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Star Trek: Kennedy
3. Angriff und Verteidigung

Version 1.31, 14.12.1999

Korrigiert nach der neuen Rechtschreibung.

© Copyright 1995-99 Andreas Drechsler. Alle Rechte vorbehalten.

Email: ADrechsler@gmx.net

Homepage: http://beam.to/USSKennedy

1

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21198.3, Commander Spencer: [12.03.2344 13:52:02]

Wir befinden uns im Anflug auf Sternenbasis 53. Die Botschafterdelegation wird in zwei Tagen von der Jersey abgeholt und uns erwartet ebenfalls ein neuer Auftrag.

Spencer beendete die Aufzeichnung und nahm einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse, die er neben sich auf einer speziell angebrachten Halterung platziert hatte.

„Wir nähern uns der Sternenbasis!“, meldete Hwang.

„Danke“, sagte Spencer, nachdem er den Schluck Kaffee ausgiebig genossen und hinuntergeschluckt hatte.

Er wollte gerade die Anweisung geben, den Dockvorgang vorzubereiten, als H'Korr meldete: „Sir, wir werden gerufen!“

„Auf den Schirm!“ Admiral Paris erschien auf dem Schirm und Spencer, der gerade einen Versuch unternommen hatte, die Tasse auszutrinken, brach diesen sofort ab.

„Admiral“, begrüßte er Paris vorschriftsmäßig.

„Ah, Commander.“ Er bedachte Spencer kurz mit einem strafenden Blick, da er trotz Spencers Bemühungen, seinen Kaffeekonsum vor ihm zu verbergen, diesen in den letzten Ausläufern mitbekommen hatte.

„Ich habe von ihren Erfolgen im Kaus-System gehört und bin zufrieden“, begann Paris.

„Danke, Sir“, antwortete Spencer.

„Des Weiteren hat sich eine Terminänderung für Sie ergeben“, fuhr er fort. „Die Cousteau ist in den nächsten fünf Tagen für eine Wartungsinspektion vorgesehen.“

„Was ist mit den Transportgütern, die wir von der Jersey übernehmen sollten?“, fragte Spencer, der unterwegs bereits die neuen Einsatzorder erhalten hatte.

„Die Jersey wird sich wegen eines Maschinenproblems verspäten. Benachrichtigen Sie ihre Ingenieursabteilung und docken Sie an Schleuse 3 an“, antwortete Paris in seiner wie üblich kurz angebundenen Art.

„Verstanden, Sir.“ Spencer war erfreut, da die Cousteau schon seit einigen Monaten für eine Überholung vorgesehen war, es aber immer entweder an freien Kapazitäten oder an dringenden Aufträgen gescheitert war.

„Ich erwarte dann ihren Bericht in zwei Stunden. Melden Sie sich dann bei mir. Paris Ende.“ Der Admiral schloss den Kanal.

„Miss Hwang, Sie haben es gehört. Docken an Schleuse 3!“, wiederholte Spencer überflüssigerweise.

Sie nickte und gab den Kurs ein. Nach einigen Minuten meldete sie: „Der Dockvorgang ist abgeschlossen.“

„Also dann!“ Spencer gab den ersehnten Wink an die Brückenoffiziere, dass sie von Bord gehen könnten. Er informierte via Rundruf die restliche Crew und wies Sanchez an, am Ausgang auf ihn zu warten. Zum Schluss informierte er die Botschafter und verließ dann die Brücke, vergaß aber nicht, vorher seine Kaffeetasse zu leeren.

Er traf Sanchez am Durchgang zur Basis zusammen mit den Botschaftern.

Botschafter Saran richtete das Wort an Spencer: „Es war sehr angenehm, mit Ihnen zusammenzuarbeiten, Captain Spencer!“

„Es war mir eine Ehre, Botschafter“, gab Spencer das Kompliment zurück.

Saran erhob seine rechte Hand zum vulkanischen Gruß. „Leben Sie lange und in Frieden, Mr. Spencer.“

Auch Spencer hob seine rechte Hand, allerdings zuckten seine Finger nur. „Verzeihen Sie, Botschafter, wenn ich ihren Gruß nicht erwidere, ich habe ihn noch nie hinbekommen“, gestand Spencer. „Ich wünsche Ihnen ebenfalls ein langes Leben und Frieden, außerdem eine gute Heimreise.“

Saran wandte sich nach einer leichten Verbeugung um und führte seine Delegation gemessenen Schrittes den Korridor entlang.

Nachdem sie hinter der nächsten Biegung verschwunden waren, sprach Spencer Sanchez an: „Wir werden jetzt hier fünf Tage verbringen, in denen die Cousteau für eine Überholung eingeplant ist. Stellen Sie die notwendigen Änderungen nach ‚Unbedingt‘, ‚Erforderlich‘ und ‚Wäre schön, wenn‘ zusammen. Wir treffen uns um 16:00 bei Paris.“

„Ich muss da nicht mehr viel vorbereiten“, murmelte Sanchez. „Ich habe die Liste seit vier Monaten bei mir liegen, seit wir zum ersten Mal für eine Ausbesserung vorgesehen waren. Fünf Tage? Besser als nichts.“

Spencer schmunzelte. „Gut, Mr. Sanchez. Das wäre dann alles.“


Zur verabredeten Zeit fanden sich Spencer und Sanchez vor dem Büro Paris' ein und wurden sofort zum Admiral durchgelassen.

„Guten Tag Commanders. Bitte nehmen sie Platz“, begrüßte sie Paris. Spencer reichte ihm das PZAG mit dem Missionsbericht.

„Danke. Botschafter Saran hat mich über Ihre vorbildlichen Leistungen in Kenntnis gesetzt, Spencer. Gute Arbeit.“ Paris machte die für ihn charakteristische Pause, die er immer dann einlegte, wenn er zwischen einem zurückliegenden und einem neu anstehenden Thema wechselte. „Wo wir gerade bei guter Arbeit sind. Die Regierung von Cygnus hat sich entschlossen, Sie für Ihre Rettungsaktion mit einem Orden zu belohnen. Hier ist der ‚Silberne Halbmond von Cygnus‘, Commander. Herzlichen Glückwunsch!“

Spencer sprang überrascht auf und versuchte einen leisen Pfiff durch die Zähne. „Danke, Sir!“

Paris ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen, stand ebenfalls auf und heftete Spencer den Orden an seine Brust mit den Worten „Danken Sie nicht mir, danken Sie Minister Sydarek.“

Sanchez, der ebenfalls aufgestanden war, klopfte Spencer auf die Schulter. „Das sieht gut aus, Captain“, sagte er und wies auf den Orden.

Spencer winkte ab, setzte sich wieder und gab Sanchez ein Zeichen.

„Sir, ich habe hier die Details für die Überholung vorbereitet.“ Er reichte Paris ein weiteres PZAG.

Dieser überflog die Einträge und meinte dann: „Gut, das werde ich an die zuständige Ingenieurscrew weiterleiten. Sonst noch etwas?“

Spencer und Sanchez verneinten und Paris deutete an, dass sie den Raum verlassen konnten.

Auf dem Korridor sagte Spencer: „Mr. Sanchez, Sie werden die Arbeit der Ingenieure überwachen. Das soll heißen, dass sie Ihre fünf freien Tage genauso genießen sollen, wie alle anderen, nur immer für etwaige Anfragen erreichbar sein sollten. Die Ingenieure werden mit Sicherheit schneller arbeiten, wenn Sie ihnen nicht immer über die Schulter schauen.“

Sanchez nickte. „Alles klar!“ Er machte sich auf den Weg in den großen ‚Gesellschaftsraum‘ der Sternenbasis.

Spencer verharrte kurz unschlüssig und schritt dann zum nächstgelegenen Computerterminal. „Computer: Nehme Zugriff auf die Speicher der Cousteau und vergleiche den Inhalt der Datei Spencer-A1537 mit der Anwesenheitsliste der Station!“

Der Computer summte kurz und antwortete: „Es gibt keine Entsprechung!“

„Dann nicht, Computer“, sagte Spencer. Er hatte den Computer gerade überprüfen lassen, ob sich einer seiner regelmäßigen Schachpartner zufällig auf der Station befand, denn bei fünf Tagen Aufenthalt hätte man zumindest einige Partien spielen können. Doch die Antwort des Computers machte diese Hoffnung zunichte.

Stattdessen machte er sich nun auf den Weg zu seiner Kabine auf der Cousteau, um dort allein einige Schachstudien zu treiben.


Spencer saß in seinem Quartier und ließ seine Gedanken um eine mögliche Fortsetzung des aggressiven Richter-Angriffs der Sizilianischen Verteidigung kreisen, den er vor sich auf seinem elektronischen Schachbrett sah. Bei seinem letzten Turnier hatte er gleich zwei Partien in dieser Eröffnung verloren, für das nächste wollte er ein derartiges Vorkommnis vermeiden. Plötzlich summte der Türmelder und er sah auf: „Herein bitte!“

Lt. H'Korr trat ein und fragte: „Störe ich, Captain? Ich würde Sie gerne kurz sprechen.“

„Aber natürlich“, antwortete Spencer und bot ihr einen Platz an. „Was gibt's denn?“

„Sir, ich...“ Sie sah zu Boden und fuhr dann fort: „Ich möchte um meine Versetzung bitten.“

Spencer blickte erstaunt auf und fragte sie: „Versetzung? Warum, wenn ich fragen darf?“

H'Korr zögerte einen Augenblick. „Darf ich offen sprechen, Sir?“

„Ich bitte darum.“

„Nun, Sir, um ehrlich zu sein, ich fühle mich auf der Cousteau nicht genug gefordert und habe ein Angebot, auf der Ambassador als Linguistikspezialistin anzufangen. Und...“ Sie stockte wieder.

„Schon gut. Ich weiß Bescheid. Sie können mehr als nur Kontrollschalter bedienen und ,Kanal offen!‘ sagen“, sagte Spencer und nickte. „Wenn ich Ersatz für Sie bekommen habe, werde ich Ihrem Antrag mit einer Empfehlung zustimmen.“

Sie stand überrascht auf, sie hatte nicht erwartet, dass ihr Gespräch mit Spencer so reibungslos laufen würde. „Vielen Dank, Sir!“

„Ich will Ihrer Karriere nicht im Weg stehen, Lieutenant. Und die Cousteau ist zugegebenermaßen nicht gerade ein Karrieresprungbrett“, brummte Spencer.

H'Korr neigte ein wenig den Kopf, sie war sich nicht sicher, ob er darauf eine verbale Reaktion ihrerseits erwarten würde oder nicht. Nach einigen Sekunden verließ sie, ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, Spencers Kabine.

Spencer ließ sich wieder in seinen Lieblingssessel fallen und dachte kurz nach. Dann öffnete er einen Kommunikationskanal.

„Commander Spencer an Admiral Paris!“

„Paris hier. Commander?“

„Störe ich Sie im Moment, Sir?“

„Nein, nicht besonders. Worum geht es?“

„Mein 1. Kommunikationsoffizier hat ihre Versetzung beantragt, ihr zufolge hat sie ein Angebot von der Ambassador vorliegen.“

„Und?“

„Nun, ich habe vor, ihrem Antrag zu entsprechen und dann brauche ich, wie es immer so schön heißt, ‚Ersatz‘.“

Paris warf einen kurzen Blick auf seine Computerkonsolen. „Im Moment steht niemand zur Verfügung. Aber ich werde mich darum kümmern“, versicherte er.

„Vielen Dank, Sir.“

Paris trennte die Verbindung. Spencer hoffte, dass die Versetzungsabsicht H'Korrs die einzige schlechte Nachricht für die nächsten fünf Tage bliebe.

2

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21211.4, Commander Spencer: [17.03.2344 08:56:15]

Die Kurzrenovierung des Schiffes ist abgeschlossen und die dringendsten Arbeiten sind Chefingenieur Sanchez zufolge zufrieden stellend erledigt worden. Wir haben Transportgüter für Coltar IV von der Jersey übernommen und werden auf dem Weg dahin Gasanomalien im Menkent-System untersuchen.

Spencer ließ sich im Kommandosessel nieder und fragte: „Wie sieht's denn mit der Verbindung der beiden Aufträge aus?“

„Gut, Sir. Wir müssen nur einen kleinen Umweg machen, um das Menkent-System anzufliegen“, antwortete Hwang nach einem Blick auf ihren Navigationscomputer.

„Danke. Miss Hwang. Wir haben Startfreigabe, also bringen Sie uns aus dem Dock.“

„Aye, Sir. Ich löse die Andockklammern. Wir verlassen Sternenbasis 53 mit Manöverdüsen“, kommentierte Hwang, während sie auf ihrem Pult die notwendigen Tasten berührte.

Kurze Zeit später meldete sie, dass sie für Warpgeschwindigkeit bereit wären.

„Dann setzen Sie Kurs aufs Menkent-System mit Warp 5!“

„Kurs ist gesetzt. Wir werden voraussichtlich in drei Tagen und zwei Stunden ankommen.“

„Energie!“, sagte Spencer und die Cousteau verließ den Normalraum, um im Subraum auf vielfache Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen, auf das 214fache, um genau zu sein.

„Wir sollten die Splendor kontaktieren, um ihre Sensorenwerte zum Vergleich zu nehmen“, sagte Spencer nach kurzer Zeit unvermittelt. „Lt. H'Korr?“

„Ich suche sie und nehme Kontakt auf“, reagierte sie.

„Danke.“

„Ich habe die Splendor erreicht“, meldete sie nach kurzer Zeit Erfolg.

„Auf den Schirm!“

Wieder erschien das Bild Captain O'Malleys auf dem Hauptschirm.

„Captain Spencer? Was wünschen Sie?“

„Captain O'Malley, wie ich hörte, mussten Sie Ihre Untersuchungen im Menkent-System abbrechen. Wir sollen sie fortführen und hätten dazu gerne Ihre Sensordaten zu Vergleichszwecken.“

O'Malley drehte sich um und gab seinem Kommunikationsoffizier Anweisungen. „Wir übermitteln die Daten. Und legen Sie die Sensorenwerte bitte nicht auf die Goldwaage. Wir hatten da bis zum Schluss einige Kalibrierungsprobleme. Haben Sie die Daten, Captain?“

Spencer drehte sich um und H'Korr nickte.

„Ja, haben wir. Vielen Dank, Captain“, antwortete Spencer.

„Keine Ursache. O'Malley Ende!“

Das Bild der Brücke der Splendor wurde wieder durch die ‚Warpsterne‘ ersetzt. Spencer freute sich auf einen ruhigen Flug.


Am übernächsten Tag hatte Thola wie immer das Kommando während der Tagschicht auf der Brücke, als plötzlich ein Signal an der Kommunikationskonsole ertönte. H'Korr bestätigte und es erschien das Bild eines sorgenvoll dreinblickenden Admiral Paris auf dem Hauptschirm: „Achtung! Hier spricht der Sektorkommandant der Sternenflotte, Admiral Paris, Sternenbasis 53. Dies ist eine allgemeine Warnung an alle Schiffe in den angrenzenden Sektoren. Die Anzeichen für einen bevorstehenden, großangelegten Angriff der Cardassianer mehren sich, wir haben allerdings keine Beweise. Es herrscht ab sofort allgemeiner Alarmzustand Stufe Gelb für alle Sternenflottenschiffe, bis Sie gegenteilige Anweisungen erhalten. Sie werden angewiesen, ihre Augen und Sensoren offenzuhalten und sofort Meldung zu machen, wenn Ihnen etwas Verdächtiges auffällt. Seien sie vorsichtig und halten sie sich kampfbereit! Paris Ende!“

Thola beauftragte H'Korr, den Kanal zu schließen und die Bestätigung, dass sie die Nachricht empfangen und verstanden hätten, hinauszuschicken. Dann rief er Spencer auf die Brücke und wies H'Korr an, die Nachricht zu wiederholen.

„Also gut“, meinte Spencer mit erhobener Stimme, nachdem die Wiederholung der Ansprache Paris' beendet war. Er gab Thola durch eine deutliche Geste zu verstehen, dass er jetzt gerne im Kommandosessel Platz nehmen würde. „Geben Sie Alarmstufe Gelb, schalten Sie die Langstreckensensoren auf Maximum und lassen Sie Coreman einen Teil der Wissenschaftsstation zur taktischen Konsole umrüsten. Diese hat während aller Schichten bemannt zu sein, damit wir auf jeden Fall vorbereitet sind. Und holen Sie mich sofort, wenn sich etwas tut oder auch nur zu tun scheint. Alles klar?“

„Ja, Sir!“ Thola und die übrige Brückenbesatzung nickte.

Spencer beorderte Coreman auf die Brücke und erklärte ihm das Notwendige.

„Wir werden vorbereitet sein, Sir“, versicherte dieser gelassen.

Während er mit der Rekonfiguration der wissenschaftlichen Konsole beschäftigt war, wandte er sich nochmals an Spencer.

„Captain, ich schlage vor, Kampfsimulationen durchzuführen“, sagte er in einem Tonfall, als wäre es das Natürlichste der Welt. Für ihn als altgedienten Sicherheitsoffizier war es das wahrscheinlich auch, für Spencer dagegen weniger.

Spencer stand auf und begab sich zu Coreman ans untere Ende des Viertelkreises, den die Wissenschaftsstation bildete. „Halten Sie das wirklich für nötig? Glauben Sie denn, dass wir in Gefechte verwickelt werden? Wir sind nur ein kleines Forschungsschiff und...“

„Eben drum“, meinte Coreman. „Wir haben nicht viel zu bieten, aber wir müssen das Schiff im Gefahrenfalle ausreizen können. Sagen Sie Captain, wie lange liegt Ihr letztes Weltraumgefecht zurück?“

Spencer überlegte: „Das war noch auf der Enterprise. Mindestens zwei Jahre.“

„Na sehen Sie. Wie alle hier könnten Sie etwas Training gebrauchen“, meinte Coreman augenzwinkernd.

„Gut. Wann könnten Sie uns dann einige Simulationsprogramme einspeisen?“, fragte Spencer, nun mit einer Spur Besorgnis in der Stimme.

„In wenigen Stunden. Ich weiß im Moment nicht, ob der Simulationsmodus des Hauptcomputers schon darauf eingerichtet ist.“

„Dann tun Sie das. Und servieren Sie bitte ein paar einfache zuerst. Wir brauchen dringend Grundlagenunterricht“, brummte er, verließ wieder die Brücke und gab damit wortlos Thola das Kommando zurück. Dann fuhr er in den Maschinenraum, um sich persönlich davon zu überzeugen, dass alles den Vorschriften für Alarmstufe Gelb entsprechend vorbereitet war. Er fand Sanchez rasch.

„Es gibt keine Probleme.“ Sanchez klang souverän wie immer. „Wir führen gerade umfangreiche Tests und Diagnosen an den Schilden, Waffensystemen und den Energieverteilern durch und wechseln einige Teile aus. Sowohl bei den Phasersystemen als auch bei den Photonentorpedos haben wir ältere Bauteile gefunden, die wir vorsichtshalber ersetzen werden. Es ist wohl schon eine Weile her, dass dieses Schiff zum letzten Mal auf volle Gefechtsbereitschaft getrimmt wurde.“

„Wieso sind Ihnen diese Teile vorher nicht aufgefallen? Zum Beispiel bei der Überholung?“, fragte Spencer kritisch.

„Erstens waren dringendere Änderungen notwendig, zweitens funktionieren diese Teile noch und drittens waren die Systeme bisher nie defekt, als dass sie eine größere Überholung rechtfertigen würden“, zählte Sanchez selbstbewusst auf.

„Wann können Sie volle Gefechtsbereitschaft melden?“

„Nun, ich habe im Moment alle Ingenieurteams im Einsatz, inklusive der Transportertechniker.“ Sanchez überlegte einen Augenblick. „Wir sollten in zwei Stunden soweit sein, wenn es keine Probleme gibt.“

„Gut, danke, Mr. Sanchez. Machen Sie weiter!“

„Aye, Sir.“

Spencer verließ den Maschinenraum, ging zurück in seine Kabine und schaute melancholisch aus dem Fenster. Er erinnerte sich an einige Worte Sanchez‘.

„Computer! Wurde die Cousteau jemals in Gefechte verwickelt und wenn ja, wann?“, fragte er den Schiffscomputer.

Dieser gab einige summende Geräusche von sich und antwortete dann: „Die U.S.S. Cousteau wurde einmal in ein kleines Gefecht mit einem gekaperten Frachtschiff zu Sternzeit 8434,2 alter Zeit verwickelt und nahm an einer Simulation zu Sternzeit 10432,8 teil. Keine weiteren Berichte über sonstige Zwischenfälle.“

‚An einer Simulation? Als was? Als Übungsziel?‘, gingen Spencer spontan drei Fragen durch den Kopf: „Danke, Computer.“

Er rechnete die Daten schnell um: ‚Die Simulation war 2333, vor elf Jahren, als ich gerade auf die Enterprise versetzt worden war und das Gefecht 2287, wo ich nicht mal geboren war. Hm... Und Raumkampf war noch nie meine Stärke...‘

Er musste daran denken, wie er bei den Tests auf der Akademie einige Schiffe in Kampfsimulationen ‚verschrottet‘ hatte, obwohl die Aufgabe eigentlich nicht so schwer gewesen war und viele seiner Kameraden auch keine großen Probleme gehabt hatten. Seine Schwäche in dieser Disziplin hatte damals zu deutlichen Punktverlusten bei der Bewertung seiner Kommandobefähigung geführt.

Das plötzliche Zurückerinnern an diese Ereignisse vermochte sein momentanes Selbstwertgefühl nicht gerade zu steigern. Er verspürte das Bedürfnis, seine Gedanken mitzuteilen, sein Finger schwebten über dem Aktivierungsknopf für sein persönliches Logbuch, er wusste jedoch nicht einmal, wie er beginnen sollte. Zwei Sekunden später ließ er seine Hand wieder kraftlos fallen und verwarf die Idee des Logbucheintrags.

Nachdem er einige Sekunden unbeweglich verharrt hatte, aktivierte er unwillkürlich sein direkt mit dem Hauptcomputer verbundenes, elektronisches Schachbrett, die mit Miniaturmotoren ausgestatteten Schachfiguren nahmen automatisch die Ausgangsstellung ein. Er entschloss sich in diesem Moment, eine Partie Schach mit dem Schiffscomputer zu spielen, ob zur Entspannung oder zur Ablenkung, konnte er nicht sagen.

Er war einer der wenigen, die immer noch zweidimensionales Schach dem dreidimensionalen vorzogen. Er spielte regelmäßig mit einigen anderen Sternenflottenangehörigen Fernschach via Subraumradio (das Hauptargument den 3D-Schach-Anhängern gegenüber war, dass man nur vier Zahlen zu übermitteln brauchte). Im Moment stand für ihn jedoch kein Partner zur Verfügung, es war keiner in den angrenzenden Sektoren im Dienst.

Er hatte den Computer im Moment darauf programmiert, verstärkt gegen ihn die Sizilianische zu spielen und dieses Mal versuchte er seiner üblichen Gewohnheit entgegen mit den weißen Steinen im Sinne des Richter-Angriffs auf scharfe Konfrontation zu spielen. Er musste jedoch schon nach dem fünfzehnten Zug feststellen, dass seine Gedanken anscheinend woanders weilten, da er bereits neben einem Bauern, den er bewusst geopfert hatte, auch noch den unplanmäßigen Verlust zweier weiterer Bauern zu beklagen hatte.

Er gab das Spiel verärgert auf und drehte seinen Sessel in Richtung des Fensters und hoffte, durch gedankliche Versenkung in die vorbeiflitzenden Leuchtpunkte, die mit der allgegenwärtigen Schwärze des Weltraums kontrastierten, die notwendige Entspannung und Ruhe zu finden, die er benötigen würde, um sein Wissen über die gängigsten Kampfmanöver wieder aufzufrischen.

3

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21220.1, Commander Spencer: [20.03.2344 13:21:30]

Wir sind im Menkent-System angekommen und führen die von der Splendor begonnenen Untersuchungen fort. Aufgrund von sektorweiter Alarmstufe Gelb werden wir bald auf Empfehlung meines Sicherheitschefs Gefechtsübungen durchführen.

„Verlagsamen Sie auf Impulskraft und nehmen Sie eine Position oberhalb der Sonne relativ zur Standard-Ekliptikebene ein, um einen größtmöglichen Abtastradius zu erreichen“, war Spencers erstes Kommando nach Beendigung des Logbucheintrags. Auf diese Idee war er allerdings nicht selbst gekommen, er folgte einer Empfehlung Tholas.

Hwang bestätigte und Thola begann eine umfassende Sensorenanalyse des Systems.

„Ich werde Hellmann zu meiner Unterstützung auf die Brücke holen“, kündigte Thola an, der bei größeren Untersuchungen für gewöhnlich die Teamarbeit vorzog. Er ließ die üblichen Analyseroutinen des Computers ablaufen und konnte danach nur bekannt geben: „Erste Sensorenanalyse beendet und nichts Besonderes gefunden.“

„Vergleichen Sie das Ergebnis auch mit den Aufzeichnungen der Splendor. Haben Sie schon eine Ursache für unser Phänomen?“ fragte Spencer.

„Im Moment nicht, Sir.“

„Andere Phänomene vielleicht?“

Hellmann trat gerade auf die Brücke, nahm auf dem zweiten Stuhl an der Wissenschaftskonsole Platz und begann, Thola bei seinen Analysen zu helfen.

