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Star Trek: Kennedy
6. Die Sphären der Algiebaner

Version 2.0, 31.03.2001

Korrigiert nach der neuen Rechtschreibung.

© Copyright 1999-2001 Andreas Drechsler. Alle Rechte vorbehalten.

E-Mail: ADrechsler@gmx.net

Homepage: http://beam.to/USSKennedy

      1

Persönliches Logbuch, Commander Spencer, Sternzeit 21651.9: [25.08.2344 14:17:23]

In schätzungsweise zwanzig Stunden werden die Werftingenieure von Utopia Planitia ihre Arbeiten an der Kennedy abgeschlossen haben, die vornehmlich darin bestehen, die gesamte Software sowie einige kritische Hardwarekomponenten auszutauschen. Meine Befragung durch die Untersuchungskommission für die Vorfälle an Bord der Kennedy und auf Utopia ist vergleichsweise unspektakulär verlaufen.

„Hallo, Ina. Träumst du?“

„Was?“ Eine geistesabwesend wirkende Karaplidis erhob sich aus ihrer versunkenen Position in einem der weichen, bequemen Sitzgelegenheiten im großen Kasino der Utopia Planitia-Werft. „Du bist schon zurück?“, fragte sie Spencer nach einem Moment.

„Allerdings.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin erstaunt, was die alles nicht von mir wissen wollten. Ich hol‘ mir eben meinen Kaffee. Soll ich dir was mitbringen?“

„Ja, gerne.“ Sie deutete auf ihre beinahe geleertes Trinkgefäß vor ihr auf dem Tisch. „Das Übliche, du weißt schon.“

„Ist gut“, bestätigte Spencer.

Auf dem Weg zu der großen Replikatorvorrichtung an der nächstgelegenen Wand bemerkte er, dass in einer weit entfernten Ecke des Raumes Hwang, DeFalco, M‘Boya und noch zwei andere Crewmitglieder der Kennedy, die ihm den Rücken zuwandten, um einen Tisch herum saßen und sich angeregt unterhielten. Er gab Hwang und DeFalco, die gerade zufällig aufsahen, durch ein Handzeichen zu verstehen, dass er sie gesehen hatte. Auf dem Rückweg zu Karaplidis hatte er geringe Mühe, beide Getränke durch das sich langsam füllende Kasino zu balancieren.


„Er ist schon wieder da. Das ging ja fix“, stellte DeFalco halb selbstmurmelnd fest.

„Wer?“, fragte Berger, einer der Personen, die Spencer nicht hatten sehen können.

„Spencer“, antwortete DeFalco. „Er war doch gerade bei der Untersuchungskommission, die alles von ihm wegen Morretti und unserem Ärger in Giclas wissen wollten. Quak, quak, quak.“ Beide Hände DeFalcos vollführten begleitend abwechselnd die Geste eines sich öffnenden und schließenden Maules.

Hwang und Fähnrich Carpelli prusteten spontan los, Berger verschluckte sich zusätzlich an schätzungsweise siebzig Millilitern seines Altair-Wassers. Nur M‘Boya hatte sich etwas besser im Griff, für sie war DeFalco zu leicht berechenbar.

„Ja, ist doch wahr“, bekräftigte DeFalco. „Die haben doch keinen Schimmer. Uns sollten sie fragen!“

„Das haben sie doch, praktisch“, warf Berger ein. „Wir haben Spencer unsere Ergebnisse präsentiert und der hat sie weitergegeben.“

DeFalco ließ sich nicht beirren. „Er hat aber kein Hintergrundwissen. Und die in der Kommission haben sowieso keine Ahnung. Sonst säßen sie nicht drin.“

„Du siehst aber heute wieder alles negativ“, urteilte Hwang und stieß ihm sanft ihren Ellbogen in die Rippen.

„Wer sieht alles negativ?“, platzte der gerade eingetroffene Hellmann heraus. Carpelli und Berger rückten bereitwillig ein Stück weit auf, Hellmann ließ sich nieder und warf DeFalco ein PZAG zu, dass dieser nur dank seiner schnellen Reflexe rechtzeitig auffangen konnte.

„Rate mal, was das ist“, forderte Hellmann.

„Computerdaten“, meinte DeFalco, der einige flüchtige Blicke auf den PZAG-Inhalt geworfen hatte.

„Eine Kopie der zentralen Infektionsroutine aus dem Kernsynchronisierungs-Unterprogramm. Die habe ich gerade einem der Werftingenieure abgeluchst, bevor sie den gesamten Code ausschließlich dem Untersuchungsteam zur Verfügung stellen konnten. Da steht alles drin, was wir über Morretti lernen können.“

„Über seine Arbeitsweise, seine Auftraggeber...“, freute sich Hwang. „Das sollten wir nutzen! Oder wollt ihr nicht wissen, wer oder was hinter allem steckt?“

„Sicher“, stimmte Hellmann zu. „Und Spencer hat nichts dagegen?“

„Der sowieso nicht“, brummte DeFalco. „Lemois allenfalls.“

„Ach was“, erwiderte Hwang. „Die ist mindestens so neugierig wie wir alle. Und zur Not... überzeuge ich sie.“ Ein unmerkliches Zwinkern ihrerseits drückte die Freude aus, die sie empfinden würde, würde sie sich Lemois‘ eigener Waffen bedienen.

DeFalco grinste sie breit an. „Hat ja wirklich Vorteile, dass du jetzt zur Führungsetage gehörst“, stellte er fest.


„Danke, Andy. Erzähl‘ doch mal.“ Karaplidis sprach die Neugier förmlich aus den Augen, nachdem sie ihr Getränk in Empfang genommen hatte.

„Es war ziemlich merkwürdig. Ich habe unser aller Ergebnisse vorgetragen, bekam allerdings kaum Rückfragen. Dabei hatte ich ihnen genug rote Fäden präsentiert. Der Vorsitzende, ein Captain W'Chenk...“

„W'Chenk?!“, unterbrach Karaplidis verwundert. „Die haben W'Chenk die Leitung übertragen?“

„Müsste ich ihn kennen?“, fragte Spencer zurück.

Sie schüttelte den Kopf begleitet von einem entschuldigenden Lächeln. „Captain W'Chenk hat dieses Jahr bereits zwei saftige Fehlschläge mit seinen Untersuchungen gehabt. Er war auf Rangifer II, um die Hintergründe für die Lieferung von gefälschten Shuttle-Bauteilen zu recherchieren und hat danach einen angeblichen cardassianischen Agenten im Konstruktionsbüro in San Francisco gejagt. Im ersten Fall ist er die Sache zu lax angegangen und im zweiten hat er sie so gravierend überschätzt, dass man ihn abgezogen hat, bevor er jeden verdächtigt hätte. Am Schluss stellte sich heraus, dass zwar ein vermutlich cardassianischer Agent vor Ort war, allerdings nur haufenweise falsche Spuren gelegt hat. W'Chenk wäre jeder einzelnen Spur bis zum Ende nachgegangen. Ich hätte jetzt vermutet, er wäre längst abgesägt.“

„Das passt. Niemand aus der Kommission machte wirklich den Eindruck, als würde er vehement versuchen, die Hintermänner Morrettis oder den letztendlichen Sinn seiner Aktionen ausfindig zu machen.“ Spencer winkte ab und spülte einen Teil seiner wachsenden Verärgerung mit mehreren Schlucken Kaffee hinunter. „Möchte mal wissen, warum.“

„Und jetzt erzähle ich dir mal was Neues“, begann Karaplidis. „Wir liegen mit der Kennedy exakt im Zeitplan. Morgen könnt ihr fliegen, dein Schiff ist dann wie neu.“

„Das tut gut zu hören“, versicherte Spencer mit echter Erleichterung.

„Und wenn sie tadellos laufen sollte, dann holen wir nacheinander alle Schiffe wieder her, die in den letzten drei Monaten hier waren und geben ihnen neue Software. Wer weiß, wo Morretti überall noch seine Progrämmchen verteilt hat.“

„Na, Mahlzeit“, kommentierte Spencer trocken.


„Was mich die ganze Zeit beschäftigt“, warf M‘Boya ein und unterbrach damit eine Debatte zwischen DeFalco, Hellmann und Berger über den anzunehmenden Wirkungskreis Morrettis. „Hatten wir eigentlich wirklich niemanden an Bord, der uns sabotiert hat?“, fragte sie, einen gezielten Themenwechsel herbeiführend.

„Können wir nicht mit letzter Sicherheit sagen“, antwortete Hellmann zögernd. Die übrigen sagten nichts, schließlich waren die gesagten Worte der letzten Konferenz auf dem Rückweg ins Sol-System nicht so einfach aus der Welt zu schaffen.

Der erste, der sich wieder regte, war der M‘Boya gegenübersitzende DeFalco. Er erhob sich und winkte jemand entferntem zu. Als sich M‘Boya umwandte, nahm sie wahr, dass gerade Karov, MacDonnell und noch ein Crewmitglied, dass sie nicht kannte, hereingekommen waren und sich in der Nähe des Eingangs platzierten. Etwas enttäuscht ließ sich DeFalco wieder fallen, innerlich hatte er gehofft, wenigstens Karov würde sich zu ihnen setzen. Rasch suchte er das Gespräch wieder aufzunehmen. „Wie schlägt sich eigentlich Walker im Maschinenraum?“, fragte er Hellmann.

„Ganz gut, denke ich.“ Er schmunzelte. „Als ich ging, erklärte sie gerade einem Fähnrich von der Werft seine Arbeit.“

DeFalco lachte kurz ein meckerndes Lachen. „Ich wusste doch, die hat den Durchblick“, verkündete er.

„Noch was zu Morretti“, begann Hellmann wieder. „Mir ist da gerade etwas eingefallen, weil so gut wie alles von einem vorhergehenden Ereignis abhing. Das kommt mir irgendwoher bekannt vor...“

Stumm und nachdenklich saß M‘Boya da während im Hintergrund die Diskussion um Morretti wieder aufflammte, wenngleich eine Spur verhaltener als bisher.


„Es gab also unterschiedliche Kopien der Dienstakten von Gilbertson hier auf Utopia und auf der Erde?“, fragte Karaplidis nach.

Spencer nickte. „Deswegen hat Nasse beim Dienstaktenlesen auch nichts gemerkt. Karov hat gleich die Akten aus dem Zentralarchiv auf der Erde angefordert und da...“

„Dann sollten wir hier uns Gedanken über einen neuen Verschlüsselungsmechanismus machen...“, murmelte Karaplidis entnervt. Schließlich waren die Computer auf Utopia Planitia auch nicht ohne Blessuren durch die Aktionen Morrettis geblieben. Ihre Computer...

„Lemois an Captain Spencer!“

Spencer führte seinen gerade begonnenen Trinkvorgang erst in Ruhe zu Ende, bevor er auf den Ruf antwortete.

„Le...“

„Spencer hier.“

„Captain, ich störe ungern... aber da ist gerade eine Nachricht gekommen. Für Sie. Von Admiral Paris. Ich denke, unser neuer Einsatzbefehl.“

„Bin gleich da, Commander. Die Nachricht läuft uns nicht weg.“

„Okay... Lemois Ende.“

„Ein Unglück kommt selten allein, hm?“, stichelte Karaplidis.

„Wieso Unglück?“, fragte Spencer verschmitzt lächelnd zurück und leerte gelassen seinen Kaffee.


„Worüber die da drüben wohl reden?“, fragte MacDonnell halb laut, nachdem sie den gestenreichen Wortwechsel in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes einige Blicke lang verfolgt hatte.

„Soll ich euch was sagen?“, begann Fähnrich Krovic, die MacDonnell überhaupt nicht zugehört hatte. Ihr Tonfall drückte großes Mitteilungsbedürfnis aus, Karov und MacDonnell sahen sie daher gleichsam interessiert und fragend an.

„Einer meiner alten Dozenten für Astrophysik, Doktor Al-Zendani, hatte mich heute morgen kontaktiert und mich gefragt, ob ich kein Interesse hätte, ins Forschungsteam der Akademie zurückzukehren.“

„Und?“, fragte MacDonnell schnippisch. Ihr missfiel die aufgeregte Art und Weise, in der Krovic ihre Aussage präsentierte.

„Ich habe ihm natürlich gesagt, dass ich ablehne. Endlich habe ich die Gelegenheit, in den Weltraum zu kommen! Auch wenn die Wurmlochdaten, die hier auf Utopia Planitia entdeckt wurden, natürlich faszinierend sind.“

„Und wegen dieser Wurmlochdaten ist da jeder in Aufruhr?“, fragte MacDonnell weiter.

„Sicher“, erklärte Krovic, unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschend. „Einer der bedeutensten Durchbrüche in der Forschung in den letzten Jahren. Und diese Daten werden einfach so gefunden. Verständlich, dass sie jetzt jeden fragen, der einigermaßen Ahnung von diesem Gebiet hat...“

MacDonnell heuchelte Interesse, nur um das Gespräch zukünftig in eine interessantere Richtung zu lenken während Karov einen langen Blick durch das Kasino zu DeFalco warf; der war jedoch zu sehr im Gespräch versunken, um sie zu bemerken.


Spencer und Lemois sahen sich die Nachricht Paris‘ in Spencers Bereitschaftsraum an.

„Guten Morgen, Captain“, begann ein wie üblich starr und streng dreinblickender Paris‘. Lemois, die hinter Spencers Stuhl stand, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Wie ich hörte, waren Sie aufgrund außergewöhnlicher Umstände nicht in der Lage, den vorgegebenen Abflugtermin einzuhalten. Primäre Mission bleibt die Patrouille im Ankaq-Sektor, ihre vorgeschriebene Route wurde den neuen Gegebenheiten angepasst. Als sekundäres Missionsziel erhalten sie den Auftrag, sich nach und nach an die Geschwindigkeit von Warp 9 heranzutasten. Sie sind bestens vertraut mit den Spezifikationen der neuen Centaur-Klasse und werden dafür sorgen, dass das volle Potenzial dieses Schiffstyps endlich genutzt werden kann. Sie werden um Sternzeit 21654.6 von Utopia Planitia starten, die weitere Flugroute liegt dieser Nachricht bei. Nachdem sie Lieutenant Rodriguez auf Sternenbasis 53 an Bord genommen haben, beginnt ihre Patrouille. Paris Ende.“

„Sehr freundlich“, kommentierte Lemois. Spencer erwiderte nichts.

„Sie sehen so... zufrieden aus, Captain“, stellte sie bei der gemeinsamen Rückkehr auf die Brücke fest. „Warum?“

„Ganz einfach. Früher musste ich meine Basteleien immer unterbrechen, wenn der Antrieb für einen Einsatz gebraucht wurde. Und jetzt ist das sogar sekundäres Missionsziel.“ Er lächelte breit.

„Und DeFalco?“, fragte Lemois.

„Das ist genau nach seinem Geschmack“, antwortete Spencer zufrieden. „Jetzt entschuldigen sie mich, Commander, ich verschwinde von der Brücke.“

„Und ich bleibe noch“, erwiderte Lemois vergnügt, jedoch immer noch skeptisch Spencers Verhalten betreffend.


Karaplidis hatte es sich in ihrem großräumigen Quartier auf Utopia Planitia bequem gemacht; sie zog sich tagsüber eher selten dorthin zurück, doch dieses Mal hatte sie einen triftigen Grund.

„Commander Karaplidis an Commander Becker!“

„Becker hier. Hallo!“, ertönte eine relativ helle, erfreute, weibliche Stimme aus Karaplidis‘ Terminal, zeitgleich erschien ein zur Stimme passendes Bild auf dem Bildschirm desselben.

„Hallo“, grüßte Karaplidis zurück. „Du weißt doch immer alles, was bei euch in der Sicherheit so vor sich geht, oder?“

„Na ja, wie man‘s nimmt.“ Becker war es nicht überaus angenehm, dass Karaplidis eine ihrer hervorstechenden Eigenschaften so direkt ansprach, denn wenn sie es tat, dann tat sie es in einer bestimmten Absicht.

„Ich möchte nur wissen, warum ausgerechnet Captain W'Chenk die Untersuchung über die Computerattacken auf Utopia und die Kennedy leiten darf.“

Becker musste kurz nachdenken, dann blitzte ein gewinnendes Lächeln auf ihrem Gesicht auf. „Die Anweisung kam von relativ weit oben. Von wie weit oben, erzähle ich dir bei einem gemeinsamen Essen. Morgen Abend, New Berlin, Targ‘s Spezialitätenrestaurant?“

„Da kann man nicht nein sagen“, stellte die überrumpelte Karaplidis mit einem zögerlichen Lächeln fest. „Wir sehen uns.“

„Ich helfe dir, wo ich kann“, flötete Becker zuvorkommend. „Ich freu‘ mich. Becker Ende.“

In dem Moment, in dem Beckers Abbild auf ihrem Terminal durch einen rein schwarzen Bildschirm ersetzt wurde, nahm sich Karaplidis fest vor, in Zukunft die Gabe der sanfteren Überzeugungskunst etwas öfter einzusetzen.


„M‘Boya an Spencer!“

Spencer sah auf, sein Gehirn benötigte drei Sekunden, um von der Tiefenanalyse der Tarrasch-Verteidigung im abgelehnten Damengambit auf normalen Betrieb umzuschalten. „Was gibt's, Doktor?“, erkundigte er sich, mit der rechten Hand seine gedanklichen Ergebnisse notdürftig dem Schiffscomputer einspeisend.

„Captain, Sie sind bis jetzt der einzige, der noch nicht zu seiner regulären Untersuchung erschienen ist“, stellte M‘Boya fest.

„Untersuchung? Sie haben doch meine Daten erhalten, oder?“

„Ja, Captain. Aber erstens sind sie bereits einige Monate alt und zweitens muss ich mit meinen neuen Geräten einen Vergleich durchführen.“

„Sie haben doch schon neunundneunzig Vergleichsdaten“, brummte Spencer und fuhr fort, ohne M'Boyas Reaktion abzuwarten. „Also gut, ich bin unterwegs. Spencer Ende.“ Er wusste, dass sie durchaus hartnäckig sein konnte und wollte nicht riskieren, seine im Moment recht passable Stimmung zu verschlechtern. Außerdem würde eine kurzzeitige Unterbrechung seinen Analysebemühungen bestimmt nicht schaden.

Auf dem Weg zum Turbolift stoppte er kurz, trug sich für einen Moment mit dem Gedanken, auch seinen neueste Idee noch im Computer zu vermerken, nahm seinen Weg aber fast sofort wieder auf, da ihm auf dem Fuße eine zwingende Widerlegung besagter Idee eingefallen war. Mechanisch fuhr er mit dem Turbolift zwei Decks in die Tiefe.

„Captain! Gut, dass Sie kommen konnten“, empfing ihn M'Boya auf der ansonsten ausgestorben wirkenden Krankenstation. ‚Eine unpassende Vorstellung‘, tadelte sich Spencer im Geiste.

Sie deutete freundlich, aber bestimmt auf eine Untersuchungsliege und ihm blieb keine Wahl außer sich widerstrebend niederzulassen.

„Sagen Sie Captain, was halten Sie eigentlich von DeFalco und Karov?“, fragte sie ihn wie nebenbei während sie begann, ihn mit ihrem medizinischen Tricorder abzutasten.

Als Bordärztin blieb ihr nicht viel verborgen, schon gar nicht auf einem Schiff mit nur einhundert Crewmitgliedern, auf dem sie außerdem noch als Schiffsberaterin fungierte, da die Planstelle eines Counselors nicht vorgesehen war. Mit ihrer intuitiven Menschenkenntnis war sie bisher für Spencer immer ein guter Ratgeber in dieser Hinsicht gewesen.

„Also ist da doch was dran“, murmelte Spencer. Er zuckte mit den Achseln. „Es interessiert mich nicht sonderlich, solange es keinen Ärger gibt und der Dienst nicht beeinträchtigt wird. Aber da bei DeFalco erfahrungsgemäß“ - er räusperte sich leicht - „durchaus die Möglichkeit besteht, dass es in naher Zukunft Ärger geben könnte, werde ich mal ein kleines Wörtchen mit ihm wechseln... falls sie es noch nicht getan haben."

„Das habe ich bereits, Captain, mit beiden. Ich glaube allerdings nicht, dass sie es gemerkt haben“, stellte sie vieldeutig fest. Sie überprüfte kurz zwei, drei Messwerte genauer und wechselte dann ihr Untersuchungsinstrument.

„Sagen Sie... welche vertrauensbildenden Maßnahmen unter Ihren Führungsoffizieren haben Sie in Erwägung gezogen?“, erkundigte sie sich.

„Doktor?“

„Wir sollten doch verhindern, dass sich ein Wortwechsel wie auf der Besprechung auf dem Rückweg von Giclas wiederholt, oder? Ich sage nur, Paranoia“, erklärte M‘Boya während sie ihren Tricorder neu justierte.

„Ich würde sagen, dass sich das nicht wiederholen wird, da die Crew einsichtig genug ist, um grundlose Verdächtigungen untereinander zukünftig zu unterlassen“, erwiderte Spencer, dem naturgemäß nicht sehr wohl dabei war, dass M‘Boya dieses Thema angeschnitten hatte.

Unbewusst legte M‘Boya ihre Instrumente aus der Hand während sie antwortete. „Der Vertrauensbruch war bereits da und wurde nicht klar genug ausgeräumt. Das, kombiniert mit dem Kennenlernen der neuen Crew kann sich zu einer dauerhaften Belastung entwickeln, falls nichts dagegen getan wird.“

„Das Vertrauen wird sich automatisch in den nächsten drei Wochen ein- und wiederherstellen, auf unserem Weg in unser Operationsgebiet. Dreiundzwanzig Tage routinemäßiger Schiffsbetrieb und Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen sollten genügend Vertrauen bringen.“ Spencer bereute es, so kurz entschlossen die Krankenstation aufgesucht zu haben. Hätte er geahnt, was M‘Boya alles zu sagen hatte... auf der anderen Seite war es natürlich wichtig, solche Dinge zu erfahren. Gerade bei einer nur hundert Personen umfassenden Besatzung kam dem sozialen Auskommen der Crew, dem viel zitierten ‚Klima‘ eine besondere Bedeutung zu.

„Schauen Sie sich allein das Verhalten der Führungsoffiziere in ihrer freien Zeit an und fällen Sie selbst ein Urteil! Sie werden die Probleme viel plastischer begreifen als wenn ich sie Ihnen schildern würde.“

Spencer nickte artig, M‘Boya gab ihm kaum Gelegenheit, nachzudenken, sie fuhr fort. „Und da gibt es noch Commander Lemois.“

„Was meinen Sie?“

„Einer Bemerkung in ihrer medizinischen Akte zufolge sollte sie psychologisch beobachtet werden. Es geht um ihren langjährigen Lebensgefährten, Lieutenant Richard Castillo von der Enterprise. Sie hatten zusammen auf der Saratoga gedient, bis er die Navigation auf der neuen Enterprise übernahm. Nach der Versetzung standen sie immer noch in engem Kontakt über Subraumfunk.“ M‘Boya legte eine kurze Pause ein. „Die Ungewissheit über das Schicksal Castillos nach dem Verschwinden der Enterprise hat sie sehr bedrückt. Obwohl ihr Dienst oberflächlich betrachtet nicht gelitten hatte, hat mein Kollege an Bord der Saratoga dennoch Gründe gehabt, eine Empfehlung für eine Versetzung auszusprechen. Eine Art Neuanfang für sie, sozusagen."

Spencer ließ M‘Boyas Worte nachwirken. Er erinnerte sich an Lemois kurze Regungslosigkeit, als er bei ihrem ersten Gespräch den Namen Enterprise erwähnte, hatte diese Begebenheit aber im Schatten der darauf folgenden Ereignisse vergessen.

„Danke, Doktor. Ich werde versuchen, nicht daran zu denken. Und falls sich trotz allem weiter Brüche in der sozialen Struktur halten sollten, auf Ihr Frühwarnsystem kann ich mich doch verlassen, oder?“

„Können Sie“, versicherte M‘Boya, nicht übermäßig begeistert von der abwartenden Haltung Spencers.

„Gut. Haben Sie sonst noch etwas, dass ich wissen sollte?“

„Nichts, dass Sie gerne wissen würden, Captain“, versicherte sie in unbestimmbarer Ernsthaftigkeit. „Die Untersuchung ist beendet.“

„Ah ja.“ Spencer erhob sich wieder. „Und?“, fragte er.

M‘Boya überflog ihre Ergebnisse. „Alles in Ordnung, Captain. Obwohl...“

„Ja?“, erkundigte sich Spencer.

„Sie sollten mehr Sport treiben. Ihre Fitnesswerte sind nicht gerade besser geworden seit der letzten Untersuchung.“

Spencer grinste müde. „Ich weiß, Doktor. Und ich gelobe Besserung.“

„Das will ich auch hoffen“, erwiderte M‘Boya. Es war erneut schwierig auszumachen, mit wie viel Ernst ihr Tonfall wirklich versehen war.

„Schönen Dank für die Untersuchung“, brummte Spencer beim Hinausgehen.

„Man sieht sich, Captain“, hörte er noch, bevor sich die Türen hinter ihm schlossen. Mit Unbehagen dachte er an die zweckmäßig ausgerüsteten Sportareale ein Deck unter diesem, diese Gedanken wurden jedoch recht schnell von einem alternativen, strategischen Plan zur Lösung des die ganze Zeit über latent in seinem Kopf präsenten Schachproblems verdrängt. Auf jeden Fall brauchte er auch einen alternativen, strategischen Plan, um seine Crew in den nächsten Wochen dahin zu bringen, wo sie sein sollte.

2

„Ich darf mich doch zu dir setzen?“, fragte Hwang. Kaum hatte sie die Worte gesprochen, saß sie bereits gegenüber von Lemois in der spärlich gefüllten Offiziersmesse.

Der überrumpelten Lemois sprach ihre Überraschung ob dieser Tatsache förmlich aus den Augen, sie dachte sich ihren Teil, als sie fast reflexartig antwortete. „Sicher. Und guten Appetit.“

Hwang lächelte versöhnlich und erwiderte die Floskel freundlich. In ihrer Schlagfertigkeit hatte sie Lemois doch unterschätzt...

Auf eine Gelegenheit wie diese hatte Hwang seit vier Tagen, seit Abflug der Kennedy, gewartet, eine Möglichkeit der Abstimmung mit Lemois unter (fast) vier Augen. Außer den nötigsten dienstlichen Wortwechseln hatte sie sich seit dem Ende der ersten Mission gleichsam verschlossen und lakonisch gezeigt.

„Wie geht‘s?“, fragte Hwang, die älteste, einfachste, unverfänglichste und doch beste Möglichkeit nutzend, in beinahe jeder Situation ein Gespräch zu beginnen.

„Gut“, gab Lemois stereotyp zurück.

„Wirklich?“, hakte Hwang fürsorglich nach.

Lemois unterbrach den Gang ihrer Mahlzeit, nahm Hwang fest in den Blick und antwortete mit einem klaren, festen „Nein.“

„Das ist der erste Schritt“, gab Hwang, nicht allzu überrascht von dieser Antwort, aufmunternd zurück.

„Wozu?“

„Wieder hin... zum Gut-fühlen“, erklärte Hwang fröhlich.

„Wenn‘s hilft“, murmelte Lemois unschlüssig.

„Du musst natürlich weitermachen... mit dem zweiten Schritt. Was ist los?“

„Sie sind also jetzt der neue Bordcounselor?“, fragte Lemois mit einem leicht aggressiven Unterton zurück.

Hwang ließ sich nicht beirren. „In meiner Freizeit... ja!“

„Okay.“ Lemois resignierte. „Ich frage mich, woher diese... Gleichgültigkeit bei fast allen kommt. Auf der ersten Mission geht mehr schief als wir aufklären können und nach sechs Tagen Werft ist alles wieder gut!? Und sobald wir unterwegs sind, eine Störung nach der anderen.“

„Jeder macht sich hier Gedanken, nur nicht so offensichtlich, eben wegen den Störungen.“ Hwang sprach nicht direkt das an, auf das sie an sich hinauswollte, auch wenn Lemois ihr gerade eine prächtige Gelegenheit dazu geliefert hatte.

„Trotzdem. Niemand spricht darüber.“

„Doch klar. Nur spricht keiner offen darüber, weil du nicht darüber sprichst.“

Jetzt, da Hwang es gesagt hatte, wurde auch Lemois die Logik der Situation schlagartig klar. „Und mit wem soll ich darüber sprechen? Mit Spencer?“

Spencer hatte sich in den zurückliegenden Tagen ähnlich unkommunikativ wie Lemois gezeigt, es war jedoch, anders als bei Lemois, ein nicht ungewöhnlicher Wesenszug an ihm. „Auch“, antwortete Hwang deshalb halb ausweichend. „Warum nicht mit mir? Und wenn du mit mir gesprochen hast, weiß es sowieso das halbe Schiff.“ Sie kicherte leise.

Auch Lemois konnte sich jetzt eines leichten Lächelns nicht erwehren. „Also gut, reden wir darüber.“

„Ich wollte nämlich fragen, ob wir der Ursache nicht auf eigene Faust auf den Grund gehen dürfen, natürlich mit Segen von oben.“

„Und wie? Das Untersuchungsteam der Sternenflotte hat doch alle Informationen und macht ein Geheimnis daraus. Nur Ergebnisse hat es keine!“

„Wir haben Informationen“, versicherte Hwang. „Unsere Erfahrungen, wichtige Details, die man nicht weitergeben kann und... den Quellcode.“

„Woher?“ Lemois Interesse war plötzlich geweckt, das konnte man sowohl sehen als auch hören.

„Hellmann hat ihn besorgt... gerade noch rechtzeitig.“ Hwang lächelte breit.

„Dann müssen wir das sogar untersuchen! Hast du schon mit Spencer gesprochen?“

Hwang schüttelte den Kopf. „Ich dachte mehr so an eine... inoffizielle Untersuchung. Schon allein deshalb, weil wir alles, was wir offiziell herausfinden würden, direkt weiterleiten müssten. Inoffiziell macht‘s außerdem mehr Spaß.“

Lemois vermochte nicht zu verhehlen, dass zwei konträre Ansichten in ihr um die Oberhand kämpften. Einerseits widerstrebte ihr alles Inoffizielle, andererseits waren Hwangs Argumente nicht von der Hand zu weisen. In der nächsten Zeit gab es mehr als genug für jeden zu tun, die Kennedy in hundertprozentige Einsatzbereitschaft zu versetzen; sollten sich einige darüber hinaus noch mit einer anderen Sache beschäftigen, dann konnte die notwendige Motivation nur daraus resultieren, dass die betreffenden Personen es als Privatvergnügen betrachteten. Ein Experiment mit einem alternativen Führungsstil, ein lang gehegter Traum... „Weißt du schon wer, wie?“, erkundigte sie sich direkt.

Hwang nickte eifrig. „Ich kenne mehr als genug Leute, die darauf brennen, mitzumachen. Du bist natürlich auch herzlich eingeladen.“

Lemois‘ Miene verfinsterte sich, unbewusst nahm sie eine abwehrende Haltung ein. „Ich weiß nicht, ob ich... Lieber nicht, erstmal. Vielleicht später, wenn ihr was richtig Interessantes habt.“

„Schade. Aber die Ergebnisse, die kriegen wir!“, versicherte Hwang.

Lemois dachte einen längeren Augenblick nach. „Ich glaube aber, das aktuelle Problem der Situation liegt tiefer.“

„Wie? Tiefer?“, fragte Hwang, die endlich mit ihrem Abendessen begonnen hatte und es nach dieser Zwischenfrage schon nach der dritten Gabel wieder unterbrach.

„Die Rätsel der Giclas-Mission sind schon eine Belastung. Das ist aber noch nicht alles. Hier an Bord ist es... wie falsche, wie künstliche Harmonie. Alle sind freundlich, nur keiner ist zuvorkommend. Und keiner fühlt sich so richtig wohl. Und was macht Spencer? Veranstaltet ein offenes Racketball- und ein Schachturnier. Als ob das helfen würde.“

„Du hast Recht“, stimmte Hwang nachdenklich zu. So exakt wie Lemois hätte sie die vorherrschende Stimmung nie auf den Punkt bringen können. Jetzt wusste sie, welche negativen Gefühle sie in den vergangenen Tagen unablässig beeinflusst hatten. „Aber ich will mich hier wohlfühlen... Was sagt Spencer dazu?“

„Ich habe mit ihm geredet, wenn auch nur kurz. Er hat mich sogar verstanden, irgendwie. Nur... er tut nichts.“

„Na ja, das ist nicht gerade seine Stärke, das Einflussnehmen auf eine Gemeinschaft“, nahm Hwang ihn in Schutz. „Vielleicht sollten wir ihm da beispringen...“

„Zum Beispiel?“

Hwang hob ratlos die Schultern. „Vielleicht durch Beschwören einer positiven Zukunft, Motivationstraining, Holoabende, eine Singleparty, einen ‚Gute-Laune-Tag‘...“

Lemois lachte halblaut vor sich hin, als Hwang ihre Aufzählung hier unterbrochen hatte, als könnte sie noch hundert weitere Punkte nennen. Das war, was die Crew brauchte, nur wie verabreichte man es ihr in ausreichender Dosis?


Wiederholte, akustische Warnsignale, die ihren Ursprung allem Anschein nach in der zentralen Steuerungskonsole hatten, veranlassten DeFalco, von seiner momentanen Arbeit an einer eher unwichtigen Reserve-Energieleitung abzulassen und nach dem Rechten zu sehen. Von der anderen Seite des Maschinenraums kamen die Fähnriche Walker und Chen herbeigeeilt.

„Wir haben einen Energieabfluss an der Zuleitung zu den Generatoren für das strukturelle Integritätsfeld“, stellte Walker fest. „Er steigt langsam, aber kontinuierlich an.“

DeFalco warf selbst einen Kontrollblick auf die Anzeigen.

„Am SIF war die Werft doch auch dran, oder?“, fragte er rhetorisch. War es nur seine Einbildungskraft, oder war die Steigung am Ende der Verlaufskurve wirklich größer als zu Anfang? „Haben wir Raumphänomene in der Nähe, die für die Zunahme verantwortlich sein könnten?“

Chen verneinte. „Keine Meldungen.“

„Und die nächste Fehlfunktion eines neuen Systems...“, sang DeFalco, der seelenruhig versuchte, Eingaben vorzunehmen, um die Funktionsweise des SIF wieder in normale Bahnen zurückzulenken.

„Sollten wir nicht die Brücke informieren?“, fragte Walker.

„Die werden sich schon früh genug melden“, knurrte DeFalco. „Warum wird meine maximal festgelegte Energiemenge fürs SIF einfach ignoriert?“

„Die Parameter zur Energieabnahme sind OK, aber eine Verringerung der Systemleistung bleibt ohne Wirkung“, berichtete Chen von seinem Misserfolg, ohne DeFalcos ‚Frage‘ zu beantworten.

„Der Energieabzug nimmt weiter zu“, fügte Walker hinzu. „Wir haben scheinbar keine Kontrolle von hier aus über das SIF.“

„Was geht da ab?“ DeFalcos Stirn lag in tiefen Furchen. „DeFalco an MacDonnell! Wo sind Sie?“

„MacDonnell hier. Auf Deck 5, wegen den Phasennachschwingungen in Transporterraum 2.“

„Schauen Sie mal nach den SIF-Generatoren. Wir haben einen Energieabfluss.“

„Verstanden. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß.“

„Energieabfluss verstärkt sich dramatisch!“, meldete Chen. „Einige nachgeordnete Systeme werden bereits nur noch unregelmäßig mit Energie versorgt. SIF nähert sich der Überlastung!“

„Sollen wir auf Notsysteme umschalten?“, fragte Walker.

DeFalco schüttelte den Kopf und gab eine selten benutzte, gut geschützte Codesequenz ein. Mehrere Alarmleuchten im Maschinenraum blinkten, Sirenen schrillten für einige Sekunden, dann waren sie wieder verstummt und der Raum schien ruhiger.

„DeFalco an Brücke!“, meldete er umgehend. „Wir haben Probleme mit dem SIF, ich habe den Nothalt eingeleitet.“

„Das haben wir gemerkt“, kam die verärgerte Antwort von Lemois. „Wie ist die Lage? Können wir weiterfliegen, mit Notsystemen?“

„Geben Sie uns zehn Minuten, dann melde ich mich nochmal.“

„Ich will wissen, wie unsere Lage ist und wann wir wieder starten können!“, beharrte Lemois.

„Das kann ich Ihnen sagen, in zehn Minuten. Und wenn Sie mich weiter löchern, werden es fünfzehn. DeFalco Ende.“

Kopfschüttelnd beendete DeFalco die Komm-Verbindung durch einen beherzten Doppeldruck auf seinen Kommunikator, der gleich eine neues Gespräch vorbereitete. „DeFalco an MacDonnell! Wie weit sind sie?“

„Ich wollte mich gerade melden. Da war eine Schleife in den Remotezugriffskontrollen, die habe ich beseitigt. Den Energieabfluss sehe ich auch, aber keine Ursache dafür.“

Auf ein Handzeichen DeFalcos zeigte Chen eine bejahende Miene, offensichtlich hatte er wieder die vollständige Kontrolle über die SIF-Generatoren von dem zentralen Pult im Maschinenraum.

„Dann schauen wir, was wir von hier unten tun können. DeFalco Ende.“

„Ich kann jetzt Änderungen vornehmen“, meldete Chen, „sie werden auch bestätigt, es verändert aber nichts.“

„Dann müsste der Fehler in der Steuerung selbst liegen“, schloss Walker.

„Schauen wir sie uns an“, schlug DeFalco gelassen vor.


Als MacDonnell in den Transporterraum zurückkehrte, fand sie ihre Ingenieurskollegen Ton, ein junger, selbstsicherer Fähnrich, und Wardorff, ein in Technik cross-trainierter Sicherheitsoffizier, der bis zur vollständigen Einsatzbereitschaft des Schiffes dem Maschinenraum zugeteilt war, in einem heftigen und lautstarken Streit über die beste Vorgehensweise, die nun an den Tag zu legen wäre, vor.

„Könnten Sie sich vielleicht wie zivilisierte Individuen einig werden?“, fuhr sie energisch dazwischen. Ton und Wardorff mussten unübersehbar beide die vollste Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht auch noch gegenüber MacDonnell ausfallend zu werden. Plötzlich fuhren sie in scheinbar stillschweigender Übereinkunft jedoch mit verbissenen Mienen mit ihrer Arbeit fort.

Das war jetzt schon der zweite Vorfall mit Wardorff, bei dem sie zugegen war. Sie schüttelte ihren Kopf. Sicherheitsoffiziere als Techniker...


„DeFalco an Brücke! Wir haben‘s!“

Lemois machte vor Aufregung einen kleinen Satz im Kommandosessel, als sie den Ruf empfing. Nachdem DeFalco sie beim letzten Mal so unsanft abgewürgt hatte, hatte sie beschlossen, es für den Moment ruhen zu lassen, um ihn auf der Suche nach einer Lösung nicht zu behindern. Natürlich würde sie es auf der nächsten Konferenz zur Sprache bringen; auch ihre Ungewissheit in den letzten Minuten war kaum zu zügeln gewesen.

„Achteinhalb Minuten“, erwiderte Lemois mit einer Spur Anerkennung in der Stimme. „Nicht übel. Was war es?“

„Die neuen Systeme, die auf Utopia ausgewechselt worden sind...“

„Diese Aussage ist zu pauschal! Suchen Sie nach der tatsächlichen Ursache für die ständigen Probleme mit den neu eingebauten Systemen, dann haben wir es alle leichter!“

Ein unüberhörbares Knurren war das letzte, was Lemois hörte, bevor DeFalco die Verbindung trennte.

„Wir nehmen unseren Kurs wieder auf, Fähnrich“, bestimmte Lemois, nicht gerade erbaut von dem Verlauf ihrer Komm-Gespräche mit DeFalco. „Beschleunigen auf Warp 6.5, wir haben verlorene Zeit aufzuholen!“

„Aye, Ma‘am“, bestätigte Thalvan von der Flugkonsole stoisch.

Lemois presste sich tiefer in den geradezu verführerisch bequemen Kommandosessel, unzufrieden mit weitaus mehr als nur mit dem Chefingenieur.


Mit einem Zischen öffneten sich die wuchtigen Maschinenraumtüren, herein traten MacDonnell und ihr Reparaturteam.

„MacDee!“, rief DeFalco prompt. „Gute Arbeit!“

MacDonnells giftiger Blick, mit dem sie ihn bereits von weitem bedachte, hatte an Intensität gegenüber dem letzten Mal, als er sie mit ihrem neuen Spitznamen gerufen hatte, spürbar abgenommen; sie gewöhnte sich offenbar langsam daran, stellte er nicht ohne Freude fest.

„Läuft‘s wieder?“, fragte sie, nachdem sie näher gekommen war.

DeFalco nickte. „Wir hatten zusätzlich einen Fehler in der Steuerungssoftware. Weil ich gerade daran denke: In ein paar Tagen treffe ich mich mit Hwang und Hellmann und M‘Boya und Berger, wir wollen wissen, was hinter Morrettis Aktionen wirklich steckt. Und Sie können dabei sein!“

„Was soll ich da?“, fragte MacDonnell skeptisch. Es klang durchaus interessant, es war aber niemand da, den sie kannte, außer... DeFalco.

„Unsere gesellige Runde mit ausgefallenen Ideen und kritischen Kommentaren bereichern“, schlug DeFalco voll Überredungskunst vor. „Übrigens, Karov ist auch da“, fügte er hinzu.

MacDonnell ließ sich zu einem spontanen „Überredet.“ hinreißen. „Wann ist das genau?“


„Wir würde Sie gerne sprechen, Captain.“ Lemois und Hwang standen nebeneinander in der geöffneten Türe zu Spencers Bereitschaftsraum. Der dazugehörige Summer und der automatische Verriegelungsmechanismus war nun seit vier Tagen defekt und Spencer hatte noch nicht einmal Anstalten gemacht, DeFalco mit Nachdruck auf diesen Missstand hinzuweisen.

„Wenn Sie Zeit haben, bitte“, brummte Spencer, der seine beiden parallel laufenden Terminals mit jeweils einem Tastendruck in den Ruhemodus sandte.

Lemois rutschte mit inzwischen geübten Verrenkungen auf einen der vor Spencers Schreibtisch stehenden Stühle, ohne dessen Position auch nur im mindesten zu verschieben, Hwang folgte ihr bedeutend zögerlicher, es war ihr so, als wäre Spencer nicht so offen, wie es für das nun folgende Gespräch vonnöten wäre.

„Worum geht‘s?“, eröffnete Spencer.

„Der Manöverbericht, Captain. Sehr bezeichnend für unseren Momentanzustand.“ Lemois hielt Spencer ein PZAG mit einer blitzartigen Geste hin. Sie musste es an die zwei Sekunden halten, bis Spencer es endlich ergriffen hatte. Weitere fünfzehn Sekunden verbrachte Spencer damit, das Fazit zu lesen.

Als er aufblickte, sah er sich plötzlich einer hoch gespannten Atmosphäre im Raum ausgeliefert, er hatte plötzlich vergessen, was er sagen wollte. Erklären konnte er sich das Gefühl nicht, es ebbte glücklicherweise ab, nachdem Hwang Lemois durch eine leise Berührung dazu gebracht hatte, eine gelassenere Sitzposition einzunehmen.

„Bitte.“

„Also, Captain, wir sollten da mal ein paar Dinge klären...“, begann Lemois beinahe drohend, aber nicht in vollem Ernst.

„Wenn Sie das sagen...“ Spencers Stimme war an Gleichgültigkeit kaum zu überbieten. Aus welchem Grund bloß, fragte sich Hwang.

„Allerdings. Wie Sie sehen, sind die Leistungswerte von Schiff und Crew deutlich unter dem Durchschnitt. Wir müssen was tun“, begann Lemois.

„Die Ingenieursabteilung muss das Schiff fit kriegen und die Crew muss...“

Lemois ließ einen verächtlichen Laut hören. „Je mehr DeFalco & Co. basteln, desto weniger funktioniert!“

„Wenn Sie wüssten, was alles noch nicht funktionieren würde, wenn sie nicht so viel basteln würden... Das, was die Werft verbaut hat, ist zum Großteil nicht zu gebrauchen.“

„Das erzählt DeFalco doch nur, weil er keine andere Ursache findet!“, versetzte Lemois.

„Erstens, Commander, seien Sie versichert, die Aussage DeFalcos stimmt wirklich. Ich habs mit eigenen Augen gesehen. Zweitens, ich habe sein Vorgehen überprüft und für akzeptabel befunden. Nehmen Sie es hin, Commander, es ist so.“

„Vielleicht sollten sie es ihm nicht so schwer machen“, schlug Hwang vor, der weiteren Eskalierung vorbeugend. „DeFalco darf weiter in Ruhe versuchen, Tritt zu fassen und Sie Captain, verschieben den Warp-Belastungstest für ein paar Tage. Dann entfällt der Druck beim ‚Basteln‘.“ Mit positiver Miene blickte sie abwechselnd zu Spencer und zu Lemois.

Spencer äußerte ein zögerliches „Einverstanden“ und Lemois gab widerstrebend wortlose Zustimmung.

„Nebenbei, Sie haben doch auch die Beschwerden von zwei Abteilungen erhalten, die ihr gesamtes cross-trainiertes Personal an den Maschinenraum abgeben mussten, oder?“, fasste Spencer nach.

„Da kann ich doch nichts dran ändern“, ereiferte sich Lemois. „Sie geben mir aber ein gutes Stichwort. Die Leistung der Crew war... na ja, schlecht, um es freundlich zu formulieren.“

Spencer warf einen tieferen Blick in die Tabellen des PZAG. „Die Reaktionszeit ist in Ordnung, die Präzision akzeptabel.“

„Aber die Effizienz nicht“, erwiderte Lemois hart.

„Die Leute müssen sich langsam an das Schiff und ihre neue Position gewöhnen. Wiederholen Sie das Manöver ein paar mal und Sie werden sehen.“

Lemois schüttelte heftig den Kopf. „Damit erreichen Sie nur, dass Gewöhnung eintritt, nicht aber wahre Effektivität. Da gibt es andere Ursachen! Um ein größeres Verständnis der Arbeitsabläufe zu erreichen, sollten wir die ausführende Brückenbesatzung an verschiedenen Stationen einsetzen.“

Spencer blickte Lemois lange nachdenklich und skeptisch an.

„Vielleicht...“, ließ sich Hwang vernehmen, „... wäre es auch nicht schlecht, mehr Einigkeit zu demonstrieren vor der Crew. Gegen die Unsicherheit, vor allem.“

„Das wird schwer werden, Lieutenant.“ Spencer fasste Lemois scharf ins Auge, die keinen Millimeter wankte.

„Wir müssen aktiv handeln, Captain!“, ereiferte sich Lemois. „Die Moral leidet nicht, nein, manchmal frage ich mich, ob hier sowas überhaupt existiert! Die Crew muss geführt werden, Sie müssen sich zeigen! Zum Vorbeugen ist es jetzt zu spät.“ In diesem Moment fragte sie sich, ob es wirklich weise gewesen war, der Untersuchungskommission Morretti zu erlauben, für sich alleine zu arbeiten. Für eine Rücknahme war es nun zu spät, vielleicht, wenn die ersten Ergebnisse kamen, doch auch das konnte nicht der Weisheit letzter Schluss sein...

„Sie können eine Crew nicht in Form pressen, Commander“, kritisierte Spencer. „Entweder sie findet sich... oder nicht. Echtes Teamwork lässt sich nicht erzwingen, schon gar nicht von mir.“

„Eine Crew muss funktionieren, so oder so“, stellte Lemois klar. „Und wenn sie nicht funktioniert, dann müssen wir“ - Lemois legte einen kurzen, gestrengen Rundblick ein - „dafür sorgen, dass sie es tut.“

„Das tun sie beide sicherlich auch und dafür bin ich ihnen auch dankbar. Es sollte allerdings im Rahmen bleiben.“ Das galt primär Lemois, wie Hwang feststellte, die sich unwillig abwendete.

„Vielleicht sollten wir mit diesem Kompromiss leben“, fügte Hwang hinzu, alles andere als begeistert von dem Verlauf der Diskussion.

Mit einer beleidigten Miene begleitet von einem scharfen Blick ‚bedankte‘ sich Lemois bei Hwang und signalisierte dann halbherzige Anerkennung in Richtung Spencer.

„Ich hätte auch noch was“, merkte Hwang unbeeindruckt an. „Hellmann, M‘Boya, Gerry, Karov, ich und noch ein paar andere wollen den Sachen mit Morretti auf den Grund gehen. Das ist doch okay, oder?“

Spencer zuckte die Achseln und schien kaum mehr als einen Gedanken an die Sache zu verschwenden. „Sicher. Sonst noch was?“

Lemois und Hwang verneinten und entfernten sich ohne ein weiteres Wort Spencers alles andere als zufrieden aus seinem Büro. Beide waren wie Spencer auch inzwischen daran gewöhnt und erschraken nicht, als beim Durchschreiten der Schwelle unerfindlicherweise der Türsummer ertönte.


Mit einer großen Portion Erleichterung nahm Hwang wahr, dass DeFalco und MacDonnell Computerraum 1 betraten und die bereits versammelte Runde bestehend aus Karov, M‘Boya, Hellmann, Berger und ihr selbst vervollständigten.

„Schön, dass ihr da seid“, rief sie. „Es war schwer genug, einen Termin zu finden, an dem alle Zeit haben.“

Seit dreizehn Tagen war die Kennedy nun unterwegs, doch dank vieler, unablässig neu auftretender Merkwürdigkeiten, Unregelmäßigkeiten und allenfalls halbwegs funktionsfähiger Systeme hatte es nur wenig Zeit gegeben, weiter im Bereich von Morrettis Aktivitäten zu forschen, geschweige denn, die interessierten und federführenden Personen an einem Ort zum Gedankenaustausch zu versammeln.

„Zur Unzeit“, mäkelte DeFalco, der zwischen Karov und MacDonnell Platz gefunden hatte. „Doch was tut man nicht alles, um dich glücklich zu machen“, grinste er.

„Sehr erfreut“, bedankte sich Hwang, die kaum ernst bleiben konnte, artig. Karovs Miene verfinsterte sich nahezu unmerklich.

„Du siehst so fertig aus, Gerry“, brummte Hellmann.

„Ich bin auch fertig. Wir sind fertig“, korrigierte er seine Aussage und dehnte sie dabei auf sich und MacDonnell aus, die Zustimmung signalisierte. „Ich würde zu gerne wissen, warum die Werftfritzen hier nur Schrott verbaut haben. Systeme, die top in Ordnung sind, aber vielleicht infiziert sind, werden rausgerupft und durch minderwertigeres Zeug ersetzt. Da passt stellenweise nichts. Ich hätte denen viel mehr auf die Finger sehen sollen.“

„Vielleicht wegen der Hektik auf der Werft“, warf MacDonnell ein, sichtlich genervt von der x-ten Wiederholung dieser zugegebenermaßen unangenehmen Tatsache DeFalcos in ihrer Gegenwart.

Als Erwiderung vollführte DeFalco einige unschlüssige Handbewegungen, die schließlich in einer großen, wegwerfenden Geste gipfelten. Er hatte, MacDonnells Ansicht zufolge, die richtige Entscheidung getroffen und auf eine wortreiche Erwiderung verzichtet.

