich leise.

„Commander Moravcik!“, rief Spencer schnell, noch bevor Hwang etwas hervorbringen konnte. „Dr. Martin schießt gerade weit übers Ziel hinaus.“

„Dr. Martin, keine Spekulationen bitte“, reagierte Moravcik. „Commander?“

„Ich denke, dass es sich unsere Gegenseite da ein wenig zu leicht macht“, begann Spencer. Seine kleine Provokation hatte gewirkt, da Martin sich mit verkniffenen Gesichtsausdruck vernehmen ließ: „Ich bitte Sie, Commander. Bleiben Sie doch bei den Fakten, ja?“

„Wenn schon, dann ist es meine Aufgabe, das anzuordnen und nicht ihre, Dr. Martin“, mischte sich Moravcik ebenfalls verstimmt ein. „Ich bitte Sie beide, sich in Zukunft mehr an die Vorschriften zu halten!“

„Ja, Commander“, grinste Spencer. Er fuhr fort: „Dr. Martins“ - seine Stimme nahm einen verächtlichen Klang an - „Theorie... setzt voraus, dass bei jeder Eingabe die gleiche Abweichung auftreten würde. Die Fehler hier sind aber nicht regelmäßig. Die Abweichungen treten rein zufällig und unberechenbar auf.“

„Können Sie das beweisen?“, fragte Martin.

„Können Sie das Gegenteil beweisen?“, fragte Spencer zurück. „Halten Sie sich an die Fakten. Gleicher Flugauftrag, anderer Radius.“

„Ich muss da nichts beweisen“, entgegnete Martin trocken.

„Die Frage ist doch...“, resümierte Spencer ausweichend, „... hat die Reaktionszeitverkürzung zum Unfall geführt oder der 200 Kilometer engere Radius? Wir können mutmaßen, wir können spekulieren, haben Sie eine endgültige Antwort auf diese Frage? Nein. Ich auch nicht. Das muss ich nicht. Ohne die fehlerhafte Reaktion des Impulsantriebs und mit einem korrekten Kurvenradius von 7.500 Kilometern wäre alles nicht passiert, wie sowohl ihre Berechnungen als auch unsere Simulation zeigen. Alles lässt sich auf diese Abweichungen reduzieren.“

„Die Abweichungen können nicht aufgrund gezielter Sabotage aufgetreten sein?“, fragte Moravcik plötzlich.

Spencer brauchte einige Sekunden, die er zum Umschalten auf diese Frage und zum darauf folgenden Nachdenken brauchte. Dann antwortete er. „Nein. Es gäbe elegantere und zielsicherere Arten, ein Projekt wie dieses zu manipulieren. Außerdem... ein Datenabgleich zwischen der Skate und der Kontrollzentrale zu Projektbeginn zeigte keine Ungenauigkeiten. Wir konnten keine Anzeichen für Sabotage bei unseren Untersuchungen entdecken.“

„Also wäre es zumindest theoretisch möglich“, schloss Moravcik. „Schließlich kann man Manipulationen bei Datenübertragungen über einige zehntausend Kilometer nie ganz ausschließen.“

Spencer brummte in Gedanken halblaut etwas Undefinierbares, bis er sich wieder auf die Verhandlung besann. Moravcik hatte ihn jetzt zum dritten Mal dazu gebracht, den Faden zu verlieren und er ärgerte sich demzufolge.

„Hat noch jemand etwas vorzubringen?“, fragte Moravcik. Spencer überlegte und ließ die nicht allzu glücklich verlaufene Verhandlung vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Eigentlich war alles soweit gesagt, nur nicht auf eine Art und Weise, wie es ihm gepasst hätte oder ihm zum Vorteil gereicht hätte. Er suchte verzweifelt nach einem Aufhänger, die Diskussion mit Martin wiederaufzunehmen, fand aber keinen.

Moravcik wartete einige Sekunden und wandte sich dann an Martin. „Dr. Martin, ihre Schlusseinschätzung bitte.“

Martin zeigte einen recht zufriedenen Gesichtsausdruck. „Zusammenfassend gesagt ist die Skate wegen der Überlastung des TDF außer Kontrolle geraten. dass es dazu kommen konnte, ist zu einem großen Teil Lieutenant Scott zu verdanken, der eine zu enge Kurve flog. Commander Spencer im Bezug auf die Ersatzteilversorgung und den Betrieb des Schiffes ohne ordnungsgemäß funktionierenden Flugschreiber sowie Fähnrich Berger mit seiner optimierten Energieverteilung haben daran aber ebenfalls Anteil“, schloss er hart.

„Danke, Dr. Martin. Lieutenant Sanders, vermerken Sie die Aussage im Protokoll“, bestimmte Moravcik. „Commander Spencer, ihre Schlussbewertung.“

„Alles in allem...“, wandte er sich an Moravcik, „... denke ich, dass bisher ausreichend Indizien gegen Doktor Martin vorgebracht werden konnten, um das TDF-Projekt bis auf weiteres auszusetzen und eine genauere Untersuchung zu ermöglichen. Ich nenne da mehrere gröbere Übersehen, bei der mangelnden Vorbereitung bereits, dann bei dem Notsystem und bei den Datenabweichungen. Besonders fällt hierbei auf, dass die grundlegend ursächlichen Probleme mit dem Impulsantrieb erst in den Untersuchungen des Vorfalls entdeckt wurden, und nicht etwa vorher. Auch muss ich erwähnen, dass Dr. Martin mir während des gesamten Projektes nicht gerade als verantwortungsbewusster Projektleiter vorgekommen ist, der immer genau weiß, was er tut und die Tragweite seines Tuns abschätzen kann.“

Martin machte eine wegwerfende Handbewegung, sagte aber nichts.

Moravcik überlegte einige Sekunden. „Ich werde mich mit meinen Leuten beraten und zu gegebener Zeit eine Entscheidung treffen. Ich vertage diese Sitzung auf 19:00. Wegtreten!“

Nachdem Moravcik mit seinen Leuten den Raum verlassen hatte, schüttelte Spencer den Kopf wegen des abrupten Endes der Verhandlung. Er hätte sich gewünscht, die strittigen Punkte mit Martin ausgiebiger diskutieren zu können.


Pünktlich um 19:00 waren wieder alle im Konferenzraum der Basis versammelt. Moravcik stand auf und begann. „Da keine eindeutigen Beweise vorgebracht werden konnten, die Dr. Martins Aussage widerlegen würden, wird das TDF-Projekt wieder aufgenommen. Diese Wiederaufnahme erfolgt in Abstimmung mit der Sternenflotte. Sie“ - damit war Martin angesprochen – „erhalten allerdings die Auflage, besondere Sorgfalt walten zu lassen und alles gründlich zu überprüfen, um einen solchen Vorfall in der Zukunft zu vermeiden. Commander Spencer, durch großzügigere Ersatzteilversorgung hätten Sie einige Probleme im bisherigen Verlauf des Projektes verhindern können. Auch haben Sie für einen in Zukunft einwandfrei funktionierenden Flugschreiber zu sorgen. Sobald Lieutenant Scott wieder ansprechbar ist, wird er ebenfalls eine Untersuchung über sich ergehen lassen müssen.“

Spencer, Hwang, DeFalco und Hellmann sahen sich mit wahlweise betroffenen oder erschrockenen Gesichtern an. Eine solch klare Entscheidung gegen sie und für Martin hatten sie nicht erwartet.

„Ich bedanke mich bei Ihnen für diese Entscheidung, Commander Moravcik“, sagte Martin in hochzufriedenem Ton.

„Zwei ihrer Leute wurden getötet, ein weiterer schwer verletzt. Das sollte sie verdammt noch mal nicht kalt lassen, Martin“, knurrte Spencer ärgerlich. Danach sagte er ruhig zu Moravcik gewandt: „Commander Moravcik, ich muss protestieren. Wir sollten Ihnen genügend Beweise beziehungsweise Anhaltspunkte geliefert haben, um zumindest eine weitere Unterbrechung zu rechtfertigen. Deshalb ich ersuche Sie dringendst, Ihre Entscheidung nochmals zu überdenken.“

„Wir haben aufgrund der vorliegenden Fakten alles sorgfältig geprüft, unsere Entscheidung steht fest. Die Sitzung ist geschlossen“, bestimmte Moravcik mit verkniffenem Gesichtsausdruck und erhob sich. Zusammen mit Morya und Sanders verließ er den Raum.

„Wir beginnen morgen um 9:00 wieder mit der Arbeit. Die Instandsetzung der Skate steht an!“, ließ sich Martin deutlich hörbar vernehmen. Finden Sie sich alle um diese Zeit im Kontrollzentrum ein.“ Danach verließ er mit Moreno und Fisher im Gefolge ebenfalls den Konferenzraum.

