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Star Trek: Kennedy
5. Debüt mit Schwierigkeiten

Version 2.0, 23.11.2000

Korrigiert nach der neuen Rechtschreibung.

© Copyright 1998-2000 Andreas Drechsler. Alle Rechte vorbehalten.

E-Mail: ADrechsler@gmx.net

Homepage: http://beam.to/USSKennedy

1

Persönliches Logbuch, Commander Spencer, Sternzeit 21615.7: [12.08.2344 08:18:32]

Nach vierwöchiger Reise auf dem Transportschiff Io nähern wir uns nun dem Sol-System. Ich freue mich darauf, mein neues Schiff, die U.S.S. Kennedy, zu übernehmen und hoffe, dass ich nun nach den Extremsituationen auf der Magellan besser auf die Erfordernisse eines Kommandos vorbereitet bin.

Gerade als Spencer auf den Ausschaltknopf seines Logbuchs drückte und dabei aus dem Fenster sah, konnte er beobachten, wie aus den vorbeiflitzenden Warpsternen langsam vorbeigleitende Leuchtpunkte wurden, das heißt, das Transportschiff verlangsamte auf Impulsgeschwindigkeit, um in das Sol-System einzutreten. Erst nach einigen Sekunden wurde er sich klar, dass er diesen Effekt, den er seit langer Zeit gewöhnt war, plötzlich wieder bewusst erlebte. Rasch erhob er sich, zupfte seine neue Uniform glatt, ergriff seine bereit stehenden Sachen und warf einen letzten, halbherzigen Kontrollblick hinter sich, bevor er seine Heimstatt der letzten Wochen gemächlichen Schrittes verließ.

Er beschloss, nachdem er seine Sachen im Transporterraum abgestellt hatte, die verbleibende Zeit, bis sie bei den Utopia-Planitia-Flottenwerften im Marsorbit einträfen, auf einem der Aussichtsdecks zu verbringen.

Er musste einige Sekunden warten und sich neben dem Eingang positionieren, bis er eintreten konnte. Er schätzte, dass etwa zwanzig Personen gerade dabei waren, den Raum zu verlassen, jetzt da die Reise nur noch wenige Minuten dauern sollte. Unter ihnen waren einige Sternenflottenoffiziere, aber auch Zivilisten, da jeder an Bord der Io gehen konnte, der die nötige Menge an Credits aufbringen konnte. Ihre teilweise recht eigentümlichen Blicke ignorierte er.

Er hatte genau mit diesem Fall gerechnet und sich innerlich darauf eingestellt, bis zum Eintreffen auf Utopia Planitia auch in diesem Raum das Alleinsein zu finden. Zu seiner Überraschung war dem jedoch nicht so.

An einem Tisch in der Ecke saß Lieutenant Karov, sie war gerade dabei, die Tischplatte ausgiebig zu mustern. Sie war ebenfalls an Bord, da ihre und Spencers Reiseroute naturgemäß identisch war, beider Ausgangsort war Sternenbasis 53 und beider Ziel Utopia Planitia. Auf der Reise selbst waren sie sich jedoch kaum begegnet, da er sich größtenteils in sein Quartier zurückgezogen hatte, zur ,Selbstfindung', wie er es in seinen persönlichen Logbucheinträgen formuliert hatte.

Im Hintergrund ertönte eine schnarrende Lautsprecherdurchsage. "Alle Passagiere mit den Reisezielen Jupiter, Europa, Ganymed oder Kallisto werden gebeten, sich zum Ausgang auf Deck 7 zu begeben."

"Sie hier, Lieutenant?", fragte Spencer, der damit Karov unsanft aus ihren Gedanken entführte.

"Sir?", fragte sie im ersten Schreck.

Spencer hob entschuldigend die Hand. "Ich wollte sie nicht erschrecken, Lieutenant. Ich hatte nicht erwartet, sie hier vorzufinden." Er sah aus dem Fenster und suchte Kraft zu finden in den weit entfernten Sternen. Auch der gerade ablaufende Andockvorgang konnte ihn nicht ablenken.

"Ist schon in Ordnung, Captain", meinte sie. "Haben Sie schon gehört?"

"Was denn?", fragte Spencer nach einem kurzen Moment der Stille.

"Es kam gestern auf dem Sternenflottenkanal. Die Urteile gegen Commander Bengasi und Lieutenant Bengtsson."

Spencer blickte weiterhin hinaus und sagte für einen Augenblick nichts. Die Io nahm wieder Fahrt auf und steuerte auf ihr nächstes Ziel zu.

"Ich habe es gelesen", antwortete er gedankenvoll. Es entstand ein weiterer Augenblick des Schweigens.

"Und was meinen Sie dazu, wenn es Ihnen nichts ausmacht?", fragte Karov, der es nicht gerade leicht fiel, die Schwere der Lautlosigkeit zu durchbrechen. Sie erhob sich und stellte sich, den gebotenen Respektabstand einhaltend, neben Spencer. Sie sah ebenfalls hinaus. In einiger Entfernung schwebte der Jupitermond Phoebe vorbei.

"Ich weiß nicht, was ich davon halten soll", meinte Spencer. Sowohl gegen Commander Bengasi als auch gegen Lieutenant Bengtsson wurde eine Degradierung zum Lieutenant junior grade verhängt, Bengasi wurde zudem mit sofortiger Wirkung in eine Stelle der Verwaltung versetzt. "Leicht werden beide es nicht haben in ihrem zukünftigen Leben."

Karov vollführte eine zustimmende Kopfbewegung. "Da ist noch eine Sache, die ich Sie die ganze Zeit schon fragen wollte. Ihre Aussage gegen die beiden war ziemlich defensiv formuliert. Warum?"

Spencer atmete tief und hörbar durch und legte sich die Antwort zurecht, doch eine zweite Lautsprecherdurchsage ersparte sie ihm. "Alle Passagiere mit dem Reiseziel Mars werden gebeten, den Durchgang zu den Mars-Spaceports auf Deck 7 aufzusuchen. Sternenflottenpersonal wird angewiesen, sich zum Transfer nach Utopia Planitia im Transporterraum auf Deck 5 einzufinden."

"Ich schlage vor, wir machen uns auf. Die Zukunft wartet", meinte Spencer halblaut. Karov nickte stumm und folgte ihm zum Transporterraum. Da war etwas in Spencers Art, dass sie innerlich sehr bewegte und von einer Wiederholung ihrer Frage abhielt. Zeitgleich mit ihnen traf dort ein junger, Spencer unbekannter Fähnrich ein.

"Commander Robert Spencer, Lieutenant Nataljia Karov, Fähnrich Dean Kreis?", fragte der Transporteroffizier, nachdem ihn ein Signal auf seiner Konsole aus seiner Erstarrung geweckt hatte. Die Drei nickten. "Bereit zum Beamen", informierte er sie.

Spencer ergriff sein abgestelltes Gepäck und stellte sich auf die Transporterplattform. "Kommen Sie!", forderte er die beiden auf, die ihm den rangmäßigen Vortritt gelassen hatten. Sie folgten seiner Aufforderung.

"Energie!"

Sie materialisierten im Haupttransporterraum der Werft. Spencer stieg von der Plattform herunter, Karov folgte ihm. Der unbekannte Fähnrich entschwand rasch durch die Tür.

Am Ausgang wartete eine blonde Frau mit den Abzeichen eines Lieutenant Commanders. Sie war etwas kleiner als Spencer, strahlte aber ein gewisses, nicht näher zu bestimmendes Maß an innerer Unruhe aus. Doch da war auch etwas an ihr, das ihn in seiner inneren Sicherheit bestärkte.

"Captain Spencer, nehme ich an?" fragte sie ihn.

"Ja. Und Sie sind... ?", fragte Spencer, obwohl er genau wusste, wer die Person war, die vor ihm stand.

"Lieutenant Commander Veronique Lemois. Ihr neuer Erster Offizier, Sir." Sie blickte ihn vergnügt an.

"Sie haben hier gewartet?" fragte er kurz angebunden.

Sie nickte, nun weniger vergnügt als zuvor. "Ja, Sir. Wenn Sie mir bitte folgen wollen. Die Kennedy ist bereit an Dockschleuse 2, Captain."

"Ich kenne den Weg, Commander", stellte Spencer fest und marschierte ungerührt voraus, Lemois folgte ihm kopfschüttelnd und Karov bildete stillvergnügt den Schluss.

"Sagen Sie, Commander, wie sieht's mit der Mannschaft aus?" fragte Spencer unterwegs, indem er sich im Laufen umwandte.

"Ein Teil ist bereits hier seit einigen Stunden bei der Arbeit. Die übrigen treffen heute und morgen ein", erwiderte sie. Spencer genügte die Antwort, er sagte nichts weiter.

Nach kurzer Zeit erreichten Sie die Dockschleuse, an der bereits die anderen Führungsoffiziere warteten, die sich zu seiner Begrüßung in einer Reihe aufgestellt hatten. Lemois und Karov gesellten sich schnell zu ihnen. Spencer verzog das Gesicht in Erwartung des üblichen Rituals der offiziellen Kommandoübernahme. Ein unbekannter Fähnrich am Rande der Szenerie traf letzte Vorbereitungen, den Bootsmannspfiff ertönen zu lassen; durch einen unmissverständlichen Wink konnte Spencer dieses unverständlicherweise immer noch nicht aus der Mode geratene Ritual jedoch in letzter Sekunde verhindern.

"Computer!" Spencer schritt zur Computerkonsole, die vor dem Durchgang angebracht war.

"Bereit", antwortete dieser.

"Identifiziere Spencer, Commander Robert Andrew. Dienstnummer 2839484-66. Danach Kommandocodes übertragen."

"Identifikation bestätigt. Übertrage Kommandocodes. Bitte Sicherheitscode festlegen!" sagte der Computer danach.

"Kommandocodes sind nun übertragen. Commander Robert A. Spencer ist hiermit offiziell als neuer Kommandant der U.S.S. Kennedy bestätigt", meldete der Computer nach Spencers Eingaben vernehmlich.

"Danke, Computer." Spencer wandte sich sich zu den versammelten Führungsoffizieren, um, in der Absicht, das übliche Begrüßungsritual rasch hinter sich zu bringen.

Er trat Lemois genau gegenüber. "Ich danke für die Eskorte, Commander." Er versuchte, sein Verhalten gegenüber Lemois nicht allzu unfreundlich zu gestalten. Schließlich lernt man ja aus seinen Fehlern...

"Nichts zu danken, Sir." Sie blickte Spencer offen an.

Er ging weiter, als nächstes war Hwang an der Reihe.

"Schön Sie wiederzusehen, Lieutenant."

"Ich freue mich auch, Sir." Sie lächelte freundlich, genau so wie Spencer sie in Erinnerung hatte.

Der Bolianer Terk, der die Einsatzleitung besetzen würde, war der nächste.

"Lieutenant." Spencer kannte ihn nicht und wählte deshalb den formellen Gruß.

Das "Sir", mit dem er antwortete, war ebenso formell und kühl. Terk schien sich nicht sonderlich wohl zu fühlen, aber das war in seiner Lage auch nicht weiter verwunderlich.

Neben Terk stand DeFalco, nicht ganz so gerade, wie es das Protokoll erwartete.

"Hallo Gerry, alles klar?"

"Hallo, Captain. Aber sicher." Er grinste breit.

Spencer ging weiter. "Dr. M'Boya", grüßte er formell, doch weniger streng als bei Terk vorhin.

"Captain", erwiderte sie ebenso höflich. Sie waren zwar fast ein Jahr auf dem gleichen Schiff gewesen, hatten aber recht wenig miteinander zu tun gehabt. Was Spencer ihr jedoch nie vergessen würde, war der emotionale Beistand, den sie ihm nach dem Angriff der Cardassianer hatte zuteil werden lassen und der ihm erst ermöglicht hatte, diese Stunden mit klarem Kopf zu überstehen.

Karov war die nächste in der Reihe. "Gute Reise gehabt?" fragte Spencer, nach außen hin unbelastet von diesem kurzem Flashback.

"Ja, Sir. Ich bin froh, hier zu sein." Obwohl sie aufrecht stand, schien sie doch voller Ungeduld darauf zu warten, ihr neues Schiff zu betreten.

Hellmann bildete den Schluss. "Sie auch hier, Mr. Hellmann?"

"Ich freue mich, dass es wieder losgeht, Captain", antwortete Hellmann entspannt, aber bestimmt.

"Ich ebenso", versicherte ihm Spencer leise. Hellmann lächelte verstehend, denn schließlich hatte er die letzten drei Monate an Bord eines Forschungsschiffes mit der ausführlichen Erforschung eines nicht sonderlich wichtigen Nebels (wie sich leider erst im Nachhinein herausgestellt hatte) verbracht.

Spencer trat zwei Schritte zurück und rief, nun mit lauter Stimme: "Also: Sie können jetzt an Bord gehen und ihre Arbeit wiederaufnehmen. Verschaffen Sie sich einen Überblick über ihre Abteilung und bringen Sie so viele Systeme wie möglich zum Funktionieren. Morgen um 9:00 wird eine erste Konferenz stattfinden, so eine Art Bestandsaufnahme. Fürs erste wäre es das."

Spencer hielt Lemois auf, während nacheinander Hwang, DeFalco, Terk, M'Boya, Karov und Hellmann das Schiff wieder betraten. "Commander, melden Sie sich in zwei Stunden in meinem Bereitschaftsraum, nur für einen kleinen Gedankenaustausch. Und bereiten Sie die Raumverteilung für die übrigen Mannschaftsmitglieder vor."

"Ja, Captain. Übrigens, ich habe für heute Abend 20:00 eine kleine Feier auf dem vorderen Aussichtsdeck arrangiert. Ich denke, das ist in Ihrem Sinne?", fragte sie wie selbstverständlich.

Spencer blieb wenig anderes übrig, als ihr zuzustimmen und folgte ihr einige nachdenkliche Sekunden später. Sein erster Weg führte ihn zu seinem neuen Quartier auf Deck 2. Er war sich bei weitem noch nicht klar darüber, was er von seinem neuen Ersten Offizier halten sollte...

Es dauerte nicht lange, bis seine Neugier die Überhand gewonnen hatte und er den unbändigen Drang spürte, sich auf den Weg zu dem Ort zu machen, der sein zweites Zuhause auf diesem Schiff werden sollte. Bereits nach wenigen Metern stellte sich ihm jedoch das erste Hindernis in den Weg, der Turbolift auf Deck 2 weigerte sich beharrlich, ihm Zugang zu gewähren.

"Computer. Zugang zu Turbolift 1 freigeben!"

Der Computer summte kurz und antwortete dann: "Automatische Mechanismen zur Türentriegelung außer Funktion."

"Umgehen und manuell übersteuern." Spencers Ton wurde ärgerlich, auch wenn dies den Computer nicht beeindrucken konnte. Trösten konnte er sich damit, dass derartige Fehlfunktionen auf einem beinah brandneuen Schiff nie ausgeschlossen werden konnten.

Endlich öffneten sich die Türen mit einem vernehmlichen Zischen, er machte sich im Geiste eine Notiz und stieg ein. Als er auf Deck 1 wieder heraustrat, fand er die Brücke zwar beleuchtet, aber vollständig leer vor. Niemand war dort bei der Arbeit.

Es sollte nicht seine einzige Überraschung bleiben. ,Wenn die Sternenflotte neu organisiert, tut sie das offensichtlich gründlich', dachte er während er seinen Blick schweifen ließ.

Völlig neu für ihn war, dass der Stuhl des Captains nicht alleine stand, sondern sich inmitten einer Dreiergruppe von Stühlen in der Mitte der Brücke befand. Dort ließ er sich nieder und sah sich weiter um.

Rechts von ihm war der Platz für den Ersten Offizier, links der für einen ,Missionsbegleiter', wie es offiziell hieß, also für jeden der speziell für eine oder mehrere Missionen mit einer leitenden Funktion an Bord kam.

Vor dem Kommandosessel befand sich die vereinzelt stehende Flugsteuerungskonsole. Links und rechts an der Wand sah er L-förmig angeordnete Konsolen, die taktische Konsole und die Einsatzleitung, wie er den Beschriftungen entnehmen konnte. An beiden Stationen war in die Wand ein großer Kontrollmonitor eingelassen, darunter waren die Bedienelemente für den Monitor angebracht. Eine weitere Konsole war dazu rechtwinklig angeordnet, daher also die L-Form.

An der Rückwand der Brücke befanden sich die Maschinenkontrolle und zwei Computerterminals, daneben der Eingang zum Turbolift. Links und rechts hinten in den Ecken waren zwei weitere Türen, der Eingang zum Bereitschaftsraum des Captains und der zum Besprechungsraum oder Lageraum, wie er auch genannt wurde.

Die Brücke an sich war nicht viel größer als die der Cousteau, durch die größere Anzahl der Stationen wirkte alles recht gedrängt.

,Um sich auf dieser Brücke wohlzufühlen, bedarf es noch ein wenig Gewöhnungszeit', dachte Spencer und öffnete die kleine Computerkonsole, die in seine rechte Armlehne eingelassen war. Er legte weitere Sicherheitscodes fest und trug seine Kommandoübernahme in das Logbuch ein.

2

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21615.8, Commander Spencer: [12.08.2344 09:11:14]:

Vor kurzem habe ich das Kommando über das Schiff übernommen. Die Besatzung hat vierundzwanzig Stunden Zeit, sich über alles einen Überblick zu verschaffen. Weitere vierundzwanzig Stunden später werden wir planmäßig die Utopia Planitia-Flottenwerften verlassen, falls es keine größeren Probleme geben sollte.

Spencer wollte aufstehen und gerade wieder im Turbolift verschwinden, als ihm Hwang aus demselben entgegenkam.

"Und, wie geht's, Captain?", fragte sie. Sie war sichtbar fröhlich und aufgeregt, zum ersten Mal diese Brücke zu betreten.

"Man kann nicht klagen", gab Spencer in weit gewöhnlicherem Ton zurück.

"Ich will ja nicht neugierig sein, aber wie ist es Ihnen in der letzten Zeit ergangen? Man hört da vieles, aber nichts Genaues..."

"Es war ereignisreich, würde ich sagen. Und nicht gerade langweilig."

"Aber bestimmt besser als drei Monate lang Kadetten das Pilotieren beizubringen", erwiderte Hwang augenzwinkernd, die nicht gerade sehr zufrieden mit Spencers inhaltsloser Antwort war und hoffte, nun mehr zu erfahren.

"Nicht unbedingt, Lieutenant. Nicht unbedingt", enttäuschte Spencer sie und verschwand im Turbolift. Sie zeigte für einen Moment einen zweifelnden Gesichtsausdruck, steuerte dann aber weiter unbeeindruckt auf ihre Station zu, ließ sich im Pilotensessel nieder, schloss versonnen die Augen und genoss die ersten Minuten an ihrem neuen Arbeitsplatz. Sie hielt es erst wieder für erforderlich, die Augen zu öffnen, als zwei weitere Personen die Brücke betraten, zwei ihr unbekannte Ingenieure. Sie schüttelte ihre träumerischen Gedanken ab und widmete sich ihren neuen Pflichten als Zweiter Offizier.


DeFalco betrat den Maschinenraum und das was er sah, entsprach in etwa dem, was er von einem Maschinenraum eines neu konstruierten Sternenflottenschiff erwartete, ein Warpreaktor, viele Kontrollkonsolen und neueste Technologie. Er beobachtete einige Zeit lang das geschäftige Treiben der Ingenieure und suchte währenddessen nach einem bestimmten Gesicht.

"Lieutenant MacDonnell?", fragte er, nachdem er es gefunden hatte und darauf zugegangen war.

MacDonnell unterbrach ihr Gespräch mit einem Fähnrich und wandte sich um. "Lieutenant?", las sie leicht irritiert seine Rangabzeichen.

DeFalco bedachte sie ein, zwei Sekunden lang mit einem teils verwirrten, teils belustigten Blick. "DeFalco, ihr neuer Chef", stellte er sich vor. Durch seinen betont vergnügten Tonfall verunsicherte er MacDonnell noch weiter.

"Entschuldigung, Lieutenant, ich habe sie nicht auf Anhieb erkannt und im Moment geht es hier auch etwas hektisch zu. Ich hätte sonst..."

"Entspannen Sie sich, Lieutenant, das habe ich auch nicht erwartet", unterbrach er freundlich. "Und stellen Sie sich wieder vernünftig hin. Beenden Sie ihr Gespräch, dann setzen Sie mich über den momentanen Zustand hier ins Bild, okay?" DeFalco setzte dazu seine vertrauensvollste Miene auf und schlenderte, ohne MacDonnell noch lange anzusehen, zur zentralen Hauptkontrollkonsole und begann damit, sich auf eigene Faust mit der speziellen Struktur dieses Computersystems vertraut zu machen.

Beinahe sofort stand MacDonnell neben ihm, sie hatte sich offenbar sehr beeilt, ihre Unterredung zu einem Ende zu bringen. "Sie wollen jetzt bestimmt wissen, wie die momentane Lage ist, Sir?"

"Lassen Sie sich nicht aufhalten." DeFalco grinste. "Und ich kann auch ohne den ,Sir' leben."

MacDonnell nickte, immer noch etwas hektisch. "Wir sind auch erst seit zwei Stunden bei der Arbeit. Sehr viel läuft noch nicht, wir waren bisher recht vorsichtig mit der Aktivierung neuer Systeme. Ich habe auch jeden an Bord gebeten, alle Schäden sofort zu melden. Lebenserhaltung und Umweltkontrollen funktionieren, Reservesysteme sind überprüft und funktionieren ebenfalls. Die Fusionsreaktoren und der Impulsantrieb arbeiten ebenfalls zufrieden stellend, wir haben aber auf Sie gewartet, um sie in Betrieb zu nehmen."

"Wir laufen noch auf Station?", unterbrach DeFalco. MacDonnell nickte.

"Das sollten wir ändern", schlug DeFalco vor. "Wenn wir unseren Energiebedarf selber decken können, können wir uns mit den übrigen Systemen befassen. Im Moment müssen Sie mir noch etwas helfen, Lori, sie kennen den Computer hier etwa zwei Stunden besser als ich."

MacDonnell erholte sich in zwei Sekunden von der Überraschung, dass DeFalco sie gerade ohne vorherige Nachfrage mit dem Vornamen angeredet hatte. "Ja, Sir."

Nach wenigen Sekunden der Einweisung hatte DeFalco die Spezialitäten des Computersystems begriffen und traf die notwendigen Vorbereitungen. Danach ließ er sich ein Zustandsdiagramm aller Schlüsselsysteme zeigen. Das Ergebnis gefiel ihm ganz und gar nicht, er tippte auf seinen Kommunikator.


Als Spencer zum zweiten Mal die Brücke betrat, hatte sich ihr Gesicht im Vergleich zu seinem zwei Stunden zurückliegenden Besuch bereits deutlich gewandelt. Hwang saß an ihrer Flugsteuerungskonsole und stellte den Hauptschirm durch ein Testmuster auf volle Schärfe. Mehrere Fähnriche der Wissenschaftsabteilung standen um die Einsatzleitungskonsole herum und diskutierten heftig. Alle Bedienungselemente auf der taktischen Konsole blinkten, Spencer tippte spontan auf Energiemangel als Grund. Lemois saß auf ihrem Platz, rechts neben Spencers Sessel, und schien sich sehr intensiv mit diversen Statusberichten und -diagrammen zu beschäftigen. An der Rückwand war die Verkleidung zur Ingenieursstation entfernt, zwei Ingenieure wühlten in den Innereien.

"Commander Lemois?" fragte er laut, nachdem er sich das geschäftige Treiben einige Sekunden lang beobachtet hatte.

Sie wandte ihr Gesicht abrupt herum. "Sir, ich... ich habe Sie gar nicht bemerkt", entschuldigte sie sich erschrocken.

Spencer winkte ab. "Macht nichts. Kommen Sie bitte?"

Er ging voraus, Lemois folgte ihm eiligen Schrittes in seinen Bereitschaftsraum. Nach dem Überschreiten der Türschwelle wunderte sie sich, dass der Raum völlig unberührt war, nicht einmal die Stühle standen an ihren vorgesehen Plätzen. Spencer war jetzt seit guten zwei Stunden an Bord, hatte aber noch keine Zeit gefunden, seinen Raum einzurichten. Wäre Sie der Captain, hätte sie zumindest...

"Setzen Sie sich hin, wo sie wollen. Das Mobilar steht dort drüben zu Ihrer freien Verfügung", brummte Spencer, griff sich den erstbesten Stuhl und schob ihn hinter den mitten im Raum stehenden Tisch.

Lemois sah eine Sekunde lang verblüfft drein, dann folgte sie seinem Beispiel und platzierte ihren Stuhl so, dass sie sich genau gegenübersaßen, durch den Tisch getrennt.

"Also, Captain?", fragte sie forsch, doch betont freundlich, noch bevor sie ihre endgültige Sitzposition eingenommen hatte. Ihr letztes ,erstes Gespräch', also das, welches sie bei Antritt ihrer letzten Position auf der Saratoga mit ihrem direkten Vorgesetzten, dem Ersten Offizier, geführt hatte, war zu ihrem Missfallen sehr kühl und distanziert verlaufen und das wollte sie nun zu verhindern versuchen.

Die Überraschung war nun an Spencer, mit einem derartigen Überfall seitens Lemois hatte er nicht gerechnet und war aus seinem Konzept gebracht. Er brauchte einen Moment, bis er sich wieder an den Satz erinnerte, den er sich für den Beginn dieser Unterredung zurecht gelegt hatte. "Commander, ich würde gerne wissen, was Sie wissen und Ihnen dann erzählen, was Sie noch nicht wissen."

Lemois lächelte, ihre Taktik war aufgegangen. Sie ahnte nicht, dass es ganz in Spencers Interesse lag, dieses Mal gleich von Beginn an ein vertrauensvolles Verhältnis zu seinem Ersten Offizier zu pflegen.

"Informationen habe ich bisher eher wenig bekommen, außerdem war es, verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, es war nicht mein Wunsch, versetzt zu werden. Also, was ich gerne als erstes wissen würde, was sollen wir eigentlich? Ich meine, was ist unser Auftrag?"

Spencer bereitete sich darauf vor, weit auszuholen. "Die ersten Schiffe der Centaur-Klasse waren ein Flop, insbesondere im Bezug auf den Warpantrieb. Der Mix aus Untertassensektion von der Miranda-, Warpgondeln der Excelsior- und Warpkern plus Energieleitungen von der Ambassador-Klasse hat sich als absolut unverträglich erwiesen. Unser Schiff, die Kennedy, das dritte Schiff also, ist beim Entwurf und beim Bau umfassend aktualisiert und überholt worden. Wir haben nun den Auftrag, dieses verbesserte Schiff im praktischen Einsatz zu testen. Offiziell sind wir als Patroullienschiff klassifiziert."

"Und inoffiziell?" Sie sprach mit leicht ironischer, verstehender Betonung des zweiten Wortes.

"Inoffiziell...", nach einem gesteuerten Räuspern begann er nochmals, "inoffiziell werden wir direkt Admiral Paris unterstehen. Wir werden eine Art ,Feuerwehr' im Sektor darstellen, das heißt, wenn irgendwo im Sektor etwas los ist oder auch nur los sein könnte, sind wir die ersten, die eine Untersuchung vornehmen werden."

"Und wo ist der Haken?", erkundigte sie sich und zeigte dabei ein gewinnendes Lächeln.

Spencer lächelte unwillkürlich zurück und brachte ebenso unwillkürlich etwas Distanz zwischen sich und Lemois, indem er sich zurücklehnte. "Ganz einfach", antwortete er. "Dieses Schiff, die Kennedy" - Spencer gewöhnte sich in diesem Moment ab, die Kennedy als ,dieses Schiff' zu bezeichnen - "wurde vor erst fünf Tagen für tiefenraumtauglich erklärt. Haben Sie den Bericht des Test-Captains gelesen?"

"Habe ich. Da sie ohnehin nur fünf Tage Zeit hatten, haben sie nur das Nötigste erledigt. Der Rest bleibt an uns hängen", stellte sie mit unüberhörbaren Spuren von Verärgerung in der Stimme fest.

"Sie haben's erfasst. Bis zur Ankunft auf Sternenbasis 53 sollten wir die meisten Fehler beseitigt haben. Der Start wird übermorgen stattfinden, so lautet die Order. Wie ich sehe, ist auf der Brücke schon einiges los."

"Nicht nur auf der Brücke", versicherte sie wissend und lächelte verschmitzt.

Spencer lachte leise in sich hinein. Lemois ging ihren Job mit der richtigen Einstellung an, soviel war sicher. Bevor er weiterreden konnte, ertönte ein seltsam zirpendes Geräusch.

"DeFalco an Spencer."

Spencer tippte auf den neuen Insignienkommunikator an der ebenfalls neuen Uniform. Die Sternenflotte hatte die Entwicklung eines Miniaturkommunikators abgeschlossen, der sich jetzt in dem Abzeichen der Sternenflotte befand, welches jeder Offizier ,über dem Herzen' trug. Dessen Einführung ging einher mit dem Entwurf einer neuen Uniform, die Kommandooffiziere trugen ein rotes, die ausführenden Offiziere ein goldenes und das in der Forschung und der medizinischen Abteilung tätige Personal ein blaues Hemd mit schwarzen Schulterstücken.

An die Handbewegung zur Aktivierung des Kommunikators musste er sich erst gewöhnen. "Spencer hier. Was gibt's, Gerry?"

"Hier unten ist so einiges im Eimer, Captain. Wo soll ich mit den Reparaturen anfangen?"

"Wo du willst. Koordiniert wird morgen in der Besprechung. Spencer Ende."

Er tippte ein weiteres Mal auf den Kommunikator, um den Kanal zu schließen.

"Darüber wollte ich auch mit Ihnen sprechen: Die Crew", begann Lemois wieder. Ihre Augen waren vor Verwunderung über den Umgangston Spencers leicht geweitet.

Dieser faltete entspannt die Hände zurück und gab Lemois Gelegenheit, sich zu erklären. "Fahren Sie fort, Commander."

"Zuerst zu DeFalco. Ich hätte da so ganz spontan zwei Fragen. Wieso nennen Sie ihn ,Gerry' und wieso ist er überhaupt Chefingenieur?"

Spencer grinste. "Sie wundern sich also, wieso ich jemanden, den ich duze und dessen Dienstakte nicht zu den berauschendsten zählt, zum Chefingenieur befördere. Also: Mr. DeFalco ist ein guter Ingenieur. Er war zwar nicht immer mit seinen Lehrern und Vorgesetzten einer Meinung und ist auch nicht der geborene Theoretiker. Dafür bekommt man alles, was man defekt bei ihm abliefert, repariert zurück, auf welche Weise auch immer. Und so jemanden brauche ich hier."

Sie verstand, war aber noch nicht hundertprozentig zufrieden. "Und woher kennen Sie ihn?"

"Von der Akademie. Er war dort zwei Jahre mein Zimmergenosse. Wir hatten uns immer gut ergänzt. Er war eher für den praktischen, ich für den theoretischen Teil zuständig."

"Sie waren auch Ingenieur?", fragte sie überrascht.

"Ja, Commander. Chefingenieur auf der Enterprise-B."

Lemois reagierte nicht so wie Spencer erwartet hatte, sie wurde plötzlich nachdenklich. Geistesabwesend murmelte sie einige Laute der Zustimmung.

"Was ist, Commander?"

"Es ist wegen der neuen Enterprise. Ich kannte da jemanden..." Ihre Stimme wurde leise und verstummte schließlich ganz.

Spencer erinnerte sich. Vor einigen Wochen geisterte die Meldung durch die Medien, dass jeder Kontakt zur neuen Enterprise, der Enterprise-C, abgebrochen war, gerade ein drei viertel Jahr nach Indienststellung des Schiffes. Leider hatte er zu diesem Zeitpunkt aufgrund seiner psychologischen Behandlung keinen Zugriff auf die internen Berichte der Sternenflotte gehabt, denn die Medienberichte, die zwar teils aus den offiziellen Kommuniqués der Sternenflotte, teils aber auch aus Gerüchten yridianischen und anderen Ursprungs bestanden, konnten nicht als glaubwürdige Informationsquellen bezeichnet werden. Fest stand nur, dass die Enterprise seit etwa drei Monaten überfällig war, da war es nicht falsch, anzunehmen, dass das Schiff zerstört und die Crew nicht mehr am Leben war.

Nach einigen erstarrten Sekunden hatte sich Lemois wieder gefast. "Weiter im Text, Captain." Sie nahm sich deutlich sichtbar zusammen.

"Natürlich."

"Ihre Einschätzungen der hier anwesenden Crewmitglieder von der Cousteau finde ich im Computer?", fragte sie. Es war Spencer, als hätte ihr Auftreten einiges von ihrer absoluten Sicherheit verloren.

"Den berühmten ,ersten Eindruck' wollen Sie nicht abwarten und dann Ihre eigenen Schlüsse ziehen?"

"Ich muss doch wissen, wer an den einzelnen Stationen sitzt und wer welche Fähigkeiten und welche Schwächen hat", entgegnete Lemois, nun wieder entschiedener.