„Na dann, sitzt bequem, fühlt euch wohl und erzählt mal. Aber bitte verständlich“, bat Hwang. „Ich habe nicht soo viel Ahnung von einigen Sachen, aber um so mehr Neugier.“

Karov wagte nach zwei stillen Sekunden den Anfang. „Als erstes habe ich mal versucht, etwas über Bonzo Morretti selbst herauszufinden. Er ist etwa dreißig Jahre alt, menschlicher Abstammung, geboren und aufgewachsen vermutlich auf einer gescheiterten Kolonie oder einem privaten Schiff. Bis zum Alter von siebzehn gibt es keinerlei offizielle Dokumente über ihn.“

„Woher kennt man dann den Namen?“, fragte DeFalco schnell.

„Er benutzte nie einen anderen, unter seinesgleichen zumindest“, antwortete Karov, spontan überrascht von der Frage. „Auf fünf Planeten, drei Raumstationen und zwei Schiffen wird er gesucht wegen schwerwiegender Vergehen gegen die Datenintegrität, Datenklaus, Spionage und so weiter. Wollte jemand Informationen oder das Computersystem seines Gegners lahm legen, fragte er Morretti. Vor einem drei viertel Jahr reißt jedoch die Regelmäßigkeit der Einträge über Anschläge, die ihm zugerechnet werden, einfach ab. So als hätte er für diese Zeit nicht existiert, bis jetzt.“

„Wie lange mag er gebraucht haben für die Programmierung unserer Aktiv-Programme?“, überlegte MacDonnell laut.

„Zwölf Wochen? Acht?“, spekulierte Berger. „Sechs, wenn er wirklich gut war.“

„Die Planung der möglichen Ereignisse nicht zu vergessen“, warf Hellmann ein. „Sagen wir... drei, vier Monate.“

„Und wenn schon. Was hat er in der restlichen Zeit gemacht?“, fragte MacDonnell weiter.

Hellmann zeigte eine verwunderte Miene. „Sie meinen, er hat in dem angesprochenen Zeitraum eine viel größere Sache vorbereitet oder einen Auftrag dazu erhalten?“

MacDonnell zuckte mit den Schultern. „Wer weiß, wo er überall Zeitbomben platziert hat? Selbst hier ist er relativ spät aufgefallen.“

Hwang zeigte eine unschlüssige, denkerische Miene, M‘Boya sprang ihr bei. „Vielleicht sollten wir weiter unsere Ergebnisse zusammentragen und dann Schlüsse ziehen.“

„Okay“, wiegelte MacDonnell mit einer kleinen Portion Eingeschnapptheit in der Stimme ab.

„Fähnrich Berger und ich haben in den letzten Tagen etwas bahnbrechend Neues versucht“, berichtete M‘Boya in gewöhnlichem Tonfall. „Ein Persönlichkeitsprofil Morrettis aufgrund seines Programmierstils. Da wir ihn nicht verfügbar haben zur Befragung mussten wir halt nehmen, was wir kriegen konnten.“

„Interessant!“, fand Hwang. „Und?“

„Fachwissen hat Morretti mehr als genug, ebenso Erfahrung“, begann Berger. „Überraschenderweise steckt hinter allem auch eine sehr gute Ausbildung. Eine technische Versiertheit und eine Optimierung des Codes bis ins Letzte habe ich selten gesehen.“

„Moretti ist Perfektionist, ein absoluter“, führte M‘Boya den Faden fort. „Hohe Intelligenz gepaart mit Kreativität und hoher krimineller Energie. Viel mehr wissen wir leider auch noch nicht.“

Hellmann hob entschuldigend beide Hände. „Und ich habe noch gar nicht wegen der Ereignisorientiertheit forschen können. Zu viel zu tun.“

„Kriegen wir wenigstens Ergebnisse von der offiziellen Untersuchung?“, erkundigte sich MacDonnell.

„Da herrscht Schweigepflicht, leider“, bedauerte Hwang. „Sie wissen nichts von uns und wir wissen nichts von ihnen. In einem Gespräch heute hat Spencer jedoch mir gegenüber angedeutet, dass er durch eine ‚Freundin‘ versucht, neue Informationen erhalten. Sie hat da wohl... Quellen“, erklärte sie geheimnisvoll und blickte erwartungsvoll in die Runde.

„Können wir Schluss für heute machen?“, fragte DeFalco matt. „Spencer will in den nächsten Tagen probeweise den Warpantrieb hochjubeln, da haben wir noch was vor uns, damit das nicht der große Reinfall wird.

„Na klar doch, Gerry“, flötete Hwang, die sich demonstrativ räkelte. „Wir treffen uns wieder in... vier Tagen. Oder lieber eine Woche?“

„Die Woche ist besser“, stimmte Hellmann rasch zu. „Wir kriegen morgen die Auswertung der zweiten Belastungstests der Computeranalyse und die neuen Sensorentestdaten, da sitzen wir bestimmt vier Tage dran, bis alles läuft. Und vorher sind wir für nichts anderes aufnahmefähig.“

„Das denke ich auch“, stimmte DeFalco zu. „Übermorgen halten wir das Schiff an für dringende Feineinstellungen an den Warpgondeln. Die Haltezeit will ich möglichst kurz halten, dafür müssen wir ausgiebig planen, leider. Die Woche ist besser, Kim.“

„Okay, eine Woche.“ Hwang war deutlich von Neugier gezeichnet, gerade die ersten Ermittlungsergebnisse hatten ihre Fantasie stimuliert, daher fiel ihr diese Aussage so schwer. Sie war sich sicher, dass sie heute Nacht mindestens von zwei abstrusen, aber durchaus möglichen Lösungsmöglichkeiten träumen würde. Welche das wohl sein mochten...

3

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Sternzeit 21704.0: [13.09.2344 15:56:10]

Die Zeit bis zum ersten Schichtwechsel auf unserer regulären Patrouillenroute nach einem kurzen Zwischenhalt auf Sternenbasis 53 ist ereignislos verlaufen. Lieutenant Rodriguez ist nach seiner Ankunft an Bord von Lieutenant Karov eingewiesen worden und leistet gerade seinen ersten Brückendienst an der taktischen Station.

Wie zufällig traf Spencer vor dem Eingang zur Offiziersmesse mit Hwang zusammen. Sie zeigte eine seltsam undefinierbare Miene, er fragte sich für eine Sekunde, welchen Grund das wohl haben mochte. Da hatte sich auch schon der Eingang zur Messe geöffnet, er musste schlucken, erholte sich aber in Rekordzeit von dem durch das veränderte Interieur ausgelösten Schock.

„Gefällt es Ihnen?“, fragte Hwang, die hinter Spencer stand, in unschuldig-erwartungsfrohem Ton.

„Ist hier ein Clown explodiert?“, brummte Spencer und bedachte Hwang mit einem sehr zweifelnden Blick. Die vormals dunkelgrauen Wände erstrahlten in einem leuchtenden hellen Blau, kombiniert mit einigen bunten Streifen, der sich über alle vier Wände erstreckte. An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand hingen zwei ‚moderne‘ Bilder, die für Spencer absolut nichts aussagten. Zudem war die Deckenbeleuchtung ausgewechselt worden, die Oberflächen der Möbel erstrahlten in freundlichen, warmen Farbtönen. Die gesamte Räumlichkeit strahlte eine für Sternenflotteninterieur ungewohnte Dynamik, Frische und Individualität aus.

Die beiden Junioroffiziere aus der Wissenschaftsabteilung, die am linken, kleineren Tisch ihr Mittagessen einnahmen, beobachteten Spencer verstohlen während er den Raum musterte.

„Es gefällt Ihnen nicht?“, fragte Hwang mit niedergeschlagen klingender Stimme.

„Na ja“, versuchte Spencer seine spontane Äußerung von vorhin abzuschwächen, seinem Zweiten Offizier zuliebe. „Die Farbgebung ist etwas ungewohnt, und die Bilder muss ich immerhin nicht beim Essen anstarren“, antwortete er diplomatisch. „Auf jeden Fall brauche ich jetzt einen starken Kaffee.“ Er stiefelte zum Replikator und gab seine Bestellung auf.

„Das ist doch mal eine Veränderung!“, rief M‘Boya, noch in der Tür stehend, erfreut, als sie die Offiziersmesse in ihrem neuen Glanz erstrahlen sah. Spencer blickte seine Bordärztin bewusst grimmig an.

Sie trat vorsichtig heran. „Die ‚Drei Sonnen‘ von Ena Jaglom! Aber doch wohl repliziert?“

„Sicher.“ Hwang lächelte. „Echt wären sie ein bisschen zu teuer.“

„Meinen Sie das linke oder das rechte Bild?“, fragte Spencer trocken und setzte sich. Er konnte sich auf keinen Fall vorstellen, dass eines der beiden Bilder den Titel ‚Drei Sonnen‘ verdienen würde.

„Also wirklich, Captain!“ M'Boya trat aus Entrüstung einige weitere Schritte auf Spencer zu. Hwang folgte ihr neugierig und auch die beiden Junioroffiziere sahen auf.

Von Spencer waren einige Laute der Belustigung zu hören. „Wie auch immer, Doktor. Woher haben Sie eigentlich den ganzen Krempel?“, erkundigte er sich bei Hwang und fügte ein leises „Entschuldigung“ hinzu, als M'Boya ihn unverändert durchdringend ansah. Dann war auch bei ihr der Zeitpunkt gekommen, an dem sie lachen musste.

„Parallel zum Transport von Lieutenant Rodriguez habe ich noch einige andere Gegenstände auf die Kennedy beamen lassen“, berichtete Hwang stolz. „Und vor meiner Schicht haben dann MacDonnell, Karov, Hellmann und ich die Offiziersmesse hergerichtet.“

„Ah ja.“ Spencer nahm unbeeindruckt einen Schluck aus seiner Kaffeetasse.

M‘Boya sprach ein gewisses Maß an Zufriedenheit aus dem Gesicht, als sie sich zu Spencer setzte. Hwangs Maßnahmen zur Normalisierung des Verhaltens der Crew untereinander hatten allem Anschein nach die ersten Früchte getragen.


Lemois saß konzentriert im Kommandosessel und befasste sich intensiv mit diversen Statusberichten. Noch immer waren die Schiffssysteme nicht in dem Zustand, in dem sie sein könnten, sollten und mussten und es war ihre, nach knapp drei Wochen überwiegend nervige Pflicht, dafür zu sorgen, dass dieser Fall baldmöglichst einträte. Das ruhige Sirren der Konsolen im Hintergrund und das endlich gleichmäßige, stets unterbewusst präsente tiefe Summen der Warptriebwerke wirkte trotz der widrigen Umstände zu dieser Tages- oder bald Nachtzeit belebend auf sie. Viel lieber hätte sie auf den Hauptschirm geblickt und ihre Gedanken um langfristig wichtige Dinge kreisen lassen, aber waren viele akute Probleme zu lösen und so widmete sie sich gezwungenermaßen diesen.

„Ma‘am, wir empfangen einen Notruf von Chort IV!“, unterbrach Torrente nach einigen Minuten, deren Vergehen sie kaum wahrgenommen hatte. „Keine Informationen, nur ein Signal.“

Lemois konnte nicht behaupten, dass sie allzu betrübt über diese Unterbrechung war, die interessant zu werden drohte. „Lemois an Spencer! Kommen Sie bitte auf die Brücke, Captain. Wir empfangen einen Notruf!“

„Komme sofort, Commander“, antwortete ihr Kommunikator mit Spencers Stimme.

„Auf den Schirm, Mr. Torrente!“

Auf dem Bildschirm erschienen drei große insektoide Wesen mit drei Armen und sechs Beinen. Ihre schillernden Facettenaugen und ihre von Humanoiden völlig verschiedene Physiologie verliehen ihnen ein ungewöhnliches Aussehen. Sie befanden sich inmitten einer riesigen, gewölbten Halle, in deren Hintergrund schemenhaft ausladende Maschinen arbeiteten.

Der mittlere begann, das Wort zu erheben: „Grüße Sie. Hohepriester Ethnys von den Algiebanern, Priester Utrece und Ipremi. Wir auf Chort IV.“ Die Stimme selbst nahm an Lautstärke und Tonhöhe in schwingenden Rhythmen zu und wieder ab, was ihr einen ungewohnten, aber angesichts des Inhalts der Worte nicht unpassenden pathetischen Klang verlieh. Die Anpassung der primär für humanoide Sprachen konstruierten und noch relativ neuen Technik des Universalübersetzers auf andere Sprachtypen war noch nicht allzu weit fortgeschritten, daher wohl diese phonetischen und auch grammatikalischen Probleme mit der algiebanischen Sprache.

Der inzwischen eingetroffene Spencer trat vor den Bildschirm. „Ich bin Captain Robert Spencer vom Föderationsraumschiff Kennedy. Wir können wir Ihnen helfen?“ Er hoffte, dass sie ihn klarer verstanden, als er sie.

„Captain Spencer, eiliges Ersuchen, uns zu helfen! Zukünftige Existenz unserer Kolonie bedroht.“

„Können Sie mir weitere Einzelheiten nennen?“, fragte Spencer, durchaus verwirrt und das nicht nur aufgrund der Verrenkungen des Universalübersetzers bei der Übertragung der Laute des Algiebaners in Föderationsstandard.

„Viel zu kompliziert, Captain, um über Subraum zu erklären. Bitte nehmen Sie Kurs auf den genannten Planeten. Dringend!“

„Einverstanden, Hohepriester. Wir sind unterwegs. Kennedy Ende“, schloss Spencer die Verbindung, im festen Glauben, ihr keine weiteren verwertbaren Informationen mehr entlocken zu können.

„Mr. Thalvan, einen Kurs für Chort, Warp 7!“, ordnete er an und fügte ein leises „Was auch immer die wollen“ hinzu.

„Flugzeit?“, erkundigte sich Lemois.

„Sieben Stunden und fünfundvierzig Minuten“, antwortete Thalvan.

„Welche Informationen hat der Computer über Chort und die Algiebaner, Mr. Torrente?“, fragte Spencer.

„Die Algiebaner sind seit etwa fünfundsechzig Jahren Föderationsmitglieder. Sie werden als ruhig, intelligent, und sehr religiös eingeschätzt. Sie haben zwar den Zugang zu fortschrittlichen Technologien, setzen diese aber nur sehr begrenzt ein. Ihr Heimatplanet ist Algieba III, zwei Kolonien existieren auf Chort IV und Nekkar Prime. Weitere Informationen stehen zur Verfügung.“

„Das reicht mir im Moment, Mr. Torrente.“ Spencer lehnte sich zurück. „Ihre Meinungen? Commander?“

„Es ist... eigenartig, ein Schiff ohne klare Informationen und dann auch noch mit einem Notruf zu seinem Planeten zu rufen. Ihre Besorgnis kann durchaus Täuschung sein.“

„Vorsichtig sollten wir sein, es aber nicht übertreiben. Schließlich gehören die Algiebaner seit langem zur Föderation“, gab Spencer zu bedenken.

„Gab es Zwischenfälle oder überhaupt Kontakte mit Föderationsschiffen in der letzten Zeit?“, erkundigte sich Lemois.

Torrente überprüfte es. „Der letzte registrierte Kontakt mit einem Sternenflottenschiff liegt zwei Jahre zurück. Damals half Ajax einem in Not geratenen Kolonistenschiff auf dem Weg nach Nekkar Prime.“

„Aha.“ Mehr sagte Spencer nicht, mehr wusste er nicht zu sagen. „Ich bin dann noch in meinem Büro, Commander, Sie haben die Brücke.“

„Ja, Sir.“

Jetzt, da er einmal auf der Brücke war, hatte er sich entschlossen, die Durchsicht der Ergebnisse des Funktionstests abzuschließen. Ein beträchtlicher Teil seiner Gedanken widmete sich dabei stetig der Analyse des seltsamen Notrufs.


Die Brücke war für den Anflug auf Chort IV ideal besetzt, obwohl die Nachtwache anstand, eine Maßnahme, die Spencer dadurch rechtfertigte, dass die Natur des Notrufes zumindest zweifelhaft war. Und falls sich diese Zweifel wirklich bewahrheiten sollten, war es nicht falsch, im Krisenfalle die besten Leute an den Stationen zu wissen. Lemois hatte zu dieser Anordnung keine gegenteilige Ansicht geäußert, das wertete er als eindeutiges Zeichen.

„Wir nähern uns dem Chort-System, Captain“, meldete Hwang.

„Verlangsamen auf Impulskraft, einen Standard-Orbit um Chort IV“, reagierte Spencer.

„Alarmstufe Gelb, Schilde hoch“, fügte Lemois beinahe nahtlos an.

„Halten Sie das wirklich für nötig?“

„Ja, Sir“, gab Lemois, nicht im mindesten beeindruckt, zurück.

„Von mir aus“, brummte Spencer. Er hatte bereits die ganze Zeit eine leichte Unruhe bei Lemois verspürt und merkte gleich, dass sie spürbar ruhiger dasaß, nachdem Karov ihre Anweisungen ausgeführt hatte.

„Mr. Terk, eine Funkverbindung zu Chort IV!“

„Die Verbindung steht, Sir.“

„Hier spricht Captain Spencer von der Kennedy. Wir sind im Begriff, in ihren Orbit einzutreten.“

Auf dem Hauptschirm war wieder das Bild von Hohepriester Ethnys zu sehen. „Gut, dass Sie hier sind, Captain. Bitte beamen Sie schnell zu uns herunter. Es ist sehr wichtig!"

Offensichtlich hatten sich die automatischen Anpassungsroutinen des Universalübersetzers seit dem letzten Gespräch mit der Sprache der Algiebaner eingehender befasst, die Stimme klang normalisierter, wenngleich sehr dumpf und die Sätze machten einen vollständigeren Eindruck. Eine echte Betonung war immer noch nicht zu spüren.

„Werden wir. Können Sie uns vorher kurz schildern, worum es geht?“

„Einverstanden, Captain“, begann Ethnys. „Vor kurzer Zeit wurden wir gewahr, dass die drei Sphären verschwunden, in der die gesamte Nahrung für unsere Nachkommen eingelagert war. Nächste Generation in wenigen Tagen schlüpfen. Ohne Sphären werden sie verhungern. Sie verstehen Besorgnis, Captain?“

„Natürlich, Hohepriester.“ Obwohl Spencer vieles nicht klar war, beschloss er, Lemois die Fragen auf der Oberfläche stellen zu lassen. „Unser Außenteam wird in Kürze bei Ihnen eintreffen.“

„Übermitteln Koordinaten, Captain. Vielen Dank, dass sie uns helfen.“

„Keine Ursache, Spencer Ende.“ Sehr merkwürdig...

„Wir treten in den Orbit ein“, gab Hwang bekannt.

„Danke. Anzeichen für ungewöhnliche Vorgänge?“

„Keine, Sir“, gab Terk bekannt.

„Alarmstufe Gelb ist aufgehoben und senken Sie die Schilde, Miss Karov. Mr. Terk, übermitteln Sie die Koordinaten an den Transporterraum, Commander, Sie stellen ein Außenteam zusammen.“

Lemois stand auf, tatendurstig. „Karov, Sie kommen mit.“ Dann betätigte sie ihren Kommunikator. „Mr. DeFalco, Mr. Hellmann, Dr. M'Boya, melden Sie sich im Transporterraum 1!“ Sie verließ zusammen mit Karov die Brücke.

„Behalten Sie das Außenteam mit den Sensoren im Auge, Mr. Terk“, ordnete Spencer an. „Meine letzten Zweifel sind noch nicht ganz zerstreut.“


M‘Boya und Hellmann warteten bereits im Transporterraum, als Lemois und Karov dort eintrafen.

„Wo ist Lieutenant DeFalco?“, wollte Lemois wissen, kaum dass sie eine Sekunde vor Ort war.

„Hier.“ Wie als Antwort stand DeFalco in der Tür. „Es ging leider ging es nicht schneller, Commander“, bemerkte treuherzig er als Reaktion auf Lemois‘ stechenden Blick.

Ein knappes Nicken war die einzige Reaktion, die Lemois zeigte, das Team folgte ihrem Vorbild und nahm rasch Aufstellung auf der Transporterplattform. „Energie!“

Sie materialisierten auf der Oberfläche von Chort IV, genauer gesagt, in der Mitte eines breiten, ebenen Platzes. Um den Platz herum waren einige höhlenförmige Behausungen sowie ein großes Bauwerk, das vage an einen Tempel erinnerte, zu erkennen. Eine trockene Hitze ließ die Umgebung noch trostloser erscheinen, als sie ohnehin schon war, in der Ferne flimmerte die Luft.

„Meinen Urlaub würde ich hier nicht verbringen“, brummte DeFalco spontan, seinen ersten Eindruck äußernd.

Karov und Hellmann aktivierten ihre Tricorder und analysierten die Umgebung. „Wärmer und trockener, als wir es gewohnt sind. Wenig Pflanzenbewuchs. Die einzigen Lebensformen in der unmittelbaren Nähe befinden sich dort.“ Hellmann deutete auf das große Gebäude.

„Gehen wir!“, beschloss Lemois. Sie bewegten sich auf das Bauwerk zu, ein Algiebaner wartete am Eingang.

„Willkommen auf Chort. Ich bin Priester Utrece. Ich werde sie führen zu Hohepriester Ethnys.“

„Ich bin Lieutnant Commander Lemois von der Kennedy. Wir folgen Ihnen.“

Unter der Führung von Utrece betraten sie das Bauwerk, sich eifrig umschauend. Er führte sie durch ein Areal von verwinkelten unterirdischen Gängen mit beinahe spiegelglatten Wänden und konventioneller Beleuchtung hin zu einem großen Saal. Den Großteil des verfügbaren Raumes dort nahmen drei lange Reihen von halb durchsichtigen Apparaten ein, deren Sinn und Zweck das Team nur erahnen konnte. Vor diesen Gerätschaften hatten sich vier weitere Algiebaner platziert, in demonstrativer Erwartung, soweit eine Beurteilung der Gestik und Mimik der Algiebaner ableitbar war.

Der Größte von ihnen trat auf das Außenteam zu. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Hohepriester Ethnys. In der Abwesenheit der Regierung leite ich die Geschicke dieser Kolonie.“

„Sehr erfreut. Ich bin Lieutenant Commander Lemois, Erster Offizier der Kennedy. Das ist Lieutenant Karov, Sicherheitschefin, Lieutenant Hellmann, Wissenschaftsoffizier, Dr. M'Boya, Schiffsärztin und Lieutenant DeFalco, Chefingenieur“, stellte Lemois unbeeindruckt und in neutralem, höflichen Tonfall vor. Tief in ihrem Inneren war ihr alles andere als wohl in dieser unheimlichen Umgebung. Den unsicheren Mienen ihres Teams entnahm sie, dass es ihnen kaum besser zumute war als ihr selbst.

„Bitte setzen Sie sich. Wir haben Stühle hergestellt, die für sie geeignet.“ Ethnys wies auf einen Tisch, der von sechs normal geformten Stühlen und einigen weiteren Objekten umrahmt war, die die Algiebaner wohl als bequeme Sitzgelegenheit betrachteten.

„Danke, Hohepriester.“ Das Team nahm Platz, erfreut davon, dass die Verbindung ihrer Tricorder mit den Übersetzungsroutinen auf der Kennedy auch hier unten einwandfrei funktionierte.

Ethnys und Utrece folgten ihrem Beispiel, zwei andere Algiebaner verließen den Raum, ein dritter verschwand zwischen den dezent im tiefen Spektrum surrenden Maschinen.

Ethnys begann wieder, die Worte folgten eine Spur langsamer aufeinander als zuvor. Lemois führte dies auf die unter hoher Belastung arbeitenden Übersetzungssysteme zurück.

„Drei Sphären sind verschwunden. In diesen Sphären ist die Nahrung für die nächste Generation von Larven. Diese in den nächsten Tagen schlüpfen. Dies“ - er deutete umständlich auf die riesigen Apparaturen im Hintergrund - „sind die Maschinen, die die Larven einige Zeit mit Nahrung aus Sphären versorgen. Wenn die Sphären nicht wiedergefunden, Larven müssen verhungern. Wir haben überall gesucht, nichts gefunden. Da haben wir uns an sie gewandt.“ Der beinahe singende Tonfall, der tiefe, laute Nachhall in dem großen Raum und die vereinzelten Pausen zwischen Worten boten einen unwirklichen Kontrast zur eher aufgeregten Gestik Ethnys‘.

„Wann haben Sie die Sphären zuletzt gesehen?“, fragte Lemois, die am laufenden Band kalte Schauer vertreiben musste, die ihr die gespenstische Wirkung der Szenerie über den Rücken trieben. Auch ihre Stimme wurde mit einem sonderbaren Nachhall versehen.

„Vor etwa drei Wochen“, antwortete Ethnys gemessen.

„Drei Wochen?“ Lemois sprach die Überraschung aus dem Gesicht. „Wieso? Ich meine, wieso ist es Ihnen erst jetzt aufgefallen?“ Der Widerhall ihrer eigenen Worte, zwischen dröhnend und dumpf schwankend, tat ihren Ohren weh, sie konnte nicht mehr unterscheiden, ob dies durch die rein physikalische Kräfte, die in dieser Halle wirkten, verursacht wurde, oder eine Überreaktion ihrerseits darstellte.

„Alle drei bis vier Wochen gibt es ein spezielles Verfahren für die Sphären. Das wurde vor dreiundzwanzig Tagen zum letzten Mal durchgeführt. Da wurden Sphären zum letzten Mal gesehen.“

„Die Nahrung können Sie nicht noch einmal produzieren?“, fragte sie weiter, die Anzahl der Worte in ihrem Satz bewusst reduzierend. Je weniger sie sich selbst hören musste...

„Herstellungsprozess sehr aufwändig, dauert sehr lange. Wir haben mit der Produktion begonnen, werden nur sehr wenig herstellen...“

„Wie sind die Sphären verschwunden? Wurden Sie vielleicht an Bord eines Raumschiffes gebeamt?“

„Sphären nicht beamen. Spezielle Struktur. Keine... Transportererfassung.“ Das war Priester Utrece, der Unterschied zu Ethnys war eine deutlich geringere Klarheit der Sprachwiedergabe bedingt durch die geringere Erfahrung des Universalübersetzers mit seiner Sprechweise. Als ungewöhnlich empfand es Lemois, dass das Wort ‚Transportererfassung‘ ohne größere Probleme übersetzt werden konnte, erinnerte sich aber dunkel daran, dass bei der Erstprogrammierung des Universalübersetzers mit gängigen Sprachen aller Föderationsmitglieder ein besonderes Augenmerk auf die Umsetzung technischer Begriffe gelegt worden war, da ein nachträgliches Erlernen für die Übersetzungsalgorithmen mit größeren Schwierigkeiten verbunden war.

„Wie groß sind die Sphären und woraus bestehen sie?“, fragte nun Hellmann. Seiner tieferen, sanfteren Stimme war unter diesen Umständen wesentlich angenehmer zu lauschen. „Wenn wir das wissen, können wir sie mit dem Tricorder und den Schiffssensoren aufspüren.“

Ethnys wies auf Utrece, der auf das Zeichen hin zu sprechen begann: „Sphären bestehen aus Silizium-Duraniumhülle. Durchmesser dreiundfünfzig Zentimeter. Im Inneren gibt es Kammern. Nahrung organisch, von...“ - einige seltsame Laute waren zu hören - „... umflossen zur Stabilität.“

Hellmann und DeFalco tauschten einen hilflosen Blick, mit einer wichtigen, wenn nicht der wichtigsten Substanz (Silizium und Duranium waren gängige Stoffe, die eindeutige Ortung von organischem Material vergleichsweise unzuverlässig) konnte der Übersetzer nichts anfangen.

„Wo bewahren Sie die Sphären auf?“, fuhr Hellmann fort, als hätte er gerade einen guten Einfall gehabt. „Ich würde mir gerne die entsprechende Vorrichtung ansehen.“

„Priester Utrece wird Ihnen zeigen“, bestimmte Ethnys.

Hellmann folgte Utrece und scannte die entsprechende Apparatur mit dem Tricorder.

„Haben Sie eine Vermutung, wie die Sphären verschwunden sind?“, fragte Karov in der Zwischenzeit. Ihr Tonfall, verfremdet durch die akustischen Gegebenheiten der Örtlichkeit, nahm sich für die Ohren des Außenteams angenehm neutral aus.

„Sphären waren nicht mehr da. Wir haben keine Ahnung, wo sie sich jetzt befinden.“

„Waren sie bewacht?“, fragte sie weiter.

„Nein. Niemand außer uns ist hier. Raum verschlossen.“

„Haben Sie Feinde? Gibt es jemanden, der Interesse haben könnte, Ihnen die Sphären zu entwenden?“

„Nein“, antwortete Ethnys. Karov überlegte, ob es nur Einbildung oder eine Laune des Universalübersetzers war, dass dieses „Nein“ sehr erschöpft, aber bestimmt wiedergegeben wurde. Sie fragte nicht weiter, auch da Hellmann und Utrece wiederkehrten.

„Vielen Dank, Priester Utrece.“ Er wandte sich an Lemois: „Commander, die Algiebaner nutzen Poly-Jakmanit/Vendarit, um die organischen Moleküle zu stabilisieren. Damit kommen zwei weitere Probleme auf uns zu.“

„Erklären Sie, Mr. Hellmann!“

„Jakmanit gehört zu den Substanzen, die von den Sensoren normalerweise nicht erfasst werden. Reines Jakmanit besitzt eine Halbwertszeit von fünfzehn Sekunden, wie es sich mit Poly-Jakmanit/Vendarit verhält, weiß ich auf Anhieb nicht, länger als einige Wochen wird es jedenfalls nicht sein. Andererseits kommt Poly-Jakmanit/Vendarit nicht in freier Wildbahn vor, oder anders gesagt, sobald wir es orten, orten wir wahrscheinlich die Sphären.“

„Danke, Mr. Hellmann.“

„Wie viel Zeit ist noch, bis die Larven schlüpfen?“, fragte M'Boya.

„Etwa eine Woche. Vielleicht weniger“, antwortete Ethnys.

„Wie lange können die Larven ohne Nahrung überleben?“, fragte sie weiter. „Und was für Nahrung ist das?“

„Ohne Nahrung nur wenige Stunden zum Überleben. Wir versuchen, die Zeit bis Schlüpfen zu verlängern“, antwortete Ethnys. Parallel dazu gab Hellmann einige Kommandos an seinen Tricorder, woraufhin M‘Boya einen genauen Blick auf den ihren warf. „Ah, danke.“

Nach einer kurzen Weile schüttelte sie heftig den Kopf. „Das ist zwar sehr interessant, aber unmöglich zu replizieren oder schnell zu synthetisieren.“

Lemois überlegte. „Wir kehren aufs Schiff zurück und beraten. Vielen Dank für Ihre Geduld und Ihre Auskünfte. Wir melden uns, sobald wir mehr wissen.“ Sie war glücklich, sich der beklemmenden Wirkung der algiebanischen Halle entziehen zu können, auch wenn diese Beklemmung nur durch ihre Fremdartigkeit hervorgerufen wurde. Ein derart umfassende Ausbildung, die dem Menschen die nötige Kraft verlieh, um die unbewusst in ihm vorhandenen xenophobischen Anlagen vollständig auszuschalten, konnte selbst Mitgliedern der Sternenflotte nicht zuteil werden, ganz einfach aus dem Grunde, dass es in jedem ureigenen Wesen tief verborgen war und unteilbar zu jeder Persönlichkeit gehörte. Es blieb nichts anderes übrig, als die eigenen Gefühle und den Verstand nach bester Möglichkeit zu zwingen, sich den Einflüssen dieser Anlagen zu entziehen.

„Einverstanden, Commander. Wünschen viel Erfolg bei Bemühungen.“

„Danke, Hohepriester.“

Die Fünf erhoben sich und nahmen Aufstellung.

„Lemois an Kennedy! Fünf Personen beamen!“

Das Außenteam löste sich in einen Funkenregen auf und materialisierte wieder im Transporterraum der Kennedy.

4

„Willkommen zurück. Was haben Sie denn erfahren?“, begrüßte Spencer die Fünf, nachdem sie den Turbolift erfolgreich verlassen hatten.

Lemois berichtete Spencer kurz über die Ergebnisse des Gesprächs mit Ethnys.

„Also, die Sphären sind weg, auf welche Weise auch immer, und wir sollen sie zurückholen“, resümierte er. Er dachte nach. „Mr. Hellmann, können Sie die Sensoren so modifizieren, dass Sie dieses Poly-Jakmanit/...“ - er suchte nach dem Begriff - „wie auch immer orten können?“

„Poly-Jakmanit/Vendarit“, wiederholte Hellmann geduldig. „Solange es nicht pures Jakmanit ist, kein Problem.“ Er setzte sich an Terminal I und begann mit dem Abtasten von Chort.

„Wie lange brauchen Sie ungefähr?“, fragte Spencer.

„Maximal eine Minute, Captain. Beide Stoffe sind extrem selten, die Verbindung sowieso“ meinte Hellmann. „Die Feinjustierung ist das Problem.“

„Gut. Alle übrigen bitte in den Besprechungsraum, Sie kommen nach, wenn Sie fertig sind. Mr. Torrente, Sie übernehmen.“

Nachdem alle ihre üblichen Plätze eingenommen waren, begann Spencer: „Falls die Sphären nicht mehr auf Chort sind, stellt sich die Frage, erstens, wer hat den Algiebanern ihre Sphären gestohlen und zweitens, wo sind die Sphären? Was haben wir zu erstens?“

„Wir wissen, dass sich die Sphären nicht beamen lassen“, begann Karov bedächtig.

„Moment!“, unterbrach DeFalco. „Utrece sagte, dass keine Transportererfassung möglich sei. Das ist etwas anderes.“

„Und das heißt?“, fragte Lemois. Hellmann hatte seine Arbeit auf der Brücke abgeschlossen und gesellte sich zur versammelten Runde.

DeFalco erklärte es gestenreich: „Die Sphären lassen sich wahrscheinlich durchaus beamen, wenn man mit einem Tricorder daneben steht und die Koordinaten ans Schiff übermittelt. Oder reagiert Poly-Jakmanit/Vendarit allergisch auf Transporte?“

„Ich habe mich gerade schlau gemacht, da gibt‘s keine Probleme“, antwortete Hellmann. „Von dem ausgehend, was mir Priester Utrece gezeigt hat, müssen wir die Sphären in maximal sechs Tagen finden, weil nur bis dahin noch genügend von dem PJV vorhanden ist, um genügend Nahrung zu konservieren.“ Fragende Mienen erschienen auf Gesichtern von einigen Anwesenden bis sie die Abkürzung PJV mit Poly-Jakmanit/Vendarit assoziiert hatten.

„Aha“, sagte Spencer. „Die Sphären sind also nicht mehr auf Chort?“

„Nein, Sir. Es gab zwar Reste der Substanz, aber diese waren in der Apparatur, die ich vorhin bereits auf dem Planeten gescannt hatte.“

„Also könnte doch ein Schiff im Orbit gewesen sein. Es beamt jemanden heimlich an den Ort, an dem die Sphären aufbewahrt werden, dieser Jemand übermittelt die Koordinaten an sein Schiff und wird mitsamt den Sphären an Bord gebeamt. Fertig“, überlegte Spencer.

„Das klingt plausibel“, stimmte sogar Lemois zu. „Und anders werden diese Sphären kaum vom Planeten verschwunden sein.“

„Wir brauchen unbedingt Sensorenaufzeichnungen dieses Systems der letzten drei Wochen. Wer kommt da in Frage?“ Die letzten Worte Spencers galten Hwang.

Sie legte sich die Informationen auf den kleinen Computermonitor, der an jedem Platz installiert war und las: "Das wären wir, Sternenbasis 53, Subraumrelaisstation 513, sowie ein kleines privates Handelsschiff, die S.S. Mira.“

„Legen Sie eine Sternenkarte auf den Monitor und zeichnen Sie die Positionen und Kurse ein!“, ordnete Lemois an. Hwang ließ den Computer die Grafik, an der sie die Informationen abgelesen hatte, auf den großen Monitor an der Wand projizieren.

„Das ist nicht schön“, brummte Spencer. „Wir sind erst seit zwei Tagen im Abtastradius und sowohl Sternenbasis 53 als auch Relaisstation 513 sind eigentlich schon zu weit weg, als dass sie noch Daten über dieses System liefern könnten, die ausreichend klar sind, um ein Schiff zu identifizieren. Interessanter sieht da schon die Mira aus.“ Anhand dessen, was Spencer am Monitor ablesen konnte, hatte die Mira, ein kleiner Frachter einer privaten Handelsfirma, den Bereich um Chort vor zwanzig Tagen passiert.

„Hoffentlich haben die überhaupt Sensoraufzeichnungen gemacht“, brummte DeFalco.

„Wieso?“, fragte Lemois. „Das ist doch Vorschrift für alle in der Föderation registrierten Frachter.“

„Es kann sich ja nicht jeder an Vorschriften halten“, gab DeFalco zurück.

„Was wollen Sie damit andeuten, Mr. DeFalco?" Lemois blitzte DeFalco an.

„Nichts“, gab DeFalco verdattert zurück.

Spencer verzog die Mundwinkel und räusperte sich vernehmlich. „Könnten Sie das bitte auf später verschieben? Wir haben anderes zu tun“, brummte er. „Wenn nicht noch jemand konstruktivere Beiträge zu liefern hat...“, fragte er in die Runde, „... dann schauen wir mal, ob die Mira etwas hat, was uns weiterhilft.“

Auf dem Weg zur Tür stoppte Spencer DeFalco. „Gerry, ich will den Leistungsbericht Warpantrieb morgen früh im meinem Büro liegen haben. Alles klar?“

„Alles klar, Captain.“ DeFalco schien verstanden zu haben, was Spencer von seinem Kommentar vorhin gehalten hatte, ob beabsichtigt oder nicht und verkniff sich einen weiteren.

„Gut.“ Spencer verließ als letzter hinter DeFalco den Besprechungsraum. DeFalco verschwand gleich ganz von der Brücke, Hellmann nahm Platz an Terminal I und M'Boya ließ sich interessiert auf den Platz des Missionsbegleiters links von Spencer nieder. Spencer fragte sich, ob ihre unübliche Anwesenheit auf der Brücke nur auf Neugierde zurückzuführen war oder etwas mit dem zu tun hatte, was sie ihm vor wenigen Wochen unter vier Augen berichtet hatte. Das Verhalten der relativ unerfahrenen und angeblich uneinigen Crew im ersten ‚richtigen‘ Ernstfall...

„Mr. Hellmann, besorgen Sie sich die Sensoraufzeichnungen von Sternenbasis 53 und der Subraumrelaisstation und checken Sie, ob Sie was finden. Ich bezweifle es zwar, will aber keine Möglichkeit ausschließen.“

„Verstanden, Sir.“

„Mr. Terk, suchen Sie die Mira und stellen Sie eine Verbindung her.“ Spencer ließ sich in seinen Kommandosessel hineinfallen.

„Das mit DeFalco wäre nicht nötig gewesen, Sir“, raunte ihm Lemois zu. „Ich hätte mir schon Geltung verschafft.“

„Das bezweifle ich nicht, Commander. Aber wenn es DeFalco zu gut geht, trete ich ihn lieber selbst. Außerdem wollte ich den Bericht ohnehin morgen haben.“

„Sir, ich habe die Mira“, unterbrach Terk das leise Gespräch von Spencer und Lemois.

„Rufen Sie sie!“

„Verbindung steht, Sir.“

„Frachtschiff Mira! Hier spricht Captain Robert Spencer von der U.S.S. Kennedy. Bitte antworten!“

Nach kurzer Zeit erschien das Bild eines dunkelhaarigen Mannes in einem legeren Anzug und einer ebensolchen Miene auf dem Bildschirm. „Hier spricht Mike Aitken von der Mira. Captain Spencer, was wollen Sie?“

„Mr. Aitken, ihr Schiff hat das Chort-System vor knapp zwanzig Tagen passiert. Ist das richtig?“ Spencer ließ sich von Aitkens offen zur Schau gestellter Unwilligkeit nicht beeinflussen und behielt seinen neutralen Tonfall bei.

Er überlegte kurz. „Ja, wieso? Was wollen sie? Wir haben nichts angestellt!“ Er runzelte die Stirn, sein Ton geriet ins Ärgerliche.

„Hat auch keiner behauptet“, brummte Spencer, der sich über den Grund für Aitkens plötzlich auftretendes schlechtes Gewissen wunderte. „Das einzige, was uns interessiert, ist ihre Sensorenaufzeichnung oder ist ihnen sonst etwas Ungewöhnliches aufgefallen, ein Schiff oder ähnliches?“

„Sensorenaufzeichnung?“ Er schüttelte irritiert den Kopf. „Die haben wir nicht mehr. Wir bewahren sie vorschriftsmäßig zwei Wochen auf und löschen sie dann.“

Spencer und Lemois blickten sich entmutigt an, jedoch nur, bis Aitken fortfuhr: „Allerdings ist uns ein Schiff entgegengekommen ohne Transpondercodes zu senden. Das haben wir natürlich gemeldet.“

Spencer atmete leicht auf. „Wie sah das Schiff aus?“

„Etwa zylinderförmig, vorne spitz zulaufend. Größer als die Mira. Den Schiffstyp kannte ich nicht. Aber hören Sie, das steht alles in unserem Bericht. Fragen Sie auf Sternenbasis 53 nach, dort haben wir ihn hingeschickt.“

„Vielen Dank, Mr. Aitken. Sie haben uns sehr geholfen! Spencer Ende.“

„Das ist doch schon was“, murmelte Lemois.

„Zumindest mehr als nichts. Mr. Terk, eine Verbindung zu Sternenbasis 53!“

„Aye, Sir. Verbindung steht!“

„Commander Mogambu, Sternenbasis 53. Captain Spencer? Haben Sie ein Problem?“, erkundigte sich der wohl bekannte Erste Offizier der Basis mit einem Hauch von Sorge in der Stimme.

„Nein, Commander, nicht mehr als üblich. Wir bräuchten einen Bericht der S.S. Mira von vor etwa zwanzig Tagen. Sie hatten eine Anzeige gemacht, weil sie auf ein Schiff gestoßen waren, das ohne Transpondercodes flog. Dieses Schiff suchen wir.“

„Moment, Captain.“ Mogambu führte eine kurze Datenbankabfrage durch. „Hier ist etwas“, verkündete er. „S.S. Mira, NGL-9332. Eine Anzeige wegen... Das müsste es sein. Ich übermittle.“

„Hat sich bereits etwas getan wegen der Anzeige?“

Mogambu verneinte. „Das Schiff ist nicht wieder aufgetaucht und wir hatten andere Probleme in der Zwischenzeit. Wir haben es nicht weiter verfolgt.“

„Okay, danke. Spencer Ende.“

„Na also!“, freute sich Hwang, nachdem die Verbindung getrennt worden war.

„Freuen Sie sich nicht zu früh, Miss Hwang, wir müssen es erstmal finden und uns die Sphären besorgen“, dämpfte Spencer ihren nicht unberechtigten Optimismus. „Was steht drin, Mr. Terk?“

„Eine grobe Beschreibung des Schiffstyps und sein Kurs: 195, 340 zum damaligen Kurs der Mira. Geschwindigkeit Warp 4.“

„Lassen Sie die Beschreibung durch den Computer laufen, vielleicht gibt es Entsprechungen“, wies Lemois an. „Ergebnisse, Mr. Hellmann?“

„Die Aufzeichnungen von Sternenbasis 53 und der Relaisstation geben nicht viel her. Nichts zu machen“, gab Hellmann enttäuscht bekannt.

„Dann nicht.“ Spencer dachte kurz nach. „Geben Sie mir nochmal Ethnys.“

„Verbindung steht, Sir“, gab Terk bekannt. Das bereits bekannte Bild aus dem Tempel war wieder auf dem Hauptschirm zu sehen, dieses Mal waren jedoch nur Ethnys und Utrece im Blickfeld.

„Hohepriester Ethnys, hier spricht Captain Spencer. Wir konnten ein verdächtiges Schiff ausmachen, welches vor etwa zwanzig Tagen hier gesehen wurde und werden die Verfolgung aufnehmen.“

„Wir danken, Captain. Wir hoffen, Sie werden rechtzeitig sein. Möge der Höchste ihre Pfade lenken.“

Nachdem das Bild von Ethnys etwas plötzlich wieder durch die orangefarbene Kugel von Chort IV ersetzt worden war, schüttelte sich Spencer wegen der seltsam anmutenden Abschiedsfloskel. „Miss Hwang, wir verlassen den Orbit. Gehen Sie auf Verfolgungskurs mit Warp 6. Beschleunigen wenn bereit!“, bestimmte er.

„Sir, diese Kursangabe ist drei Wochen alt und muss nicht mehr stimmen“, gab Hwang zu bedenken während sie Vorbereitungen traf, Spencers Anweisungen auszuführen.

„Ich weiß. Mehr haben wir im Moment nicht, leider. Wenn wir den genauen Schiffstyp wissen, können wir eine allgemeine Suchanfrage für diesen Sektor starten.“

„Relativ dürftig, Captain, oder?“, ließ sich M'Boya vernehmen, die die Aktionen auf der Brücke stumm aber interessiert verfolgt hatte. „Ein unidentifiziertes Schiff vor zwanzig Tagen ohne Transpondercodes?“

Spencer zuckte die Schultern und zeigte seiner Bordärztin einen leeren Gesichtsausdruck.

„Neuigkeiten, Sir“, meldete Terk. „Der Computer identifiziert dieses Schiff mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit als ein Schiff der Nausicaaner.“

„Nett“, kommentierte Lemois spontan. „Was haben denn die hier zu suchen? Geben Sie eine Suchmeldung für diesen und angrenzende Sektoren heraus!“

„Aye, Ma‘am“, bestätigte Terk.

„Und warum stehlen Nausicaaner den Algiebanern drei Sphären? Einfach so?“, fragte Hwang.

„Das ist hier überhaupt die Frage“, brummte Spencer. „Ich für meinen Teil jedenfalls ziehe mich jetzt zurück und überlasse ihrer Fantasie die Antwort bis morgen. Gute Nacht zusammen!“ Mit diesen Worten beendete er abrupt und unerwartet für die Anwesenden seine Präsenz auf der Brücke und verschwand im Turbolift.

Lemois rief die Besatzung für die Nachtwache auf die Brücke, übergab Hwang das Kommando und machte sich mit den übrigen Führungsoffizieren auf, ihre verspätete Nachtruhe zu beginnen.

5

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21705.4, Zweiter Offizier Hwang: [14.09.2344 04:14:01]

Nach einem Gespräch mit den Algiebanern hat sich ergeben, dass drei für ihre Nachkommen lebenswichtige Objekte gestohlen wurden. Wir haben ein unidentifiziertes Schiff ausgemacht, das vor zwanzig Tagen im Chort-System gesichtet wurde und befinden uns auf einem vermuteten Verfolgungskurs. Mehr über die Zusammenhänge wissen wir noch nicht bis jetzt.

Am liebsten hätte Hwang das gedämpfte Licht auf der Brücke wieder auf volle Stärke gedreht, um sich im Kampf gegen ihre Müdigkeit nicht so oft recken und strecken zu müssen. Seit drei Stunden jagten sie mit Warp 6 auf einem spekulativen Kurs durch den Raum, auf einem Kurs, den vor drei Wochen das verdächtige Schiff gehabt hatte, von dem sie immer noch nicht mehr wussten, als dass es zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen sein könnte. Sie sah immer wieder verstohlen zu Fähnrich Manelides an der Einsatzleitung und wartete auf eine Antwort auf ihre sektorweite Suchmeldung, denn ohne eine Antwort würden sie das Schiff wahrscheinlich nie finden. Die Langstreckensensoren arbeiteten mit voller Reichweite, aber auch das half nicht. Sie erschrak, als die Einsatzleitungskonsole warnende Geräusche von sich gab.

„Lieutenant, die Langstreckensensoren sind überlastet. Die Sensorenwerte beginnen unscharf zu werden.“

Hwang überlegte. Dass der Einsatz dieser Sensoren bei der Suche nach einem Schiff, das vor drei Wochen hier war und sich jetzt nicht mal mehr im gleichen Sektor befinden musste, überhaupt etwas brachte, war sehr unwahrscheinlich. „Schonen Sie die Sensoren und fahren sie ihre Leistung herunter, Fähnrich. Immer noch nichts auf den Anzeigen?“

„Nichts, Lieutenant.“

Hwang versuchte, den Schreck, den sie gerade erhalten hatte, aus den Gliedern zu bekommen und sich mehr auf ihren Dienst zu konzentrieren. Ein Zischen hinter ihr zeigte an, dass sich die Turbolifttüren geöffnet hatten. Sie wandte sich um und sah DeFalco auf der Brücke stehen. Sie blickte ihn fragend an.

„Nichts besonderes, Kim. Ich liefere nur den Bericht für den Captain ab.“

„Ah ja.“ Sie drehte sich wieder nach vorn und hörte ein leises, knurrendes „Mitten in der Nacht“, von DeFalco, als er in Spencers Bereitschaftsraum verschwand, um das PZAG mit dem Bericht dort abzulegen. Ein leichtes Schmunzeln umspielte spontan ihre Lippen. Hätte er sich vorhin mit seinem Kommentar gegenüber Lemois zurückgehalten, hätte er sich die Überstunden jetzt sparen können. Auf der anderen Seite fragte sie sich, ob Lemois nicht in diesem speziellen Falle überreagiert hatte; ihr fielen spontan gleich mehrere Gelegenheiten ein, bei denen sich DeFalco bedeutend weiter aus dem Fenster gelehnt hatte, ohne dass Lemois oder gar Spencer Maßnahmen ergriffen hätten...

Ein weiteres Signal von der Einsatzleitung, nahezu zeitgleich mit DeFalcos Verschwinden im Turbolift unterbrach Hwangs Gedankengänge nur, sie erschreckte sich dieses Mal nicht.

„Ein Signal vom Planeten Ilecom VII, eine Antwort auf unsere Suchanfrage.“

Hwang richtete sich schlagartig auf. „Auf den Schirm!“

„Hier spricht Föderationsattaché Lao Wu von Ilecom VII. Ich rufe die U.S.S. Kennedy!“

„Ich grüße Sie, Attaché. Ich bin Lieutenant Kim Hwang. Sie haben etwas für uns?“

„Hwang? Entschuldigen Sie meine Frage, aber sind Sie vielleicht mit Botschafter Hwang verwandt?“

Sie lächelte. „Das kann man sagen, Attaché. Er ist mein Vater.“ Ihr Vater, Botschafter der Föderation auf Tellur, war in Diplomatenkreisen bekannt und geachtet und der Attaché war nicht der erste, der sie nach ihm gefragt hat.

„Was haben Sie denn nun für uns, Attaché?“ Hwang hatte nichts gegen Smalltalk, war sich aber der Dringlichkeit ihrer Mission durchaus bewusst.

Wu besann sich wieder auf den eigentlichen Grund seiner Nachricht. „Sie haben eine Suchanfrage nach einem Nausicaanerschiff geschickt? Wir hatten vor etwa vier Stunden ein derartiges Schiff auf unseren Sensoren. Die Einzelheiten übermittle ich ihnen.“ Wu betätigte einige Tasten auf seinem Pult und Manelides bestätigte den Empfang.