DeFalco wartete, bis sich die Türe hinter Martin geschlossen hatte. „Das gibt's doch nicht! Ich würde zu gerne wissen, was sich dieser Moravcik dabei gedacht hat!“, rief er aus. „Ob Martin da wohl seine Finger mit im Spiel hatte? Zutrauen würde ich es ihm. Oder hat er einfach nicht verstanden, worauf wir hinauswollten?“

Spencer blickte DeFalco prüfend an. „Moravcik wollte uns wahrscheinlich nicht verstehen. Die ‚Abstimmung mit der Sternenflotte‘, wie Moravcik sich ausdrückte, war allem Anschein nach eine Anweisung von oben. Er hat wohl die Verantwortung nicht allein tragen wollen“, wandte Spencer ein. „Das ist Politik, Gerry.“

DeFalco machte eine großzügig-wegwerfende Handbewegung und wandte sich unwillig ab.

„Aber der Unfall... das war doch nicht Johnnys Schuld!“, rief Hwang aus. „Das glaube ich einfach nicht! Wir können doch jetzt nicht einfach so weitermachen!“

„Das sehe ich auch so“, stimmte DeFalco zu. „Wir werden nicht einfach alles vergessen.“

„Genau“, meinte Hellmann. „Ich werde auf jeden Fall mit Berger weiter an der Simulation arbeiten. Vielleicht finden wir da noch etwas, was uns weiterbringt.“

„Auch sollten wir sehen, dass uns bei der fälligen Reparatur der Skate noch das eine oder andere Detail auffällt“, fügte DeFalco hinzu.

„Ich sehe, wir alle sind einer Meinung“, schloss Spencer. „Auf jeden Fall werde ich mal ein klärendes Gespräch mit Moravcik führen. Für so eine Entscheidung habe ich ihm eigentlich nicht die Leitung dieser Kommission übertragen. Ich selbst verstehe sie nämlich auch nicht.“

20

Projektaufzeichnungen TDF-Projekt AL4, Sternzeit 21813.9, Commander Spencer: [23.10.2344 21:17:51]

Das Projekt wurde durch eine in meinen Augen fragwürdige Entscheidung des Stationsleiters, Commander Moravcik, wieder in Gang gesetzt. Wir werden morgen damit beginnen,, die Skate wieder zu reparieren, so dass wir die Tests wahrscheinlich in den nächsten Tagen wieder aufnehmen können. Die Kennedy wird in wenigen Tagen ebenfalls wieder hier eintreffen.

„Computer. Öffne einen Kanal zu Admiral Paris, Sternenbasis 53!“, wies Spencer an. Es war etwa eine Stunde vergangen, nachdem Moravcik seine Entscheidung verkündet hatte. Nachdem sein erster Ärger verraucht war, hatte Spencer versucht, mit ihm zu sprechen, dieser hatte ihm jedoch nur mitgeteilt, dass eine Diskussion überflüssig wäre und es keine Änderung der Entscheidung geben würde.

Ein Summen des Computers zeigte Spencer, dass die Verbindung erfolgreich hergestellt war, Paris erschien auf dem Bildschirm in Spencers Quartier.

„Admiral Paris hier, Sternenbasis 53“, meldete er sich.

„Admiral“, grüßte Spencer. „Hier spricht Commander Spencer. Ich möchte mit Ihnen über den Fortgang des TDF-Projektes sprechen.“

„Ja, Commander. Worum geht es genau?“

„Wie Sie wissen, habe ich dem Stationsleiter, Commander Moravcik, die Leitung der Untersuchungskommission übertragen. Haben Sie meinen vorläufigen Bericht erhalten?“

Paris nickte knapp. „Habe ich.“

„Ich habe ihn auch Moravcik vorgelegt. Er hat nach der Anhörung trotzdem zugunsten von Martin entschieden, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Die besseren Argumente waren schließlich auf unserer Seite.“

Paris blickte überrascht drein. Für Spencer, der Paris inzwischen kannte und wusste, dass er im Gespräch recht selten eine Miene verzog, bedeutete das zweifellos, dass er seine Auffassung teilte.

„Weiteren Argumenten scheint er nicht zugänglich zu sein“, fügte Spencer hinzu. Er hörte nichts, sah aber, dass Paris leise so etwas wie ‚Das kann doch nicht.‘ murmelte.

„Und Sie meinen, ich sollte mich dem mal annehmen“, brummte Paris, nun vernehmlicher.

„Genau, Admiral. Sie können da vielleicht mehr ausrichten als ich“, stimmte Spencer zu.

„In Ordnung. Sie hören von mir, Commander. Paris Ende.“ Das Emblem der Sternenflotte erschien auf dem Bildschirm und zeigte das Ende des Subraumgesprächs an.


„Ich wäre dann soweit. Chris?“, fragte Hwang. „Christoph? Hallo!“, rief sie nach einigen Sekunden lauter. Auch Berger drehte sich zu Hellmann um.

Es waren zwei Tage vergangen, seit Moravcik entschieden hatte, zwei Tage, die sie mit Reparaturen der Skate verbracht hatten. Abends nach den Tests hielten sich Hwang, Hellmann und Berger im Simulatorraum auf und versuchten, endlich die Ursachen für die Probleme auf der Skate zu finden, so auch heute.

„Was? Ja, die Simulation ist bereit“, antwortete Hellmann schließlich nach einigen Augenblicken der Verwirrung.

„Was war denn los?“, fragte Hwang.

„Ach nichts. Ich bin nur erschöpft. Den ganzen Tag lang die Skate reparieren und jetzt seit zwei Stunden die Simulationen... Na dann. Auf ein weiteres Mal. Reaktionszeit auf 290 Millisekunden. Kurvenradius 6.900 Kilometer.“

„Datenaufzeichnung bereit“, meldete Berger.

„Dann los. Ich gehe auf Kurs, Geschwindigkeit halbe Impulskraft.“ Hwang fragte sich, wie oft in sie diese Worte in den letzten Tagen gesagt hatte und stellte fest, dass sie sie langsam leid war.

„Kurvenradius von 6.900 Kilometern bestätigt“, vermeldete Berger.

Verhaltene Warnsignale ertönten einige Sekunden später aus Hellmanns Konsole.

„Das TDF nähert sich wieder den Grenzwerten“, merkte er an.

„Das Schiff reagiert kaum mehr aufs Ruder. Genau wie...“, begann Hwang, doch einige laute akustische Signale unterbrachen sie.

„TDF kurz vor Ausfall“, berichtete Berger hastig. „2.. 1.. jetzt.“ Zeitgleich mit Bergers ‚jetzt‘ zeigten Hellmanns und auch Hwangs Anzeigen ein Versagen der Trägheitsdämpfung an, genauer gesagt, den Ausfall des Generators für die Sektionen 15-17.

Hwang nahm ihre Händer von der Konsole, da die Skate jetzt sowieso nicht mehr zu steuern war, auch nicht in der Simulation. „Das wär's also. Da haben wir vielleicht ein Problem“, murmelte Hwang halblaut.

Hellmann warf ihr einen angedeutet drohenden Blick zu. „Das glaube ich auch. Das war jetzt der siebte Versuch mit diesen Werten, dreimal hat das TDF gehalten, viermal nicht.“ stellte er fest. „Irgendwie kommen wir so nicht weiter.“

„Nicht immer so pessimistisch!“, rief Hwang. „Pessimismus ist erst angebracht, wenn's gar nicht mehr läuft.“

„Das ist doch jetzt“, gab Hellmann verärgert zurück. „Die Simulation ist soweit wie möglich optimiert, eindeutige Ergebnisse gibt's trotzdem nicht. Manchmal läuft's gut, manchmal läuft's so gerade, und manchmal nicht. Alles bei gleichen Werten.“

„Komm, jetzt noch einen Versuch“, bat Hwang. „Wenn das TDF jetzt wieder crasht, steht es fünf zu drei. Das wäre doch nicht allzu schlecht für heute, oder?“

„Ja... also gut. Ein letzter Versuch“, stimmte Hellmann widerstrebend zu.

„Ich wäre soweit“, machte sich Berger bemerkbar und nahm noch schnell einige Eingaben vor.

„Ich auch“, sagte Hellmann.

DeFalco kam herein. „Und? Wie läuft's?“, fragte er erwartungsvoll.

„Schlecht“, antwortete Hellmann. „Immer noch.“

DeFalco lehnte sich betont lässig an eine Seitenwand neben dem Eingang und beobachtete das Treiben.

„Okay. Alles auf Anfang.“ Dieses Mal bediente Hwang ihre Konsole betont sanft und behutsam. Hellmann quittierte dies mit einem Kopfschütteln und wandte sich seinen Monitoren zu.

„Ich starte die Triebwerke und setze den Kurs... Geschwindigkeit halbe Impulskraft... Leite jetzt den Kurvenflug ein“, kommentierte Hwang ihre Aktionen.

Hellmann beobachtete genau die eintreffenden Daten auf seinen Monitoren und stellte fest, dass sich die Werte der Trägheitsdämpfung bedrohlich den Grenzwerten näherten, genau wie sie es beim letzten Versuch getan hatten.