Thola warf einen kurzen Blick auf die Anzeigen und antwortete: „Menkent XI ist ein Planet der Klasse T. Ein Gasriese, der regelmäßig kleinere Mengen inerter Gase durch die Anziehungskraft von Menkent X, einem sehr großen Planeten der Klasse B, verliert. Beide Planeten bewegen sich im Moment nahezu synchron.“

„Elf!“, war ein erstaunter Ausruf Hwangs. „Dieses System hat elf Planeten?“

Thola, der gerade die Gaszusammensetzung analysierte, überhörte die Frage, doch Hellmann antwortete Hwang: „Ja. Menkent gehört zu den zehn Systemen mit der größten Zahl an Planeten.“

„Und was ist der Rekordhalter?“, erkundigte sich Hwang weiter neugierig.

„Meines Wissens das Panhelios-System im Beta-Quadranten. Es besitzt neunzehn Planeten, einen Haufen Asteroiden, allerdings keinen Planeten der Klasse M“, antwortete Hellmann.

„Panhelios? Panhelios? Ist da nicht eine Raumkampfsimulation auf der Akademie? Ich kann mich da an irgendwas erinnern. Mit Shuttles, glaube ich“, sagte Coremans Stellvertreter Xuma halblaut vor sich hin, der gerade einige Subsysteme an der provisorischen taktischen Station prüfte.

Spencer drehte sich nach rechts, hob in nahezu perfekter vulkanischer Weise eine Augenbraue und fragte: „Faszinierend. Was ist denn nun mit dem Gas?“ ohne dabei eine Miene zu verziehen.

Hwang, die direkt neben ihm saß und die Gelegenheit hatte, Spencers Imitation aus nächster Nähe zu beobachten, lächelte breit und auch Hellmann und Xuma grinsten.

Thola jedoch, der Spencers Imitation nicht mitbekommen hatte, führte, ohne es zu wollen, den vulkanischen Faden Spencers weiter, indem er mit ruhiger Stimme seine Analyse präsentierte: „Die Zusammensetzung der Wolke, auf die wir gestoßen waren, entspräche in etwa der Zusammensetzung von Menkent XI.“

„Die Gaswolke stammt also wahrscheinlich von diesem Gasriesen, was allerdings noch nicht erklärt, woher sie ihren Warpantrieb hat, nicht wahr?“

„Das müssen wir erst noch analysieren, Sir“, meinte Hellmann.

„Na dann analysieren Sie mal schön“, gab Spencer leicht gelangweilt von sich. „Ich bin offen für jede Art der Spekulation.“ Er drehte sich wieder nach vorne und lehnte sich zurück.

Nach einer kurzen Zeit, in der die melodischen Rückmeldungen der wissenschaftlichen Computerkonsole die Analysen Tholas und Hellmanns begleiteten, trat Coreman auf die Brücke und ging auf Spencer zu. „Ich habe einige Kampfsimulationen mit einigen cardassianischen Schiffen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden ausgesucht. Von leichtverdaulich bis unmöglich, Sir.“

„Geben Sie die Programme ein. Um 16.00 Uhr gibt's die erste Lektion.“ Spencers Laune, die bis eben überdurchschnittlich gut war, erfuhr einen kräftigen Dämpfer.

„Aye, Sir!“ Coreman setzte sich an Terminal II, um die Simulationsprogramme vorzubereiten.

Thola schien etwas gefunden zu haben, denn er besprach sich leise mit Hellmann. Dieser nickte mehrmals, Thola sprach daraufhin Spencer an: „Sir, wir registrieren hier eine Art Subraumfluktuation.“

„Auf den Schirm!“

Das Bild der Sterne auf dem Hauptschirm flackerte, veränderte sich, doch es war nichts Ungewöhnliches zu erkennen.

„Vergrößern!“, versuchte Spencer weiter sein Glück.

„Sir, da ist nichts, was wir sehen können. Ich erhalte nur Messwerte, das da etwas sein muss, jedoch nicht, was es ist“, meinte Hellmann.

„Warum?“, richtete Spencer seinen fragenden Blick auf Hellmann, der mit den Schultern zuckte.

„Die Instrumente zeigen nur negative Reaktionen“, antwortete er.

„Also ist da jetzt etwas oder ist da nichts?“

Thola mischte sich ein: „Da ist mit Sicherheit nicht nichts.“

„Hä?“ Das war alles, was Spencer hervorbringen konnte.

„Die Instrumente reagieren auf etwas, jedoch gibt es keinerlei positive Werte dieses Objekts“, versuchte sich Thola weiter, nach einigen Sekunden Bedenkzeit.

„Und?“ Spencer war sich über die Bedeutung der Aussagen seiner Wissenschaftsoffiziere noch immer nicht im Klaren.

Hellmann versuchte jetzt sein Glück: „Im normalen Weltraum ist nichts, dann reagieren die Instrumente auch nicht. Hier jedoch reagieren sie, zeigen aber nur an, was es nicht ist.“ Er schien im Nachhinein auch nicht sehr zufrieden mit seiner Erklärung.

„Kein Wunder, dass die Splendor sich über eine Sensorenfehlfunktion beschwert hat“, seufzte Hwang.

Spencer atmete tief durch und begab sich zur Wissenschaftskonsole.

„Mr. Thola, Mr. Hellmann“, er sah die beiden dabei nacheinander an, „ich würde gerne wissen, was da ist, nicht, was da nicht ist.“ Er verdrehte die Augen und seufzte, als er merkte, dass er inzwischen genauso redete, wie seine beiden Wissenschaftsoffiziere. Er schob nach: „Oder anders formuliert: Was ist da?“

Die Brücke war nahezu still. Thola und Hellmann schauten kurz auf ihre Konsole mit den Sensorenmesswerten, dann sagte Hellmann mit dem Anflug eines Lächelns: „Laut den Instrumenten, Sir: Nichts.“

Leises Gekicher im Hintergrund deutete an, dass Hellmanns Witz zumindest bei Hwang Anklang gefunden hatte, auch Xuma musste sich sichtlich beherrschen. Spencer warf Hellmann einen ärgerlichen Blick zu, widerstand aber dem Impuls, einen tiefen, lauten und ärgerlichen Seufzer abzulassen.

„Und wie würden Sie das Vorhandensein von Nichts da erklären? Vor allem, wenn das Nichts im Subraum ist?“ Er richtete einen warnenden Blick auf Hellmann, damit dieser nicht etwa wieder eine so konstruktive Antwort gäbe.

Hellmann brummte ein: „Es könnte natürlich...“, verstummte dann aber wieder.

„Ja?“

„Den Messwerten zufolge besteht die Möglichkeit, dass wir hier auf ein Schwarzes Loch gestoßen sind.“

„Aber Christoph!“, rief Thola. „Wenn das ein Schwarzes Loch wäre, dann wären wir alle weg. Das gesamte Planetensystem.“

„Nicht unbedingt.“ Hellmann war sich jetzt seiner Sache relativ sicher. „Schwarze Löcher verschlucken deswegen alles, weil sie ein riesiges Schwerefeld besitzen, dass alles aufsaugt, von den Strahlenemissionen mal abgesehen. Die Stärke des Schwerefelds steigt mit der Größe des Schwarzen Loches. Gesetzt der Fall, wir haben hier wirklich ein Schwarzes Loch, dann muss es extrem klein sein. Wir haben es ja nicht mal auf den Sensoren.“

„Zumindest jetzt nicht. Schalten Sie volle Energie auf die Sensoren. Maximale Auflösung“, ordnete Thola an und beide Wissenschaftsoffiziere begannen eifrig, an ihrer Konsole zu arbeiten.

Spencer nutzte die Zeit, um sich bei Coreman über den Stand der Simulationen zu erkundigen.

„Ich bin soweit, Sir. Es kann losgehen.“

„Sehr gut. Auf dem Rückflug beginnen wir dann mit der ersten Simulation. Und ganz einfach bitte für den Anfang.“

„OK, Sir.“

Spencer erinnerte sich auf dem Rückweg in seinen Kommandosessel daran, wie er sich am letzten Abend sich in der Schiffsdatenbank über die gängigsten Manöver informiert hatte. Sehr viel hatte er nicht behalten, aber er war schließlich, seitdem die Enterprise-B außer Dienst gestellt war, nicht mehr auch nur in die Nähe eines Raumkampfes geraten.

Er wurde bei diesem Gedankengang unterbrochen, als Thola und Hellmann nahezu gleichzeitig ausriefen: „Wir haben es, Sir!“ und Thola fügte hinzu: „Es ist nur wenige Ängström groß. So ein winziges Schwarzes Loch habe ich noch nie gesehen. Mir ist jetzt auch klar, wie die Gaswolke, der wir unlängst begegnet waren, Überlichtgeschwindigkeit erlangt haben kann.“

„Und wie?“ Spencer ahnte es, wollte aber volle Gewissheit.

Thola begann mit seiner Erklärung: „Wenn eine Gaswolke bei ihrer Abtrennung vom elften Planeten in die Nähe des Schwarzen Loches gerät, wird sie naturgemäß angezogen. Ein kleiner Teil von ihr wird wahrscheinlich im Schwarzen Loch verschwinden, der übrige Teil der Wolke wird jedoch stark beschleunigt durch die immensen Gravitationskräfte in der Nähe des Zentrums. Ein großer Teil wird in den Subraum gezogen und dadurch auf Überlichtgeschwindigkeit gebracht. Oder umgekehrt. Es könnte...“

Spencer hob die Hand: „Danke, ich weiß es jetzt ungefähr. Die genauen Einzelheiten werde ich Ihrem Bericht entnehmen und in meinen einpflanzen, ohne mir jedoch jemals sicher zu sein, was da dann eigentlich drinsteht.“ Er grinste und fragte: „Sind Sie sich sicher?“

„Ja, Sir. Ich habe berechnet, dass in wenigen Minuten der Zyklus wieder soweit ist, dass Menkent XI wieder etwas Gas verliert. Dann können wir es sehen“, sagte Thola.

„Also gut. Legen Sie das Schwarze Loch in angemessener Vergrößerung auf den Schirm.“

Thola betätigte die entsprechenden Regler und sie warteten.

Nach einigen Minuten war es soweit, dass Menkent X einen kleinen Teil von Menkent XI abtrennte und dass dieser Teil dann als Gaswolke durch den Weltraum driftete, die von dem Schwarzen Loch in Miniaturgröße angezogen wurde.

Der Brückenbesatzung wurde ein kleines Schauspiel geboten. Langsam glitt die Wolke auf das Schwarze Loch zu, wurde immer schneller und schneller, bis sie schließlich verschwand.

„Analyse?“, fragte Spencer.

„Unsere Annahme hat sich bestätigt, Sir. Die Wolke hat noch etwa 95% ihres Volumens und fliegt mit einer Geschwindigkeit von Warp 1.08. Der Geschwindigkeitsverlust im Vergleich zu der Wolke, die wir getroffen hatten, wird durch die größere Entfernung der beiden Planeten von dem Schwarzen Loch verursacht“, berichtete Thola und Hellmann ergänzte die Analyse: „Das ganze Phänomen wird zyklisch auftreten und zwar für etwa 40 Sterntage ungefähr alle 2300 Sterntage.“

Spencer antwortete: „Gut. Dann hätten wir ja dieses kleine Rätsel gelöst. Vermerken Sie das Phänomen in der Datenbank und das Schwarze Loch in der Sternenkarte. Haben Sie noch offene Fragen?“ Er sich zu Thola und Hellmann umdrehte, welche beide den Kopf schüttelten.

„Sehr gut. Wir verlassen das System mit voller Impulskraft, nehmen Kurs auf Coltar IV und beginnen mit der ersten Gefechtsübung. Mr. Coreman, nehmen Sie ihren Platz ein und geben Sie simulierte Alarmstufe Rot. Miss Hwang, Mr. Coreman wird sich ab jetzt um Schilde und Waffen kümmern. Mr. Xuma: Sie werden der nächste sein, also passen Sie gut auf.“

Hwang bestätigte und deaktivierte einen Teil ihrer Konsole, Hellmann erhob sich und verließ die Brücke. Xuma räumte seinen Platz für Coreman, hielt sich aber im Hintergrund, um Coreman bei der Arbeit zu beobachten und von ihm noch etwas zu lernen.

„Maschinenraum!“, rief Spencer durch das Intercom.

„Hier Sanchez. Gefechtsübung, Sir?“ Coreman hatte offensichtlich die Information bereits durchgegeben.

„Allerdings. Alles fertig?“

„Alles fertig. Keine Probleme, Sir!“

„Danke.“ Spencer schloss die Verbindung.

„Was melden denn die Sensoren?“, fragte er Thola mit einem leicht ironischen Unterton.

„Die Sensoren melden einen simulierten Transportkonvoi der Cardassianer. Leichte Bewaffnung. Keine Eskorte.“

„Danke, Mr. Thola, Vielen Dank, Mr. Coreman“, richtete Spencer seinen übliches ‚Danke‘ an Thola für die Sensorenwerte, die vom Programm eingespeist wurden und ‚vielen Dank‘ an Coreman, der dieses einfache Szenario für den Anfang ausgewählt hatte.

„Schilde hoch, Waffen aktivieren und auf Abfangkurs gehen!“ Spencer versuchte sich wengistens hier entschlossen zu zeigen, auch wenn es ihm bei seinen bisherigen Raumkämpfen, real oder simuliert, nur selten gelungen war.

„Aye, Sir!“, reagierten Hwang und Coreman.

Die Übung begann...

4

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21220.6, Commander Spencer: [20.03.2344 17:45:01]

Das Rätsel im Menkent-System ist gelöst, ein extrem kleines Schwarzes Loch sorgt dafür, dass einzelne Gaswolken, welche vom elften Planeten abgetrennt werden, in den Subraum gelangen und deswegen mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen können. Einzelheiten folgen. Die erste Kampfsimulation ist beendet, wir haben uns warmgeschossen. Auf dem Weg nach Coltar IV werden weitere folgen, mit hoffentlich zufrieden stellenden Ergebnissen.

Spencer saß entspannt in seinem Kommandosessel und sah den detaillierten Bericht Coremans über das erste Scheingefecht durch, nachdem er ihn vor dem Logbucheintrag bereits überflogen hatte. Dem Bericht zufolge hatte die Cousteau den Konvoi zwar kampfunfähig geschossen, jedoch dabei einige direkte Treffer auf die Maschinensektion hinnehmen müssen. Spencer schien nicht allzu zufrieden.

„Wir werden jetzt die zweite Simulation durchführen. Mr. Xuma, Sie werden die taktische Station übernehmen“, ordnete Spencer an.

Coreman hatte darum gebeten, dass sein junger, noch nicht sehr kampferfahrener Stellvertreter Praxis bekommen sollte und dazu bot sich am besten bei Simulationen Gelegenheit. Coreman selbst hatte schon einige, nicht nur simulierte Gefechte hinter sich und sogar in einer schwierigen Situation ein bekanntes Raumschiffmanöver verbessert und erfolgreich angewandt.

„Ja, Sir“, bestätigte Xuma und Coreman erhob sich, um ihm seinen Platz an der behelfsmäßigen taktischen Konsole zu überlassen.

„Bereit?“, fragte Spencer und Coreman antwortete: „Ich lade das zweite Simulationsszenario.“ Er setzte sich an Terminal II, um das Simulationsprogramm in den Hauptcomputer einzugeben. „Bereit!“ sagte er dann.

„Eingeben!“

„Sensoren melden einen kleinen cardassianischen Kreuzer“, meldete Thola. „Er nähert sich auf einem Abfangkurs.“

„Alarmstufe Rot, Schilde hoch, Waffen laden!“, ordnete Spencer wiederum an und fügte nach kurzer Überlegung hinzu: „Ausweichmanöver Muster Alpha!“

„Sie nähern sich, Entfernung 80.000 km“, meldete Thola.

„Wir wollen Sie mal ein wenig überraschen!“, entschied sich Spencer. „Feuern Sie mal die Phaser ab, um ihre Schildgeneratoren zu testen. Danach abdrehen und Anpirschen!“

„Phaser abgefeuert, ihre Schilde halten“, meldete Xuma. „Sie feuern ebenfalls, unsere Schilde auf 90%“, fuhr er fort.

„Feuern volle Breitseite auf...“, begann Spencer, doch ein erschreckter Ausruf Tholas unterbrach ihn: „Sir! Wir haben ein unidentifiziertes Schiff auf den Langstreckensensoren, allem Anschein nach cardassianisch!“

„Simulation sofort beenden und auf Wirkliche Alarmstufe Rot gehen!“ Spencer erhob seine Stimme kaum merklich. „Voller Sensorenscan: Wer ist das?“ Im Gegensatz zu seiner Stimme erhob er sich selbst jetzt merklich von seinem Platz.

„Es könnte ein Spürschiff der Cardassianer sein, vielleicht ähnlich dem in der Simulation. Wir sind aber noch zu weit weg, um...“, sagte Thola, doch Spencer unterbrach ihn: „Das ist kein Simulationsfehler?“ Die Frage war an die Adresse Coremans gerichtet, Xuma war ebenfalls angesprochen.

„Nein, Sir. Die Simulation ist vollständig deaktiviert und die taktische Konsole ist jetzt auf echten Betrieb geschaltet“, antwortete Xuma.

„Ich habe jetzt eine eindeutige Bestätigung, Sir! Es sind wirklich Cardassianer. Ich konnte sie an ihrer Hüllenzusammensetzung identifizieren. Und Sir, sie ändern ihren Kurs!“, meldete Thola.

Spencer brauchte nicht zu fragen, inwiefern das andere Schiff den Kurs änderte. Er aktivierte das Intercom: „Alle auf Gefechtsstationen! Das ist keine Übung! Ich wiederhole! Das ist keine Übung!“ Die Brücke wurde in dunkelrotes Licht getaucht.

„Normalbeleuchtung! Wo sind wir denn hier?“, schnauzte Spencer.

Im gesamten Schiff heulten die Sirenen und viele Crewmitglieder blickten erschrocken auf oder brachen hektisch ihre momentane Arbeit ab, um ihre Gefechtsstationen einzunehmen und das Schiff bestmöglich auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten.

„Maschinenraum an Brücke! Melde vollständige Gefechtsbereitschaft. Keine Probleme“, sagte Sanchez via Intercom.

„Danke!“ sagte er. „H'Korr, einen Kanal öffnen!“

„Kanal offen.“

„Hier spricht Captain Robert Spencer vom Föderationsschiff Cousteau. Identifizieren Sie sich und erklären Sie ihre Anwesenheit im Föderationsraum!“

Das Abbild einer typisch cardassianisch aussehenden Brücke erschien auf dem Hauptschirm, ein grimmig dreinblickender Cardassianer wandte sich an die Brückenbesatzung. „Ich bin Gul Dantar von dem cardassianischen Schiff Tormex. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass sie sich am falschen Ort zur falschen Zeit aufhalten. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung hat sich gerade dramatisch verkürzt.“

Das Bild verschwand wieder.

„Solange der cardassianische Sinn für Rhetorik besser ist, als ihre Waffen, soll es mir recht sein“, kommentierte Spencer süffisant.

Coreman hatte inzwischen wieder Xuma an der taktischen Station abgelöst.

„Ihre Analyse?“, fragte Spencer, jetzt wieder ernsthaft.

„Ein cardassianisches Scoutschiff. Wesentlich manövrierfähiger als wir, von ähnlicher Bewaffnung, aber deutlich weniger Schildkapazität und Hüllenstärke. Sie fliegen weiterhin höhere Warpgeschwindigkeiten als wir, im Moment Warp 7.8 und werden in etwa fünf Minuten auf Impuls gehen müssen.“

„Sieht ja nicht ganz so schlecht aus... Ist ein Planetensystem in der Nähe?“, fragte Spencer.

„Ja! Es...“, meldete Hwang, wurde aber sofort von Spencer unterbrochen.

„Egal! Kurs setzen mit maximaler Warpgeschwindigkeit. Wir nehmen für den Flug die Schilde runter, um Energie zu sparen.“

Aufgrund der überlegenen Manövrierfähigkeit des Feindes suchte Spencer nach Möglichkeiten, diesen einzubremsen und die teilweise wechselnden Schwerkraftverhältnisse innerhalb eines Planetensystems trugen dazu bei. Auf der anderen Seite begünstigte die Anwesenheit von Planeten, die man umfliegen, oder hinter denen man sich verstecken konnte, eher einen kampferfahreneren Kommandanten und dazu zählte sich Spencer nun wirklich nicht.

„Schaffen wir es, bevor er uns erreicht?“, fragte Spencer.

„Gerade so, Sir. Mit einigen kleinen Tricks...“ Hwang schaute nach links zu Spencer und neigte den Kopf.

„Das will ich auch hoffen“, entgegnete Spencer und fuhr fort: „Sobald wir auf Impuls sind, nehmen wir wieder die Schilde hoch und aktivieren die Waffen!“

„Aye, Sir!“, bestätigte Coreman.

„Lt. H'Korr: Konnten Sie inzwischen Kontakt aufnehmen?“

„Sie antworten uns nicht mehr.“

„Setzen Sie einen Notruf ab und informieren Sie die Sternenflotte. Sie müssen davon erfahren!“

H'Korr machte sich an die Arbeit.

Einige angespannte Sekunden vergingen, bis Hwang meldete. „Ich gehe auf Impuls. Wir fliegen ins Delta Goldur-System ein.“

„Schilde und Waffen aktiviert.“ Das war Coreman.

„Gut. Fliegen Sie das Kumeh-Manöver. Taktische Sicht auf Schirm!“

Das Kumeh-Manöver verbarg die Cousteau solange hinter dem äußersten Planeten des Systems, bis das cardassianische Schiff ebenfalls ins System eingedrungen war. Obwohl Spencer wenig Kampferfahrung aufwies, war er doch einer der wenigen Kommandanten, die es vorzogen, Raumkämpfe mit taktischer Anzeige auf dem Hauptschirm, anstatt mit Außenbild zu fliegen.

„Sir, die Cardassianer dringen ins System ein!,“ meldete Thola, der einige Zeit nichts von sich hatte hören lassen. „Ich habe jetzt die aktuellsten Sensorenwerte.“

„Reichen Sie sie an Xuma für Terminal II weiter“, sagte Spencer und Xuma verstand. Er begab sich zum Terminal II, um die gesammelten Informationen über das feindliche Schiff auszuwerten und Coreman an seiner schließlich immer noch nur provisorischen taktischen Konsole zu entlasten .

„Haben die eigentlich die aktuellen Sensorenwerte?“

„Ich glaube nicht, Sir“, antwortete Thola. „Sie scheinen uns noch nicht entdeckt zu haben. Zumindest nicht für die nächsten 30 Sekunden, ausgehend von...“

„Ja ja.“ Spencer musste Thola wieder mal das Wort abschneiden. „Gehen Sie auf Abfangkurs, Miss Hwang. Sternmanöver! Mr. Coreman: Feuern Sie eine volle Breitseite Phaser und Torpedos ab, sobald wir in Reichweite sind. Wir haben nur eine Überraschung!“ Hwang und Coreman bestätigten. Spencer starrte gebannt auf den Hauptschirm und wartete auf weitere Meldungen.

„H'Korr, Außenbild! Ich habe schon lange kein Feuerwerk mehr gesehen!“, sagte Spencer.

Die Cousteau tauchte langsam, zwar mit voller Impulskraft, aber kosmisch gesehen immer noch langsam, hinter dem Planeten hervor, hinter dem sie vorsorglich in Deckung gegangen war. Das cardassianische Schiff, das das Planetensystem gerade mit ihren Sensoren nach der Cousteau abgetastet hatte, bemerkte sie einen Moment zu spät. Sie versuchten zu wenden, erreichten aber dadurch nur, dass die volle Salve Phaser und Photonentorpedos der Cousteau ihre Breitseite bestreichen konnte.

„Direkte Treffer, Sir! Einige Energieausfälle auf dem Spürschiff werden angezeigt.“ Coreman schien zufrieden und Xuma ballte die Faust.

Das cardassianische Schiff schwankte unter dem Einschlag, die Schilde leuchteten blau auf und an einigen Stellen konnte man sogar einige kleinere Explosionen beobachten. Aber jetzt, wo die Cousteau in Waffenreichweite war, feuerten sie ihre Antwort ab.

Nun war es die Cousteau, die unter einem Einschlag erzitterte. Auf der Brücke sprühten Funken aus einigen Konsolen, doch nichts Ernstes passierte und jeder konnte sich auf seinem Stuhl halten.

„Sternmanöver weiterführen. Lagebericht!“ Spencer war recht kurz angebunden, aber das war auch nicht weiter erstaunlich.

„Schilde runter auf 80%, einige kleinere Schäden. Die Cardassianer sind auch nicht besser dran“, meldete Thola.

„Sanchez an Brücke. Wir haben einige Plasmalecks. Keine großen Probleme.“

„Danke. Anzeige wieder auf taktisch!“

Spencer konnte sehen, dass ihnen die Cardassianer weiter auf den Fersen lagen und die Achterschilde mit sporadischen Phaserschüssen bearbeiten.

„Torpedo achtern abfeuern!“

„Abgefeuert!“ Die Schilde des feindlichen Schiffes flackerten leicht, konnten die Energie des Torpedos aber absorbieren.

„Wir fliegen einen großen Looping!“ Spencer war es leid, den Hasen zu spielen.