„Vielen Dank, Attaché. Und grüßen Sie meinen Vater, wenn Sie ihn sehen.“

„Das werde ich tun, Lieutenant. Ilecom Ende.“

Hwang schloss den Kanal und wandte sich dann an Manelides: „Was hat er übermittelt?“

„Die Sensorendaten über das gesichtete Schiff entsprechen etwa denen, die die Mira an Sternenbasis 53 geschickt hatte. Positionsdaten...“ Er nannte Hwang einige Koordinaten.

Sie schnippte erfreut mit dem Finger. Endlich hatten sie eine aktuelle Information. „Fähnrich Dekker, ändern Sie unseren Kurs. Auf 103,15 und erhöhen Sie auf Warp 7! Voraussichtliches Zusammentreffen in...?“

„Etwa achtundzwanzig Stunden“, vervollständigte Dekker von der Flugsteuerung.

Sie zögerte, dann aktivierte sie ihren Kommunikator. „Hwang an Captain Spencer!“

Die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten, es tat ihr leid, aber sie musste ihren Captain wecken.

„Mmpf. Spencer hier. Was ist los?“, kam die erwartungsgemäß unfreundliche Reaktion über ihren Kommunikator.

„Sir, wir haben eine Antwort auf unsere Suchanfrage von Ilecom VII. Sie hatten das gesuchte Schiff vor einigen Stunden auf den Sensoren. Wir liegen mit Warp 7 auf Verfolgungskurs und treffen in circa achtundzwanzig Stunden zusammen“, berichtete sie.

„Wie? Achtundzwanzig Stunden? Gut. Machen Sie weiter. Und danke für die Störung.“ Ein Zirpen des Computers sagte ihr, dass Spencer den Kanal nach diesen Worten geschlossen hatte. Hwang versank etwas tiefer in den bequemen Kommandosessel, stützte ihren Ellbogen auf und wartete auf die Ablösung. Endlich jagten sie nicht mehr nur einem Phantom hinterher.


Am nächsten Morgen berief Spencer gleich die nächste Besprechung ein. Alle Führungsoffiziere waren anwesend, auch Hwang, sichtlich gezeichnet von der langen Nachtschicht. Auf ein Nicken Spencers begann sie mit einem kurzen Statusbericht: „Wir haben das gesuchte Schiff inzwischen auf den Langstreckensensoren, befinden uns auf Abfangkurs und treffen mit ihm in knapp dreiundzwanzig Stunden zusammen. Unser eigener Scan hat das Schiff als ein Schiff der Nausicaaner bestätigt."

Spencer nickte: „Danke, Lieutenant. Gibt es Informationen über diesen Schiffstyp?“

Terk reagierte erst, als Spencer ihn direkt ansah und führte eine Datenbankabfrage durch. „Unbestimmte, Sir. Als Höchstgeschwindigkeit wird circa Warp 4 angenommen, in puncto Feuerkraft sollten wir ihnen leicht überlegen sein, an Manövrierfähigkeit deutlich. Weitere Informationen beruhen auf Annahmen.“

„So. Jetzt, da wir wissen, wer mit einiger Wahrscheinlichkeit die Sphären entführt hat, müssen wir uns nur überlegen, wie wir die Sphären zurückfordern können. Dazu würde sich die Frage des Motivs stellen.“ Spencer blickte erwartungsvoll in die Runde und wartete auf Vorschläge.

„Ich habe mir mal einige Gedanken gemacht, Sir. Das Ganze entspricht eigentlich nicht einem typischen nausicaanischen Vorgehen“, überlegte Karov.

„Sondern?“, erkundigte sich Spencer interessiert.

„Keine Ahnung, Sir. Nur, wenn das wirklich Nausicaaner wären und sie die Sphären haben wollten, hätten sie wahrscheinlich den Tempel auf Chort zertrümmert, die Sphären genommen und wären abgeflogen. Dass wir ein Nausicaanerschiff auf den Sensoren haben, heißt nicht unbedingt, dass da auch Nausicaaner am Steuer sitzen“, schloss sie mit einem verschmitztem Lächeln.

„Da ist was dran“, brummte Spencer. „Nur was uns das weiterhilft?“

„Zumindest vergrößert das die Anzahl der möglichen Motive um einiges", mischte sich M'Boya ein. „Wenn wir nicht wissen, wer an Bord ist, können wir unmöglich vorhersehen, wie man auf uns reagieren wird.“

„Nun, Nausicaaner können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen. Und damit sinkt die Chance für ein Gefecht, das wir uns nicht leisten können, dramatisch. Ich habe nämlich nicht vor, auf ein Schiff zu schießen, welches die Objekte an Bord hat, hinter denen ich her bin. Wie kommen wir nun an die Sphären?“

„Wir wollen doch etwas von den ‚Entführern‘, die Sphären nämlich. Wenn sie etwas von uns wollten, könnte man einen Tausch arrangieren“, überlegte Lemois.

„Mhm. Was könnten wir denn im Austausch gegen die Sphären anbieten?“, überlegte Spencer.

„Latinum“, antwortete DeFalco wie aus der Pistole geschossen. „Alle wollen Latinum.“

„Und wo willst du Latinum hernehmen?“, fragte Spencer. „Wir können es schließlich nicht einfach replizieren.“

„Wieso können wir Latinum eigentlich nicht replizieren?“, warf Karov ein.

Hellmann antwortete: „Weil dabei Chaseum herauskommt. Latinum ist eines der wenigen Stoffe, die sich nicht replizieren lassen, deshalb wird es allgemein als Edelmetall und als fälschungssichere Handelswährung anerkannt.“

„Und deswegen sind neuerdings auch alle so hinter Latinum her“, ergänzte DeFalco.

Einige Sekunden tat sich nichts in der Runde, bis plötzlich Lemois eine Idee kam: „Sagen Sie, Captain, spielen Sie Poker?“

„Nein, Commander, ich ziehe die Berechenbarkeit des Schachs vor. Warum fragen Sie?“

„Vielleicht sollten wir einen guten Bluff riskieren. Wir informieren die Entführer und sagen, wir wollen die Sphären gegen in Gold gepresstes Latinum tauschen. Vielleicht gehen Sie auf das Angebot ein?“

„Und wie sollen wir dann an die Sphären kommen? Sie werden die Sphären nur dann übergeben, wenn sie das Latinum haben. Und mit dem Transporter erfassen können wir die Sphären vermutlich nicht, außer wenn wir mit einem Tricorder daneben stehen“, erwiderte Spencer.

„Auf jeden Fall würden wir uns dem Schiff gegenübersehen und wir würden Zeit sparen, wenn sie uns entgegen fliegen. Es muss doch eine Möglichkeit geben“, meinte Lemois, hörbar verärgert darüber, dass die Lösung auf der Hand liegen musste, sie nur nicht danach greifen konnte.

„Vielleicht wollen wir ja die Sphären sehen und beamen uns an Bord“, überlegte Hellmann.

„Und wenn nicht? Dann haben wir ein Problem“, gab Karov zu bedenken.

„Am besten, wir beamen das Latinum einfach hinüber“, warf DeFalco ein. Auf den irritierten Blick Spencers und Lemois fuhr er fort: „Wir können Latinum zwar nicht replizieren, aber wir können die Signatur von Latinum imitieren. Mit anderen Worten: Wir beamen eine Kiste hinüber, die laut Scan das Latinum enthält. Aber wenn sie sie öffnen, erhalten sie eine Überraschung.“ Er grinste breit.

Karov begriff schnell. „Das heißt, sie fallen bewusstlos um oder so, wir schicken ein Außenteam mit Atemgeräten hinterher und übernehmen das Schiff“, führte sie seinen Gedanken weiter.

„Das wäre zu überlegen, Gerry. Klingt gut. Ist aber nicht ohne Risiko.“

„Risiko gehört zum Spiel, Captain“, erinnerte ihn Lemois. „Haben Sie einen besseren Vorschlag?“

„Im Moment nicht“, antwortete Spencer nach kurzer Überlegung. „Wir informieren also die Entführer und sagen, dass wir im Auftrag der Algiebaner für die Sphären bezahlen wollen“, beschloss er.

„Vielleicht gibt uns auch das Komm-Gespräch wertvolle Hinweise“, ergänzte Lemois.

„Eben.“ Spencer sah sich erwartungsvoll um, niemand wollte noch etwas anmerken. „Dann wollen wir mal. Stationen wieder besetzen!“

Alle verließen den Konferenzraum und besetzten ihre Stationen, nur Hwang setzte sich im hinteren Teil der Brücke auf einen freien Platz an den Terminals und bemühte sich, ihre Augen möglichst offen zu halten. Thalvan vertrat sie an der Flugsteuerung.

Spencers erstes Kommando galt Terk. „Rufen Sie das Schiff!“

„Aye, Sir. Verbindung steht.“

„Hier spricht Captain Robert Spencer von der U.S.S. Kennedy. Unidentifiziertes Schiff, bitte antworten Sie!“

Nach einigen Sekunden, in denen sich nichts tat, meldete Terk: „Sie haben den Ruf empfangen, antworten aber nicht.“

„Ich wiederhole, hier spricht Captain Robert Spencer von der U.S.S. Kennedy. Unidentifiziertes Schiff, bitte antworten Sie! Sie haben etwas, was die Algiebaner gerne wiederhaben wollen und wir sind im Auftrag der Algiebaner hier, um darüber zu verhandeln.“ Er sprach bewusst verklausuliert und in Andeutungen, um seinen Gesprächspartnern nicht zu viel zu verraten, da nicht hundertprozentig geklärt war, ob diese überhaupt für den Diebstahl der Sphären verantwortlich waren. Wenn sie es nicht waren, würden sie bestenfalls mit einer verständnislosen Nachricht antworten, wenn sie es aber waren, würden sie auf jeden Fall wissen wollen, was sie im Austausch für die Sphären, die mit hoher Wahrscheinlichkeit für sie selbst wertlos waren, erhalten könnten.

Es dauerte einige Sekunden, bis eine Antwort sichtbar wurde. Ein Bild einer dunklen Brücke erschien auf dem Hauptschirm und ein ebenso dunkel und ungepflegt gekleideter Mann trat vor. „Ich bin Volnoth vom Clan der Lornac. Was wollen sie, Sternenflottenschiff?“ Seine schnarrende Stimme klang unverkennbar feindselig.

Spencer war überrascht, innerlich hatte er trotz aller Widersprüche erwartet, einen Nausicaaner zu sehen. Er konnte jedoch nicht auf Anhieb die Spezies identifizieren, zu der Volnoth gehörte, unter anderem auch, weil das Bild sehr dunkel war.

„Mit Speck fängt man Mäuse“, sagte Lemois für Volnoth unhörbar. Spencer konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen.

„Mr. Volnoth“, begann er vorsichtig, aber vernehmlich und überaus freundlich. „Sie haben drei für die Algiebaner sehr wertvolle Gegenstände an Bord. Wir sind hier, um über eine angemessene Entschädigung für Sie zu verhandeln, die sie im Austausch für die Sphären erhalten können.“

„Und wenn dem so wäre?“, knurrte Volnoth.

„Dann sollten wir über die Höhe dieser Entschädigung verhandeln und danach den Austausch vollziehen.“

„Warten Sie!“, grollte Volnoth und einige seltsame Schriftzeichen erschienen auf dem Hauptschirm, die sich nach kurzer Zeit in ein „Bitte warten!“ änderten, das heißt, vom Universaltranslator übersetzt wurden.

„Computer: In welcher Sprache waren die Schriftzeichen auf dem Hauptschirm abgefasst?“, fragte Lemois schnell.

„Die Schriftzeichen gehören zu einer Abart des Acamarianischen“, antwortete der Computer. Fast zeitgleich erschien Volnoth wieder auf dem Hauptschirm. „Und woher weiß ich, dass das kein Trick ist?“

„Mr. Volnoth, ich kann Ihnen ausdrücklich versichern, dass wir nichts unternehmen werden, um die Sphären zu gefährden. Die Algiebaner sind bereit, in Latinum zu zahlen und wir dienen nur als Kurier, wenn Sie so wollen“, beschwichtigte Spencer.

„Von mir aus.“ Volnoth war noch lange nicht überzeugt, das konnte Spencer sowohl sehen als auch hören. „Da Sie sich sowieso schon auf einem Abfangkurs befinden, werden wir unseren Kurs entsprechend ändern. Halten Sie fünfhundert Barren von in Gold gepresstem Latinum bereit. Wir verhandeln nicht.“

„Einverstanden, Mr. Volnoth!“, sagte Spencer ohne mit der Wimper zu zucken. „Wir sind uns einig?“

„Keine Tricks, Sternenflotte!“, kam die harsche Erwiderung. „Volnoth Ende.“ Nachdem wieder die Warpsterne auf dem Hauptschirm das Gesicht von Volnoth ersetzt hatten, atmete Spencer laut und hörbar aus. „Soviel dazu.“

„Sie waren klasse, Captain“, fand Karov begeistert.

„Finden Sie?“, brummte Spencer. Er konnte solche Komplimente, spontan oder nicht, nicht leiden.

„Fünfhundert Barren“, murmelte Lemois. „Damit könnte man einen ganzen Planeten kaufen. Ich wette, er hat nicht damit gerechnet, von uns so viel für die Sphären zu bekommen.“

„Das mit Sicherheit. Auf jeden Fall wird er das von uns bekommen, was er verdient.“ Spencer lächelte boshaft. „Wann treffen wir mit ihnen zusammen?“

„Sie fliegen uns jetzt genau entgegen. Zusammentreffen in etwa siebzehn Stunden und dreißig Minuten“, antwortete Thalvan.

„Danke. Die Besprechung geht sofort weiter. Jetzt da wir wissen, mit wem wir es zu tun haben, können wir mit größerer Sicherheit entscheiden.“ Spencer stand ohne Zögern auf und betrat wieder den Konferenzraum, die übrigen folgten ihm.

„So, als erstes zur Herkunft unserer Verhandlungspartner. Der Anführer nannte sich Volnoth vom Clan der Lornac und die Schriftzeichen auf dem Hauptschirm wurden als acamarianisch identifiziert. Kann sich irgendwer einen Reim darauf machen oder muss ich den Computer befragen?“

„Ich weiß da was, Sir“, meldete sich Lemois. „Die Acamarianer sind ein Volk, dessen Heimatplanet einige Sektoren entfernt ist. Sie leben im Frieden mit den umliegenden Völkern, allerdings hat sich vor einigen Jahrzehnten eine Gruppe Acamarianer abgespalten, die nun unter dem Namen ,Die Sammler' ein interstellares Piratendasein fristet.“

„Die machen ihrem Namen ja alle Ehre“, brummte DeFalco. „Sammeln sogar nausicaanische Raumschiffe.“

„Ich würde niemandem raten, zu versuchen, einer Gruppe Nausicaaner irgend etwas wegzunehmen, geschweige denn ein Raumschiff“, meinte Karov Bewunderung ausdrückend.

„Nur warum haben sie die Sphären ,gesammelt'? Vielleicht weil sie für sie wertvoll erschienen? Oder weil sie etwas brauchten?“, überlegte Spencer.

M'Boya schüttelte den Kopf. „Das kann ich mir nicht vorstellen. Die organischen Komplexe, aus denen die Nahrung besteht, sind garantiert alles andere als nahrhaft für Humanoiden.“

Hellmann pflichtete ihr bei. „Es gibt einfachere Möglichkeiten, an eine Silizium/Duraniumkugel zu kommen. Mit Poly-Jakmanit/Vendarit hatte ich bisher zwar noch nicht zu tun, aber ich glaube kaum, dass ein Stoff mit einer Halbwertszeit von einigen Wochen einen dauerhaften Wert haben könnte.“

„Vielleicht haben in einem Auftrag gehandelt“, überlegte Karov.

Spencer schüttelte innerlich den Kopf. So begrüßenswert dynamische Wortwechsel seiner Offiziere wie diese auch waren, so sehr ließen sie eine klare Linie vermissen. Seine und eigentlich auch Lemois‘ Aufgabe war es nun, die einzelnen Gedankenbröckchen zu einem sinnvollen Gesamtkonzept zusammenzufügen, doch das erschien in diesem Falle ungewöhnlich schwierig.

„Wie dem auch sei, wir werden es wahrscheinlich wissen, wenn unser Unternehmen funktioniert hat“, unterbrach Spencer. „Gerry, wie lange brauchst du, um die Latinumimitation von fünfhundert Barren zu verpacken?“

„Nicht lange. Dreißig Minuten höchstens“, antwortete DeFalco sicher.

„Doktor, Sie fügen dann einen Betäubungscocktail, der ausströmt, sobald die Kiste geöffnet wird, hinzu, am besten etwas, wovon nicht nur Acamarianer umfallen. Wir wissen nicht, wer noch an Bord ist.“

M'Boya überlegte. „Da werde ich so einiges zusammenmixen müssen, Captain. Kein Problem.“

„Sehr gut. Bereiten Sie die Kiste vor!“, beschloss Spencer und sah sich um.

„Ich hätte da noch einen Vorschlag“, bat Karov.

„Und der wäre?“, fragte Lemois.

„Wir sollten die Kiste mit einem Signalgeber ausstatten, der ein Signal aussendet, sobald sie geöffnet wird. Nur um ganz sicher zu gehen.“

„Einverstanden. Das hört sich gut an“, bestätigte Spencer. „Gerry, du hast‘s gehört.“

„Geht klar, Captain.“

„Wenn nicht noch jemand einen Geistesblitz äußern möchte... beende ich hiermit diese Versammlung.“

Die übliche Geräuschkulisse begleitete den allgemeinen Aufbruch.

„Mr. Terk?“

„Sir?“, fragte er kühl.

„Kommen Sie bitte mit in mein Büro.“ Spencer fand es nun an der Zeit, einmal eine Unterhaltung mit ihm zu führen. Sehr viel hatte er bisher noch nicht geleistet und er war der einzige, der sich in den letzten vier Wochen immer noch nicht eingelebt hatte.

„Nehmen Sie Platz, Mr. Terk“, sagte Spencer freundlich, nachdem sie seinen Bereitschaftsraum betreten hatten. Nachdem auch Spencer sich gesetzt hatte, begann er: „Mr. Terk, mir ist aufgefallen, dass Sie sich am regen Gespräch im Besprechungsraum fast gar nicht beteiligt haben und auch sonst auf der Brücke nur das tun, was man Ihnen sagt. Kann es sein, dass ihre vorherigen Kommandanten keinen großen Wert auf Eigeninitiativen gelegt hatten?“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sir“, antwortete Terk stoisch und unbeeindruckt.

Spencer nahm zur Kenntnis, dass Terk den roten Teppich, den er für ihn ausgerollt hatte, geflissentlich ignorierte. „Sehen Sie, es geht um folgendes: Mir ist Ihre Vergangenheit aus Ihrer Personalakte wohl bekannt.“ Spencer machte eine kurze, gezielte Pause. „Und sie ist mir egal. Worauf es mir nur ankommt, ist, dass die Crew gut miteinander harmoniert, sich gegenseitig ergänzt, gute Leistungen bringt und eigene Ideen hat. Das gilt besonders für die Brückenbesatzung. Und wenn dem so ist, dann bin ich zufrieden. Denken Sie mal darüber nach!?“

„Ja, Sir.“ Terk hatte seine undurchschaubare Aura auch nach diesen Worten nicht abgelegt, an seinem Auftreten war nicht einmal zu erkennen, ob er ihn überhaupt wirklich verstanden hatte.

„Dann dürfen Sie gehen“, entließ Spencer Terk, alles andere als glücklich über diesen sehr einseitig verlaufenen Dialog.

Auf der Akademie hatte er in einigen Vorlesungen über Schiffsführung die Theorie gehört, dass sich ein guter Captain dadurch auszeichnen sollte, dass seine Crew theoretisch ohne ihn auskommen könnte. Viele seiner Kameraden und auch einige des Lehrpersonals hatten jedoch mehr oder weniger offen durchblicken lassen, dass sie von dieser Theorie nicht unbedingt viel hielten, das hatte Spencer allerdings weniger beeindruckt als die Theorie selbst. Wenn jedes Crewmitglied in einer Besprechung so offen wie vorhin gute Ideen einbrachte und die des anderen ebenso frei kommentierte, dann war das für ihn ein guter Weg hin zum Idealzustand. Was M‘Boya und auch Lemois mit ihren Befürchtungen nur im Sinn haben mochten... Bevor er sich DeFalcos Bericht über den momentanen Zustand des Warpantriebs mit möglichen Prognosen für den Beschleunigungstest vornahm, dachte er noch mit einem leichten Schmunzeln, dass seine Crew dank Lemois wirklich gut ohne ihn auskommen würde.

Diese hatte währenddessen ihren Platz auf der Brücke inne und war mehr als erstaunt, dass die Unterhaltung Spencers mit Terk nur wenige Minuten gedauert hatte. Für sie tat Terk nur das wirklich notwendige und das war nach ihrer Ansicht für jemanden mit seiner Erfahrung und in seiner Position indiskutabel, obwohl, nein, gerade weil er vor zwei Monaten vom Lieutenant Commander zum Lieutenant degradiert worden war. An Spencers Stelle hätte sie ihn jetzt wahrscheinlich vor die Wahl gestellt, entweder Leistung und Einsatz zu zeigen wie ein normaler Sternenflottenoffizier oder sich auf einen Posten auf einer abgelegenen Sternenbasis versetzen zu lassen.

Sie fragte sich, welche Methode Spencer eingesetzt hatte, um Terk zurechtzuweisen und nahm an, dass sie, soweit sie ihn inzwischen kennen gelernt hatte, mit dieser Methode bestimmt nicht einverstanden gewesen wäre. Er war ihr oft zu locker und zu wenig durchgreifend erschienen, gerade wenn es sich um die Belange der Crew handelte. Doch dagegen schien seine (Nicht-)Methode ebenfalls zu funktionieren, wie die an Wortwechseln ungewöhnlich reiche Konferenz gezeigt hatte. Sie fasste die Armlehnen des Kommandosessels fester und betrachtete nachdenklich den Hauptschirm.

6

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21708.7, Commander Spencer: [15.09.2344 09:13:15]

Wir werden in wenigen Minuten mit dem Schiff Guramba, einem ehemals nausicaanischen Schiff und jetzt im Besitz der Sammler von Acamar III, zusammentreffen, um die Sphären der Algiebaner zurückzuerlangen. Chefingenieur DeFalco und Doktor M‘Boya haben die Überraschung für die Sammler vorbereitet, ein Entertrupp wartet im Transporterraum.

„Wir nähern uns der Guramba!“, rief Hwang.

„Verlangsamen Sie auf Impulskraft! Alarmstufe Rot, Schutzschilde aktivieren, die Waffen bleiben vorerst deaktiviert!“

„Aye, Sir“, bestätigte Rodriguez an der taktischen Konsole, der Karov vertrat. Dercoux saß auf einem provisorischen Platz neben ihm, um ihn bei möglichen Unsicherheiten im Umgang mit der für ihn noch ungewohnten taktischen Konsole rasch unterstützen zu können. Karov selbst wartete mit fünf weiteren Sicherheitsoffizieren im Transporterraum, bereit an Bord der Guramba zu beamen, sobald die Sphären sicher an Bord der Kennedy eingetroffen wären.

„Sollten wir nicht besser die Phaser in Bereitschaft halten, wie es auch den Vorschriften entspricht?“, fragte Lemois.

Spencer schüttelte den Kopf. „Nichts da. Das ist wahrscheinlich das erste Mal, dass diese Sammler einem Sternenflottenschiff begegnen, ohne ein Gefecht erwarten zu müssen. Sie sind stolz, aber wahrscheinlich unsicher und es gibt nichts Schlimmeres als jemanden, der stolz und unsicher ist und zugleich den Finger auf dem Auslöser hat. Ich will keinen Kampf, also bleiben die Waffen deaktiviert!“

„Die Guramba hat ebenfalls auf Impulskraft verlangsamt. Ihre Schilde und Waffensysteme sind aktiviert. Wir erreichen in zehn Sekunden Waffenreichweite!“, meldete Terk und machte damit einen weiteren Einwand Lemois‘ obsolet.

„Einen Kanal öffnen!“

Nach einem bestätigenden Nicken von Terk begann Spencer. „Hier spricht Captain Spencer von der U.S.S. Kennedy. Wir warten auf den Austausch, das Latinum steht bereit. Übermitteln Sie dazu bitte Ihre Koordinaten und senken Sie Ihre Schilde!“

Als Antwort erzitterte die Kennedy unter einem direkten Phasertreffer. Sirenen begannen zu heulen. „Direkter Treffer! Schilde halten!“, berichtete Rodriguez.

„Nicht zurückfeuern!“, ordnete Spencer hastig an. „Waffen nicht aktivieren!“

Spencer sah auf dem Hauptschirm, dass die Guramba einen zweiten Schuss abfeuerte, bemerkte aber, dass sie nicht mehr so durchgeschüttelt wurden, wie beim ersten Mal. „Neuer Treffer, geringere Intensität. Schilde bleiben stabil“, meldete Rodriguez.

„Neuen Kanal öffnen!“ Spencer blieb gelassen, er hatte eine solche Begrüßung in Betracht gezogen.

„Kanal offen!“

„Mr. Volnoth, hier spricht nochmals Captain Spencer! Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass wir keine Tricks probieren und dass wir nicht auf das Schiff feuern werden, das die Sphären an Bord hat. Ich werde jetzt die Schilde deaktivieren, sobald sie uns die Koordinaten übermittelt haben, an denen sich die Sphären befinden.“

Er ließ die Worte einige Sekunden nachwirken, bis Terk meldete: „Es treffen Koordinaten für das Latinum ein, Sir. Und sie senken ihre Schilde.“

Spencer musste zur Kenntnis nehmen, dass die Sammler ihm immer noch nicht ganz vertrauten. „Übermitteln Sie die Koordinaten an den Frachttransporter, Mr. Terk. Sie sollen beamen. Mr. Rodriguez, senken Sie dazu unsere Schilde.“

„Ich hoffe, sie öffnen die Kiste erst, wenn wir die Sphären haben“, murmelte Lemois.

„Die Guramba bestätigt den Erhalt der Kiste und übermittelt die Koordinaten der Sphären. An den betreffenden Koordinaten kann ich kein PJV orten“, meldete Terk.

Spencer hielt kurz inne. „Übermitteln Sie sie trotzdem an Transporterraum 2, sie sollen wie verabredet mit Sicherheitsstufe 1 beamen. Vielleicht hat man ja auch eine Überraschung für uns.“

„Dann sollten wir noch eine für sie haben! Mr. Rodriguez, bereiten Sie einen Traktorstrahl vor“, ordnete Lemois an.

„Mhm.“ Spencer gefiel die Idee. „Mr. Terk, scannen Sie die Guramba intensiv nach PJV, Transporterraum 2: Was haben Sie?“

„Chief Ansara hier. An den Koordinaten ist nichts!“

„Verdammt!“, meinte Lemois spontan und leise.

„Sir, ich erhalte ein weiteres Signal. Es ist unser Signalgeber. Sie haben die Kiste geöffnet“, meldete Terk plötzlich.

„Traktorstrahl aktivieren! Transporterraum...“ Warnende Signale von der taktischen Konsole ließen Lemois stocken und gebannt aufblicken.

„Ich kann keinen stabilen Traktorstrahl aufbauen!“, rief Rodriguez nervös. Der dabei sitzende Dercoux signalisierte ebenfalls Ratlosigkeit.

„Ursache?“, fragte Spencer schnell.

Rodriguez schüttelte den Kopf. „Wenn ich...“ Er brach ab, als weitere Warnsignale begleitet von dem Flackern der Bedienelemente seiner Konsole ertönten.

„Die Hauptenergie fluktuiert unregelmäßig“, gab Hwang bekannt. „Das sieht nicht gut aus.“

Ein plötzlicher, heftiger Schlag erfasste die Kennedy, noch bevor irgendjemand etwas auf Hwangs Worte erwidern konnte.

„Die Guramba feuert auf uns!“, rief Rodriguez. „Traktorstrahl versagt!“

„Schilde hoch, Feuer erwidern!“, rief Lemois, die sich aufgerichtet hatte und angespannt auf den Hauptschirm starrte.

„Zweites Kommando zurück“, entgegnete Spencer entschlossen. Lemois und Spencer funkelten sich für einen Moment entschlossen an, bis ein zweiter Phasertreffer der Guramba auf die Kennedy traf. Lemois strauchelte und hatte Mühe, sich aufrecht zu halten.

„Die Schilde fluktuieren, ich kann nicht...“, begann Rodriguez, doch wurde von Spencer unterbrochen. „Hwang, Fluchtmanöver, Warp 7. Jetzt.“

„Aye, Sir.“ Obwohl Hwang mit einer solchen Reaktion Spencers gerechnet hatte, benötigte sie dennoch relativ viel Zeit, um der Aufforderung Folge zu leisten. Der nächste Feuerstoß der Guramba verfehlte die Kennedy nur knapp und traf einzig die Leere des Alls. Angesichts der deutlich überlegenen Warpgeschwindigkeit der Kennedy verzichtete die Guramba auf eine Verfolgung und drehte ab.

„Captain...“, ließ sich Lemois mit einer schneidenden Eiseskälte in der Stimme vernehmen.

„Einverstanden. In meinem Büro“, hielt Spencer betont ruhig gegen ihren aggressiven Ton, noch bevor sie mehr sagen konnte. „Miss Hwang, wir halten einen sicheren Abstand zur Guramba innerhalb Sensorenreichweite aufrecht. Nach Ihrem Ermessen.“

Dicht gefolgt von Lemois verschwand Spencer schnellen Schrittes in seinem Bereitschaftsraum. Hwang rief Karov und ihr Team aus dem Transporterraum ab, warnte DeFalco im Maschinenraum vor einer baldigen Nachfrage nach den Ursachen der Funktionsstörungen und vollführte vor den Augen der Brückenbesatzung eine gut sichtbare Geste, in der sich all die Brisanz der momentanen Situation wiederspiegelte.


„Captain, das kann doch nicht ihr Ernst sein! Wir fliehen! Wir müssen...“

„Commander, wie auch immer ihr Problem sein mag, die Guramba in Stücke zu schießen war nicht die Lösung!“, unterbrach Spencer. „Und setzen Sie sich hin, bevor Sie weiterreden!“

Widerstrebend folgte Lemois Spencers Anweisung und nahm ihm genau gegenüber Platz, um ihn fest ins Visier nehmen zu können.

„Sie sind also der Meinung, wir sollten das einfach so hinnehmen, dass man auf uns gefeuert hat?“, fragte sie, bedeutend leiser und beherrschter als zuvor, dafür mit einer beißenden Ironie in der Stimme.

Spencer nahm halbwegs zufrieden zur Kenntnis, dass sie sich zumindest etwas besser im Griff hatte als zuvor, als sie wild im Raum auf- und ab gerannt war. „Nein. Doch aufgrund des drohenden Versagens der Schilde musste ich die Kennedy zuerst außer Gefahr bringen. Das sind wir jetzt, also können wir der Ursache für die Fehlfunktion auf den Grund gehen und uns überlegen, wie wir den Fehlschlag mit dem Sphärentausch ausgleichen wollen.“

„Sie wollen die Guramba nicht einmal verfolgen?“

„Nur wenn der Verdacht besteht, dass die Sphären wirklich dort an Bord sind. Alles weitere lassen Sie uns jetzt gemeinsam herausfinden... wenn das für Sie OK ist.“

„Sehr“, erwiderte Lemois, ihre Ablehnung deutlich zum Ausdruck bringend. Immer diese uneinsichtigen Kommandanten...


Fünf Minuten war die Zeit, die Spencer jedem zugebilligt hatte, um nach Ursachen zu suchen und um die Fragen aus dem Stehgreif beantworten zu können, die er jetzt in einer weiteren Besprechung stellen wollte.

„Kurz und schmerzlos: Was war der Grund für den Ausfall des Traktorstrahls?“, begann er.

DeFalco und Hellmann wechselten einen kurzen, belämmerten Blick. „Das geht wohl auf unsere Kappe“, gestand Hellmann. „Wir hatten eine Hauptsteuer-ODN-Leitung in Beschlag für Fehlersuche im Computerkern. Gerry hat den gesamten Datenverkehr von und zur Brücke auf die andere Leitung umgelegt. Aktivierte Schutzschirme, Kurzbereichsensoren auf Volllast und Traktorstrahl war wohl neben dem üblichen Datenverkehr zu viel für diese eine Leitung. Die Computersteuerung hat widersprüchliche und unvollständige Daten von den Brückensystemen erhalten, dadurch wurde Energie abgezogen... und das Unheil nahm seinen Lauf.“

Spencer und Lemois fehlten beide die Worte aufgrund des doch recht profanen Grundes für den Misserfolg beim Zusammentreffen mit der Guramba.

Lemois war erwartungsgemäß die erste, die eine passende Erwiderung gefunden hatte. „Und wie gedenken Sie, in Zukunft eine solche Situation zu vermeiden?“

„Wir werden immer beide ODN-Leitungen freihalten und bei Gelegenheit noch eine Reserveleitung installieren“, antwortete DeFalco gelassen.

„Das meine ich nicht“, entgegnete Lemois entschieden. „Hinter dem Problem steckt doch Methode. Sie haben sich nicht genügend abgesprochen oder waren von falschen Voraussetzungen ausgegangen und hinterher... standen wir alle da! Sowas können wir uns nicht noch einmal leisten!“

„Verstanden, Commander“, versicherte Hellmann rasch.

„Wie schwer ist der Schaden, der uns die Guramba zugefügt hat?“, wollte Spencer wissen, für ihn war das von ihm gerade begonnene Thema damit allem Anschein nach erledigt. Erst nach der Zeit, die DeFalco für seine folgende Antwort brauchte, hatte Lemois ihre Verblüffung darüber verwunden und konnte aus dem Gesprächsfluss heraus nichts mehr dagegen einwenden. Unruhige Kopfbewegungen waren ihre einzigen nach außen sichtbaren Regungen.

„Abgesehen vom verletzten Stolz... nichts, was nicht in ein, zwei Stunden repariert ist.“

DeFalco hatte, der ohne es zu wollen, den Kern der Lage getroffen, wie M‘Boya fand. Sie sagte, für den Moment, nichts.

„Okay.“ Spencer genügte die Antwort und beschloss, auch diese Probleme für den Moment beiseite zu stellen. „Die Frage bleibt, wer hat die Sphären und wo sind sie?“

„Sind sie noch an Bord der Guramba?“, fasste Lemois nach, obwohl das große, nach Aufklärung drängende Fragezeichen, mit dem sie in die Besprechung gegangen war, weiterhin unverändert im Raum stand.

Terk verneinte. „Mein ausführlicher Scan nach PJV war negativ. Es ist allerdings kein vollständig verlässliches Ergebnis aufgrund der möglichen Computerprobleme.“

„Die Sensorenlogbücher weisen keine Beeinträchtigungen auf, soweit ich sehen konnte“, fügte Hellmann hinzu. „Außerdem hätten Sie uns die Sphären bestimmt übergeben, wenn sie sie gehabt hätten. Was sollten sie auch damit?“

„Wenn Sie die Sphären also nicht mehr an Bord hatten, wo könnten sie dann sein?“, fragte Spencer.

„Vielleicht haben sie sie einfach vernichtet“, meinte Terk.

„Ich würde sagen, unwahrscheinlich“, meinte Hellmann. „Fähnrich Carpelli hat für mich mal etwas PJV synthetisiert. Der Stoff ist ziemlich reaktiv, sobald man ihn Sauerstoff aussetzt. Mit anderen Worten, sobald man die Hülle einer Sphäre knackt, fliegt sie einem schon um die Ohren.“

„Und man kann den Raum neu einrichten“, brummte DeFalco ärgerlich und blickte Hellmann böse an. „Ich habe gerade ein Reparaturteam im biochemischen Labor.“ Das Lächeln, dass er hervorbrachte, wirkte arg gekünstelt.

„Ah ja.“ Spencer verstand. „Vielleicht haben sie sie einfach in den Weltraum gebeamt“, spekulierte er.

„Wenn wir uns ansehen, wie die Sammler denken, glaube ich das weniger“, warf M'Boya ein. „Für sie hat alles einen Wert, alles muss brauchbar sein. Wenn sie nicht mehr an Bord hatten, dann bestimmt an einem Platz, an dem sie sie auf jeden Fall wiederfinden können.“

„Oder sie haben die Sphären gegen Metalle oder so eingetauscht“, warf Karov ein.

„Das wäre somit auf einem Planeten“, folgerte Lemois.

„Oder auf mehreren“, fügte Hellmann hinzu. „Eine Sphäre wird ein Händler vielleicht annehmen, aber was sollte er mit zwei oder drei?“

„Ich wüsste nicht einmal, was man mit einer Sphäre sollte“, merkte DeFalco an.

„Man kann sie zum Beispiel als Kunstobjekt in sein Quartier stellen“, schlug M'Boya vor. Urplötzlich fielen ihr die beiden Bilder ein, die neuerdings in der Offiziersmesse hingen. „Es gibt sicherlich einige Leute, die dafür Geld ausgeben würden.“ Ein Seitenblick streifte dabei Spencer, der sich nach außen hin nichts anmerken ließ.

„Vielleicht haben sie sie einem anderen Schiff übergeben“, warf Hwang ein.

„Dann hätten wir aber bei der Suchmeldung aber wahrscheinlich eine weitere Antwort erhalten“, gab Terk zu bedenken.

„Außer, das andere Schiff verfolgt ebenfalls unlautere Absichten“, merkte Karov an.

„Das mit den Planeten hört sich interessant an“; unterbrach Spencer den regen Wortwechsel seiner Offiziere. „Miss Hwang, legen Sie bitte eine Sternenkarte auf den Monitor: Das Chort-System sei unten rechts in der Ecke, oben links ist die Position, an der wir die Guramba abgefangen hätten. Zoomfaktor entsprechend anpassen.“

„Moment, Sir.“ Hwang gab die Parameter ein, ließ den Computer die Auflösung berechnen und zeigte abschließend das Bild an. „Bitte schön, Captain.“ Sie entlockte sich ein gequältes Lächeln.

Er betrachtete das Bild. „Wir bräuchten von unten rechts bis oben links, also von Chort bis zum berechneten Abfangpunkt etwa achtundzwanzig Stunden bei Warp 7, richtig?“

„Genau.“

„Die Höchstgeschwindigkeit der Guramba beträgt etwa Warp 4 und die Mira hatte sie auch als mit Warp 4 fliegend, gemeldet, richtig?“

„Richtig.“ Hwang ahnte bereits, was Spencer vorhatte.

„Wie lange hätte sie von unten rechts bis oben links bei Warp 4 gebraucht?“ Spencer musste sich erst über die Zeitfaktoren im klaren werden. Wenn sie wussten, wie viel Zeit die Guramba gehabt hätte, diverse Planetensysteme anzufliegen, konnten sie die Suche eingrenzen.

„Etwa siebeneinhalb Tage“, antwortete Hwang.

„Aha. Und wann war sie da? Nach einundzwanzig Tagen“, stellte Spencer fest. „Sie hatten also vierzehneinhalb Tage Zeit gehabt, sich im Sektor herumzutreiben und die Sphären irgendwo zu lassen. Welche Systeme, die sie in... maximal elf Tagen hätten erreichen können, weisen einen Klasse-M-Planeten auf? Ich nehme mal an, da PJV sehr empfindlich ist, fallen alle anderen Planeten aus, richtig?“

„Das ist anzunehmen“, antwortete Hellmann. „Aber ich bezweifle, ob man mir einen weiteren Test mit PJV erlauben wird.“ Er grinste DeFalco überdeutlich an, dieser regte sich überraschenderweise nicht.

„Also, Miss Hwang?“ Sie drückte auf einige Tasten, dann wurden einige Systeme markiert. Das Chort-System rückte aus seiner Ecke ein wenig nach links und auch nach oben, am unteren Bildrand erschienen drei neue Systeme, die ebenfalls markiert waren.

„So kommen wir nicht wirklich weiter“, brummte Lemois, während sie sich den Monitor eingehend betrachtete. Insgesamt acht Systeme waren markiert.

„Das Ilecom-System können wir streichen“, meinte Terk. „Von ihnen hatten wir die Antwort auf unsere Suchmeldung erhalten, sie hatten die Guramba auch nur auf den Langstreckensensoren.“

„Stimmt“, meinte Spencer. Auf einen Knopfdruck Hwangs erlosch die Markierung an dem System, das am dichtesten zur oberen linken Ecke eingezeichnet war.

„Alpha, Beta und Gamma Olber entfallen ebenfalls“, warf Hellmann ein. Sie liegen nahe genug an Relaisstation 543, so dass die Guramba auf jeden Fall klar in der Ortung gewesen wäre.“

Spencer nickte Hwang zu, die die Markierung der drei Systeme am unteren Bildrand ebenfalls entfernte.

„Bleiben also noch vier Systeme: Phad, Gamma und Zeta Bootis und Alkaid“, las er. „Mr. Terk, bitte einen knappen Abriss der Informationen über jeden Klasse-M-Planeten in jedem dieser Systeme.“

"Im Phad-System befindet sich seit zwanzig Jahren eine eher unbedeutende Föderationskolonie. Bevölkerung fünf Millionen.“

„Keine Forschungsstationen oder andere Besonderheiten?“, fragte Spencer.

Terk schüttelte den Kopf. „Nein, Sir.“

„Fahren Sie fort.“

„Auf Zeta Bootis Prime, genannt Neural, gibt es eine humanoide Kultur in Technikstufe 2. Eine getarnte Beobachtungsstation der Föderation befindet sich auf der Oberfläche, um eine Verletzung der Obersten Direktive vor etwa achtzig Jahren durch gezielte Einwirkung auf die lokale Kultur zu neutralisieren.“

„Na toll“, brummte Spencer. Technikstufe 2 entsprach etwa der Erde der Eisenzeit. „Bevor wir da suchen können, muss ich erst einen kleinen Papierkrieg gegen die ganzen Soziologen, Anthropologen und was weiß ich was alles führen. Hoffentlich orten wir dort kein PJV, das wäre schließlich ebenfalls gegen die Oberste Direktive. Weiter bitte.“

„Auf Gamma Bootis VII leben die Nashiraner, eine intelligente Spezies von Amphibien. Sie haben ihre Städte sowohl an der Küste, als auch unter Wasser. Sie sind technikinteressiert und einer der führenden Anbieter von Wasserfahrzeugen innerhalb der Föderation“, berichtete Terk.

„Und...“

„Alkaid IV ist zwar als Klasse-M klassifiziert, aber wegen eines hohen Strahlenniveaus für die meisten Humanoiden unbewohnbar. Eine Handelsstation umkreist den Planeten.“

„Wer leitet diese Handelsstation?“, fragte Lemois.

„Die Orioner haben die Station gebaut und führen auch die Aufsicht. Es kann sich jeder als Händler dort einmieten.“

„Also ein Zentrum des Handels und des Schmuggels“, schloss Spencer. „Vielen Dank, Mr. Terk. Auf allen diesen Planeten könnten die Sphären sein und es scheint uns nichts anderes übrig zu bleiben, als die Planeten einzeln anzusteuern. Gesetzt den Fall, wir würden jedes System nacheinander abfliegen, wie lange würden wir brauchen?“

Hwang ließ den Computer kurz rechnen, dann antwortete sie: „Bei Warp 6 etwa fünf Tage.“

„Gut, und was mich auch noch interessieren würde, wie lange hätte die Guramba bei Warp 4 gebraucht?“

„Zwanzig Tage“, antwortete Hwang. „Nebenbei, als wir von Chort abgeflogen waren, waren wir so gut wie auf Kurs nach Alkaid.“

„Das käme ja alles hin“, meinte Lemois zweifelnd. „Was ich aber zu bedenken geben möchte, das sind alles Spekulationen. Interessante, plausible Spekulationen zwar, aber wirklich wissen tun wir eigentlich gar nichts! Und wir haben keine Zeit für einen weiteren Fehlschlag!“

„Alternativen?“, fragte Spencer ruhig.

„Genug! Zum Beispiel ein anderes Schiff, das unerkannt bleiben konnte. Oder eine Zerstörung der Sphären auf einem Planeten. Oder die Sphären sind jetzt ganz woanders. Wir dürfen nicht vergessen, immerhin geht es hier um viele Leben!“

„Sie haben Recht, Commander, aber was sollen wir tun? Für eine Alternative müssen wir uns entscheiden.“

„Wir können weiter nachdenken und für andere Möglichkeiten offen bleiben“, schlug Lemois vor. „Und wir können die Sternenflotte um Unterstützung bitten. Jemand muss sich um die Guramba kümmern, jemand muss nach anderen Schiffen suchen...“

„Einverstanden. Auf geht‘s?“, fragte Spencer. Ein eindeutiges Nicken seinerseits nach wenigen Sekunden war das Zeichen an die Versammlung, sich aufzulösen.

„Ich müsste kurz unter vier Augen sprechen, Captain“, bat Hwang beim Verlassen. „Ich habe da wohl ein Problem...“

„In Ordnung. Folgen Sie mir.“ Spencer wunderte sich, was Hwang auf dem Herzen haben mochte, ein Problem, dass sie nicht alleine lösen konnte.

Lemois hatte den kurzen Wortwechsel mitgehört und folgerichtig angenommen, das nun sie das Kommando innehatte. „Fähnrich Thalvan, setzen Sie Kurs auf das Phad-System mit Warp 6! Beschleunigen!“, hörten Spencer und Hwang sie noch sagen, bevor sich die Türe zu seinem Bereitschaftsraum schloss.

„Was kann ich denn für Sie tun?“, erkundigte sich Spencer freundlich.

„Captain, es... es könnte sein, dass da ein Verfahren auf mich zukommt.“

„Ein Verfahren? Auf Sie? Wieso?“

„Na ja...“ Hwang wand sich unwillig in ihrem Stuhl, sie lächelte entschuldigend und wurde rot. „Ich hatte da was... auf der Akademie... mit einem Kadetten. Und ich habe gestern eine Nachricht erhalten, dass der Leiter der Flugausbildung, Commander Fulham, Wind davon bekommen hat und Meldung gemacht hat.“

Spencer atmete hörbar aus und schüttelte betroffen den Kopf. „Kim, Kim, Kim... Sie machen Sachen.“

Hwang blickte mit einem träumerischen Gesichtsausdruck an Spencer vorbei. „Ich weiß, aber er war so... faszinierend. Xyeros hieß er. Er war...“

Spencer hob abwehrend seine Hände, konnte sich aber eines Lächelns nicht erwehren. „Keine Details, bitte, Lieutenant. Und ich soll jetzt, halb inoffiziell halb offiziell mal nachhören, wie exakt Fulhams Meldung gewesen ist, richtig?“

„Würden Sie das für mich tun?“, fragte Hwang freudig. „Danke!“

„Gehen Sie“, empfahl Spencer ruhig. „Und passen Sie in Zukunft etwas besser auf Ihre Gefühle auf.“

„Das ist hoffnungslos, Captain“, lächelte Hwang. Einen Augenblick später war sie aus seinem Raum verschwunden.

Spencer hatte seine Mundwinkel resignativ verzogen während er versuchte, Kontakt mit der zuständigen Ermittlungsbehörde auf der Erde aufzunehmen. Nach einigen Sekunden erschien das Abbild eines dunkelblonden Mannes, etwa in Spencers Alter und mit einem Durchschnittsgesicht ausgestattet, auf seinem Terminal.

„Lieutenant Commander Shimon Gutman, Disziplinarausschuss, Sternenflottenakademie“, stellte er sich vor.

„Guten Tag. Captain Robert A. Spencer, U.S.S. Kennedy. Wie ich hörte, ist bei Ihnen ein Verfahren gegen meinen Zweiten Offizier anhängig, Lieutenant Kim Hwang? Als ihr kommandierender Offizier erbitte ich Informationen zur Lage der Dinge.“

„Hwang, Hwang“, wiederholte Gutman wie im Selbstgespräch, er überprüfte Spencers Angaben auf ihren Wahrheitsgehalt hin und konsultierte seine Datenbank. „Das Verfahren ist noch in der Schwebe, Captain, allerdings fehlt ein begründeter Anfangsverdacht, um weiterere Ermittlungen vorzunehmen. Falls Sie weitere Einzelheiten wünschen, bitte ich Sie eine offizielle Anfrage zu stellen.“

„Nicht notwendig, Commander Gutman. Ihre Aussage genügt mir voll und ganz, vielen Dank. Spencer Ende.“

Erleichtert trennte Spencer die Verbindung, beschloss aber, diese Erleichterung nicht innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden mit Hwang zu teilen, sie quasi zur Strafe für einen Tag ‚schmoren‘ zu lassen...

Nach diesen Gedanken öffnete er einen neuen Kanal, dieses Mal einen zu Admiral Paris, um ihm mit genauen Details über die momentane Lage zu informieren.

7

Als Spencer den Maschinenraum betrat, fand er DeFalco im Büro des Chefingenieurs vor, wo er im Stuhl sitzend, mit den Füßen auf der Tischplatte, einige Diagramme studierte. Er keine Veranlassung darin, seine unteren Extremitäten in eine offiziellere Lage zu bringen, nachdem er Spencer erblickt hatte.

„Hallo Gerry. Du hast deine bequeme Position hier unten also inzwischen gefunden?“

„Hallo Andy.“ DeFalco grinste zurück. „Und das, obwohl man hier kaum zum Sitzen kommt. Was verschlägt dich eigentlich hierher?“

„Mehrere Dinge“, antwortete Spencer, der mit einem PZAG winkte. „Das erste kannst du dir bestimmt denken.“

„Jetzt erinnere mich nicht daran“, fuhr DeFalco auf. „Wir haben einmal Mist gebaut, okay. Kommt bestimmt nicht wieder vor.“

„Es geht nicht um das eine Mal“, warf Spencer ein. „Das darf eigentlich überhaupt nicht passieren. Vor allem nicht, wenn es eigentlich nur eine Lappalie ist, die aber dann gleich das ganze Schiff in Gefahr bringt. Wie ihr das regelt, ist mir gleich, nur wenn das nochmal passiert... das will keiner. Oder?“

„Ist recht“, brummte DeFalco. „Ich hoffe, du trägst da in deiner Hand eine angenehmere Sache.“ Er wies auf Spencers PZAG.

„Ich denke schon. Eine Theorie von mir, warum wir bei unserem Warptest früher oder später sowieso Probleme gekriegt hätten, auch ohne die qualitativ schlechten Teile.“

„Das ging ja schnell“, staunte DeFalco. „Und was steht drin?“

„Das wollte ich im Holoraum zeigen.“

„Kann ich MacDonnell mitnehmen? Eine zweite Meinung schadet schließlich nie...“

„Zweite?“, hakte Spencer irritiert nach.

„Deine zählt nicht. Es ist schließlich deine Theorie“, verkündete DeFalco genüsslich. „MacDee!“, brüllte er.

Aus einer Jeffries-Röhre an der gegenüberliegenden Seite schaute ein dunkelhaariger Kopf heraus. "Was ist?", rief dieser zurück.