„Das TDF wird wieder stark belastet. Die Parameter entsprechen wiederum denen des Flugschreibers“, sagte Hellmann.

„Kurswechsel erfolgt in 5.. 4.. 3.. 2.. 1.. jetzt.“ Gleichzeitig berührte Hwang ihre Konsole und führte den abrupten Kurswechsel durch, der das Ende des Manövers markierte.

„Das TDF hat gehalten“, vermeldete Hellmann niedergeschlagen.

„Und?“, fragte DeFalco, der nicht ganz die Tragweite dieses Ereignisses begriffen hatte.

„Das war der achte Versuch mit diesen Werten. Viermal hielt das TDF, viermal versagte es. Zu allem Überfluss haben wir immer noch nicht die leiseste Ahnung, warum die Skate, wenn man eine Kurve mit dem Radius von 7.500 km fliegen will, sich manchmal für 7.100 Kilometer und manchmal für 6.900 Kilometer entscheidet.“ Hellmann klang vollkommen ratlos. „Du hast auch nichts in der Richtung gefunden, oder?“

DeFalco schüttelte den Kopf. „Das dürfte es eigentlich überhaupt nicht geben. Technisch habe ich alles durch, was es in dieser Richtung überhaupt gibt. Übrigens, der Flugschreiber war top in Ordnung. Ich habe die Flugbahnen der Skate anhand der Aufzeichnungen der Stationssensoren überprüft. Sie stimmen zwar nicht mit denen im Kontrollraum, aber doch beinahe exakt mit den Flugschreiberaufzeichnungen überein.“

„Vermutlich haben Martins Leute die leichten Unfallschäden an der Datenaufzeichnung versäumt zu korrigieren. Obwohl das eigentlich...“, überlegte Hellmann, doch ein Kommunikatorsignal unterbrach ihn. „Spencer an Hwang!“

„Hwang hier!“ Sie beantwortete das Kommunikatorsignal nahezu automatisch und sah erst nach diesen Worten verwundert drein.

„Würden Sie bitte in den Konferenzraum kommen? Wer ist im Moment noch bei Ihnen?“

„DeFalco, Hellmann, Berger“, antwortete Hwang.

„Die sollen mitkommen. Spencer Ende.“

Hwang stand auf. „Ihr habt's gehört!“, sagte sie schulterzuckend.

Irritiert folgten sie ihr, aber innerlich waren besonders Hellmann und Hwang erleichtert, endlich den Simulatorraum verlassen zu können.


Spencer saß alleine und missgelaunt über einer Tasse Kaffee im Konferenzraum, als die vier wie gefordert eintraten.

„Nehmen Sie Platz. Wie steht's mit den Simulationen?“

„Schlecht, um ehrlich zu sein. Wir wissen nicht mehr weiter.“

Spencer nahm Hellmanns Antwort gelassen hin. „Noch eine Hiobsbotschaft.“

Noch eine?“, fragte Hwang. „Was denn noch?“

„Ich heute eine Subraumnachricht von einer gewissen Ina Karaplidis bekommen. Ich habe sie vor einigen Tagen gebeten, einige Hintergründe unauffällig zu recherchieren, warum zum Beispiel Tennenbaum auf Antares vorgab, nur von Subraum-News von dem Unfall zu wissen und so weiter.“

„Und?“ Hwangs Neugierde stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Spencer stand kommentarlos auf und legte die Nachricht auf den Wandmonitor. Eine fröhlich lächelnde Ina Karaplidis erschien und begann zu sprechen. „Hallo Andy! Ich habe natürlich von dem Vorfall auf AL4 gehört und bereits mit einer derartigen Nachricht von dir gerechnet, allerdings schon einige Tage früher... Du wirst langsam“, verkündete sie augenzwinkernd. DeFalco und die übrigen konnten sich ein Grinsen nicht verkneifen.

Karaplidis fuhr nach einigen Augenblicken fort: „Doch nun einige Antworten auf deine Fragen, aber eines vorweg: Was auch immer du vorhast, denke gut drüber nach. Obwohl es niemand öffentlich zugeben will, das neue TDF-System ist hier Chefsache. Beinahe zumindest. Dein Doktor Martin scheint bei einigen Admirälen einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Soviel zum Teil, dass nämlich er es war, der auf Druck von oben in die Tests gedrängt wurde. Seine Versprechung von nur 190 Millisekunden Verzögerung klingt ja auch wirklich beeindruckend.“ Sie machte eine kurze Pause, weil sie in ihren Unterlagen nachsehen musste.

DeFalco sah überrascht drein. „Das wäre ja ein Hammer.“

Spencer, der inzwischen wieder saß, erwiderte. „Pass auf. Jetzt kommt's noch besser.“

Beinahe zeitgleich nachdem Spencer geendet hatte, fuhr Karaplidis fort. „Frage mich nicht wie, ich hatte jedenfalls Gelegenheit, einige Subraumübertragungsprotokolle einzusehen. Die erste Nachricht von AL4 nach Antares ging zu Sternzeit 21791.397 raus...“

„Meine erste Projektaufzeichnung nach dem Unfall war Sternzeit 21791.4, nebenbei“, brummte Spencer.

„... und innerhalb der nächsten drei Tage folgten sieben weitere. Oder anders ausgedrückt: Tennenbaum auf Antares war entweder voll auf der Höhe der Zeit oder saß in Isolationshaft.“ Sie lächelte verschwörerisch. „Der Subraumverkehr in Gegenrichtung war ähnlich aktiv. Fünf Nachrichten an die Adresse Martins und drei an die Stationsleitung, davon eine Code 47 nur für Commander Moravcik.“

„Ich dachte immer, von Code 47-Nachrichten werden keine Computeraufzeichnungen gemacht. Höchste Geheimstufe, oder wie war das?“, fragte DeFalco irritiert.

„Nur für den Captain“, korrigierte Spencer. „Ina kriegt alles raus, wenn sie will. Computer, Wiedergabe abbrechen.“

„Warum...?“

„Weil es das im Kern war. Die weiteren Details sind an sich überflüssig. Wichtig ist nur, dass Martin im Endeffekt Opfer seines eigenen Hausierens bei der Admiralität geworden ist und dass Moravcik eine Code 47-Nachricht bekommen hat. Ich wette, darin wurde ihm mitgeteilt, dass er gefälligst zugunsten von Martin zu entscheiden hat“, folgerte Spencer und fügte brummig hinzu: „Da hätte ich die Untersuchung besser selber leiten können.“

„Jetzt wird mir rückblickend so einiges klar“, murmelte Hellmann.

„Ging mir genauso“, stimmte Spencer zu. „Hat irgendwer eine Idee, was wir machen sollen? Gerry, ist dir heute bei den Reparaturen der Skate etwas aufgefallen?“

„Dir?“, fragte er zurück.

Spencer schüttelte den Kopf. „Nur dass Martin seit der Verhandlung noch ein bisschen besser gelaunt ist als sonst. Es freut ihn wohl diebisch, dass er gewonnen hat und vergisst dabei, dass das alles zwei und beinahe drei Menschenleben gekostet hat.“

„Das Ego von dem ist so groß, das verdeckt einfach alles“, grinste DeFalco.

„Ein übergroßes Ego reicht leider nicht, um etwas gegen jemanden zu unternehmen“, begann Spencer, wurde dieses Mal aber von Hwang unterbrochen.

„Es hilft aber. Wie Sie Martin bei der Verhandlung beinahe zur Weißglut getrieben haben, das einfach klasse!“

„Danke für die Blumen“, erwiderte Spencer trocken. Er konnte solche Komplimente nicht leiden, auch nicht wenn sie von Herzen und/oder seinem Flugoffizier kamen. „Bevor Sie mich jetzt wieder unterbrechen...“, fuhr er fort, „... würde ich gerne fragen, ob jemand eine Idee hat, die den Schlüssel zur Klärung des Falles bedeuten könnte.“

„Die Simulationen sind es jedenfalls nicht. Ich bin nämlich schlichtweg ratlos.“ Hellmann trug seine Missstimmung deutlich in Gesicht und Tonfall geschrieben.

„Mir ist auch nichts weiter bei der Reparatur aufgefallen“, berichtete DeFalco. „Keine Ahnung. Ich habe mich sogar vorhin über die alten Betriebs- und Reparaturlogbücher der Skate hergemacht, ob da irgendwas verzeichnet war. Auch nichts. Sie hatten in sechs Dienstjahren nie Schwierigkeiten mit dem Antrieb.“

„Also wissen wir, kurz gesagt, gar nichts“, resümierte Spencer. „Normalerweise müsste ich jetzt vorschlagen, nochmals von vorn zu beginnen und die Gedanken sorgfältig zu ordnen. Aber ich glaube nicht, dass das eine große Aussicht auf Erfolg hätte. Wenn jemand noch eine gute Idee hat, sollte er sich melden; ansonsten kann man dann wohl auch nichts mehr machen.“ Er machte eine längere Pause. „Ich meinerseits hasse ungelöste Probleme. Gute Nacht zusammen“, schloss er und verschwand.