"Sie erfahren aber nicht, wer jemand ist, indem sie meine Bewertungen studieren", gab Spencer zu bedenken.

Sie unterdrückte die Bemerkung, dass dann die Bewertungen wohl nicht ganz vollständig wären. "Haben Sie sich denn nicht über jeden Neuzugang genau informiert?", fragte sie stattdessen.

"Nein. Ich kenne von jedem den groben Lebenslauf, mehr nicht. Auch von Ihnen."

Lemois blieb kurz stumm, dann erlöste sie ein Zirpen. "Fähnrich Berger an Commander Lemois!"

Sie sah kurz ins Leere und aktivierte dann ihren Kommunikator. "Lemois hier!"

"Commander, es gibt Probleme mit der Computerverbindung zur Utopia Planitia-Werft."

"Spezifizieren Sie das, Fähnrich!"

"Die Synchronisation der Datenströme zwischen dem Computer der Kennedy und dem Werftcomputer liegt nicht konstant bei einhundert Prozent. Vielleicht sollten Sie sich das vor Ort ansehen, Commander?"

"Einverstanden, Mr. Berger." Lemois deaktivierte den Kommunikator durch eine weitere Berührung.

"Verbindungsprobleme...", murmelte sie. "Das ist seltsam. Vielleicht sollten Sie ebenfalls einen Blick darauf werfen?"

"Sie machen das schon", versicherte Spencer. Mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck verschwand Lemois aus seinem Bereitschaftsraum. Spencer begann damit, die übrigen bereitstehenden Stühle in Position zu schieben.


Dr. M'Boya war gerade dabei, ihre Instrumente zum ersten Mal sorgfältig zu eichen, als Hellmann die Krankenstation betrat.

"Womit kann ich dienen, Mr. Hellmann?", fragte sie. "Ich hoffe doch, es hat sich niemand verletzt."

"Keine Sorge, Doktor", versicherte Hellmann. "Ich wollte mir nur einen Überblick über die bei Ihnen eingelagerten Chemikalien verschaffen."

"Nicht dass ich etwas gegen Sie hätte, aber die stehen doch auch im Computer", überlegte M'Boya.

"Na gut. Ich gebe es zu", schmunzelte Hellmann. "Ich wollte mir die technische Einrichtung hier vor Ort ansehen. Alles vom Feinsten wie ich sehe", stellte er mit gespielter Bewunderung fest, während er seinen Blick schweifen ließ.

M'Boya nickte zustimmend. "Und ich kann es kaum erwarten, die Geräte auszuprobieren. Wann war noch gleich ihr Untersuchungstermin, Mr. Hellmann?", fragte sie mit einem breiten Lächeln während sie drohend einige Schritte auf Hellmann zukam.

Dieser duckte sich und hob abwehrend seine Hände. "Ist ja gut, Doktor." Lange konnte er jedoch nicht ernst bleiben, dann richtete er sich lachend wieder gerade auf. "Aber ich weiß wie es Ihnen geht, ein halbes Deck voller neuer Geräte zum Spielen."

"Ich weiß auch, wie es Ihnen geht", gab M'Boya vergnügt bekannt, während sie Hellmann mit einem medizinischen Tricorder scannte. "Gut, nämlich. Etwas erhöhte Herzfrequenz und Atmung, vermutlich aufgrund eines gesteigerten Spieltriebs."

"Doktor", meinte Hellmann drohend und fasste dabei ihren Tricorder scharf ins Auge. "Wer spielt denn hier an hoch empfindlichen Geräten herum?"

Mit gespielter Eingeschnapptheit deaktivierte sie ihn wieder und legte ihn zu den übrigen Tricordern. "Dann werde ich Sie mal zu meinem Giftschrank führen", gab sie bekannt.

Hellmann folgte ihr und blickte plötzlich irritiert umher. "Wo ist eigentlich ihr Personal?"

"Die kommen alle erst in den nächsten Stunden", antwortete M'Boya nun nicht mehr ganz so fröhlich wie gerade. Ihr Tonfall ließ dabei durchblicken, dass sie nicht gerade erfreut war, im Moment das einzige medizinische Personal an Bord darzustellen.

Unbemerkt von beiden flackerten die Bedienelemente an einem der bereitstehenden Biobetten für einen Moment, nur um sofort wieder ruhig und hell zu leuchten.


"Du wolltest, dass ich herkomme?", fragte Spencer DeFalco. Seit seinem abrupt unterbrochenen Gespräch mit Lemois war einige Zeit vergangen, die er auf der Brücke in die Bearbeitung der einzelnen Statusberichte aller Abteilungen investiert hatte. Zu dem gemütlichen Rundgang an Bord, den er sich für diesen ersten Tag fest vorgenommen hatte, war noch nicht die Gelegenheit gewesen und es sah so aus, als sollte er auch nicht mehr dazu kommen.

DeFalco nickte. "Hier hat irgendjemand geschlafen. Wir können den Warpkern nicht aktivieren", gab er mit einer hörbaren Portion Verärgerung in der Stimme bekannt.

"Woran liegt's?", fragte Spencer ruhig, der eine Verschlechterung seiner momentan recht passablen Laune zu vermeiden suchte.

"Die Betriebsparameter sind nicht so wie sie sein sollten. Wenn wir einschalten, gibt's Ärger", antwortete DeFalco.

"Lass mal sehen." Mit einigen flinken Handbewegungen legte er die strittigen Werte auf die Hauptstatusanzeige, daneben ließ er in einer anderen Farbe die Werte darstellen, so wie sie sein sollten.

"Stimmt", sagte Spencer nur und ließ vor seinem inneren Auge die Zahlentabellen ablaufen, mit denen er tagtäglich vor einem knappen drei viertel Jahr auf Utopia zu tun gehabt hatte und die er seitdem teilweise auswendig kannte. Einige schnelle Berechnungen am Computer vervollständigten seine Überlegungen.

"Und?", fragte DeFalco, nachdem Spencer für zwei Sekunden inne gehalten hatte. MacDonnell kam aus dem Hintergrund langsamen Schrittes hinzu.

"Im Moment eingespeist sind die Werte, so wie sie für die ursprüngliche Centaur-Klasse gelten sollten", stellte Spencer fest.

"Die, die auf der Centaur nicht so toll funktionierten", warf DeFalco ein.

"Genau. Die Kennedy sollte beim Bau in diesem Bereich dramatisch verbessert werden und man hat sich auch auf eine abschließende Spezifikation verständigt, das weiß ich", erklärte Spencer. "Warum diese hier nicht eingetragen ist, möchte ich mal wissen."

"Vielleicht hat nur jemand da was verwechselt", schlug MacDonnell vor. "Ein Fehler von Utopia Planitia?"

"Ich lade die Konfiguration einfach noch mal vom Werftcomputer herunter", schlug DeFalco vor und begann auch gleich mit der Prozedur. Interessiert sah ihm MacDonnell über die Schulter.

Warnende Signaltöne des Computers ließen beide die Stirn runzeln. "Ich erhalte keinen Zugriff?!", wunderte sich DeFalco.

"Hä?", fragte Spencer und versuchte auch sein Glück. Doch auch er erntete nur Fehlermeldungen.

"Hier stimmt was nicht. Weder meine aktuelle Kennung, noch meine alte von Utopia zeigt irgendeine Wirkung. Ich kümmere mich drum", brummte Spencer, der gehofft hatte, dass sich derartige Probleme nicht gleich von Anfang an einstellen würden. "Und Sie kümmern sich inzwischen um die defekten Replikatoren, Türen und Schallduschen und so weiter, die aus dem ganzen Schiff gemeldet worden sind", schlug er den beiden nicht ganz ernst gemeint vor.

DeFalco zeigte eine säuerliche Miene. "Warum müssen wir das eigentlich ausbaden, wenn die Werft was vermurkst hat?", rief er Spencer hinterher.

Dieser zuckte kurz vor Verlassen des Maschinenraums einmal mit den Schultern, ohne sich dabei umzudrehen.

MacDonnell sah nicht ganz glücklich drein, sichtbar verwirrt von dem Umgangston der zwischen ihrem neuen Kommandanten und ihrem Vorgesetzten herrschte.

DeFalco bemerkte MacDonnells Unsicherheit und zeigte ein breites Grinsen. "Reparieren Sie eigentlich lieber Replikatoren oder Türsteuerungen, Lori?"

MacDonnell antwortete nicht, es reichte so gerade zu einem zweifelnden Gesichtsausdruck.

"Daran werden Sie sich gewöhnen müssen", erklärte DeFalco in voller Ernsthaftigkeit während sie zusammen mit je einem Werkzeugkoffer in der Hand den Maschinenraum verließen. "Wissen Sie, unser Captain und ich, wir kennen uns schon seit Akademiezeiten..."


Sinnierend war Spencer wieder in seinem Bereitschaftsraum angekommen. Nach einem kurzen Moment der Konzentration weihte er das auf seinem Tisch stehende Computerterminal ein, um einen Kanal zur Werftzentrale zu öffnen.

"Utopia Planitia-Schiffswerft. Commander Ina Karaplidis", meldete sich eine Stimme, der nach einer Sekunde ein zu seiner Überraschung wohl bekanntes Bild folgte.

"Hallo, Ina! Lange nicht mehr gesehen", begrüßte Spencer überschwänglich das Abbild auf seinem Terminal. Er kannte sie aus seiner Zeit, als er in der Konstruktionsabteilung auf Utopia Planitia gearbeitet hatte.

"Hallo, Andy!" Karaplidis war nicht minder überrascht, Spencer am anderen Ende der Verbindung zu sehen. "Du kommandierst jetzt das Objekt unserer monatelangen Arbeit?" Sie zwinkerte ihm beinahe unmerklich zu.

"Allerdings." Spencer lächelte unwillkürlich, da er genau wusste, was Karaplidis zum Ausdruck bringen wollte. Dann besann er sich wieder auf sein eigentliches Anliegen. "Sag' mal Ina, habt ihr Schwierigkeiten mit eurem Computer?"

Karaplidis blickte Spencer verwundert an. "Wieso?"

"Aus irgendeinem Grund sind die alten Parameter in unserem Warpkern voreingestellt. Und der Zugriff auf die neue Konfiguration im Werftcomputer ist blockiert."

Karaplidis startete rasch eine Diagnose des Computersystems und versuchte ihrerseits, Zugriff auf die Daten zu nehmen. Wie Spencer den warnenden Tonsignalen unschwer entnehmen konnte, blieb ihr Versuch ebenso erfolglos wie der im Maschinenraum.

Karaplidis verzog genervt ihre Mundwinkel. "Du hast recht. Ich erhalte ebenfalls keinen Zugriff. Und das sollte ich wohl als Leitende."

"Leitende... Kompliment!", sagte Spencer verschmitzt.

"Jetzt sag' bloß nicht, du wusstest nicht, dass ich hier Karriere gemacht habe!", rief Karaplidis entrüstet, natürlich nur im Spaß.

"Wusste ich echt nicht", musste Spencer eingestehen. "Was ist denn nun mit eurem Computer?"

Karaplidis zuckte mit den Schultern. "Keine Ahnung. Das muss irgendein Problem mit der Lokalisationssoftware sein. Ich werde es überprüfen lassen."

"Überprüfen lassen...", wiederholte Spencer. "Soweit sind wir also schon. Überprüfen lassen."

Sie lächelte versöhnlich. "Das ist das Leben, Andy. Vielleicht sollten wir uns mal ausführlich darüber unterhalten", schlug sie vor.

"Gerne", stimmte Spencer zu. "Wenn mein Schiff wieder anständig läuft... gerne."

Der Blick Karaplidis', den sie Spencer entgegenwarf, sprach Bände. "Wir arbeiten daran und melden uns, sobald das Problem behoben ist", sagte sie übertrieben geschäftsmäßig während sie Spencer mit einem strengen Blick fixierte. "Übrigens... was ist da eigentlich bei euch los? Die Testcrew hatte nichts zu beanstanden."

In Spencer keimte eine dunkle, unangenehme Ahnung auf. "Gute Frage, Ina. Ich denke, das herauszufinden, wird wohl mein Job sein."

"Dann wissen wir also beide, was wir zu tun haben", schloss Karaplidis vergnügt. "Man sieht sich, Andy."

"Bald", versicherte Spencer mit der Andeutung eines Lächelns und trennte die Verbindung. Nachdenklich ließ er sich in seinen Stuhl in seinem Bereitschaftsraum sinken.

3

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Wir können unseren Warpreaktor nicht aktivieren, weil aus unerfindlichen Gründen eine inkorrekte Warpfeldkonfiguration im Hauptcomputer eingespeichert ist und der Werftcomputer von Utopia Planitia zudem keinen Zugriff auf die benötigten Daten gewährt. Auf den ersten Blick sind keine Unregelmäßigkeiten zu erkennen, an beiden Orten wird Aufklärung betrieben.

Das Signal des Türsummers fiel mit dem Bestätigungssignal des Computers über die erfolgte Aufzeichnung zusammen. Er hatte zuvor Lemois und Karov zu sich gebeten, um sie über diese Merkwürdigkeiten in Kenntnis zu setzen.

"Herein!"

Beiden standen bereits vor der Tür und traten ein. Spencer bot ihnen Platz auf den inzwischen korrekt in Position geschobenen Stühlen an und umriss kurz die Vorkommnisse im Maschinenraum sowie den Inhalt seines Gesprächs mit Karaplidis.

Als Spencer geendet hatte, hob Lemois leicht ratlos die Schultern. "Und, Captain? Was sollen wir jetzt davon halten? Ich meine, wir haben einige Anhaltspunkte, aber was wollen sie uns sagen? Das ergibt doch alles keinen Sinn."

"Doch", widersprach Spencer. "Man will uns scheinbar am planmäßigen Auslaufen hindern."

Karov nickte stumm, sie hatte scheinbar den gleichen Gedanken gehabt wie Spencer.

"Und was ergibt das für einen Sinn?", fragte Lemois weiter. "Wir haben keinen Auftrag... im Moment."

"Ich weiß es auch nicht", stellte Spencer ruhig und klar fest. "Und damit sich das ändert, werden Sie, Commander, das Schiff einem gründlichen Sicherheitsscan unterziehen. Währenddessen soll die Computerabteilung alle Zugriffe auf den Hauptcomputer überprüfen. Und Sie, Miss Karov, suchen nach weiteren Hinweisen und untersuchen alles, woran ich im Moment nicht denke."

Lemois gab durch einen längeren, direkten Blick Spencer zu verstehen, dass sie seine Maßnahmen als definitiv übertrieben wertete, sie protestierte aber nicht. ,Noch nicht', dachte sie in lautloser, innerer Freude.

"Wenn Sie keine Fragen haben", begann Spencer, dem Lemois' stummer Protest nicht verborgen geblieben war, nach zwei Sekunden wieder, "dann dürfen sie gehen und beginnen." Er konnte so eben verhindern, dass sein Ton in das Mürrisch-Verärgerte abrutschte.

Lemois und Karov erhoben sich und machten sich auf den Weg zur Tür, erstere blieb aber noch einmal stehen. "Eine Frage noch, Captain: Welche Auswirkungen wird diese Untersuchung auf die Party heute Abend haben?", konnte sie sich nicht verkneifen zu fragen.

"Vorerst keine", musste Spencer zugeben. "Außer natürlich, es ergeben sich schwer wiegendere Anhaltspunkte."

"Natürlich, Captain", stimmte Lemois wie selbstverständlich zu, bevor sie mit Karov im Schlepptau Spencers Bereitschaftsraum verließ. Wieder auf der Brücke angekommen sendete sie zuerst einen knapp gehaltenen Auftrag an die Computerabteilung, bevor sie sich ihren Aufgaben widmete. Warum Karov in der Zwischenzeit die Brücke verlassen hatte, konnte sie sich jedoch nicht erklären.


Hellmann betrat zusammen mit Berger den Maschinenraum. "Ist DeFalco hier?", erkundigte er sich beim nächststehenden Ingenieur.

"Der... müsste im Moment unterwegs sein", antwortete der Gefragte, es war Fähnrich Chen.

Hellmann tippte nach kurzem Überlegen auf seinen Kommunikator. "Hellmann an DeFalco!"

"DeFalco hier", meldete sich nach kurzer Zeit eine mürrisch klingende Stimme. "Was ist?"

"Ich wollte nicht stören, ich wollte nur sagen, dass ich mir jetzt den Computer im Maschinenraum vornehme."

"Muss ich dabei sein?", brummte DeFalco.

"Nein, musst du nicht. Wäre aber nicht schlecht", antwortete Hellmann der DeFalcos Tonlage nicht auf Anhieb einordnen konnte und ihm deswegen die vollständige Bandbreite an Antworten offen ließ.

"Okay, ich bin dabei. DeFalco Ende", schloss eine nun etwas zufriedener klingende Stimme die Verbindung.

"Was hat der denn?", brummte Berger leise.

"Na, du kennst doch DeFalco", erwiderte Hellmann.

Berger erwiderte nichts. Beide steuerten zielstrebig auf die zentrale Konsole zu und begannen mit ihren Untersuchungen.


Karov hatte sich in der Sicherheitszentrale eingefunden, um dort abseits der hektischen Betriebsamkeit der Brücke ihre Untersuchung durchzuführen. Routinemäßig hatte sie eine computermäßige Überprüfung der Dienstakten eingeleitet während sie über weitere Schritte sinnierte.

Sie war sich gerade über die gesamte, potentielle Tragweite der Situation klar geworden, als ein Kommunikatorsignal die letzte Hälfte ihrer Überlegungen wieder auslöschte.

"Fähnrich Dercoux an Lieutenant Karov."

Zeitgleich informierte ihr Terminal sie akustisch über das Ergebnis der abgelaufenen Recherche.

"Warten Sie, Dercoux", sagte sie halb gedankenverloren während sie verwundert auf das Display ihres Terminalbildschirms starrte.


"Und? Was gefunden?", begrüßte DeFalco direkt nach seinem Eintreffen im Maschinenraum die emsig beschäftigten Hellmann und Berger. Die hinter ihm drein stiefelnde MacDonnell lernte sehr zu ihrem Missfallen zum zweiten Mal an diesem Tag etwas über den Umgangston im Umfeld ihres neuen Vorgesetzten und verdrehte genervt die Augen. Im Hintergrund waren leise Geräusche zu hören.

"Gerry, ich glaube, hier klappert es", brummte Hellmann statt einer Antwort und sah an die Decke.

"Sag' ich doch. Aber Sie wollten mir ja nicht glauben", meinte MacDonnell zu DeFalco.

DeFalco hob die Hände und sah nacheinander zu Hellmann und MacDonnell. "Ach hört doch auf! Habt ihr nun was?"

Hellmann und Berger schüttelte den Kopf. "Nicht im ersten Anlauf", antwortete ersterer. "Das wäre zu einfach gewesen. Wir überlegten gerade, wie wir weiter vorgehen sollen. Ihr kennt die Systeme hier unten besser, vielleicht könnt ihr..."

"Sicher", meinte DeFalco, noch ohne dass er wusste, worum es eigentlich ginge. MacDonnell blickte zur Seite und schüttelte viel sagend den Kopf.


"Spencer hier, was gibt's, Karov?" Spencer unterbrach die Durchsicht der Aufzeichnungen des Test-Captains, um ein Kommunikatorsignal seiner Sicherheitschefin zu beantworten.

"Sir, ich habe da etwas gefunden..."

"Und was?" fragte Spencer, zwischen freundlich und genervt schwankend.

"Bei der Testcrew, da... da gab es jemanden gar nicht", stellte Karov verblüfft fest.

"Hä?"

"Es ist so", versuchte Karov ihre Gedanken zu ordnen. "Ich habe gerade die Dienstakten, die zur Namensliste der Testcrew passen, vom Computer auf etwaige Auffälligkeiten hin untersuchen lassen. Eine Akte jedoch kann der Computer nicht finden."

"Wie? Nicht finden? Was heißt das?"

"Das heißt, dass der Offizier nicht mehr im aktiven Dienst ist. Genau genommen ist er vor fünf Monaten im Dienst ums Leben gekommen."

"Wo?" Spencer konnte sich selbst nicht erklären, warum er ausgerechnet diese Frage stellte. Vermutlich hoffte er, aus der Information Rückschlüsse auf die Gründe für diese... Ungereimtheiten zu schließen.

"Einen Moment, Sir." Karov musste selber nachsehen. "Lieutenant David Gilbertson verstarb bei einem bis heute nicht ganz geklärten Unfall auf Außenposten 192 bei Sternzeit 21113,8."

"Vor knapp sechs Monaten also", wiederholte Spencer, der entgegen seiner Erwartung nicht unbedingt etwas mit der Information anfangen konnte. "Suchen Sie weiter, ich werde diese... Neuigkeit an die zuständige Stelle weiterleiten. Gute Arbeit."

"War ich doch gar nicht", antwortete Karov verdutzt. "War doch der Computer."

"Auch gut. Spencer Ende." Er überlegte kurz, entschied sich dann aber dagegen, den Kommunikator zu benutzen.

Stattdessen bemühte er sein Terminal. "Commander Spencer an Utopia Planitia!"

"Utopia Planitia-Werft, Commander Ina..." Karaplidis lächelte sowohl entschuldigend als auch erfreut. "Was gibt's, Andy? Sag' mal, warum benutzt du nicht den Kommunikator? Jetzt sag bloß nicht, du wolltest mein Gesicht nochmal sehen?"

,Dass wir uns überhaupt noch selber ins Gesicht sehen können', durchfuhr es Spencer plötzlich, doch er schob alle unheilvollen Gedanken der Vergangenheit rasch beiseite. "Ich wusste nicht sicher, ob der Kommunikator die nötige Reichweite hat", erwiderte er, indem er sich um treuherzigen Ton bemühte.

"Andy, er besitzt eine effektive Reichweite von 25.000 Kilometern und das weißt du", versicherte Karaplidis nicht vollends ernsthaft. "Neuigkeiten?"

"Oh ja. Kennst du einen Lieutenant David Gilbertson?"

"Nein. Sollte ich?", fragte sie verwundert.

"Bloß nicht", brummte Spencer. "Er war Mitglied der Testcrew, ist aber schon seit sechs Monaten tot."

"Bitte?" Karaplidis wunderte sich sowohl über den Inhalt von Spencers Aussage als auch über seine gewöhnliche Wortwahl.

"Also. Wir sind die Akten der Testcrew durchgegangen und haben jemanden entdeckt, den es gar nicht mehr geben dürfte", begann Spencer.

"Also eine Karteileiche", folgerte Karaplidis schmunzelnd.

"Sozusagen." Spencer lächelte zurück, wurde aber sofort wieder ernst. "Und wir würden nun gerne wissen, warum diese Person eine Woche lang ungestraft auf unserem Schiff herumwerkeln durfte. Umsonst haben wir wohl nicht diese Probleme. Und ihr auch nicht. Was macht eigentlich der Zugriff auf die Warpkonfiguration?"

"Wir arbeiten daran", versicherte Karaplidis, nun auch sowohl ernst als auch sichtbar genervt. "Wer auch immer den Zugriff auf die Konfig-Daten gesperrt hat, der hat es gründlich getan. Es wird wohl noch einige Zeit dauern."

"Na, dann", brummte Spencer. "Man sieht sich."

"Hoffentlich", schloss Karaplidis mit einem Lächeln die Verbindung.

Leicht beunruhigt von den zurückliegenden Vorfällen betätigte Spencer ebenfalls den Deaktivierungsknopf, drehte seinen Stuhl um 180°, sah aus dem Fenster und rieb sich nachdenklich das Kinn.


"Ah, Spuren eines befugten Zugriffs", vermeldete Berger. "Nicht ganz so sauber getarnt, wie es möglich gewesen wäre."

"Was ist an einem befugten Zugriff so schlimm?", fragte MacDonnell, die nicht so recht wusste, was sie von den überraschten Reaktionen Hellmanns und DeFalcos halten sollte.

"Nichts", antwortete Hellmann, nachdem er einen raschen Blick auf den Fund Bergers geworfen hatte. "Wäre da nicht ein Zugriff auf den Werftcomputer verzeichnet und zwar auf die fragliche Sektion. Und wären da nicht letztendlich vergebliche Verschleierungsversuche zu erkennen."

"Könnt ihr die Sicherheitscodes isolieren und zuordnen?", fragte DeFalco nach einem vergeblichen Versuch.

"Mal sehen", murmelte Berger, während seine Finger emsig auf den Kontrollfeldern rotierten. Hellmann unterstützte ihn nach Kräften und zog nach kurzer Zeit sein Gesicht in Falten. "Nicht vollständig. Aber vielleicht genügen die Fragmente der Codes."

"Bei der Fragmentierung wird der Vergleich einige Sekunden dauern", kündigte Berger an. "Läuft."

DeFalco und MacDonnell traten voll Spannung an den Bildschirm heran, an dem Hellmann und Berger bis gerade gearbeitet hatten. Es dauerte ganze drei Sekunden, bis der Computer vermeldete, dass er nur eine Übereinstimmung gefunden hatte. Und ein Name blinkte auf: Lieutenant David Gilbertson.

"Und der hat unseren Computer manipuliert?", sagte MacDonnell halb fragend, halb konstatierend.


"Haben Sie irgendwas, Commander?", fragte Hwang freundlich, aber in gedämpfter Lautstärke. Sie hatte sich zu Lemois umgedreht, deren Miene sich in den zurückliegenden Minuten mehr und mehr verfinstert hatte.

Lemois sah auf, ohne ihren Gesichtsausdruck gravierend zu verändern. "Bitte?"

"Das gibt Fältchen", sagte Hwang verschmitzt lächelnd.

"Was?" Aus Lemois' Tonfall ging deutlich hervor, dass sie nicht den leisesten Schimmer hatte, wovon Hwang gerade sprach.

"Na, dass sie mit einem derartigen Gesichtsausdruck minutenlang auf einen Bildschirm starren, der nichtmal was dafür kann."

Lemois lächelte ebenfalls ganz spontan. "Vielleicht haben sie Recht. Es ist nur wegen dieses Sicherheitsscans..."

Ihr Verhalten überzeugte Hwang nicht vollkommen, sie blieb einige Sekunden lang stumm während sie zu ergründen versuchte, warum.

"Na ja, eigentlich ist es nicht nur wegen dieses Sicherheitsscans", fuhr Lemois fort. "Es ist... ich weiß nicht. Es ist einfach nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe." Sie war selbst überrascht, dass sie Hwang gegenüber plötzlich so offen sein konnte, gegenüber einer Person, die sie nicht kannte und die auch noch ihre direkte Untergebene war. Auf der anderen Seite...

"Sie sollten die Sache vielleicht ein bisschen ruhiger angehen", empfahl Hwang. "Heute ist der erste Tag und der ist nicht immer angenehm."

"Da haben sie vielleicht recht", stimmte Lemois zu. "Danke, Lieutenant." Sie fuhr mit dem bisher ergebnislosen Sicherheitsscan fort, nur weniger verdrossen.


Karaplidis hatte sich im Büro des momentan abwesenden Werftleiters, Admiral Rhodes, bequem gemacht und vertrieb sich die Zeit mit der Sichtung der Unterlagen, die sie von den Computerspezialisten der Kennedy erhalten hatte. Sie musste schmunzeln, als ihr die beiden zurückliegenden Gespräche mit Spencer in den Sinn kamen. So sah man sich wieder...

Im Nachhinein bedrückte es sie, dass sie ihre besonderen Zugriffsrechte auf der Werft unerlaubterweise dazu benutzt hatte, sich via Personalakte einen kurzen Überblick über Spencers Werdegang zu verschaffen, denn er wirkte, anders als die zurückliegenden Ereignisse vermuten lassen würden, relativ normal auf sie, gelassen, entspannt und für seine Verhältnisse sogar gut aufgelegt. Aber sie aber auch etwas in seinen Augen entdeckt, dass ihr kalte Schauer den Rücken hinunter trieb. Sie ahnte, was ihm im Sinn herumgeistern mochte...

Ein schrilles Türsignal schreckte sie auf und ließ in die Realität zurückkehren.

"Kommen Sie herein, Captain Nasse!", rief sie dem vor der Tür wartenden Offizier zu, vernehmlich und in neutralem Tonfall.

"Sie haben mich herbestellt, Commander? Was gibt es denn so dringendes?", fragte Nasse, der sich lässig in einen der bereit stehenden Stühle fallen ließ. Seine dunkelbraun gelockten Haare waren in leichter Unordnung, seine Augen blickten zwar aus schmalen Höhlen, aber dennoch wach umher.

"Nun mal langsam, Captain. Es geht um was Wichtiges", versuchte Karaplidis den große Unruhe ausstrahlenden Nasse zu bremsen.

"Das will ich hoffen. Ich habe eine Menge Arbeit, die macht sich nicht von alleine", erklärte Nasse, der sich trotz allem um Ruhe bemühte.

"Na, dann werde ich mal gleich zur Sache kommen", meinte Karaplidis freundlich. "Es gibt Probleme mit der Kennedy, ihrem letzten Schiff."

"Das soll vorkommen", meinte Nasse unbestimmt. "Ich habe nie gesagt, dass da irgendwas funktioniert."

Karaplidis verzog unzufrieden die Mundwinkel. Etwas kooperativer hatte sie sich das Gespräch schon vorgestellt.

"Die Warpparameter sind verstellt worden und der Zugriff auf die richtigen ist gesperrt. Allem Anschein nach von jemandem aus ihrem Team, Lieutenant David Gilbertson."

Nasses Augenbrauen machten einen überraschten Satz nach oben. "Was?"

"Kennen sie ihn?"

"Gilbertson...", murmelte er einige Male vor sich hin. "Ich denke, mir fällt da ein Gesicht ein. Techniker im Maschinenraum, wenn ich mich nicht irre. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

"Das sollten sie aber", versetzte Karaplidis hart. "Sie haben keinen Blick in seine Dienstakte geworfen?"

"Einen flüchtigen vielleicht, wenn überhaupt, es war ja wenig Zeit. Was soll das alles?"

"Diesen Lieutenant David Gilbertson gibt es überhaupt gar nicht", informierte Karaplidis Nasse. "Die Dienstakte stammt von einem seit sechs Monaten toten Offizier und die echte Person ist wohl mit alles andere als lauteren Absichten an Bord der Kennedy gekommen. Was sagen Sie dazu?"

Nasse hob entnervt die Schultern. "Was soll ich dazu sagen. Ich meine, viel kann er ja nicht angerichtet haben. Die kritischen Bereiche sind durch Passwörter geschützt und außerdem..."

"Ein Untersuchungsteam von der Kennedy hat uns inzwischen detaillierte Informationen über die Arbeitsweise von Gilbertson geliefert", unterbrach Karaplidis. "Seine Handschrift sozusagen. Er hat so einiges zu bieten als Computer-Hacker. Und so jemand kann in Ihrem Verantwortungsbereich tagelang unerkannt bleiben! Nicht gerade ein Ruhmesblatt für Sie, Mr. Nasse!", rief sie. Sie war während ihrer Rede aufgestanden und Nasse bedrohlich nahe gekommen.

"Von Ihnen muss ich mir gar nicht sagen lassen!", ereiferte sich Nasse. "Sie sind doch gar nicht zuständig!"

"Ach nein? Auf ihren höheren Rang müssen Sie sich gar nichts einbilden. Ich leite die Untersuchungskommission und habe alle nötigen Vollmachten", improvisierte Karaplidis auf die Schnelle, um Nasse zu einer raschen Aussage zu bewegen.

"Ja, also gut, ich habe versäumt, mich ausreichend über meine fünfzigköpfige Testcrew zu informieren. Ist ja auch kein Wunder", fuhr Nasse wild gestikulierend auf. "Ich habe acht Tage Zeit, ein Schiff von Status 0 einigermaßen flugtauglich zu machen und kriege zu allem Überfluss auch noch fünfzehn Leute mehr zugeteilt als üblich. Diese fünfzehn Leute haben uns für diese acht Tage mehr Organisationszeit gekostet, als sie durch Arbeitsleistung wieder reingeholt haben. Ich hatte weder Zeit noch Lust auf aufwändiges Aktenstudium. Wir haben gearbeitet."

Karaplidis konnte Nasses Einstellung nachvollziehen und bemühte sich um Sachlichkeit. "Sonst ist Ihnen nichts Besonderes aufgefallen, keine ungewöhnlichen Berichte, Vorfälle..."

Nasse brauchte etwas, um sich wieder zu beruhigen. "Nichts, Commander."

"Gilbertson ist jetzt nicht mehr in ihrem Team, das ist doch richtig?", fragte Karaplidis.

"Das stimmt. Er war einer von den fünfzehn Leuten, die mir zusätzlich zugeteilt wurden", antwortete Nasse.

"Wissen Sie, wo er jetzt ist?"

Nasse schüttelte den Kopf. "Nein. Ich kann Ihnen nicht einmal sagen, wann ich Gilbertson zuletzt gesehen habe. Eine förmliche Verabschiedung hat es nie gegeben. Keine Zeit."