„Ich habe einen Anschlag auf sie vor. Das heißt... unser Captain. Im Holo. Jetzt.“

„Theorie?“, fragte MacDonnell, während sie sich aus der Jeffries-Röhre befreite. Als Spencer in ihr Blickfeld rückte, wandelte sich ihr Gesichtsausdruck eine gehörige Spur weiter ins Förmliche. „Captain.“

„Keine Panik, Lieutenant“, beschwichtigte Spencer. „Es wird eine Besprechung unter drei Ingenieuren, sozusagen.“

„Verstehe.“ MacDonnell sah nicht ganz glücklich aus, besann sich aber rasch. „Gehen wir?“

„Sicher“, antwortete Spencer in gelassenem Tonfall und schritt voraus, das PZAG locker in der rechten Hand schwenkend, in Richtung Turbolift, auf dem Weg zu den Holoräumen auf Deck 5.


„Störe ich, Lieutenant?“, erkundigte sich M‘Boya vor dem Betreten des medizinischen Laboratoriums bei Hellmann. Er saß, einen Arm aufgestützt, vor einem recht komplexen Versuchsaufbau und widmete seine Aufmerksamkeit abwechselnd zwei Statusmonitoren mit sich langsam verändernden Zahlen und der großen, kahlen Wand vor Kopf.

„Nein“, antwortete Hellmann, alles andere als unglücklich über die Anwesenheit einer weiteren Person. „Kommen Sie ruhig näher. Fähnrich Carpelli hat mich gebeten, ihre Versuchsreihe zu überwachen. Solange das biochemische Labor außer Betrieb ist, ist sie ins medizinische ausgewichen, das dafür leider keine automatische Kontrolle bietet.“

„Und sie fühlen sich verantwortlich für den Schaden im Bio-Labor und schlagen sich zur Kompensation hier die Stunden um die Ohren“, vervollständigte M‘Boya, die die Versuchsanordnung interessiert musterte.

„Erwischt, Doktor“, gestand Hellmann ein. „Aber die letzten Stunden waren für mich ohnehin alles andere als leicht, da tut Ablenkung wie hier ganz gut.“

M‘Boya schüttelte den Kopf. „Das meinen Sie nur, Lieutenant. In Wirklichkeit werden die Problem stündlich größer, ohne dass sie es merken.“ Sie setzte sich zu Hellmann, der sie fragend anblickte. „Zugegeben, es ist nicht einfach zu bemerken, wenn sie in der Sache selbst betroffen sind, aber dafür bin ich jetzt hier“, erläuterte sie ihre Motive.

„Eine Sitzung bei der Schiffspsychologin?“, fragte Hellmann, halb spöttisch, halb ernsthaft. Es kostete ihn einiges an Überwindung, sich dem Ernst der momentanen Lage zu öffnen, doch er sah ein, dass es über kurz oder lang ohnehin unausweichlich war, und da war eine frühe Beschäftigung mit ihm mit Sicherheit besser als eine späte.

„Eine Unterhaltung“, verbesserte M‘Boya aufwertend. „Sie müssen natürlich wollen.“

„Ich will durchaus“, versicherte Hellmann schnell. „Es kann ja eigentlich nur aufwärts gehen, oder?“, fragte er rhetorisch.

„Das müssen Sie wissen“, gab M‘Boya offen zurück.

„Das ist doch so kein Zustand“, begann Hellmann. „Keiner weiß vom anderen und keiner interessiert sich auch wirklich dafür. Ich hatte DeFalco gesagt, er soll die Brücke informieren, wenn er die Leitungen umschaltet. Aber er hat es scheinbar nicht getan, zumindest nicht so, dass es die Planung für das Treffen mit der Guramba beeinflusst hätte.“

„Wusste er denn von den Problemen, die entstehen könnten? Oder jemand anders?“

„Ich weiß das nicht. Viele Dinge sind einfach Erfahrung. So wie ‚Wenn ich diese Leitung umschalte, kann das und das und das passieren‘“, erklärte Hellmann. „Man kann es auf jeden Fall sehen, wenn man die Zusammenhänge überblickt und sich Zeit dafür nimmt.“ Er machte eine Pause, seine Aufmerksamkeit wurde von Carpellis Versuchsaufbau in Beschlag genommen, jedoch nicht lange.

„Das Hauptproblem, dass ich sehe“, fuhr er fort, „liegt darin, dass wir Führungsoffiziere untereinander inzwischen recht gut auskommen, siehe unsere Besprechungen, aber die Kommunikation der Abteilungen nicht richtig funktioniert. Ich sehe ja schon bei mir, wenn die Astrophysik ein komplexes Modell aufgrund von Sensorendaten berechnet und die Computertechnik zur selben Zeit die Antwortzeit der Langreichweitenscanner optimieren will.“ Er vollführte ein leeres Schulterzucken.

„So schlimm kann es ja auch nicht sein“, gab M‘Boya zu bedenken. „Immerhin sitzen Sie jetzt in meinem Laboratorium und führen für Ihre Exobiologie eine Versuchsreihe durch.“

„Vielleicht weil wir auf dem gleichen Deck sitzen und uns ohnehin oft über den Weg laufen oder mit Reagenzien aushelfen“, überlegte Hellmann. „Aber nehmen wir zum Beispiel die Technik und die Sicherheit oder gar die Einsatzleitung, wie im vorliegenden Falle. Da hat es nicht funktioniert.“

M‘Boya war erfreut, ihre grundlegenden Überlegungen von Hellmann unabhängig bestätigt zu wissen, weniger erfreut jedoch darüber, dass sie Hellmanns beziehungsweise ihr aller Probleme nicht so einfach würde lösen können.

Er tippte auf seinen Kommunikator. „Hellmann an Carpelli. Es tut sich was im Glas.“

M‘Boya riskierte einen neugierigen Blick in die großen Kolben, erste geworfene Blasen waren ein untrügliches Zeichen, dass eine organische Reaktion eingesetzt hatte.

„Ich bin sofort da“, antwortete die Stimme Fähnrich Carpellis aus Hellmanns Kommunikator.

„Es tut mir leid“, begann M‘Boya wieder, „wirklich helfen kann ich im Moment nicht, die Probleme kenne ich aber jetzt und werde etwas unternehmen“, versprach sie.

„Es hat auf jeden Fall geholfen, darüber zu reden. Danke, Doktor“, sagte ein um einiges gelöster dreinblickender Hellmann.

„Keine Ursache. Dafür bin ich da“, antwortete M‘Boya, die beim Hinausgehen beinahe mit der herein hastenden Carpelli zusammenprallte.


Ein Holoprojektionsraum, kurz Holoraum oder Holo genannt, bot die Möglichkeit, auf einer Fläche von etwa zwanzig mal zwanzig mal drei Metern dreidimensionale Hologramme und Hologrammabfolgen, die landläufig in Anlehnung an eine Unterhaltungsform des zwanzigsten Jahrhunderts als Holofilme bezeichnet wurden, darzustellen. Die Zuschauer konnten frei wählen, wie sie sich die Darbietung ansehen wollten, sie konnten sich gemeinsam vor eine Seite der Projektionsfläche, ringsherum oder auch frei inmitten des Geschehens platzieren.

Die Kennedy war mit zweien solcher Holoräume ausgestattet, der eine bot Platz für dreißig Leute und hatte eine normale Projektionsfläche, auf die die meisten Holofilme zugeschnitten waren, der zweite fasste maximal zehn Personen und wies eine wesentlich kleinere Projektionsfläche auf. Sein Hauptzweck bestand darin, dass aufwändige 3D-Präsentationen einem auserwählten Kreis dargeboten werden konnten und war aus diesem Grund zusätzlich mit einer Programmierschnittstelle ausgestattet.

Diesen Holoraum hatte Spencer bereits entsprechend präpariert und eine vereinfachte Version des Büros abgebildet, in dem er mit anderen Ingenieuren zusammen vor knapp zwei Jahren auf Utopia Planitia an dem Warpantrieb gearbeitet hatten, der ihnen nun trotz vieler anders lautender Berechnungen Probleme bereitete.

DeFalco und MacDonnell wurden insbesondere von einem 3D-Aufriss der Kennedy samt umgebendem Warpfeld in den Bann gezogen, einer Projektion innerhalb einer Projektion gewissermaßen.

„So, ich habe den Tag bis hierhin deinen Antriebsleistungsreport und die alten Aufzeichnungen, soweit vorhanden, über unseren ‚unfreiwilligen‘ Flug mit Warp 8.4 durchgesehen und mit unseren alten Berechnungen verglichen“, begann Spencer.

„Unseren?“, fragte MacDonnell.

„Die Berechnungen von mir und meinen Kollegen als wir die Kennedy entwickelt haben“, erklärte er. „Dazu habe ich einige 3D-Projektionen benutzt, die ich sehr gerne vorführen möchte. Es gibt da einige sehr interessante neue Aspekte der Warpphysik, auf die man nur stößt, wenn man sich mit unseren momentanen Problemen befasst...“


Es war das erste Mal, dass M‘Boya den Maschinenraum der Kennedy aufsuchte. Nach einem zögerlichen Durchschreiten der gewaltigen Sicherheitstüren stand sie in einem schmaleren Gang, bereits umsäumt von einer Reihe von Kontrollmonitoren, der nach knapp fünfzehn Metern in die ‚Haupthalle‘ mündete. Es war außerdem bereits ein Stück der zentralen Hauptkontrollkonsole zu sehen; ein tiefes Summen, so gerade außerhalb des unangenehmen Frequenzbereiches, begleitete die Arbeit des hinter der nächsten Krümmung befindlichen Warpkerns. Sie war sich nicht sicher ob sie sich es nur einbildete, es schien hier jedoch tatsächlich einige wenige, aber entscheidende Grad wärmer zu sein, als auf dem Korridor.

Mehrere Stimmen waren diffus im Hintergrund zu hören; sie wollte gerade einen weiteren Schritt nach vorn machen, als zwei der Stimmen plötzlich näher kamen und deutlicher zu verstehen waren. Die Wortfetzen, die sie spontan erlauschen konnte, bewogen sie, abrupt innezuhalten und die Unterhaltung einen Moment lang zu verfolgen.

„... und der ganze Schaden nur, weil die eine ODN-Leitung überlastet war und der Traktorstrahl ausfiel?“, fragte die eine der beiden Stimmen.

„Letztlich ja“, antwortete eine andere, ebenfalls männliche Stimme, deren Klangfarbe jedoch um einiges heller war. Altersmäßig schätzte M‘Boya sie ähnlich ein. „Das musste mal so kommen, dass irgendwas richtig schief geht, weil nichts wirklich funktioniert.“

„Diese ganzen Basteleien ohne ausführliche Tests nerven mich sowieso. An Deck 8 war ich vor zwei Wochen schonmal dran, das weiß ich. Und jetzt wieder.“ M‘Boya konnte das Kopfschütteln dieses Ingenieurs vor ihrem inneren Auge förmlich sehen.

„Wenn jetzt ein System auf Deck 8 gebraucht wird und schon wieder was nicht läuft, dann wäre das große Geschrei aber richtig da. Das mit dem Traktorstrahl... das sollte DeFalco mal richtig zu denken geben...“

Immer wieder untermalten in rascher Folge verstohlen erklingende akustische Signale den lässig vorgetragenen Wortwechsel und zeigten emsig vorgenommene Berührungen der Bedienelemente einer Konsole an. M‘Boya veränderte leicht und geräuschlos ihre Balance und nahm weiterhin gebannt Informationen auf, die ihr sie sonst nie in einer solchen Kürze und Prägnanz dargeboten worden wären. Sie hoffte weiterhin inständig, dass niemand just in diesem Augenblick auf die Idee kam, den Maschinenraum betreten zu wollen.

„Ich frage mich sowieso, warum es immer erst richtig knallen muss, bevor die Leute aufwachen. Es gibt genügend...“

„Moment!“, unterbrach der eine Ingenieur mit der helleren Stimme abrupt. Die leisen Signaltöne verstummten sofort. „Wir sollten vorher die Sicherheitsabteilung informieren, dass die Kraftfeldgeneratoren auf Deck 8 außer Funktion sind.“

„Für zehn Minuten?“, fragte der andere verwirrt, verärgert zurück. „Ich will diese Energiesysteme stabil kriegen und zwar schnell! Die Kraftfelder werden doch sowieso nicht gebraucht.“

„Wir sind auf einem Schiff, Fähnrich! Sie sollen mit den anderen Abteilungen arbeiten, nicht gegen sie! Über was glauben Sie, reden wir die ganze Zeit!?“

Die nun folgende, kurze Stille nutzte M‘Boya, um ihre Anwesenheit zu offenbaren. Sie sah sich Lieutenant Riipinen und Fähnrich Ngatadatu gegenüber, sie hatten eine eindeutige Abwehrhaltung eingenommen und standen mit verbissenen Mienen vor einer nahen Wandkonsole.

„Doktor.“ Ngatadatu und Riipinen mühten sich nach Kräften, ihre Uneinigkeit nicht vor ihr zu zeigen, bei ersterem reichte es darüber hinaus noch zu einem formellen Gruß.

„Können Sie mir sagen, wo ich Lieutenant DeFalco finde?“, erkundigte sie sich, unbestimmt beide ansprechend.

„Er ist nicht hier“, antwortete Riipinen, der zu ahnen schien, welche Teile ihrer ‚Unterhaltung‘ M‘Boya mitbekommen haben mochte.

„Captain Spencer hat zu einer Vorführung in Holoraum 2 gebeten. Lieutenant MacDonnell ist ebenfalls dort.“ Ngatadatus Ton war weitaus freundlicher als Riipinens.

„Vielen Dank“, verabschiedete sich M‘Boya höflich, machte auf dem Absatz kehrt und verließ mit großen, aber langsamen Schritten die plötzlich sehr frostig gewordenen Räumlichkeiten des Maschinendecks.


„Computer, lade Programm Spencer-K4 bei Zeitindex 018!“

Das schemenhafte und in dunklem Grün leuchtende Abbild der Kennedy, das auf der Projektionsfläche im Holoraum abgebildet war, erhielt ein blassgrün leuchtendes Warpfeld mit einigen unregelmäßig helleren und dunkleren Flecken, die Geschwindigkeitsanzeige zeigte Warp 7.7.

Spencer deutete nacheinander auf den höchsten und tiefsten Punkt des ellipsenförmigen Warpfelds, der sich in Z-Richtung ein wenig hinter der Hauptbrücke und in Y-Richtung sich oberhalb und unterhalb des Schiffes befand, beide Punkte leuchteten grellgrün.

„Laut den Berechnungen herrscht hier die höchste Belastung des Warpfelds; unsere Messwerte in der Praxis stimmen auch beinahe mit den postulierten Werten überein. Es gibt da allerdings eine Theorie, dass das Warpfeld zusammenbrechen wird, sofern der innere Druck auf diese Punkte im Vergleich zu der Balance des restlichen Warpfelds nach einem bestimmten Formelschlüssel zu groß wird. Allerdings ist nichts bewiesen.“

„Davon habe ich bis jetzt noch nie etwas gehört“, meinte MacDonnell.

„Die Theorie ist bereits einige Jahre alt und wird aus verständlichen Gründen auch nicht gelehrt“, fuhr Spencer fort. „Nur, bei uns ist die Belastung dieser Punkte bei Warp 6 ist bereits ungefähr doppelt so hoch wie bei einem vergleichbaren Warpfeld um eine Ambassador-Klasse. Der Belastungsunterschied steigt mit zunehmender Geschwindigkeit weiter an. Die Verbesserungen von der Centaur bis zu uns haben die Belastung in diesen Punkten nur mittelbar durch effizientere Warpspulen und so weiter beeinflusst; das Grundsatzproblem, dass unser Schiff offensichtlich zu unförmig ist, um ein stabiles Warpfeld zu erhalten, wurde nicht angesprochen."

DeFalco kniff die Augen zusammen und wandte sich von dem grün leuchtenden Projektionsfeld ab. „Das ist ja alles schön und gut, vielleicht kann ich dir ja sogar folgen, aber was bringt uns das? Wir können ja schlecht unser Schiffsdesign verändern, dass es nicht so lang und flach aussieht.“

„Aber wir könnten das Warpfeld verändern, als ob unser Schiff höher wäre“, erwiderte MacDonnell, die glaubte, begriffen zu haben, was Spencer im Sinn hatte. „Die Energieverschwendung wäre auf den ersten Blick höher, aber wenn ich das richtig verstanden habe, würde das nicht viel und vielleicht sogar weniger ausmachen. Das muss gründlich untersucht werden...!“


M'Boya und Karov saßen nach dem Schichtwechsel in der Offiziersmesse, nahmen eine warme Mahlzeit zu sich und unterhielten sich.

„Und der Captain wusste wirklich nicht, welches der beiden Bilder die ‚Drei Sonnen‘ darstellt?“, fragte Karov mehr als ungläubig klingend. M'Boya hatte ihr gerade von den Reaktionen Spencers auf die ‚Renovierung‘ der Offiziersmesse von Hwang berichtet.

„Ich glaube, er weiß es jetzt immer noch nicht.“ M'Boya lächelte und bemühte sich, eine möglichst elegante Überleitung zum Thema, das ihr momentan mehr als alles andere unter den Nägeln brannte, zu schaffen. Nach kurzer Bedenkzeit entschloss sierwenden“, meinte O'Leary. „Ist mit ihr etwas nicht in Ordnung?“

„Sie wurde den Algiebanern gestohlen und wir sind hier, um sie zurückzufordern.“

O‘Leary zeigte sich nicht im mindesten überrascht. „Ich hatte Dennen gewarnt. Sie müssen mit ihm sprechen. Und, Commander, er kann von Zeit zu Zeit recht ‚eigen‘ sein. Also seien sie darauf vorbereitet.“ O‘Leary lächelte.

„Das werde ich, Gouverneur.“ Lemois lächelte spontan zurück. „Vielen Dank für Ihre Auskünfte. Kennedy Ende.“

Spencer, der während des letzten Drittels des Gespräches auf die Brücke gekommen war, aber unbemerkt oben am Turbolift stehen geblieben war, ging zu seinem Sessel.

„Ich bin ein wenig spät, Commander, ich entschuldige mich und sie alle dürfen jetzt auch einmal zehn Minuten zu spät sein, ohne dass ich etwas unternehmen kann“, brummte er. Die Brückencrew konnte ihr Amüsement nicht verhehlen. Innerlich war Spencer natürlich verärgert über seinen eigenen Fehler, insbesondere angesichts der Inhalte seines zurückliegenden Gesprächs mit M‘Boya.

„Ich hatte noch eine Idee bezüglich unseres Warpantriebs, deshalb meine Verspätung“, entschuldigte er sich. „Wie sieht‘s aus?“

„Haben Sie Ergebnisse, Mr. Terk?“, fragte Lemois.

„Ich kann PJV in einem großen Gebäude in ihrer Hauptstadt orten.“

„Das scheint dann das Domizil dieses Dennen zu sein“, folgerte Spencer. „Commander, Sie werden mit einem Außenteam die Sphäre zurückholen“, bestimmte er kurz und ließ sich auf dem für ihn vorgesehenen Platz nieder.

Lemois hieb auf ihren Kommunikator. „Lieutenants Karov, Hellmann und DeFalco, melden Sie sich in Transporterraum 1!“ Danach verschwand sie im Turbolift. Spencer selbst versuchte, ‚die Stimmung zu erfühlen‘, wie M‘Boya ihm geraten hatte, doch das war weitaus schwieriger als vermutet.


Hellmann war bereits vor Ort, als Lemois eintraf, nach einigen Sekunden des Wartens erreichten auch Karov und DeFalco gemeinsam den Transporterraum. Auf ein Zeichen Lemois‘ nahmen die vier Aufstellung auf der Transporterplattform.

„Chief, beamen Sie uns direkt vor das Gebäude, in dem wir PJV orten!“

„Bereit, Ma'am“, antwortete Sisota, der bereits die richtigen Koordinaten gespeichert hatte.

„Energie!“

Das Team materialisierte auf der Oberfläche des Planeten mitten in der Hauptstadt vor einem hohen, eindrucksvollen Gebäude. Seine Architektur stach deutlich von der der benachbarten Gebäude ab und strahlte die nüchterne Kühle des beginnenden 21. Jahrhunderts aus. Vorbeigehende Passanten warfen dem Außenteam verwunderte Blicke zu, es war nicht alltäglich für sie, dass plötzlich eine Gruppe Sternenflottenoffiziere unter ihnen materialisierte.

Karov und Hellmann aktivierten ihre Tricorder und scannten die Umgebung, Hellmann deutete auf das Gebäude. „Dort, im ersten Stock empfange ich das PJV.“

„Gehen wir!“, bestimmte Lemois.

Die einflügelige Eingangstüre glitt automatisch zur Seite, als Lemois sich ihr näherte. Sie betraten eine riesige Halle, die mit verschiedenen Plastiken, Skulpturen, Bildern und weiteren Kunstwerken angefüllt war und in mattem, kühlem Glanz von silbrigem Metall erstrahlte. In der Mitte führte eine antiquiert anmutende und ebenfalls metallische Treppe nach oben.

Lemois deutete skeptisch auf die Treppe, Karov vollführte einen kurzen Scan.

„Alles in Ordnung“, gab sie bekannt.

„Dann los.“ Lemois ging voraus, die anderen folgten ihr und stiegen die steilen, harten Stufen hinauf.

„Nicht einmal einen Aufzug für uns“, brummte DeFalco.

„Wie wäre es denn mit Ort-zu-Ort Transport?“, fragte Hellmann, der hinter ihm ging. Karov lächelte, Lemois dagegen fiel es schwer, es zu ignorieren. Gerade DeFalco und Hellmann wären gut beraten, etwas mehr Zurückhaltung zu üben in ihrer Gegenwart...

Als sie das Ende der Treppe erreicht hatten, sahen sie einen weiteren großen Raum vor sich, nicht minder gut angefüllt, jedoch weitaus chaotischer wie der im Erdgeschoss. In seiner Mitte arbeitete ein Mensch mit einem Mikro-Schweißgerät an einer komplizierten metallischen Struktur und bemerkte das Team zuerst nicht.

„Entschuldigen Sie! Mr. Dennen?“, rief Lemois. Ihre Stimme hallte in dem großen Raum nach, anders jedoch als in der algiebanischen Halle auf Chort, angenehmer.

Der Mensch ließ von seiner Arbeit ab und wandte sich um. „Ja, der bin ich. Treten Sie doch näher! Sie sind von der Sternenflotte?“

Lemois erkannte, dass der Mann schätzungsweise Ende Sechzig war, ein freundliches Gesicht besaß und nur an den Seiten seines Kopfes noch Haare vorweisen konnte. Offensichtlich nahm er, wie viele Künstler, keine verjüngenden Medikamente ein.

Lemois stellte sich und ihr Team kurz vor.

„Ich bin Dennen, Künstler meines Zeichens.“ Er wies umständlich auf die metallene Struktur. „Dies hier wird mein neues Werk. Ich zeige es sonst niemandem, bevor es nicht fertig ist, aber Gouverneur O'Leary sprach von einer eiligen Sache.“ Mit verschränkten Armen blickte er die Gruppe an.

„Sie haben vor einigen Tagen eine Duraniumsphäre von einem Schiff aus der Umlaufbahn erhalten?“ Lemois verlor keine Zeit und kam gleich zur Sache.

„Das ist richtig, Miss... Lemois? So war doch ihr Name?“

„Ja. Also?“

„Ich habe sie vor zwei Tagen von einem Schiff namens Gumba oder so gegen ein paar Nahrungsmittel eingetauscht. Gouverneur O‘Leary weigerte sich zuerst, mit ihnen zu handeln, aber als ich die Sphäre sah, wusste ich genau, dass sie genau das ist, was meinem Werk im Kern noch fehlt.“ Dennen begleitete seine Erzählung von einigen überschwänglichen Gesten.

„Wo ist die Sphäre jetzt?“, fragte Lemois unbeeindruckt weiter.

Dennen zeigte auf das ungefähre Zentrum seiner Skulptur. Karov und DeFalco traten näher heran, um das Dickicht des Metallgeflechts mit ihren Augen besser durchdringen zu können. Die Sphäre war inmitten dreier kunstvoll geschwungener Metallstreifen lose verhakt.

„Was haben Sie vor mit der Sphäre?“, erkundigte sich Dennen, irritiert von dem seltsamen Verhalten seiner Gäste.

„Diejenigen, von denen Sie die Sphäre erworben haben, haben sie den Algiebanern gestohlen. Wir sind in ihrem Auftrag hier, um die Sphäre zurückzuholen“, erklärte Lemois.

„Das ist leider unmöglich, Miss Lemois. So gern ich die Sphäre zurückgeben würde... ich kann nicht. Ich habe sie rechtmäßig erworben und sie ist, wie sie sehen, untrennbar Teil meines Werkes geworden.“

„Darauf kann ich leider keine Rücksicht nehmen, Mr. Dennen. Die Sphäre gehört den Algiebanern. Außerdem enthält die Sphäre Nahrung für die Nachkommen der Algiebaner, die diese unbedingt und sehr bald brauchen.“

„Es tut mir leid.“ Dennen schüttelte bestimmt seinen Kopf.

„Ich glaube, Mr. Dennen, dass sie mich nicht richtig verstanden haben.“ Lemois brauste auf, hielt sich aber noch unter Kontrolle. „Dass die Algiebaner ihre Sphäre zurückerhalten, ist für sie lebenswichtig. Überlebenswichtig.“

„Ich habe sie schon verstanden. Madam, aber ich bin ein Künstler.“ Er betonte diesen Begriff überdeutlich. „Das, was sie hier sehen, ist ein Kunstwerk. Sie können nicht einfach ein Teil eines Kunstwerkes entfernen, ohne das Ganze zu berücksichtigen. Wenn Sie die Sphäre da einfach herausreißen, wird alles, was das Werk darstellt, null und nichtig.“

„Hören Sie, Mr. Dennen.“ Er hatte ihre Geduld nun lange genug strapaziert, ihre Stimme nahm einen schärferen Ton an. „Sie haben zwei Möglichkeiten: Entweder sie händigen mir jetzt diese Sphäre freiwillig aus, oder ich sehe mich gezwungen, sie zu beschlagnahmen. Also?“

Dennen reagierte verblüfft ob der harschen Reaktion Lemois‘. „Was erlauben Sie sich eigentlich? Ich bin ein in der ganzen Föderation bekannter Künstler. Ich kenne viele wichtige Leute, die meine Werke kennen und schätzen. Ich werde mich über sie beschweren, Commander!“

Lemois ließ sich nicht beeindrucken. „Das können Sie gerne tun, aber erst nachdem ich die Sphäre in den Händen halte. Ihre Entscheidung, Mr. Dennen?“

DeFalco trat zwischen die beiden Streithähne und hob seine Hände. „Wenn ich mal einen Kompromissvorschlag machen dürfte“, sagte er beruhigend, während er nacheinander Lemois und Dennen gelassen anblickte. „Sie“ - dabei zeigte er auf Dennen - „überlassen uns die Sphäre und wir replizieren eine für sie, die von dieser hier nicht zu unterscheiden ist. Ist das in Ordnung?“

Dennen verharrte einige Augenblicke. Lemois wollte DeFalco ins Wort fallen, besann sich dann aber eines Besseren.

„Ich bin einverstanden“, lenkte Dennen ein. „Allerdings ist die Sphäre fester Bestandteil meiner Skulptur. Wie wollen Sie sie entfernen?“

DeFalco und Hellmann nahmen ihre Tricorder heraus und begannen, die Statik der Skulptur zu analysieren. „Commander, wenn wir die Sphäre da heraus beamen, bricht ein Teil des Aufbaus zusammen“, berichtete Hellmann.

„Aber nicht sofort“, warf DeFalco ein. „Wenn wir eine Ersatzsphäre bereitliegen haben und einen Austauschtransport vornehmen, dürfte nichts passieren. Der Transportzyklus ist kurz genug.“

„Stimmen Sie dem zu?“, fragte Lemois, die ihre Ruhe inzwischen wiedergefunden hatte.

„Ich denke ja, Ma'am“, antwortete Hellmann. „Hundertprozentig sicher bin ich mir nicht, die Statik der Skulptur ist kompliziert.“

„Also gut. Veranlassen Sie das Nötige!“, beschloss Lemois ohne weitere Überlegung.

Hellmann richtete seinen Tricorder auf die Sphäre und DeFalco aktivierte seinen Kommunikator. „DeFalco an Kennedy!“

„Kennedy, Spencer hier“, hörten sie Spencers Stimme aus dem Kommunikator.

„Wie es im Moment aussieht, werden wir einen Austausch vornehmen, Sphäre gegen Sphäre. Wir brauchen eine replizierte Kugel auf der Basis von Hellmanns Tricorderdaten, die wir in dem Moment herunter beamen, in dem wir die Originalsphäre rauf holen.“

„Alles klar. Wird erledigt. Ich melde mich, sobald wir bereit sind. Spencer Ende.“

Dennen wandte sich wieder an das Außenteam. „Darf ich Ihnen währenddessen etwas zu trinken servieren...“

Während Lemois zustimmte, tauschten DeFalco und Karov einen gequälten Blick aus, sie ahnten bereits, was sie erwartete.


„Haben Sie die Tricorderdaten?“, erkundigte sich Spencer auf der Brücke der Kennedy. Terk nickte.

„Gut. Leiten Sie die Daten an Frachtraum 1 weiter. Ich übernehme die Replikation, sie übernehmen hier.“ Spencer schwang sich bereits aus seinem Sessel und verschwand im Turbolift. „Deck 6!“

Abgesehen von einigen wenigen Containern und dem Dienst habenden Transporteroperator war der Frachtraum leer. In der Ecke gleich neben den Frachttransportern befand sich die große Replikatoreinheit. Mit den persönlichen Replikatoren ließen sich nur kleine Teile, zum Beispiel Nahrungsmittel, herstellen, für größere Objekte musste man die dafür vorgesehenen Replikatoren in den Frachträumen benutzen. Spencer sah, dass Terk die Daten von Hellmanns Tricorder bereits übermittelt hatte und programmierte den Replikator entsprechend. Zwanzig Sekunden später begann der Replikator zu summen und erzeugte auf der Transporterplattform das gewünschte Faksimile der Sphäre.

Dann erklärte Spencer dem Transporteroperator die Situation, dieser, es war Fähnrich Stipe, nahm die notwendigen Einstellungen am Transporter vor.

„Spencer an Lemois! Wir sind bereit und können den Austausch vornehmen.“

„Bestätigt, Captain“, ertönte die Antwort von Lemois.


Lemois, DeFalco, Karov und Hellmann erhoben sich erleichtert von den provisorischen Sitzgelegenheiten in Dennens ‚Atelier‘. Er hatte sie nicht nur mit Getränken versorgt, sondern auch begonnen, eine Geschichte zu erzählen, die sie nur aus diplomatischer Höflichkeit ertrugen.

Sie kamen gerade rechtzeitig, um die ersten Funken, die den Beginn des Transportvorganges anzeigten, bei der Sphäre zu beobachten. Bereits während der Entmaterialisierung der Sphäre begann die ganze Skulptur leicht zu schwanken. Obwohl sich die Materialisierung der neuen, frisch replizierten Sphäre nahezu direkt an das Verschwinden der alten anschloss, genügte es nicht, die Unruhe in der gesamten Skulptur zum Erliegen zu bringen. Dennen und die übrigen beobachteten den Vorgang voll Spannung. Am gegenüberliegenden Ende wies ein Klirren darauf hin, dass sich ein Metallfragment gelöst hatte und den Boden berührte, Dennen und Karov zuckten kurz zusammen.

Als der Materialisierungsvorgang abgeschlossen war, beruhigte sich die Konstruktion andeutungsweise, um dann jedoch mit unheilvollem Krachen und Klirren ineinander zu fallen. Die einzelnen Metallteile bildeten einen wirren Haufen auf dem Boden, die frisch replizierte Sphäre rollte solange über den Boden, bis sie an einer entfernten Wand anschlug.

Dennen wandte sich mit geschlossenen Augen ab und Lemois musterte mit eiskaltem Blick Hellmann und insbesondere DeFalco, die für die unheilvollen Berechnungen verantwortlich waren. Karov hatte sich ebenfalls abgewendet, aber nur aus dem einen Grund, dass die übrigen ihre verzweifelten Versuche, ihr Lachen zu unterdrücken, nicht mitbekamen.

„Es tut uns leid, Mr. Dennen“, entschuldigte sich Lemois in einem gespielten Ton des Bedauerns, nachdem sich der Lärm gelegt hatte. Ihre wahren Gefühle waren völlig gegensätzlicher Natur. „Das werden Sie mir erklären müssen, meine Herren!“

„Bitte verschwinden Sie!“, presste Dennen hervor, der fassungslos auf den Trümmerhaufen starrte. Er sprach nicht weiter.

Das ließ sich Lemois nicht zweimal sagen. „Lemois an Kennedy! Vier Personen zum Beamen!“

Zwei Sekunden später löste sich das ganze Außenteam in einen Funkenregen auf und ließ einen verstörten Dennen in seinem Atelier zurück.

9

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Wir sind im Besitz einer der gesuchten Sphären, nachdem wir die, die der Künstler Dennen getauscht hatte, gegen ein Faksimile ausgewechselt hatten. Leider wurde bei diesem Vorgang das Kunstwerk, an dem er momentan arbeitete, stark beschädigt. Wir werden uns nun auf dem Weg nach Zeta Bootis machen, um die nächste Station auf der vermuteten Route der Guramba aufzusuchen.

Spencer erlaubte sich den kurzen Genuss, den Vorfall in lakonischen Worten ins Logbuch einzutragen. Er hatte für Kunst nichts übrig und erinnerte sich, wie entgeistert Hwang und M'Boya waren, als sie feststellten, dass er eines der beiden offensichtlich berühmten Bilder, deren Replikate in der Offiziersmesse hingen, nicht kannte. Auf der anderen Seite war auf dem Planeten jetzt genau das passiert, was nicht hätte passieren dürfen und von dem M‘Boya vorhin gesprochen hatte. Er musste jetzt rasch entscheiden, was zu tun war, und zwar noch bevor das Außenteam mit Lemois auf der Brücke eintraf.

„Wir verlassen den Orbit, Mr. Thalvan“, ordnete er hastig an. „Nehmen Sie Kurs auf Zeta Bootis und beschleunigen Sie auf Warp 6, wenn bereit.“ Gleichzeitig beorderte er über Rufautomatik Hwang und M‘Boya auf die Brücke.

„Wir sind auf Warp 6, Sir. Flugzeit bis Zeta Bootis knapp neununddreißig Stunden“, meldete Thalvan unsicher. Er war noch nie gut mit Spencers Eigenart klargekommen, den Beschleunigungszeitpunkt dem Flugoffizier selbst zu überlassen, eine Eigenart, die er an den Tag legte, wenn seine Gedanken anderweitig beschäftigt waren. In diesem Falle kam noch die zweite, gravierende Fehlleistung DeFalcos und Hellmanns innerhalb weniger Stunden, ein schwer berechenbarer Erster Offizier und ein einfach zu stoisch wirkender Captain hinzu...

Das Außenteam kehrte auf die Brücke zurück, ihnen war das Ausmaß der Enttäuschung mehr als deutlich anzusehen. Insbesondere Hellmann und DeFalco schlichen förmlich aus dem Turbolift.

„Wir gehen in den Besprechungsraum“, bestimmte Spencer, noch bevor jemand anders die Chance hatte, sich zu äußern. „Mr. Rodriguez, Sie übernehmen.“

Hwang und M‘Boya ließen nicht lange auf sich warten, ihre Anwesenheit komplettierte die Führungsriege, die nun gebannt, still und nachdenklich der Worte harrte, die Spencer zu sagen hatte.

„Ich muss wohl nicht explizit sagen, warum wir hier zusammengekommen sind“, begann er mürrisch, aber dennoch vernehmlich. Die Spuren einer generellen Unzufriedenheit höheren Grades in seinem Tonfall erschienen einigen Anwesenden mitunter überraschend und er verfehlte seine Wirkung nicht, waren doch alle einen für gewöhnlich unemotional sprechenden und Neutralität wahrenden Spencer gewohnt. Er fuhr fort, nach einer Kunstpause.

„Jeder der zurückliegenden Fehler ist für sich betrachtet, entschuldbar, ich mache auch niemandem von ihnen einen Vorwurf. Nur, was ich verhindern möchte, dass sich das häuft.“ Er musterte DeFalco und Hellmann für einen Moment, die beide nicht imstande waren, seinem Blick standzuhalten. „Ich darf dazu einen Ausspruch von James Kirk zitieren: ‚Das erste Mal kann es ein Unglücksfall gewesen sein, das zweite Mal ein Zufall - aber ein drittes Mal lässt dann auch Ihren Captain wie einen Idioten aussehen.‘ Ich schlage vor, wir versuchen, dies nach Kräften zu vermeiden.“

Lemois lag ein ‚Reichlich spät, Captain‘ auf den Lippen, sie besann sich aber.

„Ich kann mir gut vorstellen, was Sie alle nun denken, über sich selbst, über andere und auch über uns alle... trotzdem: Wir sind eine Crew und müssen entsprechend handeln! Das kann ich nicht anordnen, das kann niemand, sie müssen es einfach tun. Sie und ihre... Mitarbeiter. Ich verwende dieses Wort bewusst. Sie sollen schließlich miteinander arbeiten und nicht umgekehrt, unabhängig von Rang und Funktion.“

Er legte eine weitere, gezielte Pause ein, um seine Worte nachwirken zu lassen und Gelegenheit zur gedanklichen Verarbeitung seiner Worte zu geben.

„Wir haben Probleme, ohne Frage und wir müssen sie lösen, gründlich lösen, alle Probleme. Dazu folgendes: Gerry, unsere Spielereien am Warpantrieb sind bis auf Weiteres gestorben. Es gibt Wichtigeres für den Moment. Bei Störungen an den Schiffssystemen wird ab sofort nicht mehr gebastelt, sondern die Ursache nachhaltig beseitigt, auch wenn es Zeit kostet. Sonst wird das nie was.“

„Und wenn mehrere Systeme gleichzeitig platt sind?“, unterbrach DeFalco. „Gründliche Reparaturen an mehr als einem System kann ich mit meinen Leuten nicht schaffen.“

„Dann muss man damit leben, dass etwas für einige Stunden halt nicht läuft“, erwiderte Spencer harsch. „Ich wiederhole, wir nehmen uns ab jetzt Zeit für unsere Probleme! Weiterhin, wenn Systeme betroffen sind, die zu einer bestimmten Abteilung gehören, werden diese gemeinsam repariert, das heißt, mindestens ein Spezialist der entsprechenden Abteilung ist mit den Ingenieuren vor Ort, stimmt sich mit ihnen ab und hilft. Und wenn sonst etwas sein sollte, irgendetwas, dann melden Sie sich und sagen es, offen oder unter vier Augen, und zwar am besten bevor das Unheil passiert.“ Spencer gab durch eine offene Miene zu verstehen, dass er geendet habe und Reaktionen erwarte.

Alle Gesichter der Runde signalisierten mehr oder weniger nachdenklich stumme Zustimmung soweit ihre Mienen interpretationsfähig waren. Sogar Lemois sah für den Moment ein, dass eventueller Widerspruch ohne Weiteres schlimmere Folgen haben könnte, als ein von ihr stammender zweifellos besserer Lösungsansatz je wieder gutzumachen imstande wäre. Sie fragte sich jedoch, welchen Effekt ein solch plötzlicher ‚Druckverlust‘ auf die Crew in einer solch kritischen Lage überhaupt haben konnte. Gerade jetzt wäre es doch angezeigt, erst so richtig Druck auszuüben... oder etwa nicht?

Es gab unendlich viele Lösungsmöglichkeiten, doch sie musste sich für Spencers entscheiden. „Einverstanden, Captain“, ließ sie sich vernehmen. Spencer fiel, ohne dass er es zur Schau stellte, ein Stein vom Herzen.

„Dann bitte, geben Sie das weiter an ihre Abteilungen und handeln Sie danach“, bat Spencer abschließend. „Das war‘s.“

Hwang hielt beim Verlassen des Besprechungsraumes gezielt diejenigen Leute auf, fragte sie nach ihrer Meinung zu einem weiteren Treffen wegen Morretti im Laufe des Abends und erhielt zwar zögerliche, aber durchweg positive Antwort.


„Captain...“, unterbrach Torrentes Stimme Spencers Arbeit in seinem Bereitschaftsraum.

„Ja?“

„Ich habe Admiral Paris für Sie über Subraum.“

„Stellen Sie durch, Lieutenant“, wies Spencer stirnrunzelnd an. Wenn es um das ginge, was er vermutete, dann war Paris sehr schnell informiert, das heißt, informiert worden...

„Admiral,“ grüßte er vorschriftsmäßig und abwartend.

„Captain, haben Sie schon einmal von dem Elefanten im Porzellanladen gehört?“, begann Paris schnarrend und mit finsterer Miene.

„Neulich erst“, gab Spencer unbewegt und -beeindruckt zurück.

„Und was haben Sie dazu zu sagen?“, fragte Paris weiter, sichtlich unzufrieden mit Spencers Art der Antwortgabe.

„Dass ich ihn des Ladens verwiesen habe, für immer wie ich hoffe“, entgegnete Spencer gelassen.

„Das hoffe ich auch“, meinte Paris streng. „Das Porzellan geht trotzdem auf ihre Rechnung, Spencer. Wir verstehen uns?“

„Ja, Admiral“, erwiderte Spencer ruhig und bestimmt.

„Gut. Paris Ende.“

Kaum war das Abbild des Admirals auf dem Terminalbildschirm wieder durch schematische Darstellungen der Kennedy abgelöst worden, widmete sich Spencer wieder den angeforderten Schadens- und Reparaturberichten. Paris war nun wirklich nicht sein Problem, im Vergleich gesehen.


Als Hwang eilig den Computerraum auf Deck 5 betrat, der sich neben einer ansehnlichen Reihe von Kontrollpulten für nahezu jede Funktion des Schiffscomputers auch durch einen größeren Tisch, ideal für zwanglose Treffen wie dieses, auszeichnete, war die gesamte Runde bereits versammelt und diskutierte in kleinen Gruppen das ein- oder andere.

„Tut mir leid, dass ich so spät bin, ihr müsst wissen, mein Schönheitsschlaf“, entschuldigte sie sich mit einem Lächeln.

„Schönheitsschlaf? Als ob du den nötig hättest...“, grinste DeFalco. Die neben ihm sitzende Karov verpasste ihm einen Rippenstoß begleitet von einem beleidigten Blick während MacDonnell genervt an die Decke starrte.

Mit einem „Gerry...“, wollte Hwang den Wortwechsel fortführen, doch dieser hatte sich bereits mit schmerzverzerrtem Gesicht abgewendet. Hwang entlockte diese Tatsache nur ein leichtes Schmunzeln. Ob Spencer bereits etwas wegen ihres Verfahrens in Erfahrung gebracht haben mochte...?

„So, da wir uns erst einige Tage verspätet hier treffen konnten, sind bestimmt alle noch neugieriger als ohne hin schon. Wer will denn zuerst seine Infos loswerden?“, erkundigte sie sich, um einen fröhlichen Gesichtsausdruck ringend.

„Ich“, meldete sich Hellmann. „Wenn niemand etwas dagegen hat. Ich weiß nämlich endlich, woher mir das Prinzip der Ereignisorientiertheit so bekannt vorkam.“

Er legte eine kurze Pause ein und ordnete seine Gedanken in der richtige Reihenfolge. „Vor knapp zwei Jahren geisterte eine Studie durch die hinteren Seiten der Wissenschaftspresse über die ‚kausale Enge der Situationen‘, oder so. Ein Nebenprodukt quanten- und temporalphysikalischer Studien über Paralleluniversen. Hört sich komplizierter an, als es ist“, verteidigte er sich, als die ersten murrenden Stimmen aus der Runde zu vernehmen waren.

„Einfach formuliert, gibt es der Studie zufolge effektiv für ein Individuum nur wenige Auswahlmöglichkeiten in einer kritischen Situation, abhängig von seiner Persönlichkeitsstruktur. Demnach könnte man also in gewisser Weise vorhersagen, wie einer oder auch mehrere handeln würden. Im Laufe der folgenden Diskussion glitt die Sache ins Philosophische ab, über Determinismus und so, da habe ich das Ganze aus den Augen verloren. Heutzutage hat sich diese Theorie in die lange Reihe der als Fantasterei abgetanen, unbewiesenen Quanten- und Temporaltheorien eingereiht und ist in Vergessenheit geraten. Möglich, dass sich Morrettis Auftraggeber dennoch davon leiten ließen.“

„Das ist aber ziemlich gewagt“, hielt DeFalco dem entgegen.

„Gewagt ja“, stimmte Hellmann zu. „Aber wohl nicht abwegig, denke ich.“

„Auf jeden Fall, faszinierend.“ Begleitend zu ihren Worten, inszenierte Hwang ein kurzes Augenbrauenspiel, das allgemein fröhliche Mienen in der Runde zur Folge hatte.

„Was spricht denn dafür?“, wollte M‘Boya wissen.

„Nun, wir waren in einer Reihe von kritischen Situationen und wir haben uns immer so verhalten, dass wir die vorgezeichneten Pfade nie verlassen haben... außer am Schluss“, antwortete Hellmann. „Selbst als wir bereits vermuteten, dass wir ferngesteuert wurden, wir konnten einfach nicht ausbrechen. Und das spricht in meinen Augen eindeutig dafür. Wie sieht es denn in der Programmierung aus?“

Berger übernahm den Faden bereitwillig. „Es war bei Weitem nicht alles zu rekonstruieren, doch das was wir rekonstruieren konnten, steht dem nicht entgegen. Es waren noch einige Varianten mehr vorgezeichnet, so zum Beispiel, dass sich die gesamte Infektionssoftware nach einer Zeit selbst gelöscht hätte, wären wir auf Utopia geblieben.“

„Beweisvernichtung im Erfolgsfalle?“, fragte Karov. „Denn dann wäre niemand auch nur auf die Idee gekommen, dass wir es mit gezielter Manipulation zu tun haben.“

„Genau“, fuhr Berger fort. „Was wir auch inzwischen mit einiger Wahrscheinlichkeit beantworten konnten, woher Morretti mit Sternenflottensoftware vertraut ist. Die Grundstruktur des Codes deutet daraufhin, dass er ursprünglich für eine ältere Computerarchitektur geplant und dann hier per Hand auf die Kennedy angepasst wurde. Einige spezielle Besonderheiten und Abfragen ließen den Computer und mich zum Schluss kommen, dass er für die zweite Computerkernrevision der Blackbird-Klasse konzipiert worden war.“

„Und woher weißt du das?“, unterbrach DeFalco entgeistert.

„Auf der Akademie hatten wir in einem Spezialkurs die Entwicklung der Blackbird-Computerkerne genau untersucht, weil mit jeder Revision bestimmte alte Fehler beseitigt und neue hinzugefügt wurden, die exemplarisch für viele Computerkerne sind“, antwortete Berger, der nun wieder zum Thema zurückkehrte. „ Und von den wenigen, bisher bereits zweimal überholten Scouts der Blackbird-Klasse ging bisher nur ein Schiff verloren, die Clemenceau und zwar an der cardassianischen Grenze.“

„Also stecken doch die Cardassianer dahinter!“, rief MacDonnell aus.

„Nicht unbedingt“, wiegelte Karov ab. „Wenn Morretti solche Fähigkeiten hat, dann kann er sich den Code unbemerkt besorgt haben, während eine Blackbird gerade überholt wird. Wahrscheinlich... ist das mit den Cardassianern allerdings schon.“

M‘Boya pflichtete ihr bei. „Von dem, was wir über Morrettis Persönlichkeit aus seinem Stil zu programmieren, ableiten können, ist es so, dass er unnötige Mühen scheut. Er tut das, was nötig ist, das verfolgt er konsequent bis unerbittlich, aber er macht auch keine Kompromisse. Unter Bedingungen, die herrschen, wenn er sich heimlich mit Dingen vertraut machen muss, würde er weitaus weniger gut zurechtkommen, als wenn er das in aller Ruhe und in aller Sorgfalt tun kann. Und um ein solch komplexes Programm zu schreiben, braucht eine Persönlichkeit wie er seinen Willen und kann sich nicht an andere anpassen oder in Strukturen fügen.“

„Also stecken da wahrscheinlich doch die Cardassianer hinter, nur können wir es nicht beweisen“, folgerte Hwang. „Weiß irgendjemand was über das Schicksal der Clemenceau?“

Karov schüttelte den Kopf. „Das ist aber herauszufinden, denke ich.“

„Okay“, meinte Hwang.

„Was nicht hundertprozentig klar ist, ob Morretti die Sache nur für Credits gemacht hatte, oder ob es eine politische Motivation gab“, fuhr M‘Boya fort. „Rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass Politik auf jeden Fall im Spiel war, aber ich kann es nicht belegen. In ersterem Fall haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem Einzelgänger, praktisch einem bezahlten Werkzeug zu tun, in letzterem Fall mit einem umtriebigen, überzeugten, brandgefährlichen, aber im ‚normalen Leben‘ eher unauffälligen Aktivisten.“

„Wobei sich dann die Frage stellt, was ist sein ‚normales Leben‘?“, fragte DeFalco wie automatisch.

„Sternenflottenoffizier“, erinnerte MacDonnell tadelnd. „Alias Lieutenant David Gilbertson?“

„Ach ja, stimmt. Ich habe nichts gesagt“, entschuldigte sich DeFalco, der sich selbst wunderte, woher seine Geistesabwesenheit zu dieser späten Stunde rührte.

„Es ist doch ziemlich schwierig, Sternenflottensoftware zu programmieren und noch schwieriger, etwas dagegen zu programmieren. Woher hat er seine Kenntnisse?“, fragte MacDonnell.

„Nicht von der Flotte, zumindest nicht nach seiner Akte“, antwortete Karov.

„Tja. Entweder von da oder von einer privater Hand“, überlegte Berger. „Er ist keinesfalls ein Autodidakt, er hatte einen sehr guten Lehrer.“

„Das ist auf jeden Fall ein überschaubarer Kreis von Personen“, fügte M‘Boya hinzu.

„Da sollten wir nachforschen!“, regte Hwang an.

„Das könnte ich machen“, beschloss Berger. „Mit dem Code bin ich soweit durch. Da ist mir übrigens noch eine Sache aufgefallen, ich weiß nicht ob das wichtig ist. Morretti hat seine zentralen Routinen codiert, auf eine ganz spezielle Art und Weise. Abhängig von dem Codeschlüssel werden von ein und derselben codierten Sequenz verschiedene Fragmente zurückgeliefert, die alle eine spezielle Funktion im Programmablauf haben. Das spart natürlich Platz, ist aber schwierig zu programmieren, unflexibel und sehr ungebräuchlich.“

„So eine Art Handschrift also“, überlegte DeFalco. „Das sollten wir uns merken.“

„Was haben wir also...“, überlegte Hwang laut, nach einer kurzen Pause. „Wir kennen Morrettis Persönlichkeit, seine Handschrift, wissen, wer vielleicht hinter allem steckt, und welcher Theorie wir alle vor drei Wochen zum Opfer gefallen sind. Mehr als die wirkliche Untersuchungskommission jemals herausfinden wird“, prognostizierte sie feixend.

„Und wenn wir weiter graben, dann finden wir auch noch mehr“, fügte M‘Boya unterstützend hinzu.