„Den habe ich selten so ratlos gesehen“, entfuhr es Hwang, kaum dass Spencer den Raum verlassen hatte.

DeFalco sah sie mit gespielter Entgeisterung an. „Und ich dachte, der brummt immer so.“

Hwang schmunzelte, sie kannte Spencer mit am besten, zwar nicht so gut wie DeFalco, aber gut genug, um seinen üblichen Tonfall deuten zu können. „Nein, jetzt mal im Ernst. Wir sind uns doch einig, dass die Ursache diese seltsame Datenabweichung ist. Wie können wir beweisen, was sie hervorruft? Es muss doch eine Möglichkeit geben!“

„Das hatten wir alles schonmal“, meinte Hellmann trocken.

„Ja, aber vielleicht hat ja jemand eine Idee, die er nicht gerade seinem Kommandanten unterbreiten wollte“, meinte sie augenzwinkernd. „Irgendetwas muss uns doch einfallen!“

„Da bliebe eigentlich nur noch eines: Versuch am lebenden Objekt“, sagte Berger in die einige Sekunden anhaltende Stille.

„Bitte?“ Hwang blickte Berger verwirrt an.

„Ist doch klar“, antwortete DeFalco, der schnell begriffen hatte, was Berger meinte. „Wir schnappen uns die Skate, morgen ist sie ja laut Ankündigung von Doktor Martin fertig repariert, und stellen dann den ganzen Vorfall nach. Thomas, das ist eine Superidee!“

Hwang warf ihm einen zweifelnden Blick zu. „Das ist nicht dein Ernst, oder? Das gibt doch Ärger.“

„Nur wenn's nicht klappt.“ DeFalco ließ sich nicht von der Idee abbringen.

„Und wie willst du das anstellen?“, wollte Hellmann wissen. „Wie sollen wir zur Skate hinkommen? Einen unautorisierten Shuttlestart merkt man hier doch sofort. Und dann?“

„War nur so eine Idee...“, brummte DeFalco, scheinbar vom Gegenteil überzeugt.

21

„Computer: Commander Spencer lokalisieren!“, rief DeFalco.

„Commander Spencer befindet sich in seinem Quartier“, antwortete der Stationscomputer mit seiner wie üblich stoischen Stimme.

„Und da sollte er auch bleiben“, brummte DeFalco leise. Er wartete am Abend des folgenden Tages zusammen mit Hellmann, Walker und Callaway an der Shuttlerampe der Station. Nach einigen Sekunden betrat auch Hwang den Raum.

„Ah, Kim. Wurde auch langsam Zeit“, sagte DeFalco.

„Ich war noch bei Johnny auf der Krankenstation“, entgegnete Hwang. „Ihm geht's so langsam besser. Gerry... ich habe ein flaues Gefühl bei der Sache. Was ist, wenn das gleiche passiert, wie bei... bei...“ Hwang brach ab.

„Wie bei Scott? Dagegen habe ich was. Einen der Notgeneratoren habe ich in einen tragbaren TDF-Generator umgebaut, der wenigstens die Brücke vor Schäden schützen kann.

„Können wir damit nicht wenigstens bis morgen warten...“, bat Hwang.

„Kim... Entweder heute oder nie, das weißt du. Morgen beginnen die Tests wieder. Und ohne eine skateerfahrene Pilotin... können wir unseren Plan genauso gut vergessen.“ Er sah Hwang geradezu flehend an.

Sie kniff ihre Mundwinkel zusammen. „Na gut. Ich bin dabei.“ Sehr überzeugt klang sie allerdings nicht.

„Danke, Kim.“

Hwang antwortete nur mit einem gequälten Gesichtsausdruck.

„Es geht los“, verkündete DeFalco vernehmlich und klang dabei sehr gut aufgelegt, als hätte es den Dialog mit Hwang nicht gegeben. „Die Stationssensoren sind modifiziert, wir können.“

Er führte das Team in das bereitstehende Shuttle, nur Callaway blieb zurück und trat hinter eine Konsole im Raum.

Hwang und DeFalco besetzten die Pilotensessel, die übrigen verteilten sich im Shuttle. Nachdem sich die Shuttletür hinter Walker geschlossen hatte, tippte DeFalco auf seinen Kommunikator. „DeFalco an Callaway! Wir sind startbereit.“

„Verstanden“, bestätigte Callaway. „Außentor in fünfzehn Sekunden offen. Viel Glück!“ Langsam und geräuschvoll hob sich die Tür zum Weltraum.

„Stop.“

Die Insassen des Shuttles wirbelten ohne Ausnahme erschrocken herum. Ein schief grinsender Spencer schälte sich aus einer Nische im hinteren Bereich des Shuttles. „Ja, glaubt ihr wirklich, dass ihr so eine Aktion vor mir verbergen könnt?“

„Captain... ich, also wir...“, begann Hwang verwirrt.

„Hören Sie auf“, lachte Spencer. „Und brechen sie das Ganze hier ab. So nicht.“

„Und wie dann?“, wollte DeFalco wissen.

Callaway trat an das Shuttle heran und warf einen genauen Blick in sein Inneres, er wunderte sich, warum es nicht abhob. Er prallte erschrocken zurück, als Spencer ihm übermütig zuwinkte.

„Auf die offizielle Tour zum Beispiel“, schlug Spencer vor. „Ihr hättet wenigstens fragen können.“

„Wir kannten doch die Antwort“, beharrte DeFalco, jedoch kleinlauter als zuvor. „So wie jetzt. Wie willst du bitte Martin dazu kriegen, auf die offizielle Tour eine Nachstellung vorzunehmen?“

„Vielleicht nicht Martin.“ Spencer zeigte eine verschwörerische Miene. „Wie wäre es mit Moravcik? ‚Der Kommission sind Zweifel an der Richtigkeit einiger Untersuchungsergebnisse gekommen und ordnet einen Ortstermin an?‘ Oder so ähnlich...“

„Und wie wollen Sie das erreichen?“ Auch Hwang blieb skeptisch.

„Lassen Sie sich überraschen. Als erstes machen Sie jetzt wieder die Außentüre zu und räumen dieses Shuttle und zwar schnell!“


„Commander Spencer, ich darf mich doch zu Ihnen setzen?“

„Aber bitte doch, Mr. Moreno.“ Spencer musste sich anstrengen, eine ernste Miene beizubehalten. Es war natürlich kein Zufall, dass Moreno gerade das kleine Kasino von AL4 betreten hatte. Schon seit einiger Zeit kannte er Morenos Gewohnheit, zu später Stunde einen letzten Tee genau an dem einzigen Tisch am Fenster zu trinken. Einmal, am Abend vor der Anhörung, hatte er vorgehabt, so wie jetzt dem Zufall etwas nachzuhelfen, um die Gelegenheit zu haben, ein zwanglose Unterhaltung mit Moreno zu führen, jedoch hatte er zu diesem Zeitpunkt ausnahmsweise auf seinen Schlummertrunk verzichtet.

Er gab Moreno einige Sekunden, falls dieser ein Gespräch beginnen wollte. „Und morgen geht‘s wieder los...“, brummte er.

„So ist es“, pflichtete Moreno bei, mit einem ähnlich gleichgültig-lässigen Unterton wie Spencer, jedoch freundlicher im Allgemeinen.

„Was denken Sie?“

Moreno sah auf und blickte Spencer an. „Dass wir einen solchen Unfall in Zukunft besser vermeiden.“

„Angesichts dessen, was dagegen unternommen wurde... denken Sie, dass jetzt alles glatt gehen wird?“

„Ich hoffe es.“ Moreno schaffte es, in diesen drei Worten deutlich zu machen, von welch anderer Qualität diese Aussage im Vergleich zu Spencers Frage war.

„Und...?“

„Commander, ich weiß, weshalb Sie mich hier abgepasst haben. Ich erzähle Ihnen auch nichts Neues, wenn ich sage, dass auch andere Leute bereits den Gedankengang gedacht haben, den Sie im Sinn haben. Ich kann Ihnen nur nicht das erzählen, was Sie hören möchten. Ich kann es leider nicht ändern. Gute Nacht.“ Moreno trank mit einem großen Schluck seine Tasse leer und stellte sie auf dem Weg hinaus noch zurück in den Replikator.

„Schade.“ Spencer ließ seinen noch dampfenden Kaffee stehen und verschwand ebenfalls nach einem Sicherheitsabstand von einigen Sekunden zu Moreno.