Karaplidis, die gedanklich schon halb mit der Unterredung abgeschlossen hatte, horchte wieder auf. "Das heißt, sie können weder ausschließen, dass Gilbertson vor dem Ende der acht Tage bereits von Bord gegangen ist, noch, dass er immer noch an Bord ist."

Nasse sah Karaplidis lange Zeit an. "Nein. Das kann ich nicht."

Karaplidis machte sich rasch Notizen. "Gut. Dann danke ich Ihnen, Mr. Nasse. Sie haben mir sehr geholfen. Und darf ich Ihnen empfehlen, Captain, in Zukunft besser auf ihre Teams acht zu geben?"

"Dürfen Sie, Commander, dürfen sie", brummte Nasse kleinlaut. "Was ist eigentlich mit dieser Untersuchungskommission?", getraute er sich noch zu fragen.

"Vergessen Sie es", versicherte Karaplidis, die sich wegen ihres Bluffs nun alles andere als sicher fühlte.

Nach einem Moment der Verwirrung ging Nasse ein Licht auf. "Verstehe schon, Commander. Auf Wiedersehen."

"Wiedersehen." Karaplidis sah Nasse noch einen Augenblick nach und überlegte sich, in welche gedanklichen Abgründe sie Spencer mit ihrem neuerlichen Bericht stürzen könnte. Sie würde ihn dennoch verfassen müssen.

4

Es war inzwischen Abend geworden. Lemois näherte sich langsamen Schrittes dem vorderen Aussichtsdeck. Sie hatte zwar darauf verzichtet, ihre Uniform gegen etwas Bequemeres und Festlicheres einzutauschen, aber doch immerhin eine Dreiviertelstunde auf ein neues Haarstyling verwendet. Den Sicherheitsscan war schnell, aber erfolglos beendet gewesen und sie hatte sich im weiteren Verlauf des Tages nicht über mangelnde Abwechslung beklagen können.

Sie durchschritt die Türen zum Aussichtsdeck mit einem angedeuteten Lächeln, das was sie sah, belohnte ihre Mühen zur Vorbereitung bei weitem. Im Hintergrund lief unauffällige, wohlklingende Musik, die ihrer Meinung nach perfekt zu der atemberaubenden Aussicht, die die großflächigen Panoramafenster boten, passte, auch wenn momentan einige Tritaniumträger der Werfthalle diese Aussicht trübten. Sie überlegte für einen Moment, das Schiff über Manövrierdüsen einige Meter weiter nach vorn zu verholen, entschied sich dann angesichts ihrer Stimmung dagegen. Ein wenig Erinnerung an den letztendlich dienstlichen Charakter dieser Feier könnte schließlich nicht schaden...

Trotz ihrer relativ frühen Ankunft waren bereits an die fünfzehn Personen anwesend. DeFalco hatte sich die Freiheit genommen, hinter der provisorisch eingerichteten Bar als Barkeeper zu fungieren, er befand sich gerade in angeregter Unterhaltung mit Lt. Karov, die ab und an an einer bläulich schillernden Flüssigkeit nippte. Aus den Augenwinkeln erkannte sie gerade noch Spencer, der mit einem PZAG in der Hand gedankenverloren aus den großflächigen Aussichtsfenstern in den Weltraum starrte, bevor Hwang sie mit einem ebenso fröhlichen wie informellen "Hallo, Commander" begrüßte.

"Sagen Sie doch gleich Veronique", empfahl Lemois. "Wir haben schließlich frei... für den Moment."

"Ich bin Kim", reagierte Hwang prompt, die nicht unbedingt mit einem solchen Vorstoß Lemois' gerechnet hatte. "Wie lange haben Sie dafür gebraucht?", fragte sie, während sie ausgiebig ihre Haarpracht bewunderte.

Sie wusste zuerst nicht, worauf Hwang anspielte, bis sie das Ziel ihres Blicks identifizieren konnte. "Lange genug", versicherte sie lachend. Sie wandte sich um, als hinter ihr mit einem langen Zischton die breiten Türen auseinander glitten und insgesamt drei Personen Zutritt gewährten.

Hwang hatte bereits zu einer einladenden Geste ausgeholt und wollte Lemois gerade eine Frage stellen, als diese sie durch eine gleichsam abwehrende und entschuldigende Kopfbewegung daran hinderte. Hwang folgte den Dreien, namentlich Hellmann, Berger und M'Boya zu einem der leer stehenden Tische, Lemois dagegen bewegte sich schlendernd in Richtung des Fensters, an dem seit ihrem Eintreffen Spencer regungslos verharrte.

"Und, Captain?", fragte sie ihn fröhlich. "Sie wälzen tief schürfende Gedanken?"

Er wandte sich um, sie war sich allerdings bei weitem nicht sicher, ob er sie wirklich registrierte oder durch sie durchzusehen versuchte. "Bitte?", brummte er nur. Im Hintergrund hörte Lemois ein weiteres Mal das charakteristische Geräusch sich öffnender Türen, doch trotz oder gerade wegen Spencers seltsamen Gesichtsausdrucks konnte sie sich nicht umschauen, um nachzusehen.

Der eigenartige Tonfall Spencers, nein, die Atmosphäre der gesamten Situation wollte ihr unbedingt etwas sagen, sie lauschte und das was sie hörte, schien das Richtige zu sein.

"Schon gut, Captain", entschuldigte sie sich rasch und versuchte irritiert Abstand zu gewinnen.

Sie schlenderte ziellos, mit gesenktem Blick, nachdenklich ein paar Schritte durch den sich langsam füllenden Aussichtsraum. Es war nicht alles unbedingt so, wie sie sich diesen ersten Abend vorgestellt hatte, besonders...

Plötzlich keimte in ihr eine Ahnung auf, dass etwas nicht ganz richtig war. Sie stoppte ihren Gedankengang und ihre Schritte. Gut, heute war vieles nicht ganz richtig, aber da war noch etwas, jetzt, in diesem Moment. Sie sah auf und blickte suchend um sich.

Da war ein musternder Blick eines jungen Fähnrichs, der gerade ganz in der Nähe von ihrer momentanen Position inmitten einer Gruppe gleichaltriger und wohl auch gleichranginger Crewmitglieder stand und dessen Gesichtsausdruck sich von aufdringlich über erschrocken bis hin zu entschuldigend entwickelte, sobald er ihre Rangabzeichen gelesen hatte.

Die Unbeeindruckte spielend nahm sie stur geradeaus blickend ihren eigentlich unbestimmten Weg wieder auf und zeigte, nachdem sie sich außer Sichtweite des Fähnriches wusste, ein breites Lächeln. Ihr geneigter Kopf musste wohl ihre Sterne verdeckt haben...


"Und wie war euer erster Tag?", erkundigte sich Hwang interessiert, nach dem sich alle vier mit Getränken versorgt hatten.

"Ich kann mich nicht beklagen", meinte M'Boya, ohne lange überlegen zu müssen.

"Wir hatten auch nichts besonderes, außer... na ja." Hellmann wechselte mit Berger einen verstehenden Blick.

"Man weiß Bescheid", verkündete M'Boya viel sagend. "Soviel Bescheid wie man Bescheid wissen will."

Hwang wies verstohlen in Richtung der Bar, an der DeFalco und Karov immer noch ins Gespräch vertieft waren. "Und unser aller Chefingenieur hat mal wieder ein neues Ziel seiner Anstrengungen gefunden."

"Mhm. Karov", brummte Hellmann zwischen zwei Schlucken seines klaren Getränkes. "So wie ich ihn kenne, hätte ich eher auf MacDonnell getippt."

Hwang, M'Boya und Berger lachten unvermittelt los, Hellmanns Anmerkung wirkte aufgrund der Erfahrungen mit DeFalco durchaus passend.

"Es ist wohl auch schon zu ihm durchgedrungen: Never mix pleasure with business", überlegte M'Boya, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte.

"War das nicht andersrum?", fragte Berger, der nicht prompt begriffen hatte, was M'Boya ausdrücken wollte und erntete dafür kollektives Kopfschütteln aus der Runde.


"Lieutenant? Was machen Sie denn hier?", fragte Lemois verwundert den gerade ebenfalls eingetroffenen Torrente. "Sie sollten doch auf der Brücke bleiben!"

Torrente, ein junger Offizier indianischer Abstammung, sollte die Führungsoffiziere während der Feier vertreten.

"Ma'am, Lt. Terk hat mich abgelöst. Er hat mir freigestellt, an der Feier teilzunehmen."

Sie war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte, fürs erste beschied sie Torrente mit einem knappen, zustimmenden Nicken und vermerkte sich gedanklich, mit Spencer später darüber zu sprechen.

Sie verfolgte, wie Torrente nach einem kurzen Wortwechsel Hwangs Platz in der Viererrunde einnahm während diese auf die Bar zusteuerte. Sie sprach sie an. "Ich würde dich... Sie gerne mal etwas fragen."

"Dich... Sie... Ist mir egal", meinte Hwang freundlich. "Sicher. Ich hole mir nur noch was zu trinken."

"Gute Idee", stimmte Lemois zu. "Dann komme ich mit."

Sie setzten sich an eine Ecke der Bar, außer sicherer Hörweite von DeFalco, der sich bis jetzt immer noch nicht aus der Unterhaltung mit Karov lösen konnte.

"Was haben Sie denn auf dem Herzen?", fragte Hwang, nachdem einer von DeFalcos Ingenieuren ihnen ihre gefüllten Gläser gebracht und sich wieder entfernt hatte.

"Es geht um Captain Spencer", begann Lemois.

"Das habe ich mir gedacht", meinte Hwang verständnisvoll. "Sie finden keinen richtigen Zugang zu ihm und sein Verhalten gibt Ihnen Rätsel auf, richtig?"

"Woher wissen Sie das jetzt?", fragte Lemois mehr als erstaunt. "Ist das so offensichtlich, dass ich..."

Hwang schüttelte den Kopf. "Es ging uns in den ersten Tagen und Wochen mit ihm auch nicht anders. Das muss wohl normal sein."

Lemois lächelte erleichtert. "Ich dachte schon, das läge an mir. Weil... na ja." Sie nahm einen tiefen Schluck.

Hwang spürte, dass da noch etwas war, das an die Oberfläche wollte, Lemois allerdings zu verbergen versuchte. Sie traute sich jedoch nicht, sie direkt danach zu fragen.

"Sagen Sie, was haben Sie eigentlich da?" fragte sie Lemois stattdessen, die gerade versonnen in ihr Glas starrte, das mit einer schillernden Flüssigkeit gefüllt war.

"Was?" Sie blickte verwirrt auf, bis sie wusste, was gemeint war. "Das ist Gromaire-Saft. Seit einem Empfang auf der Victory ist das mein Lieblingsgetränk." Sie lächelte. "Das Auge trinkt mit, sozusagen."

Das wohl bekannte Geräusch sich öffnender Türenpaare unterbrach sie, denn herein trat Karaplidis, mit noch zwei Offizieren in gelber Uniform im Gefolge. Sie blieben etwas unschlüssig im Raum stehen.

Lemois erkannte sofort, dass diese drei nicht zur regulären Besatzung gehörten und stellte rasch ihr Glas auf die Bar, um den Besuch zu empfangen. ,Mindestens einer von denen ist Sicherheitsoffizier, so wie die dreinschauen', dachte sie, wobei sie ein leichtes Lächeln nach außen hin nicht unterdrücken konnte.

"Commander Lemois, Erster Offizier", stellte sie sich vor. "Was kann ich für sie tun?"

Karaplidis sagte ihren Namen und stellte ihre beiden Begleiter als Commander Hirvonen, Kontaktspezialist der Sternenflotte und Lieutenant Bilinski, Sicherheitschef von Utopia Planitia, vor.

Lemois gönnte sich den heimlichen Triumph, den Sicherheitsoffizier Bilinski aus der Entfernung erkannt zu haben und auch für ein paar Sekunden den Anblick den großen, blonden Kontaktspezialisten. Sie grüßte höflich und führte die drei wie angewiesen zum immer noch wie fest gewachsen dastehenden Spencer.

Ein melodisches "Hallo Andy" von Karaplidis bewegte Spencer dazu, seinen Blick endlich von den unendlichen Weiten abzuwenden. "Ah, Ina", begrüßte er Karaplidis, für Lemois ein deutliches Zeichen, dass Spencer wieder in der Realität angekommen war. "Wie ich sehe hat sich unsere heimliche Gastgeberin schon deiner angenommen", brummte er.

Lemois blickte aus verständlichen Gründen nicht ganz glücklich drein, bevor sie sich diskret einige Meter zurück bewegte. Auf ein Zeichen von ihr schlich Hwang hinzu.

"Wieso nennt sie ihn Andy? Ich dachte, er heißt Robert?", fragte sie leise.

"Andrew ist sein zweiter Vorname. Dessen Spitznamen mag er wohl lieber", erklärte Hwang in ähnlicher Lautstärke.

"Ah ja", sagte Lemois nur. Sanft, aber bestimmt zog Hwang sie nach einigen Sekunden zurück in Richtung der provisorischen Bar und erntete dabei keinerlei Gegenwehr von ihr.


"Du hast dich nicht viel verändert", urteilte Karaplidis in gedämpfter Lautstärke, nachdem sie Spencer kurz, aber eindringlich gemustert hatte.

"Na, ich weiß nicht", murmelte Spencer, bevor er fragte: "Was ist los?"

Karaplidis stellte auch ihm Bilinski und Hirvonen vor und den Zweck ihrer Mission. "Lieutenant Bilinski würde sich gerne im Maschinenraum umschauen, um sich ein Bild von der Vorgehensweise von Gilbertson zu machen. Wir kommen nämlich da auf der Werft nicht weiter."

"Wie? Habt ihr unsere Daten immer noch nicht?", erkundigte sich Spencer erstaunt.

Karaplidis schüttelte beinahe entschuldigend den Kopf. "Dafür haben wir ein brauchbares Bild von Gilbertson von einer Probeaufzeichnung der Videoüberwachung extrahiert und das Bild dem Computer vorgelegt. Er ist ein bekannter Computerverbrecher namens Bonzo Morretti und wird in drei Systemen gesucht."

"Ist er noch hier auf Utopia?"

"Das können wir nicht sagen. Er könnte sich sogar noch an Bord der Kennedy befinden."

Spencer schüttelte den Kopf. "Das kann er nicht. Ich habe das Schiff scannen lassen, hier sind nur die Leute an Bord, die hier hingehören."

"Die Suche auf Utopia läuft noch. Und das ist noch nicht alles."

"Ich höre", meinte Spencer nur, nicht ganz glücklich.

"Kontaktspezialist Hirvonen braucht ein Schiff. Die Kennedy, um genau zu sein."

"Also gut." Spencer verstand Karaplidis' Miene, winkte Lemois und Hwang heran und dachte drei Sekunden nach. "Miss Hwang, sie, Mr. DeFalco und Mr. Hellmann begleiten Lieutenant Bilinski in den Maschinenraum. Er wird die Untersuchungsergebnisse einsehen. Mr. Hirvonen, ich hoffe, es stört sie nicht, wenn wir unsere Vorbesprechung in dieser... allenfalls halb-offiziellen Atmosphäre durchführen. Commander Karaplidis, Commander Lemois, bitte folgen sie mir."

Spencer geleitete die Drei zu einem freien Tisch, der direkt neben einem der Panoramafenster stand. Wie zufällig kam Spencer neben Karaplidis und Lemois neben Hirvonen zu sitzen.

"Wenn jemand etwas trinken möchte...", begann Lemois freundlich, Karaplidis und Hirvonen verneinten allerdings.

"Also: Was gibt es?", fragte Spencer je zur Hälfte die gegenübersitzenden Hirvonen und Karaplidis, weitaus weniger zuvorkommend als Lemois jedoch.

"Wir empfangen seit kurzer Zeit seltsame Funksignale aus dem Giclas-System", begann Hirvonen in einem angenehmen Bass. "Diese Signale weisen eine bisher völlig unbekannten Frequenzmodulation auf. Da das Giclas-System nur wenige Lichtjahre von der Erde entfernt ist, müsste die Raumüberwachung im Normalfall eins oder mehrere unbekannte Schiffe registriert haben, das war aber nicht der Fall. Giclas besitzt zwar ein Wurmloch, durch das theoretisch ein Schiff einer bislang unbekannten Spezies geflogen sein könnte, es ist jedoch als ,still' klassifiziert, also keine Anzeichen für Aktivität. Meine Aufgabe besteht nun darin, herauszufinden, was dahinter steckt."

"Warum soll ausgerechnet die Kennedy da hinfliegen?", erkundigte sich Lemois, noch bevor Spencer etwas erwidern konnte. "Wir sind im Sol-System, da gibt es doch eigentlich genug Schiffe, die in besserem Zustand sind als unseres."

"Ganz so einfach ist es nicht", informierte sie Karaplidis. "Ein großer Teil der hier üblicherweise stationierten Schiffe führt gerade ein Manöver im Wolf-System durch und zwei der ansonsten bereit stehenden Schiffe gehen bereits anderen Aufgaben nach, so dass sich im Moment nur die vorgeschriebene Mindestzahl an einsatzbereiten Schiffen in Bereitschaft befindet. Die Kennedy ist im Moment zwar als nicht einsatzfähig klassifiziert, aber viel fehlt da ja nicht mehr..."

"Verstehe", brummte Spencer. "Wir können losfliegen, wenn wir unsere Warpkonfiguration kriegen, auch wenn noch nicht sehr viele Systeme ausgetestet sind. Ich habe Vertrauen in die Konstrukteure." Karaplidis und Spencer tauschten einen halb verschwörerischen Blick.

"Als Alternative wäre die Black Sun vorgesehen, das momentan solnächste Schiff. Sie wird hier in zweieinhalb Stunden eintreffen", fuhr Karaplidis fort.

"Wir haben also zwei Stunden Zeit", überlegte Spencer. "In Ordnung. Wir machen uns an die Arbeit. Mr. Hirvonen, ich schlage vor, dass sie bei uns Quartier beziehen. Unsere Wissenschafts- und Kommunikationsabteilung wird Ihnen natürlich bei Ihrer späteren Arbeit behilflich sein."

"Auch wenn noch gar nicht klar ist, ob sie wirklich wie geplant auslaufen können?", erlaubte sich Hirvonen zu fragen.

"Wenn ich sage, in zwei Stunden können wir starten, dann starten wir auch wirklich in einer Stunde und achtundfünfzig Minuten", entgegnete Spencer etwas harscher als es angebracht gewesen wäre. "Commander Lemois, sie werden Commander Hirvonen ein Quartier zuweisen und ihn einweisen. Eine Einsatzbesprechung werden wir erst durchführen, wenn wir unterwegs sind, denn bis dahin gibt es noch sehr viel zu tun. Und keine Sorge, Commander", wandte er sich abschließend an Lemois, "das Ende dieser netten Party hier werde ich bekannt geben. Das würde ich Ihnen nie zumuten wollen."

"Ja, Captain." Durch den Tonfall ließ Lemois ihren neuen Kommandanten wissen, dass sie seine Entscheidung gehört und verstanden hatte, sie aber bei weitem nicht teilte. Sie verließ den Aussichtsraum, Hirvonen folgte ihr dicht auf den Fersen. Karaplidis und Spencer blieben alleine am Tisch zurück.

"Ina, sag' mir eins: Könnt ihr die Werte in einer Stunde zur Verfügung stellen?", fragte Spencer.

"Was ist, wenn nicht?", fragte Karaplidis zurück.

"Dann suche ich meine alten Daten heraus und passe sie auf die Schnelle an."

"Okay, okay. Dann beeilen wir uns wohl besser", versprach sie augenzwinkernd.

Spencer legte den Kopf schief und brummelte etwas Undefinierbares. Karaplidis klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter und gab bekannt: "Ich gehe dann mal in den Maschinenraum und sehe, wie weit Bilinski gekommen ist."

"Viel Glück", wünschte Spencer. "Wir sehen uns bestimmt nochmal vor dem Auslaufen."

"Klar. Bei meiner Erfolgsmeldung." Gut gelaunt und zuversichtlich verließ auch sie den Aussichtsraum.

Spencers nächste Aufgabe war nun, die Festivitäten zum Leidwesen aller für beendet zu erklären. Vor allem zum Leidwesen von DeFalco, der, wie Spencer auf dem Weg zum Ausgang bemerkte, sich noch immer nicht aus der Unterhaltung mit Karov hatte lösen können.


"Deck 3, Gästequartiere", informierte Lemois den Turbolift über ihr Fahrtziel. "Sagen Sie, Commander, sind diese Funksignale nicht sehr merkwürdig?"

"Sicher", antwortete Hirvonen. "Sonst wäre ich nicht hier." Er legte eine kurze Sprechpause ein. "Glauben Sie, dass wir bald starten können? Die zweieinhalb Stunden bis die Black Sun hier ist, sind mir eigentlich zuviel."

"Ich kenne den Captain zwar noch nicht, aber ich denke schon", antwortete Lemois diplomatisch während sie den Turbolift wieder verließen. Ihre Neugier gewann gleich wieder die Oberhand. "Warum können Sie kein anderes Schiff benutzen?"

"Als so dringend wird die Untersuchung dann wohl doch nicht angesehen, dass man eines der Reserveschiffe ausnahmsweise klar macht", gestand Hirvonen. "Meiner Meinung ist sie das schon."

"Warum, wenn ich fragen darf?"

"Weil die Funksignale jederzeit wieder verstummen könnten. Außerdem ist es alles andere als sicher, dass es sich wirklich um eine Kontaktaufnahme handelt. Vielleicht ist es ein schlechter Scherz, vielleicht etwas ganz anderes..."

"Aber wäre dann dafür nicht ein Sicherheitsberater besser geeignet als ein Kontaktspezialist... was nicht heißen soll, dass wir sie nicht gerne an Bord hätten."

"Das Oberkommando hat beschlossen, auf Nummer Sicher zu gehen. Falls wirklich eine Erstkontaktsituation vorliegen sollte, will man einen Experten vor Ort haben... was nicht heißen soll, dass ich Ihnen Kompetenz in Erstkontaktfragen absprechen will", erwiderte Hirvonen augenzwinkernd.

Lemois zeigte ein breites Lächeln, brachte aber zur Sicherheit einige Zentimeter Seitenabstand mehr zwischen sich und Hirvonen.

"Dies ist ihr Quartier, Commander", gab sie bekannt. "Wenn noch etwas sein sollte, informieren Sie mich. Auf einem neuen Schiff weiß man ja nie. Die Kommunikationsabteilung finden Sie auf Deck 5 und wenn noch etwas sein sollte... Sie wissen, wie Sie mich erreichen können."

"Danke, Miss Lemois. Wenn etwas ist, erfahren sie's." Mit einem freundlichen Lächeln verschwand Hirvonen durch den angezeigten Eingang. Fröhlich und beschwingt machte sich Lemois nun ihrerseits wieder auf den Weg, einzig die Tatsache, dass ihr aufwändiges Haarstyling einer schlichteren, weil vorschriftsmäßigeren Form weichen musste, konnte ihre Laune ein klein wenig trüben.

5

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21617.5, Commander Spencer: [13.08.2344 00:07:12]:

Die Utopia Planitia-Werft hat uns vor einer Viertelstunde die korrekten Daten für den Warpantrieb liefern können, so dass wir in wenigen Minuten auslaufen können. Die wichtigsten Schiffssysteme sind ausgetestet, der Giclas-Mission steht soweit nichts mehr im Wege.

Spencer saß auf der mehr als idealbesetzten Brücke und sorgte wie alle übrigen an Bord dafür, dass bis zum geplanten Auslaufen in knapp acht Minuten noch so viele Dinge wie möglich erledigt wurden. Gerade hatte ihn eine Nachricht von M'Boya erreicht, dass immer noch vier Leute an medizinischem Personal fehlten, als er wahrnahm, dass noch jemand die Brücke betreten hatte. Routinemäßig sah er auf.

"Wie gesagt, bei der Erfolgsmeldung sehen wir uns", verkündete eine gut gelaunte und Karaplidis. "Die Startfreigabe gibt's übrigens gratis dazu."

"Das wäre ja auch noch schöner", erwiderte Spencer. "Warum ging es jetzt auf einmal so schnell?"

Sie kam einige Schritte näher, während sie antwortete. "Der fehlgeschlagene Versuch Morrettis, seine Zugriffe aus eurem Maschinenraum zu tarnen, half uns weiter. Hat man seine Arbeitsweise einmal verstanden, fällt die Aufhebung seiner Verschlüsselungen nicht mehr gar so schwer. Und das habe ich Lieutenant Hellmann zu verdanken."

Spencer vollführte eine großzügig-anerkennende Geste in Richtung seines Wissenschaftsoffiziers, der an Terminal I umfangreiche Sensorenchecks durchführte. Hellmann nickte artig, mit etwa dem selben Ernst, der in Spencers Geste mitschwang. Nach einem kurzen Moment fuhr er wieder mit seiner Arbeit fort.

"Wir sind bald wieder da, Ina", versprach Spencer. "Und meldet euch, sobald ihr diesen Morretti geschnappt habt. Ich würde ihm zu gern einige Fragen stellen. Oder habt ihr ihn etwa schon?"

"Nein. Die Daten für euren Warpantrieb waren wichtiger. Dann bis dann, Andy", verabschiedete sich Karaplidis auf die Spencer immer noch wohl bekannte Art und Weise. "Mach's gut."

"Du auch, Ina. Viel Glück."

"Aber klar." Nach einem verabschiedenden Lächeln wandte sich Karaplidis um und verließ die Brücke wieder. Spencer widmete sich unvermittelt wieder seinen Aufgaben, nur Lemois sah ihr beziehungsweise der geschlossenen Turbolifttür noch einen Augenblick hinterher.

"Captain, ich hätte da mal eine ganz grundsätzliche Frage", meinte sie auf einmal unvermittelt.

"Ja?", erwiderte Spencer, so als seien er oder seine Gedanken mit etwas völlig anderem beschäftigt.

"In ihrem Raum, wenn's Ihnen nichts ausmacht...", bemerkte sie irritiert.

"Wie? Na gut", beschloss Spencer. "Folgen Sie mir unauffällig."

Lemois gab sich nicht die geringste Mühe, ihre verwirrte Miene vor der übrigen Brückenbesatzung zu verbergen als sie Spencer folgte.

"Nehmen Sie...", begann Spencer, doch unterbrach sich selbst als er gewahr wurde, dass Lemois bereits Platz genommen hatte. "... sie haben schon. Auch gut. Was gibt's denn so geheimnisvolles, Commander?"

"Ich frage mich, warum wir jetzt unbedingt lospreschen müssen, mit ungetestetem und möglicherweise sabotiertem Schiff. Finden Sie unbekannte Funksignale so interessant?"

"Wir haben einen Auftrag erhalten und haben die Möglichkeit, ihn wahrzunehmen. Die Bedrohung namens Morretti haben wir größtenteils im Griff. Wo ist das Problem? Nebenbei, Ihnen fallen ihre Bedenken ziemlich spät ein, wir haben Startfreigabe in sieben Minuten." Spencers bedächtiger Tonfall bildete einen eigenartigen Kontrast zu Lemois' provozierendem Fragestil.

"Besser spät als nie", erwiderte Lemois spontan. Sie benötigte ein paar Sekunden, um eine Formulierung zu finden, die einem Vorgesetzten nicht sofort übel aufstoßen würde. "Das Problem ist, dass die Kennedy überhaupt noch nicht getestet worden ist, wir zudem ungeklärte Computerprobleme haben und die Mission viel zu unwichtig ist, als dass wir dafür alles mögliche riskieren sollten. Die Black Sun ist doch ohnehin in einer halben Stunde da."

"Wir riskieren nichts, Commander. Die Mission scheint nicht allzu wichtig, das ist aber kein Grund sie abzulehnen. Objektiv spricht schließlich nichts dagegen, oder?"

"Und was ist mit den Problemen mit unserem Computer? Wir haben keine Ahnung, was es damit wirklich auf sich hat", bohrte sie weiter.

"Noch nicht", versicherte Spencer. "Konnten sie sich in den letzten zwei Stunden darum kümmern? Nein. Das konnte keiner. Das werden wir tun, wenn wir unterwegs sind."

"Wollen Sie sich denn darauf verlassen, dass die Störungen so harmlos bleiben?" Lemois drohte, aufzufahren, konnte ihre Lautstärke aber noch auf akzeptablem Niveau halten. "Wir wissen nicht was kommt und wir wissen nicht, was los ist. Mir kommt hier einfach viel zu viel spanisch vor, Captain!"

"Jetzt dramatisieren sie aber." Spencer wirkte grad so als wollte er Lemois beruhigen. "Unsere Computersysteme sind doch relativ sicher. Und wenn wirklich etwas dahinter stecken sollte... solange wir nicht unterwegs sind, werden wir gar nichts erfahren."

"Na gut", flötete Lemois unbekümmert, so als machte ihr diese ,Niederlage' rein gar nichts. Insgeheim wunderte sie sich jedoch, warum er ihre doch sicherlich zurecht vorgebrachten Vorwürfe so geflissentlich ignorierte und in gelassenstem Tonfall vage Beschwichtigungen vorbrachte. Sie beschloss jedoch, es dabei bewenden zu lassen, um einem guten Auftakt ihrer Zusammenarbeit willen.

"Dann sollten wir jetzt auf die Brücke gehen, sonst fliegt die Kennedy ohne uns ab und das will ich vermeiden." Ohne auf eine Reaktion Lemois' zu warten, erhob sich Spencer und ließ seinen Worten die entsprechende Tat folgen. Ihre Miene strahlte alles andere als Freude aus als sie ihm folgte.


"Commander?"

"Ja? Was haben Sie, Mr. Strecker?", fragte Karaplidis, die nicht mal eine Minute wieder in der Werftzentrale war, den regulären Diensthabenden der Nachtschicht.

"Unbekannte Signale, ganz schwach. Und immer nur für einige Sekunden."

"Die Quelle?"

"Wechselnd, aber unmöglich zu lokalisieren."

Karaplidis lud sich die Daten auf ihr Display und ließ einige Analyseroutinen laufen.

"Das ist einmal hier im Bereich der Werft und einmal draußen bei den Docks. Bei denen mit den kleinen Nummern."

Strecker überlegte. "Da liegen die Dickens, die Kennedy, die Wisconsin... die ist wegen Schwierigkeiten mit ihrer Funkanlage hier. Wahrscheinlich sind die es."

"Sie senden unmotiviert zufällige Signale aus und werden durch den Kommunikationsschild der Werft zurückgeworfen", überlegte Karaplidis. "Möglich wäre es, aber dann müssten Log-Einträge des Kommschildes darüber existieren..."


"Drei Minuten bis zum Start", gab Hellmann ungefragt bekannt. Spencer nickte.

"Die Ausgänge sind zu?", richtete Lemois eine Frage an Terk.

"Nein, Commander. Dr. M'Boya hat zwei Pfleger angefordert, die noch nicht eingetroffen sind", antwortete Terk in einer sehr tiefen, gutturalen Tonlage.

Als Antwort verdrehte sie genervt die Augen, ein ärgerliches, wenn auch stummes ,M'Boya' entschlüpfte ihr, unbemerkt von allen außer Spencer.

Dieser konnte jedoch nicht lange über Lemois' Ärger schmunzeln, da ihn ein Kommunikatorsignal erreichte. "DeFalco an Spencer!"

"Spencer hier, Gerry, was macht der Warpantrieb?"

"Das ist das Problem. Wir haben ein Plasmaleck und dieser verdammte Computer will uns nicht sagen wo."

"Will er nicht oder kann er nicht?", fragte Spencer ungerührt zurück.

"Wenn ich das wüsste", brummte DeFalco. "Vor fünf Minuten war das Leck jedenfalls noch nicht da."

"Ich versuche mein Glück von hier oben. Leg mir die Kontrollen rauf, Computer: Kanal nicht schließen."

Spencer schwang sich aus dem Kommandosessel und begab sich an die Maschinenstation an der Rückwand. Er konnte nicht die leiseste Vermutung über die Ursache vorweisen, auch wenn das von außen angesichts seiner flink arbeitenden Finger kaum zu vermuten gewesen wäre.

Niemand auf der Brücke bemerkte, dass Karov nachdenklich mit ihrer linken Hand auf dem Rand ihrer Konsole entlangfuhr und nach etwa zehn Sekunden mit einigen Überprüfungen begann.

Nach weiteren zehn Sekunden warf sie einen vorsichtigen Blick in Richtung ihres Kommandanten, entschloss sich dann aber, sich an Lemois zu wenden. "Commander", bat sie.

Lemois hielt in einer Bewegung inne und drehte sich schwungvoll nach links. "Ja, Karov?"

"Ich habe da etwas Interessantes gefunden. Sie müssten allerdings bitte herkommen."

"Hoffentlich ist es wirklich was Interessantes", erwiderte Lemois, schwächte aber das Drohende in ihrer Stimme gleichzeitig durch ein freundliches Lächeln ab, während sie auf Karov zusteuerte.