Während Hwang das Schiff auf dem großen Looping bewegte, feuerten die Cardassianer ihrerseits einen Torpedo ab, der die Cousteau nur knapp verfehlte. Danach wendeten sie, fingen die Cousteau kurz vor dem höchsten Punkt des Loopings ab und beharkten sie mit gezielten Phaserschüssen.

Die Brücke erzitterte unter den Einschlägen und empfindliches Knistern aus der Kommunikationskonsole warnte H'Korr vor, so dass sie sich aus ihrem Stuhl zur Seite werfen konnte, bevor die Anlage in die Luft flog.

„Schilde runter auf 50%, Untere Schilde kurz vor dem Ausfall!“

Spencer drehte sich kurz um, um nach H'Korr zu sehen, diese winkte aber ab.

„Ausweichmanöver, Muster Sierra, Abwehrrolle!“, sagte Spencer mit verkniffener Miene.

Die Cousteau drehte sich um die eigene Achse, von den Treffern und der auf Zufallsmustern basierenden Rolle gebeutelt, um die Schiffsunterseite von den Cardassianern abzuwenden.

„Energie für die Waffen?“

„Klar, Sir!“

Spencer zögerte kurz: „Miss Hwang: Nehmen Sie Kurs auf die Sonne. Keine Fragen bitte! Mr. Coreman: Verbrennen Sie ihnen noch mal deutlich ihren Pelz. Volle Ladung, alles, was drin ist! Los geht's!“

Die Phaserkanonen arbeiteten nur noch mit einem Teil der Energie, aber konnten trotzdem den erfolgreichen Einschlag der Photonentorpedos auf dem cardassianischen Schiff vorbereiten, der letzte Torpedo richtete den größten Schaden an. Im gleichen Moment änderte die Cousteau ihren Kurs und nahm mit voller Kraft Kurs auf die Sonne des Planetensystems.

„Sie bleiben zurück, Sir!“, meldete Thola von der inzwischen etwas lädierten Wissenschaftskonsole.

„Dann haben wir sie ja wohl doch einigermaßen beschädigt“, brummte Spencer mit einem misstrauischen Unterton in der Stimme.

„Sie glauben das nicht, Sir?“, fragte Coreman, dessen Gesicht von einem Funkensprühen seiner Konsole versengt war.

Spencer schüttelte verneinend den Kopf. Wie als Antwort meldete sich Sanchez übers Intercom: „Sanchez an Brücke. Hier unten gibt's einige Schwierigkeiten! Wir haben Kühlmittelabfluss in einer nicht direkt zugänglichen Leitung. Ich muss...“

„Sir!“, rief Thola aus.

„Warten Sie, Sanchez. Was denn?“

„Die Cardassianer schließen wieder auf, Sir. Das war nur ein Ablenkungsmanöver! Sie haben sich wohl nur verwundet gestellt“, meldete er.

„Oder gute Ingenieure!“, zischte Spencer.

„Sie sind in 5 Sekunden in Waffenreichweite. Heckschilde auf 30%.“

„Zu wenig. Hwang, wenden Sie, Mr. Coreman, feuern Sie, wenn Sie fertig sind.“

„Aye, Sir!“ Hwang begann eifrig, ihre Konsole zu bearbeiten während Coreman manuelle Zielpeilung vorbereitete, da Automatik zu stark in Mitleidenschaft gezogen war, als dass er sich noch blind auf sie verlassen wollte.

„Sanchez an Brücke. Ich kann volle Kraft nicht mehr länger halten!“

„Mr. Sanchez! Wir haben vielleicht nur noch diese Chance! Wir brauchen volle Kraft!“

„Ja, Sir.“ sagte Sanchez gedehnt. „Ich versuche es.“

Spencer schloss den Kanal zum Maschinenraum und vermisste das übliche ‚Kein Problem‘ in Sanchez‘ Aussage.

„Neuer Anflug. Sie feuern!“, meldete Hwang.

Und die getroffene Cousteau schwankte wieder, hielt aber beständig ihren Kurs und feuerte ebenfalls. Die Cardassianer wichen scheinbar mühelos aus.

„Was zur Hölle ist das denn?“, fragte Coreman entgeistert. „Wenn die wirklich so manövrierfähig sind, dann könnten die uns umkreisen, während wir mit voller Impulskraft fliegen!“

„Spencer an Maschinenraum: Bericht!“, sagte Spencer gleichzeitig und sah zu Coreman hinüber, als dieser geendet hatte. „Wir müssen sie treffen!“

„Ich habe eine Idee, Sir. Wir...“ Coreman stockte, als er sich durch einen weiteren Treffer an seinem Pult festhalten musste.

„Machen Sie's einfach!“, röhrte Spencer unwirsch nach der nächsten Erschütterung und aktivierte zum zweiten Mal das Intercom. „Maschinenraum! Bericht!!“

„Hwang, nehmen Sie Kurs 150,05, mit 0,2c!“, sagte Coreman und Spencer wiederholte ungefragt, diesmal an Hwangs Adresse: „Machen Sie's einfach!“

„Aye, Sir!“ Hwang führte die Anweisungen Coremans aus.

Spencer schaute Coreman an, der beruhigend nickte. Sie mussten einen weiteren Phasertreffer hinnehmen, konnten jedoch erfolgreich durch eine schnelle Reaktion Hwangs zwei Torpedos ausweichen.

„Jetzt ändern Sie auf 37,235 und schalten den Antrieb ab. Treiben lassen, kein Gegenschub!“, ordnete wiederum Coreman an.

Sie reagierte sofort und meldete: „Antrieb aus! Trägheitsdämpfungssystem kritisch.“

Spencer besann sich und sah wieder auf den Hauptschirm, der immer noch die taktische Anzeige zeigte. Er glaubte nun zu wissen, was Coreman im Sinn hatte und was er sah, bestätigte seine Vermutung.

Die Cardassianer mussten in einen engen Anflugkurs einschwenken, ihre Geschwindigkeit deutlich verlangsamen und ihre Feuersalven unterbrechen. Er glaubte förmlich zu fühlen, dass Coreman sie im Visier hatte und nur auf den idealen Moment wartete, um ihnen eine weitere Ladung zu verpassen.

„Alle Waffen feuern!“, sagte dieser nach einer kurzen Zeit. Ein Teil der Phaserstrahlen verfehlten das Ziel, die anderen aber und auch alle Torpedos jedoch landeten alle da, wo sie landen sollten und brachten das cardassianische Schiff in drastische Probleme. Gelbe und grüne Flammen züngelten an verschiedenen Stellen aus dem Rumpf, bis sie von der Nulltemperatur des Weltraumes ausgelöscht wurden.

„Volle Impulskraft! Sofort!“, reagierte Spencer, doch Bruchteile von Sekunden zu spät. Bevor die Cousteau noch nennenswert Fahrt aufgenommen hatte, wurde sie hart von der Antwortsalve der Cardassianer getroffen. Sie neigte sich drastisch unter dem Einschlag, diverse Schaltkreise auf der Brücke glühten und sprühten Funken. Die Beleuchtung fiel aus.

„Notbeleuchtung!“

Terminal I explodierte, Xuma und Thola wurden durch die scharfkantigen Reste des Bildschirms verletzt. Die Hauptschirmanzeige flackerte und nach kurzer Zeit war nur noch das kahle, grüne Raster der taktischen Anzeige zu sehen.

„Projektionssysteme ausgefallen. Ich schalte auf Außenbild“, sagte Coreman, der nach der Explosion sich zu den am Boden liegenden Thola und Xuma gebeugt hatte und jetzt wieder aufstand, um die nötigen Schaltungen vorzunehmen. Er setzte hinzu: „Ihnen ist nicht viel passiert, Sir.“ Wie zur Bestätigung rappelten sich die beiden rasch auf.

Doch Spencer nahm dies alles nur noch nebenbei wahr. Er blickte gebannt auf den Hauptschirm, dort waren immer noch kleinere Explosionen am cardassianischen Schiff zu beobachten. Coreman merkte Spencers fehlende Reaktion und schaute ebenfalls auf den Hauptschirm. Dann meinte er: „Viel gibt's von denen wohl nicht mehr zu befürchten.“

Hwang ballte die Faust: „Das wär's!“

„Lagebericht!“, forderte Spencer.

„Schilde teilweise ausgefallen. Torpedos nicht betriebsbereit, zuwenig Energie für die Phaser“, berichtete Thola.

Spencer schlug verärgert auf die Sessellehne. „Hört sich toll an. Weiter!“

„Maschinenraum an Brücke!“ ertönte eine schwache Stimme aus dem Intercom, noch bevor Thola fortfahren konnte.

„Na endlich, Maschinenraum. Wie sieht's aus?“

„DeFalco hier. Hier unten steht nicht mehr viel.“

„Gerry?! Wo ist Sanchez? Oder Jones?“

„Sir, sie sind...“ DeFalco stockte. „Sie sind... tot, Sir.“

Spencer schloss die Augen.

„Das ist noch nicht alles. Wir stehen vor einem Warpkernbruch in fünf Minuten. Wir müssen ihn abstoßen. Die Antimateriereaktionskammer läuft zu heiß. Das Kühlmittelleck...“ Er sprach nicht weiter.

Spencer atmete tief durch. „Bereite alles vor“, sagte er nur und schloss den Kanal.

Dann drehte er sich zur Brückenbesatzung um: „Hat irgendwer sonst noch etwas Erfreuliches?“

„Ich fürchte nein, Sir.“ Thola wies auf dem Hauptschirm.

Spencers sah einen rötlichen Strahl, der dem cardassianischen Schiff entsprang. Sein erster Gedanke war, dass die Cardassianer wieder ihre Phaser abfeuern würden, aber dazu wuchs der Strahl zu langsam. Er brauchte einige Sekunden um ihn zu identifizieren. „Ein Traktorstrahl!“

„Ja, Sir. Und wir haben keine Waffen mehr, um ihn auszuschalten!“, gab Thola ernüchternd bekannt.

Die Cardassianer begannen, die Cousteau mit geringer Geschwindigkeit mit dem Traktorstrahl aus dem System zu schleppen. Während des Kampfes waren sie recht weit ins Innere des Planetensystems vorgedrungen, so dass sie einige Minuten Zeit hatten, bis sie das System verlassen hatten und auf Warp gehen konnten.

„Haben wir wirklich keine Waffen mehr?“, murmelte Spencer. Er überlegte einige Sekunden angestrengt, bis ihm ein rettender Einfall kam.

„Spencer an Maschinenraum!“

„Hier DeFalco.“

„Gerry, kannst du den Warpkern gezielt ausstoßen?“

Gezielt, Captain? Was...“ DeFalco brach ab. „Ah, gezielt auf unsere cardassianischen Freunde!“

„Genau! Geht das?“

„Grundsätzlich ja. Aber ich brauche die genauen Parameter, damit der Warpkern genau in dem Moment detoniert, in dem er auf die Außenhaut ihres Schiffes trifft.“

„Leitung aktiviert halten! Mr. Thola: Versorgen Sie den Maschinenraum mit den aktuellen Sensordaten!“

„Daten sind hier“, bestätigte DeFalco. „Ja, das müsste gehen, Captain. Ich mache sowas aber zum ersten Mal.“

„Und hoffentlich auch zum einzigen! Genau zielen, Gerry, wir haben nur den einen Versuch. Fertig?“

DeFalco benötigte einige Sekunden. „Fertig!“

Spencer verharrte kurz und nahm nur beiläufig wahr, dass sie gerade den letzten Planeten im System passierten.

„Los, Gerry!“

„Jetzt!“, schrie DeFalco in den Maschinenraum, so laut, dass alle auf der Brücke es mühelos hören konnten, obwohl er in die entgegengesetzte Richtung des Intercoms sprach. Der Warpkern, der kurz vor der Überlastung stand, wurde aus dem Schiff ausgeworfen, oder besser gesagt, herausgeschleudert, und zwar genau in Richtung des Schiffes.

Alle auf der Brücke starrten auf den Hauptschirm und sahen, wie der Warpkern schließlich auf das cardassianische Schiff traf.

„Spencer an alle: Festhalten!“, brüllte Spencer in Erwartung der Druckwelle ins Intercom.

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als auch schon das cardassianische Schiff in einem gleißenden Feuerball explodierte und sie von der immensen Druckwelle getroffen wurden. Alle auf der Brücke verloren ihr Gleichgewicht, stürzten haltlos zu Boden und kollerten durch den Raum. Die Cousteau neigte sich stark unter der Druckwelle und wurde mitgerissen. Vom cardassianischen Schiff blieb wenig mehr als kosmischer Staub übrig.

Als Spencer sich wieder aufrappelte, sah er auf dem Hauptschirm, dass sie genau auf den Planeten zurasten.

„Hwang, tun sie was!“, brüllte er.

Hwang kroch mit Mühe zurück in ihren Sessel und meldete: „Impulsantrieb reagiert nicht, Manövrierdüsen ausgefallen!“

„Maschinenraum: Wir brauchen Impuls- oder Manövriertriebwerke. Und zwar GESTERN!“

„Impulsantrieb jetzt, aber nur minimal! Mehr habe ich leider nicht“, antwortete DeFalco prompt.

Spencer brauchte nichts weiter zu sagen, denn Hwang überschlug auch so sich fast an ihren Kontrollen. Die Brückencrew begann sich festzuhalten, obwohl das nichts daran ändern würde, dass sie alle mit dem Schiff in der Atmosphäre des Planeten verglühen würden, falls sie ihren unkontrollierten Sinkflug auf den Planeten nicht verhinderten.

„Wir sind bereits zu nahe, ich kann uns nicht mehr vom Planeten wegbringen. Ich steuere genau hinein!“ Hwang versuchte mit aller Macht, ruhig zu bleiben, was ihr aber nicht gelang.

Spencer verstand erst nicht: „Hinein?“, fragte er, doch dann ging im ein Licht auf: „Wir sollen von der Atmosphäre abprallen?“

„Exakt, Sir!“, presste Hwang hervor, während sie weiter hektisch ihre Kontrollen malträtierte.

Durch die steigende Schwerkraft und bald auch durch die beginnenden Einflüsse der Atmosphäre fing das Schiff immer stärker an zu rappeln und zu knarren. Einige Schaltkreise sprühten wieder Funken.

„Trägheitsdämpfung droht zu versagen! Außenhauttemperatur auf 110..:“, rief Thola, doch brach jäh ab, als die Cousteau plötzlich von der Atmosphäre zurückgeworfen wurde.

Die Beleuchtung flackerte wieder und fiel dann gänzlich aus. Das lädierte Trägheitsdämpfungssystem konnte die immensen Kräfte, die beim Abprallen des Schiffes von der Atmosphäre erzeugt wurden, nicht mehr kompensieren. Im ganzen Schiff wurden Personen und Ausrüstungsgegenstände wild herumgeschleudert.

Die obere Hälfte der Wissenschaftsstation explodierte, die Trümmer verteilten sich auf der gesamten Brücke. Spencer versuchte sich verzweifelt an seinem Stuhl festzuhalten, aber im Wechselspiel der rasch schwankenden Kräfte musste er loslassen und prallte gegen Hwang, die mit ihrem gesamten Stuhl in die andere Ecke der Brücke unterwegs war. H'Korr, die nach dem Verlust ihrer Konsole hinter Spencers Kommandosessel gestanden hatte, wurde gegen die hintere Brückenwand katapultiert. Coreman hatte sich in Erwartung der Wucht des Anpralls auf den Boden geworfen und war gegen die Verankerung der Wissenschaftsstation geschleudert worden. Nach einer kurzen, abschließenden Erschütterung war plötzlich wieder alles ruhig.

‚Zu ruhig‘, dachte Spencer. Er gab allen kurz die Möglichkeit durchzuatmen, bevor er vorsichtig fragte: „Sind alle OK?“

Nacheinander erfolgte ein sicheres „Ich denke schon!“ Xumas, der neben seinem Platz an Terminal II lag, ein verwirrtes „Ja“ von H'Korr und ein zweifelndes „Größtenteils!“ von Hwang, die sich neben Spencer wieder fand.

Coreman meldete abschließend von der gegenüberliegenden Seite der Brücke: „Sir, ich bin OK. Aber ich glaube, Thola hat's erwischt.“

„Thola? Was...“, begann Spencer erschrocken, aber ein leises und immer mehr anschwellendes Pfeifen ließ ihn stocken. „Was zum Teufel?“, murmelte er halblaut.

Plötzlich war eine lautes Krachen zu hören, woraufhin sich alle, die sich gerade aufgerappelt hatten, vorsichtshalber wieder auf den Boden fallen ließen. Eine warnende Computerstimme meldete sich, begleitet von einem durchdringenden Alarmton: „Warnung! Hüllenbruch auf Deck 1! Notkraftfelder sind nicht betriebsbereit.“

„Verdammt!“, fluchte Spencer. „Brücke räumen! Sofort raus hier! Coreman, Xuma, sie tragen Thola! Hwang, helfen Sie mir mal!“

Spencer stand mit Hwang vor der Turbolifttür, die sich automatisch öffnen sollte, aber nur einen Spalt breit offenstand. Spencer an der einen Seite und Hwang an der anderen schafften es mit vereinten Kräften, die Türe so zu öffnen, dass die beiden Sicherheitsoffiziere Thola hineintragen konnten. Danach stiegen H'Korr, Hwang und schließlich Spencer in den Turbolift, der sich noch ein letztes Mal umschaute, bevor er diese Brücke wahrscheinlich zum letzten Mal verließ.

„Krankenstation!“, sagte er hoffnungsvoll und tatsächlich schlossen sich die Türen des Liftes mit einem lauten Kreischen und die Liftkapsel begann, sich abwärts zu bewegen.

5

Sie betraten die deutlich überfüllte Krankenstation, in der Dr. M'Boya, ihre Krankenpfleger sowie weitere Helfer hin und her eilten, um die vielen Patienten zu versorgen, die während des Kampfes eingeliefert worden waren. Das Erscheinen der vier Senioroffiziere, die den Ersten Offizier trugen, ließ M'Boya mit zwei Pflegern zu ihnen eilen. „Mein Gott! Wie sehen sie denn aus?“, war alles, was M'Boya erschüttert hervorbrachte. Ihre Frage war durchaus berechtigt.

„Was ist mit Thola?“, fragte Spencer, der äußerlich ruhig erschien, aber innerlich noch aufgeregt und mitgenommen war.

„Es tut mir leid, Captain. Mr. Thola ist tot.“ M'Boya flüsterte beinahe, nachdem sie ihren medizinischen Tricorder aktiviert und keine Daten von Thola erhalten hatte.

Die beiden Pfleger nahmen Coreman und Xuma den Leichnam ab und Spencer sah für einen kurzen Moment so aus, als müsste er sich setzen, fing sich sofort aber wieder.

„Was ist passiert, Captain?“, fragte M'Boya während sie Spencer ungefragt mit einem Hautregenerator bearbeitete und die schlimm aussehende Schramme an seiner linken Gesichtshälfte zu heilen begann. Coreman wurde inzwischen zu einem Bett geleitet, er hatte sich offensichtlich schwer wiegender verletzt, als es auf den ersten Blick schien.

„Hüllenbruch auf der Brücke“, knurrte Spencer kurz angebunden und schob die Bordärztin nicht ganz sanft beiseite. „Danke, Doktor. Das reicht. Wir müssen in den Maschinenraum!“

M'Boya wollte zuerst etwas erwidern, nickte dem Captain dann aber zu: „Aber nur wenn sie alle sich später zu einer ausgiebigen Untersuchung einfinden.“

„Aye, aye, Doktor!“, sagte Spencer und keiner wusste so recht, ob er lachen sollte oder nicht. Alle entschieden sich schließlich, es nicht zu tun, sogar Hwang.

Spencer winkte Hwang, H'Korr und Xuma heraus und betraten wieder den Turbolift.

„Maschinenraum!“, hieß das Ziel.

Als sich die Lifttüren öffneten, wurden sie bereits von verkohlten Wänden auf dem Gang begrüßt. Im Maschinenraum selbst sah es furchtbar aus. Überall lagen Querträger und andere Trümmer herum, der hintere Bereich, in dem sich vorher der Hauptreaktor befunden hatte, war von einem Kraftfeld abgeschirmt. Offenbar hatte es beim Abwurf des Warpkerns einige Unregelmäßigkeiten gegeben, so dass dieser Bereich gesperrt werden musste. Mehrere Ingenieure in rußverschmierten Uniformen rannten wild herum und riefen sich hektisch Anweisungen zu. DeFalco und ein Fähnrich standen an der einzigen noch funktionsfähigen Konsole und berieten sich.

Spencer trat dazu: „Hallo, Gerry. Wie sieht's denn mit dem Hilfskontrollraum aus?“

„Wie? Was?“ DeFalco drehte sich erschrocken um. „Captain! Gott sei Dank. Nach unseren Anzeigen hier gibt es die Brücke nämlich gar nicht mehr!“ Er war spürbar erleichtert.

„Die Anzeigen haben recht, Hüllenbruch. Deswegen würde ich auch gerne in den Hilfskontrollraum.“

Der Hilfskontrollraum war ein Raum innerhalb der Maschinensektion, in dem die wichtigsten Brückenkonsolen in vereinfachter Form verfügbar waren, eine Brücke für den Notfall sozusagen.

„Nicht berauschend. Wir haben überall auf dem Schiff kleinere Risse, Plasmalecks und so weiter. Ein Energiefeedback vom Hauptreaktor kurz bevor wir ihn abgestoßen haben hat einige wichtige Systeme und Leitungen beschädigt.“

„Weiter“, forderte Spencer.

„Wir haben Hüllenbrüche auf den Decks 1, 3, 8 und 9. Die Notkraftfelder sind in Betrieb, außer auf Deck 1, Deck 1 ist versiegelt. Unsere Backbordstrebe hat sieben größere Risse. Lebenserhaltung OK, Fusionsreaktor funktioniert mit 30%. Mehr wäre drin, allerdings nicht ohne vorherige Prüfung, auch Deuterium haben wir auch nicht mehr im Überfluss. Über den Warpantrieb muss ich ja wohl kein Wort mehr verlieren. Impuls- und Manöverdüsen sind auch defekt. Strukturelles Integritätsfeld ist soweit OK, aber unzuverlässig, Trägheitsdämpfung ist auf Reserve. Die Torpedokammern sind zerstört. Phaser funktionieren prinzipiell, es gibt aber Probleme mit der Energiezufuhr. Die Kommunikation ist ausgefallen. Die Schilde sind nur auf Minimum, die Sensoren teilweise betriebsbereit, von Transportereinsatz würde ich abraten. Shuttlehangar...“ DeFalco wurde in seinem Monolog von einem wild hereinstürmenden Müller mit zwei seiner Piloten im Gefolge unterbrochen.

„Wer ist hier im Moment... verantwortlich?“, rief Müller.

„Ich, Chief!“

„DeFalco, versiegeln Sie sofort den Hangar! Zwei Shuttles haben sich ineinander verkeilt und das große Warpshuttle in die Hangartür gedrückt. Die Hangartür ist eingedrückt“, sagte Müller mit Nachdruck. „Ich habe den Hangar wegen Dekompressionsgefahr räumen lassen. Das Kraftfeld funktioniert auch nicht mehr.“

„In Ordnung.“ DeFalco führte auf seiner Konsole die notwendigen Eingaben durch. Er sprach dabei ruhig weiter: „Wieviel entweicht denn?“

„Nicht viel, Chefingenieur“, erwiderte Müller ironisch. Spencers Gesichtsausdruck verfinsterte sich.

„Hangar versiegelt!“, meldete DeFalco, der es vorzog, Müllers Andeutung absichtlich oder unabsichtlich zu ignorieren.

„Gut, Gerry. Was ist denn jetzt mit der Hilfskontrolle?“, fragte Spencer wiederholt.

„Der Raum scheint soweit OK zu sein, aber Genaues weiß ich nicht. Im Moment habe ich alle Leute im Einsatz, um die wichtigsten EPS-Leitungen zu stabilisieren, mich eingeschlossen“, sagte er aufgewühlt. Der ungeheure Stress und die Belastung, der er momentan ausgesetzt war, spiegelte sich in seiner Gestik und seiner Mimik überdeutlich.

„Hast du noch einen Werkzeugkoffer übrig?“, fragte Spencer betont locker.

„Aber klar.“ DeFalco öffnete ein Panel an der Wand und warf Spencer den letzten verbliebenen Werkzeugkoffer zu. Der fing ihn mit beiden Händen überrascht auf.

„Los geht's!“, bestimmte Spencer und er machte sich zusammen mit Hwang, H'Korr und Xuma auf den Weg. Im Hintergrund konnte er hören, wie DeFalco Müller und seine Piloten als Reserve-Reparaturcrew zu dieser oder jener Energieleitung schickte.

Unterwegs hielt Spencer an einem Intercom an: „Spencer an Hellmann! Melden Sie sich im Hilfskontrollraum! Dringend!“ Danach eilten sie weiter.

Nachdem sie den Turbolift nicht dazu überreden konnten, den Hilfskontrollraum anzufahren, nahmen sie die Nottreppen und mussten vier Decks hinaufsteigen, bis sie schließlich vor dem Hilfskontrollraum eintrafen.

Hellmann kam atemlos von der anderen Seite. „Da bin ich“, brachte er hervor.