Nachdem Spencer die geplante Aktion mit der Skate glücklicherweise (?) unterbrochen hatte, war Hwang trotz der späten Stunde auf der Krankenstation eingekehrt um wenigstens noch eine halbe Stunde am Krankenbett ihres Freundes Johnson Scott zu verbringen. Die Apparaturen, die sein Leben am Rande des Todes künstlich erhielten und überwachten, piepsten in der unverändert gleichen Stereotypie, Scott lag regungslos da, blass, mit geschlossenen Augen. Ob Scott es spürte, dass sie ihm die Hand hielt wie an allen Tagen zuvor seit dem Unfall, wenigstens unterbewusst? Half es ihm, seine Verletzungen zu überwinden und wieder aufzuwachen? Welch ein trauriges Schicksal für einen Menschen, so schlagartig, von einem Moment auf den anderen, ganz ohne Sinn... Sie durfte nicht wieder daran denken, doch, sie musste es einfach, so schrecklich es auch war. Ihr Blick geriet ins Leere...

Der alte, grauhaarige Arzt von AL4 saß abseits in seinem kleinen Büro über einige Analysen gebeugt. Eigentlich war die Besuchszeit schon längst vorbei gewesen, doch er hatte es nicht übers Herz gebracht, Hwang den Zutritt zu verwehren, nahm sich aber fest vor, sie zum Verlassen zu bewegen, wenn auch er gehen wollte, um an den Nachtdienst zu übergeben.


Spencer konnte sich glücklich schätzen, Moravcik war noch in seinem Büro des Stationsleiters bei der Arbeit.

„Was haben Sie denn nun schon wieder?“ Moravcik war alles andere als erfreut, sich ein weiteres Mal mit Spencer und einer alt bekannten Thematik zu widmen, das verhehlte er nicht im Ansatz.

„Es gibt ein Problem. Morgen beginnen die Tests wieder, nur mein Flugoffizier weigert sich, die Skate zu fliegen.“

„Befehlen Sie es ihr!“ Moravcik blickte Spencer verständnislos an.

Spencer schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht tun. Sie hat gute Gründe dafür.“

„Und welche sind das bitte?“

„Sie hat es mir folgendermaßen dargelegt. Die Fehler waren unregelmäßig auf der Skate passiert, wurden automatisch in den Simulationen abgebildet und werden ohne Frage wieder auftreten. Irgendwas muss es geben, warum die Skate das neue TDF-System nicht verträgt. Bevor wir das nicht wissen, ist eine Wiederaufnahme der Tests sinnlos und gefährlich!“

„Erzählen Sie das Martin. Was habe ich damit zu tun?“ Moravciks Tonfall klang abwehrend und beinahe gelangweilt.

„Commander, Sie können als einziger dafür sorgen, dass die Tests morgen nicht wieder aufgenommen werden. Bestimmen Sie einen Ortstermin an Bord der Skate! Eine Nachstellung der verhängnisvollen Ereignisse.“

„Selbst wenn ich in Betracht ziehen würde, es zu tun... es wäre zu gefährlich.“

„Eben!“ Spencer konnte nicht begreifen, warum Moravcik sich so begriffsstutzig stellte. „Die Tests wären gefährlich, mehr als das. Ein zweiter Crash ist vorprogrammiert. Eine Nachstellung jedoch kann bei wesentlich geringerer Geschwindigkeit erfolgen. Die Probleme werden sich auch dort zeigen, weil sie strukturell bedingt sein müssen.“

„Ich werde aber keinen Ortstermin anordnen“, verkündete Moravcik. „Ich stehe zu meinem Beschluss von vor einigen Tagen.“

‚Ihr Beschluss?‘, dachte Spencer ironisch und bereitete sich mental darauf vor, zu seiner gefährlichsten Waffe zu greifen, die dank seine Freundes Jules Rogers in seinem Köcher steckte. „Und wie werden Sie erklären, dass trotz Ihrer Prüfung zwei vergleichbare Vorfälle kurz hintereinander passieren konnten? Ganz davon abgesehen, können Sie mit dem Bewusstsein leben, den zweiten nicht verhindert zu haben? Sie wissen doch, wie es ist, wissentlich und sinnlos das Leben seiner Leute aufs Spiel zu setzen, nur weil man keine Entscheidung trifft, oder?“

„Bitte?“ Moravcik setzte sich kerzengerade in seinem Stuhl auf und starrte Spencer erschrocken an. Dieser sagte nichts, sondern konzentrierte sich darauf, Moravciks Blick stand zu halten. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, ihn mit seiner Vergangenheit so unter Druck zu setzen, aber leider ein Gebot der Situation.

Moravcik fühlte sich sichtlich unwohl, als er sich zu seinem Beschluss durchrang. „Also gut, Commander. Morgen früh, 10:00 findet ein Ortstermin auf der Skate statt. Bereiten Sie alles vor, ich informiere Doktor Martin.“

Der Blick, mit dem er ihn bedachte, als er sein Büro verließ, trieb Spencer noch eine ganze Weile kalte Schauer über den Rücken.


Einsam schritt Hwang durch verlassene, namenlose Gänge und Korridore. Es war dämmrig und still, nur der leise knisternde Tritt ihrer Sohlen auf dem gewöhnlichen Sternenflotten-Fußbodenbelag war zu hören. Eine Abzweigung glich der nächsten, es gab keinerlei Hinweise, die darauf hindeuteten, wo sie sich genau befand oder dass sie nicht im Kreis marschierte. Sie war jedoch felsenfest davon überzeugt, dass sie exakt auf ihr Ziel zusteuerte, auch wenn sie dieses nicht benennen konnte.

Urplötzlich jedoch änderte sich die Szenerie, es war heller und sie befand sich in einem kleinen, spärlich möblierten Raum. Zu ihrer Freude stand Scott dort, gesund und unverletzt, er beobachtete angestrengt und aus wechselnden Positionen einen knapp meterhohen, durchsichtigen Bereich einer Säule inmitten des Zimmers.

„Johnny!“, rief sie und stürzte auf ihn zu, um ihn zu umarmen, doch sie glitt einfach durch ihn hindurch, als wäre sie nicht existent, strauchelte und landete verdutzt auf allen Vieren.

„Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten!“

Verwirrt rappelte sie sich wieder hoch und fuhr herum, als sie plötzlich Spencers Stimme vernahm. Er saß da, in einer Ecke des Raumes, auf einem Stuhl, die Beine locker übereinander geschlagen und las in einem Buch.

„Captain?“

Spencer beachtete sie jedoch nicht, sondern studierte ungerührt weiter die Zeilen. Sie wandte sich der teilweise durchsichtigen Säule zu, positionierte sich gegenüber von Scott und sah hinein. Eine in allen Farben glitzerndes Prisma lag dort, sie erinnerte sich.

Es war ein gemeinsamer Urlaub mit Scott zusammen gewesen, noch zu Akademiezeiten. Sie waren auf Demios II gewesen und hatten den berühmten Stein des Vequar besichtigt. Aus einer bestimmten Position betrachtet und mit dem richtigen Lichteinfallswinkel der Sonnenstrahlen sollte sich das perfekte, allumspannende Muster aus den umherwabernden Farben ergeben, so die Sage. Das Prisma hier war deutlich kleiner als das Original auf Demios, die Muster ähnelten einander jedoch sehr. Scott ging ein Stück um die Säule herum, knapp 30° Grad, legte seinen Kopf schief und musterte auf ein Neues die Kugel.

„Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten!“

Erschrocken wirbelte Hwang herum, Spencer lag nun rücklings auf dem Boden, seine Beine bildeten ein umgekehrtes V und das Buch hielt er mit ausgestreckten Armen in die Höhe.

Als sie sich wieder dem schillernden Prisma zuwandte, schauderte sie, Scott hatte sie gerade ein weiteres Mal durchschritten, als wäre sie Luft.

„Johnny, was ist denn? Hier fehlt doch das Sonnenlicht. Du kannst das Muster doch gar nicht sehen!“ Obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, warf auch sie einen längeren Blick auf die Muster, die unter der durchsichtigen Oberfläche ziellos umherschwirrten. Scott ignorierte sie weiterhin.

Nach einer Weile holte er sich eine Fußbank und schaute aus einer erhöhten Position in die Säule, immer noch mit verkniffener Miene.

„Es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten!“

Hwang wirbelte ein weiteres Mal herum; sie hatte sich zwar mental auf einiges vorbereitet, nicht jedoch darauf, dass Spencer wie eine Fledermaus mit den Füßen unter der Decke klebte und in umgekehrt aufrechter Haltung sein Buch locker im idealen Leseabstand hielt.

„Captain, was...?“ Hwang blieben die Worte aus unerklärlichen Gründen im Halse stecken.

Scott hatte es währenddessen geschafft, das Helligkeitsniveau der künstlichen Lichtquelle innerhalb der rätselhaften Säule zu regeln und starrte weiterhin gebannt auf das Objekt seines Interesses..

Mit einer skeptischen Miene versenkte sich nun auch Hwang in die Faszination des von weitem so unscheinbar wirkenden kristallartigen Prismas. Die Vielfältigkeit der Formen, die Farben, sie erkannte etwas wieder, jedoch...