"Vor etwa drei Minuten registrierten die Sicherheitsscanner schwache, unregelmäßige Funksignale. Der Computer wurde aus ihnen nicht recht schlau, deswegen habe ich sie vorerst als Sensoren-Fehlfunktion zurückgestellt", berichtete Karov bedächtig.

"Und?" Lemois fiel es nicht leicht, ihre wachsende Ungeduld in der Stimme zu verbergen.

"Dann habe ich zwei Minuten später eine Nachricht aus der Werftzentrale erhalten, die von ähnlich seltsamen Funksignalen sprach. Und eine mögliche Quelle dieser Signale liegt auf unserem Schiff und da direkt an einer Leitung des EPS." Sie wies auf die Risszeichnung, die am Sichtmonitor links von ihr prangte.

"Und wie sind sie darauf gekommen?", fragte Lemois, nun doch beeindruckt.

"Eins und eins zusammengezählt, etwas Intuition und etwas Computerwissen", antwortete Karov, so als wäre es das Selbstverständlichste des Universums.

"Gute Arbeit, Lieutenant", lobte Lemois die trotz allem relativ aufgeregt wirkende Karov. "Captain!", rief sie dann betont gut aufgelegt quer über die Brücke.

Mit zerfurchter Stirn wandte sich Spencer um und konnte sich noch zu einem einigermaßen freundlichen "Was gibt's denn, Commander?" aufraffen. Er war jetzt nicht der einzige, der aufsah.

"Haben Sie es schonmal mit EPS-Leitung 102-003 versucht?"

"Bitte?", brummte Spencer.

Mit zwei aufmunternden Kopfbewegungen brachte Lemois Spencer dazu, ihrem Vorschlag ohne weitere Nachfragen zu folgen.

Zufrieden, aber auch belustigt tauschten Lemois und Hwang einen Blick.

"Es ist wirklich diese Leitung. Gerry, du weißt Bescheid", murmelte Spencer nach kurzer Überprüfung.

"Alles klar, Captain", tönte es aus Spencers Kommunikator. "Wir kriegen das in den Griff. DeFalco Ende."

"Na wenigstens etwas", meinte Spencer, während er wieder seinen angestammten Platz einnahm. "Und jetzt zu Ihnen, Commander. Woher haben Sie ihre hellseherischen Fähigkeiten?"

Lemois beschloss, es vorerst bei einem leeren Gesichtsausdruck und einem Wink in Karovs Richtung als Antwort zu belassen.


"Einen Moment noch bitte, Commander."

Karaplidis, die mit ihren Gedanken bereits beim wohlverdienten Schlaf weilte, kam noch einmal aus dem Türrahmen zurück. "Mr. Strecker?"

"Commander, ich erhalte gerade eine Nachricht von der Kennedy. Sie war anscheinend das Ziel der Funksignale."

Karaplidis, die bis gerade noch eher schläfrig dreingeschaut hatte, wirkte plötzlich hellwach und auch besorgt. "Ist was passiert?"

Strecker verneinte.

"So langsam wird es wirklich merkwürdig", murmelte sie.

"Soll ich die Startfreigabe aussetzen?", fragte Strecker eifrig.

Karaplidis verneinte. "Das kann ich Spencer nicht antun. Geben Sie die Daten an Lieutenant Bilinski weiter. Dass wir Ergebnisse brauchen, muss ich wohl nicht extra sagen. Bis dahin haben Sie die Werft."

"Verstanden, Commander", antwortete Strecker.

Mit leicht ermatteten Schritten wanderte Karaplidis aus der Werftzentrale.


"DeFalco an Brücke!"

"Brücke, Spencer hier."

"Wir sind fertig und können starten. Da war ein Störgerät in der Röhre, das haben wir entfernt und an Hellmann zur Untersuchung weitergegeben. Ansonsten ist alles in Butter."

"Danke, Gerry."

"Die Startfreigabe gilt noch?", fragte Lemois.

"Ja, Commander", antwortete Hwang prompt.

"Und die Ausgänge sind auch endlich zu", murmelte Lemois, wenn auch nahezu unhörbar.

"Haben Sie was, Commander?", erkundigte sich Spencer überfreundlich.

"Nein, Sir", versicherte Lemois, rang sich ein entschuldigendes Lächeln ab und nahm sich vor, sich in Zukunft etwas mehr zurückzuhalten.

"Dann sagen Sie mir, ob wir starten können."

Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Kontrollen. "Es spricht nichts direkt dagegen, Captain", erwiderte sie ernst. "Auch wenn man nicht gerade von einem Top-Zustand sprechen kann."

"Das ist mir bewusst", brummte Spencer, der sich die Stimmung auf der Brücke im Umfeld des ersten Starts etwas anders vorgestellt hatte. "Verankerungen lösen, Manövriertriebwerke starten. Langsam Fahrt aufnehmen."

"Verankerungen gelöst", meldete sich Terk zu Wort. Sein Tonfall trieb Spencer immer noch einen leichten Schauer über den Rücken, es würde wohl noch etwas dauern, bis er sich daran gewöhnen würde.

"Ich starte die Manövriertriebwerke", gab Hwang bekannt. "Das Schiff bewegt sich!"

"Das sollte es wohl", dämpfte Spencer ungewollt die Freude seines Flugoffiziers.

Hwang wandte sich kurz um. "Angesichts der Tests war nicht unbedingt davon auszugehen", meinte sie scherzhaft.

"Dann passen Sie mal besser auf wo sie hinfliegen", versetzte Spencer, etwas härter als beabsichtigt.

Nach der Andeutung einer leidenden Miene richtete Hwang ihren Blick wieder nach vorn und ihre Aufmerksamkeit auf die Steuerkontrollen.

Die Lifttüren öffneten sich und Hirvonen trat heraus. "Es geht los?", fragte er.

Lemois nahm sich die Freiheit, ihm zu antworten. "Allerdings, Commander. Nehmen Sie Platz! So ein erster Start eines Schiffes ist ein besonderes Ereignis, das sollten sie nicht verpassen!"

"Dann werde ich ihrer Empfehlung selbstverständlich Folge leisten", antwortete Hirvonen lässig, aber freundlich während er sich in den Stuhl des Missionsbegleiters links neben Spencer fallen ließ. Er wechselte noch einen letzten, frechen Blick mit Lemois und besah sich dann entspannt zurückgelehnt das Schauspiel auf dem Hauptschirm.

"Wir haben das Dock verlassen und freien Flug voraus", gab Hwang bekannt.

"Nehmen Sie Kurs auf das Giclas-System. Zustand des Impulstriebwerks?"

"Achtzig Prozent laut...", Hwang war versucht, ,Gerry' zu sagen, entschied sich dann aber doch für "... Mr. DeFalco."

"Okay: Fünfundsiebzig Prozent Leistung voraus", ordnete Spencer viel sagend an.

"Verstehe", antwortete Hwang ebenso viel sagend.

Spencer spürte fragende Blicke von links (Hirvonen) und rechts (Lemois) auf sich ruhen. "Ich lasse gern eine Sicherheitsreserve", wich Spencer ihnen aus.

Das feinlinige Lächeln, das Lemois' Lippen umspielte, hätte einem etwaigen Beobachter deutlich gezeigt, dass sie Spencers Ausflucht durchschaut hatte und den wahren Grund zu kennen glaubte. Sie sagte nichts.

"Spencer an DeFalco! Gerry, wie läuft's?"

"DeFalco hier. Es läuft nicht gerade rund, aber es läuft."

"Was macht der Warpreaktor?"

"Schnurrt brav vor sich hin... testweise." Wie aufs Stichwort war im Hintergrund ein lautes Poltern zu hören.

"Schnurren würde ich das nicht nennen", stichelte Spencer. Ein Geräusch, das einem unterdrückten Lachen sehr nahe kam, war von Lemois zu hören. Spencer selbst konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, als lautstarkes Gebrüll DeFalcos aus dem Kommunikator schepperte. "Was ist denn da los? Könnt ihr nicht leise arbeiten?"

Die Antwort der Verursacher war durch den Kommunikationskanal nicht zu verstehen, es blieb einige gespannte Sekunden lang still.

"Andy, hier unten gibt's Ärger. Vorerst besser nicht auf Warp gehen, ja?"

Zeitgleich leuchtete eine von einem eindeutigen Warnton begleitete Anzeige auf einigen Brückenstationen auf.

"Captain!", rief Hwang entsetzt aus. "Der Computer, der... beschleunigt auf Warp!" Ihr wüstes Kopfschütteln deutete an, dass ihre hektischen Umgehungsversuche nicht von Erfolg gekrönt waren, die abwehrenden Tongeräusche des Computers, die ihre Aktionen begleiteten, verliehen der Situation noch einen dramatischeren Anstrich.

"Ich komm' runter, Gerry", rief Spencer nachdem er kurz entschlossen aufgesprungen war und sich auf dem Weg zum Turbolift befand.

Mit den Worten "Ist gut." beendete DeFalco die Komm-Verbindung.

"Commander, sie übernehmen!", rief Spencer noch in letzter Sekunde.

Lemois war durchaus nicht abgeneigt, ihren Platz zu wechseln und überlegte für einen Moment sogar, aus lauter Übermut die versprochenen achtzig Prozent des Impulsantriebs auszureizen. Wissend um die momentanen Probleme setzte sich ihr Kopf jedoch gegen ihr Gefühl durch.


Nach seinem Eintreffen spurtete Spencer direkt in das ,Herz' des Schiffes, den Maschinenraum. "Gerry!"

"Bin hier, Captain!"

Spencer eilte zur Quelle des Rufes.

"Was gibt's?"

Wortlos wies DeFalco auf die Schnittzeichnung des Warpkerns, an dem gleich mehrere Stellen rot blinkten.

"Synchroner Ausfall der Fusionsvorbrenner in gleich drei der fünf redundanten Materiereaktantinjektoren", konstatierte Spencer.

"Genau", stimmte DeFalco verärgert zu. "Wäre alles nicht so schlimm, wenn dieser verflixte Computer nicht verrückt spielen würde... Lori!" Das letzte Wort schrie DeFalco unvermittelt.

MacDonnell beeilte sich, zur Stelle zu sein. "Der Computer reagiert nicht auf unsere Umgehungsversuche. Ich habe Lieutenant Hellmann informiert."

"Von mir aus", murmelte DeFalco. "Entweder finden wir eine Lösung oder uns schmelzen einige wichtige Teile."

"Wie lange noch?", fragte Spencer.

"Drei Minuten... bestenfalls", antwortete DeFalco, der nun selbst sein Glück an einer nahe stehenden Konsole versuchte. "Ich versuche, den Plasmastrom etwas abzukühlen... irgendwann wird er schon aufgeben."

"Wie wäre es mit einer gleichzeitigen Simulation einer Störung am Antimaterieinjektor?", schlug Spencer vor.

"Gute Idee, Andy."

DeFalco und Spencer arbeiteten zwei Sekunden, bis DeFalco wütend auf die Konsole hieb. "Dieses Ding reagiert nicht mal auf meine Eingaben."

"Genau wie bei mir", warf die immer noch dabei stehende MacDonnell vorsichtig ein.

"Die simulierte Störungsmeldung ist raus, bringt aber scheinbar nichts", stellte Spencer fest.

"Lori, hör doch mal bei Hellmann nach, weit er ist. Wir haben keine Zeit mehr!"

MacDonnell machte sich unverzüglich daran.

"Wir kappen die ODN-Verbindung zur zentralen Steuereinheit", beschloss Spencer unvermittelt.

"Das wird aber danach einiges an Arbeit werden", gab DeFalco zu bedenken.

"Dafür funktioniert's hundertprozentig. Solange der Antrieb noch nicht funktioniert, werden die Kommandos wiederholt gegeben. Sobald sie ausbleiben, gibt der Antrieb automatisch Ruhe."

DeFalco brauchte sechs Tastendrücke um Spencers Vorschlag in die Realität umzusetzen. "Wie gut, dass wir immer noch im Wartungsmodus sind. Sonst hätt's etwas länger gedauert", brummte er. In seine letzten Worte fiel ein Kommunikatorsignal ein. "Hellmann an DeFalco."

"DeFalco hier."

"Ihr habt die Hauptleitung dicht gemacht?"

"Haben wir. Sicher ist sicher."

"Wir richten eine Umgehung ein und aktivieren sie, sobald du willst."

"Wollte ich gerade vorschlagen, Christoph. DeFalco Ende."

Spencer warf einen Blick auf das zentrale Hauptkontrollpult. "Die Injektoren wurden ganz schön geröstet. 90% der Norm. Wie ist das eigentlich passiert?"

"Keine Ahnung", gestand DeFalco. "Wir waren gerade bei den letzten Tests an den Strömungssensoren, als sich plötzlich der Computer verselbstständigte. Die Ursachenforschung werde ich Hellmann übergeben. Dann kommt der auch mal ans Schwitzen."

"Wann können wir wieder starten?"

"Von uns aus in zehn Minuten."

"Ich bin dann wieder oben", meinte Spencer.

"In Ordnung. Den Kleinkram jetzt schaffen wir auch alleine", versicherte DeFalco.

"Ist gut." Spencer fuhr auf die Brücke zurück.

"Captain auf der Brücke!", begrüßte ihn Lemois unüberhörbar für alle. Seitdem sie vor einigen Stunden Spencers Eintreffen auf der Brücke nicht bemerkt hatte, hatte sie seitdem förmlich darauf gewartet, es beim zweiten Mal besser zu machen.

"Commander Lemois: Ich weiß, dass ich auf der Brücke bin. Und jeder andere auch. Und falls nicht, gibt es gute Gründe, diese Person nicht zu stören." Spencer stapfte weiter in seinen Raum.

Lemois sah ihm mit mehr als verwirrtem Gesichtsausdruck nach und machte nach Spencers Verschwinden nicht ganz unbeirrt mit ihrer Arbeit weiter.


Nachdem er sich in seinen Stuhl geworfen hatte, wollte er zunächst direkt Utopia Planitia kontaktieren, doch ein Vermerk von Hellmann hielt ihn davon ab.

"Spencer an Hellmann!"

"Hellmann hier. Wir haben einige Ergebnisse, Captain."

"So schnell?"

"Na ja, wir sind noch lange nicht fertig. Eines ist jedoch klar: Die Computerfehlfunktion wurde gezielt ausgelöst."

"Was heißt gezielt?"

"Jemand, wahrscheinlich dieser Morretti, hat in die Testroutinen für die Strömungssensoren ein Unterprogramm eingebaut, dass solange erfolglos versucht, den Warpantrieb zu aktivieren, bis die Injektoren schmelzen. Wir isolieren den Programmcode gerade, um ihn zu untersuchen. Ich würde die entsprechenden Routinen gerne gründlich prüfen, bevor wir den Warpantrieb wieder ans Netz lassen."

Spencer überlegte einen Augenblick.

"Überprüfen Sie sie so, dass sie in zehn Minuten fertig sind. Dann würde ich nämlich gerne abfliegen."

"Wie sie meinen, Captain. Hellmann Ende."

Danach verwirklichte Spencer seine ursprüngliche Absicht.

"Utopia Planitia-Werft, Lieutenant Strecker", meldete sich eine Stimme aus seinem Terminal. Dieses Mal fiel ihm bewusst auf, dass das zum Ton gehörige Bild erst deutliche Sekunden später folgte.

"Ist Commander Karaplidis zu sprechen?", fragte Spencer direkt.

"Ich weiß nicht... geht es um etwas Wichtiges, Captain?", fragte Strecker unsicher zurück.

Spencer schwankte für eine Sekunde zwischen insgesamt drei abfälligen Bemerkungen, antwortete dann aber neutral. "Ich denke schon, Lieutenant. Würden Sie sie bitte aus ihrem wohlverdienten Schlaf wecken?"

"Ja, Captain", beeilte sich Strecker zu sagen und leitete das Gespräch weiter. Nach einigen Sekunden erschien eine verschlafen dreinblickende Karaplidis auf dem Schirm. Ihr tiefblaues Nachthemd ruhte halb verzogen auf ihren Schultern und auch ihre Haare waren für gewöhnlich geordneter. "Ja, Andy?", murmelte sie geistesabwesend.

"Störe ich?", fragte Spencer vorsichtig.

"Es geht." Karaplidis rang sich ein Lächeln ab, sie hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass sie immer im Dienst war. "Ärger mit eurem Schiff?"

"Und ob." Spencer umriss kurz die Gründe, die zum Beinahe-Ausfall des Warpantriebs geführt hatten. "Ich würde empfehlen, dass ihr eure Software auch einmal überprüft, damit nicht auf einmal simple Routinearbeiten von unerwünschten Nebeneffekten begleitet werden."

"Ich habe unsere Computerabteilung und den Sicherheitsdienst bereits eingespannt. Sie sollen Morretti und seine Machenschaften aufdecken. Sie werden etwaige giftige Programme schon finden."

Spencer verzichtete auf eine sofortige Antwort, da sein Türsummer ertönte.

"Herein!", rief er und Lemois trat ein. "Ina, ich mach' jetzt Schluss. Sag' mir sofort Bescheid, wenn ihr was Neues habt."

"Aber klar doch. Und pass auf dich auf, Andy. Da ist bestimmt noch was im Busch."

"Mache ich. Spencer Ende." Er trennte die Verbindung und wandte sich dann an Lemois. "Was ist?"

"Sie sollten auf die Brücke kommen, Captain."

"Natürlich. Das sollte ich." Er stand auf und ging an Lemois vorbei zur Tür. Ein langsames Kopfschütteln war die einzige Reaktion, die sie zeigen konnte.


"Hellmann an Berger!", meldete sich eine besorgt klingende Stimme aus Bergers Kommunikator, gerade als er drei kritische Stellen im Programmcode identifiziert und isoliert hatte.

"Berger hier."

"Ich habe gerade eine Routinekontrolle durchgeführt und festgestellt, dass sich die Antwortzeit des Computerkerns um 10% verlängert hat. Wissen Sie etwas darüber?", fragte Hellmann gelassen.

"Nein, weiß ich nicht", antwortete Berger. "Ich sehe seit drei Minuten nichts anderes als Codezeilen. Am Computerkern war ich nicht."

"Noch ein Problem", stellte Hellmann fest. "Wie weit sind sie?"

"Ich komme gut voran und beginne gerade mit detaillierten Untersuchungen..."


"DeFalco an Brücke! Der Warpantrieb steht bereit", meldete DeFalco nach einiger Zeit.

Lemois kam Spencer mit der Antwort zuvor. "Drei Minuten über der geplanten Zeit, Mr. DeFalco!"

"Das lag nicht an mir", verteidigte sich DeFalco murmelnd.

Spencer tippte wortlos auf den Kommunikator und schloss den Kanal. Lemois bedachte er mit einem missbilligenden Blick, sie wandte sich unschlüssig ab.

"Bereit für Warp, Miss Hwang?"

"Schon lange, Captain."

"Dann Warp 1 voraus und langsam beschleunigen."

"Ja, Sir", freute sich Hwang und berührte endlich ein speziell gekennzeichnetes Bedienelement auf ihrem Pult. Der Rumpf der Kennedy erzitterte kurz, schaffte dann aber doch den Sprung aus dem Normalraum.

"Mr. Terk, rufen Sie die Black Sun und informieren Sie sie, dass wir unterwegs sind."

"Ja, Captain", bestätigte er, beinahe tonlos.

Lemois rückte einige Zentimeter näher an Spencer heran. Mit gedämpfter Stimme fragte sie neckisch: "Wollen Sie damit nicht lieber noch etwas warten?"

"Nein", versicherte Spencer bestimmt und kurz angebunden. Ihm war jetzt nicht nach Scherzen zumute.

Im Maschinenraum beobachtete DeFalco zufrieden mit verschränkten Armen den sirrenden Warpreaktor. MacDonnell stand unschlüssig und mit verkniffener Miene daneben.

6

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag

Nachdem wir nun glücklich unsere vorläufige Reisegeschwindigkeit von Warp 5.5 erreicht haben, können wir uns nun von Commander Hirvonen über die bevorstehende Mission informieren lassen.

Als sich der Lärm des Stühlerückens im Konferenzraum gelegt hatte, begann Spencer: "Als erstes möchte ich sie alle nochmals an Bord willkommen heißen. Und als zweites möchte ich mich entschuldigen, dass die erste Konferenz nicht früher statt finden konnte, aber es bestand entweder keine Veranlassung oder keine Zeit dafür. Ich möchte Ihnen Commander Hirvonen aus der Kontaktabteilung der Sternenflotte vorstellen, den Hauptgrund für unseren überstürzten Aufbruch." Spencer zeigte einen angedeuteten Wink auf den links von ihm sitzenden Hirvonen, der seinen Blick von der ihm gegenübersitzenden Lemois abwandte und grüßend die große Runde entlangwandern ließ.

"Diese Mission wird Thema des ersten Teils dieser Konferenz werden", fuhr Spencer fort. "Dann widmen wir uns ausführlich dem Schiffszustand und danach einigen weiteren kritischen Punkten. Commander, das Wort gehört ganz Ihnen", übergab Spencer undezent das Wort an den Kontaktspezialisten.

"Die Sternenflotte empfängt seit einigen Stunden unbekannte Funksignale aus dem Giclas-System", begann Hirvonen und wiederholte kurz, klar und für jeden verständlich die Merkwürdigkeiten im Einzelnen. "Die Daten, die wir über die Funksignale gesammelt haben, sind Ihrer Kommunikationsabteilung zugegangen...", schloss er. Aus seinem Ton war nicht vollständig ersichtlich, ob der letzte Satz eine Feststellung oder eine Frage beinhaltete.

Spencer nahm letzteren Fall an und leitete die Frage stumm an Hellmann weiter.

Dieser nickte und nutzte die Gelegenheit. "Sagen Sie, Commander: Inwieweit sind sie unterwegs von Sensorenanalysen der Funksignale abhängig? Die Sensoren sind zwar im Moment funktionsfähig, aber bei Dauerbetrieb kann ich dafür leider nicht garantieren."

Hirvonen zuckte mit den Schultern. "Im Moment wiederholen sich immer die selben Signale. Die haben wir bereits ausführlich analysiert. Solange sie sich nicht ändern, brauche ich Ihre Sensoren erst in Giclas. Dann sollten sie allerdings funktionieren", meinte er in relativ gelassenem Ton.

"Das werden sie", versprach Hellmann ebenso unspektakulär.

"Gibt es jemanden auf Ihrem Schiff, der Erfahrung mit der Programmierung des Universalübersetzers hat?", fragte Hirvonen.

"Fähnrich Hallersvoort - eingeschränkt", antwortete Spencer. Hellmann nickte zur Bestätigung.

Es blieb eine Sekunde lang still.

"Sagen Sie, Commander, mit was rechnen Sie an unserem Zielort?", fragte Karov.

Hirvonen zuckte die Achseln. "Mit dem Unerwarteten", beschied er Karov knapp, die sich daraufhin keine weitere Frage mehr erlaubte.

Mit den Worten ",Das Unerwartete' ist ein gutes Stichwort", durchbrach Spencer die gekünstelt wirkende Stille. "Falls keine extrem dringenden anderen Dinge vorliegen, würde ich mich nun gerne dem Schiffszustand widmen."

Die kurze Pause, die er daraufhin einlegte, nutzte Hirvonen, um sich zurückzuziehen, "um noch der einen oder anderen Idee nachzugehen", wie er sich ausdrückte.

Aus der versammelten Runde zeigte sich keine andere sichtbare Regung als ein knappes, bestätigendes Nicken Spencers und eine nicht perfekt verborgene Miene des Bedauerns seitens Lemois. Nach einigen Sekunden war jedoch ein latenter Hauch der Erleichterung im Raum zu spüren, selbst Spencer konnte sich nicht als davon ausgenommen betrachten. Man war nun ,unter sich', sozusagen.

"So", brummte er. "Da wären wir nun unterwegs... oder?" Er warf einen prüfenden Blick aus den Seitenfenstern, so als müsste er eine visuelle Bestätigung für diese Tatsache einholen.

Mit Zufriedenheit nahm er zur Kenntnis, dass ein beträchtlicher Teil der Anspannung, die sich in beinahe allen Gesichtern abgezeichnet hatte, einer leisen Belustigung gewichen war.

DeFalco war unerwarteterweise der einzige, der aus der Reihe fiel. "Danke für Ihr Vertrauen, Captain", brummte er verärgert.

"Gerry?! Wo ist dein Humor?"

"Der hat heute Pause", gab er bekannt, seine Arme vor der Brust verschränkt. "Es ist nachtschlafende Zeit und noch ungeheuer viel zu tun."

Lemois bedachte nacheinander DeFalco und Spencer mit einem strafenden Blick bevor sie bemerkte, was sie da gerade tat.

"Ganz genau", stimmte Spencer DeFalco ungerührt zu. "Und das war gute Arbeit mit dem Impulsantrieb. Der sah ja vor zwei Stunden noch nicht so toll aus."

"Danke nicht mir, danke MacDonnell", wich DeFalco aus. "Sie hat die Reparatur geleitet. Ich hatte genug mit dem Warptriebwerk zu tun."

"Und das funktioniert ja auch", grinste Spencer. "Doch wie auch immer", bemühte er sich, dem Thema, bei dem er DeFalco auf dem grundfalschen Fuß erwischt hatte, ein rasches Ende zu bereiten. "Der Reihe nach ihre Berichte bitte", wandte er sich nun an Lemois.

"Ja, Captain." Ihr Amüsement über den zurückliegenden Wortwechsel konnte und wollte sie kaum verbergen. "Also..." Sie warf einen etwas lang geratenen Blick auf das Display an ihrem Platz, um ihre Gedanken zu dienstlichen Belangen zurückzuleiten.

"Wir sind im Moment genau 87 Personen an Bord, das heißt, es fehlen ungefähr achtzehn Crewmitglieder", begann Lemois. Spencer fragte sich, woher ihr singender, spöttischer Unterton rühren mochte...

"Personal fehlt besonders der Sicherheitsabteilung und der Krankenstation, aber es hält sich in Grenzen. Ich habe die Schichtpläne angepasst... weiterhin möchte ich sagen, dass Schadensmeldungen von allen Stationen in schöner Regelmäßigkeit eintreffen."

"Das ist wenig verwunderlich, Commander", merkte Spencer eine Spur freundlicher an als seine gewöhnliche Wortwahl vermuten ließ.

Sie gab ihm durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass ihr Bericht beendet sei.

Hwang, in ihrer neuen Funktion als Zweiter Offizier, war als nächste an der Reihe. "Die Navigations- und Steuerungssysteme funktionieren im Großen und Ganzen, hatten aber bei den Tests einige Male nicht reagiert. Der Impulsantrieb könnte wie auch die Manövertriebwerke noch etwas Feineinstellung gebrauchen. Und für den Moment... keine Volllast und keine Flugkunststücke bitte, Captain."

"Das sollte möglich sein", meinte Spencer.

Dann war Terk, der Einsatzleiter, an der Reihe.

"Sensoren funktionsbereit, Sir. Kurzstreckenkommunikationssysteme haben erst beim dritten Mal den Selbsttest bestanden, der positive Selbsttest der Subraumkommunikation ist nicht eindeutig reproduzierbar. Auch die weiteren Systeme arbeiten zeitweise unzuverlässig, aber ansonsten zufrieden stellend." Er fasste sich betont kurz.

"Danke", bestätigte Spencer.

"Der generelle Schiffszustand ist allerhöchstens mäßig zu nennen", fuhr DeFalco fort, der seine Verärgerung von gerade scheinbar hinuntergeschluckt hatte. "Ich habe vorhin mal eben eine Schnelldiagnose Stufe 5 des ganzen Schiffes durchgeführt und die Ergebnisse in rote, gelbe und grüne Anzeigelampen umrechnen lassen. War relativ viel Gelb und auch Rot dabei. Das Rot war allerdings fast nur Kleinzeug." DeFalco verzog seinen Mund.

"Was heißt ,fast'"?, erkundigte sich Lemois, die es genau wissen wollte.

",Fast' heißt, das einzige ,rote' System, was ich nicht unter Kleinzeug rechnen würde, ist das Shuttlesystem. Da hat sich bisher noch niemand drum gekümmert."

"Na ja. Das ist verzichtbar", entgegnete Lemois.

"Wer weiß...", brummte Spencer halblaut. "Welche kritische Systeme sind denn ,gelb'?"

"Sehr viele", antwortete DeFalco begleitet von einer umständlichen Geste. "Anders gesagt, die einzigen Systeme, die ich überprüft und für gut befunden habe, sind Triebwerke, Impulsantrieb, Warpantrieb bis Warp 5 und EPS-Hauptsysteme. Das Werftteam hat sich bereits um Lebenserhaltung, Umweltkontrollen und grundlegende Computerfunktionen gekümmert... die Systeme werden wir uns allerdings auch noch mal vornehmen. Den Werftingenieuren glaube ich erstmal gar nichts."

"Diese Systeme sind also ,grün'?", fragte Lemois sicherheitshalber, indem auch sie die Ausdrucksweise DeFalcos imitierte.

"Nja", antwortete DeFalco mehr oder minder deutlich.

"Mhm." Spencer gab einen wortlosen Wink an Karov, fortzufahren.

"Die Schutzschirme funktionieren mit etwa 70% Leistung, ebenso die Phaser. Die Torpedoröhren dagegen lassen sich nicht laden. Blockierte Arretierungen."

"Das haben wir uns als nächstes vorgenommen", warf DeFalco ein.

"Wie bereits gesagt, uns fehlen einige Leute zur Normalbesetzung, aber es geht schon irgendwie. Und dann haben die internen Sensoren ihren Dienst quittiert, gerade als wir nach weiteren Störsendern suchten", schloss Karov.

Mit großen Augen blickte Spencer wechselweise zu Karov und Lemois, letztere ergriff nach kurzem Zögern das Wort. "Ob sie es glauben oder nicht, Captain. Vorhin habe ich problemlos das ganze Schiff scannen können und jetzt... nichts mehr."

"Ist der Scan dann wenigstens zuverlässig?", fragte Hwang.

Spencer musste sich eingestehen, dass er auf diesen Gedanken nicht gekommen wäre.

"Das weiß ich nicht", antwortete Karov. "Wir hatten... hatten einfach keine Zeit für einen ausführlichen Test."

Spencer nickte und gab kurz entschlossen das Wort an Hellmann weiter.

"Nun, die Ausstattung der Labors ist spitze... wenn sie funktionieren würde. Mit der Leistung der Sensorsysteme kann ich leben, wir arbeiten weiter daran. Zu den Computerproblemen kommen wir ja gleich, davon abgesehen, ist unsere Wissensdatenbank recht rudimentär geraten."

"Haben Sie die nicht auf der Werft vervollständigt?", erkundigte sich Lemois.

"Das hatten wir vor. Aber dazu ist es wohl nicht mehr gekommen", stellte Hellmann fest.

"Wie wäre es mit Fernupdate über Subraum?"

"Nach den Angriffen auf unseren Hauptcomputer und den Werftcomputer habe ich vorsorglich die direkte, externe Computerkommunikation abgeriegelt."

"Commander, dazu kommen wir, wie gesagt, gleich", merkte Spencer ruhig an, noch bevor Lemois die Chance hatte, fortzufahren.

"Ich wollte nicht vorgreifen, Captain", bemerkte Lemois, nicht gerade im typischen Ton einer Entschuldigung. Zur Antwort erhielt sie einen prüfenden Blick von Spencer, dem sie mühelos standhielt.

M'Boya war die letzte in der Reihe. "Ich habe die Krankenstation in Betrieb genommen und einige Tests selbst durchgeführt. Von den zuständigen Ingenieuren war noch niemand vor Ort. Außerdem fehlt mir noch Personal und der Medizinschrank könnte vollständiger sein. Ich habe die notwendigen Präparate aus den Werftbeständen angefordert, aber nicht erhalten."

Insgeheim bewunderte Spencer sie, denn sie hatte es geschafft, bei diesen Worten nicht einmal ärgerlich oder aufgebracht zu klingen.

"Hoffen wir, dass Sie sie nicht brauchen werden", versuchte Spencer trotzdem zu beschwichtigen.

"Das hoffe ich immer, Captain", gab M'Boya überzeugt, aber wiederum nicht unfreundlich, zurück.

Lemois revanchierte sich nun bei Spencer, indem sie ihn nun nicht zu Wort kommen ließ. "Lieutenant DeFalco, in vielen Crewquartieren funktionieren unter anderem Deckenbeleuchtung, Replikatoren, Schalldusche und andere Notwendigkeiten nicht oder nicht ganz. Ich habe hier eine Liste." Sie zeigte auf ein PZAG, das sie vor sich liegen hatte.

"Lieutenant MacDonnell ist bereits dran", grinste DeFalco. "Aber trotzdem danke, Commander." Sein überaus breites Lächeln rief keine Regung bei Lemois hervor, dagegen jedoch bei Karov, die DeFalco von diesem unbemerkt für einige Sekunden musterte.

Spencer schaute nicht gerade glücklich drein, als er eine Zusammenfassung versuchte: "Kurz gesagt, wir fliegen und alles funktioniert so ungefähr. Der Reparaturplan ist soweit klar, Gerry?"