Spencer musterte ihn: „Soviel zu den vorschriftsmäßigen Grüßen...“ und grinste. „Computer: Öffnen!“

Die Türen glitten auseinander und sie betrachteten das leichte Chaos auf der Hilfskontrolle. Es sah lange nicht so schlimm aus wie auf der Brücke und nachdem sie die kleineren Trümmerstücke von den Oberflächen der Konsolen gewischt hatten, schien der Raum sogar in einigermaßen gutem Zustand zur sein.

„Nehmen Sie Platz, meine Damen und Herren und berichten sie!“

Spencer schritt direkt zum Kommandosessel und ließ sich nieder. Er nutzte die wenigen Sekunden, die ihm blieben, bis der erste seiner Leute eine Meldung von sich gab, um sich hinzusetzen um einmal richtig durchzuatmen. Er wagte jedoch nicht, den Versuch zu beginnen, sich vollständig über seine Lage klarzuwerden, jetzt noch nicht.

„Kommunikation funktioniert nicht!“ H'Korr war am schnellsten.

„Was genau?“, fragte Spencer nach.

„Die Konsole ist in Ordnung, es gibt aber keine Verbindung nach außen. Ich empfange überhaupt nichts. Die gesamte Anlage inklusive der Subraumtransmitter scheint defekt zu sein, Sir“, vervollständigte sie ihren Bericht, nachdem sie noch einige kurze Diagnosen und Abfragen ausprobiert hatte.

„Danke. Miss Hwang?“

„Die Navigationssensoren melden nur wirres Zeug. Was ich erkennen kann ist, wir driften im Moment mit knapp 1000 Kilometern pro Sekunde durch den Raum, ein Ergebnis des ungewöhnlich heftigen Abprallens von der Atmosphäre. Die...“ Sie brach irritiert ab, als die Anzeigefelder unregelmäßig zu flackern begannen, bis sie nach kurzer Zeit verloschen waren.

„Wissen Sie noch, was Sie sagen wollten?“, fragte Spencer ungehalten.

Hwang kicherte. „Ja, Sir. Ich wollte sagen, dass weder Impulstriebwerke noch Manöverdüsen einsatzbereit sind.“

„Besten Dank, Lieutenant“, sagte Spencer entnervt, aber er kannte Hwang zu gut, um es ihr wirklich übel zu nehmen. Für einen Moment wollte er DeFalco wegen des Energieabfalls an der Konsole belästigen, unterließ es aber, da dieser im Moment alle Hände voll zu tun hatte und sie die Konsole im Moment aufgrund der Funktionsunfähigkeit der Antriebssysteme sowieso nicht brauchten.

„Mr. Xuma?“

„Ich bin hier überflüssig, Sir. Schilde nicht nennenswert, Waffensysteme ausgefallen“, antwortete Xuma, der zusammen mit Hellmann an der wissenschaftlichen Ersatzkonsole stand, niedergeschlagen.

„Was heißt ausgefallen? Können wir nicht einmal eine Notrufsonde durch die Torpedoröhren absetzen?“

„Negativ. Die Torpedoröhren sind unbrauchbar, Sir“, sagte Xuma.

„Die Geschwindigkeit ist ebenfalls unbrauchbar. Viel zu hoch“, brummte Hwang.

„Wieso?“, fragte Spencer mit einem Stirnrunzeln. „Wir werfen Torpedos beziehungsweise Sonden doch sogar bei Warpgeschwindigkeiten ab.“

Hwang lächelte. „Sicher, nur, wir driften in die falsche Richtung. Eine Sonde ist kein Torpedo. Bis die Sonde Kurs und Geschwindigkeit aufgenommen hat, sind wir längst mit ihr kollidiert.“

Spencer kniff die Lippen zusammen. „Verstehe.“

Hellmann meldete sich. „Die Sensoren sind nur bedingt betriebsbereit. Die internen sind durch Strahlung und Defekte teilweise funktionsgestört. Externe Sensoren, nun, wir könnten feststellen, dass sich ein Schiff nähert. Das wäre auch schon alles. Der Hauptschirm ist auch ausgefallen“, schloss er und spielte darauf an, dass der Hilfskontrollraum nur von der dunkelroten Notbeleuchtung erhellt wurde und der Hauptschirm eine reine Schwärze zeigte.

„Na prima: Shuttlehangar geschlossen, Kommunikation ausgefallen, keine Sonden. Wie sollen wir denn dann jemandem mitteilen, dass wir hier in Schwierigkeiten stecken und unsere Termine nicht einhalten können?“, fragte Spencer halb rhetorisch, halb ironisch.

„Davon abgesehen, sollten wir das Schiff bald stoppen. Mich würde mal interessieren, wohin wir treiben...“, deutete Hwang an.

Spencer blickte Hellmann wortlos an und der schüttelte genauso wortlos den Kopf.

„Was ich anbieten kann ist Palette 3, Lebensformanzeige und Palette 4, Energiesignatur und Subraumscanner. Unbelebte Objekte im Weltraum kann ich leider nicht erkennen.“

Spencers Hand polterte auf die Sessellehne, wo sich üblicherweise die Schalter für das Intercom befanden und er blickte überrascht auf, als nichts passierte. Er musste einige Sekunden nach dem Intercomschalter suchen und fand ihn schließlich auf der gegenüberliegenden Armlehne seines Stuhls.

„Spencer an Maschinenraum!“

„Hier DeFalco! Was ist, Captain?“

„Gerry, wir sollten das Schiff als erstes anhalten. Ich brauche Impulstriebwerke oder zumindest Manöverdüsen! Und zwar bald!“

„Ist das dein Ernst?“, fragte DeFalco entgeistert.

„Wir driften durch den Raum ohne Sensoren. Das habe ich nicht so gerne.“

„Ich brauche noch mindestens eine Viertelstunde, bis alle Leitungen stabilisiert sind. Danach können wir drüber reden. Was wäre Ihnen denn lieber?“

„Da wir hier im Moment sowieso keine Kontrollen haben, schicke ich dir Hwang hinunter. Diskutiert das in Ruhe aus. Spencer Ende.“ Er hatte jetzt andere Sorgen, die Vor- und Nachteile von Impulstriebwerken contra Manövrierdüsen mit DeFalco und auch Hwang zu diskutieren.

Hwang drehte sich fragend um und Spencer wies mit einer übertrieben freundlichen Geste auf die Tür. Sie erhob sich und verließ die Brücke in der Hoffnung, dass die Turbolifte inzwischen wieder betriebsfertig wären, denn sie wollte sich den unbequemen Umweg über die Notleitern sparen.

Spencer erhob sich ebenfalls. „So, ich habe unserer guten Doktorin versprochen, mich zu einer kleinen Untersuchung zu begeben. Dabei komme ich ihr lieber zuvor, bevor sie mich gewaltsam abschleppt.“

„Wäre das so schlimm, Sir?“ Hwang, die gerade in den geöffneten Ausgangstüren stand, drehte sich um und lächelte Spencer an.

„Raus, Lieutenant!“, befahl Spencer amüsiert und sah ihr kopfschüttelnd nach.

„Mr. Xuma, da sie ja nach eigener Aussage sowieso überflüssig sind, übernehmen Sie. Ich bin auf der Krankenstation“, sagte er beim Hinausgehen und übergab Xuma zum ersten Mal das Kommando, wenngleich auch das Kommando über einen mittleren Schrotthaufen.

Spencer versuchte nicht erst sein Glück mit den Turbolifts, sondern benutzte gleich die Notleitern, um zur Krankenstation zu gelangen. Sie hatte sich schon deutlich geleert, als er hereinkam. Nur noch wenige Mannschaftsmitglieder lagen auf den Biobetten und erholten sich von ihren Verletzungen, unter ihnen auch Coreman, der Spencer ein kurzes Zeichen gab. Spencer ging zu ihm hin und fragte: „Was Ernstes?“

„Nein, Sir. Aber ich sollte mich im Moment nicht soviel bewegen. Meine alten Verletzungen...“, sagte Coreman.

Spencer verstand und nickte. „Gute Besserung, Lieutenant“, wünschte er.

Dr. M'Boya trat auf ihn zu. „Gut, dass Sie da sind, Captain. Bitte nehmen Sie Platz!“ Sie geleitete ihn zur nächstgelegenen Krankenliege und er setzte sich. Sie begann, ihn ausgiebig mit dem medizinischen Tricorder zu untersuchen.

„Ihr Bericht, Doktor?“

„38 Crewmitglieder mussten mit leichten Verletzungen behandelt werden und sind inzwischen wieder im Dienst. Acht weitere haben schwerere Verletzungen erlitten, drei davon habe ich noch zur Beobachtung. Die fünf anderen ruhen sich in ihren Quartieren aus...“

Spencer hatte den Eindruck gewonnen, dass sie mit ihrem Bericht noch nicht fertig war und sah sie fragend an. Ihre Antwort kam zögerlich.

„Und wir hatten sieben Todesfälle. Commander Thola kam auf der Brücke ums Leben, Commander Sanchez, Lieutenant Jones, Schadenskontrolloffizier Crandall und drei weitere Ingenieure haben eine große Explosion im Maschinenraum nicht überlebt.“ Sie klang beherrscht, dabei aber sichtbar aufgewühlt und widerstrebend.

Spencer hatte die schrecklich versengte, zerstörte und durch Kraftfelder geschützte Stelle vorhin im Maschinenraum gesehen und es nicht fertig gebracht, DeFalco direkt danach zu fragen. Er legte der jungen Ärztin, der bisher so etwas Schreckliches nicht widerfahren war, die Hand auf die Schulter. „Es ist schon gut, Doktor. Es fällt mir auch nicht leicht. Nur, ich bin der Captain.“

Sie sah ihn erleichtert an, warum so plötzlich erleichtert, wusste sie selbst nicht. „Danke, Sir. Ihnen geht's soweit gut, bis auf...“ Sie holte wieder den Hautregenerator hervor und vollendete die Aktion, bei der sie Spencer vorhin unterbrochen hatte. Es dauerte ganze fünfzehn Sekunden.

„Besten Dank, Doktor. Gute Arbeit“, sagte er und meinte dabei nicht nur ihre kurze Behandlung an ihm. Auf dem Weg zurück zum Hilfskontrollraum grübelte er darüber nach, wie er die Toten angemessen ehren könnte, ohne dabei die Notlage des Schiffes aus den Augen zu verlieren. Schließlich hatte er sich bisher mit dem Tod noch nicht allzu sehr auseinander setzen müssen, sogar beim „Kobayashi Maru“-Test auf der Akademie, hatte er seinen ersten Rettungsversuch nach dem Auftauchen der klingonischen Schiffe sofort abgebrochen.

Er führte den Gedanken nicht zu Ende, da er wieder im Hilfskontrollraum angekommen war. Ihm fiel als erstes auf, dass die weiße Standardbeleuchtung die grässliche Notbeleuchtung ersetzt hatte. Er bedeutete Xuma, im Kommandosessel sitzen zu bleiben, griff sich den Werkzeugkoffer und begann, vor den Augen der restlichen Brückencrew den immer noch dunklen Hauptschirm zu reparieren. Er hatte sich gerade niedergelassen, als plötzlich die Alarmsirenen wieder zu schrillen begannen.

Er wandte sich zu Hellmann. „Was ist denn jetzt wieder los?“

„Nichts, Sir“, antwortete dieser entspannt. „Die Sirenen hatten keine Energie, waren aber noch aktiviert. Jetzt haben sie wieder Energie.“

Spencer schien ebenfalls erleichtert. „Gut. Alarmstufe Rot bleibt in Kraft, schalten Sie aber den Krach aus.“

„Bestätigt, Sir.“ H'Korr war froh, einer der wenigen funktionierenden Bereiche auf ihrer Konsole benutzen zu dürfen.

Danach wandte sich Spencer wieder seiner Reparatur zu. Der Vorgang nahm eine halbe Stunde in Anspruch und er stellte erfreut fest, dass er in den letzten vier Jahren, in denen er nur selten noch ‚den Schraubenschlüssel‘ in der Hand gehabt hatte, nicht allzu viel verlernt hatte. Er schüttelte innerlich den Kopf über den Anachronismus ‚Schraubenschlüssel‘, da es schon seit sehr langer Zeit auf Sternenschiffen keine Schraubenschlüssel mehr gab. Vielleicht sollte man dazu übergeben, anstatt des ‚Schraubenschlüssels‘ den ‚Spulenspanner‘ oder den ‚Phasendiskriminator‘ in der Floskel zu nennen, überlegte er, entschied sich aber, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen.

Stattdessen gab er Hellmann Anweisung, versuchsweise auf visuelles Außenbild zu schalten. Der Hauptschirm flackerte kurz, nach einigen Nachjustierungen Hellmanns war die Außenansicht des Weltraums zu sehen und das überraschend klar.

„Schalten Sie auf Sicht entgegen der Flugrichtung. Ich will wenigstens sehen, wenn wir mit irgendetwas kollidieren!“

„Ja, Sir!“ Hellmann betätigte die Schaltungen, aber nichts Bedeutsames war zu erkennen.

„Gut. Und stellen sie ein paar Leute ab, die die Umgebung mit visuellen Sensoren absuchen sollen. Ich habe keine Lust ungewarnt in einen Asteroidenschwarm oder sonst etwas zu rauschen!“ Hellmann bestätigte.

Auf dem Weg zurück zum Kommandosessel fiel ihm die immer noch dunkle und somit funktionslose Navigationskonsole auf, er öffnete den Werkzeugkoffer sofort wieder und beugte sich unter die Konsole, um zu sehen, ob ein generelles Energieproblem oder ein Fehler innerhalb der Konsole für den Energieverlust verantwortlich wäre.

Er hatte es sich gerade unter der Konsole bequem gemacht, als Hwang wieder auf die Brücke kam. Spencer rutschte unter der Konsole hervor. „Und?“

Hwang brauchte einige Sekunden, um sich von der Überraschung zu erholen, ihren kommandierenden Offizier bei der Reparatur ihrer Konsole zu entdecken, erinnerte sich aber dann, dass Spencer mal Ingenieur gewesen war: „Sir, Manöverdüsen laufen wieder“, gab sie erfreut bekannt. „Wir können das Schiff anhalten.“

„Sehr gut. Und diese Konsole...“, nach einigen kurzen Handgriffen erwachte die Konsole wieder zum Leben, „... läuft auch wieder. Sie können wieder Platz nehmen.“

Xuma verstand Spencer und räumte bereitwillig den Kommandosessel.

6

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21222.0, Commander Spencer: [21.03.2344 06:02:53]:

Nach einem gewonnenen Kampf mit einem cardassianischen Spähschiff treiben wir antriebslos durch den Raum. Es ist weder möglich, einen Notruf abzusenden, noch mit den Shuttles zu entkommen oder eine Notfallsonde abzusetzen. Als erstes werden wir das Schiff stabilisieren müssen. Ingenieur DeFalco hat mit einigen Tricks die Manövriertriebwerke notdürftig instand gesetzt. Wir werden sofort den ersten Versuch starten.

Spencer bemühte sich um Kurzfassung beim Logeintrag, weil er selbst so schnell wie möglich das Schiff stoppen wollte und ein wenig ungeduldig war.

„Hwang, fertig?“ Auch hier wählte er die Kurzfassung.

Ihre Finger huschten über die Kontrollen. „Ich denke ja. Allerdings...“, sie führte einige weitere Schaltungen aus, „... könnten wir Schwierigkeiten mit dem Trägheitsdämpfungs-Notsystem bekommen.“

„Wieso? Einen kleinen Flug mit den Manöverdüsen werden die Notsysteme doch wohl verdauen?!“, fragte Spencer stirnrunzelnd.

„Auch die Notsysteme sind beschädigt. Und wir müssen wenigstens drei Minuten konstant Schub geben“, gab Hwang zu bedenken.

Spencer überlegte kurz. „Wir versuchen es trotzdem. Bereiten Sie maximal möglichen Gegenschub vor.“

„Fertig!“ Sie hatte bereits alle notwendigen Vorbereitungen getroffen.

Spencer aktivierte das Intercom: „Spencer an DeFalco! Fertig?“

„Aber immer!“, kam die prompte, aber dieses Mal etwas zu fröhlich geratene Antwort DeFalcos.

Spencer atmete einmal tief durch und gab das Signal. „Los geht's!“

Hwang bestätigte und drückte den Startknopf.

Das Schiff begann leicht zu rütteln, als die Manövriertriebwerke gegen das treibende Schiff ankämpften, ein Nebeneffekt der maroden Trägheitsdämpfung. Spencer rümpfte die Nase. Das hörte sich wirklich nicht gut an, angesichts der Tatsache, dass auch es mit der Stabilität der Hülle nach dem Beschuss im Kampf nicht gerade mehr weit her war und bereits einige Brüche der Außenhülle durch Kraftfelder kompensiert wurden. Mit gemischten Gefühlen hielt er sich am Kommandosessel fest. Das Rütteln verstärkte sich.

„Was ist los?“ Spencer klang noch nicht besorgt, nur etwas ungehalten.

„Die Trägheitsdämpfung, Sir. Nicht gerade in Top-Zustand“, brummte Hellmann anstelle von Hwang, weil sie im Moment genug mit Kompensationsberechnungen zu tun hatte.

„Hält die Hülle das aus?“, fragte Spencer weiter.

„Laut DeFalco ja.“ Jetzt hatte Hwang geantwortet.

„Mhm“, brummte Spencer und sah jetzt leicht besorgt aus. Er wusste, dass DeFalco bei seinen Berechnungen grundsätzlich abrundete...

„Noch 30 Sekunden Schub, Sir!“, meldete Hwang mit einer Portion Erleichterung in der Stimme.

„Na also. Dann hat diese...“, begann Spencer, doch er wurde von einem leisen Krachen, begleitet von einem Schlingern und einem Energieabfall unterbrochen. „Stoppen Sie das Schiff!“ Die Beleuchtung fiel aus.

Hellmann meldete: „Feuer in Frachträumen 1 und 2!“

‚Die Frachträume!‘, fuhr es Spencer durch den Kopf. Die hatten sie total vergessen. Sie transportierten schließlich Frachtgüter für Coltar IV. Saatgut, Düngemittel, medizinische Hilfsgüter...

„Verdammt! Hellmann, checken Sie die Ladelisten. Wenn von dem Dünger oder den Medikamenten irgendetwas mit Feuer...“

Spencer wurde wieder unterbrochen, diesmal von Hellmann, der vorausahnte, worauf Spencer hinauswollte: „Die Medikamente sind kein Problem. Aber die Düngemittel können, wenn gemischt, hochexplosiv sein. Wir...“

Spencer unterbrach nun seinerseits Hellmann mit einem Ruf ins Intercom: „Spencer an Maschinenraum. Achtung! Explosionsgefahr in den Frachträumen 1 und 2! Ich wiederhole: Explosionsgefahr! Mr. Xuma, kommen Sie mit, Hwang, Sie haben die Brücke! Alles stopp!“, ordnete Spencer aufgeregt an und übersah dabei, dass er geradezum zweiten Mal den Stopp-Befehl gegeben hatte.

Er rannte mit Xuma aus dem Hilfskontrollraum in Richtung der Frachträume. Dort waren bereits DeFalco und zwei Shuttlepiloten damit beschäftigt, die Feuerlöschsysteme im Frachtraum zu aktivieren. Spencer wunderte sich für einen Moment, dann aber wurde ihm klar, dass die Ingenieure des Maschinenraums für die Energieleitungen gebraucht wurden und dass Sanchez auch immer eine Vorliebe dafür gehabt hatte, die Shuttlepiloten und Transportertechniker quasi als Hilfsingenieure einzusetzen. Noch während des Laufens rief Spencer: „Gerry, Frachträume versiegeln. Sofort!“

DeFalco drehte sich um: „Sir?“

„Na los!“ Spencer wurde noch lauter, eine ganz neue Erfahrung für ihn, aber auch für DeFalco. Dieser begann daraufhin hektisch die entsprechenden Bedienelemente auf der Konsole an der Wand zu berühren und meldete einige Augenblicke später: „Frachträume versiegelt!“

„Lage?“

„In Frachtraum 1 gab es einen Leitungsschaden durch Überbelastung und ein Feuer. Dann ist offensichtlich die Ladung oder so explodiert und hat die Trennwand zum Bersten gebracht. Das Feuer griff auf den zweiten Frachtraum über, die Feuerlöschsysteme sind ausgefallen. Wir versuchen...“

Ein weiteres, diesmal ohrenbetäubendes Krachen unterbrach DeFalco und einer der beiden Piloten wurde auf den Boden geschleudert, als die Konsole an der Wand Funken sprühte. Alarmsirenen ertönten zugleich.

Xuma, DeFalco und Spencer hatten sich instinktiv auf den Boden geworfen. Als die Explosionen vorbei waren, fragte Spencer: „Was ist los?“

DeFalco schaute auf den Monitor. „Die Hülle im Frachtraum ist beschädigt“, DeFalco starrte Spencer an: „Und die Kraftfelder halten nicht mehr lange!“

Spencer entschloss sich schnell: „Evakuieren Sie den Bereich, Mr. Xuma!“

„Ja, Sir!“ Xuma verließ hastig den Korridor, um von der Sicherheitszentrale aus die Evakuierung vorzunehmen.

Spencer atmete tief durch. „Was kommt denn als nächstes?“

„Willst du ‘ne Liste?“ DeFalco grinste Spencer an.

Spencer blickte an die versengte Decke. „Nein danke! Mir reichen schon die echten Hiobsbotschaften, da brauche ich nicht auch noch spekulative. Ich bin wieder oben!“ Spencer wandte sich um und machte sich wieder auf den Weg zur Hilfsbrücke, die von den Frachträumen aus gerechnet, gar nicht soweit ‚oben‘ war.

„Das war knapp“, sagte er, jetzt wieder ruhig, als er hereinkam.

Xuma kam kurz nach ihm und meldete: „Evakuierung der umliegenden Sektionen und Decks ist abgeschlossen. Es ging schnell, es sind ja alle im Dienst.“

„Gut.“ Spencer ließ sich in den Kommandosessel fallen, den Hwang sofort geräumt hatte, als er den Hilfskontrollraum betreten hatte.

„Wir treiben nur noch mit minimaler Geschwindigkeit. Wir könnten jetzt Sonden einfach hinauswerfen“, sagte sie.

„Wie denn? Die Transporter sind hinüber“, bemerkte Xuma.

„Wir könnten...“ begann Spencer, doch ein Ausruf Hellmanns unterbrach ihn: „Sir, die Kraftfelder in den Frachträumen brechen zusammen!“

Spencer aktivierte das Intercom: „Gerry!“

„Ich kann nichts tun! Die Energieleitungen für die Frachträume...“ sagte DeFalco, doch er brach ab. „Kraftfelder ausgefallen! Explosive Dekompression steht bevor!“ brüllte er.

„Spencer an alle: Festhalten!“ Er hoffte, dass dieser Satz nicht zur Routine für ihn wurde.

„Wir kriegen Schlagseite, Sir“, sagte Hwang zu allem Überfluss.

Das Schiff neigte sich, aber nicht so stark, wie er angenommen hatte, aber doch ein wenig bedrohlich. Auf der Brücke merkte man natürlich nichts davon, dafür sorgten die Schiffssysteme und das Fehlen von Schwerkraft im Weltraum, aber Spencer konnte die Daten auf seiner kleinen eigenen Konsole ablesen, die Daten darüber, dass die Cousteau keine gleichmäßige Ausrichtung mehr zum geplanten Kurs halten konnte.

Er hielt sich an seinem Sessel fest, und das keinen Moment zu früh, denn ein gewaltiger Ruck riss alle anderen von den Stühlen. Auch das Licht verlosch plötzlich nach kurzem Flackern.

Er gewährte den anderen einige Sekunden, bis sie sich wieder in ihre Stühle erhoben hatten und sagte sein übliches Wort: „Bericht!“

„Die Navigationskonsole hat wieder keine Energie!“ Hwang war wie üblich die Schnellste.

„Kommunikation ebenfalls!“ Das war H'Korr, nur ein wenig später, weil sie länger brauchte, um sich wieder auf ihren Platz niederzulassen.

Spencer blickte zu Xuma der noch am Boden lag. „Mir ist nichts passiert, aber warum soll ich aufstehen?“

Spencer richtete einen warnenden Blick auf ihn, bis er sich schließlich resigniert aufrichtete.

„Ich schalte auf Notbeleuchtung, die Hauptenergie ist wieder ausgefallen“, berichtete Hellmann. „Ich beanspruche Notenergie. Einen Augenblick bitte, Sir.“

Spencer entschied sich dafür, diesen Augenblick dazu zu verwenden, um den Maschinenraum zu rufen: „Spencer an Maschinenraum!“

„Hier DeFalco. Schlechte Nachrichten, Sir. Durch die Wucht der Dekompression ist die Backbordstrebe endgültig gebrochen. Wenn wir jetzt noch irgendein Manöver starten, kann uns theoretisch die gesamte Untertassensektion wegfliegen, wenn die Steuerbordstrebe ebenfalls nachgibt.“

Spencer vergrub zum zweiten Mal an diesem Tag das Gesicht in den Händen und erwiderte: „Auch das noch. Und im Moment?“

„Im Moment ist alles klar. Die innere Versiegelung der Frachtraumtüren hält, solange nichts verändert wird.“

„Gut, danke. Und wir brauchen Energie!“

„Wegen der gebrochenen Strebe muss ich einige Energieleitungen umleiten. In einigen Sekunden gibt's wieder Saft“, versprach DeFalco.