„Sie wissen doch, Lieutenant, es kommt immer darauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten!“

Mit einem Mal stand sie weit außerhalb inmitten des Weltraumes und schaute auf einen transparenten, große Würfel, in der sich der gesamte Raum mit Scott und der Säule befand. Ein gutes Stück unterhalb, ebenfalls im Weltraum, trieb Spencer, dessen Buch nun aus grün leuchtenden, umherschwebenden Lettern ohne erkennbare Verbindung bestand, die in gleichbleibendem Abstand mit ihm rotierten.

Mit einem Mal wurden die Kugel und Spencer immer kleiner, sie spürte die Kräfte einer starken Beschleunigung, kauerte sich zusammen, unbewusst, in Erwartung eines heftigen Aufpralls...

... und erwachte, halb auf der Seite auf dem Boden ihres Quartiers liegend, ihre Decke bedeckte nur noch die Füße.

Sie blieb einige Sekunden mit offenen Augen und schwer atmend liegen, verbannte die Halluzination grüner, im Quartier vereinzelt umherfliegender Buchstaben aus ihrem Sinn und erhob sich dann mühsam, in der Hoffnung, ein Glas kalten, reinen Wassers und ein paar tiefe Atemzüge würden das Pochen ihres Herzens wieder auf ein erträgliches Maß reduzieren.

22

Projektaufzeichnungen TDF-Projekt AL4, Sternzeit 21823.7, Commander Spencer: [27.10.2344 11:22:51]

Durch einen plötzlichen Sinneswandel Commander Moravciks sind wir nun an Bord der Skate, um den verhängnisvollen Vorfall mit einem Viertel der Original-Geschwindigkeit nachzustellen. Unsere Hoffnung, dass sich eine vergleichbare Abweichung in relativem Rahmen darstellen wird und wir dadurch endlich auf die allem zugrunde liegende Ursache der ganzen Ungereimtheiten stoßen werden, hat sich bisher leider nicht bestätigt. Doktor Martin hat einen förmlichen Protest an die zuständige Admiralität verschickt und wartet auf Antwort, die jedoch bisher ausgeblieben ist.

„Also gut, noch einen zweiten Versuch mit allen Änderungen, Hernandez‘ geändertem Energiegitter, Fähnrich Bergers optimierter Energieverteilung und Doktor Martins Reaktionszeitverkürzungen“, schlug Spencer vor. In seinem Innersten war er zuallererst erleichtert, dass seine Leute, insbesondere Berger, nicht für den Unfall verantwortlich waren. Trotz aller Änderungen und der von Scott geflogenen engen Kurve zeichneten sich keinerlei Probleme ab, wenn man alle Werte auf ein Fünftel reduzierte.

„Noch eine Wiederholung!“, fuhr Martin auf. „Sie haben doch gerade gesehen, das bringt nichts. Alles entspricht vollkommen den berechneten Werten! Sie sind auf dem falschen Dampfer, Spencer, sehen Sie es doch endlich ein und blockieren mein Projekt nicht weiter!“

„Ich blockiere nicht, wir versuchen nur zu verhindern, dass weitere Personen zu Schaden kommen!“, beharrte Spencer.

„Und wenn doch alles Sabotage war?“, fragte Martin.

„Hören Sie lieber auf mit ihrer Sabotage. Wir haben keine Anzeichen gefunden für Sabotage und außerdem: So wichtig sind Sie nicht!!“

Martin schnappte aufgeregt nach Luft nach diesen Worten Spencers; der nur widerstrebend auf der Brücke der Skate anwesende Moravcik hielt es für geboten, selbst ein paar Worte einzuwerfen. „Und wenn wir die Geschwindigkeit erhöhen? Vielleicht war es eine simple Überlastung?“

Spencer schüttelte aufgeregt den Kopf. „Die einzige Möglichkeit, alle Ungereimtheiten zu erklären, ist eine strukturelle. Irgendwas muss grundsätzlich die Funktion stören, auch bei niedrigen Geschwindigkeiten. Anders ist das unregelmäßige Auftreten von überhöhten Geschwindigkeiten, wechselnden Kurvenradien und Leistungsspitzen in der Realität und der Simulation nicht zu erklären!“

„Dann müssen wir also noch genauer werden“, stellte DeFalco fest, der auch langsam den Glauben an Spencers Theorie verlor. „Wir haben doch schon alles genau wie bei Scotts letztem Flug eingestellt.“

„Die Flugparameter sind genau identisch“, wiederholte auch Hellmann. „In der Simulation hatten wir auch bei einem Sechzehntel Impuls leichte Abweichungen. Hier jedoch nicht, das verstehe ich nicht.“

„Was wir von ihrer Simulation halten dürfen, ist doch wohl klar“, ließ sich Martin vernehmen, der sich offenbar wieder gefangen hatte.

„Was anders ist, dass wir jetzt hier sind und nicht auf AL4“, sagte Moreno plötzlich.

Martin warf ihm einen strafenden Blick zu, während Spencer hektisch aufsprang und mit dem Finger schnippte. „Genau! Fähnrich Berger, Fähnrich Walker, beamen Sie in den Kontrollraum auf AL4! Vielleicht fallen Ihnen vor Ort noch Kleinigkeiten ein, an die jetzt nur niemand denkt.“

„Das ist doch Unsinn!“, wiegelte Martin ab und wartete auf ein Machtwort Moravciks, das jedoch ausblieb.

Walker kontaktierte Müller und Jara in ihren Shuttles, dass sie die Reihe von Musterverstärkern ihrer Transporter reaktivierten, so dass sie und Berger ohne Zeitverlust direkt in dem Kontrollzentrum auf AL4 materialisieren konnten.

„Einen Versuch starten wir bis dahin noch!“, ordnete Spencer an.

Hwang, die gerade wieder an der Ausgangsposition angekommen war, wechselte einen raschen, abstimmenden Blick mit DeFalco und Hellmann an den seitlichen Schaltpulten. Dann startete sie den Antrieb mit einem Sechzehntel Impuls, flog die Kurve, beschleunigte auf ein Achtel und stoppte dann nach kurzer Zeit abrupt.

„Wieder nichts“, ließ sie sich niedergeschlagen vernehmen.

„Nicht ganz“, meldete plötzlich Hellmann. „Der Kurvenradius betrug jetzt nicht 1420 Kilometer, sondern 1390. Wir haben an den Einstellungen aber nichts verändert.“

„Gar nichts“, echote DeFalco.

Moreno, der Aktionen der Kennedy-Crew genau verfolgt hatte, nickte zustimmend in Martins Richtung.

Spencer zauberte ein breites Grinsen auf sein Gesicht. „Und was halten wir davon?“, fragte er Martin, der es vorzog, stumm zu bleiben.

„Ja, was halten wir davon?“, fragte Moravcik kühl.

„Hm“, brummte Spencer und tauschte ratlose Blicke mit seinen Ingenieuren und Hellmann.

Hwang war es, als hätte sie gerade für einen kurzen Augenblick grüne Leuchtpunkte auf den Hauptschirm gesehen. Sie saß starr da und ließ ihre Gedanken für einen Moment auf eine bestimmte Stelle einwirken...

Sie tippte plötzlich auf ihren Kommunikator „Hwang an Walker! Was haben Sie gerade gemacht?“

„Nichts, Lieutenant“, kam die verwirrte Antwort. „Wir schalten nur gerade die Monitore ein. Warum?“

Hwang sprang auf. „DAS muss es sein!“, rief sie. „Wir verändern die Reaktionen der Skate, indem wir sie betrachten!“

„Glaubst du das wirklich?“, fragte DeFalco ungläubig.

„Es ist die einzige Möglichkeit“, stellte Hellmann fest. „Abgesehen von der Zeit ist das einzige, was zwischen dem vorletzten und letzten Versuch passiert ist, das Einschalten der Monitore auf AL4 und der Beginn der Datenübertragung.“

„Und wie soll das passieren?“, wollte DeFalco wissen. „Die Daten werden doch einfach übermittelt, fertig. Das kann doch keinen Einfluss auf die Systeme haben!“

„Hat es aber offensichtlich“, stellte Spencer unumwunden fest, der jetzt ebenfalls überzeugt war.

„Und in den Simulationen...“, ergänzte Hellmann nach kurzer Bedenkzeit, „... hatten wir die Abweichungen auch, weil wir mit verschiedenen Datenansichten gearbeitet hatten. Es ist fast wie in der Quantenphysik: Sobald wir ein System betrachten, verändert es sich!“

„Du immer mit deiner Quantenphysik“, brummte DeFalco.

„Vielleicht sollten wir einen neuen Versuch starten, während auf AL4 eine intensive Datenauswertung stattfindet“, schlug Spencer vor. „Spencer an Walker!“

„Wir haben die ganze Zeit schwach mitgehört, Captain“, antwortete Walker über seinen Kommunikator.