„Dann lasst uns graben, aber nicht mehr heute!“, schlug DeFalco lauthals vor. „Mir brummt der Kopf, unter anderem von deiner Quantentheorie.“

„Das war nicht meine Theorie“, verteidigte sich Hellmann gespielt aufbrausend. MacDonnell verdrehte zum wiederholten Male die Augen.

„Ist ja okay“, meinte Hwang beruhigend. „Wir alle hatten heute keinen optimalen Tag, um so wichtiger, ihn optimal zu beenden. Und das haben wir doch, denke ich, oder?“ In diesem Augenblick war sie sich nicht mehr sicher, wer da gerade gesprochen hatte, das Crewmitglied, der Navigator, oder der Zweite Offizier.

„Haben wir“, stimmte M‘Boya felsenfest überzeugt zu. Aus ihr sprach der Bordcounselor, dass war für Hwang nicht zu überhören und besänftigte ihre Selbstzweifel.

„Na dann bis Morgen“, verabschiedete sich DeFalco und schloss ein unmotiviertes Gähnen an seine Worte an. Die übrigen folgten seinem Beispiel, Hwang, deren Nachtschicht in absehbarer Zeit begann, und Hellmann blieben noch für einen Augenblick sitzen.

„Wegen des Verlusts der Clemenceau...“, raunte M‘Boya beim Hinausgehen Karov zu.

„Ja, Doktor?“

„... fragen Sie mal unseren Captain. Er hat sicherlich den einen oder anderen Kontakt, der mehr darüber in Erfahrung bringen könnte.“ Sie zwinkerte Karov zu.

„Das werde ich tun. Danke für den Tipp, Doktor...“


Es war standardisierte Nacht auf der Utopia Planitia-Station und des Nachts recherchierte Karaplidis immer noch am liebsten. Vor einigen Stunden hatte sich Spencer gemeldet und sie in sparsamen Worten gebeten, diskret alles über das Verschwinden eines Spürschiffes namens Clemenceau in Erfahrung zu bringen.

Zu diesem Thema hatte sie recht schnell das visuelle Brückenlogbuch der Lindbergh in den Sternenflottenarchiven gefunden, gottlob verschlüsselt mit einem Code, zu dem sowohl sie als auch Spencer Zugang hatten. Dieser Aufzeichnung zufolge war die Besatzung der Lindbergh unmittelbar Zeuge des Verschwindens der Clemenceau gewesen, hatte aber die eigentliche Ursache dessen nicht klären können. Die anderen, verfügbaren Informationen waren bestenfalls als reine Spekulationen zu bezeichnen.

Mit dieser spärlichen Ausbeute wollte sie sich allerdings nicht zufrieden geben, immerhin wollte sie Spencer keinesfalls hängen lassen, standen er und seine Leute doch wahrscheinlich kurz vor einem Durchbruch in Sachen Morretti. Und außerdem hatte sie einen gewissen Ruf zu verlieren... Doch wonach sie auch suchte und welche Kriterien sie auch anwendete, es gab keine weiteren neuen Ergebnisse.

Scharf nachdenkend ließ sie ihre Augen ungezügelt in der Umgebung umherschweifen, diese krallten sich plötzlich an dem Standbild des Brückenlogbuchs der Lindbergh fest, welches seit einer guten halben Stunde unverändert auf den Wandmonitor projiziert war. Einer plötzlichen Eingebung folgend gab sie als Kriterium einer neuen Suche einzig die dort dargestellte Sternzeit ein und war mehr als verblüfft, als sie sich den obersten Eintrag in der Liste mit den Suchergebnissen genauer betrachtete.

10

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21714.1, Commander Spencer: [17.09.2344 08:39:16]:

Wir sind ins Zeta-Bootis-System eingetreten, dem zweiten Kandidaten auf unserer Liste von Systemen. Auf dem ersten Planeten in dem System, Neural, lebt eine Spezies von Humanoiden unter dem Schutz der Obersten Direktive, die von einer getarnten Station auf dem Planeten beobachtet werden. Falls unsere Scans des Planeten tatsächlich ein Vorkommen von PJV ergeben sollten, wird das Zurückholen der Sphäre eine delikate Angelegenheit.

„Sir, wir empfangen ein Signal von der Forschungsstation auf Neural!“, meldete Terk einige Sekunden nachdem Spencer seinen Logbucheintrag beendet hatte.

Spencer und Lemois zeigten beide eine überraschte Miene, sie hatten nicht damit gerechnet, dass sich die Station von sich aus melden würde.

„Auf den Schirm!“

„Hier spricht Dr. Lloyd von der exosoziologischen Beobachtungsstation auf Neural. Bitte identifizieren sie sich!“ Ein Bild war nicht zu sehen, die Stimme ließ nur schwer auf ihren Eigentümer schließen.

„Captain Spencer, U.S.S. Kennedy“, stellte sich Spencer unbeeindruckt vor und überließ seinem unbekannten Gegenüber vorerst die Gesprächsführung.

Nach einigen ereignislosen Sekunden war endlich ein Bild zu sehen, es zeigte Lloyd vor einem großen Monitor. Links gab es ein kleines Fenster, aus dem ein winziger Ausschnitt der neuralschen Wildnis zu sehen war.

„Captain, ich weise Sie an, sich dem Planeten nicht weiter zu nähern“, sagte Lloyd in nur leicht aufgeregtem Tonfall. „Die hiesige Bevölkerung erwartet ein besonderes Himmelsereignis und beobachtet seit einigen Tagen intensiv den Himmel. Falls Sie mit Ihrem Schiff in den Orbit eintreten, besteht die Möglichkeit, dass man sie wahrnehmen kann. Das muss unter allen Umständen verhindert werden!“

„Also gut. Alles stop.“ Spencer sah, dass Lloyds Aufregung sofort nachließ, der einzige Grund, warum er sofort den Stop-Befehl gegeben hatte. „Eine Frage, Doktor. Haben Sie den umliegenden Weltraum die ganze Zeit unter Beobachtung? Es würde mich interessieren, ob in den letzten Wochen ein Schiff das System passiert hat.“

„Nein, nicht den ganzen Tag“, antwortete Lloyd. „Wir achten nicht sehr auf unsere Sensoren, dafür gibt es ja den automatischen Alarm. Wir sind wegen der Bewohner des Planeten hier und nicht, um den Weltraum zu beobachten. Worum geht es denn?“

„Vor einigen Tagen ist unter Umständen ein Schiff namens Guramba durch dieses System geflogen und hat vielleicht eine oder mehrere metallische Sphären auf dem Planeten hinterlassen. Wir sind im Auftrag der Algiebaner auf der Suche nach diesen Sphären.“

„Der automatische Alarm hat sich nicht gemeldet, ausschließen kann ich jedoch nichts. Die letzten Tage waren arbeitsintensiv, müssen sie wissen. Eine Sphäre ‚hinterlassen‘?“ Lloyd wirkte irritiert.

„Eine Sphäre aus Duranium/Silizium mit einem speziellen Inhalt, Poly-Jakmanit/Vendarit, der für die Algiebaner sehr wichtig ist. Wir würden gerne in den Orbit eintreten, um den Planeten nach diesem Stoff scannen zu können“, erklärte Spencer.

„Normalerweise hätten wir damit kein Problem, allerdings wollen wir um jeden Preis verhindern, dass jemand sie entdeckt und für das Himmelsphänomen hält, auf das hier alle warten. Deshalb bitten wir Sie, darauf zu verzichten.“

„Hm.“ Spencer überlegte.

„Können Sie weitere Einzelheiten nennen, Doktor?“, fragte Lemois währenddessen.

„Nicht ohne Ihnen einen zweistündigen Vortrag über die Gesellschaftsstruktur auf diesem Planeten zu halten“, meinte Lloyd, ohne jedoch dabei herablassend zu klingen. „Vor einigen Jahrzehnten wurde durch einen Bruch der Obersten Direktive die Gesellschaft von außen negativ verändert und wir sind hier, um durch subtile Einwirkung auf die lokale Gesellschaft soviel wie möglich wieder in Ordnung zu bringen. Es würde den Maßnahmen sehr schaden, wenn dieses prophezeite Himmelsphänomen wirklich auftreten würde. Sie verstehen?“

Lemois nickte.

„In Ordnung, Doktor“, stimmte Spencer schließlich zu. „Wir werden in angemessener Entfernung zum Planeten bleiben und von hier aus nach der Sphäre suchen.“

„Lloyd Ende.“

„Wir haben in der letzten Zeit schon genug kaputtgemacht“, brummte Spencer, nachdem Lloyd die Verbindung abrupt getrennt hatte. Die Miene, die Lemois ihm zeigte, war eine gesunde Mischung aus Eingeschnapptheit, Ablehnung und Verärgerung; er war froh darüber, dass Blicke nicht die todbringenden Eigenschaften haben konnten, die sie sich sicher jetzt gewünscht hätte.

„Mr. Terk, beginnen Sie mit Scans nach PJV, Mr. Hellmann wird sie unterstützen. Ich will, dass in möglichst kurzer Zeit ein möglichst großes Gebiet von Neural gescannt werden, ohne dass wir dabei auffallen.“

„Aye, Sir. Wir werden fast eine ganze Rotation des Planeten um seine eigene Achse abwarten müssen, zweiundzwanzig Stunden etwa“, antwortete Terk.

„Zweiundzwanzig Stunden?“, fragte Lemois ungläubig. „Gibt es keine Optimierungsmöglichkeiten?“

„Ich sehe keine, werde mich aber mit Mr. Hellmann beraten.“

„Kann ich Sie kurz sprechen, Captain?“, fragte Lemois nach einer unmerklichen Pause.

Spencer wies mit einer gequälten Geste auf seinen Bereitschaftsraum. „Nach Ihnen, Commander.“

Lemois und Spencer nahmen Platz, erstere gab Spencer wie üblich nicht einmal die Gelegenheit, das Gespräch zu beginnen.

„Wollen Sie diesen Zeitverlust wirklich in Kauf nehmen, Sir? Ich meine, wir verbringen hier zweiundzwanzig Stunden, um einen Planeten zu scannen, auf dem wir sowieso nichts finden. Wenn die Sammler versucht hätten, mit der Bevölkerung hier zu handeln, wäre das der Beobachtungsstation mit Sicherheit aufgefallen und einfach so hätten die Sammler eine Sphäre hier nicht zurückgelassen. Wir haben noch die Hälfte der Systeme vor uns, aber nicht mehr viel Zeit."

„Und was schlagen Sie vor?“

„Wir sollten Neural Neural sein lassen und abfliegen. Wir wissen nicht, was uns in den beiden nächsten Systemen erwartet.“

„Und was ist, wenn wir hier bleiben und in der letzten Stunde die übrigen beiden Sphären finden?“, fragte Spencer. „Wir können kein Risiko eingehen, Commander.“

„Eben“, erwiderte Lemois überzeugt. „Was ist, wenn wir nichts finden? Wir haben zwar bisher eine Trefferquote von 100%, aber auch nur einen Planeten angeflogen. Es kann ja durchaus sein, dass die Guramba noch zwei Sphären an Bord hat und dann dürfen wir keine Zeit verschwenden.“

„Ich dachte, wir hätten unsere Vorgehensweise geklärt?“ Spencer war es leid, diese Diskussion ein weiteres Mal zu führen und machte auch keinen Hehl daraus. „Wir kümmern uns um die Planeten und andere Schiffe sich um andere Möglichkeiten. Wir können nicht alles alleine machen, also machen wir das, was wir machen, gründlich. Müssen wir noch weiter diskutieren?“

„Nein, Sir.“ Lemois verließ zielstrebig und ohne weitere Gegenargumente Spencers Bereitschaftsraum, sie hatte mit einer derartigen Reaktion Spencers gerechnet und wollte es wegen der angespannten Lage im Crewgefüge dieses Mal nicht übertreiben. Wichtig war es jedoch, ihre Einwände wenigstens vorgetragen zu haben.

Er blieb eine Weile ruhig sitzen und wägte die Möglichkeiten ab, jedoch ohne ein definitives Ergebnis. Es gab sie also wirklich, diese konsequent uneinsichtigen Ersten Offiziere...

Die auf die Brücke zurückgekehrte Lemois beobachtete mit nur mühsam verborgener Ungeduld und Verärgerung, wie sich an den beiden wissenschaftlichen Computerterminals fünf Leute aus der Wissenschaftsabteilung zwei Tastaturen teilten und emsig, aber ungeordnet berieten, wie man die Scaneffizienz vergrößern konnte. Sie zweifelte stark daran, dass durch ein solches Vorgehen eine Leistungssteigerung in Aussicht stehen würde und machte sich demzufolge ihre eigenen Gedanken.

„Leistungssteigerung, Leistungssteigerung...“, murmelte sie fast unhörbar.

Sie erinnerte sich vage an eine Prozedur, die sie als junger Lieutenant in der wissenschaftlichen Abteilung auf der Victory miterlebt hatte. Diese Prozedur war damals von einem ihrer Kollegen durchgeführt worden, hatte die Leistungsfähigkeit der Scanner dramatisch erhöht, aber weder die nachträgliche Billigung des Wissenschaftsoffiziers noch des kommandierenden Offiziers gefunden, da sie die Sensoren nach einigen Stunden dramatisch beschädigt hatte. Damals scannten sie im Rahmen eines Vermessungsauftrags ein System von sieben Planeten und schafften auf diese Weise drei Planeten in vier Stunden, mussten danach aber acht Stunden pausieren, um die Sensorphalanxen zu reparieren.

„Mr. Hellmann!“, rief sie, während sie aufsprang und sich in den hinteren Bereich der Brücke begab. Mit einem Schlag hatte ihre Erinnerung wieder vollständig eingesetzt, jetzt konnten sie endlich vernünftig handeln.

Der Gerufene löste sich umständlich aus der Traube von Personen um die beiden Terminals.

„Ich habe eine Idee“, informierte ihn Lemois. „Wenn wir die Sensoren aufladen, können wir den Scan von Neural deutlich schneller abschließen.“

„Sensoraufladung?“, fragte Hellmann irritiert, aber vorsichtig. „Dieses Verfahren ist mir nicht geläufig.“

„Das ist gut so.“ Lemois lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. „Die Computersensoren werden einander zugeschaltet und der Ausstoß auf einen hochenergetischen Strahl enger Bandbreite fokussiert. Dann wird eine Blitzabtastung programmiert, damit die Energie unter Kontrolle bleibt. Abschließend wird dem Computer mitgeteilt, dass er nach eigenem Ermessen den Strahl abfeuern kann. Der Erfolg ist eine hohe, exakte und schnelle Scanleistung, der Preis allerdings nach einer Zeit ausgebrannte Sensorschaltkreise.“

Hellmann benötigte mehrere Sekunden, um die ihm in rascher Folge dargebotenen Informationen zu verarbeiten. Die Tatsachen, dass Lemois laufend von einem Fuß auf den anderen trat und dass ihre Anwesenheit für gewöhnlich mit der Einforderung höchster Leistungsansprüche einher ging, beeinträchtigten seinen Denkprozess nicht unerheblich. „Das hieße...“, folgerte er vorsichtig, „wir können einen extrem großen Orbit einschlagen, und würden dennoch eine klare Auflösung bekommen.“

„Genau!“, frohlockte Lemois.

„Da sollten wir dann besser mit dem Captain Rücksprache halten...“, merkte Hellmann an.

Lemois schnitt eine kurze Grimasse, beorderte Spencer aber dann via Kommunikator zurück auf die Brücke und schilderte ihm ihren Plan.

„Das wäre also der Kompromiss, den wir suchen“, kommentierte er mit zweifelnder Miene. „Sprechen Sie mit DeFalco! Wenn er keine gravierenden Einwände hat, opfern wir die Kurzbereichsensoren.“

„Danke, Captain!“, rief Lemois. Spencer hatte sie unerwarteterweise positiv überrascht, das war deutlich an ihr abzulesen.

Er beschloss, die Beobachtungsstation über den neuen Sachverhalt in Kenntnis zu setzen., da er ohne Zweifel in diesem speziellen Fall kein Einwand DeFalcos die Qualität ‚gravierend‘ für Lemois haben könnte.


„Haben Sie was?“, erkundigte sich DeFalco überfreundlich bei MacDonnell, die seit mehreren Minuten in unregelmäßigen Abständen leise, brummende Laute hören ließ und dabei einen sehr angespannten Eindruck machte.

MacDonnell ließ von ihrer momentanen Arbeit ab, um sich DeFalco für eine Antwort zuzuwenden. „Ja“, antwortete sie bissig. „Ich schaue gerade zu, wie die mit unseren Sensoren umgehen. Eines der Systeme, mit denen wir bisher am wenigsten Probleme hatten.“

„Das sind nicht die und das sind schon gar nicht unsere Sensoren“, verbesserte DeFalco, dem diese Art MacDonnells gehörig auf die Nerven ging, energisch aber ruhig. Wenn sie ein Problem hatte, sollte sie sich gefälligst offen dazu äußern... „Das sind ihre Kollegen aus der Wissenschaft, die die Schiffs-Sensoren benutzen...“

„... kaputtnutzen und zwar bewusst“, korrigierte MacDonnell unwirsch. „Als ob wir keine anderen Probleme hätten.“

„Im Moment“, erwiderte DeFalco sanft und mit einer trügerischen Freundlichkeit, „haben wir keine anderen Probleme, dringende zumindest nicht. Also können sie ruhig mit ihrer eigentlichen Arbeit fortfahren. Wie war die gleich nochmal?“

„Routineüberprüfung des Plasmaflusses zu den Warpgondeln bei ausgeschaltetem Antrieb“, wiederholte MacDonnell immer noch aufgebracht, aber spürbar weniger geladen.

„Richtig. Und das tun Sie am besten nicht von der Hauptkontrolle, sondern vor Ort, nicht wahr?“

Wortlos wandte sich MacDonnell zum Gehen.

„Noch etwas, Lieutenant“, fing DeFalco wieder an, dieses Mal eine Spur lauter. MacDonnell blieb wieder stehen. „Wenn ich mich für alles, mit dem ich hier unzufrieden bin, so aufführen würde wie Sie, würde ich noch in einem Jahr Grimassen schneiden. Und wenn Sie fertig sind, beraten Sie mit den Spezialisten aus der Wissenschaftsabteilung darüber, wie sie bei der fälligen Reparatur der Scanner vorgehen wollen!“

„Ja, Sir.“ MacDonnell bemühte sich, ihren Ärger herunterzuschlucken. In dem was DeFalco sagte, steckte durchaus Wahrheit, nur warum machte sie die Art und Weise, in der er es vermittelte, nur noch ungehaltener?

Nachdem MacDonnell den Maschinenraum verlassen hatte, hieb DeFalco wütend gegen die Wand, seine Faust schlug bewusst knapp unterhalb eines Wandmonitors ein. MacDonnell und ihre seltene Gabe, alles noch mindestens dreimal schwieriger zu machen, als es bereits war...


Spencer hatte gerade einen Zwischenbericht von Hellmann erhalten, der besagte, dass der Scan Neurals genau zur Hälfte abgeschlossen war, als ihn Torrente über eine eingehende Subraumnachricht von Utopia Planitia informierte.

„Ist es die Beschwerdestelle der Konstruktionsabteilung?“, fragte er, in der Aussicht auf eine unangenehme, aber bitter notwendige Unterhaltung.

„Nein, Captain. Es ist eine Commander Karaplidis“, antwortete Torrente.

Schlagartig hellte sich Spencers Miene auf. „Dann stellen Sie durch.“

„Hallo Andy“, grüßte Karaplidis von einem Terminal Spencers.

„Hallo Ina“, grüßte Spencer zurück. „Alles klar?“

„Ja. Und bei dir? Was sehe ich da im Hintergrund? Plasmafluss- und Warpfeldgeometriediagramme? Auf noch einem Terminal!?“

„Ich arbeite halt“, erwiderte Spencer augenzwinkernd. „Dein Bild verdeckt gerade übrigens einen Vergleich berechneter und tatsächlicher Leistungsdaten.“

„Ich dachte, du wärst der Captain“, gab Karaplidis zu bedenken. „Was macht denn dein Chefingenieur?“

„Der hält das Schiff zusammen“, brummte Spencer. „Wegen dem Mist, den ihr uns auf Verdacht eingebaut habt.“

„Stimmt, es gab einige Beschwerden wegen kürzlicher Umrüstungen. Man will dem nachgehen“, sagte Karaplidis nicht ohne Ironie in der Stimme.

„Das kennt man ja. Doch deswegen hast du dich bestimmt nicht gemeldet, richtig?“

„Genau. Als erstes wollte ich dir mitteilen, dass die offizielle Untersuchungskommission für den Fall Morretti ihre Arbeit eingestellt hat. Admiral Schmucker war der Meinung, dass W‘Chenk genug nichts herausgefunden hat.“ Hätte Spencer sie nicht besser gekannt, hätte er geglaubt, Spuren von Verbitterung in ihrem Tonfall hören zu können.

„Das heißt...?“, fragte er vorsichtig.

„Er konnte Morretti nur Angriffe auf euer und unser Computersystem nachweisen, mehr jedoch nicht. Keine Hintermänner, keine Verschwörung, kein gar nichts. Und das, obwohl jeder es besser weiß.“

„Wir können es vielleicht bald beweisen, daher auch meine Anfrage nach der Clemenceau.“

Karaplidis nickte zufrieden und lächelte. „Und da habe ich auch etwas für euch.“ Mit einigen Tastendrücken leitete sie eine Datenübertragung ein. „Das wird dir gefallen, denke ich.“

„Dann kann ich kaum erwarten, hineinzusehen.“ Er ließ einen Seufzer ab und sich in seinen Stuhl fallen. „Bin ich froh, wenn die Sache endlich geklärt ist.“

Karaplidis runzelte die Stirn. „Du klingst so... als würde dich der Fall Morretti sehr belasten. Ihr habt ihm doch ein Schnippchen schlagen können.“

„Das ist es nicht nur“, erwiderte Spencer. „Die ganze Sache... lastet irgendwie schwer auf der ganzen Crew, so eine Art böses Omen oder sowas. Wir haben deswegen einige Probleme. Ich hoffe, die allgemeine Anspannung legt sich etwas, wenn wir wenigstens eine Teillösung haben.“

„Dann wünsche ich euch Glück“, meinte Karaplidis besorgt. „Es scheint, als könnt ihr es gebrauchen.“

„Danke, Ina. Das ist leider so.“

„Dann bis dann, Andy. Man spricht sich.“ Viel von ihrer natürlichen Fröhlichkeit war Karaplidis nach diesen letzten Wortwechseln nicht geblieben. Spencer stand unter großem Druck, das konnte sie sehen, auch wenn er es selbst, wie immer, weder merkte noch zugeben konnte.

„Ja, tschüß Ina. Bis bald.“ Es kostete Spencer erheblichen Kraftaufwand, die Verbindung mit einer leichten Berührung des richtigen Knopfes mit seinem Zeigefinger zu trennen. Er zügelte seinen Wissensdurst soweit, dass er erst Karov eine Kopie des erhaltenen Datenpaketes übermittelte, bevor er selbst einen Blick darauf warf.

11

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21714.4, Commander Spencer: [17.09.2344 11:17:23]:

Die Abtastung von Neural wurde in nur zwei Stunden leider ergebnislos abgeschlossen, allerdings unter Inkaufnahme eines beträchtlichen Schadens an den Kurzstreckensensoren. Wir werden nun weiter zum Gamma Bootis-System weiterfliegen, dem dritten System hier im Sektor, in dem wir eine oder mehrere Sphären vermuten.

Lemois hatte die Zeit nach ihrem rettenden Einfall damit verbracht, unruhig durchs Schiff zu laufen und danach hartes Konditionstraining in der Sporthalle betrieben. Es tat gut, die Dehnbarkeit jeder Sehne und die Leistungsfähigkeit jedes Muskels einzeln zu spüren, Kraft zu gewinnen und durch körperliche Anstrengung dem Geist Erholung von den im Hintergrund quälenden Problemen zu gewähren. Anfänglich waren ihr die Übungen nicht mehr gar so leicht gefallen, doch nach einiger Zeit gelangen sie wie immer. Sie nahm sich vor, sich dazu zwingen, dies in Zukunft regelmäßiger zu tun, auch wenn es durch die Dienstverpflichtungen und ihrem selbst gestellten Anspruch auf vielfältige Freizeitaktivitäten das ein oder andere Problem geben würde. Ein Tag hatte nunmal nur knapp 2,74 Einheiten...

Außerdem war es ein nicht bloß angenehmer Nebeneffekt, sinnierte sie, als sie nach einer belebenden Dusche eine neue Uniform überzog, dass man danach mit einer frischen und unvoreingenommeneren Sicht auf die Dinge lebte, zumindest für einige Zeit.

Sie starrte aus dem Fenster hinaus auf die ungeordnet vorbeirasenden, schillernd leuchtenden Lichtpunkte. Friedlich. Beinahe friedlich. Ein leichtes Zittern durchzog den gesamten Schiffsrumpf, entweder einige Unregelmäßigkeiten im Subraum oder ein wieder mal nicht von Erfolg gekrönter Versuch DeFalcos, den Warpantrieb zu optimieren...

Sie vollführte einige spielerische Lockerungsübungen. Das Zittern hörte auf. Auch wenn heute, als sie am Morgen die Brücke gekommen war, eine schlagartig veränderte Atmosphäre geherrscht hatte, gelöster, beinahe freundlich, war es dennoch weniger als zwölf Stunden her, dass aufgrund verschiedenster Ursachen ungefähr alles falsch gelaufen war, was falsch laufen konnte und die Stimmung den Nullpunkt erreicht hatte. Glaubte Spencer wirklich, einige wenige besänftigende Worte seinerseits wären ausreichend, die inzwischen tief verwurzelte Problematik der mangelhaften Zusammenarbeit der Crew untereinander zu lösen?

Ihr Türsummer unterbrach diesen Gedankengang abrupt, immerhin entschädigte er sie mit den ersten Tönen ihrer Lieblingsmelodie; einer plötzlichen Anwandlung folgend hatte sie den Standard-Summton in der vergangenen Nacht reprogrammiert.

„Ja, bitte?“, rief sie.

Hwang trat herein, etwas sehr stürmisch, wie Lemois fand. „Ach hier steckst du?“, brachte sie hervor.

„Weiß der Computer nicht, wo ich bin?“, fragte Lemois verwundert darüber zurück, dass Hwang so aufgewühlt wirkte.

„Er weiß das schon, nur... ist ja auch egal. Jedenfalls gibt es Neuigkeiten, die musst du erfahren!“

„Und zwar?“ Lemois‘ Interesse war geweckt.

„Im Fall Morretti. Du wolltest ja informiert werden, wenn wir was haben... nun wir haben was. Sehr viel sogar! Komm‘ mit, unterwegs erzähle ich kurz die Vorgeschichte und dann... nun ja.“ Sie lächelte viel versprechend.

„Da bin ich gespannt!“, rief Lemois, die keine Sekunde zögerte, Hwangs Aufforderung zu folgen. Eine andere Art von Chance, die Moral der Crew zu heben, die Lösung eines seit langem nagenden Rätsels...

Als sie beide gemeinsam den Computerraum betraten, waren dort trotz des überhasteten Herbeirufens Hwangs bereits alle in die Morretti-Untersuchung involvierten Personen versammelt, die in eifriger Konversation ihrer Fantasie über die nun folgende Darbietung freien Lauf ließen. Karov war dem Rat Hwangs gefolgt und bemühte sich standhaft, keine Informationen im Vorfeld verlauten zu lassen und den Anwesenden die Spannung nicht zu verderben.

„Na endlich!“, rief DeFalco, seine Lautstärke sofort abrupt senkend, nachdem er Lemois wahrgenommen hatte. „Du spannst uns ganz schön auf die Folter“, warf er Hwang vor.

Hwang lächelte geheimnisvoll, setzte sich und vollführte eine geschwungene Geste. „Ihr Auftritt, Karov.“

Karovs Augen leuchteten vor Vorfreude. „Sie sehen nun eine Wiedergabe des VBL, des visuellen Brückenlogbuchs der U.S.S. Lindbergh, die zusammen mit der Clemenceau auf Patrouille an der cardassianischen Grenze war. Ich weiß nicht, ob sie mehr Fragen beantwortet als neue hervorbringt, aber ein Schritt nach vorne ist es für uns ganz sicher.“

Sie startete das Abspielen der Aufzeichnung. Auf dem großen Wandbildschirm war das Abbild der Brücke der Lindbergh zu sehen, aufgezeichnet aus einer erhöhten Perspektive aus dem hinteren Teil mit Sicht auf dem Hauptschirm, man blickte dem Captain also quasi über die Schulter, würde er stehen und wäre über zwei Meter groß.

Am unteren, rechten Rand lief die Sternzeit mit, einige weitere über das Bild geblendete Anzeigen waren von untergeordneter Relevanz. Ruhige, normale Brückenroutine war zu sehen. Nach einigen Sekunden hörte man jedoch fiepende Geräusche, die leicht als Warnton der Automatiksensoren der letzten Generation zu identifizieren waren.

„Captain, ich registriere ein kleines Objekt im Weltraum. Metallisch. Knapp zwei Parsec entfernt und nur wenige zehntausend Kilometer innerhalb unseres Raumes“, meldete eine tiefe, männliche Stimme.

„Analyse, Mr. Yazdi?“, fragte der Captain, eine Andorianerin mit silbrig glänzendem Haarschopf.

„Der Computer identifiziert es als eine cardassianische Rettungskapsel. Sie ist äußerlich unbeschädigt, keine Lebenszeichen und keine Hinweise auf gefährliches Potential.“

Der Captain wechselte mit seinem Ersten Offizier, einem Zaldaner, einen raschen Blick, Yazdi hatte die Antwort auf ihre nächste Frage bereits vorweg genommen. „Gibt es cardassianische Schiffe oder Wracks in der Nähe, von denen diese Kapsel stammen könnte?“, fragte sie.

Yazdi verneinte. „Alle Sensorenanzeigen sind negativ.“

„Informieren Sie die Clemenceau, wir gehen unter Warp und untersuchen das!“

„Captain N‘Dour hat uns gerade den selben Vorschlag unterbreitet“, gab eine fröhliche Frauenstimme aus dem nicht sichtbaren Bereich der Brücke bekannt.

„Steuermann, bringen Sie uns unter Warp, in sicherer Entfernung“, wies der Zaldaner an. Die Andorianerin studierte interessiert ihre Anzeigen.

Auf dem Hauptschirm waren die Kurskorrekturen anhand der Musteränderungen der flirrenden, bunten Leuchtpunkte gut zu verfolgen, ebenso das Erreichen des vollständigen Halts in sicherer Entfernung zu dem fraglichen Objekt.

„Die Clemenceau hält Position hunderttausend Kilometer entfernt und nimmt einen intensiven Scan vor“, berichtete Yazdi. „Auch sie finden keine Auffälligkeiten.“

„Sollen wir die Kapsel an Bord beamen und genauer untersuchen, Ma‘am?“, fragte der Zaldaner.

„Das kommt mit nicht geheuer vor...“, murmelte der Captain. „Aber einverstanden, Thelv. Veranlassen Sie einen Transportvorgang mit Sicherheitsstufe 1 und dann nichts wie weg hier.“

Thelv gab die notwendigen Anweisungen, auf die hin das Objekt auf dem Hauptschirm entmaterialisiert wurde, so dass dieser nur die entfernte Clemenceau zeigte.

„Transport erfolgt“, gab Yazdi bekannt.

„Übermitteln Sie Captain N‘Dour, wir nehmen unseren Kurs wieder auf. Steuermann, Warp 6.“

„Aye, Ma‘am.“

„Captain!“, rief Yazdi plötzlich. „Die Clemenceau ist weg!“

„Weg?“, wiederholte sie erschrocken. Auch auf den Mienen der sichtbaren Brückenbesatzung und denen der Zuschauer der Kennedy spiegelten sich vergleichbare Gefühle, wenngleich in unterschiedlichen Intensitäten.

„Sie ging auf Warp... und dann war sie einfach nicht mehr da“, berichtete Yazdi konsterniert.

„Voller Stop“, rief Thelv energisch. „Kanal öffnen.“

„Captain Q‘ethia an Captain N‘Dour! Können Sie mich empfangen?“

„Keine Antwort“, stellte Yazdi nach einigen gespannten Sekunden überflüssigerweise fest. Erneut ertönten warnende Hinweistöne einer Konsole, jedoch in anderer Tonzusammensetzung.

„Captain!“, meldete die Frauenstimme von vorhin, die jetzt weitaus weniger fröhlich klang. „Unsere Sensorenaufzeichungen besagen, dass die Warptriebwerke der Clemenceau ein örtlich stark begrenztes Wurmloch erzeugt haben und sie dann darin verschwunden ist.“

„Wurmloch?“, wiederholte Captain Q‘ethia erschüttert. „Das hätten wir doch sehen müssen!“

„Ein Maschinenfehler?“, fragte Thelv streng.

Er erhielt keine Antwort, aus dem einfachen Grunde, da Karov die Wiedergabe eingefroren hatte. „Das war auch das Ergebnis, zu dem die offizielle Untersuchung gekommen ist: Ein Maschinenfehler“, erzählte sie. Beinahe synchrones Kopfschütteln einte die Ingenieure DeFalco und MacDonnell.

„Die Clemenceau blieb verschwunden, spurlos, bis heute“, fügte Hwang hinzu. „Und jetzt kommt‘s...“ Sie vollführte einige Eingaben und schaute wie alle gebannt auf den Sichtschirm der dunkel blieb. Sie lächelte entschuldigend und schaffte es im zweiten Versuch, die gewünschten Daten sichtbar zu machen.

„Diese Sensorenechos zeichnete eine Überwachungsstation im Sektor 21499 zur selben Zeit auf. Sie scannten ein kleines, möglicherweise verdächtiges Sternensystem auf der cardassianischen Seite der neutralen Zone“, erläuterte sie.

Aus den anwesenden Personen war Lemois die erste, die die Zahlenreihen und grafischen Kurven zu deuten vermochte. „Ein Schiff, ungefähr von der Größe der Clemenceau. Und zwar nur in der Form eines Sensorenschattens?! Mehr als eigenartig!“

„Das würde also heißen... “, begann Hellmann langsam, „... die Clemenceau verschwindet in einem selbst erzeugten Wurmloch, so unwahrscheinlich das ist, und taucht beinahe zur selben Zeit in einem cardassianischen System auf, wird aber nur als ‚Schatten‘ registriert?“

„Mich soll der Teufel reiten, wenn das ein Maschinenfehler war!“, rief DeFalco aus. „ Das war eine Bastelei unseres lieben Freundes Morretti! Die haben die Clemenceau kassiert, ihren Computerkern zerlegt und dann dagegen was programmiert.“

„Mit Wurmlöchern scheint er vertraut. Er oder seine Hintermänner“, ließ sich Berger vernehmen.

„Auch wenn das alles reinste Spekulation bleibt“, gab M‘Boya zu bedenken, der Klang ihrer Stimme verriet jedoch, dass sie ihre eigenen Worte nicht in vollem Ernst gemeint hatte.

Ein fragender Blick Lemois‘ blieb die einzige Antwort, die sie erhielt. „Woher stammen diese Informationen?“

„Der Captain hat sie besorgt“, erklärte Hwang. „Woher... weiß ich nicht. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen...“

„Müssen wir ja auch nicht“, stimmte Lemois augenzwinkernd zu. „Auf jeden Fall, es tut mir leid, wenn ich den inoffiziellen Charakter dieser netten Runde durch meine Anwesenheit hier auflöse, aber ich denke, dafür haben Sie Verständnis. Ist er im Bilde?“

„Er wühlt sich gerade durch einen kurzen Zwischenbericht, den ich verfassen musste.“ Hwang lächelte gequält, fand aber immerhin Trost in dem Gedanken, dass Spencer ihr in diesem Zusammenhang mitgeteilt hatte, dass das Verfahren, dass ihr drohte, auf dem besten Wege war, sich in Nichts aufzulösen. „Er will vorbeikommen, wenn er durch ist.“

„Dann sollten wir uns schonmal die Frage stellen, warum das alles und wer“, beschloss Lemois.

„Hat die Untersuchung der Rettungskapsel etwas ergeben?“, fragte Hellmann.

Karov verneinte. „Ein cardassianisches Standardmodell, aber keine verwertbaren Spuren. Eindeutig ein Köder für die Clemenceau, nur einmal zu verwenden.“ Sie kniff die Lippen zusammen. Welches Schicksal ihre Crew ereilt haben mochte?

„Ist es einfach, den Warpantrieb so zu verändern, dass er ein Wurmloch erzeugt?“, erkundigte sich M‘Boya.

DeFalco zuckte mit den Achseln. „Wenn die richtigen falschen Parameter eingestellt sind, ja. Es kommt alle Jubeljahre mal vor, auf Testflügen oder mit defekten Gondeln.“

„Unmöglich dagegen ist es“, fiel MacDonnell ein, „das zu erzeugende Wurmloch auf ein exaktes Ziel auszurichten.“

„Unmöglich nicht“, widersprach DeFalco, „aber sehr, sehr schwierig. Zu zerstören wäre es durch eine große Energieentladung. Photonentorpedo oder Hauptdeflektor.“

Ein leichtes Zischen begleitete die letzten Worte DeFalcos, Spencer war hereingekommen. „Hab‘ ich was verpasst?“, erkundigte er sich, vor Kopf Platz nehmend.

„Nicht wirklich“, erwiderte Lemois. „Wir haben gerade erst damit angefangen, unsere Köpfe rauchen zu lassen.“

„Dann bin ich beruhigt.“ Spencer lehnte sich gespannt zurück und verschränkte die Arme. Sein Ziel war es, die Diskussion erst einmal laufen zu lassen.

„Wenn es die Cardassianer waren...“, überlegte Karov. „... warum arbeitet dann jemand wie Morretti für sie?“

„Bezahlung oder Fanatismus“, antwortete M‘Boya knapp. „Wobei... wenn die Cardassianer Morretti nur bezahlt hätten, wäre er mit Sicherheit kurz nach seiner Ergreifung gestorben, spätestens aber nach drei Wochen.“ Das angedeutete Lächeln, das sie zeigte, war gut dazu geeignet, sensibleren Naturen kalte Schauer über den Rücken zu treiben.

„Oder er ist auch nur Rad in einem Räderwerk“, warf Lemois ein. „Auf der einen Seite sehen wir die Cardassianer, auf der anderen einen ganz dünnen Zweig namens Morretti. Wir brauchen die großen Äste!“

„Räderwerke haben keine Äste“, erwiderte Spencer trocken, „aber ich kann Ihnen folgen.“

Lemois war froh darüber, dass sie ihre Gedanken darüber, was sie Spencer nun wünschte, nicht in klaren Worten dachte oder aus guten Gründen nicht einmal denken konnte...

„Wer könnte denn so einen Ast darstellen?“, fragte Spencer nach einem kurzen Augenblick des Abwartens wie zur Versöhnung.

„Jemand, der einen Vorteil davon hat, mit den Cardassianern gegen die Sternenflotte zu arbeiten“, antwortete Karov prompt.

„Das muss ja ein großer Vorteil sein, wenn man dafür einen solchen Aufwand treibt wie Morretti und Konsorten“, meinte MacDonnell.

„Oder überhaupt treiben kann“, fügte Hellmann hinzu.

„Machtpolitik in galaktischen Ausmaßen?“, spekulierte Hwang zweifelnd. „Würde eine andere Großmacht dahinter stecken, würde sie eher ihren eigenen Geheimdienst dazu benutzen und nicht jemanden wie Morretti. Und Morretti als Geheimagent... ich weiß nicht...“

„Vielleicht will eine Gruppe aus dem Föderationsbereich groß werden, nicht durch Gewalt, sondern durch List?“, überlegte Karov. „Sie benutzen Morretti und versuchen, die Sternenflotte zu schwächen und füllen dann das Machtvakuum.“

„Und wozu brauchen sie dann die Cardassianer?“, fragte MacDonnell.

Karov zuckte mit den Schultern. „Für die Gewalt vielleicht?“, erwiderte sie, scheinbar ohne großes Vertrauen in die eigene Theorie. Eine unfreiwillige Pause entstand, die Hellmann nutzte.

„Vielleicht kommen wir über Morrettis Lehrer weiter“, meldete sich Hellmann zu Wort. „Er könnte auch Teil des ‚Räderwerks‘ sein.“

„Ein brillanter Kopf, früher auf der richtigen, heute auf der falschen Seite?“, fragte Hwang rasch.

Hellmann nickte. „Es ist zumindest wahrscheinlich, dass er in irgendeiner Verbindung mit den Hintermännern steht.“

„Stimmt“, pflichtete Lemois bei. „Manipulierte Warptriebwerke und Computer, Wurmlöcher aller Art... es gibt nicht viele Leute, die das alles können und auf der falschen Seite stehen!“

„Dann forschen wir da mal nach“; beschloss Spencer. „Mr. Hellmann, Mr. Berger?“

„Ja, Captain“, erwiderte Hellmann, Berger nickte zustimmend.

„Dann, denke ich, ist es nicht falsch, diese Versammlung offiziell zu beenden, auch wenn sie gerne noch hier bleiben und ihre Ideen sprühen lassen dürfen“, beschloss Spencer. „Ich für meinen Teil kehre auf die Brücke zurück und denke mal darüber nach, wie man zu seinem eigenen Wurmloch kommen kann. Schönen Tag noch.“

Zusammen mit ihm verließen Lemois und Hellmann den Raum, DeFalco, Karov und Berger folgten einen gezielten Augenblick später. Nur Hwang, Hellmann und M‘Boya konnten ihr Mitteilungsbedürfnis nicht zögern, verlegten ihre Diskussionsrunde aber nach wenigen Minuten in einen wesentlich gastlicheren Freizeitraum.


Terk war in seinem Quartier, er arbeitete an seinem Computerterminal. Diverse Texte, Einzel- und laufende Bilder flirrten schemenhaft minutenlang in hoher Geschwindigkeit über dessen Schirm, ein Zusammenhang zwischen ihnen und Terks emsigen Berührungen der Bedienelemente war nicht direkt zu erkennen. Auch dieses Mal war er sich sicher, dass niemand seine Aktivitäten bemerkte.


Lemois kam auf die Brücke. „Zeit bis Gamma Bootis?“, fragte sie, noch während sie aus dem Turbolift herauslief.

„Zwei Stunden und vier Minuten, Commander“, antwortete Fähnrich Dekker von der Flugsteuerung.

„Captain, ich werde mich jetzt mit meinem Außenteam über Nashira informieren“, gab sie bekannt. Lemois hatte beschlossen, ihren Beitrag zur geforderten Teamarbeit zu leisten, auch wenn sich deren Vorzüge für sie erst noch beweisen mussten. Davon abgesehen konnte es nie schaden, genau zu wissen, mit welchen Wesen und mit welcher Kultur man es zu tun bekommen würde.

Spencer nickte nur knapp, ohne seinen Blick von den Daten abzuwenden, die er immer noch auf dem Monitor des Missionsbegleiters studierte.

Lemois betrat irritiert den Besprechungsraum, irritiert deshalb, weil ein Kommandant auf dem für ihn vorgesehenen Platz sitzen und nicht mitten im Dienst technische Diagramme studieren sollte, selbst wenn es die der Blackbird-Klasse sein sollten. Sie rief diejenigen Offiziere hinzu, die ihr Außenteam bilden sollten, namentlich Karov, DeFalco und Hellmann.

„Wie sie wissen, werden wir bald im Gamma Bootis-System eintreffen“, begann sie. „Dort, auf dem Planeten Nashira vermuten wir eine oder beide der fehlenden Sphären. Falls wir dort fündig werden, müssen wir wissen, was uns erwartet. Mr. Hellmann?“

Hellmann rief die Daten aus dem Computer ab. „Nashira ist als Planet der Klasse-M eingestuft, allerdings mit einem sehr hohen Anteil an Wasser. Das Klima ist in den bewohnten Zonen vorwiegend subtropisch bis tropisch. Die Nashiraner sind eine amphibische Spezies, technologisch weit entwickelt und sie betreiben regen Handel. Sie leben vorwiegend unter der Wasseroberfläche, produzieren tun sie allerdings an Land. Auf dem Planeten befinden sich seit langem viele der größten Anbieter von Über- und Unterwassergerät der Föderation, darunter auch der Ausrüster der Sternenflotte.“

„Gibt es Besonderheiten oder Auffälligkeiten bei ihrer Kultur, ihrer Lebensweise oder ihren Umgangsformen?“

Hellmann sah nach. „Es ist nichts Besonderes im Computer registriert.“

„Die Sphäre kann sich also entweder über oder unter Wasser befinden“, überlegte DeFalco. „Spricht etwas gegen die letzte Möglichkeit?“

Hellmann verneinte. „Solange der Wasserdruck nicht zu groß wird, nicht.“

„Wenn sich die Sphäre unter Wasser befindet, müssen wir dann nicht auch dorthin gehen, um sie zurückzuholen?“ fragte Karov. Lemois warf Hellmann einen fragenden Blick zu.

„Wenn die Scantechnologie der Nashiraner zu unserer kompatibel ist, im Prinzip nicht. Sie müssen uns nur einen Scan samt Koordinaten der Sphäre oder der Sphären übermitteln“, antwortete Hellmann.

„Um sicher zu gehen, würde ich mich lieber auf einen unserer Tricorder verlassen, Kompatibilität hin oder her“, meinte DeFalco. „Wir können nämlich auch exakt scannen“, fügte er mit bissigem Humor in Lemois‘ Richtung hinzu.

Diese richtete einen kritischen Blick auf DeFalco und war sich nicht sicher, ob und wenn ja, in welcher Form sie ihre innere Belustigung über DeFalcos Form der Selbstkritik zeigen sollte. „Haben wir einen Unterwasserspezialisten an Bord?“, fragte sie stattdessen.

Hellmann überlegte. „Fähnrich N‘Kono käme da in Frage. Er ist Biologe und hatte, wenn ich mich nicht irre, bereits einige Unterwassereinsätze.“

Lemois aktivierte kurz entschlossen ihren Kommunikator. „Commander Lemois an Fähnrich N‘Kono! Bitte melden Sie sich im Besprechungsraum auf Deck 1!“

„Ich bin unterwegs, Ma'am“, antwortete eine gefasste Stimme durch das Intercomnetz. Kurze Zeit später traf er im Besprechungsraum ein.

„Setzen Sie sich, Fähnrich“, gebot Lemois. „Wir werden in Kürze unter Umständen einen Einsatz unter Wasser auf dem Planeten Nashira haben. Sie haben bereits Erfahrungen in diesem Bereich?“

„Ja, Ma'am, einige Unterwassereinsätze auf Pacifica. Eine Expedition in der Tiefe zur Erforschung der Unterwasserflora vor drei Jahren.“ Der groß gewachsene N‘Kono hatte eine tiefe, gutturale, aber angenehme Stimme.

„Erzählen Sie mir mehr, Fähnrich! Ich hatte noch keinen Einsatz unter Wasser und würde gerne wissen, was uns da erwartet.“

„Natürlich.“ N'Kono überlegte kurz und erklärte dann: „Mit unseren Taucheranzügen können Sie sich ganz normal im Wasser bewegen. Sie atmen völlig normal. Das Auftriebsproblem wird mit diesen Anzügen auf ein Minimum reduziert. Fortbewegen können Sie sich mit Hilfe zweier kleiner Motoren, die in den Anzug eingelassen sind oder mit Ruderbewegungen der Arme. Das Bedienfeld für die Motoren befindet sich, wenn Sie in den Anzug hineingeschlüpft sind, genau unter Ihrer rechten Hand. Die Kommunikation untereinander erfolgt durch Sprechfunkverbindung, die mit dem Bedienfeld für die linke Hand reguliert werden kann. Dieses Feld steuert auch die Sauerstoffversorgung, Anzugtemperatur und ähnliches.“

„Und wie kommunizieren wir mit den Nashiranern?“, fragte Lemois.

„Da diese Anzüge von Nashira stammen, gibt es da keine Probleme“, antwortete N'Kono. „Die Sprechfunkverbindung nach außen kombiniert mit dem Universalübersetzer überträgt unsere Sprache in die Unterwassersprache der Nashiraner.“

„Ich glaube, die Sternenflotte hat sich für den richtigen Ausrüster entschieden“, stellte Lemois erfreut fest. „DeFalco, Sie kümmern sich um die Anzüge und Translatoren!"

DeFalco nickte artig.

„Werden unsere Tricorder unter Wasser funktionieren?“, fragte Hellmann.

„Oder die Phaser?“, fügte Lemois hinzu.

„Die Tricorder funktionieren eingeschränkt, die Phaser dagegen stellen unter Wasser ihren Betrieb ein“, antwortete N'Kono.

Lemois ließ ihre Gedanken für einen Augenblick kreisen. „Wenn wir wirklich unter Wasser gehen müssen, werde ich Ihnen Bescheid geben, Fähnrich. Sie werden uns dann begleiten!“

„Ja, Ma'am.“

„Gibt es sonst noch Fragen bezüglich der Nashira-Mission? Wenn nicht, gehen Sie wieder an ihre Arbeit!“

12

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21715.1, Commander Spencer: [17.09.2344 17:17:23]:

Wir sind ins Gamma Bootis-System eingeflogen, in dem wir mit den Bewohnern des Planeten Nashira in Kontakt treten werden, um herauszufinden, ob sich eine der gesuchten Sphären auf ihrem Planeten befindet. Die Kurzstreckensensoren sind zum großen Teil wieder einsatzfähig.

„Rufen Sie Nashira, Mr. Torrente und scannen Sie nach PJV!“, ordnete Spencer an.

„Sie können sprechen, Sir!“

„Hier spricht Captain Robert Spencer von der U.S.S. Kennedy. Ich rufe den Planeten Nashira!“

„Verwalter Benunna von Nashira III“, meldete sich ein Nashiraner. „Ich grüße Sie, Captain Spencer. Womit können wir dienen?“ Oberflächlich betrachtet sah er größtenteils humanoid aus, doch Spencer und die anderen wussten, dass er ohne Probleme unter wie auch über Wasser leben konnte und die dazu notwendigen Organe besaß. Einzig seine geschuppte Haut war beim genauen Hinsehen auffällig.

„Verwalter Benunna, wir sind auf der Suche nach metallischen Sphären, die etwa vor...“, Spencer überlegte und rechnete schnell nach, „... sieben oder acht Tagen von einer Gruppe Sammler auf einem Schiff namens Guramba vielleicht hier eingetauscht wurden.“

„Lassen Sie mich überlegen. War das eine Silizium/Duraniumsphäre?“, fragte Benunna zurück.

„Ja, genau. Wissen Sie etwas darüber?“

„Wir haben eine dieser Sphären. Sie befindet sich jetzt in der Unterwasserstadt Cor, in einem Park als Dekoration. Warum suchen Sie sie?“

Spencer erklärte ihm kurz die Geschichte und betonte, dass die Algiebaner sie sehr dringend zurückhaben müssen.