„OK. Spencer Ende.“ Er schloss den Kanal mit einem Anflug von Resignation.

Nach den versprochenen Sekunden wurde die Brücke wieder heller, die Notbeleuchtung wurde durch die Standardbeleuchtung ersetzt und die Konsolen bekamen ebenfalls wieder Energie.

Spencer atmete hörbar aus. „Hat noch irgendwer so etwas Positives zu berichten? Oder hat irgendwer einen Plan?“

Wie als Antwort fiepte das Intercom. „DeFalco an Brücke! Ich habe jetzt hier soweit alles im Griff. Es ist sonst nicht viel passiert. Nur zwei Verletzte, nach meinen Berichten. Vier Teams versiegeln im Moment die Bruchstelle manuell.“

„Bist du immer noch unabkömmlich da unten?“

DeFalco überlegte kurz. „Nee, nicht ganz. Wieso?“

„Weil ich gerne eine Konferenz zur Planung unserer nächsten Schritte abhalten würde.“

„Aber klar doch. Und wo?“

Jetzt überlegte Spencer. „Wir treffen uns in einer Viertelstunde. Und zwar im... Hm. Ja. Wo?“ Er war ratlos, da ja der übliche große Besprechungsraum auf Deck 1 direkt neben der Brücke nicht benutzbar war. Er durchlief im Geiste die Raumlisten des Schiffes, um einen anderen, entsprechend großen Raum zu finden, in dem das Treffen stattfinden könnte.

Hellmann schlug vor: „Was wäre mit Physiklabor 2?“

Spencer drehte sich um, sowohl ärgerlich, weil er in seinem Gedankengang unterbrochen worden war als auch überrascht, weil er ausgerechnet ein Labor vorschlug. „Wie kommen Sie denn auf die Idee?“

„Nun, Labor 2 wird gerade renoviert, das heißt, es wurde. Da ist genug Platz und liegt auf dem selben Deck wie der Hilfskontrollraum“, erklärte Hellmann. „Ich besorge auch Stühle.“

Spencer hatte inzwischen genügend Überraschungen an diesem Tag verdauen müssen und so kam es ihm auf diese eine auch nicht mehr an.

„Also gut. Physiklabor 2. Spencer Ende“, schloss er seine Unterhaltung mit DeFalco.

7

Logbuch der Cousteau, Commander Spencer, Nachtrag:

Der Versuch, das Schiff anzuhalten, hat einen Teil unserer Fracht zur Explosion gebracht, wodurch die Backbordstrebe gebrochen ist. Wir sind nun bewegungsunfähig und versuchen nun, Lösungen zu finden, um Hilfe zu rufen.

Spencer verfasste den Logbucheintrag und verließ dann ebenfalls die Hilfsbrücke in Richtung Physiklabor 2.

Er betrat den Raum und war überrascht, wie schnell das großflächige, aber ansonsten leere Labor in einen Konferenzraum verwandelt werden konnte, dank der tatkräftigen Hilfe einiger Fähnriche, die die Stühle aus ihren Quartieren spenden mussten und diese sowie einen Tisch in das Labor gebracht hatten. Er wählte seinen üblichen Stuhl vor Kopf und gab den Anwesenden Zeichen, sich zu setzen.

„Sie wissen sicher alle, was passiert ist, und wie es im Moment aussieht“, begann er ruhig. „Unsere oberste Priorität ist Kommunikation, oder, um es banaler auszudrücken: ein Hilferuf.“ Er scheute sich nicht, dieses Wort in den Mund zu nehmen, um jedem die Lage verständlich zu machen. „Wie sieht es damit aus?“

„Die Subraum-Kommunikationssysteme sind ausgefallen, und zwar irreparabel, so wie ich das sehe“, berichtete DeFalco. „Wir können keine Shuttles einsetzen, weil der Hangar im Moment nicht mit Luft gefüllt ist. Die Shuttles haben die Tür eingedrückt. Nebenbei brauchen wir die Hangartür im geschlossenen Zustand, um für nötige Stabilität zu sorgen. Wir können auch keine Sonden auswerfen, weil der Torpedoabschuss ausgefallen ist und die Transportersysteme nicht arbeiten.“

„Danke. Irgendwelche Vorschläge?“ Unwillkürlich sah er Müller an.

„Ich habe mir den Schlamassel im Hangar gründlich angesehen. Wir müssten die Türe von außen versiegeln, denn die Shuttles innen versperren den Weg, selbst wenn wir reinkämen. Wir können aber keinen Trupp nach außen schicken, weil wir zwar nur noch langsam durch den Raum driften, aber immer noch zu schnell, um am Schiff zu arbeiten. Shuttles können wir vergessen, solange wir nicht stoppen“, stellte Müller fest. „Was ist denn mit den Transportern?“

Spencer sah zu DeFalco, der ungefragt antwortete. „Es gibt unregelmäßige Schwankungen bei der Energiezufuhr. Die Transportertechniker arbeiten im Moment daran, aber Sisota meint, dass es schwierig werden wird, die Energie zumindest für Molekularauflösung wieder herzustellen und stabilisieren. Lebende Wesen wird der Transporter aber auf keinen Fall mehr transportieren können, jedenfalls nicht innerhalb von ein bis zwei Wochen.“

„Aha. Und was ist mit den Sonden und dem Torpedoabschuss?“, fragte Spencer.

DeFalco schüttelte den Kopf. „Der Torpedoabschuss ist vollständig zerstört. Da klafft ein mittelgroßes Loch in der Hülle, immerhin mit stabilen Kraftfeldern.“

„Können wir die Sonden nicht einfach aus dem Schiff werfen? Genug Hüllenbrüche hätten wir ja?“, überlegte Xuma.

„Hm. Sie meinen, wir schicken Teams mit Lebenserhaltungsgürteln in eine beschädigte Sektion, versiegeln die Türe, schwächen die Kraftfelder und werfen die Sonde hinaus?“, fragte Spencer, der sofort begriff, was Xuma meinte. Dieser nickte.

DeFalco erhob sich leicht von seinem Stuhl. „Ich bin froh, dass ich die verdammten Kraftfelder endlich stabil habe. Soll ich die jetzt wieder mutwillig schwächen?“, fragte er ereifert.

Spencer blieb ruhig und sagte knapp: „Ja. H'Korr, wie sieht's denn mit Kurzstreckenkommunikation aus? Wir müssen die Sonden ja per Funk ansprechen, da wir sofort von ihnen wegdriften.“

„Der funktioniert größtenteils. Wir müssten vielleicht einige Kommandos mehrfach schicken, aber darauf kommt es wohl nicht an.“ Auch bei ihr machte sich inzwischen Mutlosigkeit breit, so musste Spencer feststellen. Kein gutes Zeichen, aber das Überleben aller war im Moment wichtiger als die Moral der Crew, so entschied er für den Moment.

„Gerry, was hältst du von Mr. Xumas Vorschlag?“

DeFalcos Mundwinkel zuckten unschlüssig. Er brauchte einige Sekunden, bis er eine Antwort gab. „Ich brauche dazu erst die genauen Daten der einzelnen Bruchstellen, die Stabilitätsparameter und so weiter, bevor wir überhaupt anfangen können. Vielleicht müssen wir auch erst alle Bruchstellen mit stabilem Draht sichern, was weiß ich...“

„Dann fang' an! Je schneller, je besser“, sagte Spencer knapp und schaute in die Runde. Er war jetzt nicht in der Stimmung für DeFalcos Witze.

„Dann bliebe nur noch zu klären, welche Sonden wir hinausschicken. Lt. H'Korr?“

„Mein Vorschlag wäre eine Klasse VI Commsonde als externer Subraumrelaisersatz und eine Klasse IX Sonde, die wir zur Sternenbasis 53 schicken.“

Er schaute erwartungsvoll und zustimmend in die Runde, DeFalco nickte.

„Also los geht's!“, bestimmte Spencer. „In einer Stunde will ich spätestens Ergebnisse sehen, die Zeit ist knapp! Das wär's.“ Er schloss die Konferenz und machte sich mit Hwang und Hellmann auf den Weg zurück zur Hilfskontrolle. Xuma bereitete zusammen mit DeFalco den Auswurf der Sonden vor und H'Korr übernahm deren Konfiguration.

„Mr. Hellmann. Stellen Sie mir doch mal einen umfassenden Schadensbericht zusammen“, ordnete Spencer nach kurzer Zeit an, nicht gerade auf die freundlichste Art und Weise.

„Wird sofort erledigt, Sir“, sagte Hellmann prompt, der sich nichts anmerken ließ und begann, den Computer und den Maschinenraum nach den Schäden und deren Ausmaß zu befragen.

Spencer setzte sich wieder mit einem leichten Brummen hin, er schien im Moment nicht die allerbeste Laune zu haben, was auch nicht weiter verwunderlich war. Der nächste Anruf vom Maschinenraum war auch nicht dazu geeignet, diese Laune zu heben.

„Ja. Spencer hier. Was gibt's denn jetzt schon wieder, Gerry?“

„Captain, ich glaube, wir verlieren Atemluft!“, rief er aufgeregt.

„Wie bitte?“, fragte Spencer in einem ungläubigen Ton.

„Ich habe einen 0.02 prozentigen Druckabfall im ganzen Schiff festgestellt.“

Nach dieser Aussage hellte sich Spencers Miene wieder auf und zuckte die Achseln, eine bei einem Intercomgespräch nicht so ganz wirkungsvolle Taktik. Auch sein Ton war jetzt wieder ruhiger. „Ja und? Eine minimale Fehlfunktion der Umweltkontrollen? Die Luft, die wir in den Millisekunden vor dem Errichten der Kraftfelder bei den Hüllenbrüchen verloren haben? Die Luft, die bei den Explosionen chemisch umgesetzt wurde? Wo ist das Problem?“, spekulierte er fleißig.

DeFalco ließ sich nicht überzeugen. „Es kann aber auch eine Fehlfunktion in den Kraftfeldern sein, durch die ständig Luft entweicht.“

„Richtig. Und warum checkst du das nicht?“, fragte Spencer gespielt vorwurfsvoll.

„Habe ich schon. Dreimal. Alle möglichen Kraftfeldparameter sind in Ordnung“, antwortete DeFalco mit ebenfalls gespielter Entrüstung.

„Ja also. Also verlieren wir keine Luft“, folgerte Spencer.

„Mmpf.“ DeFalco grunzte und schloss den Kanal.

Spencer lehnte sich zurück, schüttelte den Kopf und atmete tief aus. ‚Sieht Gerry jetzt schon Gespenster?‘, fragte er sich.

Kurz danach kam ein neuer Anruf via Intercom.

„Hier Xuma. Wir sind jetzt soweit, um die Sonden abzusetzen.“

„Gut. Wo sind Sie?“

„Bei den Frachträumen. Sektion 3, um genau zu sein.“

„Ich komme sofort. Hwang, Sie haben die Brücke. Hellmann, wenn ich wiederkomme, ist der Bericht fertig“, knurrte Spencer, beendete die Intercomverbindung, schwang sich aus seinem Sessel und verließ die Hilfsbrücke.

Hwang erhob sich von ihrer im Moment sowieso nutzlosen Flugsteuerungskonsole und ließ sich im Kommandosessel nieder, der ihr allerdings auch nicht komfortabler als die übrigen Sitzgelegenheiten auf der Brücke erschien.

„Was ist denn in den gefahren? Der hängt ja heute richtig den Kommandanten raus?!“, brummte sie. Sicherheitshalber hatte sie nach dem abschließenden Zischen der Lifttüren hinter Spencer einige Sekunden verstreichen lassen.

Hellmann grinste. „Rate doch mal, Kim. Sieh' dich einfach um, dann weißt du Bescheid“, sagte er, ohne die Arbeit an seiner Konsole zu unterbrechen.

„Ich weiß. Ich musste einfach etwas sagen. So wortlos hier rumzusitzen, unter diesen Umständen...“


Währenddessen sprintete Spencer zur von Xuma angegebenen Sektion. Fünf Leute waren vor der Frachtraumtür in Warteposition gegangen, Xuma und DeFalco standen an der nächsten Wandkonsole bereit.

„So, was habt ihr denn da ausgebrütet?“, fragte Spencer.

„Also: Wir haben eine Kommunikationssonde und eine Warpsonde mit Antigravs ausgestattet. Fünf Leute mit Lebenserhaltungsgürteln sind bereit, vier für die Sonden und einer zum Aufpassen. Wir werden die Türe luftdicht abschließen und langsam die Stärke des Kraftfelds verringern. Wenn das Kraftfeld schwach genug ist, werden die beiden Sonden durch den Hüllenbruch hinausgeworfen. Danach wird der Raum wieder unter Druck gesetzt und die Leute können wieder rauskommen. Vor Unfällen werden wir durch ein weiteres Kraftfeld geschützt“, antwortete Xuma.

„Hört sich gut an, beginnen Sie!“, stimmte Spencer zu und zeigte sich zufrieden, besonders wegen des recht sicheren Aufbaus der Aktion.

Xuma gab das erwartete Zeichen und die fünf bereitstehenden Offiziere schnappten sich die Sonden, die dank Antigraveinheiten ohne Probleme transportiert werden konnten und betraten die nächste Sektion des Flurs.

Xuma aktivierte die beiden Kraftfelder auf dem Flur links und rechts der Frachtraumtür, so dass das Sondenteam quasi von Kraftfeldern eingeschlossen war. Danach öffneten sie manuell die Türe zum Frachtraum, der inzwischen wieder mit Luft gefüllt war und traten in ein ziemliches Chaos, denn die Explosion der vermischten Düngemittel hatte von der restlichen Ladung, wie eigentlich vom gesamten Frachtraum nicht mehr allzu viel übrig gelassen.

Auf der der Tür gegenüberliegenden Seite klaffte ein gewaltiges Loch in der Außenhülle; über eine Breite von zwei, drei Metern war von oben bis unten nur der Weltraum zu sehen, die Enden der Bordwand auf beiden Seiten waren gezackt, alles in allem ein sehr bedrohlicher Anblick. Die Tatsache, dass die fünf im Raum nur von einem Kraftfeld vor der Kälte des Weltraumes geschützt wurden, machte die Sache nicht besser.

Fähnrich Dercoux aus der Sicherheitsabteilung prüfte den Raum sorgfältig mit einem Tricorder, bevor er mit seinem Phaser vorsichtig einige Trümmerteile vaporisierte, die den Zugang zur geborstenen Außenhülle behinderten. Er gab den vier übrigen Sondenschleppern ein Zeichen, auf das sie ihre Lebenserhaltungsgürtel aktivierten. Er selbst tat es ihnen gleich.

„Dercoux an Xuma: Wir sind soweit. Die Türe kann versiegelt und die Atmosphäre abgepumpt werden.“

Xuma sah Spencer an, der zufrieden nickte. Xuma begann, die Eingangstüre luftdicht abzuschließen und pumpte langsam die Atmosphäre aus der Frachtkammer.

„Xuma an Dercoux. Alles OK?“

Dercoux stand an der Intercomstation im Frachtraum. „Hier Dercoux. Das Intercom funktioniert auch ohne Luft hier. Ansonsten ist alles klar. Wir sind bereit!“

„Wir verringern jetzt die Kraftfelder“, sagte Xuma und machte DeFalco Platz an der Konsole, damit dieser langsam die Intensität der Kraftfelder soweit verringern konnte, dass die Sonden, ohne die Stabilität des Schiffes zu gefährden, die Kraftfelder durchbrechen konnten.

Nach kurzer Zeit war er soweit. „DeFalco an Dercoux. Die Kraftfelder sind jetzt geschwächt. Schafft die Sonden raus und zwar schnell! Allzu lange will ich die Hülle nicht belasten! Duranium ist auch nicht das, was es einmal war.“

Dercoux bestätigte und gab den vier Sondenschleppern ein Zeichen. Nacheinander traten die beiden Teams, die die Sonden trugen, vor das in der Wand klaffende Loch. Sie gaben den Sonden, die dank der Antigraveinheiten mühelos zu bewegen waren, einen leichten Schubs, woraufhin die Sonden das Kraftfeld mit einem leichten Knistern durchbrachen. Sie trieben vom Schiff weg durch den Raum, weil einerseits die Cousteau ohnehin durch den Raum driftete, andererseits aber die Sonden auch einen gewissen Schwung von dem Schubser mitbrachten und diesen im Weltraum bekanntlich nie verloren.

„Dercoux an DeFalco. Die Sonden sind draußen. Wir sind fertig.“

„Danke.“ DeFalco reaktivierte die Kraftfelder, überließ es Xuma, die übrigen Kleinigkeiten, wie atmosphärischen Druck und die Wiederöffnung der Türe, zu arrangieren und entschwand in Richtung Maschinenraum, um den Fortgang der laufenden Reparaturen zu überwachen.

„Sie können jetzt die Gürtel deaktivieren und herauskommen“, informierte Xuma Dercoux, nachdem er die ursprünglichen atmosphärischen Verhältnisse im Frachtraum wieder hergestellt hatte.

„Dercoux bestätigt!“, antwortete er. Xuma wandte sich zu Spencer um. „Das war's. Die Show ist vorbei, Captain!“

„Gute Arbeit, Xuma. Das lief ja alles sehr glatt!“ Spencer kehrte wieder auf die Hilfsbrücke zurück.

Als er hereinkam, hatte er den Eindruck, als wären Hwang und Hellmann bei seinem Eintreten plötzlich verstummt und sah sich kurz verdächtigend um, bevor er fragte: „Ist irgendwas? Konnte ich euch wirklich hier alleine lassen?“

Hellmann schüttelte den Kopf und antwortete: „Nichts Besonderes, Sir“, während Spencer bei Hwang den Eindruck hatte, als wäre sie gerade vollauf damit beschäftigt, sich ein Lachen zu verkneifen.

„Na dann“, brummte Spencer, „Na dann lassen Sie mich mal wieder da sitzen, wo ich hingehöre“, richtete er an Hwangs Adresse.

Als sie Spencers Sessel geräumt und er Platz genommen hatte, folgte ein mürrisches: „Und? Bericht fertig?“ in Richtung Hellmann.

„Ja, Sir“, antwortete er vorschriftsmäßig und unterließ es rücksichtsvoll, noch so etwas wie einen Kommentar hinzuzufügen.

Spencer nahm in dankend durch seine Konsole entgegen und überflog ihn. Er nahm nichts Neues und Wesentliches zur Kenntnis, und war recht froh darüber, keine neuen Hiobsbotschaften mehr verkraften zu müssen. Offensichtlich hielten die Überreste seines Schiffes jetzt endlich ohne weitere Probleme zusammen und er fühlte sich gleich, ein wenig zwar nur, doch immerhin, besser.

H'Korr kam auf die Brücke und ließ sich an ihrer Station nieder. Spencer drehte sich um und fragte: „Alles klar mit den Sonden?“

Sie nickte und begann, durch den wieder hergestellten Funk Kontakt mit den Sonden aufzunehmen.

„Kontakt steht, Sir!“

„Gut, dann bestücken Sie die Klasse IX Sonde mit unserem Logbuch sowie dem aktuellen Schadensbericht und schicken Sie sie mit einer Bitte um schnellstmögliche Abholung zur Sternenbasis 53! Und versuchen Sie mal mit Hilfe der anderen Sonde, etwas Aktuelles aufzufangen. Kann ja schließlich sein, dass die Föderation inzwischen im Krieg mit den Cardassianern liegt...“

„Aye, Sir“, bestätigte H'Korr.

Hwang drehte sich erschrocken zur Seite und auch Hellmann schien zu erstarren. „Glauben Sie das wirklich, Sir?“, fragte sie.

Spencer schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Allerdings gehe ich immer gern vom Schlimmsten aus. Warten wir's ab“, versuchte er, die unbedachte Wirkung seiner Worte abzuschwächen. Daraufhin schienen sich sowohl Hwang als auch Hellmann wieder zu beruhigen.

H'Korr meldete sich wieder: „Die eine Sonde ist unterwegs, Sir. Sobald ich irgendetwas mit der anderen Sonde auffange, melde ich mich.“

„Warum rufen wir denn Sternenbasis 53 nicht direkt?“, fragte Hwang.

„Wie gesagt, ich gehe immer vom Schlimmsten aus. Und wenn der Kriegsfall wirklich eingetreten wäre, säßen wir hier auf dem Präsentierteller. Sie müssten nur die Subraumnachricht abfangen und dann wären wir geliefert.“

„Wenn sie unsere Notfallsonde abfangen, aber ebenfalls“, bemerkte Hellmann.

„Sicher. Das Abhören von Subraumnachrichten ist aber immer noch einfacher, als das Abfangen und Decodieren des Inhaltes einer nebenbei mit Warp 8 fliegenden Sonde“, antwortete Spencer. „Und irgendwas müssen wir ja tun.“

Die letzten Worte sprach er, während die Eingangstüren auseinander glitten und DeFalco hektisch eintrat.

„Oh ja!“ antwortete er auf den letzten Satz Spencers. „Der Druckabfall hat sich auf 1,1% verstärkt. Wir verlieren definitiv irgendwo Atemluft! Und ich habe keine Ahnung, wo!“

8

Logbuch der Cousteau, Commander Spencer: Nachtrag:

Eine Sonde konnte gestartet werden, um Hilfe zu holen, während wir durch eine weitere Sonde Subraumnachrichten senden und empfangen können. Unser zeitweiliger Chefingenieur DeFalco ist auf der Suche nach einem Miniaturleck in der Außenhülle, durch das wir konstant Atemluft verlieren, das vom Schiffscomputer und den internen Sensoren aber bisher nicht wahrgenommen worden ist.

Spencer wollte noch mehr hinzufügen, entschied sich aber diese Details nicht im Logbuch, sondern in seinem späteren Bericht zu erwähnen. Dazu gehörte, dass er eigentlich die Alarmstufe Rot beenden könnte, um auf Alarmstufe Gelb zu gehen, weil eine direkte Bedrohung durch Feinde oder Schäden nicht mehr bestünde. Er beließ sie aber trotzdem in Kraft, um auf die mögliche Gefahr durch schleichenden Luftverlust ständig aufmerksam zu machen.

Ihn beruhigte auch nicht, dass Ingenieurteams im Moment das gesamte Schiff Deck für Deck und Sektion für Sektion auf dieses Problem hin untersuchten und dass Fähnrich Berger zusammen mit anderen Mitgliedern der Wissenschaftsabteilung die internen Sensoren zur Fehlersuche auseinander nahm und parallel an einem neuen Verfahren zum Aufspüren dieses Lecks arbeitete.

Trotz all diesen Widrigkeiten konnte er jetzt zum ersten Mal wagen, die Ereignisse der letzten Stunden vor seinem inneren Auge Revue passieren zu lassen. Er war stolz, gleichsam überrascht und auch froh, dass seine Crew diesen schlimmen Kampf und seine Folgeerscheinungen und die permanente Bedrohung ihrer aller Leben bisher ohne größere Probleme verkraftet hatte. Für viele der Crew war es der erste Kampf, die erste Raumnot und auch das erste Mal, dass ihr Leben direkt bedroht war. Spencer hatte befürchtet, dass zumindest einige, jüngere Mitglieder in einem solchen Fall nicht die vollkommene Ruhe bewahren könnten und war froh, dass das bisher nicht eingetreten war.

Eigentlich mussten Sie jetzt nur noch abwarten, dass die Notfallsonde auf der Sternenbasis einträfe und sie ein Rettungsschiff schickten. Das Problem bestand nur darin, dass, bevor ein Schlepper die Cousteau abtransportieren könnte, zuerst die diversen Schäden an der Außenhülle und die geborstene Backbordstrebe repariert werden mussten. Voraussetzung dafür war wiederum, die Cousteau anzuhalten, eine Aktion, die wiederum wegen des kritischen Hüllenzustands problematisch werden würde. Der Gedanke an Rettung gefiel Spencer, der an die ganzen Vorbereitungen für die Rettung weniger. Am liebsten wäre ihm gewesen, die ganze Situation per Knopfdruck wieder in den Urzustand versetzen zu können, eine Illusion, der er sich allerdings nicht lange hingeben wollte.

Er stellte fest, dass er während all dieser Überlegungen nahezu regungslos in seinem Kommandosessel auf der Hilfsbrücke gesessen und auf den Hauptschirm gestarrt hatte. Er schüttelte sich und versuchte, sich wieder zu konzentrieren. Jetzt war nicht der Zeitpunkt für Resümees und ausschweifende Gedanken, noch nicht. Erst wenn...

‚Nicht schon wieder abschweifen! Was ist denn los mit mir?‘, zwang sich Spencer zur Konzentration und gab sich kurze Zeit später die Antwort: ‚Ich bin erschöpft und mit den Nerven fertig, wie eigentlich alle hier.‘

Er wandte sich wieder dem regulären Schiffsbetrieb zu, indem er aufstand und eine kleine Runde über die Brücke drehte.

„Schon was Neues, H'Korr?“, fragte er. Sie verneinte.

„Und Fortschritte von DeFalco und Berger?“, fragte er weiter, diesmal Hellmann, der aber auch verneinen musste.

Spencer setzte sich wieder und Hwang drehte sich zu ihm. „Und mich wollen Sie nichts fragen, Sir?“

Spencer rang sich unvermittelt ein kleines Lächeln ab. „Nein. Sie können ja im Moment nichts tun. Oder doch?“, fragte er wie im Selbstgespräch und fuhr dann fort: „Ja, doch. Sie ruhen sich jetzt ein wenig aus und übernehmen pünktlich zur zweiten Schicht. Ich denke, dass ich dann soweit bin, dass ich vom Stuhl falle.“

Hwang stand auf und schien überrascht. „Danke, Sir!“ rief sie fröhlich. „Bis gleich!“ und rauschte geradezu von Brücke.