"Sicher." DeFalco nickte großzügig. "Wir wissen nicht, was wir als erstes liegen lassen sollen, ansonsten ist alles klar..."

Ein unmerkliches Zucken ihrer Mundwinkel begleitete M'Boyas Reflexionen über all die Gesten- und Mienenspiele ihrer Crew sowie mögliche Konsequenzen. Spencers und DeFalcos folgenden Wortwechsel registrierte sie bestenfalls unterbewusst.

"Wir regeln das am besten gleich", beendete Spencer seine Auseinandersetzung mit DeFalco, die fruchtlos zu geraten drohte. "Kommen wir nun zu dem zehnten beziehungsweise elften Anwesenden in dieser Runde, anwesend zumindest in all unseren Köpfen und bestimmt auch in unserem Hauptcomputer: David Gilbertson alias Bonzo Morretti."

"... wenn er denn überhaupt so heißt", murmelte Lemois unwillkürlich, aber ausreichend hörbar für die Runde.

"Selbst ein falscher Name ist doch besser als gar keiner", warf Hwang rasch ein, noch bevor Spencer die Gelegenheit ergreifen konnte, sich über Lemois Einwurf zu äußern.

"Sehr richtig", stimmte Spencer grimmig zu. Er konnte in Lemois' Gesicht keine Spur eines Unrechtsbewusstseins entdecken.

"Dieser Morretti hat unseren Computer manipuliert, das wissen wir", wiederholte er. "Folgende Fragen: Wie viel hat er manipuliert, was im Einzelnen und vor allem warum hat er das alles gemacht?"

"Das Warum scheint klar: Er wollte uns davon abhalten, nach Giclas zu fliegen", schlug Lemois vor, ohne lange zu überlegen.

"Müssen ja ganz schön wichtige Funksignale sein, die wir da zu untersuchen haben", brummte DeFalco.

"Das wissen Sie doch gar nicht!", versetzte Lemois hart. "Wir sind ja noch nicht einmal da!"

"Merkwürdig ist es schon", stimmte Spencer zu. "Was mich für den Moment allerdings mehr interessiert, sind die ersten beiden Fragen. Haben Sie was Neues, Mr. Hellmann?"

"Nicht viel. Der Störsender scheint Dutzendware in entsprechenden Kreisen. Berger und Manelides grasen gerade alle Schlüsselsysteme ab und suchen nach verdächtigen Codefragmenten. Wir hatten bis jetzt abgesehen vom Warpantrieb vier größere Störungsmeldungen, davon stellten sich drei als ,normale' Fehler heraus, die vierte jedoch war nicht reproduzierbar."

"Was für eine Störung war das?", fragte Lemois schnell, noch bevor Hellmann weiterreden konnte.

"Navigation", antwortete Hellmann ruhig. "Ein Problem bei den Belastungstests für den Impulsantrieb. Die Belastungskurve stieg beim zweiten von fünf Tests nicht gleichmäßig linear an. Die Ursache ist bis jetzt unklar."

"Deswegen haben wir auch fünf Tests gemacht, anstatt der üblichen drei", fügte Hwang an.

"Hatten Sie sonst irgendwelche Computerprobleme?", fragte Spencer.

"Oder irgendwer sonst hier aus der Runde?", ergänzte Lemois.

"Aber ja", erwiderte Hellmann freundlich. "Parallel zu unseren Reparaturen am Warpantriebssystem ließ die Leistung des Zentralcomputers um genau 9,73 Prozent nach. Die Ursache ist unbekannt."

"Wie sind die Auswirkungen auf die Schiffsfunktionen?", fragte Hwang.

"Keine", versicherte Hellmann. "Unmögliches wird weiterhin sofort erledigt, nur die Wunder dauern etwas länger als üblich."

Mit einem lang gezogenen "Ah ja" kommentierte Hwang Hellmanns ebenso überraschende wie unkonventionelle Ausdrucksweise.

"Sonstige Probleme...", mischte sich DeFalco ein. "Nicht mehr als üblich... auf einem neuen Schiff."

"Dann geben Sie eine Liste aller Vorkommnisse an Lieutenant Hellmann weiter", beschloss Lemois.

Hellmann sah nicht gerade glücklich drein, als er anmerkte: "Es ist ziemlich schwierig, bei solchen Störungen zwischen natürlichen und mutwillig herbeigeführten zu unterscheiden."

Lemois blieb hart, auch ob des bittenden Untertons in Hellmanns Stimme. "Versuchen Sie es trotzdem! Vielleicht bringt es uns weiter."

"Ja, Commander", fügte sich Hellmann.

Begleitet von einem schadenfrohen Lächeln klopfte DeFalco ihm mitfühlend auf die Schulter, retour vollführte Hellmann einen angedeuteten ablehnenden Stoß in seine Richtung.

"Zurück zum Thema", meldete sich Spencer wieder zu Wort. "Es besteht also keine definitive Möglichkeit, festzustellen, ob, und wenn ja, wie weit unser Computer manipuliert wurde?"

"Leider nein, Captain", antwortete Hellmann. "Wir tun unser Möglichstes und das ist nicht viel. Und was im schlimmsten Fall passieren könnte, das muss ich Ihnen nicht erzählen..."

"Lassen sich die kritischen Systeme nicht schützen?", fragte M'Boya.

"Bedingt", antwortete Hellmann. "Die entsprechenden Schutzfunktionen sind aktiviert, aber die Wirkung gegen einen unbekannten ,Angreifer' kann ich nicht vorhersagen."

"Aber es kann doch nicht sein, dass wir nur hilflos herumsitzen können und warten, dass was passiert!", rief Lemois aus. "Entschuldigung", fügte sie nach einer kurzen, erschrockenen Pause hinzu und flüsterte beinahe.

"Schon vergessen, Commander", murmelte Spencer Gedanken nachhängend. "Sie sehen also keine Möglichkeit, zu reagieren, bevor etwas passiert?", wandte er sich wieder an Hellmann.

"Nein, Captain."

"Dann bringt es auch nichts, hier weiter Zeit zu verschenken", beschloss Spencer unvermittelt. "Falls Sie nicht noch irgendwelche Fragen haben." Er verlangsamte seine Sprechweise, legte eine Pause ein und ließ seinen Blick ziellos, aber gelassen im Raum herumwandern.

Lemois rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum, sie konnte Spencers folgende Schlussworte wohl kaum erwarten.

"Sie alle wissen, was sie zu tun haben. Schlafen können Sie, wenn wir in Giclas fertig sind..." - er kniff demonstrativ die Augen zusammen - "... hoffentlich bald. Bevor unser aller Konzentration erschöpft ist. Das war's, frohes Gelingen."

Scharrende Geräusche und unruhiges Gemurmel markierten die allgemeine Aufbruchsstimmung im Raum.

Als Spencer Torrente ablösen wollte, fand er Hirvonen unerwarteterweise auf dem Platz des Missionsbegleiters wieder. Rein gefühlsmäßig hatte er ihn tief im Inneren des Schiffes einsam und reflektierend vermutet, jedoch nicht energiesprühend auf der Brücke. Auch war er überzeugt davon, dass der sehr zuvorkommend wirkende Augenaufschlag Hirvonens nicht ihm, sondern der ihm auf dem Fuße folgenden Lemois galt.

"Genug gedacht, Commander?", konnte Spencer nicht umhin zu fragen.

"Ja, Captain." Hirvonen ließ sich nichts anmerken. "Ich müsste Sie kurz sprechen."

"Folgen Sie mir", brummte Spencer und gab Lemois überflüssigerweise durch eine Geste zu verstehen, dass sie übernehmen sollte. Sie saß bereits feixend im Kommandosessel.

"Sie wissen, dass wir noch was klären müssen, Captain?", begann Hirvonen gelassen, nach dem er und Spencer Platz im Bereitschaftsraum gefunden hatten.

"Ich habe es mir fast gedacht. Kompetenzen?", fragte Spencer lakonisch. Er hatte tausend andere Dinge im Kopf und wollte nur eines, diese lästige Notwendigkeit hinter sich bringen.

"So ist es", meinte Hirvonen, der bei diesen Worten seine Arme vor der Brust kreuzte. "Im Interesse der Mission werde ich mich kurz fassen. Die Leitung verbleibt in Ihren bewährten Händen, sie lassen mir allerdings in den entscheidenen Momenten Handlungsfreiheit. Auch ich weiß nicht, was kommt, ich schlage vor, Sie informieren Ihre Crew entsprechend."

"Einverstanden, Mr. Hirvonen. Ohne unhöflich sein zu wollen... lassen Sie mich bitte dann allein? Ich möchte arbeiten", brummte Spencer. ,Möchten ist was Anderes', fügte er im Geiste hinzu.

"Natürlich, Captain."

Spencer sah Hirvonen nicht einmal nach wie dieser mit lässig schlenderndem Schritt seinen Raum verließ.

7

Auf der Brücke saß Lemois angespannt und unruhig im Kommandosessel. Es war eine eigentümliche Situation... Sie war jetzt seit nicht ganz vierundzwanzig Stunden an Bord und doch war schon mehr passiert, als sie für die ersten sieben Tage erwartet und gehofft hatte.

Man sagt, dass das weitere Schicksal des Schiffes vom Gelingen der ersten Mission abhinge, sollte also der Jungfernflug unter keinem guten Stern stehen, dann... na ja. Objektiv war dies natürlich grundlos, aber ihrem Gefühl vertraute sie... und das riet ihr, im Moment besser nicht zu vertrauen. Wachsamkeit war angesagt. Und Warten... Nervtötendes Warten zu nächtlicher Stunde...

Als die taktische Konsole unangenehm fiepende Geräusche von sich gab, wusste sie, dass ihr Unbehagen soeben eine nachhaltige Begründung erhalten hatte.

"Lieutenant?", fragte sie, mit einem Schlag hellwach, noch bevor Karov überhaupt die Chance gehabt hatte, zu reagieren.

"Ich sehe nach, Commander. Einen Moment bitte", bat Karov.

Lemois ließ sich dennoch nicht davon abhalten, ihren Platz zu verlassen, um sich die Ursache für die Misstöne persönlich anzusehen.

"Die Kontrollen reagieren nicht", stellte Karov, die nun auch unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschte, fest; sie hatte die herannahende Lemois aus den Augenwinkeln wahrgenommen.

"So auf einmal?"

"Ja, Ma'am."

"Und warum?"

"Keine Ahnung. Ich erhalte einfach keine Rückmeldungen."

"Lemois an Spencer! Captain, würden Sie bitte auf die Brücke kommen? Es gibt Probleme."

"Mal was Neues", murmelte Spencer während er aus seinem Bereitschaftsraum heraustrabte. Er verschaffte sich selbst einen Überblick am Wandmonitor der taktischen Konsole. "Manuelle Übersteuerung?"

"Das habe ich bereits probiert, Captain. Einfach keine Reaktion."

"Hm", brummte er. Nach kurzer Ratlosigkeit tippte er auf seinen Kommunikator. "Spencer an DeFalco."

"DeFalco hier."

"Gerry, war jemand von euch an den taktischen Systemen?"

"Wie man's nimmt. Wir brüten gerade über den Torpedoarretierungen."

Lemois wandte sich abrupt zur Seite, um ihren Versuch, einen spontanen Lachanfall zu verbergen, unbemerkt wie sie glaubte.

"Die Brückenkontrollen reagieren nicht mehr", meinte Spencer.

"Seltsam. Wir waren's jedenfalls nicht." DeFalco ließ Reste von Humor anklingen. "Ich schicke dir Hellmann rauf, das ist eher sein Ressort."

"Ist Hellmann auch bei dir?"

"Na klar", ertönte Hellmanns Stimme unerwarteterweise aus Spencers Kommunikator. "Er braucht doch die besten Leute... Ich bin unterwegs, Captain."

Kopfschüttelnd stellte Spencer durch einen erneuten Druck auf die Kommunikatoroberfläche das Verbindungsende sicher.

Lemois trat nah an Spencer heran. "Das gefällt mir gar nicht, Captain. Die Mission ist vielleicht doch..." Zu ihrer eigenen Überraschung brachte ein stechender Blick Spencers sie zum Schweigen.

"... und die Black Sun herbeirufen?", vervollständigte Spencer Lemois begonnenen Gedankengang. "Nein, Commander. Sie kennen meinen Standpunkt."

"Und sie den meinen", versetzte Lemois. Sie wanderte einige Schritte ziellos um die taktische Konsole herum, als auch schon Hellmann auf der Brücke eintraf. Karov stand bereitwillig auf, um ihm ihren Platz zu überlassen, doch er winkte ab.

"Bleiben Sie ruhig sitzen, Lieutenant. Wenn die Konsole nicht mehr reagiert, muss ich ohnehin woanders eine Analyse durchführen."

Er begann eine Untersuchung an Terminal I, gab aber bereits nach wenigen Sekunden seinen Misserfolg bekannt. "Ich weiß nicht was das ist, Captain, auf jeden Fall ist es eine große Sache. Ich muss ins Computerlabor, mir das genau ansehen."

"Wissen Sie denn schon was?", erkundigte sich Lemois.

"Ich habe einen Verdacht, Commander, ihn im einzelnen zu erklären, würde aber zu lange dauern. Ich sage nur, dass es ins Schema Morretti passt und das wir bald größere Schwierigkeiten kriegen könnten."

Spencer nickte ruhig und machte sich schleppenden Schrittes auf den Weg zurück in seinen Sessel während Hellmann eilig im Turbolift verschwand.

"Karov, setzen Sie sich wieder!", wies Lemois an. "Und kommen Sie bloß nicht auf die Idee, Däumchen zu drehen!"

Sie lächelte unsicher. "Ja, Ma'am."

"Noch was, Commander", brummte Spencer, nachdem auch Lemois sich endlich wieder niedergelassen hatte. "Sie dürfen DeFalcos Aussagen nicht immer so bildlich nehmen... oder zumindest darauf vorbereitet sein, es nicht zu tun."

"Ich werde es beherzigen", erwiderte Lemois frohlockend. Spencer konnte sich nicht erklären, woher sie selbst in dieser Situation die Lebhaftigkeit in ihrem Auftreten nahm.


"Krankenstation an Brücke!", meldete sich M'Boya nach einigen gespannten, weil ereignislosen Minuten.

"Brücke, Spencer hier."

"Sir, zwei unserer Biobetten haben plötzlich den Dienst eingestellt. Die Kontrollen flimmern nur noch."

Spencer und Lemois sahen sich an, eine vergleichbare Portion Entsetzen im Blick. Letztere gab die Information prompt über den Computer an Hellmann weiter.

"Wir kümmern uns drum, Doktor." Spencer bemühte sich um einen neutralen Tonfall und kappte die Komm-Verbindung.

"Vielleicht sollten Sie sich doch mal mit meinem Standpunkt anfreunden", schlug Lemois in gedämpftem Tonfall vor. "Morretti hat scheinbar an alles gedacht."

"Jetzt nicht mehr, Commander. Wir haben vor exakt drei Minuten den Punkt überschritten, an dem die Black Sun von uns weiter entfernt ist als Giclas. Und im Moment erschreckt er uns nur, oder?"

Lemois ignorierte Spencers Versuch einer Provokation. "Woher wissen Sie das? Was bringt es uns, wenn gar nichts mehr funktioniert in Giclas? Zumal wir nicht gesichert wissen, was da auf uns zukommt."

"Sie kennen Lieutenant Hellmann nicht", erwiderte Spencer. "Ich vertraue ihm."

"Sicher kenne ich ihn", gab Lemois mit gespielter Entrüstung von sich, aber immer noch leise. "Ich habe doch seine Akte gelesen!"

"Stand da auch, dass er immer so ein Geheimniskrämer ist?"

Ein Kommunikatorsignal brachte Lemois sehr zu ihrem Verdruss um eine Antwort. "Hellmann an Brücke!"

Sie beschloss, Spencer mit ihrer Antwort zuvorzukommen. "Haben Sie was, Lieutenant?"

"Ja, habe ich. Mein Verdacht hat sich bestätigt. Wir kennen jetzt das Problem, nicht aber die Lösung", gab er hektisch bekannt.

"Eines nach dem anderen." Spencer versuchte verzweifelt, Ruhe auszustrahlen. "Mit einer deutlichen Schilderung des Problems wären wir einen Schritt weiter."

"Spricht etwas dagegen, ihre Ergebnisse uns allen zu schildern? Im Besprechungsraum, meine ich?", fiel ihm Lemois aufgeregt ins Wort.

"Durchaus nicht, Commander", stimmte Hellmann zu, so als hätte er keinen Schock zu verdauen. "Fähnrich Berger und ich sind unterwegs. Hellmann Ende."

Das Komm-Gespräch war nicht zwei Sekunden beendet, da hatte Lemois bereits die nicht anwesenden Führungsoffiziere informiert und murmelte ein zielloses "Dann bin ich ja mal gespannt." Danach folgte ein kurzer, unschlüssiger Blick in Richtung des Turbolifts...

... aus dem genau vierundvierzig lange Sekunden später Hellmann und Berger traten.

"Wir sind bereit", verkündete Hellmann ruhig.

"Na, dann kommen sie mal. Mr. Torrente... soll übernehmen, wenn er eintrifft", meinte Spencer nach einem kurzen, zögernden Rundblick. Er kniff mehrmals die Augen zusammen während er voraus in den Besprechungsraum schritt.

Gerade als sich die übrigen erhoben, um ihm zu folgen, öffneten sich die Lifttüren erneut und gewährten DeFalco, M'Boya und Torrente Zutritt.


Mit einigen raschen Tastendrücken rief Hellmann einige spärliche grün gefärbte Zeilen auf den großen Sichtschirm vor Kopf des Besprechungsraumes, Spencer hatte bewusst seinen Stuhl frei gelassen, um jedem eine gute Sicht zu ermöglichen.

Hellmann, der neben Berger am gegenüberliegenden Ende saß, begann. "Um das Schlimmste vorweg zu nehmen: Wir haben ein Computervirus an Bord, das für einen Großteil der Störungen verantwortlich ist."

In das aufkeimende unruhige Gemurmel hinein fuhr Berger fort. "Virus ist vielleicht ein nicht ganz zutreffende Bezeichnung, ich würde es als ,invasiven Aktiv-Algorithmus' klassifizieren... doch wie auch immer." Er legte eine kurze Pause ein und wies auf den Bildschirm. "Was sie dort sehen, ist zum Beispiel alles, was dieser Aktiv-Algorithmus von der Software des Biobettes Nr. 1 auf der Krankenstation übrig gelassen hat."

"Das sind Anweisungen, die dafür sorgen, dass die Lichter der Kontrollelemente an- und wieder ausgeschaltet werden und zwar unregelmäßig", warf Lemois ein, die von ungewohntem Sitzplatz aus den Text auf dem Bildschirm genau studiert hatte. "Aber wieso? Ich meine, das passiert doch nicht einfach so."

Hellmann übernahm wieder das Wort. "Die ursprüngliche Software des Biobettes wurde ergänzt und zwar durch ein vorgefertigtes Aktiv-Programm, das auf ein bestimmtes Signal hin die Umprogrammierung durchgeführt hat. Dieses Aktiv-Programm wiederum wurde eingeschleust durch die zentrale Routine, die den primären mit dem sekundären Computerkern synchronisiert, einer von zwei Stellen im gesamten Computersystem, die nicht zum Schutz vor derartigen Angriffen routinemäßig überwacht werden."

"Welches ist die andere Stelle?", fragte Lemois neugierig.

"Die Startroutine für den Reserve-Kern", antwortete Hellmann mit dem nicht gerade glücklichsten Gesichtsausdruck. "Und bevor Sie fragen sollten, diese Routine ist sauber. Wir haben das überprüft."

"Ich mein' ja nur", erwiderte Lemois versöhnlich lächelnd.

"Und wie ist dieser Infektionsprozess dann abgelaufen, wenn ich ihn mal so nennen darf?", fragte Hwang.

"Die zugrunde liegende Routine wurde in einige Subroutinen des zweiten Computerkerns einprogrammiert und hat die Synchronisierungsroutinen dahingehend umgeschrieben, dass es nicht auf den ersten Computerkern kopiert wird, aber seine Aktionen dort starten kann", erklärte Berger gestenreich.

"Es hält sich also quasi seine Arbeitsfläche sauber", kommentierte Lemois.

Berger fuhr fort. "So könnte man es sagen, Ma'am. Das Virus selbst ist ungewöhnlich klein und auch ungewöhnlich sauber geschrieben. Nach einer bestimmten Anzahl von Kernsynchronisierungen schickt es neben den zu übertragenden Daten ein ,Aktiv-Programm' mit, dass ein bestimmtes System infiziert und wahrscheinlich exakt auf dieses angepasst ist."

Hellmann übernahm, als die Pause Bergers für sein Gefühl etwas zu lange dauerte. "Alles weitere müssen wir noch untersuchen beziehungsweise wird noch untersucht."

"Wie viele Systeme wurden bereits infiziert?" fragte Lemois bereits, während Spencer noch die ihm dargebotene Informationsflut verdauen musste.

"Schwer zu sagen. Wir gehen davon aus, dass der Beginn der Infektionen durch irgendein Ereignis ausgelöst worden sein muss..." - Hellmann stoppte kurz, um seinen Satzbau zu überprüfen, dann fuhr er zufrieden fort - "... sonst hätten die Werftingenieure in den letzten acht Tagen noch einige unerklärliche Probleme mehr berichtet."

"Können Sie die Versendung von diesen infektiösen ,Aktiv-Programmen' stoppen?" fragte Spencer.

"Das ist bereits gestoppt", gab Berger mit einem Anflug von Stolz bekannt. "Die Kernsynchronisierung läuft über die Ausweichroutine. Zwar noch langsamer als vorher schon, aber sicher. Das eigentliche Problem wird das Auffinden der Systeme sein, in der ein Aktiv-Programm schlummert, aber noch keine zerstörerische Wirkung gezeigt hat."

Hellmann schüttelte den Kopf. "Noch ein viel größeres Problem: Wir können gelöschte Software nicht ersetzen."

"Warum nicht?", fragte Lemois verwundert. "Es gibt doch Backups... und Notsysteme."

Hellmann schüttelte langsam den Kopf. "Die Backups haben wir nicht mehr. Alle wurden unbrauchbar gemacht."

"Und die Notsysteme sind noch nicht getestet", meldete sich DeFalco. "Einer direkten manuellen Kontrolle würde ich mehr vertrauen."

"Wir können die Software doch über Subraum anfordern", wiederholte Hwang ihren Vorschlag aus der ersten Konferenz. "Jetzt ist es doch wirklich dringend."

Hellmann verneinte. "Im momentanen Zustand würde ich ungern das Risiko eingehen, irgendeinen Zugriff von außen zu erlauben und das aus zwei Gründen. Auf der einen Seite würde einem externen Angreifer vielleicht Zugriff ermöglicht, auf den dieser sehnlich wartet, auf der anderen Seite kann es durchaus sein, dass wir unseren Gegenüber ungewollt mit einem Programm infizieren, dass wir bis jetzt noch nicht gefunden haben."

"Kann es nicht auch sein, dass die Erkennungsroutinen für Computerviren außer Kraft gesetzt wurden?", fragte Karov.

"Das kann sogar gut sein", erwiderte Hellmann. "Wir suchen sowieso manuell, mit den eigenen Augen sieht man besser."

"Was ist mit der Möglichkeit, dass jemand unser Schiff komplett fernsteuert und wir gar nichts tun können?", erkundigte sich Lemois.

Hellmann schüttelte den Kopf. "Daher die vollständige Abriegelung nach außen. Und selbst wenn wir etwas übersehen hätten, können wir immer noch den sprichwörtlichen Stecker ziehen."

Spencer hob die Hand. "Also. Immer der Reihe nach. Wir haben mehrere Probleme: Erstens: Laufende Verseuchung von Computersystemen durch Aktiv-Programme. Dieses Problem haben wir nicht mehr", begann er sehr bedächtig.

Lemois und Hwang blickten sich mit zweifelnder Miene für einen Augenblick belustigt an, konzentrierten sich dann aber wieder auf die Ausführungen ihres Kommandanten.

"Zweitens", fuhr Spencer fort. "Einige Computersysteme sind bereits von schlummernden Aktiv-Programmen infiziert, wir wissen nicht, welche. Diese können jederzeit ausfallen. Drittens: Wenn Systeme ausgefallen sind, können wir sie nur unzulänglich wiederherstellen."

"Viertens: Hinter allem steckt System", fiel Lemois ein, ohne auf ein eventuelles "Viertens" von Seiten Spencers zu warten. Dieser konnte nur einige Worte der Zustimmung murmeln.

"So ist es, Captain", bestätigte Hellmann zu seiner Rettung.

"Können Sie im Vorfeld ermitteln, welche Systeme infiziert sind?", fragte Spencer.

"Nicht ohne genaue Analyse, die natürlich Zeit kostet. Die Computerabteilung ist bereits bei der Arbeit, beginnend mit den lebenswichtigen Systemen."

"Die taktischen Kontrollen?"

"Haben ebenfalls Priorität. Fähnrich Manelides bastelt gerade an einer Konstruktion, um sie wieder behelfsmäßig in Betrieb zu nehmen."

"Bezüglich der Wiederherstellung ausgefallener Systeme..."

"... kann ich Ihnen leider auch kein Rezept anbieten", vervollständigte Hellmann Spencers bewusst offen gelassenen Satz. "Wir fertigen wohl Sicherheitskopien von bereits getesteten Systemen an."

"Na ja. Dann schlage ich vor, wir widmen uns endlich der Systematik...", fuhr er mit einem Seitenblick auf Lemois fort. "... der Systematik namens Morretti. Bitte, Commander."

Lemois beschloss, sich den Überrumpelungsversuch Spencers nicht anmerken zu lassen und begann zu sprechen, noch bevor ihr eigentlich klar war, was sie sagen wollte.

"All die Ereignisse in den letzten Stunden... das ist doch nicht bloßer Zufall. Das ist intelligent und gezielt. Und uns lässt man im Dunkeln. Ich meine, kommt es Ihnen nicht auch so vor, als wären sie nur ein Rädchen in einem großen Uhrwerk, eine Schachfigur, die Feld um Feld nach vorne geschoben wird?"

Spencer zuckte kurz zusammen, als Lemois das Bild der Schachfigur benutzte, sagte nichts.

Lemois fuhr ungerührt fort. "Wir finden immer etwas Neues, es fügt sich immer ein Mosaikstein zum anderen, die Steinchen sind aber nur gerade groß genug, dass wir für den Moment zufrieden gestellt sind, aber wirklich wissen... tun wir jetzt immer noch nichts. Wir stehen immer noch bei Null."

"Sie meinen also...", begann Hwang, als sie sich sicher war, dass Lemois geendet hatte, "... wir sollten versuchen, aus dem ,Spiel' auszubrechen?"

"Spiel... nun ja. Ich weiß nicht, ob wir das ein Spiel nennen sollten. Auf jeden Fall scheinen wir jetzt genau da zu sein, wo man uns hin haben möchte. Und das müssen wir ändern."

"Moment", mischte sich Spencer, der seine Beherrschung wiedergefunden hatte, ein. "Die bisherigen Probleme sollten doch unseren Flug verhindern. Die Tatsache, dass wir unterwegs nach Giclas sind, ist Ausbruch genug."

Lemois schüttelte heftig den Kopf. "Diese Probleme konnten wir doch lösen. Es soll so aussehen! In Wirklichkeit sollen wir von der Werft oder dem Sol-System weggelockt werden. Dafür spricht einmal, dass sich Sol-System ohnehin sehr wenige Schiffe befinden, aber auch die Widersinnigkeit der Funksignale."

"Die nicht bewiesen ist", konstatierte Spencer ungerührt.

"Captain..." Lemois wandte ihren Blick nach einigen Sekunden von Spencer ab als sie feststellen musste, dass auch ihr Augenaufschlag nichts gefruchtet hatte.

"Commander: Wenn ich mir nicht sicher bin, was ich zu tun habe... und ich muss zugeben, dass bin ich nicht... dann tue ich nichts. Und Nichtstun heißt im Moment, den Kurs zu halten."

"Aber...", begann Lemois, doch Spencer unterbrach sie ruhig, aber bestimmt. "Mir ist auch klar, dass es eine Systematik geben muss. Deren Ziel ist es jedoch, uns von Giclas wegzubringen, und nicht dorthin. Also werden wir genau das nicht tun."

"Captain, das ist aber doch nicht so einfach. Sie wissen schon, die alte Frage, ob die wissen, dass wir wissen, dass sie wissen, dass wir wissen, dass... und so weiter. Aber die rechnen doch nicht damit, dass wir diesen Gedankengang überhaupt soweit denken! Meiner Meinung nach sollten wir umkehren", schlug Lemois vor, ihr forscher Tonfall war jedoch einer Sprechweise des bedächtigen Nach- und Überdenkens gewichen.

"Wir wissen nicht, wer hier und wie weit denkt", schaltete sich Hwang vermittelnd ein. "Und wenn hinter allem wirklich soviel System steckt, ist es dann nicht wahrscheinlich, dass man für beide Wege vorgeplant hat?"

"Entweder ist dem so... oder wir werden gerade mit mehreren Fällen von akuter Paranoia konfrontiert", brummte Spencer.

"Das würde ich nicht sagen", ließ sich M'Boya unerwarteterweise vernehmen. "Betrachten Sie dies als mein fachliches Urteil, Captain."

Spencer beließ es bei einem deutlichen Stirnrunzeln und einem ausweichenden Blick. "Auf jeden Fall werden wir, wenn wir schon unterwegs sind, nicht auf halber Strecke umdrehen, oder?" Er legte eine kurze Pause ein, um noch etwaigen Gegenargumenten Raum zu geben.

"Vielleicht sollten wir Utopia Planitia informieren, dass sie es mit weit reichender Systematik zu tun haben", schlug Hwang vor.

"Eine gute Idee. Abschließend darf ich wohl annehmen, dass ich wohl allen hier aus der Seele spreche, wenn ich zusammenfassen darf, dass der von Commander Lemois eindrucksvoll geschilderte Zustand unbefriedigend ist, also versuchen wir, das Beste daraus zu machen und weiter über den Tellerrand hinauszublicken." Nach den obligatorischen drei Sekunden Pause schloss Spencer die Konferenz.

"Wie sind sie eigentlich so schnell auf die Sache mit der Synchronisationsroutine gestoßen?", erkundigte sich Hwang beim Verlassen des Raumes bei Hellmann.

"Berger war dem Leistungsabfall des Hauptcomputers auf der Spur und ist dabei auf den Aktiv-Algorithmus gestoßen. Er hatte mich gerade informiert, als ich mir Karovs Konsole vornehmen wollte. Ein glücklicher Zufall sozusagen."

"Tja, wer weiß, welche Zufälle da noch auf uns zukommen..."

Hellmann klopfte ihr ermunternd auf die Schulter, sagte aber nichts.


"Manuelle Kontrolle ist wiederhergestellt, Sir", meldete Fähnrich Manelides in Richtung eines geistesabwesend wirkenden Spencers. "Mehr war in dieser kurzen Zeit nicht möglich. Alle Automatikfunktionen sind vorsorglich deaktiviert. Wir werden daran arbeiten."

"Manuelle Kontrolle?" fragte Karov entgeistert, nachdem ein vorsichtiger Blick ihr verraten hatte, dass Spencer Manelides nicht einmal registriert hatte. "Keine Zielerfassungsautomatik, keine automatische Schildfrequenzkalibrierung und auch kein Manövercomputer?"

"So ist es, Lieutenant", bestätigte Manelides.

"Na ja", murmelte Karov und setzte sich wieder. Instinktiv berührte sie einige Bedienelemente, die jetzt aber abgedunkelt waren und nur Warnsignale von sich gaben. "Noch nicht einmal eine automatische Initialisierungssequenz", murrte sie, doch Manelides war bereits nach einem Beinahe-Zusammenstoß mit dem heraustretenden Hirvonen an der Schwelle des Turbolifts in diesem verschwunden.

"Captain, ich habe gehört, dass Sie ihre Computerprobleme jetzt im Griff haben. Ein Virus?", fragte dieser, während er sich auf seinem angestammten Platz niederließ.

"Jein", antwortete Spencer mit einem seiner Lieblingsworte. "Das Virus ist gestoppt, hat aber bereits Störungen auf dem ganzen Schiff verursacht. Das ganze Ausmaß kennen wir selbst noch nicht, reparieren aber trotzdem."

"Wird die Mission gefährdet?", fragte er streng.

"Das ist im Moment noch nicht abzusehen."

Trotz der ausweichenden und im Endeffekt nichts sagenden Antwort Spencers wirkte Hirvonen zufrieden gestellt. "Wann kommen wir im Giclas-System an?"

"In dreizehn Minuten."

Lemois bemerkte aus den Augenwinkeln, dass sich Hirvonen dem Computerterminal an seinem Platz widmen wollte, und schaffte es ihre Frage zu stellen, noch bevor Hirvonen das erste Bedienelement berühren konnte. "Was haben Sie denn inzwischen über den Sender herausgefunden?"