„Ich verstehe, Captain. Ich werde das Nötige veranlassen, dass sie die Kugel entschädigungslos wieder mitnehmen können. Wir wollen auf keinen Fall unrechtmäßig Diebesgut behalten. Sie befindet sich auf folgenden Koordinaten etwa fünfzig Meter tief unter dem Meer.“

„Ich habe die Koordinaten empfangen und kann dort auch eine entsprechende Menge PJV orten“, bestätigte Torrente. „Die Sensoren werden allerdings durch Interferenzen behindert.“

„Vielen Dank, Verwalter“, sagte Lemois. „Wir müssen die Sphäre selber mitnehmen, da wir sie nicht beamen können. Wäre es möglich, dass wir uns zuerst auf die Oberfläche beamen und dann von da aus zum Ziel befördert werden?“

„Das läßt sich einrichten“, erwiderte Benunna. „Ein Transportmittel für wie viele Personen?“

„Für fünf Personen, wenn es Ihnen keine Probleme bereitet.“

„Für fünf Personen“, wiederholte Benunna. „In Ordnung. Wir erwarten Sie hier und stellen Ihnen Taucheranzüge zur Verfügung.“ Er übermittelte wieder einige Koordinaten.

„Alles klar, danke. Spencer Ende.“

Der tiefblaue Planet namens Nashira erschien wieder auf dem Hauptschirm und wurde größer und größer.

„Das wäre die nächste Sphäre“, frohlockte Lemois. „Bin ich froh, dass Sie Recht hatten.“ Sie legte etwas Spitzbübisches in ihren Blick.

Spencer fragte sich, welchen Zweck Lemois mit dieser durchaus interpretationsfähigen Aussage verfolgen mochte und erwiderte nichts. „Gehen Sie in Standard-Orbit, Mr. Dekker. Commander Lemois, Sie stellen ein Außenteam zusammen. Es scheint, als müssten sie in die Tiefe gehen.“

„Ja, Captain.“ Lemois verhehlte ihre klammheimliche Freude darüber, dass Spencers spontaner Versuch einer Retourkutsche gerade ihr Ziel relativ deutlich verfehlt hatte, nicht. „Lieutenants DeFalco, Karov, Hellmann, Fähnrich N'Kono, melden Sie sich im Transporterraum 1!“

Einen Einsatz unter Wasser hatte sie in ihrer Dienstzeit noch nie erlebt und war demzufolge unsicher darüber, was sie erwarten würde. Die Besprechung mit N‘Kono hatte sie zwar darauf eingestimmt, aber keinesfalls ausreichend vorbereitet. Ein Zeichen unnötiger Schwäche, ein vermeidbarer Fehler ihrerseits in der momentanen Situation war sicherlich das Letzte, was die Kennedy und ihre Crew brauchte.

Während der Lift die wenigen Decks stetig hinab glitt, bedauerte sie, dass sich auf dem Schiff keinerlei Tauchgelegenheit bot. Andernfalls hätte sie längst Tauchübungen als Vorbereitung auf die Mission angeordnet. So mussten sie jedoch auf ihr Talent, die Anzüge und Fähnrich N'Konos Erfahrung im Tauchen vertrauen. Sie verabscheute es, wenn Aufgaben, die kurz bevor standen, plötzlich ungleich schwieriger wirkten als noch vor geraumer Zeit.

Karov, Hellmann und N'Kono warteten bereits unruhig im Transporterraum, als sich Lemois nicht minder aufgeregt dazu gesellte. DeFalco kam einige Sekunden später mit fünf kleinen, unscheinbaren grauen Kästen zurück. „Ich habe die Universalübersetzer vorbereitet“, gab er bekannt.

„Danke, Mr. DeFalco“, sagte Lemois. „Wenn keine Fragen mehr bestehen...“ Sie beendete den Satz nicht und deutete auf die Transporterplattform. Das Team folgte ihrem Handzeichen.

„Energie!“ Auf diese Worte von Lemois hin aktivierte Chief Sisota die Transporterregler und setzte das Team auf exakt den von Benunna angegebenen Koordinaten auf Nashira ab.

Der Himmel über ihnen war bedeutend dunkler, als die lokale Tageszeit vermuten ließ, dichter Regen prasselte auf den harten, sandigen Boden und das Außenteam herab und stellte die Wasser abweisenden Eigenschaften der Uniformen auf eine harte Probe. Am Horizont zuckten in unregelmäßigen Abständen Blitze. Unerwartete, stürmische Windböen, die von keinem in der Nähe befindlichen höheren Gewächs oder Gebäude gebrochen wurden, ließen die Offiziere den einen oder anderen Schritt unmotiviert zurücktaumeln. In der Ferne blinkten verschwommen Lichter eines kleineren Objekts, vermutlich die Positionssignale der bereit stehenden Tauchglocke.

„Was ist das denn?!“, rief Lemois wütend. Sie schaffte es so gerade, das zeitgleich einsetzende Donnergrollen zu übertönen. Sie schüttelte sich, um die bereits nach wenigen Sekunden durchnässten und vom Wind zerzausten Haare zu richten, erreichte aber lediglich den gegenteiligen Effekt. In diesem Moment nahm sie sich für die Zukunft vor, vor jeder Außenmission die genauen Wetterdaten für die Zielkoordinaten zu erfragen.

„In dem Wetter werde ich auch irgendwann amphibisch“, brüllte DeFalco, der sich bemühte, die Universalübersetzer vor dem strömenden Regen zu schützen. Hellmann benutzte seine freie Hand, um das Display seines Tricorders möglichst tropfenfrei ablesen zu können, Karov dagegen benötigte sie, um ihre umherwirbelnden Haarsträhnen und das allgegenwärtige Wasser in Zaum halten zu können, eine klare Sicht auf den Tricorder war ihr nicht möglich. N‘Kono hielt sich abwehrend die Hand vor Augen, um vor anfliegendem Wasser geschützt den Versuch zu unternehmen, in die Ferne zu schauen.

„Dorthin!“, rief Lemois nach kurzer Besinnungszeit, ihren rechten Arm auf die blinkenden Lichtpunkte hin ausgestreckt. Sie begannen, geduckt in die anzeigte Richtung zu stapfen.

Eine sich durch die Wasserwand schemenhaft abzeichnende Gestalt bewegte sich ihnen genau entgegen. Erst auf wenige Meter Entfernung fand Lemois visuelle Bestätigung für das, was ihr ihr Tricorder bereits verraten hatte, ein Nashiraner näherte sich.

„Ich bin ihr Pilot, Seda“, stellte er sich vor. „Ich habe den Auftrag, sie nach Cor zu bringen.“

„Commander Lemois, U.S.S. Kennedy“, stellte sie sich hastig vor. „Wäre es möglich, unsere Begrüßung im Trockenen fortzusetzen?“, fragte sie, um Freundlichkeit bemüht.

„Sicher“, stimmte Seda ungerührt zu und geleitete das Team zur seiner nahen Tauchglocke. Er hatte bedeutend weniger Probleme mit den aktuellen Witterungsbedingungen, so konnte das Team leicht feststellen.

Tiefes Durchatmen war angesagt, als sie sich im Bauch der sphäroidisch geformten Glocke befanden. Nur das vergleichsweise leise Prasseln der Regentropfen auf die transparente Außenhaut war zu hören, kaltes, künstliches Licht erleuchtete den Innenraum und bildete einen scharfen Kontrast zur düsteren Außenwelt. Dünne Rinnsäle bildeten sich an allen fünf Uniformen und beförderten das aufgesogene Wasser auf den Boden; es spritzte auf kurze Entfernung, als Karov ihr Wasser abzuschütteln versuchte. Hellmann und N‘Kono konnten sich so gerade in Sicherheit bringen. Die so plötzlich eingetretene Ruhe nach dem Tosen des Gewitters wirkte sehr erleichternd, mahnte Lemois aber gleichsam zur Wachsamkeit.

„Vielen Dank, Mr. Seda.“ Ihre Worte kamen aus tiefstem Herzen. „Mein Team, Lieutenant DeFalco, Lieutenant Karov, Lieutenant Hellmann, Fähnrich N‘Kono“, stellte sie vor.

„Angenehm“, murmelte Seda.

„Sie haben ja da ein Wetter...“, sagte Karov.

„Ich mag es“, brummte Seda, bevor er ohne ein weiteres Wort in der Pilotenkanzel verschwand.

Erleichtert ließ sich auch Lemois auf der backbord längs an der Wand montierten Sitzbank nieder, auf der gegenüberliegenden Ablage lagen die Taucheranzüge bereit. Erst jetzt nahm sie die beiden an der Rückwand befestigten Monitore wahr.

Beinahe lautlos begann das Tauchboot damit, Fahrt aufzunehmen, nicht sehr schnell, dafür aber sehr ruhig. Das leise Prasseln verstummte, als sie Tiefe gewannen, die Innenbeleuchtung verlosch. Durch die Außenwände hatte das Team einen vollen Rundumblick auf die artenreiche Unterwasserwelt Nashiras. Eine sanfte von jeder Fahrzeugwand abgestrahlte Beleuchtung ermöglichte es, einige Meter weit unerwartet klar in jede Richtung zu blicken, in der Ferne verloren sich die Bewegungen der Wassertiere und -pflanzen in der Schemenhaftigkeit.

Karov, DeFalco, Hellmann und auch Lemois betrachteten staunend die Artenvielfalt; Fische und andere Meeresbewohner zogen teils einzeln, teils in Schwärmen an dem Tauchboot vorbei. Nur N'Kono, dem Biologen, waren diese Erscheinungen vertraut, er betrachtete die Geschehnisse außerhalb des Bootes zwar mit Interesse, aber nicht so gebannt wie die übrigen.

„Ein Paradies unter Wasser.“ Karov flüsterte beinahe und rückte einige Zentimeter näher an DeFalco heran.

Plötzlich erwachten die Monitore an der Rückwand zum Leben und ließen einen Film ablaufen. „Willkommen auf dem Planeten Nashira, dem Zentrum der...“ Gerade als das Bild voll aufgeblendet war, verstummte die Stimme und die Monitore wurden wieder dunkel.

Seda meldete sich aus dem Cockpit über Lautsprecher, seine Stimme klang blechern verzerrt. „Dieses Tauchboot wird gelegentlich für Werbefahrten mit unseren Kunden eingesetzt, daher diese Monitore und der Film. Ich entschuldige mich dafür. Wir werden in etwa zehn Minuten in Cor eintreffen. Genießen Sie die Fahrt.“

Durch diese unwillkommene Unterbrechung hatte das Staunen ein Ende, das Paradies hatte den Reiz der Unberührtheit verloren. Man erlebte nicht mehr, sondern analysierte rational die Faszination der nashiranischen Unterwasserwelt. Auch die Anforderungen an die Mission traten gedanklich wieder in den Vordergrund.

„Ein Paradies zu Werbezwecken“, brummte DeFalco. „Nachdem sie die Kunden hier unten eine Stunde herumkutschiert haben, kaufen die bestimmt doppelt soviel, so fasziniert wie die dann sind.“

„Da ist was dran, Gerry“, stimmte Hellmann unwillkürlich zu.

Nach den avisierten zehn Minuten waren auf dem Meeresgrund in der Ferne einige vage Schatten zu erkennen, die sich beim Näherkommen als Bauwerke herausstellten. Seda verlangsamte das Boot, näherte sich einer Art Andockstation und steuerte das Schiff sicher hinein.

„Ich darf Sie dann bitten, ihre Taucheranzüge anzulegen und sich in die Schleuse im hinteren Teil des Bootes zu begeben“, ertönte Sedas Stimme. „Wir legen den Rest des Weges ohne Boot zurück.“

N'Kono schlüpfte mit einiger Sicherheit und Gewandtheit in den Taucheranzug, auch Hellmann hatte wenig Probleme. Lemois, Karov und DeFalco jedoch waren mehr oder weniger auf die Hilfen der beiden Wissenschaftler angewiesen, um sicher ihre Anzüge anlegen zu können.

„Alles klar! Die Anzüge sitzen fest und sicher, die Translatoren sind montiert?“, fragte Lemois abschließend. Sie erhielt durchweg positive Reaktionen.

Sie betrat als erste den abgetrennten Bereich am Heck des Schiffes, durch den sie auch hereingekommen waren und den Seda als Schleuse bezeichnet hatte.

„Wir sind dort, Mr. Seda“, rief Lemois.

„Stellen sie ihre Anzüge auf automatische Druckanpassung. Ich komme dann zu ihnen“, antwortete Seda über Lautsprecher. Er betrat die Schleuse, hinter ihm schloss sich langsam das Schott zur Passagierkabine und rastete dann sicher ein.

„Die Anzüge sind eingestellt“, gab Lemois zurück, nachdem sie ein Bestätigungssignal von allen Vieren erhalten hatte.

„Halten Sie sich bereit. Ich lasse nun Wasser in die Schleuse. Falls Sie Probleme mit ihren Anzügen haben, melden sie sich bitte“, hörten sie Sedas Stimme über die Helmlautsprecher. Er drückte einen Schalter auf dem Schott, das nach draußen führte.

Durch eine mehrere, kleinere Öffnungen in floss nun Wasser in gröberen Strahlen in die Schleuse, der Wasserspiegel stieg kontinuierlich an. Einige Spritzer auf die durchsichtigen Helme der Taucheranzüge aktivierten die Helmscheibenwischer bei denen, die der Türe am nächsten standen, das waren Karov und Hellmann. Als sich der Wasserspiegel über die Scheibenwischer hob, stellten sie ihren Dienst wieder ein. Das Helmglas veränderte sich so, dass die Brechung des Lichts durch das Wasser ausgeglichen wurde und sie fast klar hindurchsehen konnten, sogar unter Wasser.

Die Schleuse war schließlich voll gelaufen. „Ich öffne jetzt die Außentür. Danach folgen sie mir bitte. Ich werde Sie zur Sphäre führen.“

„Verstanden“, gab Lemois zurück, sie nahm erfreut zur Kenntnis, dass die Universalübersetzer reibungslos funktionierten.

Langsam schoben sich der linke und der rechte Teil der Außentüre auf. Der Auftriebsausgleich der Taucheranzüge wurde aktiv, so dass sie bei ihren ersten Bewegungen fast nicht merkten, dass sie sich über fünfzig Meter unter dem Meeresspiegel in Taucheranzügen befanden. Sie stießen sich vom Grund ab und schwebten aus dem Boot.

„Gehen Sie voraus“, gebot sie Seda. Sie erlaubte sich ein Lächeln, denn der Ausdruck ‚Gehen‘ war für ihre momentane Art der Fortbewegung alles andere als angebracht.

Der Nashiraner ging/schwamm voraus, das Team folgte mit mehr oder weniger gekonnten und sicheren Schritten/Sprüngen. Er führte das Team in die Stadt hinein.

Lemois bat um einen Tricorderscan, nachdem sie die ersten Gebäude sowie einige Nashiraner passiert hatten, die dem in Taucheranzügen ungewohnt bis unheimlich aussehenden Team zum überwiegenden Teil verwundert nachgesehen hatten.

„Für das gesamte EM-Band erhalte ich widersprüchliche Anzeigen. Durch das gesamte uns umgebende Wasser fließen schwache Ströme, die den Tricorder stören. Die übrigen Anzeigen zeigen außer Wasser, einigen Lebensformen sowie diesen Gebäuden nichts Auffälliges“, berichtete Hellmann.

„Aha.“ Lemois war nicht ganz zufrieden mit dieser Aussage, musste aber feststellen, dass es nicht an Hellmann, sondern an dieser für sie alle ungewohnten Umgebung lag.

Die Unterwasserstadt Cor stellte sich nicht viel anders dar, als die fünf sie sich vorgestellt hatten. Sie wies große Ähnlichkeit mit einer normalen Stadt über Wasser auf, flache Häuser reihten sich aneinander und waren durch Straßenzüge getrennt, die von ähnlichen, nur kleineren Versionen der Tauchboote befahren wurden, mit denen sie Seda von der Oberfläche hierhin pilotiert hatte.

„Ist ja ganz schön was los hier unten“, brummte DeFalco, als so ein Minitauchboot für seinen Geschmack einige Zentimeter zu knapp vor dem Helmglas seines Taucheranzuges vorbeirauschte.

„Hier drüben ist es“, sagte Seda und wies mit einer Hand/Flosse auf einen großen, unbebauten, dicht mit Meerespflanzen bewachsenen Bereich, den man durchaus als Park bezeichnen konnte, wie es Benunna getan hatte.

Seda führte das Team in die Mitte des Parks. Dort schwebte die Sphäre, von zwei Antigravs in etwa zwei Metern Höhe gehalten, umrahmt von verschiedenen Schlingpflanzen, die sich um echte oder künstliche Korallen rankten.

„Antigravs. Das muss ich checken“, brummte DeFalco und holte eilig seinen Tricorder hervor.

„Was ist denn?“, fragte Lemois, während sie weitergingen.

„Antigravs haben gelegentlich die Eigenart, Gravitonen abzugeben. Da will ich sicher gehen. Diese hier tun es jedenfalls nicht.“

„Und das ist gut so“, meinte Hellmann. Er wusste wie DeFalco, welche Auswirkungen Gravitonenbeschuss auf das PJV haben würde.

Sie hatten die Position der Sphäre erreicht. Seda schwamm mit wenigen kräftigen Schlägen seiner Füße/Flossen nach oben und deaktivierte die Antigravs. Lemois hatte sich genau richtig platziert, um die Sphäre aufzufangen, als sie nach unten sank. Einige Nashiraner blieben im Vorbeigehen/Vorbeischwimmen stehen und sahen der Prozedur interessiert zu.

„Danke, Mr. Seda“, sagte Lemois. „Gehen wir zurück zum Boot.“

„Ja.“ Seda machte sich auf den Rückweg, die übrigen folgten ihm.

Zwei große Nashiraner stellten sich demonstrativ vor die Gruppe und sagte: „Halt! Was tun sie da? Was wollen Sie mit der Kugel?“

„Das ist Polizei“, erklärte Seda dem Außenteam.

„Wir sind von der Sternenflotte“, stellte sich Lemois vor. „Wir sind hier mit ausdrücklicher Genehmigung von Verwalter Benunna, um diese Sphäre, die ich hier in der Hand halte, ihren rechtmäßigen Eigentümern, den Algiebanern zurückzugeben.“

Der Universalübersetzer brauchte offensichtlich einige Zeit, um Lemois Worte zu übersetzen, denn die Nashiraner standen einige Zeit regungslos.

„Und das sollen wir Ihnen glauben?“, sagte einer der beiden nashiranischen Sicherheitskräfte.

„Kontaktieren Sie Verwalter Benunna, er wird sie über alles informieren. Und jetzt lassen Sie uns weitergehen!“ Lemois Stimme erhob sich deutlich, sie wusste allerdings nicht, ob der Universalübersetzer auch diese Nuancen übertragen konnte.

Unabhängig davon waren Lemois‘ Worte von Erfolg gekrönt. Einer der beiden Sicherheitskräfte holte ein eigenartiges Gerät hervor, welches wohl das nashiranische Äquivalent eines Sprechfunkgerätes darstellte. Nach einem kurzen Gespräch, das der Übersetzer nicht übertrug oder übertragen konnte, ließen sie das Außenteam ihren Weg ungestört fortsetzen.

Hellmann scannte die Sphäre, die Lemois in ihren Händen trug, ausgiebig mit seinem Tricorder. „Die Sphäre hat den Wasserdruck leidlich überstanden, es gibt allerdings ein minimales Leck.“

„Leck? Die Sphäre ist undicht? Wie schlimm ist es?“

„Wie ich sagte, minimal. Sie halten die Sphäre fast genau richtig. Drehen Sie sie noch ein wenig im Uhrzeigersinn. Ja, jetzt halten Sie sie richtig, jetzt kann nichts mehr auslaufen.“

„Danke, Mr. Hellmann.“

Kurze Zeit später trafen sie wieder am Tauchboot ein und betraten die Schleuse. Seda schloss das Außenschott und auf einen Knopfdruck von ihm hin begannen kräftige Pumpen damit, das Wasser wieder aus der Schleuse ins Meer zu befördern. Als sie ihre Arbeit beendet hatten, öffnete Seda die Zugangstüre zur Passagierkabine und ging voraus bis ins Cockpit. Das Team folgte mit langsamen und unbeholfenen Schritten, sie hatten mit den Taucheranzügen zu kämpfen. Beim Überschreiten der Schwelle stolperte Lemois ein wenig, die Sphäre, die sie in der Hand hielt, konnte sie nur mit Mühe festhalten.

„Passen Sie gut auf, Commander“, meinte Karov scherzhaft zu Lemois.

„Passen Sie lieber gut auf, Karov“, gab Lemois ungehalten zurück. Sie ärgerte sich über ihren kleinen Stolperer schon genug, da konnte sie es überhaupt nicht haben, wenn Karov darauf anspielen musste. „Sie können sich jetzt von ihren Taucheranzügen befreien“, gab sie überflüssigerweise bekannt. Vorsichtig legte sie die Sphäre in die Ecke und begann damit, die Verschlüsse ihres Taucheranzuges zu lösen.

Still und nachdenklich schälte sich Karov aus ihrem Anzug und wies ein freundliches Anerbieten von DeFalco zurück, ihr dabei zu helfen.

Seda meldete sich aus dem Cockpit. „Bitte halten Sie sich bereit. Wir starten.“

„Einverstanden“, rief Lemois, die noch halb in ihrem Taucheranzug steckte.

N‘Kono und Hellmann saßen bereits wieder in ihrer normalen Uniform auf ihrem Platz, als das Tauchboot abzuheben und zu beschleunigen begann. Lemois konnte die Sphäre nicht rechtzeitig wieder an sich bringen, so dass sie bei einer kleinen Schleife, die Seda unvermittelt flog, einige Zentimeter durch die Kabine rollte. Grimmig griff sie nach ihr und hielt sie dann fest in ihren Händen.

N‘Kono hatte ungefragt die Aufgabe übernommen, die Taucheranzüge, die nach dem Start überall auf dem Boden verstreut lagen, am Ausgang zu stapeln. Alle fünf genossen es, endlich den unförmigen Anzügen entronnen zu sein und darüber hinaus zwei Drittel des Auftrags hinter sich zu haben. DeFalco räkelte sich demonstrativ.

Von einem auf den anderen Moment begann das Licht an der Decke zu flackern. Warnende Geräusche drangen aus dem Cockpit bis in die Passagierkabine. Das Tauchboot begann zu schlingern. Instinktiv hielten sich Lemois, Karov, DeFalco und Hellmann fest, nur N'Kono, der immer noch mit den Taucheranzügen zugange war, rollte haltlos durch den Gang zwischen den beiden Bänken an den Außenseiten, als sich das Schiff ohne Vorwarnung nach unten neigte.

„Was ist los, Mr. Seda?“, rief Lemois laut, um das unruhige Summen der Maschinen und das Rappeln des Bootes zu übertönen.

„Die Antriebe verlieren Energie“, antwortete er gequält über Lautsprecher. „Der Steuerbordantrieb ist ausgefallen und der Backbordantrieb...“ Der Rest seiner Antwort ging in dem lauten Knall unter, den ein unter Energieüberlastung explodierendes Leuchtelement an der Decke produzierte.

„Ich verliere an Höhe. Wir stürzen ab!“, gab der Lautsprecher noch von sich, bevor laute Statik alles weitere, was Seda sagte, unhörbar machte. Die Beleuchtung flackerte weiter und brachte kaum noch Licht in die dunkle Kabine.

„Werfen Sie sich auf den Boden und halten Sie sich an etwas fest!“, schrie Lemois. Sie selbst machte den Anfang und begrub die Sphäre schützend unter sich.

„Ein Höhenmesser wäre jetzt nicht schlecht“, brummte DeFalco vor sich hin. Er sprach so leise, dass nur Karov, die dicht neben ihm lag und ihren Kopf mit geschlossenen Augen an den Boden des Bootes drückte, ihn verstehen konnte.

Das Boot fiel, oder besser gesagt, sank weiter. Das Schaukeln und Pendeln hatte jedoch nachgelassen, da inzwischen beide Antriebe ausgefallen waren und ohne Korrekturbewegungen, die es wieder verstärken konnten, beruhigte sich die Bootsbewegung spürbar. Einige unheilvolle Sekunden lang verhielt sich das Boot beinahe ruhig, bis es mit einem lauten Krachen auf dem Meeresgrund aufschlug. Die Insassen wurden herumgeschleudert und die vorher noch gelegentlich aufflackernde Beleuchtung fiel ganz aus. Nachdem das letzte Trümmerstück herabgeregnet war, herrschte Totenstille auf dem Meeresgrund.

13

„Sind alle okay?“, fragte Lemois, nachdem sich das Krachen gelegt hatte.

Nacheinander meldeten sich Karov, DeFalco, Hellmann und nach einigen bangen Sekunden auch N'Kono. Keiner hatte sich nach eigener Aussage schwerer verletzt; überprüfbar war das für Lemois nicht, da es stockdunkel war und man nicht die Hand vor Augen sehen konnte.

„Was ist mit Mr. Seda im Cockpit?“, erkundigte sich Karov.

Lemois überlegte. Sie lag an der Schleuse im Heck, zwischen ihr und der geborstenen Cockpittür lag die gesamte Passagierkabine übersät von allerlei Trümmern.

„Wer ist dem Cockpit am nächsten?“

„Das bin ich, glaube ich, Commander“, meldete sich N'Kono.

Sie richtete sich vorsichtig auf. „Dann sehen Sie nach! Kann einer von den übrigen einen Tricorder finden? Ich will wissen, wie tief wir uns im Moment befinden und in welchem Zustand die Außenhülle ist!“

„Ich habe meinen noch“, sagte Hellmann. „Einen Moment bitte.“

Ein glühendes Leuchten in Form von Hellmanns Tricorderanzeigen erleuchtete die ansonsten dunkle Kabine. Aus dem Cockpitbereich ertönte einige klirrende Geräusche und ein unterdrückter Fluch N'Konos.

„Was haben Sie?“, rief Lemois.

„Ich habe mich geschnitten, Ma'am“, berichtete er. „Nichts schlimmes. Seda liegt bewusstlos auf der Instrumententafel. Mehr kann ich nicht sagen.“

„Versuchen Sie, ihn aufzuwecken! Ohne seine Hilfe werden wir hier überhaupt nichts ausrichten können. Was haben Sie, Mr. Hellmann?“

„Die Außenhülle ist unbeschädigt. Wir befinden uns etwa dreihundertfünfzig Meter unter dem Meeresspiegel. Der Druck auf die Hülle ist enorm, länger als fünfzehn bis zwanzig Minuten haben wir wohl nicht Zeit."

Lemois überlegte kurz. „Versuchen Sie, wieder Licht und Energie zu beschaffen und die Antriebe wieder in Funktion zu setzen. Ich werde die Kennedy kontaktieren.“

„In der Nähe befindet sich außerdem eine Felsformation, die mein Tricordersignal zurückwirft. Ich kann nicht sagen, ob das Kommunikatorsignal wirklich ankommen wird“, fügte Hellmann seinem Bericht hinzu.

„Das werde ich ja sehen“, gab Lemois unbeeindruckt zurück.

„Zwanzig Minuten?“ DeFalco kratzte sich erschrocken am Kopf. „Gerry, lass dir was einfallen“, sagte er zu sich selbst. „Christoph, Talja, stellt eure Tricorder auf visuellen Scan ein und überblendet mit maximaler Helligkeit. Dann habt ihr eine bessere Taschenlampe.“

Hellmann stellte seinen Tricorder dementsprechend ein und leuchtete so lange, bis Karov und DeFalco ihre Tricorder gefunden hatten und es ihm gleichtun konnten.

„Lemois an Kennedy!“ Sie musste einige Sekunden auf eine Antwort warten.

„Kennedy, Spencer hier“, schepperte es dann aus ihrem Kommunikator. Das Wasser über ihnen und die Felsformationen in der Nähe störten das Signal erheblich. Bei einem solch mäßigen Empfang war es vermutlich für den Transporter unmöglich, Werkzeuge oder Gegenstände hier unten hin zu beamen oder gar sie hier herauszuholen.

„Captain, wir haben die Sphäre gefunden“, meldete Lemois und hoffte, dass er sie verstehen konnte. „Wir sitzen allerdings dank eines Unfalls in dreihundertfünfzig Meter Tiefe fest. Können Sie uns mit dem Transporter erfassen?“

„Moment, Commander.“

Lemois hörte knarrende Geräusche aus ihrem Kommunikator. Das Signal verlor an Stärke.

Spencer meldete sich wieder. „Negativ. In ihrer Nähe befindet sich Felsgestein unter anderem aus Fistrium, das die Transporter stört. Sollen wir ein Shuttle schicken?“

„Es muss in zwanzig Minuten hier sein. Länger wird unsere Außenhülle dem Druck nicht standhalten.“ Wie zur Bekräftigung waren im Hintergrund die ersten leisen Knarrgeräusche zu hören.

„Das kann ich leider nicht garantieren. Haben Sie Alternativen?“, fragte Spencer. Lemois glaubte, eine Spur Besorgnis in seiner Stimme wahrnehmen zu können.

„Wir werden mit Hilfe des Piloten, Mr. Seda, versuchen, die Antriebe wieder in Gang zu setzen. Hoffentlich wurden sie durch den Aufprall nicht zu stark beschädigt.“

„Gut. Das Shuttle ist unterwegs und wir versuchen, die Transporter entsprechend zu justieren.“

„Okay, Captain. Lemois Ende.“ Im diffusen Licht der Tricorder sah sie Seda zusammen mit N'Kono aus dem Cockpit kommen.

„Wie geht es Ihnen, Mr. Seda?“, erkundigte sie sich.

„Ich fühle mich etwas benommen, aber es geht schon.“

„Gibt es ein Notfallantriebssystem?“, fragte sie weiter.

„Wir haben keines. Alle Antriebe sind ausgefallen. Ich habe aber ein Notsignal abgesetzt.“ Er blieb überraschend ruhig nach dem Crash, was Lemois bewundernd anerkannte. Die nashiranische Pilotenausbildung war anscheinend ähnlich gut wie die der Sternenflotte.

„Wird denn das Notsignal überhaupt gesendet, so ohne Energie?“, fragte DeFalco.

„Es gibt ein unabhängiges Energiesystem als Notenergie. Ich hatte vorhin versucht, die Antriebe auf diese Energie zu schalten, aber da hatten sie bereits nicht mehr reagiert“, erklärte Seda. „Sie befinden sich übrigens hier.“ Er zeigte auf eine Klappe unterhalb der linken Passagierbank.

„Entfernen Sie die Bank!“, wies Lemois Karov an, die versuchte, die Bank aus ihrer Befestigung zu reißen. Es gelang nicht. Seda verschwand im Cockpit.

DeFalco kroch unter die Bank und löste einige Arretierungen. „Zweiter Versuch?“

Jetzt konnte Karov sie mühelos aus den Verankerungen heben. Sie hielt sie mit ausgestreckten Armen hoch und legte sie vorsichtig auf die gegenüberliegende Bank, wobei sie besonders darauf achtete, niemanden zu verletzen. Das abmontierte Teil schob sie bis an die Rückwand, damit die andere Bank wenigstens noch für drei Personen als Sitzgelegenheit dienen konnte.

Ohne das Kommando von Lemois abzuwarten, schaltete DeFalco seinen Tricorder vom Taschenlampenmodus wieder zurück auf normalen Betriebsmodus und scannte den Antriebsbereich. Seda kam aus dem Cockpit zurück und brachte einen Behälter mit, in dem sich Werkzeug und Ersatzteile befanden. Dann sprach er mit DeFalco und Hellmann, die eifrig Ideen austauschten.

Seda öffnete die Verkleidung des Antriebs. DeFalco und Hellmann sahen sich das Innenleben an, nickten sich zu und begannen dann, sich den Ersatzteilen, die Seda gebracht hatte, zu widmen. Dieser baute derweil etwas aus der defekten Antriebseinheit aus.

„Spencer an Lemois!“, ertönte ein schwaches Kommunikatorsignal.

„Lemois hier!“

„Das Shuttle ist unterwegs und wird in einer knappen halben Stunde bei ihnen sein“, erklang die ruhige Stimme Spencers.

„Das dauert zu lange, Captain! Wir haben keine halbe Stunde mehr!“, erwiderte Lemois aufgeregt.

„Tut mir leid, Commander. Chief Müller holt alles aus dem Shuttle heraus, was drin ist und die Transportertechniker arbeiten ebenfalls angestrengt. Wie steht‘s bei Ihnen?“

„DeFalco, Hellmann und unser Pilot versuchen gerade, den Antrieb wieder hinzubekommen. Keine leichte Aufgabe, so wie es aussieht.“

„Ich wünsche ihnen viel Glück.“ Trotz der stetigen Interferenzen übertrug der Kommunikator Spencers Resignation. „Spencer Ende.“

„Sie werden es schon schaffen“, meinte Karov, die sich neben Lemois auf die noch freie Bank gesetzt hatte, leise, aber bestimmt.

Lemois‘ Lippen formten das stumme Wort „Hoffentlich.“ Je länger sie die übrigen beobachtete, desto mehr widerstrebte es ihr, einfach nur so untätig dazusitzen. N‘Kono war damit beschäftigt, mit Hellmanns und seinem Tricorder DeFalco und Hellmann zu leuchten und Karov behielt mit ihrem Tricorder den Druck auf der Außenhülle im Auge.

Sie konnte es einfach nicht abwarten. „Wie kam es eigentlich zu dem Antriebsversagen?“, fragte sie. „Haben Sie schon etwas herausgefunden?“

„Die Energieverteiler haben ihren Dienst nacheinander in beiden Antriebssträngen eingestellt. Ohne erkennbaren Grund“, sagte DeFalco beiläufig, während er mit Hellmann zusammen an einem Ersatzteil bastelte.

„Die Einlassventile haben ebenfalls Funktionsstörungen“, sagte Seda, der mit seinen Ausbauarbeiten im Antrieb fertig war und mit besagten Einlassventilen beschäftigt war. Die defekten Energieverteiler lagen neben den dreien auf dem Gang.

Lemois holte ihren Tricorder hervor und scannte die Verteiler ausgiebig. „Nichts“, kommentierte sie ihre Scanergebnis. Die Außenhülle des Bootes knarrte wieder, dieses Mal ein wenig lauter und länger als zuvor.

„So.“ gab DeFalco das Ende seiner Reparaturen bekannt. "Mit diesen Behelfsverteilern sollten wir eigentlich wieder nach oben kommen.“

Seda hatte die Arbeit an den Ventilen auch beendet und ging wieder ins Cockpit. DeFalco baute nacheinander die Verteiler und die Ventile wieder ein.

„Bitte einen Versuch starten, Mr. Seda!“, sagte dieser.

Seda drückte auf einige Tasten seiner Steuerkonsole. Das Deckenlicht flammte wieder auf, allerdings in reduzierter Stärke. „Die Energieverteiler funktionieren wieder mit Notenergie. Ich schalte jetzt die Hauptenergie zu.“

Das Deckenlicht nahm für einen kurzen Augenblick wieder volle Stärke an, fiel danach aber wieder auf die vorherige Intensität zurück.

„Die Hauptenergie funktioniert zwar, ist aber immer noch instabil“, folgerte Seda. „Ich starte jetzt den Antrieb.“

Einige knatternde Geräusche begleiteten den Einschaltvorgang, dann war wieder Stille. „Nichts“, brummte DeFalco.

„Noch fünf Minuten“, sagte Karov ängstlich in die Stille.

„Wieso funktionieren diese Ventile nicht?“ DeFalcos Ärger bildete aus einem unerfindlichen Grund einen angenehmen Kontrast zu Karovs Worten.

„Ich kann keinen Fehler feststellen“, sagte Hellmann, nachdem er mit dem Tricorder mehrmals über sie gefahren war.

„Die Originalverteiler zeigen auch keinen Fehler. Commander?“, fragte Karov, die Lemois' Versuche, den Grund für das Versagen des Antriebs herauszufinden, verfolgt hatte.

Sie nickte. „Der Tricorder zeigte nichts an... Moment mal.“ Ihr war eine plötzliche Idee gekommen. „Mr. Hellmann, Sie sagten doch vor einigen Tagen, dass Jakmanit von unseren Sensoren und Tricordern normalerweise nicht erfasst wird.“

„Das ist richtig. Pures Jakmanit können wir auch nicht orten, die entsprechenden Verbindungen allerdings schon“, antwortete Hellmann, der Lemois‘ Gedankensprüngen nicht folgen konnte.

„Wenn die Sphäre leck ist und PJV frei wird, was passiert dann?“, fragte sie weiter.

„Das PJV kommt an die Luft und reagiert. Bei den geringen Mengen, die aus der Sphäre austreten, erfolgt allerdings keine heftige Reaktion“, erklärte Hellmann.

„Sondern das PJV zerfällt einfach so in seine Bestandteile, Vendarit und Poly-Jakmanit, richtig?“, fuhr Lemois fort. Jetzt wusste sie, was passiert war. „Vendarit reagiert nicht weiter und ist unkritisch. Und das Poly-Jakmanit zerfällt sehr bald und kann von unseren Tricordern nicht mehr nachgewiesen werden, hat aber die Eigenschaft, zum Beispiel Silikonmoleküle auf atomarer Basis zu verändern.“

Hellmann verstand, was sie meinte. „Wenn aus der Sphäre vorhin Poly-Jakmanit ausgetreten ist, kann es die Ventile und den Energieverteiler kontaminiert haben. Beide enthalten Bestandteile aus Silikon. Mr. Seda kam beim Ausbauen der Ventile und der Verteiler ebenfalls mit dem Poly-Jakmanit in Kontakt. Und er hat weiterhin die Ventile repariert, die immer noch nicht funktionieren. Die Verteiler dagegen funktionieren, weil wir keine kontaminierten Gegenstände berührt haben“, führte Hellmann Lemois‘ Faden weiter.

„Habe ich das jetzt richtig verstanden?“, fragte DeFalco. „Der ganze Antrieb ausgefallen, nur weil vorhin etwas PJV aus der Sphäre ausgetreten ist?“

„Genau. Und du bist jetzt wahrscheinlich ebenfalls kontaminiert, weil du die Ventile wieder eingebaut hast“, antwortete Hellmann. Er sah Karov an. „Ich brauche ihre Hilfe. Wir sind die einzigen, die noch nicht mit dem Poly-Jakmanit in Kontakt gekommen sind.“

DeFalco erhob sich und ging in den hinteren Teil des Bootes. „Es scheint so, als hätte ich Pause.“ merkte er an und öffnete dabei eher unbewusst den Kragen seiner Uniform. Als er jedoch glaubte, einen eindeutigen Blick von Lemois auf seinen Schultern zu spüren, schloss er ihn wieder unauffällig.

Karov stand von ihrem Platz auf. „Was ist mit Fähnrich N'Kono?“, fragte sie vorsichtig.

N'Kono zeigte ein Lächeln. „Lieutenant, ich verstehe von Elektrotechnik wahrscheinlich soviel wie Sie von Meeresbiologie.“

„Verstehe.“ Karov lächelte entschuldigend und ließ sich nieder. Commander Lemois hatte die Sphäre die ganze Zeit über in der Hand gehalten, war also wahrscheinlich am meisten betroffen, Seda hatte beim Ausbauen und DeFalco beim Einbauen Kontakt. Und N‘Kono hatte keine Ahnung von der Technik; allerdings besaß sie selbst, so musste sie sich eingestehen, auch nur Grundwissen. Hoffentlich genügt es, so dachte sie.

Sie begann, auf genaue Anweisung Hellmanns damit, die Ventile wieder auszubauen und legte sie auf eine neue Stelle auf den Boden. Hellmann begann, vorsichtig einige Reparaturen vorzunehmen und gab Karov weiterhin genaue Anweisungen, wie sie vorgehen solle. Ihre Arbeit wurde von einigen inzwischen drohend klingenden Knarzgeräuschen aus dem Heck des Schiffes begleitet.

Karovs Hände begannen leicht zu zittern, Hellmann bemerkte dies. „Ruhig. Wir sind sofort fertig. Und wir haben Zeit.“

Lemois las das genaue Gegenteil von ihrem Tricorder ab, sagte aber nichts. Auf Fähnrich N'Konos Gesicht bemerkte sie kleine Schweißperlen, auch er wurde zunehmend nervöser. Wie war das noch gleich mit den Fehlleistungen gewesen...?

Hellmann meldete plötzlich Vollzug und baute die reparierten und entkontaminierten Ventile wieder ein. Er hatte strengstens darauf geachtet, nur Karov die fraglichen Teile entfernen zu lassen, damit er die Ventile dann auch wieder selbst einbauen konnte. Er war darin zwar nicht ganz so gewandt wie DeFalco, aber er schaffte es.

„Bereit, Mr. Seda“, rief er. Lemois rollte die leckgeschlagene Sphäre vorsichtshalber in die gegenüberliegende Ecke der Passagierkabine und hielt sie dort fest, damit kein weiteres PJV den Antrieb beschädigen konnte.

„Überprüfen Sie bitte das Ventil Nr. 2“, sagte er zu Hellmann, nachdem er einige Tasten gedrückt hatte.

Hellmann rutschte wieder in den Antriebskäfig hinein. Er hatte zwei Leitungen aus Versehen falsch angeschlossen, ein ärgerlicher Fehler, den er prompt korrigierte. Mit einem schnellen Blick vergewisserte er sich, dass die übrigen Anschlüsse korrekt waren. „Fertig!“

Seda reagierte sofort und aktivierte die Startsequenz. Ein leises, unregelmäßiges Summen war zu hören. „Es funktioniert. Für den Start schalte ich die Hauptenergie zu. Wir starten.“

Das Summen wurde lauter und gleichmäßiger, das Tauchboot löste sich vom Meeresboden und stieg beinahe senkrecht nach oben. Nach zehn Sekunden wurde das Summen des Antriebs wieder unruhiger. Ein ohrenbetäubendes Krachen aus den Lautsprechern ließ die fünf zusammenzucken.

Seda wandte sich um: „Entschuldigung. Das Lautsprechersystem ist immer noch gestört und die Hauptenergie ist wieder weg. Wir schaffen es aber auch mit Notenergie.“

Lemois nahm ihren Blick nicht von der Tricorderanzeige. „Hüllenbelastung auf kritischem Niveau, steigt aber langsamer an als vorher. Wir steigen.“

Jetzt war es das Wichtigste, so schnell wie möglich an Höhe zu gewinnen, bevor die Hülle doch noch nachgab.

„Spencer an Lemois! Sie sind jetzt in unserer Transportererfassung!“ Das Kommunikatorsignal war jetzt wesentlich klarer als vorhin.

„Der Antrieb unseres Tauchbootes läuft wieder, wir gewinnen an Höhe. Halten Sie uns vorsichtshalber erfasst, um uns bei Anzeichen eines Hüllenbruches sofort hier rausbeamen zu können.“

„Verstanden. Spencer Ende.“

Lemois nickte DeFalco, Hellmann und Karov anerkennend zu. „Gute Arbeit“, lobte sie.

„Danke, Commander“, bedankte sich DeFalco nur noch ein bisschen reserviert. Es war neu für ihn, solche Worte aus Lemois‘ Mund zu vernehmen. Bisher hatte er von ihr immer nur das Gegenteil zu hören bekommen.

Endlich durchstieß das Tauchboot die Wasseroberfläche. Ein plötzliches Rappeln ließ alle erschrocken aus dem Fenster blicken, es war jedoch der Regen, der in unverminderter Intensität auf die arg strapazierte Hülle prasselte. Die Anspannung wich langsam aus den Gesichtern, begleitet von dem einen oder anderen Seufzer.

„Wir sind jetzt an der Meeresoberfläche“, meldete Seda. Durch die beim Aufprall geborstene Trennscheibe zwischen Cockpit und Passagierraum war er auch ohne Lautsprecher problemlos zu verstehen. „Ich nehme Kurs auf die Küste“, gab er bekannt. „Wir sind in knapp zwei Minuten da.“

Erschöpft, aber froh ließen sich Hellmann, Karov und N'Kono, die bis gerade gestanden hatten, auf den Boden fallen. Die Gefahr war überstanden. Bei Tageslicht konnten sie sehen, welches Chaos in der Passagierkabine wirklich herrschte. Überall hingen Kabel von der Decke, der Boden war von transparenten Trümmern der Wand- und Deckenverstärkung übersät und beide Monitore an der Rückwand lagen in traurigem Zustand auf dem Boden. Die von Karov herausgerissene Bank und die im Halbdunkel notdürftig geflickten Stellen des Antriebs komplettierten das sich bietende Bild.

Einige Minuten später legte das Tauchboot wieder an seinem Ankerplatz an. Nacheinander verließen die fünf das Boot, Lemois an der Spitze trug wieder die Sphäre, Seda bildete den Schluss.

„Vielen Dank, Mr. Seda. Ohne Sie wären wir da unten nicht mehr lebend herausgekommen.“ Der Regen störte sie dieses Mal kaum, auch die übrigen ließen sich beinahe mit Vergnügen nassregnen.

„Keine Ursache. Und wenn Sie nächstes Mal Landurlaub bekommen“ - nun wandte er sich an alle Fünf des Außenteams - „zeige ich Ihnen gerne in Ruhe die faszinierende Unterwasserwelt Nashiras, garantiert zwischenfallsfrei und in für sie schönerem Wetter.“

„Vielen Dank, Mr. Seda. Vielleicht werden wir auf ihr Angebot zurückkommen“, antwortete Lemois und es schien, als wäre es ein wenig mehr als nur eine höfliche Floskel. „Lemois an Kennedy!“

„Kennedy, Spencer hier.“

„Fünf Personen bereit zum Beamen. Der Transporterraum soll eine umfassende Dekontaminierung von uns allen vornehmen. Aus der Sphäre treten minimale Mengen PJV aus, die wahrscheinlich zu unserem Antriebsversagen geführt haben.“

„Das Jakmanit muss restlos eliminiert werden“, fügte Hellmann hinzu.

„Verstanden“, gab Spencer zurück.

Zwanzig Sekunden später, die der Transporterraum für die Vorbereitung der Entgiftung brauchte, löste sich das Außenteam durch den Transportvorgang auf. Sie rematerialisierten. Auf den ersten Blick schien es, als löste sich das Funkeln des Transportereffektes nicht vollständig, doch dann wurde klar, dass ein Kraftfeld um die Transporterplattform errichtet worden war.

„Chief, beamen Sie die Sphäre an ihren vorbereiteten Platz und leiten Sie danach die Dekontaminierung ein!“, ordnete Lemois an. „Jeder bleibt an seiner Position!“

Sisota führte die Anweisungen aus, die Sphäre verschwand aus Lemois‘ Händen und einige weitere, anders funkelnde Lichtblitze wiesen auf die im Gange befindliche Dekontaminierung hin.

Zwanzig Sekunden später meldete er: „Transporterraum 1 an Brücke! Die Dekontaminierung des Außenteams ist abgeschlossen, die Sphäre befindet sich bei der anderen gesichert in Frachtraum 3.“

„Danke“, hörten sie Spencer bestätigen. Sisota nahm eine letzte Überprüfung vor, bevor er das Kraftfeld deaktivierte. Lemois führte das Außenteam in den Turbolift, um auf die Brücke zu fahren, nur N‘Kono verabschiedete sich bereits vorher.

„Alles gut überstanden?“, erkundigte sich Spencer, nachdem sie auf der Brücke eingetroffen waren. „Wie ist das Wetter?“, fügte er hinzu.

„So einigermaßen“, gab Lemois erschöpft zurück und beantwortete damit beide Fragen. Ihr war jetzt nicht danach zumute, auf Spencers Scherz einzugehen.

Karov wollte bereits Rodriguez an der taktischen Station ablösen, doch Spencer hielt sie durch einen Wink davon ab.

„So wie sie vier aussehen, gehen sie zuerst in die Krankenstation, um sich behandeln zu lassen und danach in ihr Quartier, um sich auszuruhen“, bestimmte er.

„In Ordnung, Captain“, erwiderte Lemois schicksalsergeben. Die Vier kehrten wieder in den Turbolift zurück, den sie kaum verlassen hatten.

„Die McAuliffe ist wieder an Bord, Sir“, meldete Torrente.

Das war die Meldung, auf die Spencer gewartet hatte. Das Shuttle, das er losgeschickt hatte, um das Außenteam vom Meeresgrund zu retten, war zurückgekehrt, jetzt konnten sie weiterfliegen. „Wir verlassen den Orbit. Nehmen Sie Kurs auf das Alkaid-System!“

„Aye, Sir“, bestätigte Dekker an den Kontrollen.

Spencer atmete tief durch. Er war froh, dass sie endlich die zweite Sphäre hatten, dass das Außenteam größtenteils unversehrt wieder an Bord war und vor allen Dingen dass nichts passiert war, was den gerade mühsam herbeigeführten, noch instabilen inneren Frieden der Crew wieder aufs Spiel hätte setzen können.

„Wir haben das Gamma-Bootis-System verlassen, Sir“, meldete Dekker.

„Warp 6, Beschleunigen“, befahl Spencer, ohne seine Stimme weiter zu erheben. „Zeit bis Alkaid?“

„Zehneinhalb Stunden, Sir.“

Er tippte auf seinen Kommunikator. „Spencer an Maschinenraum!“

„MacDonnell hier. Was gibt es, Captain?“

„Schicken Sie ein Ingenieurteam in Frachtraum 3! Die Sphäre von Nashira ist undicht. Seien Sie vorsichtig bei der Überprüfung.“

„Was genau meinen Sie mit ‚vorsichtig‘?“

„Sie sollen Schutzanzüge tragen. Aus der Sphäre tritt PJV aus. Der Tauchbootunfall auf dem Planeten wurde ebenfalls dadurch ausgelöst.“

„Verstanden, Sir. Lieutenant DeFalco hat gerade den Maschinenraum betreten, alles weitere werde ich ihn fragen.“

„Tun Sie das. Spencer Ende.“

Er rief Hwang für die Nachtschicht auf die Brücke, mehr als erleichtert darüber, dass er Tag genauso positiv ausklingen durfte, wie er begonnen hatte.

14

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21717.0, Commander Spencer: [18.09.2344 10:16:36]:

Wir nähern uns dem Alkaid-System und werden auf der dortigen Handelsstation nach der letzten verbliebenen Sphäre suchen.

„Spencer an Lemois! Wir treffen im Alkaid-System ein. Ich würde vorschlagen, dass Sie auf die Brücke kommen.“ Nachdem er bereits drei einfache Erinnerungssignale in Lemois Quartier geschickt hatte, versuchte er es jetzt mit einem direkten Kommunikatorsignal. Seine wachsende Ungeduld konnte er nicht aus seinem Tonfall verbannen.

„Lemois hier. Geben Sie mir noch einige Minuten, Captain“, bat sie. Offensichtlich hatte sie bis gerade tief und fest geschlafen, denn die Antwort ließ einige Sekunden auf sich warten und ihr Tonfall wirkte träger als sonst.

„In Ordnung, Commander“, erwiderte Spencer neutral. Schließlich hatte auch er sich beim Anflug auf Phad verspätet und wenn, dann Gleichheit für alle...

Karovs Konsole ließ ungewöhnliche Warnsignale ertönen. Spencer sah auf.

„Ich registriere energetische Entladungen aus dem Alkaid-System. Ein Kampf“, berichtete sie ungefragt. „Ich kann leider nicht sagen, ob die Station betroffen ist.“

„Alarmstufe Rot, Schilde hoch“, reagierte Spencer unruhig abwartend. Das hörte sich nicht gut an...

„Wir sind in Reichweite“, rief Hwang.

„Unter Warp gehen in sicherer Entfernung! Phaser in Bereitschaft, die Quelle der Entladungen auf den Schirm. Und einen genauen Lagebericht“, forderte Spencer.