Spencer sah ihr nach. „Was ist denn in die gefahren?“, brummte er vor sich hin und niemand war sich sicher, ob sein Ausspruch dazu gedacht war, dass man ihn hören konnte.

H'Korr schmunzelte und Hellmann erinnerte sich daran, dass Hwang genau dasselbe vor ein paar Stunden über Spencer gesagt hatte. Er sprach das natürlich nicht aus, weil er Spencer noch nicht so gut kannte und nicht wusste, wie er reagieren würde.

Dieser hatte sich gerade wieder hingesetzt und überlegte sich, ob er jetzt den Schadensbericht Hellmanns in Ruhe durchsehen sollte, als sich plötzlich das Intercom meldete.

„DeFalco an Brücke!“

„Ja. Brücke. Spencer hier. Was gibt's, Gerry?“ Spencer war schon wieder auf eine neue drastische Unglücksnachricht von seinem Freund und vorläufigen Chefingenieur vorbereitet.

„Captain, Druckabfall jetzt auf 2.2% unter normal.“

Spencer kratzte sich am Kopf. „Aha. Und wo?“

„Weiß nicht. Musst du Berger fragen. Meine Ingenieurteams finden nichts.“

„Na klasse. Wie weit sind die denn?“ Spencer wusste selbst nicht genau, ob er DeFalcos Tonfall einfach nur angenommen hatte, oder ihn nachzuahmen oder zu parodieren versuchte. DeFalco ließ sich jedenfalls nichts anmerken.

„Die Suche auf der Untertassensektion ist abgeschlossen und läuft gerade auf dem obersten Deck der Sekundärhülle. Sie müssten gleich bei dir vorbeikommen.“

„Mhm. Und melde dich erst wieder, wenn du irgendwas hast, ja? Spencer Ende.“ Er schloss den Kanal und spielte mit dem Gedanken, Fähnrich Berger bei seiner Arbeit so zu stören, genauso wie DeFalco ihn, na ja, gestört hatte.

Nach einigen Sekunden Entscheidungsprozess betätigte Spencer tatsächlich den Intercomknopf für den Computerraum.

„Spencer an Berger!“

„Berger hier!“

„Schon was Neues?“

„Eigentlich nicht, Sir, aber...“

Spencer erlebte einen der seltenen Momente, Fähnrich Berger so in Unsicherheit zu erleben, dass er einen Satz mittendrin unterbrach.

„Was ist denn los, Fähnrich?“ Spencer ließ sich nicht viel anmerken.

„Die internen Sensoren funktionieren immer noch nicht, obwohl die Diagnosesysteme keine Schäden melden.“ Berger machte eine Pause.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Spencer.

„Ich habe die Brücke scannen lassen und erhielt zehn tellaritische Wölfe als Besatzung“, sagte er ernst.

Spencer war ebenfalls nicht nach Scherzen zumute. „Nicht gerade die Standardbesatzung. Und?“

„Wir könnten eine alte Vorgehensweise zum Aufspüren von Miniaturlecks verwenden: Luftstromer.“

„Luft-was?“

„Luftstromer, Sir. Große und auffällige heliumgefüllte Treibballons. Wenn wir sie in den Gängen und die Jeffries-Röhren aussetzen, werden sie durch den Luftzug langsam auf das Leck zusteuern. Dort, wo sich viele ansammeln, ist das Leck zu vermuten.“

Spencer nickte, was bei einem Intercomgespräch ebenso wirkungslos war, wie das Achselzucken bei seinem Gespräch vorhin bei DeFalco. „Ich erinnere mich. Sie wurden auf den ersten Raumstationen eingesetzt, um langsam auf schleichenden Luftverlust aufmerksam zu machen. Das einzige, was mir daran nicht gefällt, ist das Wort langsam. Für jede Art der Optimierung wäre ich dankbar. Und auch für jede andere, Vertrauen erweckendere Methode zum Aufspüren dieses Lecks.“

„Für Optimierung sehe ich auf Anhieb keine Möglichkeit, da ein herkömmlicher Treibballon nach den einfachen Naturgesetzen funktioniert. Vielleicht könnte ich einen modifizierten Anti-Gravitonenemitter, eine Art abgeschwächten Antigrav, einsetzen. Allerdings könnte dadurch das Ergebnis verfälscht werden“, überlegte Berger laut hin und her.

„Die Details dieses Problems überlasse ich Ihnen, Fähnrich! Tun Sie, was sie für richtig halten und beginnen Sie dann mit der Prozedur. Und lassen Sie trotzdem die Teams an den internen Sensoren. Vielleicht gibt es ja noch etwas Besseres. Und sprechen Sie sich mit DeFalco ab!“

„Danke, Sir. Mit ihrer Genehmigung kann die Sicherheitsabteilung die Verteilung der Luftstromer übernehmen.“

„Ja, genehmigt. Spencer Ende.“ Spencer schloss die Verbindung und war froh darüber, Berger bei der Arbeit gestört zu haben. Er führte die vorhin abgebrochene Überlegung fort, ob er den Schadensbericht jetzt durchsehen sollte. Er entschied sich schließlich dafür und wartete bei der Lektüre auf neue Nachricht.

Das Intercom meldete sich nach einiger Zeit. „DeFalco an Brücke!“

„Brücke, Spencer hier! Was gibt's?“ Spencer fragte sich, ob er sich freuen sollte oder nicht.

„Das Zeug von Berger funktioniert tatsächlich! Es scheint einen schwachen Luftstrom auf Deck 11 zu geben! Jedenfalls spielen die Dinger da verrückt. Da muss irgendwo das Leck sein.“

Spencer entschied sich dafür, sich zu freuen. „Na also!“ Deck 11, das unterste Deck enthielt nur diverse Hilfskontrollen und Subsysteme. Zu Spencers Beruhigung waren die meisten Antimateriecontainer, die üblicherweise auf diesem Deck aufbewahrt wurden, leer, da die Antimaterie bereits verbraucht war.

„Und die Tricorder?“ fragte er weiter.

„Zeigen nichts an.“

„Wie? Zeigen nichts an?“ Spencer war verwirrt.

„Nichts. Die Ballons treiben über den Boden und die Tricorder melden: Alles in Ordnung.“

„Da stimmt doch was nicht. Wer ist im Moment da unten? Und wo seid ihr?“

„Sektion 3C. Ich bin da!“, antwortete DeFalco mit gespielter Entrüstung. „Mit Jakobs und Asenzi. Das restliche Deck haben wir vorsorglich geräumt.“

„Gut, ich komme sofort runter.“ Spencer klang entschlossen. Er schickte Berger ebenfalls dorthin und beorderte Hwang auf die Brücke, um das Kommando zu übernehmen. Solange weiterhin noch Gefahr für die Cousteau bestand, wollte er einen kommandoerfahreneren Offizier auf der Brücke, als es H'Korr, die weiterhin nach Funksprüchen Ausschau halten sollte, oder gar Hellmann wären.

Ohne auf sie zu warten, eilte er sofort zur angegeben Sektion und sah, oder besser gesagt, hörte auch schon von weitem Berger und DeFalco in einer lautstarken Diskussion, eine Art der Verständigung, die bei DeFalco öfter vorkam. Die Sicherheitswächter Asenzi und Jakobs standen dabei und machten erst gar keine Anstalten, sich einzumischen oder gar zu Wort zu melden.

Spencer stellte sich neben die beiden Erstgenannten, die ganze fünf Sekunden brauchten, bis sie Spencer überhaupt bemerkten. Berger brach abrupt ab und versuchte, Haltung anzunehmen, bis ihm wieder einfiel, dass Spencer auf solche Traditionen nicht allzu viel Wert legte, nicht einmal, wenn Vorgesetzte zugegen waren. Also drehte er sich nur zu ihm um, DeFalco tat es ihm gleich.

„Also?“, richtete Spencer die Frage sowohl an DeFalco als auch an Berger.

Berger nahm sich die Freiheit, an DeFalcos Stelle zu antworten. „Die Tricorder reagieren nicht, aber sehen sie selbst!“ Berger wies auf eine Stelle im Fußboden, wo zwei der Ballons unregelmäßig, aber stetig um eine Position strudelten.

Spencer runzelte die Stirn und musterte die Stelle. „Geben Sie mir mal den Tricorder!“ Er riss ihm den Tricorder ungestüm aus der Hand und bearbeitete ihn, erhielt doch ebenfalls keine Daten.

„Ich schlage vor, unseren Augen mehr zu trauen, als den Tricordern. Was könnte die Ursache für das Versagen des Tricorders sein?“

„Vielleicht Strahlung, die hier irgendwo austritt oder eine andere Interferenz“, überlegte DeFalco. „Ich konnte aber nichts finden.“

„Vielleicht gibt es einfach hier kein Loch in der Außenhülle“, gab Berger zu bedenken.

„Aha. Und was bitte, ist das da?“ DeFalco trat aus Spaß gegen einen der bunten Luftstromer.

Spencer blickte ihn mürrisch an, als sich plötzlich das Intercom meldete.

„Brücke an Spencer! Dringend!“

„Spencer hier. Was denn jetzt schon wieder?“

„Asteroiden, Sir! Asteroiden im Anflug!“, meldete Hwang aufgeregt.

„Auch das noch! Ich bin sofort oben!“ Spencer sagte immer noch aus Gewohnheit ‚oben‘, obwohl sich die Hilfsbrücke auf dem obersten Deck der Sekundärhülle, und sich also eher in der Mitte des Schiffes als oben befand. „Und ihr geht wieder auf eure Posten“, fügte er hinzu.

Er rannte zum Turbolift und befahl diesem ‚Maximale Geschwindigkeit‘, woraufhin der Lift mit atemberaubender Geschwindigkeit nach oben schoss. Auf der Brücke angekommen, setzte er sich nicht erst gar nicht, sondern bellte sofort: „Bericht!“

„Sir, es treiben einige Asteroiden treiben auf uns zu!“, antwortete Hellmann nervös.

„Ein Asteroidenfeld? Generalkurs? Kollisionskurs?“

„Nur versprengte Asteroiden. Wir treiben auf jeden Fall hindurch, wir haben aber noch keinen direkten Kollisionskurs ausmachen können. Sie kommen jedenfalls von unten.“

„Zeit bis zum Zusammentreffen?“

„Ein oder zwei Minuten.“

Spencer blickte Hellmann warnend an. „Noch genauer geht's nicht?“ und ohne auf die Antwort zu warten. „Auch egal. Lassen Sie Decks 10 und 11 räumen und zwar vollständig! Notfallabwurf aller Antimateriekapseln!“

Deck 11 enthielt nicht viel von Belang, auf Deck 10 gab es jedoch weitere Frachtkammern sowie einige Speziallabors, aus denen auf die Schnelle alle wertvollen Ausrüstungsgegenstände, soweit möglich, entfernt werden mussten.

Spencer hatte die Entscheidung getroffen, alle noch an Bord befindlichen Antimateriekapseln jetzt abzuwerfen. Dadurch riskierte er zwar einen Zusammenstoß einer Kapsel mit einem Asteroiden, was zwar eine verheerende Explosion auslösen würde, aber er wollte andererseits auf keinen Fall riskieren, die Antimaterie an Bord zu haben, sollte ein Asteroid mit der Cousteau kollidieren.

„Antimaterieabwurf eingeleitet! Auswurf in 30 Sekunden!“, meldete Hellmann, jetzt gewann die Routine wieder Überhand gegenüber der Nervosität.

„Danke“, sagte Spencer nur und setzte sich endlich.

„Hwang, was ist mit den Schilden? Oder mit dem Antrieb?“

„Schilde sind auf Minimum stabil, Antrieb ist keiner verfügbar“, sagte sie knapp.

„Leiten Sie die maximale Energie auf die unteren Schilde um. Hellmann, schon neue Daten?“

Hwang bestätigte und Hellmann schüttelte den Kopf.

„Blickrichtung nach unten für Hauptschirm“, beendete Spencer seinen Kommandoreigen.

Hellmann schaltete entsprechend und die Asteroiden waren zu sehen, wie sie in Richtung des Betrachters zu driften schienen.

Xuma kam auf die Brücke. „Sir, Decks 10 und 11 soweit geräumt, wie eben möglich“, meldete er.

„Was auch immer das heißen mag...“, brummte Spencer verstimmt wegen ihrer Handlungsunfähigkeit oder in anderen Worten, ihrer Hilflosigkeit. Xuma verschwand kommentarlos wieder von der Brücke.

Spencer starrte auf den Hauptschirm und auf die Asteroiden. Sie hatten, bevor sie versucht hatten, vor dem Spähschiff zu fliehen, versäumt, sich ausgiebig über die Gegend zu informieren, durch die sie geflogen waren. Er konnte sich nicht einmal an den Namen des Planetensystems, in dem sie gekämpft hatten, erinnern. Genauso wenig wussten sie, dass es hier ein kleineres Asteroidenfeld gab. Wenn Sie es vorher geahnt hätten, hätte der Impulsantrieb Reparaturpriorität bekommen und nicht so läppische Dinge wie Kommunikation oder Ähnliches.

„Sir, wir haben drei potenzielle Kollisionskandidaten ausgemacht. Einzelheiten folgen“, sagte Hellmann ruhig.

Spencer wirbelte herum. „Auf den Schirm, vergrößern und markieren.“ Er wusste gerne, mit wem er es zu tun hatte, und wenn es auch nur größere Felsbrocken waren.

Der Bildschirm zeigte nun drei Asteroiden, in der Mitte einen kleineren relativ nahe und links zwei recht stattliche Exemplare, die noch ein Stück weiter weg waren.

„Sicht zentrieren“, sagte Spencer.

„Sicht ist bereits zentriert“, entgegnete Hellmann. Spencer drehte sich zu ihm um, sah ihn an und verstand. Wenn die Sicht zentriert war, dann hieß das, dass die beiden links vermutlich links am Schiffsboden vorbeisteuerten und dass der eine in der Mitte das Schiff wahrscheinlich treffen würde.

„Mehr Daten!“ Spencer wurde langsam ungeduldig.

„Gleich, Sir!“ Hellmann sprach noch mit dem ‚Beobachtungsposten‘ im Schiff, wo drei Leute in den sechs verschiedenen Richtungen auf ihren Sichtschirmen Ausschau hielten.

„Ich habe jetzt neue Daten! Die beiden anderen können wir vergessen, aber der mittlere wird treffen!“, rief Hellmann aufgeregt nach wenigen Momenten.

Spencer reagierte sofort.

„Alarmsirenen!“ Alarmstufe Rot war seit dem Kampf durchgängig in Kraft, jetzt musste er durch Sirenen auf die neue Gefahr aufmerksam machen.

Er sprach zum Intercom: „Spencer an alle! Auf Kollision vorbereiten!“

„Ab jetzt regelmäßige Zeitansage!“, wies er Hellmann an.

„Ja, Sir“, bestätigte dieser und beeilte sich, neue Daten zu bekommen. „Aufprall in 30 Sekunden!“

Spencer verzichtete darauf, die einzelnen Parameter, wie Anflugrichtung, Anfluggeschwindigkeit usw. zu erfragen. Sie hatten alles Mögliche getan, um die Auswirkungen einer Kollision zu mindern und jetzt blieb einfach nur noch das Abwarten.

„Aufprall in 10 Sekunden!“

Spencer hielt sich mit beiden Händen am Kommandosessel fest, die übrigen Brückenoffiziere taten es ihm gleich.

„Aufprall in 5 Sekunden!“

Nach den versprochenen fünf Sekunden kollidierte der Asteroid mit der Cousteau, genauer gesagt, mit der Schiffsunterseite. Obwohl er sich in kosmischen Dimensionen sich sehr, sehr langsam durch den Raum bewegte, war er doch schnell genug, um der Cousteau erheblichen Schaden zuzufügen. Alle Crewmitglieder wurden aus ihren Stühlen geschleudert, ganz gleich, wie sehr sie sich nun festhielten. Auf der Hilfsbrücke fiel zum dritten Mal an diesem Tag sämtliche Energie aus. Es krachte und schepperte laut, aber Spencer nahm erfreut zur Kenntnis, dass keinerlei Funken aus irgendwelchen Konsolen sprühten. Offensichtlich waren bereits alle anfälligen Schaltkreise bereits durchgebrannt, durchgeschmort oder was auch immer. Plötzlich war wieder Ruhe eingekehrt.

Spencer rappelte sich als einer der ersten auf.

„Schadensmeldung und Licht bitte!“ Er zeigte auch hier noch Reste von Humor.

Letzteres kam zuerst, als Hellmann die Notbeleuchtung wieder einschaltete.

Spencer grunzte, er konnte das blassrote Licht nun mal nicht ausstehen. „Besten Dank.“ sagte er trotzdem.

„Schadensbericht folgt“, sagte Hellmann, obwohl seine Konsole immer noch keine Energie hatte.

DeFalco stürmte auf die Brücke, seine Uniform war zerrissen und sein Gesicht rußverschmiert.

„Was ist denn mit dir los?“, fragte Spencer fassungslos.

„Ich habe den Maschinenraum räumen müssen. Der Asteroid ist von den Schilden und der Hülle abgeprallt, hat Deck 11 total verwüstet und auch Deck 10 ziemlich getroffen. Im Maschinenraum nur ein Deck höher sind uns die Konsolen um die Ohren geflogen, wir haben auch einige Verletzte. Sie sind bereits auf der Krankenstation“, brachte DeFalco atemlos hervor.

Spencer raufte sich die Haare. Hörten denn die Schreckensnachrichten nie auf?

„Nimm erstmal hier Platz und erhole dich“, beruhigte Spencer.

9

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21222.7, Commander Spencer: [21.03.2344 12:11:48]

Einen Asteroidentreffer auf Deck 11 hat das gesamte Deck sowie den Maschinenraum verwüstet. Die strukturelle Integrität des gesamten Schiffes ist bedroht. Wir warten nun dringlichst auf ein Rettungsschiff, denn unser Schiff wird ein zunehmend ungemütlicherer Aufenthaltsort. Nur noch die wichtigsten Systeme sind in Funktion.

Als Spencer diesen Logbucheintrag verfasst hatte, musste er zweimal auf die Datumsanzeige sehen, um zu glauben, dass angesichts der ganzen Vorfälle und Katastrofen seit dem Kampf erst knapp sechs Stunden vergangen waren.

Er hatte die gesamte Crew bereits vorgewarnt, dass es zu drastischen Problemen kommen könnte, sollte die Eindämmung von Deck 11 versagen. Wie schlimm es werden könnte, versuchten im Moment Hellmann und Berger durch Simulationen herauszufinden. Die ersten Ergebnisse über Kraftfeld- und Hüllenstabilität schienen jedoch ermutigend, obwohl die Daten nicht ganz korrekt waren, da die Sensoren immer noch nicht zufrieden stellend arbeiteten und somit keine genauen Daten über die Hüllenbelastung liefern konnten.

DeFalco hatte bereits den Notcomputerkern in Gang gesetzt und die wichtigsten Maschinenkontrollen auf den Hilfskontrollraum umgeleitet. Er koordinierte die Reparaturen von dort aus. Die Decks 11 und 10 waren komplett versiegelt und so langsam bekam er auch detailliertere Daten von den übrigen Schiffssystemen.

„Sir, wir haben wieder keine externe Kommunikation“, meldete H'Korr.

Spencer drehte sich zu DeFalco um, der die Schultern hob. „Ich habe keine Leute mehr. Genauer gesagt: Ich habe jetzt schon zu wenig.“

„Dann gehe ich selbst“, entschloss sich H'Korr.

„Genehmigt.“ Spencer beorderte Fähnrich Hallersvoort in den Hilfskontrollraum, damit die Kommunikationskonsole in H'Korrs Abwesenheit wenigstens besetzt wäre. H'Korr verließ ihre Station, um mit einigen ihrer Leute die Funksysteme selbst wieder in Betrieb zu setzen.

„Neue Hüllendaten, Sir. Die Versiegelung der Decks wird vorerst halten. Wir sind im Moment außer Gefahr“, meldete Hellmann erleichtert.

Spencer war es ebenso. „Danke. Gerry, wie sieht's aus?“, fragte er. Er hatte beschlossen, dass dieser jetzt genug Zeit gehabt hatte, die wichtigsten Systeme in den Griff zu bekommen.

„So wie's im Moment aussieht, ist bei dem kleinen Crash ungefähr das alles zu Bruch gegangen, was vorher noch ganz gewesen war. Wenn das System nicht direkt platt ist, dann haben wir wenigstens keine Kontrolle mehr.“

„Was funktioniert denn noch?“, fragte Spencer.

„Nicht viel. Lebenserhaltung ist weiterhin stabil, aber nur weil ich die Decks 10 und 11 rechtzeitig von jeglicher Energieversorgung abgetrennt habe. Schilde und Antriebe sind jetzt endgültig hinüber. Kommunikation wird gerade repariert. Im Moment brauche ich jeden Ingenieur, um die Energie- und Plasmaleitungen einigermaßen stabil zu halten. Der Fusionsreaktor hat auch einiges abgekriegt. Wir brauchen im Moment übrigens mehr Energie für die Versiegelungskraftfelder, als für die Lebenserhaltung.“

„Hört sich ja toll an. Besteht die Chance, dass der Fusionsreaktor uns um die Ohren fliegt?“

DeFalco schüttelte den Kopf. „Nein. Nur dass er uns einfach so ausfällt. Und das könnten wir beim besten Willen nicht verkraften, richtig?“

Spencer stimmte zu. „Richtig! Also sorge dafür, dass es nicht so kommt.“

„Aye, aye, Sir!“ DeFalco wandte sich wieder seiner Arbeit zu, Spencer blieb angespannt in seinem Stuhl sitzen.

Hallersvoort traf auf der Brücke ein, besetzte die Kommunikationsstation und wunderte sich, dass nahezu kein Kontrollicht brannte. Er wunderte sich aber nicht mehr, als er sah, dass es Hellmann und mehr noch Hwang genauso ging. Mit gemischten Gefühlen ließ er sich in seinen Stuhl nieder, wagte aber nicht, dabei seinen Unmut über den beschädigten Hilfskontrollraum zu zeigen.

Nach kurzer Zeit ertönten plötzlich an DeFalcos behelfsmäßiger Maschinenkonsole warnende Piepsgeräusche. DeFalco, der sich gerade für einen Moment zurückgelehnt hatte, da alle notwendigen Reparaturen eingeleitet waren, schrak wieder hoch und bearbeitete hektisch die Konsole.

„Oh nein!“, rief er aus.

Spencer drehte sich zu ihm um. „Was ist denn los?“

„Schwierigkeiten mit einer Energieleitung auf Deck 7, und zwar verdammt große Schwierigkeiten! Alle Leute sind im Moment mit anderen dringenden Reparaturen beschäftigt oder liegen auf der Krankenstation!“ DeFalco klang verzweifelt, etwas zu verzweifelt für einen provisorischen Chefingenieur, wie es Spencer vorkam.

„Zieh ein paar Leute von anderen Teams ab und geh' selbst!“, bestimmte Spencer.

„Und wer überwacht das hier oben?“

„Ich! Und jetzt los, hau ab!“

DeFalco wagte kein Wort des Widerspruchs. Er sandte einen Rundruf an seine Reparaturteams. „DeFalco an Schadenskontrollteams 1-5! Schickt jeden, den ihr entbehren könnt nach Deck 7, Sektion 8, EPS-Knoten 7C! Schnell!“

Danach rauschte er von der Brücke, Spencer nahm seinen Platz ein und verschaffte sich einen raschen Überblick über die momentane Situation.

Währenddessen rannte DeFalco zum nächsten Turbolift. „Deck 7!“

Der Lift sauste abwärts, wenig später öffneten sich die Türen wieder. DeFalco sprintete um zwei, drei Biegungen des Korridors und betrat einen kleineren Kontrollraum. Knotenpunkt 7C verteilte alle Energie für das gesamte Deck. Der Raum selbst war relativ klein, an zwei Seiten des Raumes waren Computerkonsolen montiert, hinter der dem Eingang gegenüberliegenden, freien Wand verliefen mehrere Energieleitungen inklusive des wichtigen Verteilerknotens. Die Wandplatten waren zur einfachen Wartung und Reparatur der Leitungssysteme zum großen Teil abnehmbar.

Zwei seiner Ingenieure, Walker und Burowski, waren bereits bei der Arbeit. Burowski, ein erfahrener Ingenieur etwa in DeFalcos Alter, war an den Computerkonsolen beschäftigt, während Walker, ein jüngerer, groß gewachsener Fähnrich die genauere Untersuchung der Energieleitung vornahm.

„Wie sieht's aus?“, fragte DeFalco gleich nach seinem Eintreffen. „Sandra?“

„Einige Mikrobrüche in der Leitungsummantelung. Eigentlich nichts Schlimmes, doch der Energiefluss ist zu unregelmäßig“, antwortete Walker.

DeFalco nickte und begab sich zu Burowski. „Wann können wir wieder in den Maschinenraum?“

Burowski, den DeFalco dem Team zugeteilt hatte, das den Maschinenraum wieder soweit instand setzen sollte, dass er als Operationsbasis für DeFalco wieder zu gebrauchen wäre, antwortete nervös und unruhig: „Ich... ich weiß es nicht. Ich bekomme den Energiefluss hier einfach nicht in den Griff...“ Kleine Schweißtropfen perlten von Burowskis Stirn.