„Wir könnten den 1:1-Abbildungsprojektor starten“, schlug Berger vor. „Alle empfangenen Daten der Skate werden ausgewertet und auf einer Schnittzeichnung als Balken- und Kurvendiagramme abgebildet. Gleichzeitig verifizieren wir die Daten mit den Stationssensoren.“

Moravcik nickte rasch, es waren immerhin seine Sensoren, die Berger nutzen wollte.

„Tun Sie das!“, bestimmte Spencer. „Bekommen Sie klare Daten?“

„Positiv, Captain“, antwortete Berger. „Keine Auffälligkeiten.“

„Kanal nicht schließen. Miss Hwang, ein neuer Versuch.“

„Ich wiederhole den letzten Flug“, kommentierte Hwang. „1500 Kilometer Radius... Manöver beendet.“

„Das waren 1340 Kilometer“, gab DeFalco bekannt. „Je mehr Daten wir übertragen, desto enger wird die Kurve.“

„Aber wie kann es sein, dass das Schiff einen 1340 km-Radius fliegt, wenn wir 1500 km sagen und auch 1500 km angezeigt werden?“, wollte Moreno wissen, der die andauernden Versuche Martins, in zu mehr Zurückhaltung zu bewegen, konsequent ignoriert hatte und sich nun zu Spencer, DeFalco und Hellmann gesellte. „Im Ruhemodus stimmten die übertragenen Daten noch?“

DeFalco schlug sich plötzlich an die Stirn. „Na klar! Das ist die Erklärung! Warum habe ich das bloß nicht früher kapiert?“, rief er.

„Was?“, wollte Spencer wissen.

„Der Impulsantrieb“, erläuterte DeFalco. Er wanderte aufgeregt hin und her. „Alle Daten stimmen, solange der Antrieb aus ist. Der Datenabgleich vor den Tests, die Übertragung jetzt nach AL4, alles ist in Butter, solange wir nicht fliegen! Und sobald es losgeht, stimmt nichts mehr. Die Kursdaten werden erst dann programmiert, wenn der Antrieb schon läuft, deswegen die falschen Kurvenradien. Und das Ganze ist bisher noch nicht aufgefallen, weil niemand einen Blick auf die externen Sensoren riskiert hat, wozu auch?.“

„Und?“, fragte Spencer, alles andere als überzeugt. „Warum soll ausgerechnet der Impulsantrieb selbst für die Datenabweichungen verantwortlich sein? Es gibt viele Systemen, die während des Flugs laufen und sonst nicht.“

„Vor einigen Tagen, bei der Untersuchung auf der Skate! Müller hatte einen Kommunikationstest zwischen der Navigationskonsole und dem Impulsantrieb durchgeführt und für fünfunddreißig Sekunden hatte auch er Datenabweichungen. Währenddessen hatten Ngatadatu und ich Tests am Impulsantrieb durchgeführt. Fünfunddreißig Sekunden!“, wiederholte DeFalco.

Auf diese Wiederholung hin hellte sich Spencers Miene auf. „Du meinst...“

„Genau. Es muss der Impulsantrieb sein. Warum ist uns das nicht früher aufgefallen?“

Moravcik sah verwirrt abwechselnd zu Spencer und zu DeFalco. „Kann mir jemand das mal erklären?“

„Natürlich.“ Spencers Ton schwankte zwischen höflich und genervt. „Zu der Standardtestprozedur für Impulsantriebe gehört ein Belastungstest für fünfunddreißig Sekunden. Während Lieutenant DeFalco und Fähnrich Ngatadatu den Belastungstest durchgeführt haben, gab es Störungen im Kommunikationstest. Genau für die fünfunddreißig Sekunden. Daher der Impulsantrieb als die wahrscheinliche Ursache.“

„Und wie wollen sie erklären, dass der Antrieb mit falschen Parametern fliegt, während er die richtigen anzeigt?“, wollte Martin wissen, der lange stumm geblieben war.

„Da war was“, murmelte Spencer, begleitet von seiner charakteristischen Kopfnickbewegung, die er immer dann vollführte, wenn er einen wichtigen Gedanken zu Ende dachte, ihn aber während des Denkprozesses bereits erläuterte. „Auf diesem Schiff schickt der Navigationscomputer die eingegebenen Befehle an den Impulsantrieb und gleichzeitig zu den Monitoren. Der Antrieb führt die Befehle aus, darüber gibt es allerdings keine direkte, das heißt, sichtbare Kontrolle. Auf modernen Schiffen schickt der Antrieb eine Rückmeldung an den Navigationscomputer zur Fehlerkontrolle, hier jedoch nicht. Zufrieden mit der Erklärung, Doktor?“

„Jetzt müssen wir also nur noch herausfinden, wie, also auf welche Weise, der Impulsantrieb das Kommunikationssystem stört und dann wissen wir endgültig Bescheid?“, folgerte Hwang.

„Ja. Dann wissen wir, wer geschlampt hat“, brummte DeFalco, plötzlich nicht mehr allzu selbstsicher.

Doktor Martin zog es zur Überraschung aller vor, nichts zu erwidern.

Mit einem Signal seines Kommunikators zog Moravcik die plötzliche Aufmerksamkeit aller auf sich. „Morya an Moravcik!“

„Was gibt es, Morya?“

„Commander, gerade traf ein Befehl von Admiral Lawson ein. Die Tests sind unverzüglich wieder aufzunehmen. Außerdem wird die Kennedy bereits in einer guten Stunde eintreffen.“

Ernüchterung zeichnete sich in allen Gesichtern, sogar in Martins ab. Dieser Befehl kam genau zum falschen Zeitpunkt...

„Danke, Morya.“ Moravcik schloss den Kommunikationskanal. „Sie haben es gehört“, stellte er fest.

„Aber, Commander“, rief Hwang. „Wir sind doch jetzt genau auf dem richtigen Weg, stehen kurz vor der Lösung der Probleme.“

„Sie haben den Befehl doch auch gehört, oder?!“, wiederholte Moravcik.

Hwang ließ nicht locker. „Das hier ist doch ein Teil der Tests, wenn Sie so wollen. Wir sind auf Fehlersuche. Und wenn wir den Fehler gefunden haben, können wir meinetwegen weiter testen.“

„Ich dachte, Sie wollten die Skate nicht mehr fliegen.“ Moravcik legte für einen Augenblick seinen Kopf schief, in ihm reifte eine Entscheidung. „Aber ich wollte nicht unterbrechen. Fahren Sie fort!“

Spencer grinste. „Tja. Welche Subsysteme des Impulsantriebs könnten mit den Dateninterfaces interferieren?“, fragte er, nun wieder ernst.

„Es muss etwas Spezielles sein, was die Skate auszeichnet“, sagte Moreno.

„Und das wir in die Simulationen mit übernommen haben“, ergänzte Hellmann.

„Walker an DeFalco!“

„DeFalco hier. Was gibt‘s, Sandra?“

„Ich habe mir gerade einmal genauer die Daten angesehen, die hier zu uns übertragen wurden. Die Werte der vektoriellen Ausstoßleiter liegen im Schnitt zwei- bis dreihundert Prozent über den heute üblichen Grenzwerten.“

DeFalco blickte für einige Sekunden angestrengt nachdenkend und schief ins Leere, führte einige schnelle Abfragen am Computer durch und schnippte mit dem Finger. „Dann ist die Sache für mich klar. Die vektoriellen Ausstoßleiter des Impulsantriebs stören die ODN/Duotronic-Konverter, die das alte Computersystem der Skate mit dem neuen TDF verbinden und dessen Daten auf unsere Monitore übermitteln. Mit anderen Worten: Ein moderneres Schiff als die Skate hätte diese Probleme gar nicht haben können!“

„Und weil wir die ODN/Duotronic-Konverter in unsere Simulationen übernommen hatten, hatten wir automatisch die Fehlerquelle mit übernommen“, ergänzte Hellmann.

„Und das war Ihre Aufgabe, das bei der Umrüstung zu berücksichtigen, Doktor!“, stellte Spencer fest.

„Lassen sich diese... diese Ausstoßleiter nicht irgendwie isolieren oder abschirmen?“, stammelte Martin verzweifelt.

Moreno schüttelte kategorisch den Kopf. „Die heutigen Ausstoßleiter sind eine vollständig neue Konstruktion, die nötig wurde, als die LCARS-Computersysteme auf ODN-Basis eingeführt wurden. Wir brauchen ein neues Testschiff, Doktor.“

Spencer, Hwang, DeFalco und Hellmann sahen sich verstehend an, Moreno verstand es durchaus, eine Gelegenheit zu nutzen, wenn sie sich ihm bot...

„Wie kamen Sie eigentlich auf den Gedanken mit der Betrachtungsweise?“, wollte Spencer abschließend von Hwang wissen, die jedoch nur mit den Schultern zucken konnte, wollte sie ihrem Captain nicht ganze Bandbreite der Fantasien ihres Unterbewusstseins offen legen.