Die Kennedy fiel auf Sublichtgeschwindigkeit, zwei in nicht allzu großer Entfernung von der Handelsstation kämpfende großvolumige Schiffe erschienen auf dem Bildschirm, zwischen ihnen tummelte sich noch ein sehr kleines. Sie alle verschossen zuckende Energieblitze verschiedenster Farbgebung; gerade als Spencer die Lage erfasst hatte, wurde die Station von einem fehlgeleiteten Schuss des ganz in Blau gehaltenen Schiffes gebeutelt. Sie erwiderte nicht das Feuer.

„Ein orionisches und ein flaxianisches Schiff und sein Shuttle sind in den Kampf verwickelt, mehrere andere Schiffe haben sich in sichere Entfernung zurückgezogen“, berichtete Karov. „Ihre Waffen sind nicht stark, ihre Schilde auch nicht. Im Moment ist die Lage ausgeglichen.“

„Uns erreichen drei Hilferufe, die beiden Schiffe und die Station“, vervollständigte Terk verwirrt.

Atemlos erschien eine sehr ungeordnet wirkende Lemois auf der Brücke, gerade rechtzeitig, um die letzten Worte Terks vernehmen zu können.

„Schalten Sie mich auf alle“, wies ein ebenso verwirrter Spencer an. Lemois nahm Platz, die Entwicklung der Situation interessiert beobachtend.

„Hier spricht Captain Spencer von der U.S.S. Kennedy“, schnarrte Spencers Stimme. „Ich fordere Sie hiermit auf, ihr Feuer mit sofortiger Wirkung einzustellen. Andernfalls werden wir Maßnahmen ergreifen!“

„Keine Reaktion“, berichtete Karov enttäuscht.

„Miss Hwang, steuern Sie uns genau zwischen die beiden Kampfhähne. Schirmen Sie sie voneinander ab. Das kleine Schiff wird mit dem Traktorstrahl auf einer entfernten Position gehalten. Wir feuern nicht“, brummte Spencer, bei den letzten drei Worten ließ er Lemois nicht aus den Augen. Sie tat, als bemerkte sie den eindringlichen Blick Spencers nicht.

„Traktorstrahl ausgerichtet“, gab Karov bekannt.

„Kein Problem“, bestätigte Hwang fröhlich. „Die sind viel zu schwerfällig, die Großen.“ Mit sichtlicher Freude genoss sie es, die Beschleunigungskraft und die Wendigkeit der Kennedy unter Beweis stellen zu können, sie flog enge Schleifen um die beiden in den Kampf verwickelten Schiffe und erreichte somit, dass nachdem eine hellgelb leuchtende Entladung den Rumpf der Kennedy nur knapp verfehlt hatte, für fünf Sekunden keines der großen Schiff einen weitereren Feuerstoß ausspuckte.

„Die wollen nicht riskieren, uns zu treffen!“, begriff Lemois frohlockend. „Sonst gibt‘s nämlich Ärger!“

„Relative Position mitten zwischen den beiden großen Schiffen einnehmen und einen neuen Kanal öffnen!“, ordnete Spencer an.

„Kanal geöffnet“, gab Terk bekannt. Hwang verzichtete auf eine Erwiderung, Spencer konnte mühelos selbst sehen, dass die Kennedy rasch verlangsamte.

„Hier spricht nochmal Captain Spencer. Ist es jetzt möglich, dass sie antworten und ihr Problem auf vernünftige Weise lösen?“, fragte er.

Beinahe sofort erschien die Antwort des Orioners auf dem Bildschirm. „Captain Menos von der Jek‘dem. Mit Vergnügen, Captain Spencer“, grüßte dieser in einem sehr jovialen Tonfall, der gut zu seinem feisten, selbstzufriedenen Erscheinungsbild und seiner kaum vorhandenen Gesichtsmimik passte.

Die Erwiderung des Flaxianers folgte auf dem Fuße, Terk platzierte sie auf dem Hauptschirm so neben Menos, dass sie sich das Gesambild zur Hälfte teilten. Der Kontrast zwischen der in hellen, weichen Tönen erstrahlenden Brücke der Jek‘dem und der in dunklem Blau erglühenden flaxianischen Kommandozentrale hätte nicht schärfer sein können.

„Er hat doch angefangen“, krächzte eine schief dreinblickende, alte Flaxianerin. „Devar, von der N‘jot. Lassen sie mein Beiboot los.“

„Nur wenn es keinen Schuss mehr abfeuert und wieder an ihrem Schiff andockt“, erwiderte Spencer.

Devar antwortete mit einem abgehackten Nicken und Spencer gab Karov einen Wink.

„Wo liegt denn Ihr Problem?“, erkundigte sich Lemois betont freundlich.

„Dieser Halsabschneider behauptet, ich hätte seine letzte Lieferung nicht bezahlt“, brummte Devar. „Dabei habe ich genau...“

Menos unterbrach sie und wischte ihre Argumentation mit einer breiten Geste beiseite. „Das ist Unsinn, Captain, ich versichere es Ihnen. Diese Gaunerin glaubt, ich merke nicht, wenn sie mich übervorteilen will. Ich...“

„Halt!“, unterbrach Spencer unwirsch. „Lief ihre Transaktion über die Station?“

„Ihre Aufzeichnungen sind manipuliert!“, erwiderte Devar. „Er ist Orioner, die Station ist von Orionern, was wollen Sie mehr?“

„Das ist unerhört“, entgegnete Menos entrüstet. „Ich werde...“

„Sie werden gar nichts“, bestimmte Spencer hart. „Gefälschte Aufzeichnungen kann man erkennen. Ich schlage vor, Sie begeben sich beide in einen Parkorbit und übermitteln uns Informationen über ihren Handel. Wir haben sowieso auf der Station zu tun, da wird eine Überprüfung kein Problem sein.“

Mehr als eine verunglückte Grimasse brachte Lemois zu diesen Worten Spencers nicht hervor.

„Ich muss meinen Geschäften nachgehen“, erwiderte Menos gewichtig. „Da kann ich nicht warten, bis Sie mal was überprüft haben.“

„Dann fliegen sie doch ab“, empfahl Lemois. „Niemand hindert sie daran.“ Mit der angedeuteten Geste des Halsabschneidens bewegte sie Terk dazu, die Verbindung zu trennen.

„Wir lassen uns Sachen aufhalsen...“, murmelte sie halblaut.

„Das ist der Preis für den guten Ruf der Sternenflotte“, brummte Spencer zur Antwort. „Eine Verbindung zur Station!“

Wie aufs Wort erschien ein weiterer Orioner auf dem Hauptschirm, jedoch in gepflegterem Aussehen als Menos und in einer angedeuteten Uniform. Hinter ihm herrschte schemenhaft Betriebsamkeit, er sprach direkt aus dem Kontrollraum der Basis.

„Ich heiße Sie willkommen auf Alkaid und ich danke Ihnen für ihr beherztes Eingreifen! Mein Name ist Salandu, ich bin der Leiter dieses bescheidenen Ortes des Handels.“

Sowohl Spencer als auch Lemois runzelten die Stirn. Am heutigen Tag vermochte scheinbar kein Orioner den richtigen Ton zu treffen...

„Captain Spencer, U.S.S. Kennedy. Ich bitte Sie, Mr. Salandu, unser Eingreifen war selbstverständlich. Der eigentliche Grund für unser Hiersein ist eine Silizium-/Duraniumsphäre, mit der ein Schiff namens Guramba vor etwa siebzehn Tagen hier gehandelt haben könnte. Haben Sie vielleicht Aufzeichnungen darüber?“ Spencer ließ mit seiner Wortwahl und der gewählten Klangfarbe keinen Zweifel aufkommen, dass die sehr wohlmeinend präsentierten Worte Salandus zweifelsfrei im falschen Hals gelandet waren.

„Leider muss ich Sie enttäuschen, Captain.“ Salandu tat so als wäre er arg betroffen, aus einer Anwandlung heraus faltete er gar seine Hände. „Derartige Daten preiszugeben liegt außerhalb unseres normalen Geschäftsgebarens“, erläuterte er salbungsvoll. „Unsere Kunden vertrauen uns.“

Lemois machte aus ihrer Meinung keinen Hehl. „Ich dachte, wir hätten Ihnen geholfen und Sie helfen uns nun. Ein Geschäft, sozusagen.“

Salandu wirkte erstaunt. „Gerade sagten Sie noch, ihr Handeln wäre selbstverständlich gewesen. Jetzt wollen Sie auf einmal einen Gegenwert. Was soll ich denn nun denken?“, fragte er vorwurfsvoll.

Spencer sah, dass Lemois zu einer harschen Erwiderung ansetzte und kam ihr so gerade zuvor. „Denken Sie doch was sie wollen“, knurrte er. „Kennedy Ende.“

Lemois brach ihren Versuch, etwas zu sagen, zum zweiten Mal ab, als Salandu für sie unerwartet vom Bildschirm verschwand. „Was sollte das denn?“, fragte sie Spencer in Ermangelung einer Alternative.

„Manchmal ist die Zeit zum Reden und manchmal ist die Zeit zum Handeln“, erwiderte er. „Gibt es PJV auf der Station oder den jetzt wieder andockenden Schiffen?“

„Die Station kann ich nicht scannen“, berichtete Terk. „Sie haben ein Störfeld aktiv, ebenso wie eines der Schiffe, ein Barolianer. Kein PJV auf den anderen Schiffen: Zwei in der Föderation registrierte private Transporter, ein kleines Schiff der Grisella, zwei orionische Handelsschiffe und die Flaxianerin.“

„Ein Störfeld? Vielleicht hätten wir doch das NCC auf unserer Außenhülle tilgen sollen“, überlegte Hwang. „Immer wenn andere das lesen, kriegen sie ein schlechtes Gewissen.“

„Tja. Warum bloß?“, fragte Spencer in ähnlichem Tonfall rhetorisch.

„Können wir das Feld durchdringen?“, erkundigte sich Lemois.

Terk schüttelte den Kopf. „Keine Chance, Commander. Die Technik der Station ist auf dem neuesten Stand.“

„Wird eines der Schiffe gesucht?“, erkundigte sie sich weiter. „Vielleicht der Barolianer?“

„Einen Moment, Commander“, erwiderte Karov und begann, die entsprechenden Abfragen durchzuführen.

Spencer zog eine Grimasse. Das war vermutlich die Rache Lemois' für sein freundliches Anerbieten von vorhin, Devars und Menos' Streit zu schlichten, der Versuch, eine weitere mögliche Aufgabe, die nichts mit ihrer eigentlichen Mission zu tun hatte, an Land zu ziehen.

„Keines dieser Schiffe ist auf den Listen, der Barolianer ist auch auszuschließen“, meldete Karov zu seiner Erleichterung.

„Also ist die Sphäre entweder auf der Station oder beim Barolianer“, resümierte Spencer bedächtig.

„Oder auf einem bereits abgeflogenen Schiff oder sie war nie hier“, vervollständigte Lemois rasch ohne ihm eine Chance zu geben, seinen Gedankengang fortzusetzen. „Wir wissen nichts.“

„Dann schlage ich vor, Commander, Sie gehen an Bord und schauen mal, ob Sie diesen Zustand ändern können“, bestimmte Spencer. „Mr. Terk, Sie nehmen Zugriff auf den Stationscomputer und überprüfen die Transaktion zwischen Devar und Menos. Übermitteln Sie das verifizierte Ergebnis ungefragt an die beiden.“

„Ja, Sir“, bestätigte Terk.

„Was kriegen wir denn mit?“, fragte Lemois vorwitzig. „Spielgeld zum Handeln? Oder Waren?“

„Das Recht“, erläuterte Spencer. „Und bei Bedarf... alles was unser Replikator herstellen kann.“

„Schade“, meinte sie, Enttäuschung heuchelnd. „Immerhin wird es dieses Mal wohl nicht so einfach. Wie viel Zeit bleibt uns?“

„Nimmt man die Vorgaben Ethnys genau, so sollten wir in spätestens zwölf Stunden auf dem Weg nach Chort sein“, verkündete Hwang.

Lemois nahm diese Zahl zur Kenntnis und bestimmte Hwang, Karov und Hellmann als Außenteam.


Die Vier materialisierten in einer gut ausgeleuchteten Halle der Handelsstation. In der Mitte ragte eine blinkende Computersäule bis an die Decke, rundum erstreckten sich breite, ausreichend beleuchtete Gänge, die von überwiegend kleineren Läden gesäumt wurden. Den Aufschriften auf den wenigen, großen Türen in der Halle selbst konnte Lemois entnehmen, dass es sich um Turbolifte handelte, die zu weiteren Decks führten. Dank des geschäftigen Treibens fiel das uniformierte Sternenflottenteam unter den mehr oder weniger gut gekleideten und teilweise sehr fremdartigen Kunden nur minder auf.

Lemois bahnte sich schnurstracks einen Weg durch das Gewimmel zu der Computersäule. „Zugriff auf das Transaktionsverzeichnis!“, forderte sie.

Eine sanfte Frauenstimme säuselte: „Der Zugriff auf das Transaktionsverzeichnis erfordert leider eine Sicherheitsgenehmigung der Stufe 1.“

„Das ist also eine orionische Station“, brummte Hellmann mehrdeutig und erntete dadurch drei mehr oder minder böse Blicke.

„Du lebst gefährlich, das weißt du doch, oder?“, warnte Hwang leise.

Er hob schuldbewusst die Hände. „Tschuldigung...“

„Sehen Sie lieber zu, dass der Computer uns erzählt, ob und wo sich unsere Sphäre befindet!“, bestimmte Lemois.

Hellmann bemühte sich nach Kräften, Lemois‘ Anweisung nachzukommen, doch auch intensive Konsultationen seines Tricorders halfen nicht, die Furchen auf seiner Stirn zu vertreiben. „Alle Zugriffe auf den Datenbestand des Computers werden durch Sicherheitssperren geblockt. Wir dürfen nur das, was einem Gastbenutzer erlaubt ist und das ist nicht viel.“

„Welche Möglichkeiten haben wir?“, wollte Lemois wissen.

„Der Tricorder hat eine sehr begrenzte Reichweite, wahrscheinlich das Störfeld“, berichtete Karov von ihren erfolglosen Scanversuchen. „Ein Radius von fünf Metern auf der selben Ebene ist alles, was wir haben.“

„Der Computer erlaubt uns Zugriff auf Nachrichten, einen Lageplan mit Wegbeschreibung und die Händlerplattform“, zählte Hellmann auf. „Das war‘s.“

„Nicht sehr viel“, stellte Lemois fest.

„Anders geht es hier wohl nicht“, verteidigte sich Hellmann gegen die Spur des Tadels, den er in Lemois‘ Stimme entdeckt zu haben glaubte. „Auf einer reinen Handelsstation ohne starke Autoritäten muss ein Computersystem so restriktiv sein. Sonst haben es die Händler ganz schnell zerlegt.“

„Und wie gehen wir weiter vor?“

„Wir sollten denken wie ein Händler“, schlug Karov vor. „Wir suchen doch eine Ware, eine Metallkugel mit bestimmter Zusammensetzung. Das müssen wir dem Computer mitteilen.“

„Geht das?“, fragte Lemois.

„Danach können wir suchen“, meinte Hellmann, der begann, Daten einzugeben. „Parameter spezifizieren... und Suche starten.“

Zwei Namen samt kurzer Wegbeschreibung blinkten auf dem großflächigen Display. „Lemtovar, ein debianischer Geschäftsmann mit einem großen Laden eine Ebene über uns und, Shudar, ein Yridianer mit einem kleinen Geschäft zwei Ebenen tiefer“, las Hellmann. „Keine genauen Angaben über die gefundene Ware ohne Großhändlerzugang.“

„Wo fangen wir an?“, wollte Lemois wissen.

„Ich wäre für Shudar“, meinte Karov. „Warum sollte ein Händler wie Lemtovar mit den Sammlern Geschäfte machen?“

„Yridianer handeln vorwiegend mit Informationen“, hielt Hwang dagegen. „Außerdem ist der Weg zu Lemtovar kürzer.“

Hellmann interpretierte Lemois‘ fragenden Blick richtig, sie wartete auf eine Stellungnahme seinerseits. Er zuckte mit den Schultern. „Wenn man zwei Möglichkeiten hat, entscheidet man sich sowieso zuerst für die falsche. Mir soll es egal sein.“

„Auch gut. Nichts Persönliches gegen Sie, Karov, aber wir beginnen mit Lemtovar“, beschloss Lemois und setzte sich in Bewegung. Dem Team blieb wenig anderes übrig, als ihr zu folgen.


„Captain, ich erhalte keinen Zugriff auf die Transaktionsdaten von Menos und Devar“, meldete Terk.

„Dann fragen Sie sie freundlich nach ihren Zugangscodes und vergleichen Sie die Daten, die Sie dann erhalten“, schlug Spencer vor, verwirrt von dem geringen Maß an Eigenständigkeit, die Terk an den Tag legte.

„Ja, Sir“, bestätigte Terk stoisch.

Spencer ließ sich durch diesen etwas seltsamen Wortwechsel für einen Moment von seinen Aufgaben ablenken.


„Von einem solchen Objekt weiß ich nichts“, erklärte ein junger Debianer dem Außenteam in den freundlich beleuchteten und einladend dekorierten Geschäftsräumen Lemtovars, die direkt neben dem Basar der kleinen, freien Händler gelegen waren. Traditionelle debianische Musik erklang, eine großflächige, milchig trübe Glaswand trennte den Trubel und den Lärm des Platzes von der angenehmen Stille des Ladens selbst. „Wir handeln beinahe ausschließlich mit besonderen, seltenen und schwer zu bekommenden Nahrungsmitteln... aber ich werde meine Mutter fragen, um ganz sicher zu gehen. Wenn wir ein solches Objekt, wie sie es beschreiben, erworben haben, wird sie es wissen.“ Nach einem Moment verschwand er geräuschlos in den hinteren Räumen.

„Wenn Sie sich was aussuchen dürften...“, sagte Hwang, die zusammen mit Karov interessiert die hochpreisigen Delikatessen der Galaxis auf der Auslage musterte, leise zu ihr, „... was würden Sie nehmen?“

„Das können wir doch gar nicht bezahlen“, wandte Karov ein.

Hwang schüttelte ihren Kopf und versuchte es erneut. „Wenn Sie sich was aussuchen dürften, einfach so, was würden Sie nehmen? Lissepianisches Mousse, debianische Kristallschokolade, stadanisches Wolkenapfelmus...?“

Karov überlegte nicht lange. „Tiscalische Traumbeeren mit arcorianischer Regenbogensauce.“

„Hmmm... Haben Sie das schon...?“, erkundigte sich Hwang überrascht von der direkten und entschlossenen Antwort Karovs.

Ihre Augen leuchteten, als sie antwortete. „Ja. Einmal.“

„Wann?“

„Das wird nicht verraten...“ In ihren Ausdruck legte sie etwas sehr Geheimnisvolles, der zurückkehrende Debianer befreite sie von weiteren Nachfragen Hwangs.

„Es tut mir leid, aber eine Metallkugel befindet sich nicht in unserem Besitz“, gab er bekannt. „Können wir vielleicht mit etwas anderem dienen?“

Lemois schossen in einem Augenblick gleich vier Abbilder von traumhaften Desserts samt ihrer Namen durch den Kopf. „Leider nein, Mr. Lemtovar. Vielen Dank für ihre Auskünfte“, verabschiedete sie sich freundlich.

„Keine Ursache“, gab Lemtovar junior ebenso freundlich zurück. „Auf Wiedersehen und eine gute Reise wünsche ich Ihnen.“

Das Team wandte sich zum Gehen. „Dann auf zu Shudar...“, murmelte Hwang, der es leid tat, Lemtovars Geschäft schon verlassen zu müssen.

„Wieso empfahl uns der Computer nur dieses Geschäft?“, fragte Lemois ungehalten, nachdem sich die Milchglasbarriere hinter ihnen wieder geschlossen hatte.

„Nun, einmal war auch ‚Nahrung‘ in den Sphären und einige der Speisen, die Lemtovar führt, enthalten seltene Iso-Ankmanit-Gewürze“, erklärte Hellmann unterwegs, so flüssig es die Menschenmenge auf dem Weg zum Turbolift erlaubte. „Ankmanit ist unter bestimmten Umweltbedingungen ein Zerfallsprodukt von Jakmanit, einem Bestandteil des PJV.“

„Aber Ankmanit hat doch auch nur eine kurze Halbwertszeit, oder?“, überlegte Lemois, die ungeduldig auf den Öffnungsvorgang der Lifttüren wartete.

„Es gibt aufwendige chemische Verfahren, das Ankmanit zu binden, so erzählte mir Fähnrich Carpelli im Rahmen unserer Überlegungen, was mit PJV alles anzufangen wäre. Vermutlich waren es diese beiden Dinge, die den Computer veranlassten, uns Lemtovar anzuzeigen.“

„Verstehe.“ Endlich stand eine Liftkapsel bereit, sie drei Decks in die Tiefe zu befördern.

Als sich seine weichen Türen aus einem Lederimitat am Zielort langsam öffneten, spürten sie sofort die völlig andere Atmosphäre auf diesem Deck. Die Beleuchtung war spärlicher, dunkler, es waren weniger Individuen auf dem Gang unterwegs und von denjenigen, die unterwegs waren, stach das Team allein schon durch seine grell leuchtenden, farbigen Uniformen deutlich ab. Missbilligende Blicke der Vorbeigehenden, die ihre Meinung von der Sternenflotte offen zur Schau trugen, begleiteten sie auf ihrem Weg und es war mehr als einmal, als wären Gespräche abrupt beendet worden, gerade als sie Hörweite erreichten.

„Langsam wird es mir leicht unheimlich hier. Die ganzen Blicke...“, flüsterte Hwang Karov zu.

„Das macht nur unsere Erscheinung“, flüsterte Karov zurück und lächelte.

Ein Zeichen von Lemois wies darauf hin, dass sie ihr Ziel erreicht hätten. Sie betraten die Geschäftsräume Shudars, in denen eine geradezu gespenstische Leere den Vieren entgegenwehte. Das einsame Leuchtelement an der Decke sorgte für sparsame, ungleichmäßige Ausleuchtung, stumm blinkende Computerdisplays vervollständigten den unheimlichen Eindruck.

‚Warum sollte jemand über fünf unabhängige Subraumterminals verfügen?‘, ging es Hellmann durch den Kopf; er beantwortete sich seine Frage jedoch bald selbst: ‚Als yridianischer Informationshändler sollte man das.‘

„Commander...“, begann Karov unheilvoll nach einem raschen Tricorderscan und geleitete Lemois zwischen zwei der Terminals hindurch. „Wir haben da wohl ein Problem.“

Lemois brauchte keine Sekunde, um das Problem in seiner ganzen Dimension zu erfassen; vor dem hinteren, vereinzelt stehenden Terminal lag ein Yridianer halb auf der Seite, äußerlich unverletzt aber regungslos.

„Lemois an Kennedy! Wir brauchen Dr. M‘Boya! Sofort!“

Die binnen Sekunden materialisierte Ärztin benötigte nur einen kurzen Tricorderscan und ein stilles Kopfschütteln, um Lemois das mitzuteilen, was sie wissen wollte. Der Yridianer, aller Wahrscheinlichkeit nach Shudar, war tot.

15

Inzwischen waren die Geschäftsräume Shudars Gegenstand eifriger Ermittlungen der sofort herbeigerufenen Stationssicherheit, eine von einer vielstimmig diskutierenden Menge umsäumte Absperrung verhinderte das Betreten des Tatorts. Das Außenteam war kurz aber ergebnislos befragt worden, M‘Boya hatte darüber hinaus darauf bestanden, gemeinsam mit dem vergleichsweise spärlich ausgerüsteten medizinischen Team der Station die Untersuchung des inzwischen zweifelsfrei als Shudar identifizierten Leichnams vorzunehmen.

„Sind Sie fertig?“, fragte der orionische Sicherheitschef namens Daran schneidend.

M‘Boya, die lässig an der dem Leichnam nahen Seitenwand lehnte, sah von ihrem Tricorder auf und musterte Daran mit einem durchdringenden Blick, worauf dieser unbewusst einen Schritt zurücktrat. „Bald“, erwiderte M‘Boya knapp. „Ohne eine gründliche Autopsie, die die yridianischen Bräuche verhindern, können wir ohnehin nur an der Oberfläche kratzen.“

„Wie meinen Sie?“

„Wir werden nicht das Wissen erlangen können, dass wir bräuchten, um diesen Mord zu lösen“, erklärte sie wie auswendig gelernt.

Ich werde diesen Mord lösen, und nicht wir“, verbesserte Daran energisch. „Sagen Sie mir, was Sie wissen, dann können Sie gehen und weiter nach dieser... dieser Sphäre suchen.“

Lemois, die M‘Boya gerade durch eine stumme Geste herbeiholen wollte, baute sich auch ohne diese wie aus dem Nichts kommend vor Daran auf. „Wir haben ihn gefunden, das sollten Sie nicht vergessen!“, rief sie. „Shudar hat die Sphäre, die wir suchen und dass er ermordet wurde geht uns fast noch mehr an als sie!“

Daran nahm Lemois ebenso fest ins Visier wie sie ihn. „Das einzige was sie hier angeht, ist das, was hinter dieser Absperrung passiert! Also los, gehen Sie!“

„Wir werden nicht gehen, sondern ermitteln“, formulierte Lemois überdeutlich und verschränkte die Arme.

Daran funkelte sie wütend an, wägte aber zur gleichen Zeit die Optionen ab. Er bezweifelte, dass es geschickt sein würde, sich das Sternenflottenteam zum Feind zu machen. Würden sie ihrem Ruf gerecht werden, würden sie ohnehin ermitteln, ohne dass er Einfluss darauf hatte... außer es gab jemanden, der Einfluss auf sie hatte.

„Ich möchte ihren Captain sprechen“, forderte Daran.

„Mit Vergnügen“, erwiderte Lemois siegessicher. Sie tippte auf ihren Kommunikator. „Lemois an Kennedy!“

Kennedy, Spencer hier“, knarrte Spencers Stimme über den Kommunikatorlautsprecher.

„Captain, hier ist jemand, der möchte unbedingt mit Ihnen reden“, formulierte Lemois umständlich. Mit wenigen Tastendrücken funktionierte sie ihren Tricorder zum Sprechgerät um, den sie Daran mit einer übertrieben geschwungenen Geste und einem vergnügten Gesichtsausdruck darbot.

„Ich höre“, brummte Spencer.

„Sicherheitschef Daran von der Alkaid-Station.“ Ihm war sichtlich unwohl, sich mit einem Tricorder zu unterhalten, das sah man ihm nicht nur an, das hörte man auch. „Captain Spencer, ihre Leute behindern meine Ermittlungen im Fall Shudar. Ziehen Sie sie ab und lassen Sie uns unsere Arbeit machen!“

„Kommt nicht in Frage“, entgegnete Spencer entschieden. Lemois hatte ihn bereits in aller Kürze über die momentane Lage ins Bild gesetzt. „Shudar ist der Hehlerei und der Beihilfe zum schweren Raub verdächtig. Da er umgebracht wurde, greifen die Regelungen zum Schutz seiner Privatsphäre nicht mehr. Meine Leute haben die Pflicht, seinen Tod zu untersuchen und sein Leben auf mögliche Verbindungen zur von uns gesuchten Sphäre. Weiterhin erhalten sie vollen Zugang zu ihren Ermittlungsergebnissen und zu allen Computerdaten, die Shudar betreffen. Im Gegenzug bieten wir Ihnen an, unsere Ermittlungsergebnisse zu teilen.“

„Dies hier ist keine Sternenflottenstation, Spencer“, knurrte Daran. „Sie können hier nicht schalten und walten nur wegen ihrer vier Sterne am Kragen.“

‚Drei‘, dachte Lemois amüsiert.

„Deswegen nicht“, erwiderte Spencer ruhig. „Aber ihre Station untersteht auch dem Föderationsrecht, welches uns, der Sternenflotte, in Situationen wie diesen gewisse Rechte gewährt. Ich kann Ihnen auch die entsprechenden Paragrafen nennen, wenn es hilft.“

„Sehr freundlich, Captain“, giftete Daran verärgert. „Ich kenne das Föderationsrecht. Wir kooperieren mit ihnen, wo wir müssen und ansonsten führen sie ihre Ermittlungen und wir unsere. Daran Ende.“

„Und?“, fragte Lemois forsch, nachdem sie ihren Tricorder wieder in Empfang genommen hatte.

„Hier haben Sie eine Zugangscode für den Zentralcomputer.“ Daran tippte widerstrebend auf seinem Handgerät einige Codes ein und übersandte ein Datensignal an Lemois‘ Tricorder.

Lemois bedankte sich höflich. „Wenn wir den Mörder haben...“, schloss sie fröhlich und beinahe überheblich, „... melden wir uns.“

Wortlos wandte sich Daran wieder seinen Sicherheitsleuten zu, die Tatortsicherung betrieben.

„So.“ Lemois wandte sich nun an ihr Team, das sich auf ihr Zeichen hin in eine abgelegene und unbelauschte Ecke zurückzog. „Erste Frage: Ist die Sphäre hier?“

Hellmann schüttelte den Kopf. „Ich habe Shudars Räumlichkeiten überprüft. Keine Spur von PJV oder Metallen überhaupt.“

„Hat er keine Lagerhallen oder sowas?“

„Er ist an sich Informationshändler“, antwortete Hellmann.

„Wie starb er?“

„Es gibt weder äußere, noch innere Verletzungen, die etwas mit seinem Tod zu tun haben“, berichtete M‘Boya. „Keine Gifte, keine Gase, ein einfaches Herzversagen.“

Lemois legte ihren Kopf schief, mit einer derartigen Antwort M‘Boyas hatte sie nicht gerechnet. „Und wieso sprachen Sie von Mord?“, wollte sie wissen.

„Weil Yridianer nicht so einfach an Herzversagen sterben. Ihr Körper weist zwei redundante Blutkreislaufsysteme auf, wobei eines im Notfall die Aufgaben des anderen mit übernehmen kann. In Shudars Fall setzten beide Herzen zur gleichen Zeit aus.“

„Das wäre bei einer Vergiftung doch auch der Fall, oder?“, fragte Karov.

M'Boya schüttelte den Kopf. „Das eine Herz/Kreislaufsystem versorgt den Atmungs-, das andere den Verdauungstrakt. Er müsste schon gleichzeitig Gift gegessen und eingeatmet haben. Das wiederum ist unmöglich, da die letzte Nahrungsaufnahme gut sechs Stunden zurückliegt, sein Tod bestenfalls dreißig Minuten.“

„Und was ist die Erklärung?“, fragte Hellmann.

„Zwei Ultraschallwaffen, parallel abgefeuert auf beide Herzen“, antwortete Karov an M‘Boyas Stelle. „So unwahrscheinlich das klingt, denn es gab keine Reaktion der internen Sensoren der Station.“

M'Boya machte deutlich, dass sie nicht beabsichtigte, Widerspruch einzulegen und von der spontanen Folgerung Karovs beeindruckt war.

Plötzlicher Lärm von der Absperrung vor der Tür ließ die fünf Köpfe mit unterschiedlicher Reaktionszeit herumfahren. Ein Yridianer hatte die Sperre überwunden und wurde von zwei Sicherheitskräften am weiteren Betreten des verdächtigen Bereiches gehindert. Er wehrte sich nach Kräften.

„Was ist passiert?“, brüllte er. „Wo ist Shudar?“

Daran und zwei weitere Wachen lösten sich aus dem geordneten Chaos, in dem seine Leute den Tatort untersuchten und begaben sich zu dem Störenfried. Lemois und Karov folgten deren Beispiel, Hwang und Hellmann nutzten die Zeit, um die genaue Tiefe der frisch erhaltenen Zugangsberechtigungen für den Computer auszuloten.

„Wer sind Sie?“, herrschte Daran den Yridianer an.

„Ich bin Achut, Teilhaber von Shudar. Was ist hier los?“

„Es tut mir leid, Mr. Achut“, sagte Daran, der dabei versuchte, möglichst gelassen zu klingen. „Shudar wurde ermordet.“

Achuts Augen weiteten sich in einem geradezu erschreckenden Ausmaß, im fehlten die Worte.

„Wo waren Sie in der letzten Stunde?“, fragte Daran schnell.

„In der... in der Zelle“, antwortete Achut stammelnd.

„Das stimmt“, meldete sich einer der Sicherheitswachen mit einer für Orioner sehr tiefen Stimme. „Er lag gestern betrunken auf dem Marktplatz, da haben wir ihn aufgegriffen und zur Ausnüchterung gebracht.“

„Wann genau war er frei gekommen?“

„Vor zehn Minuten“, antwortete nun wieder Achut, dieses Mal gefasster. „Ich kam gleich hierher.“

Daran dachte für einen Augenblick nach, es war genau dieser Augenblick, der Lemois genügte, um dazwischenzufunken. „Entschuldigen Sie, Mr. Achut, wenn ich Ihnen diese merkwürdige Frage stelle... aber wissen Sie etwas von einer metallischen Sphäre, die Sie oder Shudar erworben haben?“

„Von wem?“, fragte Achut zurück, der sich mit einem raschen Ruck aus dem lasch gewordenen Griff der Sicherheitswächter befreite.

„Von acamarianischen Sammlern von der Guramba“, antwortete Karov.

Es bildeten sich noch mehr Falten als ohnehin schon auf Achuts Stirn. „Sammler... Da war etwas mit Sammlern und Shudar... richtig! Ich frage mich nur, warum er dieses Zeug angenommen hat. Wir nehmen sonst nie harte Ware gegen Informationen.“

Lemois und Karov tauschten einen zugleich erfreuten und erleichterten Blick. Sie waren auf der richtigen Spur.

„Was war das für ‚Zeug‘?“, wollte Lemois wissen.

„Mineralien, Metalle, keine Ahnung“, zählte Achut auf. „Ich habe mich nicht darum gekümmert“, schloss er barsch.

„Vielen Dank. Sie haben uns sehr geholfen!“ Lemois und Karov kehrten zu den anderen drei zurück während Daran seine Befragung fortsetzte.

„Shudar hat die Sphäre von den Sammlern erhalten“, berichtete Karov freudig.

„Wir haben auch Neuigkeiten“, berichtete Hellmann. „Unsere Freunde Devar und Menos handelten beide mit Shudar.“


Spencer drückte beinahe verärgert die Nachricht von Terk auf dem Terminal in seinem Bereitschaftsraum weg, die ihn informierte, dass inzwischen der siebte Zwischenbericht von Lemois eingetroffen war. Sie sollte ermitteln und nicht Berichte verfassen. Pflichtgemäß warf er dennoch einen desinteressierten Blick hinein, doch als er den Inhalt überflog, war schlagartig sein Interesse geweckt.

„Spencer an Rodriguez! Nehmen Sie sich die kompletten Sensorendaten des Kampfes zwischen den beiden Handelsschiffen vor und erstellen Sie eine taktische Analyse. Achten Sie auf alles, dass Ihnen merkwürdig erscheint.“

„Verstanden, Captain. Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, erkundigte sich Rodriguez interessiert.

„Nein. Sie werden wissen, wonach Sie suchen, wenn Sie es gefunden haben.“

„Ja, Captain. Rodriguez Ende.“

Oder war es wirklich nur Zufall, dass Shudar ermordet wurde und seine beiden Kunden Devar und Menos mit ihren Handelsschiffen (!) nur wenig später aufeinander schossen?

Spencers Kommunikator machte sich wieder bemerkbar. „Captain, eine Code-47-Nachricht über Kurzstreckenfunk“, meldete Terk.

Spencer legte seine Stirn in Falten. Eine Nachricht im Sternenflottencode, ausschließlich für ihn bestimmt und das, obwohl sich im Empfangsbereich des Kurzstreckenfunks kein Schiff aufhielt, dass diese Nachricht legitim gesendet haben könnte?

„Können Sie die Quelle orten?“

„Nein, Captain“, antwortete Terk. „Das Signal erlaubt keine Zurückverfolgung.“

„Verifizieren Sie Code 47!“

„Das Signal ist echt, Captain, ebenso die Verschlüsselung. Soll ich durchstellen?“

„Bitte.“ Er setzte eine neutrale Miene auf und harrte der Dinge, die ihn da erwarteten. Die Daten seines Terminals verschwanden, alles, was er sehen konnte, war die native Schwärze des Displays, lediglich am oberen Rand tanzten merkwürdigerweise einige unterbrochene weiße Linien.

„Commander Spencer, U.S.S. Kennedy, Kommandant. Authentifizierung Delta-2-Delta-4. Abspielen.“

Positiv besetzte akustische Signale bestätigten die Authentifizierung, das Bild veränderte sich jedoch nicht. Als endlich eine Stimme zu hören war, zuckte Spencer kurz zusammen. Eine beinahe täuschend echte Computerstimme war sein Gesprächspartner. Ihr fehlten die zufälligen Nuancen der Betonung, die Worte aus einer lebendigen Kehle von synthetischer Sprache immer noch unterschieden, jedoch ohne ein gewisses Maß an Computerkenntnissen leicht zu überhören waren.

„Dieses Gespräch unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe, Code 47-Blau. Beamen Sie sich direkt an folgende Koordinaten innerhalb der nächsten dreißig Sekunden. Löschen Sie danach alle Informationen über den Transportvorgang. Es wird keinen weiteren Kommunikationskontakt geben.“

Die Stimme verstummte, der ursprüngliche Bildschirminhalt war wieder zu sehen. So sehr eine innere Stimme Spencer davor warnte, er hatte keine Wahl, Code 47-Blau war eine sehr spezielle Kodierung, der unbedingt und ungefragt Folge geleistet werden musste. Er nahm selbst die notwendige Einstellung des Transporters vor und deaktivierte die Intraschiffsensoren für seinen Bereitschaftsraum. Er hoffte, dass er wieder zurück war, bevor sein Verschwinden auffiele.


Nachdem Hellmann es geschafft hatte, eine direkte Datenzugriffsverbindung zwischen seinem Tricorder und dem Stationscomputer herzustellen, hatte Lemois als nächsten Punkt ihrer Untersuchungen ein freundliches und zu dieser Tageszeit spärlich besuchtes Cafe auf der obersten Ebene der Station gewählt. Die hektischen Ereignisse der letzten Stunde und der Zeitdruck, unter sie dem die Sphäre finden und nebenbei einen Mörder jagen mussten, ließen sich wesentlich besser in geselliger Runde, entspannter Atmosphäre und mit anregenden Getränken verarbeiten und ertragen.

„Grundsätzlich müssen wir klären: Wurde Shudar umgebracht und nahm der oder die Täter die Metalle und die Sphäre mit, um vom Mord abzulenken, waren die Metalle das eigentliche Ziel und geschah der Mord nur ‚nebenbei‘ oder hat das eine mit dem anderen gar nichts zu tun?“, begann Lemois einleitend.

„Im ersten Fall müssen die Täter das belastende Material loswerden“, folgerte Karov. „Wissen wir, welche Metalle das waren bei Shudar?“

„Diallosilikat, Kelbonit, Kerberosit...“, zählte Hellmann auf. „Sollen wir im Händlersystem ein Gesuch aufgeben?“

„Genau“, pflichtete Lemois bei. „Wir suchen... Tritanium, Duranium, Kerberosit und etwas Diallosilikat und zahlen eine stolze Summe. Ganz so als suchten wir dringend Teile für ein kleines Raumschiff. Als Kontakt geben wir eine Funkfrequenz an, die wir überwachen.“

„Das Gesuch ist aufgegeben“, meldete Hellmann nach kurzer Zeit. „Und der Tricorder wird sich bemerkbar machen, sobald jemand uns mindestens eins der drei fraglichen Metalle anbietet.“

„Und während wir warten, dass man auf diesen Köder reagiert, gehen wir auf Mördersuche“, frohlockte Lemois. „Denn der oder die Mörder haben wohl so oder so unsere Sphäre!“


Spencer materialisierte in einem stockdunklen und totenstillen Raum, der mit dem sonderbaren und für diesen Moment sehr beruhigenden Geruch neuen Sternenflotteninterieurs behaftet war. Beinahe genau so hatte es auf der Kennedy in den ersten Wochen auch gerochen. Doch wo zum Teufel war ein Sternenflottenschiff in der Nähe und wie und warum betrieb es einen so großen Geheimhaltungsaufwand?

„Commander Robert Andrew Spencer meldet sich zur Stelle“, rief er aufs Geratewohl. Wider seinen Erwartungen hallte die Stimme nicht nach. Mit einem Schlag wurde seine Umgebung in gleißend helles Licht getaucht; er musste sich mit beiden Händen vor dem Licht schützen und war somit nicht mehr in der Lage, sich im Gefahrenfalle durch eine einfachen Druck auf seinen Kommunikator wieder in seinen sicheren Raum zu beamen.

„Commander Spencer. Wissen Sie wo Sie sich befinden?“, fragte die Computerstimme von vorhin.

„Auf einem Schiff der Sternenflotte in Transporterreichweite der Kennedy“, knurrte Spencer schlagfertig, der vor der Lichtflut kapitulierte und seine Augen fest schloss.

„Sehr gut. Mehr werden Sie nicht erfahren. Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?“

„Eine synthetische Computerstimme, ausgesprochen gut programmiert. Geheimdienst?“ Es war ein mehr als eigenartiges Gefühl, dass Spencer durchströmte. Er stand hier, war einer mehr als obskuren Kontaktaufforderung gefolgt und war nun Teil eines rätselhaftes Frage- und Antwortspiels, dessen Sinn sich erst noch beweisen musste.

„Sie haben Recht, Commander. Wissen Sie auch, warum sie hier sind?“

„Nein.“ Er war sowohl erfreut als auch traurig, die Gesprächsführung abgeben zu können bzw. zu müssen.

„Shudar, der Händler der ermordet wurde, war unser Informant. Es ging um Informationen über die Mittelmächte, Talarianer, Zalkonianer, Sie wissen schon. Uns interessiert der Stand ihrer Ermittlungen.“

„Wir wissen einiges und ich bin inzwischen nicht mehr auf dem aktuellen Stand“, erwiderte Spencer. „Lassen Sie uns einen Weg finden, Informationen auf eine für mich stressfreiere Art auszutauschen. Ich stehe ungern im Rampenlicht.“

Die Antwort der Computerstimme ließ etwas auf sich warten. „Beamen Sie ein PZAG mit allen Informationen, die Sie haben, baldmöglichst an die Koordinaten, auf denen Sie jetzt stehen. Sie dürfen zurückkehren. Dieses Gespräch hat selbstverständlich niemals stattgefunden.“

Erlöst, erleichtert und gleichsam verwirrt und verstimmt betätigte Spencer seinen Kommunikator, worauf er automatisch wieder an seinen angestammten Platz in seinem Bereitschaftsraum transferiert wurde. Seine erste Amtshandlung bestand darin, die Überwachungssensoren der Kennedy wieder einzuschalten.

16

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Ich habe das Außenteam von Alkaid zurückbeordert aufgrund einer neuen Wendung des Falles Shudar. Die Spurenlage scheint nicht übel, unser Zeitvorrat ist jedoch inzwischen auf knappe zehn Stunden geschrumpft.

Spencer holte widerstrebend ein bereitliegendes PZAG hervor, platzierte es auf seinem Schreibtisch, nahm einige rasche Einstellungen vor und programmierte den Transporter. Nach abschließender Kontrolle betrat er die Brücke.

„Fähnrich Manelides, halten Sie sich bereit, den Barolianer oder die Station nach PJV zu scannen, wenn deren Störfeld zusammenbrechen sollte“, wies er an ohne innezuhalten.

„Ist das zu erwarten, Captain?“, fragte Torrente, der den Kommandosessel für die Dauer der Besprechung bemannte, erstaunt.

„Besser, Sie fragen nicht, Lieutenant“, gab Spencer einsilbig zurück.

Torrente fügte sich kommentarlos und Spencer verschwand mit unausgewogenen Schritten im Besprechungsraum. Kaum hatte er sich zu den bereits anwesenden DeFalco und Terk gesellt, stand bereits Lemois mit ihrem Außenteam im Gefolge in der Tür.

„Sie haben uns zurückgeholt? Warum so geheimnistuerisch, Captain?“, erkundigte sie sich, ohne die Schwelle zum Besprechungsraum zu passieren. Das unbewusst vom Zutritt abgehaltene Außenteam suchte wenigstens durchgehenden Einblick zu erhalten, doch für vier Leute zur selben Zeit gab es angesichts des nur durchschnittlich breiten Zugangs nicht den Raum.

„Nicht so ungestüm, Commander, das werden sie gleich erfahren, wiegelte Spencer ab. „Nachdem sie Platz genommen haben. Und nicht drängeln bitte.“

Lemois nahm Platz und zwang sich zur Ruhe, zusammen mit den übrigen Mitgliedern des Außenteams vervollständigte sie die Versammlung der Führungsoffiziere.

„Gehört Verschwiegenheit zu ihren Stärken?“, begann Spencer ungewohnt.

„Eigentlich nur auf dienstliche Anweisung“, antwortete Lemois vergnügt. „Zumindest, was mich betrifft.“

„Die Anweisung zur Verschwiegenheit über folgendes Gespräch ist hiermit erteilt, an sie alle“, fuhr Spencer humorlos fort. „Ich habe gerade aus einer ominösen, aber glaubhaften Quelle erfahren, dass Shudar als Informant des Geheimdienstes tätig war. Das sollten Sie bei ihren Ermittlungen nicht aus dem Auge verlieren, ohne es jedoch zu erwähnen.“

Nicht nur Lemois und Hwang schauten Spencer aus weit aufgerissenen Augen an. „Shudar hat was mit den Geheimniskrämern zu tun?“, fragte erstere.

Spencer nickte ruhig. „Das heißt, er kann als Informationshändler nicht der schlechteste gewesen sein und der Täterkreis ist weiter gefasst, als bisher anzunehmen war. Aus den Ergebnissen der nun folgenden Besprechung werde ich ein PZAG zusammenstellen und dem Geheimdienst zur Verfügung stellen. Nennen Sie bitte alle ihre Vermutungen, so dass ich sie aufnehmen kann.“

Lemois schluckte betroffen, der Spaß an der Ermittlungsarbeit war ihr fürs Erste vergällt.

Hwangs Miene wiederum zeigte deutlich, was sie von Spencers merkwürdig monoton geratenem Tonfall und seiner sich darin wiederspiegelnden Einstellung zur Sache hielt. Auf der anderen Seite würde es ihr als Kommandantin auch nicht gefallen, wenn sich plötzlich jemand meldete, der vorgab, vom Geheimdienst zu sein und ihr Anweisungen erteilte.

Spencer gab Zeichen an Lemois, das Gespräch zu eröffnen.

„Eine grundsätzliche Sache vorweg, so zur Erinnerung“, begann sie direkt. „Wir suchen eine Sphäre, nicht einen Mörder, auch wenn letzteres vertrauter erscheint und man sich verpflichtet fühlt. Daran muss den Mörder fangen und nicht wir!“

Spencer und auch Hwang tauschten ein Schmunzeln, da Lemois‘ Worte zweifelsfrei in erster Linie nicht den Anwesenden golten. Ersterer führte ungewöhnlich viele Berührungen der an seinem Platz angebrachten Bedienelemente des Computers durch, auffällig war dabei, dass die akustischen Rückmeldungen von Beginn an abgestellt waren.

„Wenngleich es nicht unwahrscheinlich ist, dass der Mörder die Sphäre zusammen mit den Rohstoffen von der Guramba hat“, ergänzte Hwang und nahm Lemois damit das Ruder elegant aus der Hand.

Hellmann pflichtete ihr bei. „Verkauft hat Shudar die Sphäre nicht und falls sie jemand anders verkaufen will, so gibt es ein sehr gutes Kaufangebot von uns im Händlersystem.“

„Die Liste der letzten Kunden Shudars ist leider nicht aktuell und sein Teilhaber hat ein Alibi“, berichtete Karov. „Seit dem Mord hat kein Schiff Alkaid verlassen, das heißt, die Sphäre ist entweder beim Barolianer oder auf der Station. Beide können wir nicht scannen. Die einzige echte Spur bleiben die beiden Ultraschallwaffen. Und vielleicht, er kannte seinen Mörder. Bestimmt hätte er sich sonst gewehrt, als auf seine beiden Herzen zugleich gezielt wurde.“

„Ultraschallwaffen?“, brummte DeFalco. „Das ist doch hoch empfindliches, experimentelles Zeug. Wer nutzt sowas und bringt sich dabei nicht selber um?“

„Wie gesagt, sie sind eine Spur“, bekräftigte Hwang. Sie wechselte mit Spencer und Lemois einen verstehenden Blick, die ebenfalls gerade begriffen hatten, dass diese Spur sehr deutlich in Richtung des Geheimdienstes zeigte.

„Eines verstehe ich nicht“, ließ sich DeFalco wieder vernehmen. „Warum sollte überhaupt jemand diesen Shudar umbringen?“

„Vielleicht war er im Weg, als man die Metalle stehlen wollte“, spekulierte M‘Boya eher halbherzig.

„Oder er wusste zu viel oder das Falsche“, schlug Karov mit einer Miene des Bedauerns vor.

„Nicht zu vergessen, Menos und Devar. Beide waren Shudars Kunden“, ergänzte Lemois.

„Hatte auch ihr Streitfall mit Shudar zu tun?“, wollte Spencer wissen.

Terk verneinte. „Das war ein anderer Handel. Den Aufzeichnungen zufolge eine neue Plasmaspule für Devars Schiff über einen Zwischenhändler.“

„Wobei nicht bewiesen ist, dass das stimmt oder dass sie wirklich deswegen aufeinander schossen“, gab Lemois zu bedenken. „Vielleicht spielten beide nur Komödie für uns!“

„Nur wie sollten sie an zwei Ultraschallwaffen kommen?“, wunderte sich Karov.

„Richtig“, brummte Spencer. „Ergebnisse der taktischen Untersuchung des Gefechts?“

Karov musste erst einen längeren Blick auf die Zusammenfassung Rodriguez‘ werfen, bevor sie Antwort gab. „Devars Schiff ist für sein Alter in gutem Zustand. Auffällig sind da nicht genau bestimmbare, aber auch nicht sehr effiziente Änderungen an den Strahlenwaffen. Dagegen ist die Waffenleistung von Menos‘ Disruptoren und seine Schildkapazität ist für ein Handelsschiff ungewöhnlich hoch.“

„Könnte er uns theoretisch gefährlich werden?“, wollte Spencer wissen.

„Nein, Captain“, antwortete Karov.

„Wir können ihn leicht ausmanövrieren“, versicherte Hwang.

Spencer gab weiterhin unablässig Daten ein. „Wo werden Sie ansetzen?“, fragte er wie nebenbei.

„Erstmal werden wir sehen, was Daran für uns rausgefunden hat“, antwortete Lemois, die wenig von längerfristiger Planung in der momentanen Lage hielt. „Und dann sehen wir weiter.“

„Nun gut.“ Spencer musste sich mit dieser Antwort zufrieden geben und war unverändert damit beschäftigt, Eingaben vorzunehmen, auch als er nurmehr die einzig verbliebene Person im Besprechungsraum darstellte.