DeFalco legte ihm beruhigend seine Hand auf die Schulter. „Beruhigen Sie sich... Es ist alles in...“

Ein lautes Rauschen und noch lauteres, schmerzerfülltes Schreien Walkers ließ DeFalco verstummen und abrupt herumfahren, ebenso Burowski. Aus einer der Mikrofrakturen der Energieleitung zischte siedend heißes Plasma, Walker war gestürzt und wand sich wehrlos am Boden im heißen Plasmastrahl. Alarmglocken dröhnten zu allem Überfluss, Burowski starrte die hilflos am Boden liegende Walker erschrocken und mit großen Augen an.

In Sekundenbruchteilen war DeFalco bei Walker und zog sie von der Leitung weg. „Helfen Sie mir! Los! Schnell!“, brüllte er.

Burowski wankte unbeholfen DeFalco zu Hilfe, mit vereinten Kräften zerrten Sie Walker in Richtung des Ausgangs. Nachdem sich die Korridortüren mit einem erlösenden Zischen hinter ihnen geschlossen hatten, sanken DeFalco und Burowski gleichsam erschöpft und erleichtert zu Boden. DeFalco riskierte einen kurzen Blick auf Walkers vom Plasma verbranntes Gesicht, ihre Arme und ihr Oberkörper hatten auch etwas abbekommen. Insgesamt bot sie einen furchtbaren Anblick.

Er stolperte zum nächstgelegenen Intercom. „DeFalco an Krankenstation! Notfall auf Deck 7, Sektion 8! Schnell!“

Auf dem Weg zurück zu Walker sah er Burowski wieder in den Verteilerraum verschwinden.

„Burowski!“, schrie er. „Was soll denn das? Bleiben Sie hier!“

„Ich schaffe das! Vertrauen Sie mir!“, rief Burowski seinerseits, bevor sich die Türen hinter ihm schlossen.

„Verdammt!“, brüllte DeFalco und hieb gedankenlos mit der Faust auf das geschlossene Halbtürenpaar, das den Eingang zum Verteilerraum bildete. Erst einige Sekunden später realisierte er, was er gerade getan hatte.

Die Türe hätte sich durch den Faustschlag eigentlich öffnen müssen; Burowski war vorhin offensichtlich dem automatischen Versiegelungsmechanismus des Computers gerade noch zuvorgekommen. Für einen Moment fragte DeFalco sich, was Burowski eigentlich vorhatte, alleine gegen eine unkontrollierbare Plasmaleitung. Auf der anderen Seite, falls sie auf diese Leitung auch noch verzichten müssten, würden ihre Probleme noch um einiges größer werden, da alles unterhalb dieses Decks dann von jeglicher Energieversorgung abgetrennt wäre.

Er hörte Schritte hinter sich, wandte sich um und sah das angeforderte Medo-Team unter Leitung M'Boyas den Korridor entlang eilen.

„Plasmaverbrennungen ersten und zweiten Grades“, diagnostizierte M'Boya bereits von weitem an der immer noch reglos daliegenden Walker.

Sie scannte Walker kurz mit ihrem Tricorder: „Sie ist bewusstlos. Schnellstens auf die Krankenstation mit ihr! Sie auch, DeFalco.“

„Aber...!“ DeFalco starrte M'Boya an und wies auf die geschlossene Türe zum Verteilerraum. „Da ist noch Burowski drin. Er hat sich da einschließen lassen.“

M'Boya wies ihr Team durch Handzeichen an, Walker mit der mitgebrachten Trage zur Krankenstation zu bringen.

„Burowski!“, brüllte DeFalco und hieb mit der Faust wiederholt auf die Eingangstüre.

„Die Leitung ist wieder stabil!“, rief Burowski, seine Stimme überschlug sich dabei beinahe.

„Dann kommen Sie raus!“

„Neeiin!“ Burowski konnte seine Stimme nicht mehr kontrollieren. „Ich bleib hier! Ich komm' da nicht raus!“

„Burowski! Machen Sie keinen Scheiß! Reißen Sie sich zusammen und öffnen Sie die Tür!“

M'Boya und DeFalco wechselten einen entsetzten Blick, als sich nichts regte.

„Verdammt“, fluchte DeFalco leise. „Burowski ist schon seit dem Angriff ein bisschen seltsam, ich habe mir nichts weiter dabei gedacht. Ich kann ja nicht ahnen, dass der gleich so ausflippt.“

M'Boya versuchte nun auch ihr Glück. „Mr. Burowski!“, rief sie. „Was haben Sie? Können wir Ihnen helfen?“

Es war wieder nichts zu hören.

„Jetzt ist aber gut“, brummte DeFalco ärgerlich. Er scannte kurz das Innere des Raumes und öffnete dann ein Panel an der Wand neben der Türe. Er überging die automatische Verriegelung und zwang dann den Schließmechanismus, seinen momentanen Zustand aufzugeben.

DeFalco und M'Boya traten vorsichtig ins Innere. M'Boya erblickte Burowski zusammengesunken an der Wand kauernd, er hielt seine Arme über dem Kopf verschränkt und zitterte. Sie trat zu ihm, tastete ihn kurz mit ihrem Tricorder ab und versuchte dann, beruhigend auf ihn einzuwirken. Der Kampf gegen die Plasmaleitung hatte bei ihm deutliche Spuren hinterlassen, seine rote Uniform war auf der Brust und an den Schultern rußgeschwärzt und hing zum Teil in Fetzen.

DeFalco konnte währenddessen den Erfolg Burowskis bestätigen. Die Leitung war stabilisiert, die Energie floss wieder innerhalb vorgeschriebener Betriebsparameter. Sogar den Mikrobruch hatte Burowski abgedichtet, musste DeFalco anerkennend feststellen.

„DeFalco an Brücke! Knotenpunkt 7C geht's den Umständen entsprechend wieder gut.“

„Danke“, bestätigte die Stimme Spencers knapp.

M'Boya hatte sich interessiert zu DeFalco umgedreht, als dieser Worte benutzte, die sie eigentlich eher zu ihrem Wortschatz gerechnet hätte. Sie sah ihn fragend an und deutete auf Burowski.

DeFalco schüttelte wortlos den Kopf. Zusammen mit M'Boya hoben Sie Burowski wieder auf die Füße und führten ihn langsam zur Krankenstation.


„Bin wieder da“, kommentierte DeFalco sein Wiedereintreffen auf der Hilfsbrücke.

Spencer überließ ihm mit einem anerkennenden Blick wieder seinen Platz, als ihn ein Intercomruf erreichte. „Krankenstation an Captain Spencer!“

Spencer betätigte den Antwortknopf noch im Stehen. „Spencer hier!“

„Captain, würden Sie bitte mal herkommen?“, bat M'Boya mit ihrer, wie Spencer fand, für diese Umstände etwas zu melodischen Stimme.

„Bin schon unterwegs. Hwang, ihre Brücke!“

DeFalco schlug seine Augen zu Boden, als Spencer den Raum verließ. Er hatte vorhin nicht den Mut gefunden, Spencer über Burowskis Verhalten zu informieren, etwas was M'Boya jetzt anscheinend nachholte.


„Ah, Captain“, begrüßte M'Boya Spencer bei dessen Eintreffen auf der Krankenstation. Auch wenn ihre Stimme nach außen hin fröhlich klang, konnte Spencer dennoch spüren, wie es ihr in Wirklichkeit zumute war, in dieser Beziehung war sie eine schlechte Schauspielerin.

Er sah sich um. Auf einer Behandlungsliege erkannte er Fähnrich Walker schlafend, mit von ihm abgewandtem Gesicht, auf einem zweiten Bett lag der Ingenieur Burowski. Er atmete ruhig und sehr langsam, weiterhin fiel Spencer auf, dass seine Arme und Beine durch Fesseln locker in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren.

„Was gibt's, Doktor?“, fragte er.

„Captain, ich...“ Sie kniff ihre Lippen zusammen. „Gehen wir in mein Büro.“

Sie führte Spencer in einen kleinen, vom Rest der Krankenstation mit Wänden abgetrennten Bereich mit einem Tisch und zwei Stühlen.

„Es geht um Ingenieur Burowski“, begann sie einen neuen Versuch, ohne sich jedoch gesetzt zu haben. „Er... er hatte vorhin die Kontrolle über sich verloren. Die Anspannung..., die Situation...“ M'Boyas Stimme verlor sich.

„Kontrolle verloren? Was heißt das?“, fragte Spencer und versuchte, seinen Drang nach Informationen zu zügeln und seine Stimme ruhig und nicht zu bestimmt klingen zu lassen. M'Boya stand so schon genügend unter Druck, so konnte er erkennen.

Sie berichtete Spencer in knappen Worten, was geschehen war. Nachdem sie geendet hatte, ließ sich Spencer auf einer Ecke des Tisches nieder, M'Boya setzte sich auf den nächsten Stuhl.

„Schlimm“, murmelte Spencer nur. „Was meinen Sie?“

M'Boya fuhr sich nervös mit der Hand durch ihre teilweise blond gefärbten Locken. „Das wird jetzt keine tiefenpsychologische Analyse, Captain, aber ich denke, Burowski ist nur ein Beispiel. Bei ihm ist es zufällig passiert, der Vorfall in der Verteilerkammer war wohl zuviel für ihn. Fast jeder an Bord zeigt latente Symptome von starker, psychischer Belastung, sie eingeschlossen, Captain.“ Sie richtete ihren Blick auf Spencers rechte Hand, die unkontrolliert gegen die Tischkante trommelte.

Es bedurfte einer großen Willensanstrengung Spencers, um das Trommeln einzustellen. Er verstand, was M'Boya meinte, sie fuhr fort: „Bei Burowski kam auch noch dazu, dass er im Maschinenraum den schrecklichen Tod seiner vorgesetzten Offiziere, Sanchez, Jones...“ Ihre Kehle wurde trocken, ihre Stimme erstarb.

„Falls Sie eine Therapie dagegen im Sinn haben, sollten Sie bei sich selbst damit anfangen“, versuchte Spencer einen gekünstelt wirkenden Scherz, da er nicht so recht wusste, was er erwidern sollte.

M'Boya fuhr auf. „Captain, es ist meine persönliche Aufgabe, den Zustand der Crew in dieser Hinsicht zu überwachen, ich trage also gewissermaßen ihre gesamte Last auf meinen Schultern...“

„Das sieht man“, unterbrach sie Spencer. M'Boyas Mundwinkel zuckten unschlüssig, sie wusste nicht so recht, was sie von Spencers unbeholfenen Reaktionen halten sollte.

„Und was schlagen Sie also vor?“, fragte dieser nach einer kurzen Pause.

M'Boya räusperte sich einige Male, bevor sie fortfahren konnte. „Die Crew braucht ein Zeichen, ein Zeichen von Ihnen. Ein Signal, das alles in Ordnung ist, das alles gut wird und auch ein Signal, dass Ihnen die Situation bewusst ist und dass sie sie im Griff haben. Das ändert zwar nichts an der Situation, aber an der Situation in dem Köpfen. Und das ist das Entscheidende.“

Spencer nickte langsam mehrere Male. „Ich glaube, ich verstehe, Doktor. Ich danke Ihnen.“ Er stand auf und verließ langsamen und sorgenvollen Schrittes die Krankenstation in Richtung Brücke.

10

Logbuch der Cousteau, Commander Spencer, Nachtrag:

Nach dem Asteroidentreffer sind beinahe alle Energiesysteme wieder stabil. Die Kommunikation mit der Sonde ist inzwischen wieder hergestellt, es konnten allerdings noch keine Funksprüche aufgefangen werden. Die Reparatur der Antriebsaggregate ist allein schon aus Energiemangel aussichtslos, wir müssen also auf ein Rettungsschiff hoffen. Weiterhin steht mir - uns allen - noch eine traurige Pflicht bevor.

Die Leichname der sieben umgekommenen Offiziere waren in zu Särgen umgebauten Torpedogehäusen in einem leeren Frachtraum auf Deck 5 aufgebahrt, ihnen gegenüber hatten die höchstrangigen, überlebenden Offiziere in einer Reihe Aufstellung genommen, namentlich Hwang, H'Korr, DeFalco, Hellmann und M'Boya.

Ihre Blicke waren zum Teil zu Boden gesenkt, teils aber musterten sie die dunklen, verbrannten Flecken an der Seitenwand, die in diesem wie auch in allen anderen Räumen auf dem Schiff präsent waren und an den zurückliegenden Kampf erinnerten. Sie alle wussten, dass zwei Sektionen weiter ein flackerndes Notkraftfeld seinen persönlichen Kampf gegen den Weltraum focht. Zwei der Leuchtelemente an der Decke des Frachtraumes waren ausgefallen; obwohl der Raum dadurch nur leicht verdunkelt wurde, entstand eine geradezu gespenstische Atmosphäre. Das stechende Rot der Uniformen wirkte unter diesem speziellen Lichteinfall beinahe unwirklich.

Spencer trat einige Schritte auf seine Leute zu und begann seine Ansprache, die übrige Crew konnte und sollte über das auf Rundruf gestellte Intercom mithören.

„Wir sind hier zusammengekommen, um Abschied von unseren sieben umgekommenen Kameraden zu nehmen. Sie alle haben in einem Kampf mit den Feinden der Föderation ihr Leben gelassen, doch ihr Tod war nicht umsonst. Das feindliche Schiff ist zerstört, wir dagegen leben noch. Alle Sieben starben mit dem festen Glauben an unser Überleben und unsere Rettung. Wir alle werden und müssen die momentane Situation bewältigen, damit sie in unserer Erinnerung weiterleben können. Ich kannte sie zwar alle nur für eine recht kurze Zeit, aber doch gut genug, um Folgendes sagen zu können: Wenn ich mich an Commander Thola erinnere, sehe ich einen zuverlässigen Ersten Offizier vor mir, dessen erste Sorge immer dem Schiff und der Crew galt und dessen ruhige Besonnenheit von keiner Krise beeinträchtigt werden konnte. Für Commander Sanchez war jede technische Schwierigkeit kein Problem, unabhängig davon wie kompliziert oder verzwickt sie war. Die Lieutenants Jones und Crandall sowie die Fähnriche Aquito, Mh'ar und Khongi kannte ich alle als kompetente Ingenieure, ohne ihren und Commander Sanchez' rettenden Einsatz wären wir jetzt nicht da, wo wir sind. Ihr Tod ist tragisch, wir alle werden sie sehr vermissen, doch sie und wir alle kannten die Gefahren und die Konsequenzen, als wir in die Sternenflotte eintraten. Wir müssen nun versuchen, mit dem Unvermeidlichen fertig zu werden.“ Spencer machte eine kurze Pause. „Schließen möchte ich mit einem Wort in eigener Sache: Die letzten Stunden müssen für sie alle sehr schwierig und sehr hart gewesen sein und ich bewundere sie alle, wie sie, Minute für Minute, dem momentan ungeheuer großen Druck standhalten und hervorragende Arbeit leisten. Nur durch den vollsten Einsatz von ihnen allen können und werden wir überleben.“

Spencer machte eine Pause für einige Sekunden. Er hatte Hwang und DeFalco gefragt, ob auch sie einige Worte sagen wollten, Hwang, weil sie Thola, und DeFalco, weil er Sanchez und die Ingenieure länger und besser gekannt hatten als er. Beide hatten jedoch zögernd abgelehnt, sie hätten einfach nicht gewusst, was sie hätten sagen sollen. Auch Spencer waren seine Worte lange nicht so leicht gefallen, wie sie sich anhörten.

Die während der Rede Spencers wie alle anderen in Andacht versunkene M'Boya warf ihm einen beinahe unmerklichen, zustimmenden Blick zu. Das war genau das gewesen, was die Crew jetzt gebraucht hatte, ein paar eindeutige Worte Spencers zur rechten Zeit.

Spencer und Hwang verständigten sich durch einen weiteren Blick, ergriffen mit gemessener Geste eine bereitliegende blaue Decke mit dem Emblem der Föderation und bedeckten mit ihr vorsichtig das Torpedogehäuse, in dem Tholas Körper seine letzte Ruhe finden sollte.

Als Hwang einen letzten Blick auf Tholas Gesicht warf, bevor es durch das Niedersenken der Decke verborgen wurde, musste sie schlucken. Spencer erinnerte sich plötzlich daran, wie er Tholas Eltern vor einem Vierteljahr zufällig getroffen hatte, als sie sich auf dem gleichen Planeten aufhielten, zu dem sie ihr Transportauftrag führte. Er konnte es sich in diesem Moment einfach nicht mehr vorstellen, wie er sie über den Tod ihres Sohnes informieren sollte. Er musste sich dazu zwingen, diesen Gedanken nicht mehr zu denken, bevor er Gefahr lief, von ihm erdrückt zu werden.

Das gleiche, traurige Prozedere vollführten nacheinander Spencer und DeFalco, Hellmann, H'Korr und M'Boya mit den anderen sechs Särgen, besonders Hwang und DeFalco kämpften dabei mit den Tränen. Die wenigen Minuten kamen Spencer und den anderen wie eine Ewigkeit vor und war er unendlich erleichtert, als er und H'Korr mit der letzten Decke den letzten Sarg, Fähnrich Khongis, verhüllt hatten.

Eine traditionelle Bestattung, in der die Torpedogehäuse am Ende des Beerdigungsrituals in den Weltraum geschossen wurden, fiel allein schon aus dem Grunde aus, dass kein Torpedoabschuss mehr möglich war. Spencer hatte sich daher entschlossen, das Ritual leicht abzuwandeln, dahingehend, dass die Verhüllung der Torpedogehäuse mit der Decke den Abschluss bildete. Das Abschied nehmen verlor auf diese Weise zwar ihre Endgültigkeit, stellte für ihn dennoch einen akzeptablen Kompromiss dar.

Seine Führungsoffiziere verharrten für mehrere Sekunden andächtig, bevor sie dann gemessenen Schrittes den Frachtraum verließen, Spencer bildete den Schluss.

Nachdem sich die Frachtraumtür zischend geschlossen hatte, versiegelte er sie, deaktivierte das Intercom im Frachtraum und gab das Zeichen an seine Offiziere, dass sie gehen könnten. Hwang hielt er zurück.

„Hwang, Sie übernehmen jetzt das Kommando. Im Vertrauen gesagt, ich fühle mich im Moment so, als würde ich bald zusammenbrechen. Sie sind jünger, sie halten einige Stunden länger durch. Wenn sie soweit sind, wecken Sie mich.“

„Ja, Sir. Ich kann gut verstehen, was Sie meinen.“ Nach einem angedeuteten, mitfühlenden Lächeln folgte Hwang den Übrigen zur Brücke und ließ einen sehr betroffenen Spencer auf dem Korridor zurück, der sich erst nach einigen Augenblicken aus seiner Erstarrung lösen konnte.


Spencer betrat sein Quartier langsamen Schrittes und ließ, nachdem hinter ihm die Türen zischend zugefahren waren, seinen Blick durch das Chaos, dass sich ihm darbot, schweifen. Ein Großteil seiner Bücher waren aus dem Regal auf den Boden gefallen, dort lagen sie ungeordnet und verstreut, zum Teil halb übereinander. Die linke Seitenwand wies einen häßlichen, schwarzen Fleck auf, offensichtlich hatte es dort für kurze Zeit gebrannt, bis die automatischen Löschsysteme dem ein Ende gemacht hatten. Auf dem Weg zu seiner Schlafgelegenheit nahm er außerdem noch wahr, dass die Figuren seines Schachbrettes wirr durcheinander lagen und nicht mehr die für ihn strategisch gewonnene Stellung im Richter-Angriff zeigten, die er gestern Abend zu seiner Freude in zähem Ringen mit dem Schiffscomputer erreicht hatte.

So strategisch gewonnen seine momentane Situation jedoch von außen betrachtet sein mochte, so wenig konnte er sich jedoch angesichts der dargebrachten Opfer darüber freuen.


„Ich beanspruche einen Teil der Notenergie für die Reaktivierung des Maschinenraums!“, kündigte DeFalco an. In den vergangenen Stunden waren die Reparaturteams überall auf dem Schiff bei der Arbeit gewesen, dasjenige, das für den Hauptmaschinenraum verantwortlich war, hatte seine Arbeit soeben beendet.

„Moment“, griff Hwang ein. „Die Notenergie, die uns noch bleibt, ist doch jetzt auf die Lebenserhaltung, die Notkraftfelder und weitere unentbehrliche Systeme verteilt und zwar vollständig.“

DeFalco wandte sich von seiner behelfsmäßigen Maschinenkontrolle zu ihr um. „Der Maschinenraum lief doch vorher auch schon auf Notenergie.“

„Da gab es aber die Kraftfelder für die Asteroidentreffer noch nicht“, gab Hwang zu bedenken.

„Dann fahre ich eben die Fusionsreaktoren ein bisschen höher“, überlegte DeFalco.

„Und unsere Deuteriumreserven schwinden weiter. Wir sind doch jetzt schon knapp! Außerdem ist das EPS instabil.“

„Vom Maschinenraum aus habe ich aber einen besseren Überblick über das ganze Chaos!“

Hwang wollte etwas erwidern, doch Hallersvoort unterbrach die Debatte etwas unsanft.

„Ma'am, ich erhalte ein Signal von der Bondi, einem Schlepper der Doppler-Klasse. Sie befindet sich im Anflug und wird in Kürze eintreffen“, meldete er.

„Dann hat sich es wohl für den Moment erledigt, Gerry“, stellte Hwang fest. Sie aktivierte das Intercom und sandte ein Wecksignal in Spencers Kabine. „Captain Spencer bitte auf die Brücke! Ein Signal von einem Schleppschiff!“

Dann wandte sie sich erleichtert Hallersvoort zu. „Auf den Schirm! Das wurde auch Zeit!“ Sie entschloss sich, das Gespräch selbst zu führen und nicht erst zu warten, bis Spencer auf der Brücke einträfe.


Spencer wurde grunzend vom Wecksignal wach und hörte schlaftrunken noch die letzten Worte Hwangs. Der Schlaf war fast zu erholsam gewesen... Er zog sich die Uniform über und wankte zurück zur Brücke. Unterwegs spürte er, wie all die Sorgen und Probleme ihn nach und nach wieder belasteten, die durch den Schlaf in weite Ferne gerückt waren. Freude wollte bei ihm deshalb nicht so recht aufkommen, obwohl ihre Rettung doch zum Greifen nahe schien.


Hallersvoort betätigte die entsprechenden Schaltungen und auf dem Bildschirm des Hilfskontrollraums erschien ein Bild einer Brücke, die noch eine Spur kleiner schien, als die jetzt zerstörte Hauptbrücke der Cousteau. Das Bild flackerte und flimmerte unregelmäßig, wahrscheinlich eine Folge der noch nicht ganz wieder hergestellten Kommunikation mit der Sonde. Eine Frau stand auf.

„Ich bin Lieutenant Nadja Wolf, Kommandantin der Bondi. Sie brauchen unsere Hilfe?“

Hwang stand ebenfalls auf. „Herzlich Willkommen! Sie wissen gar nicht, wie recht Sie haben. Ich bin Lieutenant Hwang, im Moment stellvertretende Kommandantin der Cousteau. Captain Spencer ist im Moment auf dem Weg zur Brücke“, begrüßte sie die Kommandantin des Schleppers freundlich, so freundlich, wie es ihr unter diesen Umständen gelingen wollte.

„Danke. Sollen wir sie gleich in Schlepp nehmen?“, fragte Wolf direkt.

Hwang schüttelte den Kopf. „Davon würde ich abraten“, sagte sie. „Unsere Hülle hat so einiges erdulden müssen und die Backbordstrebe ist gebrochen.“

Wolf überlegte. „Auf Impulsgeschwindigkeit gehen!“ Das galt nicht Hwang, sondern ihrem Flugoffizier auf der Brücke der Bondi.

„Entschuldigen Sie, Lieutenant, aber wo sind sie?“ Sie runzelte die Stirn und betrachtete ihre Anzeigen. Hwang wusste zuerst nicht, was sie meinte, hatte dann aber einen Verdacht.

„Wir haben keine Ahnung. Unsere Navigationssensoren sind ausgefallen. Wo sind Sie denn?“

„Wir sind gerade ins Delta Goldur-System eingeflogen und registrieren einige Wrackteile, die meisten aber offensichtlich von einem... cardassianischen Schiff.“ Wolf schien zu sprechen, noch während sie Daten von den Sensoren erhielt. „Die Koordinaten, die Sie uns gegeben haben, stimmen aber.“

„Wir haben im Delta Goldur-System gekämpft und treiben ungefähr seit 06:00 durch den Raum. Werfen Sie mal einen Blick auf Ihre Langstreckensensoren, Captain“, empfahl Hwang müde.

Wolf ließ ihre Sensoren nach der Cousteau suchen. „Aha, ich habe sie! daSilva, nehmen sie Kurs 150.05 mit voller Impulskraft.“ Das sagte sie zu ihrem Flugoffizier.

„Wir werden gleich bei Ihnen eintreffen“, gab Wolf bekannt. „Wie weit sind Sie mit Ihren Reparaturen?“

Bevor Hwang antworten konnte, antwortete Spencer, der gerade die Brücke betreten hatte. „Es ist ziemlich viel zerstört. Decks 1, 10 und 11 sind versiegelt. Ich bin übrigens Commander Spencer, der Captain dieses Restschiffs.“ Er bedeutete Hwang, dass er jetzt wieder das Kommando auf der Brücke übernommen hatte.