23

DeFalco beobachtete den Anflug der Kennedy auf dem Aussichtsdeck der Station, als Spencer hinzutrat. „Ach hier bist du. Warum sagt der Computer dann, du wärest in deinem Quartier?“

„So wie‘s aussieht, hat unser blonder Kühlschrank dein Schiff heil zurückgebracht“, brummte DeFalco, ohne auf Spencers Frage einzugehen.

Spencer räusperte sich deutlich. „Gerry... das habe ich jetzt nicht gehört. Du solltest dir deinen Kommunikator wieder anstecken und mich zum Konferenzraum begleiten. Bevor Commander Lemois“ - er betonte Rang und Namen deutlich - „angedockt haben wird, möchte ich gerne noch einige Worte an euch richten.“ Er knurrte abschließend etwas Undefinierbares und verließ das Aussichtsdeck, gefolgt von DeFalco. Er sollte sich freuen, jetzt wo das TDF-Projekt endlich gestoppt war und sich nicht gleich schon wieder im Vorfeld über Lemois ärgern...


Im Konferenzraum waren bereits alle versammelt, alle aus der Testcrew der Kennedy.

„Danke, dass Sie sich alle herbemüht haben“, begrüßte Spencer die Anwesenden mit einem langen Seitenblick auf DeFalco. „Um mit der erfreulichen Nachricht zu beginnen, wir sind mit sofortiger Wirkung raus aus dem Projekt und haben auch gleich einen neuen Auftrag. Die Sternenflotte hat aufgrund unserer Ergebnisse ein Machtwort gegen Martin gesprochen, und zwar binnen Minuten. Vermutlich haben einige Damen und Herren mit einem Mal kalte Füße bekommen. Das TDF-Projekt wird bis zur Bereitstellung eines neuen, besser geeigneten Testschiffs ausgesetzt, Martin ist gehalten, seine Arbeiten währenddessen gründlich zu überprüfen.“

„Und der neue Auftrag...“, deutete Hwang an.

„Wir sollen die Skate wieder im Epsilon Aurigae-System abliefern und dann schleunigst zu Außenposten 59 weiterfliegen. Warum, konnte mir Moravcik nicht sagen, nur das es dringend ist. Ich vermute, Paris hat unabhängig von den Untersuchungsergebnissen irgendwo interveniert, um uns hier rauszuholen.“

„Außenposten 59? Der ist ziemlich nahe an der cardassianischen Grenze, wenn ich nicht irre“, meinte Hwang.

„Dann kommen wir ja wieder nicht zu unserem dringend benötigten Dockaufenthalt. Ich will gar nicht wissen, welchen Ärger MacDonnell unterwegs mit dem Warpantrieb gehabt hatte!“, fiel DeFalco ein.

„Ich weiß, Gerry, aber immer noch besser, als wenn die Kennedy die Rolle des Testschiffs übernehmen würde. Und sie liegen richtig mit ihrer Vermutung, Miss Hwang, ich habe nachgesehen, er liegt zweieinhalb Sektoren von der Grenze entfernt. Das hört sich nicht so gut an.“

Direkt, als Spencer geendet hatte, erreichte ihn ein Kommunikatorsignal „Moravcik an Spencer!“

„Ja, Spencer hier!“

„Commander, ihr Schiff dockt gerade an Rampe 2.“

„Vielen Dank. Informieren Sie Commander Lemois, dass wir in Kürze an Bord kommen werden.“

„Moravcik Ende.“

„Sie haben es gehört, sie können ihre Siebensachen zusammenpacken. Gerry, du koordinierst den Rücktransport der noch verbliebenen Ersatzteile. Reichen dir drei Stunden?“

„Mir reichen auch zwei“, antwortete DeFalco. „Ich nehme gerne Stress in Kauf, wenn ich endlich hier verschwinden kann.“

„Wir können's dir nachfühlen, glaube ich.“ Mit einem langsamen Kopfnicken deutete Spencer das Ende der Sitzung an.


Gute zwanzig Minuten später betrat Spencer zum ersten Mal wieder die Brücke der Kennedy. Es war das überhaupt erste Mal für ihn gewesen, diese seine Brücke nach längerer Zeit wieder zu betreten und er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich gefühlt hatte, als ihm das gleiche zum allerersten Mal passiert war, auf seinem ersten Schiff, der Cousteau vor etwas weniger als einem Jahr.

Er ließ für einen kurzen Moment seinen Blick schweifen. Lemois saß nicht ganz so aufrecht wie sonst immer im Kommandosessel, die Besatzung an den übrigen Stationen ging brav ihrer Arbeit nach. Ein Ausruf Torrentes schreckte ihn geradezu auf. „Captain auf der Brücke!“

Spencer musste spontan lächeln, er hatte irgendwie erwartet, dass Lemois dieses Ritual wieder einführen würde.

„Jetzt bin ich wieder der Captain“, ließ sich Spencer vernehmen, „jetzt können Sie sich diese Feststellung wieder sparen. Trotzdem... weitermachen!“

Lemois drehte sich aus dem Kommandosessel um. „Ah, Captain. Willkommen an Bord!“, begrüßte sie ihn aufgeschlossen.

„Danke, Commander. Kommen Sie gleich mit in mein Büro. Es ist schließlich jetzt wieder mein Büro.“

Lemois nickte mit dem Anflug eines Lächelns und folgte Spencer, der für sie mit dem ersten Satz gleich wieder ganz der Alte war.

„Nehmen Sie Platz.“ Für einen Moment hatte Spencer den Eindruck, als wollte sich Lemois der Macht der Gewohnheit folgend seinen Stuhl besetzen, aber stellte fest, dass sie sich zwang, vor dem Tisch stehen zu bleiben.

„Also“, begann er. „Im Moment lädt DeFalco wieder die ganzen Ersatzteile ein.“

„Ich weiß“, unterbrach sie. „Ich hatte den Ladevorgang gerade autorisiert.“

„Auch gut.“ Spencer klang sofort nach dem ersten Wortwechsel mit ihr wieder genervt. „Über die Einzelheiten des Projektverlaufes werde ich sie zu gegebener Zeit informieren, die Unfallursache ist jedenfalls geklärt. Das Projekt ist vorerst eingefroren, unsere Mitarbeit beendet. Das heißt, wir fliegen gleich ab, sobald DeFalco fertig ist.“

Lemois quittierte Spencers Aussage mit einem frohlockenden Blick, da sie während der Projektarbeit größtenteils zum Warten gezwungen worden und noch mehr Warten nicht zu ertragen gewesen wäre.

Spencer fuhr fort: „Als erstes sollen wir die Skate wieder dahin zurückbringen, wo wir sie hergeholt haben. Dann sollen wir uns auf den Weg nach Außenposten 59 machen, wo wir dringend erwartet werden“, informierte er Lemois.

Sie verdrehte die Augen. „Schon wieder nach Epsilon Aurigae. Da kommen wir doch gerade her!“

„Die Skate muss jedenfalls wieder dahin, wo sie herkommt. Der ganze Vorfall ist nämlich auf die Skate selber zurückzuführen, sie ist untauglich als Testschiff. Und diejenigen, die zum Transport am nächsten dran sind, sind wir.“

Lemois‘ Mimik sprach Bände, schluckte aber alle weitere Bemerkungen zu diesem Thema ungeäußert hinunter. Spencer stellte fest, dass sie sich in den letzten Tagen, an denen sie die Kennedy für sich allein gehabt hatte, überhaupt nicht verändert hatte.

„Und wie waren die letzten Tage für Sie?“

„Anstrengend, um ehrlich zu sein“, antwortete Lemois. „Aber nicht weniger faszinierend...“


Die versprochenen zwei Stunden waren vergangen und DeFalco hatte alle Ersatzteile längst wieder an Bord gebracht. Die übliche Brückencrew war wieder bei der Arbeit, nur die Ingenieursstation und der Platz links neben Spencer war unbesetzt.

„Wir haben Startfreigabe“, meldete Terk.

„So. Haben wir auch nichts vergessen?“, fragte Spencer Lemois rhetorisch. „Lösen Sie die Andockklammern und nehmen Sie Kurs auf die Skate mit halber Impulskraft. Bereiten Sie außerdem Traktorstrahl und Warpantrieb auf das Schleppen der Skate vor.“

„Kurs gesetzt, Sir. Halbe“ - Hwang fühlte sich für einige Augenblicke wieder in den Simulationsraum der Basis AL4 versetzt, dann besann sie sich - „Halbe Impulskraft.“ Sie ließ den Computer die komplizierten Manöver berechnen, die erforderlich waren, um die Skate mit dem Traktorstrahl wieder anzukoppeln und dachte an Johnson Scott. Sie hatte den netten Arzt von AL4 gebeten, sie über seinen Zustand immer auf dem Laufenden zu halten. Mit einer automatischen Handbewegung betätigte sie ohne Hinsehen den Startknopf.

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