"Wir sind ein gutes Stück weiter", brummte er. "Den Inhalt der Mitteilung haben wir noch nicht entschlüsseln können, wissen aber jetzt definitiv, dass, wer immer auch da sendet, nicht aus dieser Region stammt."

"Also wartet da jemand Unbekanntes", folgerte Spencer.

"Jemand aus dem Wurmloch?", fügte Lemois hinzu.

"Wenn da überhaupt jemand wartet", meinte Hirvonen zweifelnd. "Der Versuch einer Kontaktaufnahme besteht im allgemeinen nicht darin, stundenlang immer das gleiche eintönige Signal zu senden. Wir haben probehalber ähnlich modulierte ,Antworten' auf das Signal gesendet, ohne eine Reaktion. Jede Wette, dass da keine unbekannte Spezies auf uns wartet."

"Ah ja", war alles, was Lemois antwortete. Spencer brummte etwas Undefinierbares.

Hirvonen lehnte sich entspannt zurück und betrachtete den Hauptschirm, als ihm auffiel, dass Lemois' Blick auf eine imaginäre Unendlichkeit fixiert blieb.

8

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21617.8, Commander Spencer: [13.08.2344 02:45:19]

Wir befinden uns im Anflug auf das Giclas-System. Die Computerabteilung ist den infizierten Systemen auf der Spur, bisher liegen aber noch keine konkreten Ergebnisse vor. Weitere Störungen des Computersystems sind nicht aufgetreten. Die Wissenschafts- und Kommunikationsabteilung hält sich bereit für eine genaue Untersuchung der Funksignale.

"So ist es", bestätigte Hellmann, der gerade zusammen mit Hirvonen und Hallersvoort den Turbolift verlassen hatte, ungefragt die letzten Worte Spencers.

"Wir nähern uns dem Giclas-System!", gab Hwang nicht ohne eine große Portion Erleichterung in der Stimme bekannt.

Spencer der sich umwenden wollte, um Hellmann zu antworten, sah wieder vollkonzentriert nach vorne. "Unter Warp gehen! Mr. Terk, voller Sensorenscan."

"Scan läuft, Sir", reagierte Terk.

"Ich verliere die Kontrolle!", rief Hwang entsetzt aus. "Und wir nähern uns einem Feld von stark wechselnden gravimetrischen Verzerrungen!"

"Taktische Sicht auf den Schirm!", forderte Lemois reflexartig. Spencer saß da wie elektrisiert.

Jeder auf der Brücke konnte sich mit einem raschen Blick überzeugen, dass Hwangs hochdramatische Ausdrucksweise nicht unangemessen gewesen war; das Feld war relativ dicht, wechselte laufend an Intensität und die Kennedy steuerte exakt darauf zu.

"Entfernung?", fragte Spencer vergleichsweise vorsichtig.

"Zwei Minuten, zwanzig Sekunden bis zur äußeren Peripherie", gab Terk bekannt.

Die stakkatoartigen akustischen Signale, die Hwang der Navigationskonsole nun seit zehn Sekunden entlockte, erübrigten eine Rückfrage nach der Lage bei ihr und so wandte sich Spencer an Hellmann. "Mr. Hellmann, ein Check der Navigationskonsole!"

"Bin schon dabei", gab Hellmann geschäftig bekannt.

"Fähnrich Berger ist ebenfalls unterwegs zur Brücke", fügte Lemois hinzu.

"Das ist gut", meinte Hellmann, sich von Terminal I umwendend. "Sonst hätte ich ihn jetzt angefordert. Das war ein Aktiv-Programm, dass genau beim Fall unter Warp aktiviert wurde. Es hat uns genau vor dem gravimetrischen Feld in den Normalraum gebracht und dann den Navigationssteuercomputer blockiert."

"Und was passiert jetzt?", fragte Lemois.

"Eine Notoperation." Hellmann winkte den gerade auf der Brücken angekommenen Berger zu sich heran. Sie wechselten einige von uneindeutiger Gestik begleitete gemurmelte Worte, dann nahm Berger Hellmanns Platz ein und Hellmann wandte sich an Hwang. "Darf ich Sie für den Augenblick hier vertreiben?", fragte er freundlich.

"Aber bitte doch." Hwang räumte den Platz an ihrer ohnehin nutzlosen Konsole und sah im Folgenden Hellmann auf die eifrig arbeitenden Finger. Lemois gesellte sich dazu und erkundigte sich nach dem Fortschritt, während der weiße Punkt inmitten des grünen Rasters, der die Kennedy auf dem taktischen Display darstellte, sich weiter und weiter den gefährlich gelb/orange/roten Arealen näherte.

"Wir versuchen, eine softwaremäßige Umgehung einzurichten, so dass Sie direkten Zugriff auf die notwendigsten Systeme erhalten können", erklärte Hellmann eilig. Nach weiteren zehn Sekunden überließ er wieder Hwang den Platz.

"Sie können das Schiff immer noch wie gewohnt steuern, Sie haben jedoch keinen Computer mehr, der Ihre Aktionen überwacht oder korrigiert", erklärte er.

"Dann bin ich wohl besser sehr, sehr vorsichtig", meinte Hwang und betätigte mit geradezu zur Schau gestellter Zögerlichkeit nacheinander das eine oder andere Bedienelement. "Es passiert nichts", gab sie nüchtern bekannt.

"Das ist richtig", meinte Hellmann ungerührt, der inzwischen wieder bei Berger an Terminal I angekommen war. "Ich habe gerade nur ihr Pult konfiguriert. Die Zugriffe auf die einzelnen Subsysteme müssen wir jetzt einen nach dem anderen umleiten."

"Schnell sollte es gehen!", empfahl Lemois beinahe überfreundlich. "Zeit bis zum Rand des Feldes?", fragte sie, während sie sich schwungvoll in ihren Sessel warf.

"Fünfunddreißig Sekunden", antwortete Terk.

"Alarmstufe Gelb, Karov, Schilde hoch und schauen Sie doch mal, ob sie durch manuelle Frequenzanpassung was machen können!"

"Ja, Commander", bestätigte Karov gequält.

Spencer schüttelte sich kurz unmotiviert als die Alarmsirenen durch eher zaghafte Tonsignale seine stille Anspannung durchbrachen.

"Die Schilde sind aktiviert, die Anpassungen der Frequenzen ohne Computer scheinen aussichtslos", gab Karov nach kurzer Zeit bekannt.

"Von ,scheinen' haben wir nichts! Versuchen Sie, was Sie können!", forderte Lemois.

Karov beschloss, ihr keine Möglichkeit zu geben, auf etwas ihre nächste Aussage erwidern zu können und beließ es bei einem einfachen "Ja, Commander" und das, obwohl sie sich sicher war, alles momentan in ihrer Macht stehende getan zu haben.

"Hellmann?", fragte Spencer rasch, der den selben Gedanken wie Karov verfolgte.

"Richtungskontrolle in wenigen Sekunden."

"Dann bräuchte ich genaue gravimetrische Daten über die nächste Umgebung. Mr. Terk?", fragte Hwang.

"Bekommen Sie, Lieutenant", bestätigte Terk.

"Sie wollen nur von den Wechselwirkungen der Gravitation getrieben durch dieses Feld fliegen?", fragte Lemois erstaunt.

Hwang wandte sich kurz um. "Haben wir eine andere Chance?", entgegnete sie zuversichtlich. Dann widmete sie sich eingehend den ersten Scanergebnissen.

Lemois reckte sich halb aus ihrem Stuhl hoch und drehte ihren Kopf nach hinten. "Mr. Hellmann, können wir das Schiff nicht durch einen kurzen Triebwerksimpuls rasch zum Stehen bringen und uns dann um unsere Probleme kümmern."

"Negativ, Commander. Wir müssen erst die nachgeordneten Subsysteme freischalten, bevor wir auf die Triebwerksteuerung zugreifen können", erklärte Hellmann, ohne auch nur einen Augenblick seine Augen von seiner Konsole abzuwenden. "Einfache Richtungskontrolle jetzt."

"Okay...", kommentierte Hwang ihre ersten Versuche, die Kennedy auf einen halbwegs sicheren Kurs zu bringen.

Unübersehbar verärgert über ihre schiere Hilflosigkeit ließ sich Lemois wieder auf die Sitzfläche fallen.

"Wie sieht's aus, Lieutenant?", getraute sich Spencer zu fragen.

"Nicht... ganz schlecht", antwortete Hwang, während sie vorsichtige Veränderungen an der Fluglage der Kennedy vornahm. "Die durchschnittliche Feldstärke ist in der Mitte am dichtesten und lässt zu den Rändern hin nach. Ich versuche..." - sie unterbrach ihren Redefluss, als eine kurze Erschütterung die Kennedy erfasste - "... uns an den nächstgelegenen Rand, nach ,oben' zu bringen." Eine zweite Erschütterung, etwas heftiger als die erste, war zu spüren.

"Ich fürchte, das war erst der Anfang", flötete Hwang unbekümmert.

"Das macht Ihnen Spaß, hm?", brummte Spencer, dem alles andere als wohl dabei war.

"Ist das soo offensichtlich?", erwiderte sie vergnügt, während sie sich durch eine dritte Erschütterung genötigt sah, die Fluglage anzupassen.

Spencer verzichtete auf eine Antwort.

"Haben Sie was über die Ursache dieses Verzerrungsfeldes?", fragte Lemois stattdessen Terk.

"Es war nicht in der Datenbank verzeichnet. Außer Neutrinorückständen gibt es keine Hinweise auf den Ursprung", antwortete Terk.

"Triebwerkskontrolle freigegeben!", rief Hellmann. "Momentan aber nur mit einer Richtungsangabe pro Schubbefehl."

"Das wurde...", begann Hwang murmelnd, doch zwei direkt aufeinanderfolgende doch recht heftige Erschütterungen ließen sie stocken, "... auch Zeit." Ihre eifrigen Tasteneingaben, unterbrochen immer wieder von kleineren Stößen und Schlägen des Schiffskörpers, und ihre verbissene Miene erübrigten eine Nachfrage seitens Spencer die Lage betreffend.

"So hatte ich mir das nicht vorgestellt, Captain", brummte Hirvonen mürrisch.

Spencer beachtete ihn jedoch nicht, sondern lauschte den Alarmsirenen, die gerade selbsttätig begonnen hatten, vernehmlich zu kreischen. Zeitgleich meldete sich das Komm-System. "DeFalco an Brücke! Wir haben Probleme mit dem Impulsantrieb!"

"Ein Aktiv-Programm?", erkundigte sich Spencer.

"Nee, eine einfache Überlastung. Die Grav-Kräfte reißen uns den Antrieb auseinander!"

Wie zur Bekräftigung erfasste ein neuer Stoß das Schiff, der eine verdutzte Karov hart gegen den taktischen Monitor schleuderte. Sie rappelte sich wieder hoch und beließ es bei einem Schulterzucken als Reaktion.

"Ich weiß, ich weiß!", entfuhr es Hwang ärgerlich. "Die Steuerung ohne den Computer ist schon schwer genug! Nimm' meine Steuerbefehle halt wieder zurück, wenn die Triebwerke das nicht aushalten!", schlug sie vor.

"Mhm. Okay", brummte DeFalco unschlüssig. "Die Hülle spielt übrigens noch gut mit."

"Gleich wird's richtig holperig!", rief Hwang, gerade als Spencer zu seiner Erwiderung ansetzen wollte. Durch einen kurzen Seitenblick auf Lemois vergewisserte er sich, dass sie diese Nachricht bereits an alle Schiffsstationen durchgegeben hatte.

"Richtungskontrolle...", begann Hellmann, doch mehrere heftige Erschütterungen aus unterschiedlichsten Richtungen warfen ihn aus seiner Sitzposition. Die übrige Brückenbesatzung krallte sich mit beiden Armen so gut wie möglich ins Gestühl, einige Bedienelemente auf der taktischen und der Einsatzleitungskonsole flackerten im Einklang mit der Deckenbeleuchtung. Spencer blieb es ein Rätsel, wie Hwang es fertig brachte, trotz allem noch eine Hand dazu verwenden zu können, weitere Kurskorrekturen einzugeben.

Ein lautes Zischen aus Richtung des Turboliftes kündete von einer geplatzten Energieleitung, aus der geborstenen Wandverkleidung brannte für einige Sekunden Plasma grün, bis die automatische Abschaltung in Kraft trat.

"DeFalco an Brücke! Nochmal sowas und ich muss die Trägheitdämpfung vom Netz nehmen. Hüllenintegrität auf 85%."

"Miss Hwang?", fragte Spencer.

"Das war das Schwierigste, Captain. Alles weitere ist Dahinschweben und..."

"Captain!", unterbrach Terk. "Ich registriere eine starke gravimetrische Schockwelle aus 24,320."

"Auf den Schirm, visuell!"

Eine unbestimmt flirrende Energiefront erschien schemenhaft auf dem Schirm, dahinter war für einen Augenblick ein in allen warmen Farben schillernder Trichter zu erkennen, der sich jedoch plötzlich ins Nichts auflöste.

"Das Wurmloch!", rief Lemois, die einige rasche Berechnungen ausführte. "Wenn uns diese Welle trifft, wirft sie uns genau in den Bereich der dichtesten Verzerrungen zurück! Ausweichmanöver!"

"Das schaffen wir nicht mehr"; gab Hwang bekannt, nachdem sie die notwendigen Eingaben vorgenommen hatte. "Das Schiff reagiert zu langsam!"

"Weil wir gerade auf einem gravimetrischen Strom ,schwimmen'", warf Hellmann ein, der Berger allein die weitere Freigabe der manuellen Steuerung übertragen hatte.

"Möglichkeiten?", fragte Spencer knapp.

"Wir könnten uns mit einem korrekt modulierten Traktorstrahl von dem Strom lösen. Für die Modulation brauchen wir jedoch den taktischen Computer. Und den haben wir nicht", erklärte Hellmann

"Dehnt sich die Welle bis in den Subraum aus?"

"Unbedeutend", antwortete Hellmann. "Haben Sie eine Idee?"

"Habe ich." Spencer stürzte an die Maschinenkonsole und öffnete wie nebenbei einen Kanal in den Maschinenraum.

"Gerry, beide Warpspulen laden! Wir müssen ein stabiles Subraumfeld erzeugen, um die Energiewelle wenigstens abzuschwächen. Schaffen wir das?"

"Möglich", antwortete DeFalco nach vier Sekunden Pause. "Diese ganzen Verzerrungen... du weißt schon."

"Genau. Wann ist die Welle da?", erkundigte er sich, ohne aufzusehen.

"Fünf Sekunden und wir sind noch nicht ganz weit genug weg", antwortete Lemois.

"Initiieren", sagte Spencer nur und betätigte ein speziell markiertes Bedienelement am Rand der Maschinenkonsole.

Wenige Augenblicke später katapultierte ein ungeheurer Stoß das gesamte Brückenpersonal außer Lemois und Hirvonen aus ihren Stühlen, die Wandmonitore an der Einsatzleitungskonsole zersplitterten krachend und die Brücke wurde in Dunkelheit getaucht.

Gebannt und starr harrte jeder dem Schicksal, den die Kennedy nun ausgeliefert war; man wartete förmlich auf die ,finale' Kollision mit einem oder mehreren der Verzerrungsfelder, jedoch nichts derartiges passierte in den langen Sekunden, bis die Stationen Energie zurückerhielten und Hwang die Fluglage stabilisieren konnte.

"Lage?", knurrte Spencer, der es kunstvoll hatte verhindern können, sich der leck geschlagenen Energieleitung neben dem Turbolift allzu sehr zu nähern.

"Wir leben noch", frohlockte Lemois.

"Das merke ich. Und sonst?"

"Wir haben die Kernzone der Verzerrungen verfehlt, wenn auch nur knapp", gab Hwang erleichtert bekannt. "Hier sind wir... relativ sicher."

Ein vergleichsweise sanftes Schlingern des Schiffes bestätigte ihre Worte.

"Spencer an Maschinenraum. Gerry?"

"Njaja", knurrte er, alles andere als glücklich. "Die Konstrukteure hatten scheinbar einen guten Tag als sie die Kennedy zusammengeschraubt haben. Anders kann ich mir das nicht erklären. Viel ist nicht kaputtgegangen, aber es funktionierte ja auch nicht viel. Hauptsysteme soweit unbeschädigt, nur unsere Hülle hat einige Dellen bekommen. Keine Brüche."

"Eine gute Nachricht. Danke, Gerry."

"Keine Ursache, DeFalco Ende", flötete er und trennte die Verbindung.

"Wir verlassen die Verzerrungsfelder und nehmen Kurs auf die Quelle der Funksignale...", wies Spencer an. "Einen Scan bitte, Mr. Terk."

"Wir sind das einzige Schiff im System, keine Lebenszeichen und keine weiteren Raumphänomene. Die Signale stammen vom zweiten Mond des sechsten Planeten. "

"Kurs setzen!"

"Endlich wieder volle Kontrolle", gab Hwang erleichtert von sich.

"Mr. Hellmann? Haben Sie schon eine Erklärung für all diese Phänomene?", fragte Lemois.

Hellmann, der immer noch an Terminal I arbeitete, wandte sich um.

"Teilweise. Es scheint, dass das Wurmloch, warum auch immer, begonnen hat, wieder Aktivität zu zeigen. Diese gravimetrischen Verzerrungen entstanden dadurch, dass Schockwellen, wie wir sie gerade gespürt haben, vom Gewebe des Raums nach und nach gebrochen wurden. Die Neutrino-Signaturen stimmen überein. Alles weitere... müsste ich raten."

"Dann forschen Sie mal lieber noch etwas", empfahl Lemois in freundlich-entspanntem Ton.

"Und ich forsche dann auch mal", gab Hirvonen bekannt. "Es macht schließlich einen Unterschied, ob man das Signal in x Lichtjahren Entfernung oder direkt aus der Nähe analysieren kann. Sensoren stehen zu meiner Verfügung?"

"Jederzeit, Commander", antwortete Hellmann.

Hirvonen nahm Bergers Platz ein und begann zusammen mit Hallersvoort, seine Untersuchungen vorzunehmen. Berger entschwand durch den Turbolift und begegnete dabei einem Reparaturteam, dass sich der beschädigten Energieleitung widmete.

"Sagten Sie etwas, Commander?", fragte Spencer, der der Meinung war, gerade einige Laute von Lemois vernommen zu haben.

"Och, nichts", wiegelte sie ab. "Ich denke nur laut. Kann man eigentlich Wurmlöcher fernsteuern...?"

9

Logbuch der Kennedy, Commander Spencer, Nachtrag:

Aufgrund bislang ungeklärter Aktivität des stillen Wurmloches im Giclas-System mussten wir erst ein breites Feld von gravimetrischen Verzerrungen durchqueren, bevor wir uns einer genauen Untersuchung der Quelle der Funksignale widmen können. Durch eine Störung im Navigationscomputer geriet die Durchquerung etwas kritisch, sie ist aber jetzt unter Kontrolle.

"Gehen Sie in Standard-Orbit um Giclas VI-B!", ordnete Lemois an, nachdem Spencer die Aufzeichnung beendet hatte. "Scannen Sie den Mond!"

"Ja, Commander", bestätigte Hwang und begann die Orbitalberechnung.

"Scan läuft!", meldete Terk und kurze Zeit später: "Scan abgeschlossen. Ich habe die genaue Quelle der Funksignale geortet."

"Was können Sie uns noch erzählen?", fragte Spencer.

"Mond der Klasse D. Eine minimale Atmosphäre aus Wasserstoff und Stickstoff. Gravitation 0,6g. Keine Lebenszeichen oder Energieanzeigen außer dem Sender."

"Und die Oberfläche?" fragte Lemois weiter.

"Die Oberfläche ist leicht verkratert. Die Atmosphäre filtert nur wenig von der Weltraumstrahlung. Oberflächentemperatur 188 K an der Stelle, wo sich der Sender befindet. Jedoch keine Stürme oder giftige Gase."

Hirvonen meldete sich von der Rückseite der Brücke. "Ich habe den Sender analysiert. Ein ziemlich großer Apparat, Captain."

"Können wir ihn in einen der Frachträume beamen?"

"Den Sender schon, nicht aber die dazugehörende Energiequelle. Die ist einfach zu groß.", meinte Hellmann.

"Brauchen Sie die?", fragte Spencer Hirvonen.

"An sich nicht. Nur falls der Sender wirklich von einer fremden Lebensform stammt, sollten wir natürlich auch die Energiequelle untersuchen."

"Deutet etwas darauf hin?"

"Von hier oben nicht. Das muss allerdings nichts besagen."

"Dann schlage ich vor, wir beamen erst den Sender an Bord und dann, bei Bedarf die Energiequelle."

"Die Untersuchung des Senders wird aber Stunden dauern", gab Hirvonen zu bedenken.

"Das macht nichts", erwiderte Spencer. "Wir bleiben sowieso erstmal hier."

"Wie Sie meinen, Captain", sagte Hirvonen stoisch.

"Sollten wir nicht nach unten gehen und uns das Ding ansehen?", fragte Lemois erstaunt.

Spencer zuckte mit den Schultern. "Wenn sie wollen... von mir aus. Die Transporter sind in Ordnung und solange sie nicht einschlafen..."

"Wenn etwas Unbekanntes untersuchen kann, schlafe ich nie", versicherte Lemois in vollstem Ernst. Sie sprang Energie und Tatendrang versprühend auf und eilte zum Turbolift. "Karov, kommen Sie mit." Sie hieb auf ihren Kommunikator. "Mr. DeFalco, sie melden sich unverzüglich mit Werkzeug und Lebenserhaltungsgürteln in Transporterraum 1!"

DeFalcos Antwort war leider auf der Brücke nicht mehr zu vernehmen, da sich die Turbolifttüren bereits vor Lemois und Karov geschlossen hatten.

Spencer atmete hörbar aus, bevor er seinerseits den Kommunikator aktivierte. "Spencer an MacDonnell. Bereiten Sie die Frachträume 1 und 2 für die Aufnahme des Funksenders vor. Volle Quarantänefelder und so weiter."

"Verstanden, Sir!", antwortete die zweite Ingenieurin prompt.

Hirvonen meldete sich. "Das ist merkwürdig."

"Was denn?", konnte Spencer nicht umhin zu fragen.

"Der Sender besitzt kein Empfängermodul."

"Sollte er das?" Spencer klang verwirrt.

"Ohne Empfängermodul können sie den Sender nicht aus der Ferne steuern und auch keine Antwort empfangen. Mit anderen Worten: Eine gewöhnliche Kontaktaufnahme können wir ausschließen."

"Was haben Sie im Sinn?"

"Allenfalls... ein Test-Szenario. Das heißt, man beobachtet uns, wie wir uns angesichts dieser merkwürdigen Situation verhalten."

"Sie klingen nicht sehr überzeugt."

"Bin ich auch nicht. Diese Vorgehensweise wird allenfalls von Spezies verwendet, die sich klar überlegen weiß und ein ,Studienobjekt' sucht. Die Föderation als Studienobjekt kann ich mir nur schwer vorstellen."

"Dafür spräche dann aber", mischte sich Hwang interessiert ein, die für einige Sekunden auf halb-automatische Orbitkontrolle vertraute, "dass das stille Wurmloch wieder aktiv ist. Das übersteigt zumindest unsere Fähigkeiten."

"Sehr viel wahrscheinlicher ist es allerdings, dass es ein natürliches Phänomen ist", gab Hellmann zu bedenken.

"Wir wissen bestimmt mehr, wenn wir den Sender hier haben", überlegte Spencer.

"Bestimmt, Captain", schloss Hirvonen.

Spencer quetschte sich in eine Ecke seines Sessels, fuhr langsam mit der Handfläche übe r seine Bartstoppeln und gewährt seinen Gedanken für kurze Zeit Freiraum, während auf dem Hauptschirm die unansehnliche Oberfläche Mondes in Zeitlupe vorbeizog. Im Hintergrund hörte er verschwommen das Zischen der Aufzugstür, als Fähnrich Jakobs auf die Brücke kam, um die taktische Station zu übernehmen.


Lemois und Karov trafen zeitgleich mit DeFalco im Transporterraum ein, der ein Antigrav mit den drei Lebenserhaltungsgürteln und einem Werkzeugset hinter sich her zog.

"Die Gürtel sind durchgecheckt, Commander. Alles in bester Ordnung." DeFalco grinste Lemois an.

"Danke, Lieutenant", antwortete Lemois kühl.

Wortlos rüstete sich das Außenteam mit den Lebenserhaltungsgürteln, die es vor der Kälte, der Strahlung und der fehlenden Luft schützen würden, und sonstigem unentbehrlichen Equipment aus, dann nahmen sie Aufstellung auf der Transporterplattform.

"Energie!"

Drei schimmernde Energiesäulen materialisierten auf dem sehr dunklen und kalten Mond. Sie hatten soeben ihre Bewegungsfreiheit wiedererlangt, da aktivierten Lemois und Karov bereits ihre Tricorder. DeFalco riskierte, ein, zwei vorsichtige Schritte mit dem unbekannten Schuhwerk auf unbekannter Oberfläche.

"Umgebungstemperatur -85°C und eine größere Portion Strahlung. Auch mit den Gürteln sollten wir uns nicht länger als fünfzehn Minuten hier aufhalten", sagte Lemois.

"Der Sender steht dort drüben." Karov schwenkte ihre Handlampe in die entsprechende Richtung.

"Mr. DeFalco, was halten Sie davon?" fragte Lemois.

DeFalco holte seinen Tricorder hervor, den er mit einer elegant geschwungenen Geste ohne Zuhilfenahme einer zweiten Hand aktivierte. Lemois quittierte die Geste mit einem Kopfschütteln.

"Mhm", brummte er, als er die Scanergebnisse auswertete. "Vorsintflutliche Technik. Dieses Monstrum ist zwanzig Mal so groß wie unser System an Bord der Kennedy und hat ein Drittel der Sendeleistung. Ein einfacher Sender ohne Ausrichtungsautomatik oder irgendein anderes Beiwerk."

"Und die Energiequelle?"

DeFalco nahm einen erneuten Scan vor und schüttelte den Kopf. "Da hat jemand ein Antiquitätenlager entrümpelt und mit dem Inhalt einen Generator gebaut. Ich kann Ihnen die gleiche Energiemenge mit einem Gerät liefern, das die Größe eines isolinearen Chips hat." Er begleitete diese Aussage, indem er mit Daumen und Zeigefinger die Größe anzeigte.

"Dann tun Sie das", ordnete Lemois an.

"Bitte?", fragte DeFalco verdattert.

"Sie sollen diese Energiequelle gegen ihren chip-großen Generator austauschen! Dann können wir den Sender mit aufs Schiff nehmen und in Ruhe analysieren."

"Ah ja." DeFalco überlegte. Dann fuhr er einige Male mit dem Tricorder über den Anschluss zwischen Sender und Generator, brummte einige unverständliche Wortfetzen und meinte dann. "Das geht nicht. Das geht überhaupt nicht."

"Erklären Sie!" Lemois war nicht sonderlich begeistert von dieser Antwort.

"Beide Geräte sind liederlich zusammengesetzt und von uralter Technik. Allerdings wurde sehr großen Wert darauf gelegt, dass die bestehende Konfiguration nicht verändert wird. Der Sender kann weder seinen Ort wechseln, noch von dieser Energiequelle getrennt werden. Er würde sofort aufhören, zu funktionieren."

Lemois nickte. "Lemois an Kennedy!" Sie berührte ihren Kommunikator.

"Kennedy, Spencer hier. Was ist los?"

"Captain, Mr. DeFalco meint, dass der Sender, wenn er ihn von seinem Generator abtrennt, sofort seinen Dienst einstellen würde. Wäre das ein Problem für Mr. Hirvonen?"

"Ich frage ihn." In der kurzen Pause bis zu Spencers Antwort wanderte sie unruhig herum.

"Nein. Da der Sender immer die gleiche Sequenz wiederholt, stellt die Abschaltung kein Problem dar. Und reaktivieren kann man ihn immer noch."

"Alles klar, Captain", sagte Lemois. "Was brauchen sie, um den Generator zu deaktivieren?", fragte sie DeFalco.

"Zwei Spezial-Arbeitshandschuhe passend für diese Witterung."

Lemois gab die Information an Spencer weiter.

"Sind unterwegs. Spencer Ende."

"Das nennt sich Service", brummte DeFalco, als nach knapp zwanzig Sekunden fünf Meter neben seiner Position die geforderten Gegenstände materialisierten. "Und wie soll ich mit den Dingern arbeiten?", fragte er rhetorisch, als er sich die klobigen Handschuhe überzog. "Leuchten Sie mir mal, Karov?", bat er freundlich.

Karov, die aus Langeweile mit ziellosen Tricorder-Scans begonnen hatte und sich bereits gefragt hatte, was sie eigentlich hier unten sollte, war erfreut, sich nützlich machen zu können. Lemois beäugte den Vorgang kritisch, aber DeFalco brauchte nicht lange, um den Sender vom Generator zu trennen.

"Fertig!", rief er.

"Lemois an Kennedy. Der Sender kann gebeamt werden", reagierte sie.

"Verstanden, Commander. Bereithalten." antwortete Spencer durch den Kommunikator.

Das Außenteam entfernte sich ein Stück von der Sendeeinheit, die sich nach einigen Sekunden in einem wahren Funkenregen auflöste.

Eine halbe Minute lang passierte nichts, dann gab Lemois ihrer inneren Unruhe Ausdruck und hieb auf ihren Kommunikator. "Lemois an Kennedy! Wo bleibt der Transporterstrahl?"

"Das hört sich nicht gut an", gab DeFalco betont von sich und bezog sich auf die knarrenden Geräusche, die anstatt des inzwischen vertrauten Kommunikator-Zirpens ertönten.

Ein Augenblick der Panik erfasste die Drei, bis ein spontaner Tricorderscan Karovs Klarheit brachte. "Die abgeschaltete Energiequelle emittiert ein eigenartiges Störfeld."

"Lassen Sie mich mal sehen!" Lemois entriss Karov beinahe den Tricorder, konnte sich aber im letzten Augenblick beherrschen.

"Sie haben Recht. Ein allgemeines Störfeld gegen alles. Kommunikation, Transporterstrahlen,..."

"Gegen eines nicht", warf DeFalco ein und klopfte gegen den Handphaser in seinem Halfter. "Phaserfeuer."

"Aber wir können doch nicht einfach...", begann Karov, doch Lemois unterbrach sie energisch. "Sicher können wir."

Ohne eine weitere Sekunde Bedenkzeit riss sie ihren Phaser heraus, zielte auf die vermeintliche Quelle des Störfelds und ließ den Strahl für vier, fünf Sekunden aktiviert. DeFalco und Karov wechselten einen eigenartigen Blick.

Schmelzendes Metall und einige polternde Geräusche kündeten vom endgültigen Ableben des unbekannten Gerätes. Zeitgleich war ein Kommunikatorsignal zu hören.

"... Kennedy an Außenteam! Antworten Sie! Was ist los da unten?"

"Lemois hier, Captain. Wir hatten ein Störfeld durch diese Energiequelle. Ich habe es auf meine Weise gelöst."

"Ich sehe es, Handphaser Stufe 4. Darüber reden wir noch. Halten Sie sich bereit für den Rücktransport. Spencer Ende."

Lemois zuckte arglos mit den Schultern und nahm die vorgesehene Position ein. Hinter ihrem Rücken feixten DeFalco und Karov um die Wette bis der Transporterstrahl sie alle erfasste.


"Was jetzt, Sir?" fragte Lemois, nachdem sie wieder auf der Brücke eingetroffen war.

"Wir bleiben im Orbit, warten auf Ergebnisse unseres Senderteams und versuchen, unser Schiff in den Griff zu bekommen", antwortete Spencer ungewohnt lakonisch und lehnte sich zurück.

"Na gut." Irritiert folgte Lemois seinem Beispiel, doch unterbewusst ahnte sie, dass Spencer genau wie sie, auf eine neue Folgereaktion wartete.

Wie aufs gedankliche Stichwort meldete sich Terk. "Sir, ich empfange seltsame Messwerte von Giclas V!"

"Fahren Sie fort!"

"Giclas V ist ein Gasriese, dessen Atmosphäre aus verschiedenen Gasen besteht, die in einem regelmäßigen Muster fließen. Irgendetwas scheint dieses Muster abrupt zu stören. Um das zu untersuchen, müssten wir näher heran."

"Einverstanden. Miss Hwang, wir verlassen den Orbit um Giclas VI- B. Schwenken Sie in einen großen Orbit um Giclas V ein."

"Aye, Sir." Hwang machte sich an die Arbeit.

Kurze Zeit später öffneten sich die Türen des Turboliftes und Hellmann trat heraus.

"Diese Gasfluktuationen sind allemal interessanter als ein merkwürdiger Sender", meinte er ungefragt, nachdem er eine erste Analyse an Terminal II gestartet hatte.

"Warum?", fragte Lemois.

"Weil sie nicht ins Schema passen. So plötzlich und so grundlegend können sich solche Muster nicht verändern. Außerdem bewegen sie uns zum Hierbleiben, nicht zum Wegfliegen."