„Captain“, begrüßte Wolf Spencer formell und fuhr fort, nachdem sie einen genauen Blick auf die Cousteau geworfen hatte: „Wir sind da. Das sieht ja verdammt schlimm aus.“

„Drinnen sieht's genauso aus“, brummte Spencer erschöpft. „Wollen Sie sich nicht zu uns herüberbeamen? Unser Funkkontakt zur Sonde ist nicht der beste.“

„Sonde?“, fragte Wolf.

„Unsere Kommunikationssysteme sind ausgefallen und wir halten im Moment Verbindung über eine Sonde.“

„Ich nehme an, ihre Transporter sind ebenfalls ausgefallen?“, fragte Wolf.

Spencer nickte. „Am besten missachten Sie die üblichen Etikette und lassen sich direkt hier auf die Hilfsbrücke beamen.“

„Einverstanden, Captain. Wolf Ende.“ Sie trennte die Funkverbindung.

DeFalco drehte sich zu Spencer um. „Die sieht ja gar nicht mal schlecht aus.“

Spencer brummte ein mürrisches „Gerry: Ruhe!“ Er glaubte, ein leises Lachen Hwangs zu hören, gerade als er das Flimmern des Transportvorgangs wahrnehmen konnte. Wolf materialisierte.

„Captain Wolf, willkommen an Bord“, sagte er.

„Danke, Captain“, antwortete sie und sah sich kurz um.

„Darf ich vorstellen: Flugoffizier Hwang, Wissenschaftsoffizier Hellmann, Ingenieur DeFalco und Kommunikationsoffizier Hallersvoort.“

DeFalco führte Wolf zu seinen umgeleiteten Maschinenkontrollen, gefolgt von Spencer und gab ihr einen kurzen Überblick. „Eigentlich erstaunlich, dass das Schiff überhaupt noch zusammenhält“, kommentierte sie.

„Ganz meine Meinung“, bemerkte Spencer trocken. „Also sehen sie dann bitte zu, dass wir so schnell wie möglich hier wegkommen, ja?“

Wolf und DeFalco nickten. „Wir müssen als erstes das Schiff anhalten, um die Hülle notdürftig zu reparieren“, stellte Wolf fest und führte einige kurze Abfragen durch. „Durch einen kurzen, starken Traktorstrahlimpuls sollten wir das Schiff stoppen können.“

„Was meinst du, Gerry?“, fragte Spencer.

„Könnte kritisch für die Hülle werden. Aber wir können hier ja nicht nur so herumtreiben. Es wird schon gehen“, meinte er.

„Also gut!“

Wolf klappte ihren Kommunikator auf. „Wolf an daSilva! Stoppen Sie die Cousteau durch einen Traktorstrahlimpuls! Vier Komma acht Sekunden, volle Stärke.“

Nach einem „Aye, Ma'am!“ aus dem Kommunikator schloss Wolf diesen wieder und DeFalco adjustierte ungefragt die marode Trägheitsdämpfung entsprechend.

Spencer schaute auf den Hauptschirm. Die Bondi richtete einen kurzen Traktorstrahlimpuls auf die Cousteau, die kurz und heftig schlingerte. Nach etwa fünf recht lang wirkenden Sekunden brach der Traktorstrahl wieder ab und DeFalco meldete „Keine Schäden!“ und Hwang „Absolutgeschwindigkeit Null.“

Spencer atmete kurz durch. „So, dann flicken Sie bitte die Hülle so schnell wie möglich schleppfertig. Besprechen Sie die nötigen Einzelheiten und handeln Sie entsprechend. Sie haben freie Hand!“, sagte er zu DeFalco und Wolf. Es widerstrebte ihm, Wolf so herumzukommandieren, aber er wollte so schnell wie möglich aufbrechen und immerhin bekleidete er einen höheren Rang als sie.

Wolf besprach sich kurze Zeit eingehend mit DeFalco, dann verließen beide die Brücke, um die notwendigen Reparaturarbeiten außen am Schiff mit den überlebenden Ingenieuren der Cousteau und den Ingenieuren der Bondi zu koordinieren.


Einige Minuten später reparierten fünf Ingenieure der Cousteau und zehn von der Bondi außenbords die Hüllenbrüche an der Schiffsunterseite sowie die Backbordstrebe. Die übrigen Hüllenbrüche stellten keine große Gefahr dar, solange die Kraftfelder hielten. Weitere fünf Ingenieure der Bondi arbeiteten am strukturellen Integritätsfeld und an den Trägheitsdämpfungssystemen, damit das Schiff nicht nur außen, sondern auch innen die Beschleunigungskräfte beim Abschleppen mit Warpgeschwindigkeit ohne Probleme überstehen konnte. DeFalco schätzte die Reparaturzeit auf knapp zwei Stunden und Spencer fühlte sich endlich besser, aber immer noch ziemlich erschöpft.

11

Logbuch der Cousteau, Sternzeit 21224.1, Commander Spencer: [22.03.2344 00:29:40]

Der Schlepper Bondi ist eingetroffen und wird uns nach abgeschlossener Reparatur der Außenhülle zur Sternenbasis 53 zurückschleppen.

Spencer fiel auf, dass seine Logbucheinträge immer kürzer und lakonischer wurden, beschloss aber, den Eintrag unverändert zu lassen, da er sehr gut seinem momentanen Gemütszustand entsprach.

DeFalco hatte die Reparaturzeit ungefähr richtig eingeschätzt und meldete gerade: „Captain, die Reparaturen sind soweit abgeschlossen und alle Außenbordtrupps sind zurückgekehrt. Ich glaube, wir können's wagen.”

„Danke, Gerry. Mr. Hallersvoort, rufen Sie die Bondi!”

Das jetzt bereits wohlbekannte Bild der Brücke der Bondi erschien auf dem Schirm.

„Mr. DeFalco meint, dass wir jetzt den ersten Schleppversuch unternehmen könnten”, informierte er Wolf.

„Einverstanden, Captain. Wir beginnen jetzt. Wolf Ende.”

Spencer und die übrige Hilfsbrückenbesatzung konnten beobachten, dass der Schlepper sich der Cousteau ganz langsam näherte und vor sie setzte, so dass die Warptriebwerke der Bondi den Bug der Cousteau fast berührten. Dadurch konnte der Traktorstrahl mit maximaler Effizienz arbeiten und das Warpfeld, das sowohl die Bondi als auch die Cousteau umschloss, möglichst klein gehalten werden.

Die Bondi aktivierte den Traktorstrahl, nahm langsam Fahrt auf und zog die Cousteau mit. Acht Ingenieure der Bondi unterstützten den dezimierten Ingenieurbestand der Cousteau und überwachten die problematischen Systeme. DeFalco hatte alle Übersichtsdiagramme auf seinem Kontrollmonitor auf der Hilfsbrücke und beäugte sie kritisch.

„Sir, Anfrage von Captain Wolf, ob wir auf Warp gehen können“, meldete Hallersvoort.

Spencer drehte sich zu DeFalco um, der beruhigend nickte.

„In Ordnung!“

Hallersvoort übermittelte die Antwort an die Bondi. „Captain Wolf bestätigt!“

Spencer stützte sich angespannt auf die rechte Armlehne. An der Station neben ihm räkelte sich Hwang demonstrativ. Es war eine völlig neue Erfahrung für sie, dass das Schiff, das sie eigentlich steuern sollte, ohne ihr Zutun auf Warpgeschwindigkeit beschleunigte.

Spencer reagierte. „Nichts zu tun, Lieutenant?“

Hwang drehte sich um und lächelte. „Nein, Sir.“

Spencer verzog missbilligend die Mundwinkel, er konnte und wollte sich jetzt nicht von Hwangs natürlicher Fröhlichkeit anstecken lassen. Er beobachtete auf dem Hauptschirm, wie die Bondi auf Warpgeschwindigkeit ging und sie in ihrem Warpfeld per Traktorstrahl mitzog.

Hwang gab laufend die momentanen Geschwindigkeiten durch: „Warp 1.. 2.. 3..“

Ein leichtes Vibrieren war zu spüren.

„Warp 3.5.“

Das Vibrieren verstärkte sich und wurde eine Spur unangenehmer.

„Warp 4!“

Aus dem Vibrieren wurde ein starkes Rütteln. DeFalco meldete sich. „Strukturelle Integrität bei 90%!“

„Hallersvoort, Wolf soll die Geschwindigkeit halten, bis wir die strukturelle Integrität nachjustiert haben.“

„Aye, Sir!“, bestätigte Hallersvoort.

„Gerry, es wäre nicht schlecht, wenn das aufhören würde“, brummte Spencer missmutig.

„Wir arbeiten daran. In einigen Minuten sind wir soweit.“

„Das muss schneller gehen!“ Spencer konnte sich selbst nicht erklären, warum er ausgerechnet jetzt Ungeduld zeigte, jetzt, da beinahe alles überstanden war.

„In Ordnung.“ DeFalco blieb ruhig, er wollte wohl nicht seinen Freund und Kommandanten auf dem falschen Fuß erwischen.

Nach zwei Minuten hörte das Vibrieren auf, was Spencer dankend zur Kenntnis nahm. „Sehr gut. Wolf soll weiter beschleunigen.“

Hallersvoort gab die Anweisung an Wolf weiter und das Gespann beschleunigte weiter auf Warp 5.

„Miss Hwang, berechnete Zeit bis zur Sternenbasis?“

„Etwa drei Tage bei gleich bleibender Geschwindigkeit von Warp 5.“

„So. Das wär's. Alarmstufe Rot ist aufgehoben!“ Spencer gab endlich die Anweisung, auf die er sich schon lange gefreut hatte. Hallersvoort befolgte den Befehl gern.

Spencer überlegte kurz und aktivierte dann das Intercom. „An alle Abteilungsleiter! Wir werden in einer Viertelstunde eine Konferenz in Physiklabor 2 abhalten.“


Einige Stunden später saß Spencer in seinem wieder aufgeräumten Quartier und versuchte, den Report für die Sternenflotte zu schreiben. Doch jedes Mal, wenn er einen Satz fertig gestellt hatte, erschien er ihm zu banal und nicht ausdrucksstark genug, das darzustellen, was ihm und allen anderen in den letzten Stunden widerfahren war. Ihm erschien alles so groß, so mächtig, so weit reichend und die ihm zur Verfügung stehenden Worte so unzulänglich, dem gerecht zu werden.

Als das plötzliche Zirpen des Türsummers Spencer aus seiner Konzentration riss, schleuderte er das PZAG auf den einige Meter entfernten Tisch. Der Wurf war jedoch ungenau, das PZAG schlitterte über die Tischplatte und polterte am anderen Ende zu Boden.

„Herein!“, knurrte Spencer vernehmlich.

DeFalco stand in der Tür. „Störe ich?“, fragte er überflüssigerweise, Spencers Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Komm rein, Gerry. Worum geht's?“

DeFalco trat einige Schritte heran, sah sich kurz um und hob wortlos das zu Boden gefallene PZAG auf. Er reichte es Spencer. „Bitte schön.“

„Danke“, quittierte Spencer den Empfang mit hoch gezogenen Augenbrauen. „Setz dich. Was willst du?“ Er schlug den freundlichsten Tonfall an, den er in seinem Zustand hinbekommen konnte.

„Es geht um Burowski“, begann DeFalco, während er sich niederließ. „Wirst du... ihn in deinem Bericht erwähnen?“

Spencer schüttelte den Kopf. „Nein. Was ihm passiert ist, hätte auch jedem anderen an Bord passieren können, da will ich mich nicht ausnehmen. Und ihm deswegen Schwierigkeiten zu machen... das wäre ungerechtfertigt. Sonst noch was?“

DeFalco blickte überrascht drein, angesichts von Spencers barschem Ton. „Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß, obwohl er insgeheim auf eine kleine, nicht unbedingt dienstliche Unterhaltung mit Spencer jetzt nach überstandener Raumnot gehofft hatte.

„Dann wäre ich dir sehr verbunden, wenn ich jetzt meine Ruhe haben könnte.“

DeFalco hob abwehrend seine Hände. „Schon gut. Ich gehe ja schon...“ Nachdenklich trat er den Rückzug an und verließ Spencers Quartier. Er nahm sich vor, mit Dr. M'Boya mal einige Worte über Spencers momentanen Gemütszustand zu wechseln.


Knappe drei Tage später wusste Spencer endlich die Sternenbasis in Sensorenreichweite. Die letzten Tage waren zwar vergleichsweise ruhig verlaufen, jetzt aber fühlte er sich bedeutend sicherer, denn wie leicht hätte sich der lädierte Rumpf entgegen aller Vorhersagen entscheiden können, an einer wichtigen Stelle nachzugeben.

Die eingehende Analyse des Schiffes hatte starke strukturelle Schäden am Rumpfgerüst ergeben, die eine Reparatur und Wiederindienststellung des Schiffes zumindest fraglich machten. Die wichtigsten Träger des Rumpfes waren verzogen oder anderweitig geschwächt, die marode Trägheitsdämpfung war also nicht der alleinige Grund für die Beschleunigungsprobleme gewesen.

Spencer saß auf der idealbesetzten Hilfsbrücke und konnte es kaum erwarten, dass die Bondi unter Warp ging und den Anflug auf die Sternenbasis begann. Er hatte plötzlich das Gefühl, dass sie seit einer Ewigkeit unterwegs gewesen wären.

„Anflug auf Sternenbasis 53!“, meldete Hwang nach einiger Zeit.

Spencer sah auf den Hauptschirm und konnte verfolgen, wie die Bondi unter Warp fiel, die Cousteau langsam vom Traktorstrahl löste und genau in Transporterreichweite von der Basis abstellte.

„Wir empfangen ein Signal, Sir!“, meldete H'Korr.

„Auf den Schirm!“

Admiral Paris erschien in seinem wie immer wohl aufgeräumten Büro der Sternenbasis auf dem Sichtschirm.

„Willkommen zurück, Commander. Ich freue mich, Sie und ihr Schiff recht wohlbehalten wieder zu sehen. Melden Sie sich in einer Stunde in meinem Büro!“

„Ja, Sir“, versicherte Spencer.

„Gut, Commander. Paris Ende!“ Er schloss den Kanal.

Spencer empfand es nicht als ungewöhnlich, dass sich Paris bei seinen Begrüßungen recht kurz fasste, einige andere auf der Brücke sahen jedoch betreten drein, sie hatten sich einen herzlicheren Empfang nach all ihren überstanden Strapazen gewünscht.

„Schalten Sie mir eine Sichtverbindung zu Wolf!“

„Geschaltet, Sir!“

Das wie immer gelöst und freundlich dreinblickende Gesicht Lieutenant Wolfs füllte den Hauptschirm.

„Captain Wolf, wir sind an unserem Zielort eingetroffen. Ich danke Ihnen für die Schleppaktion.“

Wolf antwortete: „Keine Ursache, Captain Spencer. Sie haben ja nicht allzu viel Schwierigkeiten gemacht.“ Sie lächelte.

Spencer konnte sich nicht so recht über Wolfs deplazierten Scherz amüsieren und zeigte einen leidenden Gesichtsausdruck. „Ich wünsche Ihnen noch einen guten Flug.“ Er bemühte sich vergeblich um einen neutralen Tonfall.

„Danke, Captain. Wolf Ende.“ Sie schloss beinahe kleinlaut den Kanal, sie hatte ihren Fehler eingesehen.

Auf dem Bildschirm verfolgte Spencer, wie die Bondi wieder aufbrach, die Cousteau war anscheinend nicht das einzige Schiff im Sektor, das Hilfe brauchte.

„Sir, die Sternenbasis fragt, warum wir nicht docken“, sagte H'Korr.

„Antworten Sie ihnen, dass wir nicht mehr andocken können, die entsprechenden Systeme und Vorrichtungen sind beschädigt. Wir möchten von Bord gebeamt werden.“

„Die Sternenbasis stimmt zu. Sie halten sich für einen Transport bereit und bereiten Quartiere für uns vor.“

Spencer aktivierte das Intercom. „An die gesamte Mannschaft, hier spricht der Captain! Bereiten Sie sich auf das Verlassen des Schiffes vor. Finden Sie sich... vor dem Hilfskontrollraum ein, wenn Sie fertig sind. Und beeilen sie sich bitte. Spencer Ende.“ Die Crew hatte drei Tage Zeit gehabt, sich auf diesen Augenblick vorzubereiten, jetzt wollte Spencer nur eines, nämlich dass es schnell ginge. H'Korr übernahm ungefragt die Übermittlung dieser Nachricht in die Bereiche des Schiffes, in denen das Intercomsystem nicht mehr funktionsfähig war.

Spencer gab das Zeichen an seine Brückenoffiziere, dass sie jetzt ihre Stationen verlassen und ihre Sachen packen könnten. Er verließ den Raum als letzter.


Eine halbe Stunde später stand er allein vor dem Hilfskontrollraum, alle anderen hatten die Cousteau bereits verlassen. Seine Habseligkeiten, die den Angriff unbeschadet überstanden hatten, trug er in einem Beutel über der Schulter, seine Bücher und sein Schachbrett waren in zwei silbernen Koffern verstaut. Er ließ einen letzten, mit einer großen Portion Wehmut versehenen Blick über den leeren, dunklen Korridor schweifen. So endete also sein erstes Kommando...

Er klappte seinen Kommunikator auf. „Spencer an Sternenbasis! Bereit zum Beamen!“

Er schloss die Augen und erwartete das Einsetzen des Transporterstrahls. Als er sie wieder öffnen konnte, war er im Haupttransporterraum der Sternenbasis materialisiert. Der 1. Offizier der Basis, Commander Mogambu, begrüßte ihn und wies ihm ein Quartier zu, genauso wie allen anderen Crewmitgliedern zuvor.

Er dankte ihm mechanisch und verließ den Transporterraum der Basis. Nachdem sich die Türen seines neuen, provisorischen Quartiers hinter ihm geschlossen hatten, stellte er seine Habseligkeiten ab und ließ sich rücklings aufs Bett fallen. Dort blieb er die nächste Viertelstunde mit geschlossenen Augen liegen. Er wagte es nicht, die Augen wieder zu öffnen, er fürchtete ein starkes Schwindelgefühl sowie Orientierungslosigkeit und genoß die Schwärze vor seinen Augen.

In den letzten Tagen hatte er permanent gespürt, wie die Bürde der Verantwortung für jeden einzelnen auf ihm lastete, die in jedem Raum des Schiffes spürbare, bedrückende Atmosphäre und die verhaltenen Wortwechsel seiner Leute untereinander hatten dieses Gefühl nur noch weiter verstärkt. Erst jetzt fühlte er sich frei von allem, vollständig unbelastet, obwohl ihm die Unterredung mit Admiral Paris noch bevorstand.

Nach einiger Zeit öffnete er wieder die Augen, sein Blick streifte den Chronometer an der Wand. Ein leichter Schreck durchfuhr seine Glieder, als er feststellte, dass Paris ihn bereits in fünf Minuten erwartete.

Er rappelte sich mühsam auf, machte sich frisch, verließ das Quartier mit dem Bericht und stand ratlos auf dem Gang. Es widerstrebte ihm im Innersten, jetzt alleine zu Paris zu gehen. Früher war er immer zusammen mit Thola und Sanchez zum Rapport angetreten, jetzt fühlte er sich allein, hilflos, wie er da auf dem Gang stand und bezweifelte, dass er sich, wenn er sich Paris gegenüber sah, wesentlich besser fühlen würde.

Also betrat er wieder sein Quartier, und überlegte, wen er zur Unterstützung anfordern sollte. Schließlich bat er Hwang via Intercom zum Büro des Admirals. Sie war, wenngleich nicht der dienstälteste, aber doch kommandoerfahrendste Offizier seiner überlebenden Brückencrew.

Dann machte er sich endlich auf den Weg und zwang sich, Entschlossenheit zu zeigen. Vor dem Büro wartete Hwang bereits auf ihn. „Lieutenant, Sie werden mich unterstützen“, hieß er sie willkommen.

„Ja, Sir.“ Durch einen Blick gab sie Spencer zu verstehen, dass sie seine Geste und den Grund ihres Hierseins begriffen hatte.

Die beiden betraten Paris‘ Büro und der Admiral begrüßte sie. „Willkommen Commander, Lieutenant. Bitte nehmen Sie Platz!“

Spencer und Hwang setzten sich, Spencer reichte Paris den Bericht. Er überflog ihn und sagte: „Eine schlimme Sache, Commander. Sieben tote Crewmitglieder, ein wrackes Schiff...“

Spencer antwortete leise: „Ja. Wirklich schlimm.“ Mehr konnte und wollte er nicht sagen. Hwang sah einfach nur zu Boden. Paris' Einleitung hatte eine beinahe genauso bedrückte Stimmung erzeugt, wie sie sie von den letzten Tagen auf der Cousteau gewohnt waren.

„Immerhin, Commander, haben Sie das Leben aller anderen gerettet. Und verhindert, dass noch mehr passiert. Außerdem haben die Cardassianer seit der Zerstörung ihres Spähschiffs sich nicht mehr gerührt. Dessen Vernichtung scheint sie von weiteren Aktionen abgehalten zu haben. Die Sternenflotte hat sich weiterhin dazu entschlossen, sie alle für ihre Aktionen mit der Tapferkeitsmedallie auszuzeichnen.“

Spencer zuckte mit den Schultern. „Danke.“ Der Gedanke an einen weiteren Orden reizte ihn nicht sonderlich, er hätte auch den höchsten Orden der Flotte dafür eingetauscht, die Geschehnisse der letzten Tage ungeschehen zu machen oder zumindest zu vergessen.

Paris fuhr fort: „Meine Ingenieursabteilung stimmt mit ihrer überein, die Cousteau muss leider außer Dienst gestellt werden. Die strukturellen Schäden sind unverhältnismäßig schwierig zu reparieren, wenn nicht sogar irreparabel. Deshalb können wir Ihnen eine Untersuchung und Anhörung auch nicht ersparen.“

„Wieso denn? Ich habe alles getan, was ich konnte, alle haben das. Was soll denn das mit einer Untersuchung?“ Spencer wurde ärgerlich.

„Das ist eine reine Formalität. Ein Verlust eines Schiffes, auf welche Weise auch immer, erfordert eine Untersuchung“, wiegelte Paris ab.

Spencer zwang sich, sich zu beruhigen und brummte unhörbar.

„Und was wird jetzt?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht, Commander.“ Paris wirkte ratlos. „Die Zerstörung der Cousteau war... nun ja, unplanmäßig. Im Moment ist kein Schiff verfügbar. Es tut mir leid, Commander.“

Spencer war alles andere als begeistert und Hwang fragte: „Und was ist mit der übrigen Crew, Sir?“

„Sie wird rechtzeitig informiert werden, wenn sich etwas ergibt. Haben sie sonst noch etwas?“, schloss er.

Spencer verneinte, obwohl er am liebsten Paris im Bezug auf ein neues Kommando oder zumindest eine neue Aufgabe ausgequetscht hätte. Die Unruhe und die Sorgen der letzten Tage waren plötzlich einer drohenden Perspektivlosigkeit gewichen.

„Dann dürfen Sie wegtreten!“, sagte Paris freundlich, aber bestimmt.

Spencer und Hwang verließen gehorsam das Büro des Admirals. Auf dem Gang murmelte Hwang: „Das war ja richtig aufheiternd, Sir. Wissen Sie, was jetzt passieren wird?“

Spencer schüttelte den Kopf. „Nun, es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder wird die Crew für kurzfristige Aufgaben abgestellt und wir alle kommen bald auf ein neues Schiff. Oder wir werden alle in der Föderation verteilt, jeder erhält eine neue permanente Stelle und ich werde ein anderes Schiff übernehmen. Letzteres ist eher wahrscheinlicher, wenn sie mich fragen.“ Als er zu Ende gesprochen hatte, fiel ihm schlagartig noch eine dritte Möglichkeit ein. Nämlich die, dass er, falls die Anhörung nicht zur vollsten Zufriedenheit der Sternenflotte verlief, quasi als Strafe als erster Offizier auf ein großes Schiff abkommandiert werden konnte, da er ja nicht den Rang eines Captains besaß.

Hwang brummte missmutig. „Hört sich ja nicht toll an. Und was ist das mit der Untersuchung?“

„Die wollen mir wohl auf den Zahn fühlen. Ha. Die sollen froh sein, dass sie uns noch größtenteils in einem Stück zurückbekommen haben und sich die Verlustmeldung sparen konnten. Wird mit Sicherheit grandios.“ Spencer war verstimmt, er hatte zumindest im direkten Gespräch mit Paris ein paar aufbauendere Worte von ihm erwartet.

„Na dann, auf Wiedersehen, Captain. Wir sehen uns“, murmelte sie. Spencers Stimmung hatte sich jetzt auch auf Hwang ausgedehnt.

Spencer nickte ihr zu. „Ja, spätestens bei der Anhörung. Auf Wiedersehen.“

Sie drehte sich um und verschwand hinter der Biegung des Korridors. Spencer verharrte noch einige Sekunden starr auf dem Gang und machte sich dann auf zu seinem Quartier. Auf dem Weg dahin hing er verschiedenen Gedanken nach, von denen ihm keiner besonders gut gefallen wollte.