Sechs Personen in Sternenflottenuniformen materialisierten auf dem unverändert dicht bevölkerten und Lemois, Hwang, Karov und Hellmann inzwischen wohl bekannten Platz. Zwei Sicherheitswächter begleiteten sie. Bereits während ihrer Materialisierung löste sich Daran aus einer unscheinbaren Ecke des Platzes und steuerte auf das Außenteam zu.

„Ah, Mr. Daran!“, begrüßte ihn Lemois betont freundlich „Sie haben sicher neue Erkenntnisse für uns?“

„Wir haben einen Lagerraum auf der untersten Ebene gefunden, der wohl zu Shudar gehörte, aber nicht auf ihn oder Achut eingetragen war“, berichtete Daran. An seiner Stimme war nicht abzulesen, ob er sich über Lemois‘ zuvorkommende Art freute oder sie als rein taktisches Spielchen entlarvt hatte. „Wenn Sie sie untersuchen möchten... vielleicht ist dort ihre Sphäre?“

„Aber sicher!“, rief Lemois. „Wäre es möglich, über unsere Kommunikatoren Zugang zu ihrem Komm-System zu erlangen? Dann können wir sie ganz schnell informieren, wenn wir die Mörder haben... oder die Sphäre.“

„Theoretisch ja.“ Daran zögerte. „Wenn Sie mir dafür ihre bisherigen Ergebnisse zur Verfügung stellen.“

Lemois erklärte ohne Zögern ihr Einverständnis. „Und wir erhalten vollen Sensorenzugriff auf die Station ohne Störfeld!“, fügte sie hinzu.

„Ausgeschlossen“, sagte Daran kategorisch. „Wir leben davon, dass wir die Privatsphäre schützen.“

„Dann nicht.“ Lemois ließ sich ihre positive Stimmung nicht durch diesen kleinen Misserfolg trüben. „Karov, stellen Sie Mr. Daran die Infos zur Verfügung, Hellmann, Sie kümmern sich um die Komm-Integration.“ Sie winkte Hwang zu sich heran.

„Was hast du vor?“, fragte diese interessiert.

„Eine Planänderung“, verkündete Lemois gedämpft. „Du gehst mit Hellmann und Karov und überprüfst den Handel zwischen Devar und Menos bevor ihr euch um die Geheimdienstverwicklung kümmert. Ich nehme mir stattdessen mit Nida und Dercoux die ominöse Lagerhalle vor.“

„Okay“, stimmte Hwang zu. An einer Lagerhalle war wenig Interessantes, daher war sie froh, dass Lemois diese Aufgabe freiwillig übernommen hatte, ohne dass es vonnöten gewesen wäre, sie sanft, aber geschickt zu überreden...

Lemois wandte sich wieder der Gruppe zu. Gerade als sie Hellmann danach fragen wollte, gab dieser seinen Erfolg bekannt. „Die Kommunikatoren klinken sich jetzt automatisch ins Stationsnetzwerk ein, wenn wir ‚Alkaid‘ nach der Aktivierung sagen. Anders herum kann man uns auch aus dem Stationsnetz erreichen.“

„Alles zu meiner Zufriedenheit, vielen Dank, Commander“, verkündete Daran, der einen ersten Blick auf die Ermittlungsergebnisse auf seinem Sichtgerät geworfen hatte, im Anschluss. „Wir nehmen uns gerade die Stammkunden Shudars vor, besonders die, die Grund hatten, ihm ans Leder zu wollen. Da er seinen Mörder kannte, bin ich überzeugt, er ist unter ihnen.“

„Dann viel Glück“, wünschte Lemois.

„Gleichfalls“, entgegnete Daran, der ohne sich ein weiteres Mal umzudrehen, im Gewühl untertauchte.

„Auf geht‘s!“

Während Hwang und ihr Team sich auf die Suche nach einem Händler auf dieser Ebene machte, verschwand Lemois mit den Sicherheitswächtern Nida und Dercoux im Turbolift in Erwartung einer langen Fahrt in die Tiefe.


„Das Störfeld des Barolianers ist weg“, berichtete Terk ohne jede Überraschung in der Stimme. „Das der Station ist instabil.“

‚Das ging aber fix‘, dachte Spencer im Geiste. „Ein voller Scan nach PJV, bevor es zu spät ist!“ Er klang ebenso wenig überrascht wie Terk, das hatte jedoch triftige Gründe.

„Der Barolianer hat kein PJV an Bord“, gab Terk nach kurzer Abtastung bekannt. „Die Abschirmung der Station ist noch zu stark.“

„Sie können sie nicht durchdringen?“ Hoffnung, die Alkaid-Station sehr bald verlassen zu können, schwang in Spencers Frage mit, die leider unbeantwortet blieb.

„Zwei Störungen zur gleichen Zeit?“, wunderte sich ein sehr skeptischer Thalvan.

„Es gibt eine eigenartige Strahlung, die die Störfelder neutralisiert. Eine Quelle ist nicht auszumachen“, erklärte Rodriguez. „Und sie ist wieder weg.“

„Suchen Sie nach der Ursache“, murmelte Spencer.

Rodriguez nickte, mit gerunzelter Stirn. Diese Anweisung war mit eindeutig zu wenig Nachdruck formuliert, doch ohne erfindlichen Grund...

Er war nicht der einzige, der sich über diesen Tatbestand wunderte; auch der übrigen Brückenbesatzung war nicht entgangen, dass sich Spencer seit der Ankunft auf Alkaid recht merkwürdig verhielt. Besonders diejenigen, die ihn erst seit knappen vier Wochen kannten, fragten sich von Minute zu Minute mehr, was bloß hinter allem stecken mochte.


Enttäuscht blieben Hwang, Hellmann und Karov vor den fest verschlossenen Türen des grisellianischen Händlers stehen, über den Menos und Devar ihr angeblich strittiges Geschäft abgewickelt hatten.

„Keiner da“, stellte Hellmann überflüssigerweise fest.

Karov lugte vorsichtig durch die getönten Scheiben, doch auch sie konnte nichts Definitives im Inneren des Geschäfts ausmachen.

„WOLLEN SIE ZU TAN BON?“, grollte hinter ihnen eine langsam, jedoch überlaut sprechende Stimme mit fremdartigem Klang. Die drei wirbelten verschreckt herum, dabei griff Karov instinktiv zu ihrem Phaser, ohne jedoch wirklich darauf vorbereitet zu sein, ihn auch einzusetzen.

Hwangs „Ja“ gegenüber dem Wesen, das ebenso groß wie seine Stimme laut war, geriet sehr zaghaft. Es überragte sie um mehr als Haupteslänge und das, obwohl sie nicht zu den kleinen Personen gehörte. Sie konnte es auf Anhieb keiner Spezies zuordnen.

„DER MACHT WINTER! SEIEN SIE HIER IN ZWEI MONATEN!“ Mit dröhnendem Lachen bahnte sich das Wesen torkelnd seinen weiteren Weg durch den Trubel; es hatte es dabei bedeutend leichter als alle anderen Passanten.

„Wenn das stimmt, wie konnten Devar und Menos dann hier Handel treiben?“, fragte Hellmann verwundert. „Oder besser gefragt, mit wem?“

„Da ist doch auch ein Grisellaschiff im Orbit“, fügte Karov hinzu. „Die müssten doch alle zur gleichen Zeit in ihrem Winterzyklus sein, oder?“

Mehr als eine ratlose Miene hatte Hwang als Antwort nicht zu bieten.


Düster-blaues Licht erleuchtete die Gänge und Winkel auf der untersten Ebene, die nur durch spärliche Markierungen auseinander zu halten waren. Die Drei von der Sternenflotte waren glücklicherweise alleine unterwegs, niemand von ihnen fühlte sich unter diesen Bedingungen sonderlich wohl.

Dercoux schaute öfter auf seinen Tricorder als nach vorn, so als ob er sich immer wieder aufs Neue versichern müsste, dass auch wirklich keine Gefahr drohte und wunderte sich außerdem über die eigenartige Aufteilung der beiden Ermittlungsgruppen. Schließlich war der Normalfall doch der, dass ein niederrangiger Sicherheitsoffizier eine Gruppe von höherrangigen Führungsoffizieren begleitete...

Fähnrich Nida fragte sich währenddessen ernsthaft, ob die Sicherheit Lemois‘, mit der sie unbeirrt dem bestenfalls skizzenartigen Plan Darans folgte, echt oder vielleicht doch nur gespielt war.

„Hier ist es“, stellte Lemois nach einigen Abzweigungen, die sich durch nichts Wesentliches unterschieden, fest, eine unscheinbare Tür in Augenschein nehmend.

„Da ist jemand drin!“, meldete Dercoux nach einem Blick auf seinen Tricorder leise. „Drei Personen.“

„Ist es auch wirklich der richtige Ort?“, getraute sich Nida zu fragen.

„Ja“, antwortete Lemois knapp. „Dercoux, Sie bewachen den Vorderausgang, da vorne rechts. Nida, wir gehen rein und schauen, wer da ist.“

Mit ungutem Gefühl und gezücktem Phaser bewegte sich Dercoux gegen die Wand gepresst lautlos in die von Lemois angezeigte Richtung, während sich Lemois bemühte, den hinteren Eingang zum Lagerraum möglichst geräuschlos zu öffnen. Die groß gewachsene Nida durchquerte ihn wie alle ihr unbekannten Durchgänge sicherheitshalber mit gesenktem Kopf.

Sie folgte Lemois dicht an einer Reihe von aufgestapelten Kisten im recht vollgestopften, aber nur spärlich beleuchteten Raum vorbei in Richtung der nur gedämpft zu vernehmenden Stimmen. Beim Näherkommen erkannte Lemois Achut, der aufgeregt, aber trotzdem leise mit zwei Orionern redete; das Grün ihrer Haut ergab im Schein der schwach orange glimmenden Beleuchtung, die er für seinen Arbeitsplatz gewählt hatte, einen recht eigentümlichen Farbton.

„Poly-Jakmanit/Vendarit ist hier keins“, flüsterte Nida nach einer Tricorderblitzabtastung Lemois zu.

Lemois reagierte mit einem leeren Gesichtsausdruck und kroch gespannt Dezimeter für Dezimeter weiter in Richtung der seltsamen Versammlung.

„Ich hab‘ nichts mit der Sternenflotte am Hut“, verteidigte sich Achut gerade, es war der erste Satz, den die beiden Frauen problemlos vernehmen konnten.

„Das ist uns gleich“, erwiderte der kleinere der beiden Orioner. „Schaff‘ die Sache aus der Welt, dann haben wir uns nie gesehen.“

Lemois und Nida wechselten einen bedeutungsvollen Blick. Das Wichtigste war es schließlich immer, das richtige Timing zu erwischen...


„Spencer an Hwang!“

„Hwang hier. Haben Sie etwas, Captain?“, erkundigte sie sich neugierig.

„Ja, Sie haben Recht. Die Grisella sind definitiv gerade in ihrem kollektiven Winterzyklus, das angedockte Schiff ist jedoch ebenso definitiv grisellianischer Bauart. Es gibt jedoch neben grisellianischen Lebenszeichen auch geringe Spuren zalkonianischer DNA an Bord.“

Hwang brauchte einen Moment, bis sie begriffen hatte, warum Spencer Veranlassung hatte, das Wort zalkonianisch so übermäßig zu betonen.

„Ich... glaube, ich verstehe, Captain. Haben Sie Kom-Kontakt probiert?“

„Nein, haben wir nicht. Das ist zu riskant. Ermitteln Sie diskret“, gebot Spencer.

„Verstanden, Hwang Ende.“

„Captain, ein Signal von Chort. Eine einfache Nachricht ohne Rückkanal“, meldete Terk direkt im Anschluss an das Ende der Verbindung zu Hwang.

„Auf den Schirm“, wies Spencer an. Ein unheilvolles Gefühl breitete sich in seinem Magen aus, so als ob dieser bereits ahnte, was der Geist noch nicht wissen konnte.

Das bereits bekannte Bild Ethnys‘ in der großen Halle füllte den Hauptschirm. „Hohepriester Ethnys ruft Föderationsschiff Kennedy. Dringend! Nachkommen schlüpfen in vierundzwanzig Stunden. Sehr dringend!“ Das Bild verschwand wieder, so plötzlich es erschienen war.

MacDonnell, die auf der Brücke anwesend war, um die auf elementare Kontrollfunktionen beschränkte und deshalb bisher nur spärlich benutzte Maschinenkonsole so anzupassen, dass sie allen Erfordernissen einer Routineüberwachung der Gesamtheit der Schiffsfunktionen genügen würde, leitete diese Information sofort an DeFalco im Maschinenraum weiter.

„Vierundzwanzig Stunden“, wiederholte Spencer nachdenklich. „Da sollten wir eigentlich besser unterwegs sein...“ Er trommelte unruhig, aber still auf seine Sessellehne, die Polsterung dämpfte den Schall bis auf ein kaum merkliches Minimum.


„Und was bedeutet das nun?“, fragte Hwang halb-rhetorisch, die mit Hellmann und Karov immer noch vor dem geschlossenen Geschäft des Grisellianers Tan Bon stand.

„Das bedeutet“, erklärte Karov gestenreich und im Tone der größten Selbstverständlichkeit, „dass wir herausfinden müssen, was unsere Sphäre und der Mord an Shudar mit einem Zalkonianer zu tun hat, der vorgibt, ein Grisella namens Tan Bon zu sein und unter diesem Namen ein Geschäft mit Menos und Devar abgewickelt hat, die beide wiederum auch Shudars Kunden sind.“ Karov schüttelte sich, angesichts des höchst komplizierten Gefüges an Beziehungen der Verdächtigen untereinander. „Unseren Geheimdienst nicht zu vergessen“, ergänzte sie leise.

„Den Zalkonianern eilt nicht gerade der Ruf voraus, fleißige Händler zu sein“, brummte Hwang, die glaubte, Karovs Gedankengang in Gänze verstanden zu haben, ziellos. Ein Gedanke keimte langsam in ihr auf, der sich während der folgenden Worte Hellmanns immer weiter entfaltete.

„Der Geschäftsbetrieb dieses Tan Bon, das heißt, des Zalkonianers“, berichtete dieser verwirrt, nachdem er mit seinem Tricorder raschen Einblick in die gespeicherten Aufzeichnungen genommen hatte, „lief in den letzten Tagen ausgesprochen gut. Ein Dutzend Transaktionen bestimmt und in allen fungiert er als Zwischenhändler. Die Namen Shudar und Menos tauchen des Öfteren als Lieferanten oder Empfänger auf, aber niemals zusammen.“

„Geht es dabei um Informationen?“, fragte Hwang rasch, die ihren Gedankengang für diese Frage einen Moment lang unterbrach.

„Die Einzelheiten über die Transaktionen sind verschlüsselt“, antwortete Hellmann. „Shudars Aufzeichnungen jedoch weisen andere Schlüsselnamen auf, daher würde ich sagen, Informationen sind das hier nicht.“

„Gibt es ähnliche Schlüsselnamen bei Händlern hier auf der Station? Vielleicht sollten wir da suchen“, überlegte Karov.

„Technologie“, antwortete Hellmann nach längerem Nachdenken und Befragen seines Tricorders. „Wenn ich das Kodierungssystem richtig verstanden habe, gibt es vergleichbare Codes bei Geschäften, bei denen mit Technik gehandelt wird.“

Hwangs Gedanken rasten, allerdings zu ihrem Leidwesen (noch) ohne erkennbares Ziel. Shudar lieferte der Sternenflotte geheime Informationen über die Zalkonianer und tätigte mit einem Zalkonianer ebenso geheime Technologie-Geschäfte, genau wie Menos. Und Menos war derjenige, der das Schiff seiner Kundin Devar beschoss, nur Minuten, nachdem Shudar ebenfalls mit Mitteln hoch entwickelter Technik umgebracht worden war. Doch welche Rolle spielte die algiebanische Sphäre in diesem Konstrukt? Und wo waren sie hier bloß hineingeraten?

17

„Ich habe diese Informationen nicht, Alzo!“, gellte die von Verzweiflung erfüllte Stimme Achuts durch den düsteren Lagerraum. „Wenn Shudar sie hatte, hat er sie mit ins Grab genommen!“ Lemois und Nida liefen beim Widerhall Schauer über den Rücken. Sie fragten sich, wie es Dercoux und seiner Geduld ergehen mochte, alleine, verborgen, wartend im dunklen Gang.

„Das will ich nicht hoffen“, drohte der kleinere der beiden Orioner, der wohl Alzo hieß. „Umsonst haben wir diesen Aufwand nicht getrieben. Sie stehen in unserer Schuld, vergessen Sie das nicht!“

„Wir wollten doch... kooperieren!“, brachte Achut verstört hervor, doch Alzo wischte seine Aussage mit einer verächtlichen Geste ins Nichts. „Sie haben achtzehn Stunden Zeit, um die Information zu besorgen. Ansonsten...“

Mit seinem stummen Partner im Gefolge bewegte er sich in Richtung des Hauptzugangs, ein sprichwörtliches Häufchen Elend von Achut zurücklassend.

Mit hektischer Gestik wollte Lemois Nida dazu bewegen, den Weg zurück zu nehmen, den sie gekommen waren, doch diese war bereits vorausgekrochen. Lemois beeilte sich, mit ihr Schritt zu halten, ohne ihre Anwesenheit durch eine unbedachte Bewegung zu verraten.

Mit einer abrupt einsetzenden Handbewegung fegte Alzo eine Reihe aus der Ferne unidentifizierbarer Gegenstände von der dem Ausgang nächststehenden Haltevorrichtung, die geräuschvoll auf den harten Boden krachten. Lemois und Nida nutzten diese Gelegenheit, um ihr Verschwinden risikolos zu beschleunigen.


Dercoux erschrak, als zwei Gestalten mit Getöse den Lagerraum verließen und die bedrückende Stille auf dem Gang urplötzlich durchbrachen. Seine eigene Geräuschentwicklung in Folge des Schrecks ging glücklicherweise darin unter.

Er war unsicher, wie er verfahren sollte, schließlich war es eigentlich nur seine Aufgabe, den vorderen Ausgang zu bewachen. Die Versuchung war groß, den beiden Unbekannten zu folgen, doch das Risiko, dies ohne Anweisung und vor allem ohne Rückendeckung zu tun, wollte er nicht eingehen. Erleichtert war er, als seine Ohren ein eindeutiges Kommunikatorsignal von Lemois vernahmen. Er löste sich aus seinem Versteck und folgte den beiden, indem er jede sich bietende Deckung voll ausnutzte.

„Menos wird nicht erfreut sein“, murmelte der kleinere Orioner unvermittelt. Dercoux konnte diese Antwort nicht zuordnen, während er gleichsam versuchte, ungesehen an die beiden Anschluss zu halten, ohne Lemois und Nida die Chance zu verbauen, zu ihm aufzuschließen.


„Wenn es bei diesen Geschäften um Technologie geht...“, überlegte Karov, die zusammen mit Hwang und Hellmann ziellos über die betriebsamen Gänge schlenderte und mit ihnen nach dem erlösenden zündenden Gedanken suchte, „... kann man da nicht versuchen, die Ultraschallwaffen zu identifizieren?“

„Wenn überhaupt mit diesen gehandelt wurde“, warf Hellmann ein. „Daran verweigert uns den Zugang zu den Verschlüsselungsalgorithmen und das leider mit Recht.“

„Wie wäre es damit“, platzte Hwang plötzlich heraus und platzierte sich so, dass sie ganz dicht bei Hellmann und Nida stand. „Alkaid ist für die Zalkonianer eine Art Spionagezentrum“, flüsterte sie.

„Wenn dem so ist“, begann Karov, deren blaue Augen sich vor Einfällen und Gedankensprüngen unruhig in rascher Folge auf wechselnde Ziele fixierten, „... dann gibt es viele Möglichkeiten. Die Geschäfte sind vielleicht alle nur Tarnung. Oder was, wenn Menos Geheimagent des Zalkonianers ist und Shudar Doppelagent oder aktiver Spion gegen die Zalkonianer und nicht nur Informant?“, sprudelte es hastig aus ihr heraus. „Die finden es heraus und beauftragen einen ihrer Agenten, Shudar zu ermorden. Die Ultraschallwaffen passen auch.“

„Interessant“, fand Hwang. Hellmann beließ es bei einem skeptischen Blick.

„Ich bin Fan von Spionagethrillern“, verteidigte sich Karov, die Hwangs und Hellmanns Reaktionen nicht auf Anhieb einsortieren konnte.

„Und wo bleibt in dem Ganzen unsere Sphäre?“, fragte letzterer. „Ich bezweifle, dass es dem zalkonianischen Geheimdienst um eine Silizium/Duraniumkugel geht.“

„Vielleicht als Ablenkung“, schlug Karov vor, von Wort zu Wort unsicherer werdend. „Vielleicht auch gar nicht. Oder die Sache liegt wirklich einfacher, als wir denken.“

„Moment, Moment.“ Hwang war von der Abwegigkeit von Karovs Gedankengang bei weitem nicht überzeugt, im Gegensatz zu Hellmann oder Karov selbst. „Der Punkt im Zentrum ist Menos, wenn ich mich nicht täusche. Er ist einmal zu oft auffällig: Er steht in Verbindung mit dem Zalkonianer, er war Konkurrent von Shudar, sein Schiff ist wesentlich stärker bewaffnet als es sein sollte und er schoss nach dem Mord auf Devar, die etwas bei ihm gekauft hatte. Wir sollten Daran bitten, sich mit ihm eingehend zu befassen. Wegen der Sphäre... irgendwann werden wir vielleicht nebenbei eine Verbindung zu ihr finden.“


„Captain!“, rief Torrente, der dabei einen kleinen Sprung aus seinem Stuhl an der Einsatzleitung machte. „Wir erhalten gerade eine Nachricht von der Torvalds! Sie haben die dritte Sphäre und befinden sich auf einem Rendezvous-Kurs!“

Ein verdattertes „WAS??“, war alles, was Spencer hervorbrachte, in einer für seine Verhältnisse geradezu extremen Lautstärke. Erst in letzter Sekunde bevor seine Fingerkuppen wie automatisch seinen Kommunikator aktivieren wollten, fiel ihm siedend heiß ein, dass Lemois um Funkstille gebeten hatte. Unruhig dachte er nach, wenigstens etwas musste er tun.

„Fähnrich Thalvan, berechnen Sie einen Rendezvous-Kurs für die Torvalds, ausgehend von der Tatsache, dass wir in dreißig Minuten mit Warp 7.2 in Richtung Chort aufbrechen und übermitteln Sie ihr die Kursdaten, wenn Sie fertig sind.“

„Aye, Sir“, bestätigte Thalvan, der nach knappen drei Sekunden das Datenpaket auf den Weg bringen konnte.

Mit der Einsicht in seine eigene Machtlosigkeit erwartete Spencer jede Sekunde das erlösende Kommunikatorsignal Lemois‘.


Lemois und Nida hatten endlich zu Dercoux aufgeschlossen, als sie aus gebührender Entfernung mit im ersten Augenblick atemlosen Schrecken verfolgen mussten, dass die beiden Verfolgten in aller Seelenruhe den vor Kopf bereit stehenden Turbolift bestiegen und sie ohne Möglichkeit waren, etwas dagegen zu unternehmen. Sie sahen sich einer Sackgasse gegenüber und der Lift war zu weit entfernt; von den unangenehmen Folgen einer Entdeckung durch Alzo und seines stummen Partners nicht zu sprechen.

Mit wilder Entschlossenheit riss sich Lemois ihren Kommunikator von der Uniform und warf ihn bestenfalls grob gezielt, aber kraftvoll auf die ungefähre Mitte der Lifttüren zu. Er schrammte knapp zwischen den beiden sich aufeinander zu bewegenden Türhälften hindurch und landete sicher auf dem Boden der Kabine zwischen den Orionern, kurz bevor sich der Zugang endgültig schloss und der Lift in Bewegung geriet. Dercoux und Nida bedachten sich gegenseitig mit einem verzweifelten Ausdruck von Verständnislosigkeit.

„Daran!“, brüllte Lemois, die ein, zwei Schritte vorgetreten war, in Nidas Richtung, die geistesgegenwärtig auf ihren Kommunikator hieb. „Fähnrich Nida an Alkaid: Sicherheitschef Daran.“

„Daran hier“, meldete sich die zugehörige Stimme.

„Commander Lemois. Stoppen Sie den Turbolift von der untersten Ebene, in dem sie mein Kommunikatorsignal orten, schnell! Dort sind die Mörder Shudars!“

Daran blieb einige Sekunden still. „Der Lift ist gestoppt, wir werden uns um die Verdächtigen kümmern. Haben Sie ihre Sphäre?“

„Nein“, musste Lemois zu ihrer eigenen Überraschung kleinlaut eingestehen. Je länger sie auf Alkaid weilte, desto schwerer fiel es ihr und wohl nicht nur ihr, die Bedeutung des Mordes geringer zu schätzen als die Bedeutung einer Sphäre, bei der sich erst auf den zweiten Gedanken die enge Verbindung zum Wohl einer gesamten Spezies erschloss. Doch durch die Informationen, die sie beim nun folgenden Komm-Gespräch mit Spencer erhielt, wandelte sich ihre plötzlich aufgetretene Niedergeschlagenheit in ein deutlich positiveres Gefühl. Zusammen mit Nida und Dercoux, die natürlich mitgehört hatten, warteten sie unruhig auf den einsetzenden Transporterstrahl.


„Alle sechs sind an Bord“, meldete Torrente endlich.

„Dann nichts wie los“, bestimmte Spencer. „Wir verlassen Alkaid, informieren Sie Daran. Fähnrich Thalvan, nehmen Sie Kurs auf den berechneten Rendezvouspunkt mit der Torvalds! Warp 7.2!“

„Aye, Sir.“

„Spencer an DeFalco!“

„DeFalco hier!“

„Gerry, wir müssen einen Zahn zulegen. Mit Warp 7.2 kommen wir zu spät! Was kannst du machen?“

„Aus dem Stand nichts“, brummte DeFalco ratlos, aber gefasst. „Ich lasse mir was einfallen.“

„Okay, Spencer Ende.“

Das Außenteam betrat die Brücke, ohne die beiden Sicherheitswächter allerdings.

„Wir fliegen schon?“, erkundigte sich Lemois, die mit schnellen Schritten zu ihrem Platz eilte.

„Gerade eben“, antwortete Spencer, dem nebenbei auffiel, dass sich Lemois‘ Kommunikator nicht ganz an der Stelle befand, an der er üblicherweise befestigt sein sollte und dort zu allem Überfluss schief angebracht war.

Der von Karov abgelöste Rodriguez nahm an Terminal II Platz und verfolgte von dort die weiteren Geschehnisse.

„Und die ganze Arbeit umsonst.“ Lemois warf sich energisch in ihren Stuhl. „Gerade, als es anfing, spannend zu werden.“

„Da können sie mal sehen, welche Vorteile Teamwork bietet“, hielt Spencer dagegen. „Was brächte uns ein Mörder und keine Sphäre?“

„Vier Mörder“, verbesserte Lemois. „Der als Grisella getarnte Zalkonianer war Auftraggeber, Menos der Befehlsempfänger und zwei seiner Leute die Killer.“

„Das müssen Sie mir ausführlich erklären“, brummte Spencer.

„Nicht nur Ihnen, Daran auch“, erwiderte Lemois aufgekratzt. „Sonst hätte er uns keine Starterlaubnis gegeben.“

Von einer auf die andere Sekunde begann die Kennedy unruhig zu rappeln und nahm damit Spencer die Gelegenheit zu einer Entgegnung. Sirenen schrillten.

„Wir fliegen nicht mehr“, verkündete Hwang, die soeben Thalvan abgelöst hatte, aufgeregt. „Etwas blockiert uns.“

„Sie meinen Jemand?“, brummte Spencer, dem sich von einem Moment auf den anderen eine plötzliche Vorstellung des hintergründigen Zusammenhangs der gerade ablaufenden Ereignisse erschloss.

„Ursache?“, fragte Lemois währenddessen.

„Wir befinden uns in einem breit gefächerten Gravitonenfeld, ähnlich einem Traktorstrahl“, antwortete Torrente.

„Quelle?“

„Unbekannt“, meldete ein ratloser Hellmann, der sich an Terminal I niedergelassen hatte. „Ich versuche weiter, sie zu lokalisieren.“

„DeFalco an Brücke! Was ist los da oben? Stillstand bei laufenden Maschinen ist nicht gut!“, hallte es plötzlich aus Spencers Kommunikator. MacDonnell, die sich bis gerade mit der Konfiguration der Maschinenkontrollstation auf der Brücke befasst hatte, sah genervt auf. Unberechenbarerweise tendierte DeFalco also gelegentlich auch dazu, bei seiner Problemeinschätzung zu untertreiben...

„Ich habe keine Gewissheit, Gerry, aber eine Ahnung“, antwortete Spencer zögernd. „Welches Schiff ist uns am nächsten?“

„Die HSA, einer der Föderationsfrachter“, antwortete Karov ahnungslos.

„Beschießen Sie es mit einer konzentrierten Ladung invertierter Gravitonen“, ordnete Spencer schnell entschlossen an. „Tun Sie‘s“, fügte er hinzu, als Karov sich nicht sofort rührte.

Lemois‘ gerunzelte Stirn verriet nur wenig über die dahinter ablaufenen Denkvorgänge, sie versuchte um alles im Universum zu ergründen, was Spencer mit dieser aus heiterem Himmel erteilten und mehr als seltsamen Anweisung zu bewirken trachtete. Invertierte Gravitonen würden zwar gegen das Feld, dem sie momentan ausgeliefert waren, wirken, doch war ihr Einsatz weitest gehend sinnlos, wenn er sich nicht direkt gegen die Quelle richtete. Und warum sollte ein unschuldiger Frachter eine derart ungewöhnliche Maßnahme gegen ihren Abflug vornehmen, außer natürlich...

„Es hilft!“, rief Hwang erfreut, die es ebenso wenig glauben mochte, wie die übrige Brückenbesatzung. „Wir kommen frei!“

„Auf Warp 7.2, so bald wie möglich!“, befahl Lemois. „Und informieren Sie die Torvalds über unsere genaue Flugroute.“

Eine seltsame Spannung baute sich aus dem Nichts auf, Spencer hatte eine widersinnige Anweisung gegeben und nichtsdestoweniger damit Erfolg gehabt. Ein kollektives, unsichtbares Fragezeichen ausgehend von der übrigen Brückenbesatzung formte sich in der angedeuteten Kuppel oberhalb von der Kommandositzgruppe.

„Wir sind auf Warp, Captain, Rendezvous mit der Torvalds in fünfundvierzig Minuten“, meldete Hwang erleichtert. Sie wandte sich mit einem fragenden Gesichtsausdruck zu Spencer. „Verraten Sie mir bitte eins, Captain“, bat sie. „Was war das gerade?“

Er zeigte einen leeren Gesichtsausdruck und zögerte mit der Antwort. „Wir waren schon ziemlich weit von der Station weg. Warum soll nicht das Schiff, dass uns am nächsten ist, der Verursacher sein?“, fragte er treuherzig, begleitet von einem Achselzucken.

„Und ich glaube sogar“, raunte Lemois ihm zu, „dass die HSA in den nächsten Tagen einem nicht aufklärbaren Unfall zum Opfer fallen wird.“

„Das ist keineswegs abwegig, Commander“, murmelte Spencer zurück und rang danach um einen entspannten Gesichtsausdruck, indem er seine plötzlich aufgetretene innere Unruhe bekämpfte.

Erkenntnis reifte nach und nach in den anwesenden Führungsoffizieren nach dem bewusst eine Spur zu laut geführten Wortwechsel Spencers und Lemois‘; dagegen vergrößerte sich die Verwunderung in den Gesichtern MacDonnells, Torrentes und Rodriguez‘ unablässig weiter und genügte, das Ausmaß und die beinahe schreiende Eindringlichkeit des unverändert und unsichtbar präsenten Fragezeichens sogar noch ein wenig zu vergrößern.


„Zwei! Eins! Los!“, rief Sicherheitschef Daran von der Alkaid-Station. Auf seine Worte hin stürmen fünfzehn Mann der Stationssicherheit die kunstvoll verzierte Schleuse zum Grisellaschiff, er selbst blieb mit seinem Adjutanten in sicherer Entfernung zurück. Es dauerte nur kurze Zeit, bis sein Sicherheitsteam zurückkehrte, einen sich in seinen Handfesseln windenden und in traditioneller Uniform gekleideten Zalkonianer stolz präsentierend. Auf eine knappe Handbewegung Darans hin führten ihn vier seiner Leute ab, er folgte ihnen.

„Die von der Sternenflotte sind gar nicht mal übel“, murmelte er, jedoch so, dass es nur sein Adjutant hören konnte. Sicherheitshalber erwiderte dieser nichts.

Nach kurzem Marsch war die Gruppe im großräumigen Vernehmungszimmer eingetroffen; der dort bereits unruhig herumsitzende Menos erschrak sichtlich, als der Zalkonianer hereingeführt wurde.

„Ich sehe, sie kennen sich! Begrüßen Sie sich doch auf ihre übliche Weise!“, ermunterte ein überaus zufriedener Daran.

Während die Gesichtsmuskulatur Menos‘ weiterhin nicht seiner eigenen Kontrolle oblag, blieb der Zalkonianer stumm und kalt wie Eis.

Das im Anschluss folgende Verhör der beiden Gefangenen wurde beobachtet von einer kaum daumennagelgroßen Vorrichtung, die unauffällig und farbecht in die Decke eingelassen war, von niemandem bemerkt wurde und technologisch eindeutig der Sternenflotte zuzuordnen war, wenngleich diese weder blinkte, leuchtete, oder summte.


„Wie halten wir es mit unserer weiteren Informationspolitik Alkaid gegenüber?“, wollte Spencer nach einigen Minuten von Lemois wissen.

„Ich habe Daran bereits über die uns bekannten Fakten informiert. Im Gegenzug wird er uns das Endergebnis seiner Ermittlungen zukommen lassen.“

„Sagen Sie, betreiben Sie mit ihm nur Handel auf Gegenseitigkeit?“, brummte Spencer.

„Ja, Captain“, erwiderte Lemois eingeschnappt. „Zuletzt kamen wir recht gut miteinander aus.“

„DeFalco an Brücke! Mir ist was eingefallen!“, meldete sich Spencers Kommunikator plötzlich und trug mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht dazu bei, Lemois‘ Wohlbefinden zu vergrößern.

„Ich höre“, brummte Spencer erwartungsvoll.

„Die Torvalds könnte doch unsere beiden Sphären zusätzlich übernehmen und sie mit Warp 8 nach Chort fliegen“, schlug DeFalco vor. „Dann müssen wir nicht unseren Warpantrieb überlasten und wir machen Teamwork im großen Stil. Das sollen wir ja alle seit neuestem“, schloss er respektlos.

Hwang zuckte unwillkürlich zusammen bei der Verwendung des Wortes ‚Teamwork‘, hatte doch ein kurzer Blick ihrerseits zu Torrente und MacDonnell genügt, um dem versichert zu sein, was sie seit dem Abflug von Alkaid gefühlt hatte. Für einen Moment wollte sie instinktiv M‘Boya auf die Brücke rufen, beschloss dann aber, noch einen Augenblick abzuwarten.

„Daran habe ich auch schon gedacht“, antwortete Spencer wie automatisch auf DeFalcos Vorschlag. „Aber zum einen ist die Torvalds anderweitig terminlich gebunden und zum anderen beträgt ihre Höchstgeschwindigkeit nur Warp 7.5. Schneller als sie werden wir allemal sein, oder?“

„War nur ‘ne Frage“, erwiderte DeFalco enttäuscht. „Wann kommst du runter?“

„Wenn wir die Sphäre haben, in gut zwanzig Minuten.“

„Okay, DeFalco Ende.“

Als gedämpfte akustische Signale von der Kommandositzgruppe ertönten, die auf die Fortsetzung der Beschäftigung Spencers mit Warpfeldgleichungen hinwiesen und ein kurze Betrachtung des Gesichtsausdrucks Lemois‘ ihr verriet, dass diese wahrscheinlich gerade an die verschiedensten Dinge in der Vergangenheit und Zukunft dachte, nicht aber an die aktuelle Lage, setzte Hwang ihr vorhin angedachtes Vorhaben in die Tat um. M‘Boya würde schon einen Grund finden, ihre Anwesenheit auf der Brücke zu begründen...

War sie wirklich die einzige, der auffiel, wie und vor allem warum Torrente und MacDonnell stumm und verbissen an ihren Stationen die ihnen zugedachten Arbeiten erledigten oder warum Rodriguez vorhin so abrupt von der Brücke verschwunden war? Für sie musste es ganz klar so aussehen, als würde den hehren Worten Spencers bezüglich Teamarbeit bei der Besprechung nach dem Fehlschlag auf Phad wenig mehr als heiße Luft folgen. Aber wie sollte man ihnen auf der anderen Seite begreiflich machen, dass der Grund, sie nicht miteinzubeziehen, einzig die hohe Geheimhaltungsstufe darstellte? Und standen ihr momentan wirklich keine andere Handlungsmöglichkeiten außer einer plumpen Hinweismöglichkeit an Spencer zur Verfügung, der in Folge eines solchen nach wenigen Sekunden seinen Fehler einsehen und wahrscheinlich ergebnislos nach einer Möglichkeit sinnen würde, die verfahrene Situation ohne noch größeren Gesichtsverlust seinerseits retten zu können.

Zweimaliges, gelassenes Zischen der Turbolifftüren kündigte die Ankunft M‘Boyas an, die es sich ohne ein Wort zu sagen auf dem Platz des Missionsbegleiters bequem machte und auf dessen Monitor eine auf wenige Worte komprimierte Lageeinschätzung Hwangs las.

„Ah, Doktor“, ließ sich Spencer einige Sekunden zu spät vernehmen. „Was treibt sie denn hierher?“

M‘Boya suchte fieberhaft nach einer passenden Antwort. „Meine Arbeit, Captain. Sie ist noch nicht beendet“, erwiderte sie und beobachtete ihn mit unverändert durchdringendem Blick. Er versuchte, zwei, drei Sekunden lang die verborgene Andeutung zu erfassen, offenbar ergebnislos, und vertiefte sich wieder in seine Berechnungen. Die durch ihn halb-verdeckte Lemois machte nicht den Anschein, als hätte sie mit mehr als einem halben Ohr zugehört.

Hwang und M‘Boya tauschten einen hilflosen Blick während Karov genau zur rechten Zeit von ihrer Station aufsah, erschlossen sich doch auch ihr so langsam die Zusammenhänge...


Daran hatte sein Verhör mit dem gewünschten Ergebnis abgeschlossen, er hatte zwar keine Geständnisse erreicht, aber mehr als genügend Indizien, die für eine Verurteilung des Zalkonianers, Achuts, Menos‘ und seiner beiden Gehilfen genügen würden.

Beinahe zeitgleich löste sich das Föderationsfrachtschiff HSA aus der Gruppe von Schiffen um Alkaid, beschleunigte auf Warp und verschwand in den Tiefen des Alls.


„Wir nähern uns der Torvalds“, gab Hwang geschätzte fünfzehn Minuten nach Eintreffen M‘Boyas bekannt.

„Programmieren Sie den Computer auf automatische Rendezvousdurchführung!“, wies Lemois an, die jetzt wieder voll konzentriert war.

„Schon passiert“, murmelte Hwang. Zeitgleich mit ihrer Aussage kehrte die Kennedy in den Normalraum zurück.

„Die Torvalds ist ebenfalls unter Warp“, berichtete Torrente überflüssigerweise und mit einer leicht zu überhörenden Schärfe in der Stimme. Zu seiner Besänftigung war die Vergrößerung und die Sichtrichtung des Hauptschirms zufällig so geschaltet, dass die Rumpfaufschriften und die Registriernummer des Schiffes der Shogun-Klasse klar zu lesen war: NCC-22190. Seine Optimierungen der automatischen Anpassungsroutinen der visuellen Sensoren, die er erst kürzlich als Verbesserung angeregt hatte, zeigten erste Früchte.

„Schiff zu Schiff-Verbindung“, ordnete Spencer an und kam damit seinem Kollegen von der Torvalds ein paar Sekunden zuvor.

„Commander Spencer, U.S.S. Kennedy“, stellte er sich vor, nachdem das Abbild der Brücke der Torvalds das Außenbild auf dem Hauptschirm ersetzt hatte. „Ich bin mehr als froh, dass Sie hier sind.“

„Captain Michaelis von der Torvalds. Ich grüße Sie. Am besten, wir verlieren keine Zeit, Captain?“

Sein Gegenüber war direkt, aber höflich, das gefiel Spencer. „Einverstanden. Sie übermitteln die Zielkoordinaten und wir beamen?“

Es genügte ein Blick Michaelis‘ an ein nicht sichtbares Crewmitglied der Torvalds, um den Datentransfer durchzuführen.

„Mr. Torrente, den Transport einleiten“, wies Spencer an, nachdem akustische Signale auf den erfolgreichen Empfang der Koordinaten hindeuteten.

„Wir haben die Sphäre erhalten“, meldete dieser nach wenigen Sekunden unwillig.

„Captain Spencer...“, begann Michaelis erneut, dieses Mal mit Sorgenfalten auf der Stirn, „... darf ich Sie darauf hinweisen, dass ihr Rumpf Reste einer gravitonischen Signatur aufweist?“

„Blitzmerker“, murmelte MacDonnell unbedacht und leise vor sich hin.

Spencer legte irritiert seinen Kopf schief und bemerkte gerade rechtzeitig die Sackgasse, in der er sich befand. Lemois übernahm für ihn die Antwort: „Wir wissen Bescheid, Captain Michaelis. Eine seltene Raumanomalie, die wir unlängst erforschten...“

Michaelis hob verstehend beide Augenbrauen. „Dann ist ja alles in Ordnung. Wir müssen weiter.“

„Wir ebenfalls.“ Spencer übernahm wieder die Gesprächsführung. „Nochmals vielen Dank für ihren Kurierflug.“

„Keine Ursache, Captain. Wir helfen gerne dabei, eine Spezies zu retten. Michaelis Ende.“

„Wir nehmen direkten Kurs auf Chort, Warp 7.2!“, wies Lemois an, kaum dass der Kanal geschlossen worden war. „Beschleunigen!“

„Kurs liegt an, Ankunftszeit knappe vierzehn Stunden“, flötete Hwang, die die Kennedy in unbewusster Abstimmung mit dem Steuermann der Torvalds eine gewagte Schleife fliegen ließ, bevor sie sie auf Warp beschleunigte.

„Zu dumm, dass wir darüber nicht reden durften“, brummte Hellmann halblaut.

„Geheim ist nunmal geheim“, fügte Hwang rasch und etwas zu lautstark hinzu. Sie wäre Hellmann am liebsten um den Hals gefallen, hätte er sich nicht am entgegengesetzten Ende der Brücke aufgehalten. Schließlich waren Torrente und MacDonnell dank seiner wahrscheinlich spontan geäußerten Bemerkung nun mit einigem Nachdenken in der Lage, sich einen ungefähren Reim auf den Alkaid-Vorfall zu machen. Es war zwar in den folgenden Tagen damit zu rechnen, dass die Spekulationen unter den niederen Rängen wild ins Kraut schossen, aber eine rege Stimulation der Fantasie der Crew war schließlich kaum als negativ zu bezeichnen...

Spencer und Lemois beschränkten sich im selben Augenblick darauf, einen erleichterten Blick zu tauschen und sich wieder in ihre Arbeit zu vertiefen, ersterer bereitete sich darauf vor, DeFalco im Maschinenraum aufzusuchen. Jetzt galt es, rechtzeitig auf Chort anzukommen, auch wenn das bedeutete, die Naturgesetze, die den Warpantrieb betrafen, etwas zu dehnen.

Zusammen mit einer geheimnisvoll und zufrieden lächelnden M‘Boya verließ Spencer die Brücke und überließ Lemois die uneingeschränkte Herrschaft über die Kommandositzgruppe.

18

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21717.5, Commander Spencer: [18.09.2344 14:31:12]:

Wir haben die letzte gesuchte Sphäre von der Torvalds erhalten und fliegen mit höchstmöglicher Geschwindigkeit zum Chort-System, zur Zeit Warp 7.2. Um allerdings rechtzeitig dort anzukommen, müssen wir innerhalb der nächsten halben Stunde mindestens Warp 8 erreichen, stabil und dauerhaft.

„Hallo, Captain“, begrüßte DeFalco ihn nach seinem Eintreffen im Maschinenraum. „Deine Rechnereien von gerade waren gar nicht mal so übel. Sie schmecken den Systemen recht gut, zumindest in der Simulation .“

„Wie weit seid ihr?“

„Warp 7.7 könnte drin sein mit ein bisschen Feinarbeit.“

„Na dann zeig‘ mal“, forderte Spencer.

DeFalco geleitete ihn zum zentralen Kontrollpult und zeigte ihm zusammen mit MacDonnell die gewünschten Informationen.

„Das mit der Warpfeldausdehnung hat also funktioniert“, stellte Spencer erfreut fest. „Was habt ihr schon alles probiert?“

„Alles bis auf die Reorientierung des Dilithiumkristalls“, versicherte DeFalco mit einem Augenzwinkern. „Mehr können wir aus unseren Schrottsystemen nicht rausquetschen.“

„Außer natürlich“, ergänzte MacDonnell, „wir rejustieren die direkte Energiezuleitung.“

DeFalco schüttelte energisch den Kopf. „Das hatten wir doch schon: Unser ist Energiefluss zu unregelmäßig. Die Schwankungen liegen immer noch knapp unterhalb der Grenzwerte oder auch oberhalb.“

„Immer noch?“, wunderte sich Spencer.

„Ja, immer noch“, schnappte DeFalco ärgerlich. „Wir finden die Störquelle nicht! Irgendwas pulst hier durchs EPS, ich habe keine Ahnung was!“

„Dafür sind die Systeme jetzt soweit, dass sie die Schwankungen vertragen, ohne auszusteigen“, ergänzte MacDonnell.

Spencer zuckte die Achseln. Immer diese Merkwürdigkeiten auf seinem Schiff... „Können wir 7.7 risikolos im Echtbetrieb fahren?“

„Ich denke“, erwiderte DeFalco. „Sollen wir, auch wenn es Energie frisst?“

Spencer nickte wortlos und nachdenklich. DeFalco gab die Information an die Maschinenkontrolle auf der Brücke weiter, an der Walker und Chen im Moment die Schiffssysteme im Echtbetrieb überwachten. Das Surren des Warpreaktors intensivierte sich sofort.

MacDonnell hatte gerade dem Simulationsmodus die aktuellen Betriebsparameter eingespeist und wollte schon fortfahren, als DeFalco sie zurückhielt.

„Irgendwas stimmt nicht“, murmelte er.

„Was?“, wollte Spencer wissen.

„Die Lichtsäule da hinten.“ DeFalco zeigte auf den farblich oszillierenden Reaktorkern. „Der Rhythmus stimmt nicht.“

„Klar“, warf MacDonnell belehrend mit verzogenem Gesicht ein. „Wir waren noch nie so schnell mit diesen Systemen.“

„Nein, nein“, erwiderte DeFalco energisch. „Das meine ich nicht.“ Er vollführte einige rasche Abfragen an der einzig im Echtbetrieb verbliebenen Station.

„Und?“, fragte MacDonnell scharf.

„Sag‘ ich doch!“, rief DeFalco triumphierend. „Ein mittleres Ungleichgewicht in der Phasenvarianz des Plasmastroms. Ich gleiche es aus.“

„Was du alles hörst...“, wunderte sich Spencer.

„Sei froh, sonst hätten wir bald einige Probleme gehabt!“, erwiderte DeFalco.

„Ich bin auch froh“, gab Spencer zurück. „Noch viel froher wäre ich, wenn wir endlich Warp 8 kriegen würden.“

„Wie wäre es mit einer Änderung der Zykluszeiten der Plasmainjektoren?“, überlegte MacDonnell.

„Der Computer hat doch die Zeit berechnet. Warum das wieder ändern?“, wollte DeFalco wissen.

„Er kennt unser System nicht mit den Macken“, entgegnete MacDonnell. „Wir sollten es versuchen!“

„Ich denke, in fast einem Monat sollte er das inzwischen kennen gelernt haben. Wie wär's mit einer Optimierung der Reaktionssequenz?“, schlug DeFalco vor.

„Ich sehe da keine Optimierungsmöglichkeiten“, wandte Spencer ein.

„Dann müssen wir das anders machen!“, rief MacDonnell, die jedoch eine Erläuterung schuldig blieb, was genau sie mit ‚anders‘ im Sinn hatte.

„Das mit der direkten Energiezuleitung vorhin war gar nicht mal so schlecht“, brummte Spencer unvermittelt.

„Wie bitte?“, knurrte DeFalco. „Damit ruinieren wir uns doch nur den Antrieb! Außerdem ist das Energieverschwendung“

„Moment“, warf Spencer ein. „Wenn wir die Gesamtenergiemenge, die wir verbrauchen, reduzieren, reduzieren wir auch die Schwankungen. Wenn wir sie weit genug reduzieren, können wir die direkte Zuleitung vielleicht doch riskieren, Verschwendung hin oder her. Oder sieht jemand eine andere Möglichkeit?“

„Nee“, brummte DeFalco. „Die müssten wir erst erfinden und danach ist mir heute nicht. Dazu müssten wir aber alles mögliche abschalten.“

Spencer nickte ungerührt. „Wir sollten aus jeder Abteilung jemanden holen, der die verzichtbaren Systeme bestimmt.“

DeFalco tauschte einen direkten Blick mit Spencer. „Verstehe.“


Rodriguez und Dercoux hatten gerade die Sicherheitszentrale für sich allein während sie routinemäßig die Berichte der Sternenflotte über taktisch möglicherweise relevante Aktivitäten der letzten Tage durchsahen.

„So schweigsam heute?“, wunderte sich Dercoux, der bei allen Gelegenheiten, bei denen er mit Rodriguez zusammengearbeitet hatte, mit diesem wenigstens einige freundliche Worte gewechselt hatte.

Rodriguez‘ einzige Reaktion waren einige undefinierbare Knurrlaute.

„Was ist denn los? Etwa Ärger mit Karov?“

Dercoux‘ Worte regten Rodriguez zu einem spontanen, kleinen Lächeln an. „Nein. Es ist einfach alles komisch.“

Dercoux runzelte die Stirn. „Wieso?“

„Zum Beispiel wird uns zuerst allen Teamwork verordnet und kaum zwei Tage später wird das größte Geheimnis darum gemacht, warum wir beim Abflug von Alkaid aufgehalten werden. Die hohen Acht wissen Bescheid wie immer und wir anderen bleiben dumm.“

„Jetzt wo Sie es sagen...“ Dercoux hielt inne. „Auf Alkaid war auch was Merkwürdiges. Nida und ich begleiteten Lemois zu einer Lagerhalle während Hwang, Hellmann und Karov mit irgendwas anderem beschäftigt waren. Wir wussten nicht, was. Warum Nida und ich Lemois begleiten sollten und die anderen drei alleine ermittelten, weiß ich auch nicht.“

„Vielleicht fängt man da oben jetzt an zu spinnen“, überlegte Rodriguez. „Wenn das so weiter geht, hab‘ ich bald keine Lust mehr. Ich will wissen, was das soll!“

„Ich frage mich auch, was hier los ist“, pflichtete Dercoux bei. „Auf der Cousteau früher war das viel besser.“

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