Lemois sah ihn mit großen Augen an, mit einen derartigen Gedankengang hatte sie jetzt nicht gerechnet. Vielleicht steckte ihr noch der Schreck von gerade eben in den Knochen. Oder war sie doch müde, wenigstens ein bisschen?

"Vielleicht sollten wir dann wegfliegen?", überlegte Hwang laut, wenngleich nicht in vollem Ernst.

"Nicht, ohne das hier untersucht zu haben", bestimmte Spencer. "Auf zehn Minuten soll es nicht ankommen."

"Oder ich hatte doch Recht", fiel Lemois ein. "Wir sollten vom Sol-System weggelockt werden, dass aber nicht merken. Und jetzt, wo wir uns in Sicherheit wiegen könnten, wird es offensichtlich."

"Vielleicht ist es eine neue Taktik", gab Karov zu bedenken. "Man will die Gegenreaktion des Abflugs provozieren."

"Wie Ratten in einer Versuchsanordnung!", entfuhr es Lemois plötzlich. "Nur wer spielt hier mit uns?"

"Vor allem spielen wir im Moment mit uns selbst", gab Spencer zu bedenken. "Ich denke, es ist wenig sinnvoll, um x Ecken zu denken und am Ende sich selbst auszutricksen. Ich für meinen Teil bleibe hier. Es gibt genügend Sachen zu klären und gegebenfalls brauchen wir auch noch eine Analyse der Energiequelle zum Sender. Das ist Grund genug."

"Nicht von der Hand zu weisen", urteilte Lemois gut gelaunt und in Ermangelung einer adäquaten Erwiderung.

"Hirvonen an Captain Spencer!", meldete sich der Kommunikator.

"Ah, Mr. Hirvonen. Erste Ergebnisse?"

"Exakt, Captain. Der Sender ist definitiv ein Konstrukt von Föderationsmitgliedern. Auf den ersten Blick keine unbekannten Bauteile oder Energieformen oder andere Hinweise."

"Und was ist mit den neuartigen Frequenzmodulationen?", erkundigte sich Lemois.

"Die wurden durch Zweckentfremdung anderer Komponenten erzeugt. Irgendwo genial, wenn es nicht so sinnlos wäre", brummte Hirvonen.

"Wie lange wird Ihre Analyse in etwa dauern?"

"Einige Stunden bestimmt", versicherte er. "Der Sender ist groß, reich an Komponenten und ich bin gründlich. Wenn ich etwas Neues habe, melde ich mich. Hirvonen Ende."

"Wusste ich's doch", murmelte Lemois.

"Wir wussten es", verbesserte Spencer freundlich.

"Einverstanden." Lemois lächelte breit.

"Auch schon erste Ergebnisse, Mr. Hellmann?", fragte Spencer weiter.

"Nein, Captain. Ich gebe die Untersuchung an einen Spezialisten aus meinem Stab ab. Von Gasfluktuationen verstehe ich nicht so viel."

"Verständlich", erwiderte Spencer trocken.

Lemois wandte sich abrupt ab und musste all ihre verbliebene Selbstbeherrschung mobilisieren, um nicht laut loszulachen. Wer war das eigentlich, ihr neuer Captain?

"Wenn ich das jetzt richtig sehe...", überlegte dieser laut, "... war's das fürs erste. Oder spricht etwas dagegen, jetzt der Nachtschicht zu übergeben?"

"Nein, Sir", versicherte Lemois, deren Miene alles andere als Ernsthaftigkeit wiederspiegelte. Sie brauchte zwei Sekunden, um zu verstehen, dass Spencers unverbindliche Aussage einen Befehl darstellte und reagierte entsprechend.

"Dann schlage ich vor, sie ziehen sich zurück, sobald ihre Vertretung eingetroffen ist und erholen sich. In einigen Stunden geht's weiter", gab Spencer vernehmlich bekannt. "Ich bin noch für einige Minuten in meinem Büro."

Mit diesen Worten war Spencer auch schon hinter der Türe seines Bereitschaftsraumes verschwunden.

Es dauerte nicht lange, bis die angeforderten Vertreter eintrafen und Hwang, Terk und Karov ablösten, die froh waren, endlich im Turbolift verschwinden zu können. Hellmann schloss sich ihnen an. Lemois winkte Torrente heran und setzte ihn als befehlshabenden Offizier der nächsten Stunden kurz und prägnant über die wichtigsten Eckdaten der Situation in Kenntnis.

10

"Du hattest mir vorhin nicht gesagt, dass die Diversitätskontrolle auch wieder funktioniert." Hwang klang vorwurfsvoll, wenn auch nur ein bisschen. Sie, Hellmann und Karov verließen gemeinsam den Turbolift auf Deck 2.

"Ich war nicht dazu gekommen", entschuldigte sich Hellmann. "Auf jeden Fall haben wir's überstanden."

"Gott sei Dank. Kommst du mit, in die Messe?"

Er schüttelte den Kopf. "Ich bin seit circa neunzehn Stunden auf den Beinen. Ich muss mich erholen."

"Schade. Nur, wenn ich jetzt nichts esse, kann ich auch nicht schlafen", meinte Hwang.

"Bei mir ist es genau andersherum. Ich wünsche jedenfalls guten Appetit und eine gute Nacht."

"Und ich nur eine gute Nacht." Sie kicherte.

"Bis..." - Hellmann unterdrückte ein Gähnen - "... bis später." Er verschwand in seiner Kabine.

Einen fröhlichen (Hwang) beziehungsweise zaghaft-amüsierten (Karov) Blick tauschend schlenderten die beiden weiter zur Offiziersmesse und trafen dort auf DeFalco, der an den Türkontrollen arbeitete.

"Hey, Gerry, was machst du denn da?", fragte Hwang. "Hast du nicht Spencer versprochen, dass alle Türkontrollen wieder funktionieren?"

DeFalco blickte auf. "Die waren alle repariert, Kim. Ehrlich!" Er hieb mit der Faust auf den Mechanismus und plötzlich öffneten sich die Türen.

"Gut, dass wir die ersten waren", stichelte sie. "Sonst hättest du Spencer das erklären müssen."

"Spencer ist nicht das Problem", brummte DeFalco. "Lemois ist es."

Hwang schüttelte den Kopf während sie DeFalco in die Offiziersmesse folgte, sagte jedoch nichts. Wie auch DeFalco musste sie sich von ihrer ersten Verblüffung erstmal erholen und blieb abrupt hinter ihm stehen.

"Sag' mal. Ist das die Offiziersmesse oder die Arrestzelle?", fragte DeFalco.

"Das ist die Offiziersmesse. Die Arrestzelle ist größer", antwortete Hwang. Sie tauschten eine verkniffene Miene. Karov hielt sich verhalten im Hintergrund, ihre Miene signalisierte jedoch eifrige Zustimmung. Schließlich hatte sie die Arrestzellen bereits inspiziert...

Ihre Überraschung war nicht ohne Grund, denn es befanden sich nur ein großer und zwei kleine mit Stühlen umrahmte Tische in dem ziemlich eng wirkenden und kahlwandigen Raum.

"Ich glaube, wir müssen hier so einiges umbauen. Sonst esse ich demnächst auf der Brücke", brummte Hwang und steuerte dann auf den Replikator zu, um sich ein rasches Nachtmahl zu bestellen, DeFalco und Karov taten es ihr gleich.


Spencer war froh, endlich die notwendigste Routinearbeiten hinter sich gebracht zu haben und sehnte sich nach Ruhe und erholsamem Schlaf. Mit einem Tastendruck rief er noch die sternenflotteninternen Vorkommnisberichte über diesen Bereich des Weltraums ab, es war jedoch nichts Nennenswertes verzeichnet.

Gerade als er aufstehen wollte und sich mit seinen Gedanken schon weit, weit entfernt befand, schob sich eine Meldung von der Black Sun, einen nicht weiter spezifizierten Notruf aus dem Petran-System betreffend, neu ins Bild. Einen Atemzug später schaltete er das Computerterminal ab und wankte hinaus.


DeFalco stellte sich in Positur. "Achtung. Hier spricht der Captain", wiederholte er die Worte, die Spencer einige Zeit vor dem Auslaufen schiffsweit durchs Komm-System gesprochen hatte. Es gelang ihm leidlich, den charakteristischen, knarrenden Tonfall seines Kommandanten nachzuahmen. "Wir werden das Dock in etwa fünfzehn Minuten verlassen. Klarschiffmeldungen bitte, wenn bereit, etwaige Probleme sofort. Und wenn sie noch etwas von der Werft brauchen sollten, beeilen sie sich. Ende."

Nachdem DeFalco geendet hatte, lachten Hwang und Karov lauthals los, verstummten aber abrupt, als sich die Türe zur Offiziersmesse öffnete und Lemois hereintrat.

DeFalco zeigte einen sehr irritierten Gesichtsausdruck und wandte sich einer zaghaft hinweisenden Geste Karovs folgend, zum Eingang um.

"Oh, Commander", begrüßte er Lemois mit seinem charmantesten Lächeln.

"Lieutenant!" Lemois' direktes, forsches Auftreten bot einen scharfen Kontrast zu DeFalcos gelassenem Tonfall. "Falls Sie Ihre Darbietung da komisch fanden... ich fand es nicht. Was haben Sie dazu zu sagen?"

"Sie haben also von draußen mitgehört, Commander", stellte DeFalco in ungetrübter Freundlichkeit fest. "Dürfen Sie das überhaupt?"

"Ich darf", stellte Lemois unbeeindruckt fest. "Es sollte Ihnen wohl klar sein, dass ich dem Captain das melden muss."

DeFalco gab sich siegessicher. "Auch wenn Sie es ihm erzählen sollten, es würde ihn glaube ich nicht allzu sehr stören."

"Wie Sie meinen, Lieutenant", erwiderte Lemois, ihre Tonlage war, wenn auch kaum merklich, kleinlauter geraten. "Lassen Sie sich jedenfalls nicht noch ein zweites Mal erwischen", schloss sie andeutungsvoll. Ohne eine Entgegnung seinerseits abzuwarten machte sie auf dem Absatz kehrt und entschwand durch die Tür.

Erst als sie sich sicher war, dass ihr Gesicht vor den Dreien vollständig verborgen war, erlaubte sie sich, ihre Belustigung über DeFalcos Spencer-Imitation zu zeigen, wenngleich sie ihrer Meinung nach nur mäßig gelungen war.

DeFalco blieb mit eher unschlüssiger Miene mitten in der Offiziersmesse stehen während Hwang und Karov miteinander um die Wette schmunzelten.

"Das war, glaube ich, nicht so gut", meinte Hwang mitfühlend, nachdem DeFalco sich wieder auf seinen Platz neben Karov gesetzt hatte.

DeFalco vollführte eine wegwerfende Handbewegung "Ach was. Sie hat halt was gegen mich, das ist alles."

Ihrem diplomatischen Geschick vertrauend zog Hwang es vor, eine Erwiderung zurückzuhalten.

"Ich hätte da mal eine andere Frage...", begann Karov.

"Ja?", fragte DeFalco breit lächelnd und mit aller Freundlichkeit zurück.

"Das mit den ganzen Konferenzen... ist das hier immer so, dass stundenlang alles debattiert wird?", fragte sie.

"Unser Captain will halt umfassend informiert sein", antwortete DeFalco. Er schaltete für einen Satz seine Imitationsstimme wieder ein. "Alle suchen gemeinsam nach Lösungen, alle Vorschläge und Fragen sind erlaubt." Er grinste sie breit an.

"Manchmal eher nervtötend, aber oft haben wir hinterher auch Lösungen, von denen wir vorher nicht zu träumen gewagt haben", fügte Hwang hinzu. "Im Moment ist er jedoch nicht so in Hochform, wie es scheint."

"Na ja. Mal was Neues", murmelte Karov in leichter Schläfrigkeit versunken.

"Bist du müde?", erkundigte sich DeFalco fürsorglichst bei ihr.

Sie nickte heftig, aber unverfänglich.

"Bis dann, Kim", verabschiedete er sich freudig und führte dann Karov galant aus dem Raum.

Nachdem Hwangs Belustigung über das gerade dargebotene Schauspiel verflogen war und ihr klar wurde, dass sie nun ganz allein in der Messe saß, wanderte ihr Blick an den kahlen grauen Wänden des Raumes entlang und überlegte, was man gegen deren Eintönigkeit und Schlichtheit unternehmen könnte.


"Bilinski an Commander Karaplidis!"

Karaplidis fuhr aus ihrem Bett hoch, ihr Unterbewusstsein war scheinbar auf einen solchen Ruf vorbereitet gewesen und hatte ihn elegant in ihren letzten Traum eingewoben. Sie besann sich. "Karaplidis hier."

"Commander, die Melvin und die Lone Pine melden sich. Sie haben beide nichts gefunden und befinden sich auf dem Rückweg."

,Das waren doch die beiden Schiffe aus dem Sol-System, die Berichten über plötzliche Strahlungsausbrüche an Pulsaren nachgingen und wegen denen die Kennedy diesen Hirvonen übernehmen musste', erinnerte sich Karaplidis. "Das ist sehr merkwürdig. War es das?"

"Nein, Commander. Wir haben ihn", stellte Bilinski zufrieden fest.

"Wen?" Karaplidis schüttelte sich und versuchte, die noch fest schlafenden höheren Ebenen ihres Bewusstseins zu aktivieren.

"Bonzo Morretti, unseren Computer-Hacker. Er hat sich in den alten Lagerhallen an einem Computerterminal zu schaffen gemacht. Da wir vorbereitet waren, ging die Ergreifung relativ schnell von statten."

"Wo sind sie jetzt?"

"Im kleinen Konferenzzimmer, Ebene 8. Wir befragen ihn gerade und durchsuchen seine Dateien."

"Ich bin unterwegs. Karaplidis Ende." Es war schön, wenn alles reibungslos funktionierte...

Keine drei Minuten später war sie in besagtem Konferenzraum eingetroffen.

"Ah, Commander", empfing sie Bilinski. "Die Befragung war schnell zu Ende, er stellt sich stumm. Das wird sich noch ändern", brummte er mit einem Seitenblick auf Morretti, der von zwei seiner Sicherheitsleute bewacht starr dreinblickend auf einem Stuhl saß.

"Und die Dateien?", fragte sie die beiden Computertechniker, die ebenfalls im Raum anwesend waren.

"Relativ unübersichtlich", antwortete die eine, die, wie Karaplidis sich zu erinnern glaubte, Iyer hieß. "Zwei interessante Dinge haben wir bereits gefunden, einen detaillierten Lageplan einer Forschungsstation, Typ D'Karian und umfangreiche Sensorenlogbücher, die etwas Wichtiges enthalten müssen. Sie waren codiert."

Karaplidis' Neugier war geweckt. "Lassen Sie mich mal sehen."

Sie scrollte rasch durch die umfangreiche Liste und führte einige Kommandos aus. Fähnrich Iyer sah ihr über die Schulter.

"Geben Sie die Logbücher weiter an das Astrophysik-Dekanat der Akademie! Wenn ich die Daten richtig verstehe und sie nicht gefälscht sind, sind sie sogar sehr wichtig." Karaplidis konnte ihre Aufregung kaum verbergen.

"Um diese Zeit ist dort niemand, Commander", warf Iyer ein.

"Dann holen Sie die Leute aus dem Bett. Sie werden es nicht bereuen... auf meine Verantwortung." Karaplidis lächelte. "Ich glaube, Professor Qureshi ist mit der Wurmlochforschung betraut."

Iyer verstand und machte sich an die Arbeit.

Karaplidis hatte vorhin eine zweite Computeranfrage gestartet, deren Ergebnis sie nun ablesen konnte. Sie erteilte einen Wink an Bilinski, Morretti abzuführen und begann dann damit, eine Geheimnachricht an die Raynet-Forschungsstation zu verschlüsseln.


Ärgerlich schwang sich Lemois aus ihrem Bett. Mit all diesen unruhigen Gedanken im Kopf war keine angemessene Nachtruhe zu finden. Auch wenn sie wusste, dass sie als Erster Offizier gezwungen war, auch in schwierigen Situationen Schlaf zu finden... die Probleme jetzt waren wichtiger. Und interessanter. Zumal die Alternative darin bestünde, die zerwühlten Laken ein drittes Mal neu anzuordnen.

Als sie, in Rekordzeit wieder fertig angezogen, aus ihrem Raum entschwand, ignorierte sie bewusst den großen Chronometer, den sie in der Nähe der Ausgangstür installiert hatte. Sie wollte jetzt überhaupt nicht wissen, wie viele Stunden ihre Gedanken kreisend und sie schlaflos verbracht hatten.

Im Turbolift auf der Fahrt nach unten ertastete sie vorsichtig an verschiedenen Stellen ihres Kopfes ihre Haarspitzen. Ihre Miene drückte verhaltene Zufriedenheit aus, als sie den Lift an seinem Ziel wieder verließ. Um diese Zeit war zwar wenig Betrieb auf den Korridoren, doch auch wenigen Crewmitgliedern wollte sie mit einwandfreiem Aussehen begegnen. Außerdem konnte man nie wissen, was im nächsten Moment passieren würde.

Der vordere Aussichtsraum auf Deck 4 war, wie sie auch nicht anders erwartet hatte, leer. Ein endloses Sternenfeld war doch immer doch der beste Garant für zündende Ideen... Sie lehnte sich gegen einen senkrecht angebrachten Pfeiler, der, wie sie vermutete, eher zu Dekorationszwecken als zur Abstützung montiert war, und erlaubte ihren Gedanken freie Entfaltung.

So waren sie nun scheinbar fest in den Händen eines gelenkten Aufeinanderfolgens von Ereignissen, ohne direkte Möglichkeit, diese Abfolge ohne Befehlsverstoß zu verlassen. Irgendjemand hatte aus irgendwelchen Gründen sich die Mühe gemacht, die möglichen Abläufe der Mission im Geiste (oder im Computer) vorherzusehen und den Schiffscomputer dementsprechend zu präparieren, dass er es Ihnen an jeder erdenklichen Stelle nur unter größten Schwierigkeiten ermöglicht, einen Schritt vorwärts zu kommen. Die alles entscheidende Frage bleibt: warum? und vor allem wer steckt hinter alledem?

Man müsste versuchen, die Initiative zu ergreifen, doch wie ergreift man die Initiative gegenüber einem manipulierten Computer? Dass ihrer aller Reaktionen konditioniert wurden, stand außer Frage. Doch wurde in die Planungen auch miteinbezogen, dass man erkannte, dass man manipuliert wurde? Oder war auch dieses Erkennen bereits Teil der Manipulation? Sie erkannte die drohende Endlosschleife in ihrem Denken und erkannte auch, dass weitere Überlegungen in diese Richtung ihre Zweifel eher vergrößern und ihre Fragen aller Wahrscheinlichkeit nach unbeantwortet lassen würden.

Nicht ganz glücklich mit dem Verlauf ihrer stillen Reflektion hieb sie verdrießlich gegen den Dekorationspfeiler, ließ sie sich vom Computer die aktuelle Uhrzeit nennen und beschloss dann, dass es Zeit wäre, die Mission zu einem Ende zu bringen. Stillvergnügt machte sie sich auf den Weg zur Brücke.


Ein mehr als unangenehmes akustisches Signal riss Spencer aus seinem tiefen, traumlosen Schlaf. Er brauchte eine Sekunde, um sich klarzuwerden, wo er war und eine zweite, um festzustellen, dass der Wecksignalgenerator in seinem Quartier scheinbar einen Wackelkontakt hatte.

"Lemois an Spencer! Würden Sie bitte auf die Brücke kommen?"

"Mmpf. Bin gleich da, Commander."

Er stand auf und schüttelte widerstrebend die letzten Reste der Müdigkeit aus seinen Gliedern. Für eine schnelle Tasse Kaffee war bestimmt noch Zeit, so dringend hatte Lemois nun auch wieder nicht geklungen...


"Commander Hirvonen lässt ausrichten, er habe die Untersuchung des Senders ohne neue Erkenntnisse unterbrochen und werde sich nun zur Nachtruhe begeben", gab Lemois beim Eintreffen Spencers betont förmlich bekannt.

"Ah ja", knurrte ein unausgeschlafener Spencer zurück. Er sah sich stirnrunzelnd auf der Brücke um. Die Führungsoffiziere waren bereits versammelt.

"Ah, Mr. Hellmann. Was haben Sie über Giclas V herausgefunden?"

"Leider nicht viel. Wir haben den Ort bestimmt, an dem sich die Ursache für die Flussmusterveränderung befinden muss. Wir tippen auf ein Gerät, das in zufälligen Abständen zufällige Frequenzmuster aussendet und dadurch die beobachteten Effekte auslöst. Etwa so, als ob man kräftig in ein Glas Wasser pustet."

"Das Gerät selbst konnten Sie nicht finden?", fragte Lemois, die sich ebenfalls umgedreht hatte.

Hellmann schüttelte den Kopf. "Unsere Sensoren können die Gasatmosphäre nicht durchdringen. Und schon gar nicht bei dem ,Wind', den das Gerät macht."

"Und wie wird das Gerät dann überhaupt in der Atmosphäre gehalten?", erkundigte sich Lemois weiter. Spencer orientierte sich wieder nach vorn, er hatte so früh am Morgen kein Interesse an hochwissenschaftlichen Gesprächen.

"Wir vermuten, es schwebt irgendwie in der Gasatmosphäre. Es wurde wahrscheinlich aus dem Weltraum in die Atmosphäre ,fallen gelassen', denn Transporter würden in diesem Gasgemisch nicht funktionieren", antwortete Hellmann.

Lemois schien nicht übermäßig zufrieden mit dieser Antwort, beschloss aber, es dabei bewenden zu lassen. Sie konzentrierte sich stattdessen auf die Abflugvorbereitungen. Jetzt, da sie nicht auf etwas reagieren mussten, fühlte sie sich plötzlich wieder frei in ihren Handlungen, ungewöhnlich frei. Es war ein Gefühl, perfekt dazu geeignet, ihre sich langsam abschwächende Beklemmung zu erneuern.

11

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21618.3, Commander Spencer: [13.08.2344 7:08:50]

Nach mehreren, überwiegend ereignislosen Stunden im Giclas-System befinden wir uns nun wieder auf dem Rückflug ins Sol-System. Die Untersuchungen den Urheber sowohl des Senders, des flussmusterverändernden Gerätes als auch unserer sonstigen Probleme betreffend sind bislang ergebnislos verlaufen. Die Systemanalysen der Computerabteilung bezüglich der Aktiv-Programme laufen, sind aber noch nicht sehr weit vorangeschritten.

Spencer beendete den Logbucheintrag mit einer Handbewegung, die all seine innere Anspannung ausdrückte. Wie auch Lemois und die übrige Brückenbesatzung, das konnte er spüren, beschäftigten ihn die Gedanken rund um die gerade angesprochenen und zusammengefassten Probleme. Er glaubte förmlich zu fühlen, dass der Schlüssel zu dem Ganzen direkt vor ihrer aller Nase lag und darauf wartete, dass selbige darauf gestoßen wurde. Nur noch ein kleines Element fehlte, dass das Mosaik aus Vermutungen, Anhaltspunkten und eindeutigen, aber trotzdem unklaren Fakten sich endlich zu einem sinnvollen Ganzen fügte, aber was? Hatten sie etwas übersehen? Ein kurzer, unabsichtlicher Blickkontakt mit Lemois vermittelte ihm, dass sie ähnliche Gedanken trug.

Ein optisches Signal seiner in und auf den Armlehnen eingelassenen Kontrollen lenkten seine Aufmerksamkeit für einen Augenblick ab. Es war eine Routinenachricht, dass die Europa im Raynet-System eine Forschungsstation gegen einen noch unbekannten Angreifer verteidigt hatte, es war nur eine Routinenachricht und doch starrte Spencer sie lange Zeit an. Das musste der Hinweis sein! Obwohl er sich sicher war, dass es so war, brauchte aber doch an die fünf Sekunden um herauszufinden, warum.

Er beschloss, sich vor der Äußerung seines Verdachtes bei Lemois rückzuversichern.

"Commander, das Raynet-System liegt doch in der gleichen Richtung wie das Petran-System, oder irre ich mich da?"

"Wie man's nimmt", erwiderte Lemois stirnrunzelnd.

"Danke", presste Spencer hervor, bevor er unvermittelt aufsprang und in seinem Bereitschaftsraum verschwand.

Dort angekommen verschwendete er keine Zeit, sondern griff sich direkt sein Computerterminal und ließ die Flugrouten der Europa, der Black Sun und der Kennedy sowie die räumliche Lage der Systeme Giclas, Petran und Raynet grafisch darstellen.

Nach einigen raschen Berechnungen stürmte er wieder hinaus, zurück auf die Brücke.

"Ich hab's, Commander!", rief er aus. "Ich habe etwas", verbesserte er sich sofort.

Lemois blickte ihn verständnislos an "Was denn?"

"Ich muss es zeigen!", wich er aus und bat alle anwesenden Führungsoffiziere in den Konferenzraum. Dass DeFalco, Hellmann und M'Boya nicht anwesend waren, ließ sich auf die Schnelle nicht ändern, Spencer wollte seine Neuigkeiten unbedingt sofort loswerden.

Hektisch projizierte er die Grafik von dem noch aktiven Terminal in seinem Raum auf den großen Sichtschirm, fügte noch zwei, drei Spielereien hinzu und begann seine Erklärungen.

"Hier sehen Sie die momentanen Aufenthaltsorte der Kennedy, der Black Sun und der Europa. Wir sind auf unserem Weg zurück nach Sol, die Black Sun spürt einem Notruf im Petran-System nach und die Europa verteidigt gerade eine wissenschaftliche Forschungsstation im Raynet-System. Und genau das ist der Punkt."

Er machte eine kurze Pause und ordnete seine Gedanken, bevor er fortfuhr.

"Der Plan war von vorneherein, uns im Sol-System festzuhalten, damit die Black Sun unseren Auftrag übernimmt. Dann sähe es so aus, richtig?" Er veränderte einige Einstellungen, so dass das die Kennedy repräsentierende Symbol ins Sol-System rutschte und die Black Sun nach Giclas. Nach einem kurzen Augenblick bewegte sich die Europa ins Petran-System. Das Raynet-System leuchtete rot schillernd auf, es blieb kein Schiff in Reichweite, um der dortigen Station beizustehen.

"Schlau", urteilte Lemois. "Entweder ist das alles wirklich Zufall..."

"... oder da ist jemand verdammt gut", beendete Hwang den Satz für sie. "Die Na'bue ist auf ihrer Patrouille zuweit entfernt, als dass sie rechtzeitig im Raynet-System hätte sein können, um den Angriff zu begegnen", ergänzte sie.

Spencer nickte heftig.

"Das heißt, das alles war nur ein Ablenkungsmanöver?", staunte Karov. "Was wird denn im Raynet-System geforscht? Das muss ja sehr wertvoll sein."

Lemois überprüfte die Schiffsdatenbank. "Computersysteme. Im Moment Grundlagenforschung an... bio-neuralen Schaltkreisen." Ihre Stimme vermittelte ihre geringe Meinung von dieser Technologie und dass sie sich nicht vorstellen konnte, warum irgendjemand aus diesem Grunde einen solch ungeheuren Aufwand treiben sollte.

"Und was hilft uns das jetzt?", fragte sie den inzwischen sitzenden Spencer.

"Nja", brummte dieser enttäuscht. "Wir sind wieder keinen wirklichen Schritt weiter."

"Zumindest sind wir jetzt mehr als eine unwissende Marionette in einem großen Spiel", stellte Hwang fest. "Wir sollten Utopia Planitia und die Captains der Black Sun und der Europa informieren. Sie müssen Bescheid wissen und vielleicht haben sie auch einige Anhaltspunkte für uns."

"Genau das machen wir", beschloss Spencer und verließ den Raum, ein untrügliches Zeichen, dass die Konferenz für den Moment beendet war.

"Ah, Captain", empfing ihn ein besorgt dreinschauender Torrente. "Ich wollte sie gerade rufen. Wir scheinen einen seltsamen Funkimpuls zu empfangen. Die Analyseroutinen des Computers werden nicht schlau draus."

"Mr. Terk?", fragte Spencer, der auf halber Strecke zum Kommandosessel innegehalten hatte. Terk löste Torrente an der Einsatzleitung ab und begann seinerseits eine Analyse. Nach wenigen Sekunden begannen Alarmsirenen zu schrillen.

"Wir beschleunigen auf Warp 6.5 und ich kann nicht verlangsamen oder stoppen!", rief Hwang aus.

"Kommunikation ist ebenfalls gestört, in beiden Richtungen", gab Terk bekannt. "Sensorenwerte werden unscharf."

"Hört das denn nie auf?", brummte Spencer ärgerlich während er seinen Weg zu seinem Sessel wiederaufnahm. "Spencer an Hellmann! Was ist los?"

"Ich fürchte, wieder ein Aktiv-Programm, Captain. So wie es aussieht, steckte es in den Analysesubroutinen des Kommunikationssystems und hat einen Kaskadeneffekt auf Navigation, Antrieb und Sensoren ausgelöst. Als wären unsere Sicherheitssperren nicht vorhanden", brummte Hellmann mürrisch. "Ich komme nach oben und schaue mir die Konsole vor Ort an."

"In Ordnung, Mr. Hellmann. Spencer Ende."

"Captain...", begann Lemois verschwörerisch. "Wenn man sich das alles so betrachtet... dann war das ein Angriff! Kein Angriff im üblichen Sinne, aber es war auf jeden Fall... definitiv... ein Angriff. Ein Cyber-Angriff!"

"Ich dachte, die Zeit der häufigen Attacken auf Sternenflottencomputersysteme wäre vorbei. Aber offensichtlich sind die neuen Sicherheitskomponenten keinen Deut besser als die alten", brummte Spencer

"Software wird nie perfekt sein, Captain."

Als Antwort erhielt sie ein undefinierbares Brummen.

"Ausgehend von den letzten Scans...", begann sie erneut, dieses Mal vernehmlicher, "gibt es Hindernisse auf unserem Weg? Und wann treffen wir im Sol-System ein?"

"Keine Hindernisse verzeichnet, neue Ankunftszeit ungefähr in einer Stunde", meldete Hwang betont kurz angebunden. "Genaue Daten gibt es nicht mehr."

"Spencer an DeFalco!"

"DeFalco hier! Wegen dem Kontrollverlust..."

"Ja?"

"... wir arbeiten daran. Wird aber nicht einfach."

"Mehr wollte ich nicht wissen. Spencer Ende."

Zeitgleich mit dem Ende der Komm-Verbindung traf ein gehetzt aussehender Hellmann auf der Brücke ein.

"Dieser Funkimpuls wurde vom Computer selbst ausgelöst", gab Hellmann bekannt. "Natürlich wird er sofort automatisch untersucht und in den genau dafür verantwortlichen Routinen schlummerte der Wurm."

Lemois hieb wütend auf ihre Armlehne. " Und das ist Ihnen nicht früher aufgefallen?"

"Nein, Commander. Wir waren noch bei den Hauptsystemen... die bis jetzt alle in Ordnung waren."

"Und weshalb ist der Fehler nicht sofort aufgetreten, sondern erst nach einer Weile?", wollte Spencer wissen.

"Das kann ich beantworten", meldete sich Terk zu Wort. "Ich benutze noch die vorherige Version der Analyseprozeduren, weil ich mit ihr vertrauter bin."

"Stimmt. Die Probleme traten genau dann auf, als Sie begonnen hatten. Das heißt, die neue Routine, mit der Mr. Torrente gearbeitet hat, ist sauber, die andere nicht", schloss Spencer.

"Da hat sich jemand Gedanken gemacht, welche Personen mit welchen Gewohnheiten an welchen Stellen sitzen?!" Lemois schien ihren eigenen Worten nicht zu trauen. "Apart."

Der Moment der Erkenntnis wirkte auf der Brücke nach, es blieb einige Sekunden lang still.

Karov meldete sich zu Wort. "Wir müssen herausfinden, warum das passiert ist und vor allem, warum das gerade jetzt passiert ist."

"Eine Stunde bis Sol ist nicht viel Zeit. Bis dahin müssen wir einen Weg gefunden haben, das Schiff zu stoppen. Denken Sie wirklich, es ist jetzt Zeit über Schuldige und Verursacher zu debattieren?", gab Spencer zu bedenken.

Karov bemühte sich um einen treuherzigen Blick und ein überzeugendes Kopfnicken, sagte aber nichts.

"Okay", bestimmte Spencer kurz entschlossen. "Zehn Minuten, alle Führungsoffiziere. Mehr nicht."

Lemois hatte bereits Widerspruch auf den Lippen, überlegte es sich jedoch anders, als auch ihr klar wurde, welch unheilvolle Dinge Karov durch ihr stummes Nicken angedeutet haben könnte.


Es dauerte weniger als eine Minute, bis die noch fehlenden DeFalco und M'Boya eingetroffen waren und Spencer sie und Hellmann in aller Kürze über die weit gefassten Ablenkungsmanöver, deren Teil, besser: deren Basis die Kennedy darstellte, informieren konnte.

In Anbetracht der Kürze der Zeit entschied Spencer, nach diesen Schilderungen gleich ohne Umschweife zur Sache zu kommen. "Wenn ich Ihre Gestik und Mimik vorhin richtig interpretiert habe, Miss Karov, dann dachten wir genau den selben Gedanken: Das Ausmaß der kleinen, mittleren und großen Fehler ist so groß und erfolgt so präzise, dass ein Teil der Verschwörung an Bord sein könnte. Richtig?"

"Ja, Captain." Sie wirkte erleichtert, diese Gedanken nicht offen aussprechen zu müssen.

"Das ist doch Unsinn", entfuhr es DeFalco, der während Spencers Schilderungen gedanklich überwiegend bei den aktuellen Problemen im Maschinenraum weilte. "Der Hund sitzt im Computer, so gut getarnt, dass kein Mensch ihn in kurzer Zeit finden kann, ein Ereignis löst das nächste aus und so weiter."

"Bis gerade muss ich Ihnen Recht geben", meinte Lemois. "Wir kamen in Giclas an, fielen unter Warp, die Steuerung versagte. Der Sender wurde von seiner Energiequelle getrennt, wir konnten nicht mehr beamen. Der Sender war verstummt, da fangen Flussmuster an, sich zu verändern. Wäre die Kennedy nicht hier, wäre es die Black Sun. Alles schön ereignisgesteuert. Doch an zwei Stellen gibt es Haken: Auf der Werft lösten externe Funksignale die EPS-Störungen aus und jetzt gerade wurden wir wieder durch einen Funkimpuls lahmgelegt, gerade als wir uns über unsere Lage ein Stück klarer geworden sind. Und das kann kein Computer wissen."

"Und wer soll dafür Ihrer Meinung nach verantwortlich sein?", fragte DeFalco höchst provozierend. "Hwang, da in allen Fällen der Antrieb betroffen war? Lt. Terk, da er den letzten Zwischenfall ,ausgelöst' hat? Ein Geheimagent, der sich die Identität eines unschuldigen Fähnrichs erschlichen hat? Vielleicht der große Unbekannte?"

"Wie wäre es mit Ihnen?", schnappte Lemois. "Als Chefingenieur haben Sie jede Möglichkeit!"

DeFalco blickte sie mit einer Mischung von Verwunderung und Belustigung an. "Ich bin doch nicht blöd. Ich mach' mir doch nicht mehr Arbeit als ich jetzt schon habe!"

"Das trifft für jeden hier zu! Jeder hat Mehrarbeit und zwar nicht zu wenig!", entgegnete Lemois hart.

"In diese Richtung wollte ich die Diskussion nicht getrieben haben", knurrte Spencer hörbar verärgert.

"Hirvonen! Hirvonen nicht!", rief DeFalco, noch bevor Spencer fortfahren konnte.

"Bitte?", fragte Spencer.

"Hirvonen ist der einzige, der keine Mehrarbeit hatte", erklärte DeFalco seinen plötzlichen Geistesblitz. "Er gehört nicht zur normalen Crew und er kam wegen der Funksignale an Bord."

"Dafür wusste er aber ziemlich wenig über die Signale, falls er sie zu den Verursachern gehören sollte", erwiderte Lemois abwehrend.

"Taktik", entgegnete DeFalco.

"Commander Hirvonen ist Sternenflottenoffizier wie wir alle", fiel Spencer verteidigend ein.

"Vielleicht sollte ich meine Nicht-Diagnose von Paranoia von vorhin noch einmal revidieren", schlug M'Boya mit schneidender Stimme vor und brachte den Wortwechsel für den Augenblick zum Erliegen.

"Ich glaube auch, wir kommen so nicht weiter", versuchte Hwang weiter beruhigend auf die Streithähne Lemois und DeFalco einzuwirken. "Die einzige Frage, die wir uns in der kurzen Zeit überhaupt stellen können ist die, ob es überhaupt eine Einwirkung von innen gab... wenn ich das mal so sagen darf."

"Sie dürfen, Lieutenant", brummte Spencer. "Und sie haben Recht. Beweise haben wir keine. In letzterem Fall könnte zum Beispiel mein wiederholter Aufruf der hiesigen Sternenkarte Hinweis für den Computer gewesen zu sein, dass wir im Bilde sind. Daher dann die Aktivierung des Aktiv-Programms."

"Nicht von der Hand zu weisen", stimmte Hellmann zu.

"Haben Sie weitere Einwände?", erkundigte sich Spencer bei Karov und Lemois.

Karov schüttelte den Kopf mit zerknirschter Miene. Sie wünschte sich, diese Gedanken überhaupt nie gehabt zu haben, denn diese Selbstzerfleischung hatte sie nicht gewollt.

"Es ist alles gesagt, was man sagen könnte", stellte Lemois widerstrebend, weil innerlich noch immer brodelnd, fest.

"Dann vertrauen wir, dass jeder vertrauenswürdig ist und versuchen, das Schiff rechtzeitig anzuhalten. Gerry, such' dir ein Team aus."

"Meine Ingenieure sind schon dran, ich sage mal... Hwang und Hellmann. Und du wärst bestimmt auch gern dabei?"

"So ist es", verkündete Spencer. "Commander Lemois übernimmt auf der Brücke. Wegtreten."

Es war der stillste und nachdenklichste Aufbruch der Acht, den sie in ihren bisherigen Laufbahnen erlebt hatten. Niemand widmete auch nur einen Blick den auf den großflächigen Wandfenstern unruhig vorbeirasenden Leuchtpunkten.

12

Logbuch der Kennedy, Sternzeit 21618.4, Commander Spencer: [13.08.2344 08:01:32]

In weniger als dreißig Minuten werden wir im Sol-System eintreffen und wir haben immer noch keine Möglichkeit gefunden, das Schiff anzuhalten. Die Wiederherstellung der normalen Kontrollen in dieser kurzen Zeit erscheint illusorisch, eine Anforderung originaler Software ist aufgrund der immer noch ausgefallenen Kommunikationssysteme unmöglich . Auf der Suche nach Alternativen läuft uns langsam die Zeit davon.

Spencer nahm diesen kurzen Logeintrag als willkommene Denkpause. Hwang, DeFalco, Hellmann, MacDonnell, vier weitere Ingenieure und er waren seit guten zwanzig Minuten dabei, nach einem Weg zu sinnen, die Kennedy trotz Kontrollverlust zum Stillstand zu bringen.

"Wir sind uns also alle einig, dass wir die Energiesysteme auf welchem Weg auch immer herunterfahren müssen, um den Antrieb zu stoppen", resümierte Hellmann gerade als Spencer wieder dazustieß. Es regte sich kein Widerspruch.

"Standardmäßig geht es nicht", überlegte MacDonnell. "Da wurde vorausgedacht: Auf die Energiesteuerung für den Warpantrieb haben wir keinen Zugriff."

"Wenn wir die gesamte Energieversorgung drosseln?", schlug Hwang vor. "Irgendwann werden die Warpgondeln unterversorgt und das Warpfeld bricht zusammen."

"Wir dürfen aber nicht zu schnell vorgehen, dann implodiert das Warpfeld anstatt zu kollabieren", warf Fähnrich Walker ein.

"Richtig", stimmte DeFalco zu. "Preisfrage: Wie fährt man den Hauptreaktor bei laufendem Triebwerk unter dreißig Minuten nicht zu schnell herunter?"

"Wir müssen alle übrigen Energieverbraucher abschalten, um Energie zu sparen", antwortete Fähnrich Chen.

"Das ändert nichts an der immer noch zu steil fallenden Energiekurve beim Abschalten", erwiderte Spencer. "Mr. Hellmann, können Sie den genauen Grenzwert bestimmen?"

"Nur den ungefähren", antwortete Hellmann nachdenklich. "Der Antrieb ist weder getestet noch kalibriert."

"Beginnen Sie. Oder haben wir eine andere Möglichkeit?"

"Nur noch ein paar zusätzliche Tricks im Energiemanagement", antwortete DeFalco. "Und je länger wir warten, desto steiler wird die Kurve."

Er wollte schon zur Tat schreiten, als MacDonnell ihn zurückhielt. "Sollten wir nicht erst wenigstens eine Simulation fahren? Vielleicht bringt es ja gar nichts."

"Dann ist es sowieso zu spät und wir werden von den Gravitationskräften im Sol-System zerfetzt, wenn wir einfliegen." Unbeirrt begann DeFalco mit Eingaben.

Spencer besah sich nachdenklich eine flackernde Betriebsanzeige auf einem abgelegenen Monitor während hinter ihm die Diskussion der Ingenieure untereinander intensiviert wurde. Zu viele Unwägbarkeiten und zu viel Zeit. Man bräuchte einen Plan, einen sicheren... Plan. Plan! Das war der Plan!

"So nicht!", rief Spencer, indem er lautstark DeFalco das Wort abschnitt. "Wir denken zu kurz!"

"Was meinen Sie?", erkundigte sich Hwang erstaunt.

"Wir wissen doch, dass wir quasi ferngesteuert werden. Der Sender, unsere Systemausfälle, alles. Und jetzt gerade auch wir, genau wir. Wir sind Gefangene der Situation und handeln entsprechend."

"Bisher war immer alles für diese Eventualitäten vorgeplant und wir mussten mitschwimmen, ob wir wollten oder nicht", vervollständigte Hwang, die Spencers Gedankengang rasch begriffen hatte. "Ohne uns wehren zu können."

"Genau. Wir sind in einer Krise und handeln an sich logisch, aber emotional. Wenn ein Schiff zu schnell ist, ist es die logische Wahl, es zu stoppen. Genau das wird aber hier nicht funktionieren!", fiel wiederum Spencer ein.

DeFalco zuckte die Achseln. "Das ist nicht gesagt. Unsere Idee kann funktionieren."

"Nein!", rief Spencer, nun sichtlich erregt. "Du hast nicht verstanden! Es war von vorneherein absehbar, dass wir so handeln würden. Also konnte, wer auch immer dafür verantwortlich ist, in Ruhe über mögliche Aktionen unsererseits nachdenken und ihren Erfolg schon im Vorfeld zunichte machen. Bisher haben wir noch nichts Unerwartetes getan, aber genau das müssen wir tun, weil alles andere nicht funktionieren wird!"

"Wir müssen aus dem Spiel ausbrechen, etwas tun, womit die Gegenseite nicht rechnen konnte!", verdeutlichte Hwang.

"Man kann mit allem rechnen", wiegelte MacDonnell ab, die mit den Gedankengängen Spencers und Hwangs noch nicht vertraut war.

"Schon, wir handelten bis jetzt aber emotional, es war eine Krise. Wir müssen rational überlegen und den Rahmen sprengen, wie auch immer er aussieht!" Spencer war selbst unzufrieden, seine Worte konnten nicht das ausdrücken was ihm vorschwebte.

"Mit echt rationaler Denkweise und rationalem Handeln unsererseits wird nicht gerechnet", fügte Hwang an, die sich unbewusst aber demonstrativ neben Spencer platziert hatte.

"Oder mit irrationalem, aber unemotionalem!", platzte Spencer heraus, den gerade sein nächster Geistesblitz ereilt hatte. "Wir müssen beschleunigen, und nicht bremsen!"

Hwang strahlte für einen Augenblick Spencer an, das war wieder der alte Spencer, den sie kannte! Dann besann sie sich wieder auf die momentanen Probleme.

"Beschleunigen, bis das ungetestete Warpfeld vor Überlastung kollabiert?", fragte DeFalco, der endlich begriffen hatte, was Spencer vorschwebte. "Die Chance, dass wir in die Luft fliegen, ist genauso groß wie bei der anderen Methode."

"Dafür wird es funktionieren, weil keine Maßnahmen durch Aktiv-Programme oder was weiß ich was getroffen werden konnten."

"Können wir überhaupt noch beschleunigen?", erlaubte sich MacDonnell zu fragen. "Ich dachte, wir hätten keine Kontrolle mehr."

Spencer wischte ihren Einwand vom Tisch. "Das wissen wir gleich." Probeweise versuchte er, die Geschwindigkeit auf Warp 6.6 zu erhöhen, es ertönten Warnsirenen.

"Die Eingaben werden abgeblockt", urteilte Hellmann. Er versuchte nun seinerseits sein Glück. "Direkte Eingabe funktioniert tadellos", gab er überrascht bekannt, als hätte er selbst nicht damit gerechnet.

"Brücke an Captain Spencer!", ertönte prompt eine besorgte Stimme von Lemois.

"Spencer hier! Was gibt's?"

"Ich weiß nicht, ob sie es wissen, Captain, wir haben gerade weiter beschleunigt. Warp 6.6."

"Ich weiß, Commander. Das waren wir. Wir werden beschleunigen, bis das Warpfeld kollabiert. Ich schlage vor, alle halten sich fest. Spencer Ende."

"Sie hatten Recht, Captain", meinte Hellmann. "Die Bremsroutinen sind geschützt bis zum bitteren Ende, die Blockade der Beschleunigungsroutinen lässt sich leicht umgehen. Da hat man nicht viel Arbeit investiert."

"Dann müssen wir nur noch zusehen, dass wir uns nicht selbst in Stücke reißen", meinte DeFalco.

"Zeit bis zum Sol-System nur noch fünfzehn Minuten. Wir müssen uns beeilen!", gab Hwang bekannt. "Wir werden schließlich immer schneller."

"Dann an die Arbeit. Beschleunigen, schnellstens auf Warp 7.5, danach ein Zehnerbruchteil Warp alle zwanzig Sekunden bis auf Widerruf!", rief Spencer.

"Chen, Walker, sie kümmern sich um die linke Warpgondel und ihr Warpfeld, Ngatadatu, Riipiinen, ihr nehmt die rechte. MacDonnell, sie sorgen für sanfte Unausgewogenheit. Wir müssen aus dem Feldkollaps gleiten", verteilte DeFalco seine Aufgaben.

"Warp 7.6", gab Hwang bekannt. "Warp 7.7."

"Gut sieht's nicht aus, es hält aber", brummte Spencer, der zusammen mit DeFalco versuchte, den Überblick zu halten. DeFalco nahm einige minimale Korrekturen vor.

"Warp 7.9... es geht nicht genauer", entschuldigte sich Hwang.

"Schon gut", meinte Spencer. Ein leichtes Rumpeln durchfuhr das Schiff. "Das ist schließlich keine Präzisionsarbeit. Feldinnendruck?"

"Nähert sich 1100 Cochranen", antwortete MacDonnell. "76 Cochranen zu viel für diese Geschwindigkeit."

"Noch zu wenig."

"Warp 8." Ein leichtes Zittern des gesamten Schiffsrumpfes übertrug sich auf jeden Boden, jede Konsole und sogar die Luft. Die förmlich knisternde Atmosphäre war zum Zerreißen gespannt.

"Lori, mehr Oszillationsschwingungungen!", forderte DeFalco. "Das Warpfeld schwächen, nicht stärken!"

"Ich will nicht zu viel schwächen!", verteidigte sich MacDonnell.

"Lieber zu viel als zu wenig. Warp 8.2, weniger als zwei Minuten bis Sol", gab Hwang bekannt. Das Zittern verstärkte sich, wurde streckenweise unrhythmisch.

"Die Systeme sind verdammt gut", brummte DeFalco während er sich die Grafiken besah.

"Die sind auch von mir", erwiderte Spencer, der nun seinerseits versuchte, die Belastungsgrenze zu einem sanften Kollaps möglichst exakt zu treffen.

"Warp 8.4, jetzt oder nie", flötete Hwang. "Sol-System in Reichweite."

Ein, zwei, drei lange Sekunden blieb alles ruhig, dann erschütterten zwei aufeinanderfolgende harte Schläge das Schiff. Erneute Ruhe folgte.

"Wir haben's geschafft!", rief Hwang glücklich aus. "Wir sind zurück im Normalraum und das keinen Augenblick zu früh... oder zu spät. Eine Punktlandung, Captain."

Spencer atmete tief aus, DeFalco reckte seine linke Faust in die Höhe und ließ einen Freudenschrei ertönen. "Mit anderen Worten: Das war knapp", griff er Hwangs Worte wieder auf.

Spencer blieb nichts anderes übrig, als zuzustimmen.

"Captain!", rief Hellmann plötzlich. "Die Blockaden im Computer sind weg, einige zumindest. Sie waren offensichtlich an ein laufendes Warptriebwerk gebunden. Ich kann die Kommunikation und die Impulskontrolle leicht wiederherstellen."

"Dann tun sie das", beschied ihn Spencer, immer noch mit unüberhörbarer Erleichterung in der Stimme. "Ich bin wieder auf der Brücke."

"Warten Sie! Ich komme mit!", rief Hwang hektisch bittend hinter Spencer her, der beinahe schon durch die breiten Türen des Maschinenraums verschwunden war.

Spencer erlaubte sich den Luxus, kurz innezuhalten, bis seine Navigatorin zu ihm aufgeschlossen hatte.


"Sie kommen genau richtig, Captain", empfing Lemois die beiden auf der Brücke frohlockend. "Die Kommunikation funktioniert wieder und wir empfangen einen Ruf von Utopia Planitia."

"Können Sie ausschließen, dass wir Utopia unsererseits unabsichtlich mit einem Aktiv-Programm verseuchen?"

"Nein", antwortete Lemois rundheraus. "Aber es würde nicht ins System passen, oder?", fragte sie mit einem Lächeln. Hwang nahm wieder Platz an der, wie sie zur Freude feststellte, wieder größtenteils einsatzfähigen Navigationskonsole.

"Wenn Sie das sagen... riskieren wir's", erwiderte Spencer trocken und ließ sich in seinen Sessel fallen. "Auf den Schirm, Mr. Terk."

"Hallo, Captain", grüßte Karaplidis bildschirmfüllend vom Hauptschirm.

"Hallo, Commander", grüßte Spencer in ähnlich neutralem Tonfall zurück, da er ihre momentane Stimmung nicht auf Anhieb einschätzen konnte.

"Sag' mal, habt ihr Probleme mit eurem Antrieb?", fragte sie unverfänglich.

"Wieso?" Spencer erlaubte sich den Spaß, den Unwissenden zu spielen.

"Ich messe merkwürdige Subraumfeldverzerrungen an der Stelle, an der ihr unter Warp gegangen seid."

"Das soll vorkommen bei einem sanften Kollaps des Warpfelds", erwiderte Spencer in vollstem Ernst und zauberte ein mehr oder weniger starkes Lächeln auf das Gesicht der Brückencrew.

Karaplidis machte große, fragende Augen.

"Eine lange Geschichte, Ina. Ich erzähle sie dir später, in Ruhe. Wichtiges jedoch vorweg: Unser aller Computerprobleme sind nicht ohne Sinn und ich beanspruche isolierten Parkorbit über Utopia, bis wir Klarheit über unsere Situation haben. Kein Computerkontakt, du weißt schon."

Sowohl Karaplidis als auch die restliche Brückenbesatzung zeigte mehr als leichtes Erstaunen beziehungsweise Entsetzen über diese erschreckend nüchtern vorgetragene Anweisung von Tragweite. Nur an Lemois' Miene war abzulesen, dass sie in gewisser Weise bereit war, diese Entscheidung zu billigen.

"Und du hast Gründe dafür? Welche?", fragte Karaplidis.

"Nicht über Funk", wehrte Spencer ernst und geheimnisvoll ab. Er brannte darauf, die neu gewonnenen Informationen loszuwerden, doch auch für die notwendige Sicherheit musste gesorgt werden.

"Vielleicht sollte ich an Bord kommen", schlug Karaplidis vor. "In meiner Eigenschaft als momentan Verantwortliche für Utopia, versteht sich."

Es war unübersehbar, dass zwei gegenteilige Meinungen in Spencer miteinander rangen.

Lemois nahm ihm kurz entschlossen die Entscheidung ab. "Ich denke, eine von allem unbelastete Meinung könnte wirklich nicht schaden, Commander." Sie erinnerte sich an den alles andere als angenehmen Verlauf der letzten Konferenz; sie hatte in der Zwischenzeit eingesehen, dass auch sie daran gutes Stück Mitschuld hatte. So etwas musste für die Zukunft in jedem Fall verhindert werden.

Karaplidis richtete einen fragenden Blick auf Spencer, so durchdringend wie er über eine Funkverbindung nunmal möglich war und er nickte still. "Wann sind wir in Transporterreichweite?"

"Kann sich nur noch um Sekunden handeln, Captain", antwortete Hwang, nicht ganz so fröhlich, wie die reinen Worte vermuten ließen. Auch ihr schien zu dämmern, was Spencer und wohl auch Lemois ohne direkte Absprache beabsichtigten. Sie musste unwillkürlich schmunzeln. Die beiden schienen sich doch besser zu verstehen, als sie es merken wollten.

"Okay, Ina. Bring' am besten alles mit, was ihr in den letzten Stunden herausgefunden habt. Es könnte wichtig sein."

"Na klar", versicherte Karaplidis, deren Verwirrung unverhohlen einer wachsenden Neugier gewichen war.

"In Ordnung, Ina. Bis gleich."

"Man sieht sich", verabschiedete sich Karaplidis eilig. "Der Parkorbit geht klar. Ich sende die Koordinaten."

"Ich hab' sie", krähte Hwang, konnte jedoch ihre latent vorhandene Bedrückung nicht völlig verbergen.

"Okay. Spencer Ende." Das Bild auf dem Hauptschirm wurde durch einen langsam größer werdenden Planeten Mars entdeckt, die Station Utopia Planitia im Orbit.

Lemois wandte sich leise an Spencer. "Ich kann mich jetzt auch beherrschen", meinte sie, bezugnehmend auf ihre zurückliegenden Äußerungen.

"Entschuldigung angenommen, Commander", gab Spencer erfreut zurück. "Eine öffentliches Pardon sei Ihnen freigestellt."

"Ich denk' drüber nach", versprach Lemois zögernd.

"Spencer an Hirvonen!" Er wollte den vorhin zu Unrecht (?) verdächtigten Kontaktspezialisten, von dem er seit Giclas kein Sterbenswörtchen mehr gehört hatte, zumindest über die neue Lage in Kenntnis setzen.

"Hirvonen hier", antwortete er, seine Stimme drang zur Hälfte aus Spencers Kommunikator und zur Hälfte aus dem Turbolift. "Ich sehe, wir sind schon wieder daheim."

"Sie sehen richtig, Commander. Haben Sie schon neue Erkenntnisse über den Sender?"

"Nein", gähnte Hirvonen, der den Lift gerade verlassen hatte. "Ich habe bis gerade geschlafen, tief und fest. Weshalb sind wir eigentlich schon da?"

Spencer erklärte es ihm kurz. "Haben Sie die Erschütterungen nicht gespürt?", erkundigte er sich verwundert.

"Nein. Ich habe einen tiefen Schlaf", stellte er ungerührt fest. "Ich werde mich darum kümmern, dass der Sender beziehungsweise seine Einzelteile in unseren Labors ausführlich untersucht werden wird."

"Tut mir leid, Commander. Das wird vorerst nicht möglich sein."

"Warum?", fragte Hirvonen direkt und irritiert, aber trotzdem gelassen.

"Ich will unsere unterwegs aufgetretenen Probleme erst geklärt wissen", informierte ihn Spencer. "Und bevor das nicht geschehen ist, verlässt niemand oder etwas das Schiff."

"Wir sind in Transporterreichweite", gab Terk bekannt. "Commander Karaplidis steht zum Beamen bereit."

13

"Hallo Ina", begrüßte Spencer die soeben materialisierte Karaplidis.

"Na, Andy", meinte sie während sie die Transporterplattform verließ. "Dann weihe mich mal in deine Geheimnisse ein. Meine habe ich dabei." Sie winkte mit einem PZAG.

"Na, dann komm. Im Lageraum wird schon eifrig diskutiert."

Karaplidis tat erstaunt. "In deiner Abwesenheit?"

"Die Abwesenheit eines Vorgesetzten soll inspirierend wirken, habe ich gehört", erwiderte Spencer augenzwinkernd.

"Na, die eigentliche Vorgesetzte ist doch anwesend, oder?", stichelte Karaplidis.

"Hey..." Spencer bedachte sie mit einem sanften Rippenstoß, doch auch der konnte ihr Lächeln nicht aus ihrem Gesicht vertreiben.


Als sie beide im Besprechungsraum eintrafen, schien jede Unterhaltung plötzlich verstummt. "Tun Sie sich keinen Zwang an und reden sie weiter. Wir hören sehr gut zu", brummte Spencer.

Mit einem Blick vergewisserte er sich der vollständigen Anwesenheit aller Führungsoffiziere. Er rechnete es Hwang hoch an, dass sie ihren üblichen Platz zu seiner Linken für Karaplidis freigehalten hatte. Sie beide ließen sich nieder.

Hwang nahm sich die Freiheit, zu berichten. "Wir haben gerade nur ein paar Freundlichkeiten ausgetauscht, um die letzte Konferenz möglichst vergessen zu machen."

"Löblich", urteilte Spencer. Karaplidis fragte sich, was dieser kurz gehaltene Wortwechsel bedeuten sollte, mutmaßte aber, dass es besser sei, es nicht zu wissen.

"Doch trotzdem", begann Spencer erneut, "bevor irgendetwas weiter in diesem Raum besprochen wird, möchte ich Klarheit über eine mögliche Involvierung der Crew in diese Zwischenfälle. Ich hoffe, dieses Mal in einem etwas rationaleren Rahmen."

Nach einigen Sekunden war es Hellmann, der sich zu einer Antwort aufraffte. "Ich habe mir dazu einige Gedanken gemacht, Captain. Für keinen der Vorfälle war eine direkte, aktive Manipulation notwendig, es gibt auch keine Hinweise darauf."

"Außerdem hätten dann jemand sicherstellen können, dass wir dann doch irgendwann unterwegs die Black Sun rufen müssen", fügte Karov hinzu. "Die Vorausberechnungen wäre dann überflüssig gewesen."

"Und was ist mit dem Wurmloch?", fragte Lemois. "Da hätte es ja fast geklappt."

"Das wissen wir auch inzwischen", gab Hellmann bekannt. "Es gibt Restspuren in der Computeraufzeichnung, dass die vorderen Deflektoren zu dieser Zeit in Energie waren. Wahrscheinlich wurde das Wurmloch durch gezielte Deflektoraktivität angeregt. Ich würde nur zu gerne wissen, wie die Impulse aussahen."

"Das wissen wir genau", mischte sich Karaplidis ein.

Spencer und alle übrigen blickten sie fragend an, doch sie wehrte ab. "Ich erzähle gleich, alles."

"Verstehe", nahm Lemois den Faden wieder auf. "Und das war wohl der eigentliche Grund für die Ausschaltung der taktischen Konsole. Niemand sollte merken, dass die Deflektoren ferngesteuert wurden."

"Dann hätten wir alle Merkwürdigkeiten geklärt, oder?", fragte Spencer.

Die folgende, mehrsekündige Stille interpretierte Spencer als ein ,Ja' und fuhr fort, zu Karaplidis gewandt: "Ina, wir haben ein zugrunde liegendes Muster hinter diesen ,Merkwürdigkeiten' entdeckt." Er berichtete ihr das trickreiche Wechselspiel, dass mit den Aufgabenverteilung zwischen der Kennedy, der Black Sun und der Europa gespielt werden sollte.

Karaplidis lauschte den Ausführungen gespannt, stellte die eine oder andere Zwischenfrage und murmelte dann: "Das war verdammt schlau eingefädelt. Wer ist sonst noch informiert?"

"Die Captains der Black Sun und der Europa haben wir natürlich bereits in Kenntnis gesetzt, über eine verschlüsselte Nachricht", fügte Lemois hinzu. "Sie haben allerdings noch nicht geantwortet, dass sie keine Probleme haben."

"Aus gutem Grund", erklärte Karaplidis, trotz allem relativ unbeeindruckt. "Wir auch ein Stück weiter: Morretti ist gefasst und in seinen Dateien fanden wir zum einen detaillierte Sensorenaufzeichnungen über Reaktivierungsversuche eines Wurmlochs, wahrscheinlich des Giclas-Wurmlochs. Die gesamte Astrophysikabteilung der Sternenflottenakademie fährt deswegen heute Frühschicht", begann sie augenzwinkernd.

Spencer und die übrigen konnten sich ein Lachen nicht verkneifen. Gerade die Subraumwissenschaften hatten einige empfindliche Rückschläge in den letzten Monaten hinnehmen müssen und waren dementsprechend froh über ein positives Resultat. Zudem es ihnen praktisch in den Schoß gelegt wurde...

"Die zweite Sache, auf die wir gestoßen waren, war ein Lageplan einer Station des D'Karian-Typs, von denen Raynet die einzige im näheren Umkreis ist. Ich habe die Captains der Raynet-nahen Schiffe, also der Black Sun, der Europa und der Na'bue, informiert. Sie antworten aus dem Grund nicht, weil sie fürchten, dass die Kennedy ein Sicherheitsrisiko darstellen könnte."

"Das tut sie ja nun nicht", brummte Spencer.

"Kann ich ja nicht wissen", entschuldigte sich Karaplidis. "Man ist halt vorsichtig, zumal ihr nicht auf meine Rufe geantwortet habt."

"Wann?", fragte Spencer nachdenklich zurück.

"Sternzeit 21618,021", antwortete Karaplidis.

"Da... waren wir im Orbit um Giclas V", überlegte Spencer.

"Vielleicht eine Fehlfunktion im Subraum-Empfängermodul", überlegte DeFalco. "Das wurde, wenn ich mich nicht sehr täusche, kaum getestet."

"Wie auch immer", beendete Spencer seine offensichtlich fruchtlosen Überlegungen in diese Richtung. "Die Frage ist also: Warum Raynet?"

"Sie haben umfangreiche sicherheitsrelevante Analysedaten in ihren Datenbanken, selbstverständlich geheim. Oder man war an den aktuellen Prototypen interessiert... das würde allerdings nur Sinn machen, wenn die Cardassianer dahintersteckten", antwortete Karaplidis.

"Weil die Klingonen im Moment mehr an einer Politik der Entspannung interessiert sind, die Romulaner sich seit langer Zeit nicht mehr gerührt haben und keine anderen Großmächte da sind, die sich für sowas interessieren könnten", erläuterte Hwang wie im Selbstgespräch.

"Würden die Cardassianer jemanden wie Bonzo Morretti engagieren?", fragte Lemois.

"Sie würden auf jeden Fall subtile Manipulation unserer Computersysteme in Betracht ziehen, anstatt eines simplen Totalausfalls. Sie mögen Spielchen", erwiderte Spencer. "Zu einer endgültigen Antwort werden wir wohl mit unserem Datenmaterial leider nicht gelangen."

"Vielleicht sollten wir eine Falle stellen", überlegte Karov tatendurstig.

Spencer und auch Karaplidis schüttelten den Kopf. "Wir haben nichtmal einen Ansatzpunkt, geschweige denn eine Vorstellung, wer überhaupt Morrettis Hintermänner und -frauen sein könnten. Wir können leider nur warten und hoffen, dass sich etwas Neues ergibt. Die Sternenflotte wird heute eine Untersuchungskommission berufen."

"Dann gib' uns einen neuen Satz Software und ein paar Testflüge, dann sind wir auch schon glücklich", schlug Spencer vor.

"Das lässt sich einrichten...", erwiderte Karaplidis lächelnd.

"Wenn ich damit nicht noch Geistesblitzen ihrerseits im Wege stehe... beende ich hiermit diese Versammlung", schloss Spencer etwas abrupt.

Dieses Mal war es wieder die übliche Geräuschkulisse, die den Aufbruch der neun versammelten Personen markierte, zusätzlich angereichert durch beinahe geflüsterte, wilde Spekulationen über die Verantwortlichen.

Spencer und Karaplidis tauschten einen wissenden nostalgisch angehauchten Blick; mit derartig ungestümer an Einbildung grenzender Phantasie waren sie als junge Offiziere auch gesegnet gewesen... Letztgenannte ließ sich wie selbstverständlich auf dem freien Platz des Missionsbegleiters nieder.

"Einen Vorteil hat die Sache ja...", murmelte Hwang halblaut während sich das Schiff der Werfthalle näherte.

"Welchen?", fragte Spencer wie automatisch.

"Ich wollte immer schon mal ein Schiff vollständig manuell docken. Und im Moment bleibt mir leider nichts anderes übrig..."

Als Spencer sich nicht rührte, wandte sie sich um. "Ein bisschen Freude, Captain...", ermunterte sie ihn in flehendem Ton.

"Noch nicht", erwiderte Spencer hart. "Für mich sind noch immer zu viele Fragen offen."

"Da muss ich Ihnen beipflichten", mischte sich Lemois leise ein. "Aber lachen können Sie doch trotzdem..."

"Verschwörung, wohin man schaut", brummte Spencer ihn ähnlicher Lautstärke zurück, jedoch nicht mehr so ganz verbiestert. Angesichts dessen lehnte sich Lemois mit undurchsichtigem Gesichtsausdruck aber innerem Triumph zurück.

Als sich für einen kurzen Moment Spencers und Karaplidis' Blick trafen, schwenkten sie reflexartig und geradezu erschrocken in die entgegengesetzte Richtung.

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